• Hallo, Freunde körpernaher Kunstfaserhüllen.


    Mittlerweile bereits fünf Forumsinkarnationen vor dem jetzigen, gab ich meinen Storyschreiber-Einstand mit zwei Geschichten. Und eine davon beschrieb etwas, das vielen Lesern aus der Seele sprach. Das idealisierte Nirvana für Lycrafans. Und obwohl selbige Story eigentlich damit aufgelöst wurde, dass es sich um einen Wunschtraum handelte, zogen sich Referenzen darauf wie ein roter Faden seither durch mein kreatives Schreiben.
    Irgendwie musste ich das Thema noch mal aufgreifen, aber nicht ausschließlich, sondern als Rahmen für andere Handlungen. Die zündende Idee kam recht schnell und ich dachte, was den Machern hinter dem Wacken Open Air seit einigen Jahren Recht ist, kann den Lycrafans doch nur billig sein.
    Ist ziemlich umfangreich geworden.


    Trotzdem gute Unterhaltung.


    P.S. Da das Konzept von "Lycraworld" nicht nochmal ausführlich erklärt wird, ist die Kenntnis der Ursprungsstory von Vorteil. (Ist die allerälteste in der Liste). Auch schadet es nicht Personen aus dem "Hahn im Korb" zu kennen, sowie die Geschichten anderer Autoren.






    LYCRUISE



    Fetischstory von lycwolf









    Kapitel 0.1 Die Katzenfrau


    Sie grinste, als sie das erhoffte, satte Klicken vernahm mit dem die Stahltür freigegeben, und das Summen welches anzeigte dass die Mehrpunktverriegelung automatisch zurückgezogen wurde. Noch einmal einen Rundblick in die verlassene Gegend, bevor sie das Flachbandkabel von der verborgenen Schnittstelle des DataPorts abzog und die kleine Rechenplatine zurück in ihren schwarzen Rucksack schob. Für das nächtliche Portugal hatte sie nur wenig übrig. Schon gar nicht für dieses Industriegebiet mit seinen endlosen Reihen zweckbestimmter Lagerhallen. Noch immer hatte sie das Gefühl dass sie verfolgt wurde, doch weit und breit war nichts verdächtiges zu sehen oder zu hören. Nur die entfernten Geräusche von Fahrzeugen, die bereits unterwegs waren um die in einigen Stunden erwachende Metropole zu versorgen.


    Mit der geschmeidigen Eleganz einer Katze schlüpfte sie in das Gebäude. Hier gab es weder Tag noch Nacht. In diesem riesigen Raum hatte Zeit keinerlei Bedeutung. Ohne den Lageplan auf ihrem Tablet wäre sie aufgeschmissen gewesen. Doch mit dieser Unterstützung konnte sie sich zügig durch die endlosen Reihen mannshoher Gestellschränke arbeiten. Die Luft war erfüllt vom charakteristischen Geruch betriebswarmer Elektronik und über allem lag das Summen nie verstummender Lüfter, welche die massenhaft anfallende Abwärme beseitigten. Zuhauf blinkende LED´s tauchten die Gänge in ein gespenstisches Zwielicht aus abwechselnd Grün und Blau. Auf ihrer Kleidung indes reflektierte dies nur wenig, denn ihr Ganzanzug inklusive halboffener Kopfhaube war in tiefem, mattem Schwarz gehalten. Die klassische Arbeitskleidung dieses Berufsstandes.


    In den letzten Jahren hatte sie sich nicht nur persönlich verändert, sondern auch viel dazugelernt und vor allem das Wissen nutzbringend umgesetzt. Allesamt Dinge, die nicht Teil ihrer früheren Tätigkeit in der IT-Branche waren. Nicht zuletzt durch den Kontakt zu Hackerkreisen, konnte sie sich umfassende Kenntnisse über die Architektur weltumspannender Netzwerke und derer Beeinflussungen erarbeiten.
    Es war nicht das Leben das sie sich erträumt hatte. Vielmehr wurde sie von noch wesentlich kriminelleren und vor allem skrupelloseren Subjekten in diese Rolle getrieben. Sie hatte diese ihr aufgezwungene Rolle angenommen und sich zurückgeholt, was ihr und anderen rechtswidrig entwendet wurde.
    Und obwohl sie es versuchte, gab es nach dem ganzen Abenteuer von damals kein Zurück mehr in ihr bürgerliches Leben. Dieses "andere" Leben hatte sie nachhaltig beeinflusst. Nur um nicht aufzufallen und etwa doch noch zum Ziel von Schnüfflern zu werden, hielt sie die Fassade der berufstätigen und alleine lebenden noch ein ganzes Jahr weiter aufrecht. Keiner konnte ihr was, dafür war sie viel zu vorsichtig. Sie hatte sämtliche Ratschläge verinnerlicht und minutiös befolgt.


    Doch dieses Gefühl der Unantastbarkeit ließ sie nicht ruhen und veranlasste sie weiter zu recherchieren. Bis sie IHM schließlich auf die Schliche gekommen war. Dem glatten, schleimigen Aal, welcher sich mittels seines unrechtmäßig angehäuften Vermögens aus jeder Klemme herauswand. Jener Unsympath, der ohne jedes Unrechtsbewusstsein unzählige Leben in den Ruin gestürzt hatte. Und der dies vor Gericht lächelnd mit einem Menschenverachtenden "Manchmal geht halt auch was schief" kommentiert hatte.


    "Um krumme Dinger zu drehen, musst du doch heutzutage das Haus nicht mehr zu verlassen", hatte Damals der Hacker mit dem Alias "Jonas" zu ihr gesagt. Er war der erste Kontakt zu einer unwirklich anmutenden Schattenwelt, in der es keinerlei Grenzen zu geben schien. "Das Einzige was du wirklich brauchst, ist eine gute Anonymisierung, damit du keine Spuren hinterlässt."


    Aber genau das stellte sich als der bedeutsamste Knackpunkt heraus. Alles was es regulär auf dem Markt oder gar im Darknet gab, hatte irgendwo Schwachstellen und es dauerte lange bis sie an etwas wirklich geeignetes herankam. Sie musste ausländische Kontakte dafür knüpfen, was ebenfalls viel Zeit erforderte. Schließlich hatte sie sich zunächst eine vertrauenswürdige Reputation erarbeiten müssen. Doch das ihr und vielen anderen angetane Unrecht war Antrieb genug und binnen eines halben Jahres war sie zu einer der interessantesten Neulinge in der Hackerszene geworden. So wurde über einige Umwege auch ein schwedischen Meisterhacker mit dem Alias "Plague" auf sie aufmerksam. Ihr Rachefeldzug schien ihm zu imponieren, und so machte er sie mit speziellen Fertigkeiten vertraut und unterstützte ihr Vorhaben mit gewissem sportlichem Ehrgeiz. Hacker sind halt tief im Inneren Anarchisten, die alles befürworten was die "Großkotze" schädigen kann.


    "Noch besser ist es natürlich, den physischen Standort des Servers ausfindig zu machen, auf dem die Dateien liegen", hatte er in einer ihrer auf Englisch geführten Konversationen gesagt. "Wenn du von dort direkten Zugriff hast, kannst du mit "Invisible" völlig unentdeckt bleiben."
    Invisible nannte er ein selbst gestricktes Verschleierungsprogramm, welches zur Kodierung auf Primfaktorzerlegung aufbaute. Die komplexeste und selbst nach mehreren Jahren immer noch sicherste Methode der Verschlüsselung.


    Was er sagte leuchtete zwar ein, war aber leichter gesagt als getan. Den deutschen Serverstützpunkt herauszufinden war seiner Zeit lediglich eine Sache von Tagen gewesen und das direkte Anzapfen der Speicherbänke nicht aufwändig. Dazu noch, wie sich später heraus stellte, äußerst erfolgreich.
    Doch einen realen Serverstandort auf internationaler Ebene ausfindig zu machen, ohne die geringste Ahnung wo auf der Welt sie zu suchen hatte, das verschlang Monate voller Übernächtigung und ungesunder Ernährung. Zudem musste sie vorsichtig agieren, denn obwohl die Polizei den Fall längst zu den Akten gelegt hatte, könnten ihr immer noch Privatermittler auf den Fersen sein.


    Doch jetzt war es soweit.
    Jetzt stand die finale Abrechnung bevor. Die Recherche hatte diese Serverhalle am Rande von Lissabon ausgegeben.


    Die gewünschten Daten waren natürlich nicht auf nur eine klar definierte Festplatte beschränkt, aber bis auf eine oder zwei Reihen von 19 Zoll Schränken war es einzugrenzen.
    Wieder spürte sie das Kribbeln, als ihr Tablet an die kabelgebundene Schnittstelle andockte. Genau wie vor gut einem Jahr, als ihre illegale Tätigkeit hunderte von Menschen glücklich machte.
    Aber diesmal war es anders. Diesmal tat sie es nur für sich. Und sie tat es um IHN zu vernichten.






    Kapitel 0.2 Der Autor


    Der Autor saß wenig inspiriert vor seinem Notebook. Das Selbe worauf er auch jenen Text verfasst hatte, für den ihm eine Würdigung ausgesprochen wurde. Was ihm zwar gut tat, gleichzeitig aber auch gar nicht so recht war. Schüchtern wie er nun mal war, missfiel ihm nichts mehr als irgendwo im Rampenlicht stehen zu müssen.
    Hier in seiner anonymen Abgeschiedenheit an Fetischgeschichten basteln, war seine Welt. Sich aber womöglich seinem Publikum präsentieren und Rede und Antwort stehen zu müssen, erzeugte ein Unwohlsein bis hin zur Übelkeit.
    Deshalb hatte er auch entschieden, die mit der Auszeichnung verbundene Prämie nicht anzunehmen. Er hatte sowieso nicht mit einem Sieg gerechnet, also auch nichts erwartet.


    Doch nun saß er bereits eine geschlagene Stunde vor dem kleinen Bildschirm und versuchte seinen bereits drei Seiten langen Text mit Leben zu füllen.
    Ein tiefer Seufzer der Resignation.
    "Strg+A" und dann "Entf.", danach war die Seite der Textverarbeitung wieder jungfräulich weiß.


    Mir fällt einfach nichts gescheites ein, stellte er fest.
    Alles was er in den vergangenen Tagen begonnen und genau wie eben auch wieder verworfen hatte, passte nicht zu seinem Anspruch. Was immer er auch tippte, schien zu profan und billig und auf keinen Fall etwas, womit man einen Wettbewerb hätte gewinnen können, sei es auch nur in einem Fetischforum.
    Er barg sein bedrücktes Gesicht in seinen Händen und ein ungehöriger Gedanke bahnte sich den Weg aus seinem Unterbewusstsein.


    Was, wenn er nun doch das Präsent annehmen würde? Urlaub hatte er ja noch genügend. Ob neue Eindrücke seine Schreibblockade zu lösen vermochten? Schließlich konnte er nicht für immer der Welt da draußen fern bleiben. Sonst könnte sich aus seiner Schüchternheit am Ende noch eine chronische Sozialphobie entwickeln.






    Kapitel 0.3 Rainer und Tobias


    Einer seiner ältesten Freunde, also auf die Dauer der Bekanntschaft bezogen, denn er war ein Jahr jünger als Rainer, hatte seit einigen Wochen wieder engeren Kontakt zu ihm aufgenommen. Sie kannten sich von klein auf und waren in der Jugend unzertrennlich gewesen. Es tat gut mit jemandem wirklich vertrautem reden zu können. Gerade jetzt nach dem Trennungsjahr und der erfolgten Scheidung. Dann stand zu allem Überfluss auch noch sein vierzigster Geburtstag ins Haus. Eine magische Grenze an der man endgültig die Jugend hinter sich lassen muss und oft ohne Umwege in die erste Midlife-Crisis schlittert.


    Mit seiner Frau hatte es schon lange nicht mehr richtig geklappt. Wenn er ehrlich war, noch nie. Kindersegen stellte sich auch nicht ein und eigentlich führten sie auch keine Ehe. Mehr eine Zweckgemeinschaft. Doch auch jetzt fühlte er sich nicht unbedingt besser. Er hoffte auf das viel beschriebene Gefühl der Freiheit, aber irgendwie wollte sich dieses nicht einstellen.


    Es kam ihm zwar komisch vor, aber Tobias war zu jener Zeit genau das, was ihm lange gefehlt hatte. Jemand, mit dem man auch mal tiefgründiger quatschen und andererseits auch mal wieder die Sau rauslassen konnte. Selbst wenn sie sich in den letzten Jahren nur sporadisch getroffen hatten, hielten sie dennoch immer den Kontakt aufrecht.
    Dass ihre Trennung aus beruflichen Gründen vor zwanzig Jahren mit Toby´s Coming-Out zusammenfiel war Zufall. Es stellte für Rainer nie ein Problem dar, dass sein bester Freund schwul war. Er war und blieb einfach ein sauguter Kumpel, der für jeden Blödsinn zu haben war.


    Deshalb willigte Rainer auch ein, als Tobias ihm vorschlug seinen vierzigsten doch unter der Sonne Portugals zu feiern.
    Ein Männerurlaub wie in alten Zeiten.
    Und das wurde es dann auch.
    Es war einfach zum schießen komisch mitzuerleben, wie zu vorgerückter Stunde die heißesten Mädels vergeblich bei Tobias zu landen versuchten. Man muss dazu sagen, dass dieser selbst mit knapp unter vierzig noch immer ungewöhnlich attraktiv aussah. Darüber hinaus entsprach er kaum den gängigen Verhaltensklischees von Homosexuellen. Viel mehr passte er in das Schema des "pflegebewussten Mannes der Gegenwart". Und deshalb flogen die Hühner so auf ihn, um nach einigen Drinks jedoch bedauernd feststellen zu müssen, dass ihre Anstrengungen vergebens waren.


    Die Stimmung war jedenfalls großartig und sie führten sich an diesem vierzigsten Geburtstag auf, als wären sie wieder halb so alt. Der Alkohol tat sein übriges, dass Rainer seinen besten Freund zu vorgerückter Stunde in den Arm nahm um ihm zu gestehen: "Hätte ich besser dich geheiratet", lallte er nach den vierzehn Geburtstags-Tequila. "Dann wäre mir viel erspart geblieben."


    Der Kater am folgenden Morgen ließ die beiden nicht weiter als bis an den Hotelpool kommen. Auch da zog Toby sämtliche Blicke auf sich, in seinem hoch ausgeschnittenen Damenbadeanzug im Regenbogen-Farbdesign.
    Irgendwie realisierte Rainer auch nicht so recht, was das eigentlich mit der Schiffsfahrt zu bedeuten hatte. Er dachte da eher an einen Tagesausflug, doch irgendwann stellte sich heraus, dass sein Kumpel eine fünftägige Kreuzfahrt gebucht hatte. Doch das war bei weitem nicht alles. Es sollte eine Themenkreuzfahrt werden.


    "Jetzt stell´ dich bloß nicht so an", redete ihm Tobias streng ins Gewissen als er gegen dessen Plan wetterte. "Du bist jetzt Ü40, also sei ein Mann und steh´ endlich zu deinen Gelüsten!"


    Das hatte gesessen. Eigentlich war Rainer der Meinung, seine Vorliebe stets gut geheim gehalten zu haben, doch seinem besten Freund konnte er wohl auch hier nichts vormachen. Ihm fiel keine Antwort auf diesen Klartext ein, da ja alles was Tobias anführte richtig war.


    Dieser ergriff deshalb wieder das Wort: "Wir sind doch hier im Urlaub und keiner kennt dich, oder wird jemals wieder mit dir zusammentreffen. Du kannst dich ruhig mehr trauen, als nur die matten Radler."


    Rainer sank die Kinnlade vor so viel Offenheit.


    "Meinst du, ich hätte etwa nicht gemerkt wie sehr du auf Lycrasachen stehst und am liebsten ständig so´n Zeug wie ich tragen würdest? Schon während der Schulzeit hattest du dir mit Klamotten aus der Restekiste die Zeit vertrieben und ich bin mir sicher, dass sich in deinem Gepäck mindestens ein weiteres Stück findet, das du für die privaten Momente der Nacht reserviert hast"


    Rainers Unterkiefer fand einfach den Weg nach oben nicht mehr. Er war völlig unfähig auf das zu reagieren, was sein Freund ihm eröffnete.


    "Du weißt das also schon ewig und hast nichts gesagt?"


    "Ich dachte jetzt, wo du wieder ledig und lose bist und die Lebensmitte überschritten hast, wäre ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang. Deshalb habe ich uns auch diese Kreuzfahrt gebucht. Lass dich einfach mal gehen und warte ab was passiert."

  • Super, eine neue Lycwolf-Geschichte erblickt das Licht der (Lycra-)Welt.


    Und wartet gleich mit vier geheimnisvollen Figuren auf, eine Netzwerkspezialistin, ein Autor und zwei langjährige Freunde.
    Alle haben nichts miteinander zu tun. Oder doch?
    Macht neugierig auf mehr.


    Leinen los für Lycwolf!

  • Uyyuuyuyuuuuu. Eine neue Lycwolf Geschichte. Ich bin so aufgeregt.


    Popcorn -> Check
    Cola -> Check
    Ein stilles Plätzchen zum lesen -> Check


    Mhhh. Wie die verschiedenen Leute wohl zusammengehören?
    Ein gefährliches Kätzchen auf Rache. Der Autor wirkt irgendwie bekannt. Ein Männerpaar aus einem Schwulen und einem Hetero mit besonderer Vorlieben. Da kann ja noch alles passieren.


    Ich bin so aufgeregt. Ich freue mich. Wie es wohl weiter geht. Die Gefühle gehen durch mit mir.
    Na hoffentlich müssen wir nicht so lange warten.

  • Dankeschön.


    toby
    Dieser Namensvetter zielt nicht auf Verwandtschaft zu dir ab.


    Darüber hinaus sind bei keinem der Handlungspersonen Ähnlichkeiten beabsichtigt. Auch nicht zu solchen gleichen Namens in anderen Geschichten. Ist wirklich nur Zufall.


    Da ich den Vorteil habe dass fast die ganze Story bereits fertig ist, müsst ihr nicht allzu lange warten.
    Es gibt noch viele weitere Charaktere und die Handlung ist ähnlich eines Drehbuchs aufgebaut, deshalb auch immer die Kapitelverweise wer gerade die Hauptpersonen sind. (In einem Film würde man nach dem Schnitt ja genau sehen um wen es geht.) Sobald sich verschiedene Personen kennen lernen, bekommen sie natürlich auch Namen.


    Habt weiterhin Spaß damit.

    ... am liebsten glatt und glänzend

    Einmal editiert, zuletzt von lycwolf ()

  • Kapitel 0.4 Nicht zugeordnet


    Auf den kleinen Fernseher eines Hotelzimmers flimmerte ein Satellitenprogramm in deutscher Sprache.


    "Willkommen verehrte Zuschauer zu einer neuen Ausgabe von "Nachgefragt - dem Magazin das den Dingen auf den Grund geht". Unser heutiges Thema: Was wurde aus Robin Hood? Und damit meinen wir nicht den Helden der britischen Sage, sondern, sie erinnern sich, die Person die letztes Jahr die Dinge in ihre eigene Hand nahm und für jene Gerechtigkeit sorgte, für die selbst Justitia zu blind war."


    Es folgte die Einblendung eines grauhaarigen Advokaten: "Auch wenn die Bevölkerung die Tat gut heißt, so stellt sie doch vor dem Gesetz die Straftat des schweren Raubes dar ..."


    Eine auf der Straße befragte Passantin äußerte sich dazu: "Es liegt doch auf der Hand, dass diese "Bad-Bank" billigend in Kauf nahm ihre Anleger um ihre Ersparnisse zu bringen ..."


    Ein weiteres Insert zeigte einen Rechtsanwalt beim Verlassen eines Gerichtssaals: "... so dass unserem Mandanten keinerlei betrügerische Absicht oder fahrlässiges Handeln nachgewiesen werden konnte. Der Freispruch ist rechtskräftig und damit bestehen keinerlei Ersatzansprüche seitens ..."


    Überblendung zu einer aufgebrachten Menschenmenge vor einem Gerichtsgebäude. Danach Interviewschnipsel von offenbar betrogenen Anlegern: "... diesen Verbrechern gehört das Handwerk gelegt ...", "... wir sind betrogen worden ... jetzt können wir uns auch den Strick nehmen ...", "... der Berufsstand der Banker hatte in Deutschland schon einmal einen schlechten Ruf... damals wusste man sich zu helfen ..."


    "Soweit die damaligen Geschehnisse. Tausende Kleinanleger wurden durch Hochrisikogeschäfte ihrer Bank um ihr Geld gebracht. Weder der Bank selbst, noch ihrem damaligen Manager konnten unlautere Absichten nachgewiesen werden."


    Wieder eine Einblendung aus einem Gerichtssaal. Ein Mann in überkorrekter Kleidung wurde im Gehen interviewt und antwortete mit breitem und überheblichen Grinsen: "... die goldene Regel bei Anlagegeschäften ist, nie mehr Kapital einzusetzen als man ohne weiteres erübrigen kann ..."


    Die Stimme aus dem Off: "Aber sie warben großangelegt mit sicherer Verzinsung ..."


    "Die Philip-Morris-Company warb auch damit, dass ihre Produkte nicht Gesundheitsgefährdend seien. Bis die ersten Kettenraucher vom Lungenkrebs dahin gerafft wurden..."


    "Das ist ja wohl nicht vergleichbar ..."


    "Die Rechtsprechung sieht das anders ..."


    Der Bildhintergrund wechselte wieder.


    "In der Folge berichteten wir darüber, wie schlecht es einigen der geprellten ergangen war. Doch dann kam der Zeitpunkt an dem das ganze Land Beifall klatschte."


    Es folgten Zusammenschnitte einer Nachrichtenmeldung: "... Offenbar wurde die Bank, die durch einen unbewiesenen Anlagebetrug in die Schlagzeilen geraten war, Opfer von Cyberkriminalität. Die Polizei spricht von einem Minutiös geplanten Coup, bei dem angenommen wird, dass sämtliche Anleger ihr Kapital nebst versprochenen Zinsen zurück erhielten."


    Ausschnitte einer Pressekonferenz der Polizei: "Noch ist unklar wie die Aktion koordiniert wurde. Sämtliche Spuren wurden verwischt. Der einzige Hinweis ist dieses Bildfragment einer Überwachungskamera im Serverraum der Bank."


    Ein grob gepixelter und verwaschener Bildausschnitt wurde eingeblendet. Teile einer schwarz gekleideten Person vor dunklem Hintergrund. Vage konnte man die gezeigte Person als weiblich identifizieren, das war aber auch alles.


    Wieder der Ermittlungsleiter: "Es ist ein Fall von Selbstjustiz. Die entsprechenden Summen wurden, so vermuten wir, auf die Konten der Anleger gebucht und dort zeitnah in mehreren Portionen bar abgehoben. Beweise haben wir dafür noch nicht gefunden, da sämtliche Protokolle über die Transaktionen bis zur untersten Hierarchieebene gelöscht wurden..."



    Weiter nach der Werbung. Bleiben Sie dran.



    Jemand ging quer durch das Hotelzimmer und gleich darauf hörte man Geräusche aus einem Bad. Dann kehrte dieser Jemand zurück und ordnete Habseligkeiten auf den kleinen Tisch neben dem Fernseher.



    "Willkommen zurück bei "Nachgefragt", dem Magazin das sich einmischt.
    Unser heutiges Thema: was wurde aus Robin Hood?"


    Die nächste Einblendung zeigte eine spontane Demonstration vor dem Gebäude des als "Bad-Bank" bekannt gewordenen Geldinstituts.
    "Robin Hood ... Robin Hood ...", skandierte die Menschenmenge ohne Unterlass. Einige der Demonstranten wurden dazu befragt:
    "... jetzt bekommen die´s mit gleicher Münze zurück ...", und "... Es gibt doch noch Gerechtigkeit auf der Welt."


    "Als der herbe Einschnitt in das Finanzpolster der Bank bekannt wurde und sich auf Grund des Skandals immer mehr Anleger von ihr trennten, folgte auf die vorübergehende Zahlungsunfähigkeit der Konkurs. Das Finanzunternehmen war zu klein und ging zu rigoros am Markt vor, als dass sich eine der größeren Banken ihm annehmen wollte. Es schien als wäre man froh, dass dieser ungeliebte Wettbewerber vom Markt verschwand.
    Der Manager und Geschäftsführer sprang sogar als einer der ersten ab und setzte alles daran seine privaten Pfründe zu sichern."


    Wieder eine Aufnahme des überkorrekt gekleideten Geschäftsführers. Nur diesmal war ihm sein überhebliches Lachen vergangen: "... wenn weder die Polizei, noch die Justiz etwas dagegen unternehmen will, muss ich es halt selbst in die Hand nehmen ..."


    Als nächstes folgten Interviewschnipsel der gleichen Personen, die zu Beginn beteuerten betrogen worden zu sein.
    "... ich weiß nicht wovon Sie sprechen. Es gab ein Rechtsurteil mit dem wir uns abfinden müssen ... von etwas anderem weiß ich nichts...", "... Geld?... ich habe kein Geld bekommen ...", "... kein Kommentar. Und von Rücküberweisungen habe ich keine Kenntnis..."


    "Bekanntermaßen fehlen der Polizei selbst bis heute jegliche Anhaltspunkte nach der, wie die Boulevardpresse sie nannte "Rächerin" oder "dem weiblichen Robin Hood"
    Die Volksseele jedenfalls, stand moralisch geschlossen auf der Seite der Täterin und die Gerichte maßen dem Fall keinerlei Dringlichkeit zu...."



    Der Fernseher wurde abgedreht und die Tür von außen verschlossen.






    Kapitel 0.5 Der Ermittler


    Die Autobahnen Portugals waren zu diesen frühen Morgenstunden relativ leer. Wieder einmal folgte er lediglich seiner Intuition. Schon überhaupt hierher zu kommen, konnte er vor niemandem logisch rechtfertigen. Doch er war nicht umsonst einer der besten Privatdetektive für aussichtslose Fälle. Deshalb hatte ihn sein Auftraggeber auch engagiert. Und dazu noch mit einem fürstlichen Spesenkonto neben der gleichsam generösen Vergütung.


    Doch es war nicht alleine das Geld. Eigentlich hatte er sich schon aus dem Job zurückziehen wollen, doch offenbar brauchte er den Nervenkitzel. Und außerdem wartete ja auch niemand auf ihn. Sein unstetes Leben hatte es nie zu einer Familie gebracht. Liebschaften hie und da natürlich, sogar zwei halbherzige Ehen. Letztlich aber nichts das man mit einer wirklichen Partnerschaft hätte gleichsetzen können. Natürlich könnte er sich mit Ende vierzig noch nicht so einfach zur Ruhe setzen, schon alleine des Geldes wegen nicht. Aber halt was anderes im Leben machen, als anderen Leuten nachzuspionieren. Auch hatte er bisher kein schlechtes Leben geführt. Sein Job hatte für ein gewisses Maß an Umgangsformen und Bildung gesorgt. Ganz zu schweigen von der Weltgewandtheit und dem oft sogar luxuriösen Dasein, je nach dem, wer dafür zahlte. Doch mittlerweile gab es da eine Sehnsucht. Nicht nach einem geregelten Spießerleben, aber doch nach einem stabilen Zusammensein mit einer wie auch immer gestalteten Partnerin. Ein "Wir" anstelle eines "Ich".


    Das graue Band der Straße und die sich stetig wiederholenden Fahrbahnmarkierungen drohten ihn einzuschläfern. Um sich wach zu halten, musste er sich auf seinen Fall konzentrieren.






    Kapitel 0.6 Die Katzenfrau


    Sie verließ die nüchterne Halle mit der gleichen Eleganz, mit der sie sie betreten hatte. Schwer zu sagen ob sie sich jetzt besser oder schlechter fühlte. Erleichtert, ja, aber alle sonstigen Emotionen mussten zunächst zurückstehen.
    Wichtig war jetzt so unauffällig wie möglich zu ihrem nächsten Stopp nach Monte Carlo zu kommen. Sie wog ab ob sie eher gemütlich mit dem Mietwagen über Landstraßen durch Spanien und Südfrankreich zuckeln sollte, oder ob der schnelle Weg nicht der bessere sei.


    Sie entschied sich für letzteres.
    Natürlich war sie nicht so unvorsichtig direkt in Lissabon ein Flugzeug zu besteigen. Schließlich konnte der Privatermittler, der ihr schon letztes Jahr gefährlich nahe gekommen war, immer noch auf ihrer Spur sein. Auch wenn er damals schon keine verwertbaren Beweise hatte sammeln können, irgendwas sagte ihr, dass dieser Typ die Jagd zu was persönlichem machte. Und solche Leute sind unberechenbar und brandgefährlich.
    Am Flughafen von Faro würde sie die kleine Linienmaschine nach Marseille nehmen. Ganz unauffällig wie eine Berufspendlerin.

  • Pfründe habe ich ja noch nie gelesen, oder gehört. Musste ich doch tatsächlich nachschlagen.
    Der Spannungsbogen steigert sich weiter. Was macht die Katze dann in Monte Carlo? Wie geht es mit dem Ermittler weiter?
    Was ist mit dem Author und wie geht es mit Rainer und Tobi weiter? Vor allem wie passt das alles zusammen?
    Fragen über Fragen.


    Schön das du uns nicht so lange auf die Folter spannst.

  • Meine geschätzten Leser,


    da der Einstieg in diese Episodengeschichte viel Information bereithält, möchte ich direkt weitermachen. Später bekommt ihr dann kleine Verschnaufpausen zwischen den einzelnen Veröffentlichungen.

  • Kapitel 0.7 Der Ermittler


    Sein Auftraggeber hatte ihn unverzüglich über den Einbruch verständigt und insgeheim freute er sich, mal wieder den richtigen Riecher gehabt zu haben. Vor Ort angekommen lag die Tat kaum eine Stunde zurück und er meinte die Verfolgte noch geradezu riechen zu können. Polizei hatte überhaupt keinen Zweck. Um Spuren zu hinterlassen, die beamtete Schreibtischschläfer entdecken konnten war sie viel zu gerissen. Und selbst er fand nichts. Aber eigentlich hatte er auch nichts anderes erwartet.
    Doch er wäre nicht er selbst, könnte er nicht auch hier noch seine Schlüsse ziehen. Eine unwichtig anmutende, aber frische Reifenspur im Staub des Straßenrands einige Hallen weiter. Etwas, dem offizielle Polizeikräfte niemals eine Bedeutung beimessen würden. Wieder verließ er sich ganz auf seine Intuition. Er schritt die Gegebenheiten viel hundert Meter weit ab und betrachtete jede noch so kleine Abweichung intensiv. Oft brauchte er nur eine Kleinigkeit um Verbindungen herstellen zu können.


    Wie das Kaugummipapier, welches niemand für relevant gehalten hätte, als er in Frankreich nicht voran kam. Er fand es auf dem Parkplatz einer Autovermietung und eigentlich war es nur ein Stück Müll. Allerdings eines mit deutschem Werbeaufdruck. Danach musste er lediglich etwas Charme bei der Rezeptionistin spielen lassen und schon hatte er wieder Anschluss gefunden. Nur einer der Mietwagen der vergangenen Stunden hatte ein südliches Ziel.
    Und auch jetzt wurde seine unkonventionelle Hartnäckigkeit belohnt. Im trockenen Gestrüpp des Straßenrandes hatte sich ein Zettel verfangen. Weit von der Serverhalle entfernt. Eine Visitenkarte vielleicht? Es war eine handschriftliche Notiz. Weibliche Schrift. Dieser Zettel lag hier noch nicht lange. War weder ausgeblichen, noch durch Regen und wieder trocknen gealtert und unleserlich. Nichts weiter als einige Ziffern.


    "Algarve Autovermietung", meldete sich eine automatische Ansage nachdem er die Ziffernfolge einfach in sein Mobiltelefon getippt hatte.
    Mehr musste er nicht wissen. Wo, fragte er sich, würde ich von hier aus hinwollen, wenn ich gerade in einen Serverstützpunkt eingebrochen wäre?






    Kapitel 0.8 Die Katzenfrau

    So weit schien alles perfekt zu laufen. Den Mietwagen konnte sie am Flughafen zurückgeben. Und so wartete sie jetzt unter vielen, nicht ganz so wachen Flugpendlern aufs Boarding. Jedoch verspürte sie ein zunehmendes Kribbeln und ihr Instinkt trog sie nicht. Jedenfalls höchstwahrscheinlich nicht. Sie war sich nicht sicher, ob es tatsächlich ihr Schatten von letztem Jahr war, denn sie hatte ihn nie direkt zu Gesicht bekommen und auch noch die Recherche nach ihm blieb Erfolglos. Sie wusste nur dass er da war. Ihm musste es noch schlechter gehen, denn er jagte stets nur ihren Taten nach, ohne von ihr selbst je mehr gesehen zu haben, als den Ausschnitt einer rechten Brust unter mattschwarzem Lycra. Wäre sie damals nicht so sorglos wegen der Überwachungskamera gewesen, wüsste die Polizei heute noch nicht einmal welchem Geschlecht der Racheengel angehörte.


    Möglicherweise war der Mann, wenig älter als sie, der sich mit den Leuten von der Security unterhielt, nur ein harmloser Reisender. Doch sie riskierte nichts. Beim kleinsten Zweifel disponierte sie um und war bislang gut damit gefahren.
    Sie nutzte die Gelegenheit des leichten Durcheinanders beim Boarding, um mit ihrem Kartentransponder Zugang zu Ausgängen für Angestellte zu erlangen. Unauffällig stahl sie sich aus dem Flughafengebäude und brauchte dazu nicht einmal die Grazie, die ihr sonst der schwarze Arbeitsanzug verlieh.


    Am Zaun des Rollfelds sah sie schließlich der Frühmaschine nach, die mit dröhnenden Propellern gen Osten abhob. Kurze Zeit später stieg sie in den ersten Bus der sie zum Hafen brachte.






    Kapitel 1.1 Rainer und Tobias


    "Nein, so verstehen Sie doch", wiederholte der etwas kräftiger gebaute der beiden Männer zum wer weiß wievielten Mal. "Wir sind kein Paar." Dabei blickte er auf seinen Begleiter mit den femininen Gesichtszügen und der Exquisit schimmernden Lycrakleidung und wurde sich bewusst, dass dies keine Hilfe war. "Wir wollen uns lediglich eine Kabine teilen, aber mit getrennten Kojen."


    "In den Anmeldeunterlagen steht ausdrücklich Ehebett, aber natürlich können wir das ändern."


    Der aufgebrachte Mann dankte der Angestellten der Reederei innerlich, dass sie es nun endlich kapiert habe.


    Er sah seinen still vergnügt grinsenden Begleiter an und meinte: "Hätte ich gewusst was du vorhast, wäre ich gar nicht erst mitgekommen."


    "Ach Rainer", sagte der Eyecatcher in Lycra immer noch amüsiert über die spießige Reaktion seines Kumpels. "Du musst endlich mal ein bisschen lockerer werden, sonst bekommst du einen Herzinfarkt. Mit Ü40 gehörst du jetzt zur besonders gefährdeten Gruppe."


    "Ha, ha Tobias, äußerst witzig. Dass du mich nach Portugal schleppst um zünftig meinen vierzigsten zu feiern - gut und schön. Aber mich auch noch hierzu überreden ..."


    "Komm, komm", verteidigte sich der zierlich schlanke mit dem schimmernden Dress. "Schließlich ist es ein Geschenk an dich für unsere Freundschaft seit dem Sandkasten."


    Rainer beruhigte sich wieder. "Hast ja Recht", bestätigte er, aber Wohl war ihm bei der ganzen Sache noch immer nicht.






    Kapitel 1.2 Der Autor


    Der Autor musste sich in Geduld üben. Schlange stehen war nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung. Inmitten der vielen Leute fühlte er sich deplatziert. Noch dazu, wo das leichte Beruhigungsmittel in seiner Wirkung nachließ. Vielleicht war es doch nicht die beste Idee, mit einer latenten Kontaktschwäche fünf Tage auf begrenztem Raum mit dreihundert weiteren Personen zu verbringen.
    Einige davon waren bereits in voller Montur angetreten. Wie auch der eine von den beiden, die einige Meter weiter Vorn den Betrieb aufhielten. Solche Angeber mochte er nicht. Ehrlicherweise war es der blanke Neid, der aus ihm sprach. Dieser Typ verkörperte das genaue Gegenteil von ihm selbst. Ein perfekter und durchtrainierter Körper, der sowohl Weiblein wie auch Männlein den Kopf verdrehen konnte. Dazu noch eine Leggings/Body-Kombination aus Wetlook-Lycra die einem den Atem raubte. Dem ging es vor allem ums Auffallen. Und das funktionierte nicht schlecht, denn er badete regelrecht in anerkennenden Blicken und verstohlenem Getuschel.


    Da war das Paar direkt vor ihm schon eine andere Kategorie. So zierlich und klein Sie auch war, im Dunkeln wollte er ihr lieber nicht begegnen. Sie sah nicht nur wie ein Punk aus, mit ihren Springerstiefeln, zerrissenen Nylons, Lederjacke und Schwarzrot gefärbtem Irokesen. Das heißt, ein Irokesenschnitt war es nicht wirklich, aber zerzaust und teilweise hochtoupiert trug sie die Haartracht schon. Auch ihre ganze Haltung und Körpersprache war ablehnend und missbilligend gegenüber jedem, der "angepasst" war. Dazu noch jede Menge Metall im Gesicht, die Augen schwarz geschminkt wie für die Gruft.
    Ihr Begleiter sah dagegen regelrecht normal aus. Obwohl, er brachte bestimmt locker über hundert Kilo auf die Waage und wenn er sich nach seinem Handgepäck bückte, entblößte sein hochrutschendes T-Shirt im Verbund mit der eher knappen Jeans ein klassisches "Handwerker Dekolletee".


    Unsäglicher Lärm ertönte aus deren Richtung. Umgehend kramte die Punkerin ein Mobiltelefon aus der zerfransten Umhängetasche und hielt es ans Ohr. Laute Krachmusik als Klingelton fand der Autor noch nervtötender als über richtige Lautsprecher.


    "Hmhm ... Morgen ... ja .... hmhm ... OK, bis dann."


    Toll! Wenn man sich nicht mehr als das zu sagen hat, sollte man es lassen.
    Irgendwie störte ihn heute die Fliege an der Wand. Er kam sich wirklich schon vor wie ein verbiesterter alter Nörgler. Wahrscheinlich war es nur die Aufregung mit vielen fremdem Menschen interagieren zu müssen.


    Durch das Schlange stehen, musste er auch mit anhören was die Punkerin ihrem Begleiter mit dem ungewollt körpernahen T-Shirt mitteilte: "Das war Mia. Sie und Aitana kommen morgen in Almeria an Bord."


    Endlich ging es weiter. Als er an der Reihe war, besserte sich seine Stimmung, denn die Dame am Check-In entsprach seiner Vorstellung von Korrektheit. Präzise Ausdrucksweise, freundlich vorgetragen, ließ keine Fragen offen. Dazu noch versorgte sie ihn mit allerlei Prospektmaterial und einem Terminplan der auswies was, wann, wo in den kommenden Tagen geschehen würde. Er mochte es, sich vorbereiten und planen zu können.


    Weit hinter dem Ende der Schlange erschien noch eine weitere Passagierin im Laufschritt. Offenbar war sie spät dran- naja, Frauen eben. An der Auswahl der Kleidung konnte es nicht gelegen haben, schließlich konnte man fast von Phantasielosigkeit sprechen. OK, es war Lycra, aber gemessen an dem was er bereits hier zu Gesicht bekommen hatte nicht nur schlicht, sondern geradezu langweilig. Ein mattschwarzer Ganzanzug mit herunter gerollter Kapuze, welcher mangels Glanz ihre durchaus bemerkenswerte Figur kaum unterstützte. Dazu ebenso schlichte, schwarze Leinenturnschuhe. Als Handgepäck trug sie lediglich einen kleinen Rucksack - ebenfalls Schwarz. Das schien ihre Lieblingsfarbe zu sein.


    Doch was sollte er sich mit Fremden aufhalten? Nun hieß es erst mal die Kabine aufsuchen, sich einrichten und planen welchen Events er besser fernblieb.

  • Na, nicht nur Rockfire kann Reiseberichte schreiben ;)


    Aber du hast Recht, Desi. Es läuft auf "Traumschiff meets Lycra" hinaus.


    Entlang des Weges werden uns viele Bekannte über den Weg laufen.

  • Ooooh, wir werden wieder mit Lesefutter verwöhnt...


    Lycwolf, kennst Du "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch? Dort bestehen die Zwischentitel ebenfalls nur aus den Personen, die im Abschnitt vorkommen.


    Der "Ermittler" lässt mich gerne an Kell Ryan erinnern. Für die Katzenfrau bin ich noch auf keine bisherige gekommen.


    Rebecca und Stefan sind auch noch in der Weltgegend?


    Bin gespannt, welche Personen in dieser wieder einmal gut und spannend geschriebenen Geschichte noch alles vorkommen.

  • Die Rockfire Reiseberichte wäre aber auch ein schöner Titel für meine Geschichte gewesen. Ich bin davon überzeugt das es in deinem Reisebericht zu mehr Action kommen wird. Wahrscheinlich wird es auch noch die ein oder andere Überraschung geben.


    Jetzt wo alle Protagonisten wohl am Ort des Geschehens eingetroffen sind kann es ja los gehen. Also Leinen los und Schiff ahoi.
    Wie kommt es eigentlich das es den Author nach Portugal verschlagen hat?
    Ich bin mal gespannt wo die anderen Teilnehmer aus der Warteschlange in der Geschichte noch vorkommen und welche Rolle sie spielen werden.
    Das schöne an einem Schiff, als Ort des Geschehens, ist ja das man sich nicht dauerhaft aus dem Weg gehen kann. Das birgt spannendes Potenzial.

  • ValCurasca
    ... das mache ich doch alles nur um dir die Möglichkeit zu geben, sämtliche Unzulänglichkeiten und Anschlussfehler schonungslos aufzudecken. (Hab´ schon überlegt dich als Lektor einzustellen ;) )
    Das Buch von Alfred Andersch kenne ich zwar nicht, aber viele Autoren nutzen diese Art der Kapitelaufteilung. Letztens habe ich es ähnlich bei Jürgen von der Lippe, "Nuldel im Wind" gesehen.


    Der Ermittler hat nicht allzu viel mit dem von RIM seinerzeit kreierten Kell Ryan gemein, außer einem ähnlichen Beruf.
    Riccarda (nicht Rebecca) und Stefan werden uns auf dieser Reise nicht begegnen. Sie sind gerade beim Spandex-Club New Zealand und helfen bei der Suche nach einem verschwundenen Mitglied.



    Rockfire
    Dass bei meiner Schilderung mehr passieren wird, liegt daran dass sie frei erfunden und nicht selbst erlebt ist.
    In den ersten Kapiteln wird angedeutet, dass der Autor die Reise bei einem Wettbewerb gewonnen hat und somit zum Startpunkt nach Portugal reisen musste.



    Jetzt bekommt ihr aber noch ein bisschen Lesestoff für´s Wochenende.

    ... am liebsten glatt und glänzend

    Einmal editiert, zuletzt von lycwolf ()

  • Kapitel 1.3 Die Katzenfrau


    Früher am gleichen Tag.


    Offenbar hatte sie überreagiert. Niemand war ihr gefolgt, oder interessierte sich auch nur annähernd dafür, was sie alleine hier am Pier wollte. Es war noch früh und nur die üblichen Hafenarbeiter waren zu sehen. So schlenderte sie in der aufgehenden Sonne an den vertäuten Frachtschiffen und Schleppern entlang. Zwei Urlaubsdampfer erregten ihre Aufmerksamkeit. Beide wurden bereits hektisch be- und entladen. Proviant und Verbrauchsgüter rein, Abfälle und schadhaftes Material raus. Große Container mit Bettwäsche und Bad-Textilien wurden ausgetauscht. Man bereitete sich auf neue Gäste vor.


    Der eine Pott schien genau das Richtige zum untertauchen. Eine schwimmende Stadt für bestimmt tausend Urlauber. Wo sonst könnte sie anonymer mitreisen als dort?
    Leider hatte das gigantische Schiff das falsche Ziel. Diverse kanarische Inseln mit mehreren Landgängen und dann weiter nach Madeira, wies das Infotableau an der Gangway aus.
    Schade.


    Blieb noch das andere Wasserfahrzeug. Für sich betrachtet eigentlich auch groß, wirkte es neben dem Kreuzfahrt-Riesen wie ein Beiboot. Hoffentlich fuhr dieses ins Mittelmeer, sonst würde sie doch noch die Frachtschiffe abklappern müssen.
    Doch das Glück war auf ihrer Seite. Eine fünftägige Reise bis Marseille, das versprach Entspannung. Und von dort war es nur noch ein Katzensprung bis Monaco. Dass es eine Motto-Kreuzfahrt war ließ sie zunächst zögern. Bei näherem durchlesen musste sie jedoch lächeln. Ein Blick auf ihren kleinen Rucksack und sie war sich sicher, hier unauffällig untertauchen zu können.


    Aber bis zum Einchecken war noch etwas Zeit und so ging sie zurück Richtung Stadt. Eines der unausweichlichen Cafe´s am Hafenrand lud zum verweilen ein und gestattete das beobachten des geschäftigen Treibens in der Morgensonne.


    Eine gute Stunde später brach sie dann auf. Da sie ja keine Passage vorgebucht hatte, musste sich zusehen ziemlich früh beim Check-In zu sein. Erfahrungsgemäß fand sich, wenn auch nur gegen eine kleine finanzielle Zuwendung, selbst bei ausgebuchten Fahrten immer noch ein Weg an Bord. Allerdings sollte man nicht der letzte in der Reihe sein. Und sollten alle Stricke reißen, hatte sie dann immer noch genügend Zeit sich anderweitig umzusehen.


    Doch war dieser Mann weiter vor ihr am Pier nicht derselbe wie am Flughafen heute früh? Schwer zu sagen, er war anders gekleidet und trug einen Sonnenhut. Schon der von Gestern hatte eher ein Dutzendgesicht und war völlig unverdächtig, wenn auch elegant. Es war lediglich ihr ungutes Gefühl gewesen. Das Gleiche, das sich auch jetzt wieder meldete. Besser sie riskierte nichts und beobachtete ihn erst einmal. Sie fand einen kleinen Bretterverschlag unter mehreren alten Containern, ziemlich genau auf halbem Weg zwischen den beiden ungleichen Urlaubsdampfern.


    Glück für sie, dass der Fremde ebenfalls zwischen den beiden Schiffen verharrte, so konnte sie ihn fast lückenlos im Auge behalten. Als könne er sich nicht für das eine oder das andere Schiff entscheiden. Im Grunde war sie sich sicher, dass es lediglich ein wartender Reisender war - mehr nicht. Trotzdem zögerte sie, denn ihr Bauchgefühl mahnte zur Vorsicht.
    Langsam begann die Zeit zu drängen. Nacheinander trafen Busse mit den Passagieren ein und bei vielen machte die Kleidung deutlich, dass sie auf das kleinere Schiff gebucht waren. Der Mann telefonierte aufgeregt ohne dass sie etwas davon verstehen konnte. Dann war er auf einmal nicht mehr zu sehen. Eigentlich konnte das nur bedeuten, dass sein Ziel jetzt klar war und damit der Weg für sie frei.
    Jetzt oder nie. Es war höchste Zeit. Noch die Kleidung wechseln um sich in ihr Umfeld einzugliedern und dann los.


    Keinen Moment zu spät, denn sie war nun doch unter den letzten und musste sogar noch etwa hundert Meter im Laufschritt zurücklegen. Hoffentlich konnte sie noch an Bord.






    Kapitel 1.4 Der Ermittler


    Er war bereits drauf und dran den Luxusliner zu besteigen. Die Route Richtung Kanaren könnte passen für jemand, der entkommen will. Gerade weil es zunächst nach einem Umweg schien. Das passte irgendwie zu seiner Zielperson. Außerdem hatte jede der größeren Inseln einen größeren und mit ferneren Verbindungen ausgestatteten Flughafen. Wie der von Faro. Von dort konnte sie mit Leichtigkeit selbst ferne europäische Ziele erreichen. Doch da war wieder sein Instinkt und im letzten Moment, als das kleinere Schiff bereits die Gangway einziehen wollte, entschied er sich um.
    Das kostete ihn natürlich eine Kleinigkeit. Hoffentlich war es das Wert, denn von dem Kahn kam er frühestens in drei Tagen wieder runter. Und das auch nur auf der "deutschen Exklave" im Mittelmeer, von den einfachen Gemütern gerne "Malle" genannt.






    Kapitel 1.5 Der Autor


    An der Eröffnungsveranstaltung wollte er trotz seiner Abneigung gegen größere Menschenmengen teilnehmen. Hier gab es bestimmt noch mehr Infos über die folgenden Tage auf See.
    Doch zunächst verfolgte er das Ablegen vom winzigen Balkon seiner Einzelkabine. Hatte wohl auch sein Gutes, Preisträger eines Wettbewerbs zu sein. Es war eines der kleineren Kreuzfahrtschiffe und hielt nur wenige der ebenfalls kleinen, aber dafür ungeteilten Apartments vor. Darüber hinaus gab es auch wenig der so genannten Innenkabinen. Es war jedenfalls keines der gigantischen schwimmenden Massenhotels, wie das von nebenan im Hafen. Bei dessen Anblick alleine bekam er schon Panik. Doch "sein" Schiff sah wenigstens noch so aus, wie man sich ein Schiff vorstellte und nicht wie ein klotziges Gebäude, welches in jedem Winkel für die Unterbringung zahlender Gäste optimiert war.


    Er mochte solche technischen Vorgänge wie das Ablegen. Eine strukturierte Abfolge von präzisen Manövern, die ihm einfach Freude bereitete. Ja, er war ein Spießer.
    Sie verließen den geschäftigen Hafen und schipperten gen Südosten, wo sie als nächstes die Meerenge von Gibraltar passieren würden.


    Als allernächstes stand jedoch die Begrüßungsveranstaltung auf dem Plan.
    Die Versammlung fand im großen Auditorium statt. Dem größeren der beiden Veranstaltungssääle, die für alle Arten von Show, Theater und Konzerten genutzt wurden. Die flexible Bestuhlung war in einer Art Parkettboden versenkt, was fast der Hälfte aller Passagiere Platz bot ohne dass es zu gedrängt wirkte. Doch das Bordfernsehen übertrug die Begrüßung in alle Ecken des Schiffs. Diejenigen, die die Annehmlichkeiten des Sonnendecks vorzogen, wurden also ebenfalls informiert.


    Auf der sichelförmigen Bühne griff eine noch recht jung wirkende Frau zu einem Funkmikrofon. Die zwar kurze, aber dennoch förmliche Uniformjacke sowie die Kopfbedeckung, wiesen sie als zu den oberen Rängen der Besatzung gehörend aus. Doch offenbar passte sie sich teilweise an die Gäste an, denn anstelle von steifen, weißen Bundfaltenhosen, erschien sie in schneeweißen Capri-Leggings.


    "Sehr geehrte Gäste ... Heul, Jaul ... begrüß ... Pfeif..."


    Ein fragender Blick zu dem Steward, der von einem Rollwagen aus die Technik bediente und ein ebenso unverständiger Blick zurück als Antwort.


    "Ich ... Pfeif ... möchte ... Heul, Jaul Pfeif ..."


    Damit war kein Staat zu machen.


    Der stämmige Handwerkertyp der vorhin beim Einchecken vor ihm in der Schlange stand, zwängte sich erstaunlich flink an ihm vorbei und erklomm die Bühne. Sehr zur Überraschung der Sprecherin nahm er ihr das Mikro aus der Hand, ging zum Technikwagen und drehte da und dort an diversen Reglern.


    "One Two, one two, two ... Jetzt sollte es gehen", damit gab er den Tonaufnehmer zurück und verschwand wie er gekommen war.


    Die Weiß gewandete schien immer noch etwas perplex, fing sich aber in voller Professionalität wieder und startete erneut ihre Ansprache:
    "Vielen herzlichen Dank an den unbekannten und offensichtlich technisch versierten Gast. Jetzt können wir ja doch noch beginnen."


    Einige spontane Beifallsbekundungen waren von den Umstehenden zu vernehmen.


    "Sehr geehrte Gäste. Im Namen der Besatzung und der Reederei begrüße ich Sie recht herzlich auf der "Borealis" zur Themenkreuzfahrt "LyCruise". Mein Name ist Silja Roege, Kapitänin zur See und zusammen mit meiner Crew werde ich Sie gut ans Ziel bringen. Wir werden in einigen Stunden ins Mittelmeer eintreten und morgen gegen 0500 in Almeria anlegen, wo wir noch weitere Passagiere aufnehmen. Danach führt uns unsere Reise zu den Balearen, wo wir in Palma de Mallorca Station für einen Landausflug machen. Weiterhin kreuzen wir vor Sardinien und Korsika und beenden die Reise letztlich in Marseille.
    Die "Borealis", wie auch ihr baugleiches Schwesterschiff "Australis" bietet maximal 360 Passagieren Platz, zählt also zu den kleineren Schiffen. Wir kreuzen abwechselnd im Nordpolarmeer, wie auch im Mittelmeer. Der Antrieb erfolgt nicht wie üblich durch die Verbrennung von Schweröl, was noch eine Stufe schmutziger ist als Diesel. Diese Schiffe fahren prinzipiell elektrisch, jedoch werden die Generatoren von einer Erdgas-befeuerten Turbine gespeist. Unser Schadstoffausstoß beträgt weniger als ein Viertel konventioneller Antriebe.
    Um Sie nicht länger zu langweilen, möchte ich lediglich noch auf die Sicherheitsbestimmungen in der Bordlektüre oder im Kanal des Bordfernsehens hinweisen. Bitte studieren Sie die Evakuierungsprozedur, denn morgen Nachmittag werden wir eine Übung inklusive Rettungswesten und besteigen der Rettungsboote durchführen. Ob wir auch zu Wasser lassen, hängt vom jeweiligen Seegang ab. Allerdings ist durchweg ruhiges Wetter angekündigt, mit Chancen auf "hervorragend" gegen Ende der Reise.
    Kleiderordnung besteht keine, doch darüber wird Sie der Veranstalter noch ausführlich informieren. Der Crew habe ich es frei gestellt sich an Ihrer Kleidung zu beteiligen, sofern es ihre Pflichten nicht beeinträchtigt. Die Offiziere sollten jedoch am Oberkörper regulär gekleidet sein und in den Häfen ist korrekte Uniform Unumgänglich.
    Sollte trotz ruhiger See jemand mit Übelkeit oder anderen Gebrechen zu kämpfen haben, scheuen sie nicht den Besuch auf unserer Krankenstation. Mit unserer Ausstattung könnte der Doktor sogar ein Kind zur Welt bringen, jedoch zieht er es vor die Behandlungen auf Seekrankheit und Prellungen zu beschränken.
    Jetzt wünsche ich ihnen allen eine angenehme Reise auf der "Borealis".


    Es folgte berechtigter Beifall, doch sollte dies nicht die einzige Ansprache gewesen sein. Das Logo des Veranstalters wurde auf den inneren Bühnenvorhang projiziert, welcher die vordere von der hinteren Bühne trennte. Ein leises Raunen ging durch die Reihen, als jemand noch außerhalb des Scheinwerferkegels auf die Bühne trat. Sobald die Person sichtbar wurde, stellte sich Applaus ein. Die Frau die gerade ins Rampenlicht getreten war, schien jeden zu beeindrucken. Gleich welchen Geschlechts.


    Sie hob das Mikrofon zum Munde, wartete aber noch einen Moment, da man sie bei der Umgebungslautstärke sowieso nicht gehört hätte. Mit der Hand die Augen gegen das Scheinwerferlicht abschirmend, sah sie sich im Publikum um. Des Öfteren nickte sie zum Gruß offenbar bekannten Gesichtern zu.
    Ihre kupferrote Mähne aus Korkenzieher-Locken schimmerte fast noch mehr als ihr Lycragewand. Dieses war einfarbig in hellem Grün und entblößte durch Verhüllung eine Figur an der alles stimmte. Groß aber dennoch ansprechend, schlank aber dennoch faszinierend kurvig.


    "Willkommen", setzte sie an, doch der Pegel brauchte noch einige Zeit um auf Normalmaß zurück zu kehren.
    "Willkommen! ... Zu der Reise, die ihr euch schon immer erträumt habt."


    Spätestens diese unwiderstehliche Stimme hatte die Aufmerksamkeit auch des letzten Gastes geweckt. Vergleichsweise leise und eher dunkel timbriert, dabei aber in einer Deutlichkeit und Präsenz, dass man eine geschulte Radiomoderatorin hätte vermuten können.


    "Vielen Dank an Kapitänin Roege und an die Reederei, die diese unkonventionelle Themenkreuzfahrt ermöglichten. Mein Name ist Leonie und zusammen mit meinem Team...", dabei zeigte sie auf vier weitere, in grüne Zentais gekleidete Personen, "... werden wir alles dafür tun damit euch dieser Urlaub lange in Erinnerung bleibt."


    Erneut zustimmender Applaus.


    "Obwohl ich viele bekannte Gesichter unter euch sehe, möchte ich doch einige Worte über uns, die Veranstalter dieser Kreuzfahrt verlieren. Ich mach´s aber kurz und bitte die "Wiederholungstäter" unter euch die Neulinge etwas zu unterstützen."


    Sie griff lässig nach einem abseits stehenden Mikrofonständer und Clipste den Sprachaufnehmer gekonnt ein um die Hände frei zu haben.


    "Wir", fuhr sie fort, "das ist Lycraworld. Hersteller und Vertrieb der gesamten Bandbreite von Sport-, Trainings- und Tanzbekleidung aus dem Gemisch von Chemiefasern das ihr alle als Lycra kennt. Darüber hinaus sind wir mittlerweile Synonym für Lycrafetisch sowie fetischorientiertem Urlaub geworden. Damit ich euch nicht so sehr langweile, verweise ich auf die Flyer und die Mundpropaganda derer, die bereits in unserer Zentrale zu Gast waren."


    Die schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein, dachte der Autor. Wobei, eine charismatische Ausstrahlung hatte sie ja, das musste man ihr lassen.


    "Dass ich euch duze gehört ebenfalls zu unserer Unternehmensphilosophie. Wir verstehen uns alle als eine große Gemeinschaft. Als Gleichgesinnte, vereint unter einer gemeinsamen Neigung. Bei Lycraworld gibt es keine Standesunterschiede. Der Gleichmacher Lycra bewirkt nämlich, dass der Herr Oberstudienrat sich auf Augenhöhe mit dem Bauarbeiter begegnet."

  • Du machst mich sehr neugierig, Lycwolf.
    Ein paar Einzelschicksale, die sich nun an Bord versammeln.
    Im Hafen von Faro beginnt es. Die Mottokreuzfahrt 'Lycruise' lässt natürlich aufhorchen. Genauso die Namen Leonie und Lycraworld.
    Der Kapitänin Roege wird prompt geholfen (spricht man sie Ro-ege oder Röge aus?)
    auf der Borealis (Polarlicht?), einem schadstoffarmen Kreuzfahrtschiff (sehr schönes Detail, an Schweröldampfern haben ja die Kreuzfahrtreedereien derzeit zu knabbern)
    von einem Typen, der höchstwahrscheinlich einmal die perfekte akustische und optische Untermalung des Auftritts einer Akrobatgruppe übernommen hatte.

    Aber nun Leinen los, Kurs Ost, Richtung Almeria, Spanien. Wir Leser sind die heimlichen blinden Passagiere, hihi.

  • Kapitel 1.6 Die Katzenfrau


    Etwas abseits an der Bar im Hintergrund des Saales, hörte eine ganz in mattes Schwarz gekleidete Frau aufmerksam den Ausführungen des Rotschopfs zu. Sie hatte es gerade noch an Bord geschafft und ein liebevoller Augenaufschlag hatte sogar genügt dass ihr eine Passage verkauft wurde. Die paar Tage an Bord schienen interessanter zu werden, als sie es sich heute morgen im Hafen vorgestellt hatte. Was genau sie sich unter einer "Lycra-Kreuzfahrt" vorzustellen hatte, wusste sie noch nicht. Sie war lediglich der Meinung, mit dem Gewand ihrer nächtlichen Aktivitäten hier problemlos untertauchen zu können.

    Verschmelze mit deinem Hintergrund, hatte einer ihrer Hackerfreunde immer gesagt, dann bist du für andere unsichtbar, selbst wenn sie dir direkt gegenüber stehen.


    Wenn sie sich aber so umsah, war sie mit ihren schlichten Anzug fast schon wieder die Ausnahme. Bestimmt ergab sich aber die Gelegenheit, hier etwas geeigneteres einzukaufen.

    Gerade als sie das dachte, erklärte die Repräsentantin in Grün das Konzept von "Kleidung kostenlos leihen und bei gefallen vergünstigt kaufen zu können".


    Die beiden Typen die ebenfalls an der Bar standen, staunten auch nicht schlecht bei diesem Angebot. Der eine war eigentlich die Ausgeburt der Normalität, wenn man davon absah, dass Männer in der Öffentlichkeit selten einen Turnanzug aus Samtlycra über einer schimmernden Radlerhose trugen. Der Andere indes, war ein richtiges Schnuckelchen. Schlank und perfekt proportioniert. Deutlich jünger wirkend als sein Kollege. Dazu noch in Stegleggings aus orangem Lycra mit vereinzelten hellgrauen Streifen und darüber einen bräunlichen Badeanzug der eher wirkte als sei er mit Latex beschichtet. Mit dem würde sie gerne die Koje teilen.


    Eine Augenblick lang war sie etwas erschüttert über ihre ordinären Gedanken. Waren das bereits erste Anzeichen der Überheblichkeit von Menschen, die auf einen Schlag zu Reichtum gelangt sind? Natürlich musste sie darüber schmunzeln, aber im Auge behalten sollte sie diese Entwicklung schon.


    "... wir können euch hier natürlich nur ein kleines Sortiment an Kleidung anbieten", fuhr Leonie derweil fort. "Aber auf den gewohnten Reinigungs- und Reparaturservice braucht ihr nicht zu verzichten. Ebenso wenig auf die Kuschelinseln und die Farbkodierten Armbänder - Stammkunden können es den anderen erklären. Ansonsten fragt einfach, ob ihr jemanden berühren dürft. Und ganz wichtig dabei: Nein heißt Nein!"


    Einige weitere Fullsuit-Träger kamen auf die Bühne. Auch ihr Outfit war einheitlich. Dunkelblauer Wetlook mit einem leichten Stich ins Lila und diagonal über der Brust eine eingearbeitete orangefarbene Schärpe.


    "Das ist unser Sicherheitspersonal. An diese könnt ihr euch jederzeit vertrauensvoll wenden, aber die Erfahrung zeigt dass das kaum nötig werden wird."



    "Ganz schön durchorganisiert", bemerkte der "Normalere" neben der Katzenfrau.


    "Ja, ich schätze die wissen was sie tun. So wie die sagt, betreiben die ja schon geraume Zeit ein fetischorientiertes Urlaubsressort."


    "Dann sind Sie also auch ein Neuling?"


    "Du."


    Rainer sah sie fragend an.


    "Sie hat gesagt, dass man sich hier duzt."


    "Ach so, ja, das hatte ich ganz vergessen. "DU" bist also auch Neuling?"


    "Was wäre daran so ungewöhnlich?"


    "Na, ich meine ja nur, wegen des Anzugs."


    "Als ob ihr beiden da gerade zurückstecken müsstet", entgegnete sie und sah hauptsächlich Tobias dabei an.


    Naja, dachte Rainer, die wird´s früh genug merken. Genau wie alle anderen.






    Kapitel 1.7 Der Ermittler


    Er kam sich reichlich deplatziert vor, unter all den größtenteils in Lycra gekleideten Passagieren auf dem Sonnendeck neben dem großen Pool. Zum ersten Mal zweifelte er an seiner Eingebung, welche ihn bisher selten getrogen hatte.

    Es gab "A", keinen Hinweis, dass der verschwundene Fluggast tatsächlich die gesuchte war. "B", noch weniger, dass sie tatsächlich zum Hafen gegangen war und "C", dass sie ausgerechnet diesen Vergnügungsdampfer bestiegen hat.

    Doch Brand-Köhlmeyer, sein Auftraggeber klang äußerst wütend am Telefon und so langsam musste er irgendwelche Erfolge vorweisen, sonst wäre es wohl Essig mit dem lukrativen Spesenkonto.

    Seit mittlerweile zwei Jahren jagte er einem Phantom hinterher und hatte sich mehr als einmal gefragt, ob diese Person überhaupt existierte. Es war frustrierend. Jede Menge Hinweise und Vermutungen, doch keine einzige echte Spur. Die Polizei hatte den Fall schon lange Ad Acta gelegt, doch ihn hielt so etwas wie Berufsehre auf Trab - und natürlich die Spesen von Brand-Köhlmeyer.


    Jedenfalls musste er sich Klamottenmäßig schnellstens anpassen um nicht aufzufallen wie ein kariertes Kaninchen. Genauso gut könnte er dann ein Schild um den Hals tragen "Detektiv". Da passte es gut, was die Grüne Dame auf der Bühne gerade erzählte und was über die Bildschirme und Lautsprecher bis hierher übertragen wurde.


    "Unseren Shop, die Ausleihe und die Näherei haben wir alle auf dem A-Deck versammelt. Das ist das Unterste. Von 6:00 Uhr bis 20:00 Uhr könnt ihr durchgehend Neues auswählen, Probe tragen und natürlich auch kaufen. Schließlich ist auch Lycraworld ein Wirtschaftsunternehmen."


    Das Gelächter darauf hin war eher wohlmeinend.

    Und der Ermittler leerte seinen Drink und steuerte seine, für Nachzügler etwas überteuerte Kabine an. Nachher würde er sich neu einkleiden.






    Kapitel 1.8 Tobias und Rainer


    "Da hast du ja mal wieder jemandem gehörig die Augen verdreht", bemerkte Rainer als die Frau in Schwarz gegangen war um den Rest der Ansprache bei einem Cocktail auf dem Sonnendeck zu verfolgen.


    "Vielleicht sehen wir uns auf ein Gläschen?", hatte sie Tobias lüstern zugeraunt und erwartete offenbar, dass dieser ihr folgte.


    "Ein Gläschen in Ehren ...", begann Toby und schwang bereits seinen hochglänzenden Astralleib vom Barhocker.


    "He", hielt sein Kumpel ihn noch kurz am Arm fest. "Lass sie nicht so lange im Ungewissen."


    "Schon OK. Nur einen Drink." Damit verließ er die Veranstaltung.


    Aber so war er schon immer. Die Weiber flogen nur so auf ihn und er machte sich einen Spaß daraus. Rainer hielt es für gemein, dass er immer erst nach einer Weile gestand vom "anderen Ufer" zu sein.






    Kapitel 1.9 Tobias


    "Cheers", stieß die Frau in dem schwarzen Catsuit mit dem Lycra-Schönling an.


    Hier draußen auf dem Sonnendeck, spürte man die salzige Seeluft und es war nicht so überfüllt und stickig wie im großen Veranstaltungssaal. Den Rest der Instruktionen konnten sie auch hier über große Flatscreens und die Bordsprechanlage verfolgen. Die Nachmittagssonne wärmte und die leichte Briese hielt die Temperaturen bei der umfangreichen Körperverhüllung angenehm.


    "Alle angebotenen Speisen und Getränke sind natürlich im Reisepreis enthalten", erklärte die Grün verpackte Repräsentantin des Veranstalters gerade. "Natürlich mit Ausnahme wirklich exquisiter Weine und Champagner, sowie hochpreisiger Couisine ..."


    "Das ist also richtiges All Inclusive", stellte die mattschwarz gewandete fest, deren Anzug nicht mal die Sonne zu Reflektionen animieren konnte.


    "Recht selten, dein Dress", stellte Tobias dementsprechend fest. "Die meisten bevorzugen den typischen Glanz oder noch mehr davon." Dabei wies er auf seine hochglänzenden Beine.


    "Ach", erwiderte sie nicht um eine Ausrede verlegen, "Ich bin da nicht so festgelegt. Manchmal kleide ich mich ganz gerne mal gegen die Strömung."


    Die beiden nippten an ihren erfrischenden Getränken und sie spürte, dass er mit der Wahl eines richtigen Zeitpunkts beschäftigt war, ohne aber zu ahnen worum genau es sich handeln könnte.


    "Was ist los?", fragte sie deshalb frei heraus.


    "Also ... es ist so ... ich habe das unbestimmte Gefühl, dass du ... gewisse Absichten im ... zwischenmenschlichen Bereich verfolgst. Also mich betreffend."


    "Schön herumgedruckst, mein Bester", belustigte sie sich über seinen stockenden Vortrag. "Und was wenn es so wäre?"


    "Grundsätzlich natürlich nichts und ich würde mich geehrt fühlen. Aber da ist etwas das ich dir sagen sollte bevor du zu viel Zeit ins Anmachen investierst..."


    "Du bist verheiratet!", fuhr sie ihm erschreckt ins Wort. "Oder nein, du bist schwul?"


    Er nickte grinsend über ihre gespielte Resignation bei letzterem.


    "Dann müssen wir wohl eine platonische Freundschaft schließen. Aber ich hätte es mir ja denken können. Die schärfsten Kerle sind immer schwul."


    Er erhob sein Glas: "Lass uns darauf anstoßen."


    Es folgte wider Erwarten eine angenehme, wenn auch oberflächliche Unterhaltung in gelöster Stimmung. Als die Gläser geleert und auch die Eröffnungsansprache vorüber war, stand die Katzenfrau auf und verabschiedete sich: "Ich muss mal zusehen, dass ich noch was anderes zum Anziehen bekomme."


    "Um dir dann einen anderen aufzureißen?"


    "Natürlich, was dachtest du denn?"


    Beide lachten herzlich darüber und im Gehen fügte sie noch hinzu: "Egal wen ich hier noch treffe, du bleibst mein Favorit."


    "Ach Geliebte", schmachtete er in gespielter Heldenpose, "könnte ich doch nur deine Gefühle erwidern ..."


    Sie blickte ihm tief in die Augen und sagte: "Wusstest du nicht, dass jedes Mädel einen besten Freund hat der nur auf Jungens steht?"


    Ja, schon, dachte er wehmütig als er ihr nachblickte, und hoffentlich nicht nur Mädels.

    ... am liebsten glatt und glänzend

    Einmal editiert, zuletzt von lycwolf () aus folgendem Grund: Schriftgröße der Kapitelüberschriften angepasst - muss mich erst wieder an diese Forensoftware gewöhnen.

  • also ich finde die Geschichte super. die "Bruchstücke" fügen sich Stück für Stück - tolle Dramaturgie... Das "gefällt mir" ist zu 120% so zu verstehen! Detailliert beschrieben und trotzdem Raum für die Vorstellung. Ich freue mich auf mehr!