• Kapitel 1.27 Rainer und Tobias


    "So mein Guter. Nun bist du gestärkt und jetzt schütten wir noch ein, zwei Drinks drauf und dann sieht die Welt wieder viel freundlicher aus."


    Mit diesen Worten führte Tobias seinen Kumpel in den großen Saal. Auf der Bühne spielte eine kleine Band eine Mischung aus Tanzmusik, Top 40 Covers und allgemeiner Partymucke. Die Hälfte des Raumes war Tanzfläche, die andere Hälfte bestuhlt. Das heißt, am äußeren Rand waren Polstergarnituren aufgestellt auf denen die Gäste der Lieblingsbeschäftigung von Lycraträgern nachgehen konnte. "Fühlen" in all seinen Ausprägungen.


    Jedoch hatte Rainer für Heute vom Fummeln genug und so steuerten sie eine der beiden Bar-Ähnlichen Getränkeausgaben an, welche sich an den Seiten befanden.


    Die Veranstaltung war gut besucht und entsprechend mitreißend war auch die Stimmung. Unter der bunten Beleuchtung der Tanzfläche, tummelten sich stets eine gesunde Anzahl Bewegungssüchtiger. Immer abwechselnd, je nach gerade gespieltem Musikstil.


    "Pils", lautete Rainers knappe Bestellung.


    Toby wusste, wenn sein Freund Brauerzeugnissen den Vorrang ließ, obwohl er auch alles andere hätte bekommen können, dann nagte es immer noch an ihm. Er hingegen probierte es mal mit einem trockenen Martini in der bevorzugten Art eines fiktiven britischen Geheimagenten.

    Eine Gruppe Männer in auffälligen Leggings erregte seine Aufmerksamkeit. Bei dreien der Fünf waren auch nicht alleine die Leggings in diesem extravaganten Fotodruck-Design. Diese trugen auch entsprechende Oberteile, während die anderen lediglich T-Shirts dazu kombinierten.


    "Da haben wir ja das halbe Necronomicron versammelt", spielte er auf die Strukturen der Lycrastücke an. In Anlehnung an das leicht morbide Hauptwerk eines Schweizer Künstlers, zeigten die Leggings bizarr anmutende Muskelpartien und Sehnenstränge, die in ihrer Fremdartigkeit eine Symbiose mit technisch wirkenden Körperergänzungen eingingen. Die entsprechenden Oberteile waren ebenfalls in diesem fast monochromen Look aus schwarz und Grautönen gehalten. Hier sahen die Motive aber eher nach Skelettartigen Rohrinstallationen aus.


    "Pass auf, dass wir keine Säure versprühen", hatten die Jungs seine Anspielung aufgenommen.


    "Obwohl", meinte der kleinste der Gruppe, "So glatt und drahtig wie du bist, würde das womöglich abperlen. Ist das nass?"


    Toby schüttelte den Kopf. "Nur Wetlook"


    "Darf ich mal anfassen?"


    Er reckte demjenigen bereitwillig seine Hüfte entgegen. Ihm hätte er auch gerne noch mehr entgegen gestreckt, aber er bezweifelte dass der auf seiner Wellenlänge lag.


    "Möönsch Leute, das müsst ihr mal fühlen. Da gibt´s überhaupt keinen Reibungswiderstand", erklärte er den Umstehenden. "Gibt´s das auch hier?"


    Tobias musste den Kopf schütteln. "Weiß ich nicht, ist aus meinem privaten Fundus."


    "Respekt, Alter. Respekt."


    Er wünschte der Truppe noch einen schönen Abend und wandte sich wieder seinem besten Freund zu. Dessen Flammen mittlerweile wieder etwas lebendiger zu lodern schienen.


    "Noch eins", bestellte dieser und es machte den Eindruck, als hätte es auch dazwischen noch einige gegeben.

    Doch Toby kannte ihn. Wenn es beim Bier blieb ging einiges in ihn rein.

    Danach machten sich die beiden sogar gemeinsam auf, mal alles zu erkunden was sich so im Raum aufhielt.


    Die tanzenden Paare verhielten sich ziemlich gesittet, wenn auch die Hände bei den ruhigeren Stücken nicht immer an ihren angestammten Plätzen verharrten. In Lycrakleidung abendlich elegant zu wirken ist schon im Grundsatz nicht einfach, aber das Paar direkt vor ihnen kam dem schon ziemlich nahe. Erst einige Augenblicke später erkannte Rainer die Tanzpartnerin in dem harmonischen, blauen Farbverlauf.


    "Ist das nicht die mit dem schwarzen Catsuit?", fragte er seinen Kumpel.


    "Natürlich. Hast du sie denn schon ganz aus deiner Erinnerung getilgt, oder willst du nicht an Fehlentscheidungen erinnert werden?"


    "Im Gegensatz zu dir, habe ich ihr Gesicht ja nur kurz gesehen. Später trug sie ja eine Maske. Und außerdem hat sie offenbar einen würdigen Ersatz gefunden. Lass uns weiter gehen.


    Einige tanzten statt paarweise auch in kleinen Gruppe oder alleine. Eine Solotänzerin war auffällig. Mit geschlossenen Augen wiegte sie sich zur Musik und schien völlig darin aufzugehen. Sie trug einen größtenteils schwarzen Badeanzug, der mit "Schlicht" zu kategorisieren wäre. Doch die Beine darunter steckten in Capri-Leggings mit unkonventionellem Muster. Klassischen Parkettriegeln nicht unähnlich, dessen Elemente jeweils im rechten Winkel gegeneinander versetzt gelegt wurden. Jeder dieser etwa fünfzehn Zentimeter langen Riegel begann mit einigen dunkelgrauen Sprenkeln auf einer weißen Fläche. Diese nahmen bis zum anderen Ende kontinuierlich zu, so dass es dort fast durchgehend dunkelgrau wirkte. Die Fischgrätenanordnung dieser Elemente stellte eine Herausforderung für den Sehsinn des Betrachters dar. Doch wie so oft, unterstützte auch dieses Design die Anatomie der Trägerin.


    "Na, willst du ihr nicht Gesellschaft leisten?", neckte Tobias seinen starrenden Freund.


    "Ach hör bloß auf. Für Heute bin ich bedient."



    Es folgten lockere Gespräche mit einer Gruppe von Mädels von gefühlt Ende zwanzig bis Mitte vierzig. Alle entweder in Badeanzüge oder Turnbodys gekleidet. An den Beinen mehrheitlich feine Strumpfhosen. Vereinzelt waren auch Radler oder Capri-Leggings zu sehen. Sie gehörten einer Sportgemeinschaft an, die sich das Turnen, den Tanz und allgemeine Fitness auf die Fahne geschrieben hatte. Bedingt durch seinen bereits etwas glasigen Blick, konnte Rainer sich jedoch nicht merken was eine von denen als Ortsname auf dem Trikot stehen hatte. Es klang jedenfalls nach Süddeutschland.

    Die beiden Kumpels erfuhren, dass nur ein Teil der Truppe an der Reise teilnehmen konnte, da die unterschiedlichen Urlaubszeiten schlecht zu koordinieren waren. Es schien als warteten sie vor allem auf zwei ihrer Mitglieder, die am Folgetag zu ihnen stoßen sollten. Es war in dem Trubel schlecht zu verstehen, aber es klang als ginge es dabei um Maßgefertigte Lycrakleidung.

    Zu mehr Austausch kam es freilich nicht, da insgesamt zu viel Trubel vor allem außerhalb der Tanzfläche war. An diesem ersten Abend wollte jeder irgendwie jeden kennen lernen.


    Insgesamt verging die Zeit aber recht kurzweilig und es reichte sogar noch für einen kleinen Absacker in einer kleineren Bar. Aufgebaut wie ein intimer Jazzclub, war die kleine Bühne prädestiniert für Kabarett und Kleinkunst, sowie Standup-Comedy. Heute stand Karaoke auf dem Plan und auch die beiden Kumpels ließen sich zur Teilnahme animieren. Erstaunlich wie Textsicher Rainer selbst im volltrunkenen Zustand war. Ganz im Gegensatz zu Toby, der zumindest in dieser Hinsicht eine erbärmliche Figur abgab.

    Und so endete der erste Reisetag mit einer zwar lustigen, auf alle Fälle jedoch der unharmonischsten Version von Simon & Garfunkels "The Boxer".

    Das heißt, er endete nicht ganz, aber was noch folgte sollte außerhalb ihrer Erinnerung liegen.

  • Ah....wunderbar! Was gäbe ich darum, auch auf dem Schiff sein zu können?! :mrgreen:<3

    Das Ganze entwickelt sich schön spannend und anregend. Auch in technischer Hinsicht sehr schön geschrieben, wie die einzelnen Personen mit ihren Hintergrundgeschichten dann zusammen kommen...


    Dass sich der Ermittler unkonventionell einkleiden muss, um nicht aufzufallen, ist ja klar. Wo ich aber am Anfang nach dem Ablegen wirklich schmunzeln musste, war, als die Katzenfrau sich dafür rechtfertigt ("auch mal gegen die Strömung"), dass sie nur mattes Lycra anhatte. So schnell kann sich die Wahrnehmung (von Lycra/Fetischkleidung) ändern, wenn nur der Blickwinkel (Lycra tragen = Normalfall) ein anderer ist. Sehr schön!


    Ich hatte im August nur die ersten Zeilen gelesen und dann gewartet, bis einige Kapitel veröffentlicht sind, um nicht zu sehr unter den Cliffhangern zu leiden. Aber wie ich sehe, kommen die Fortsetzungen ja (wie angekündigt) recht schnell, sodass ich heute doch mit dem Lesen angefangen habe und fast nicht aufhören konnte. Ich bin leider zeitbedingt jetzt erst nur bis 1.10 gekommen, aber ich musste für diese gute Geschichte unbedingt noch einen Kommentar da lassen. Also bis jetzt alles grandios! Ich bin gespannt, was noch kommt.

    :thumbup::thumbup::thumbup:

  • Genau wie Catsuit78 wäre ich auch gerne Mitreisender auf der 'Borealis'.

    Dass nicht immer alles glatt geht, macht es sympathischer (Rainers Erlebnisse, Tobias' Aufmunterungen).

    Deine Schilderungen, sehr detailliert, lassen die Personen vor meinem geistigen Auge fast real werden.

    Sehr prickelnd die Episoden um die Katzenfrau und den Ermittler. Hut ab!

  • Danke ihr Beiden.

    Dass da noch einiges mehr kommt, muss ich euch nicht extra sagen. Ist ja gerade der erste Tag um und der Zweite muss einiges der vergangenen Nacht aufklären.


    Catsuit78

    An dem Wortspiel "...gegen die Strömung..." habe ich tatsächlich eine Weile getüftelt. Allerdings dachte ich nicht, dass es bei all den Geschehnissen jemandem auffällt. Kompliment.

  • Kapitel 2.1 Der Autor


    Eine leichte Änderung der mittlerweile nur noch unterschwellig wahrgenommenen Geräuschkulisse ließ ihn aufwachen. Es störte ihn auch nicht, denn nach seinem frühen zu Bett gehen gestern war er bereits ausgeschlafen. Mit nichts an als einem Paar bequemen Lycra-Hotpants, schlurfte er auf seinen winzigen Balkon. Es war noch finster, doch die "Borealis" schien zu manövrieren. Falls sie bereits im Hafen von Almeria waren, konnte er es nicht mitverfolgen. Seine Kabine befand sich auf der Seeseite.


    Was er nun tat war für die meisten Urlauber unverständlich. Während die Allgemeinheit es genoss lange auszuschlafen, interessierte es ihn was die arbeitende Bevölkerung für ihren Lebensunterhalt tun musste. Also zog er sich an und brach zu einem Morgenspaziergang auf.


    Schon in vielen Urlauben hatte er diese Ruhe und Stille vor Tagesanbruch schätzen gelernt. Noch ohne die vielen Menschen um ihn herum, die seinen Geist ständig bis in den roten Bereich belasteten.

    Am äußeren Wandelgang angekommen, welcher sich rund um das ganze Schiff zog, reckte er seine Arme in die Höhe und atmete tief durch. Die Luft mit dem salzigen Aroma war kühl. Und da es frisch war, hatte er seine dunkelgrünen Lauftights gewählt. Als Oberteil folgte ein Gymnastikanzug, den er sich hier an Bord ausgeliehen hatte. Hoch geschlossen inklusive Stehkragen und mit langen Ärmeln, blieb der Morgenkühle außer am Gesicht und den Händen keine Angriffsfläche. Der Body war in einem kräftigen Rot gehalten, etwas dunkler noch als die Sportwagen aus dem italienischen Maranello. Und wie ein Autolack glänzte das Lycra dann auch. An den seitlichen Flanken des Anzugs waren breite Streifen in mattem Anthrazit eingearbeitet. Diese wurden im Taillenbereich breiter und suggerierten damit eine sportlichere Figur. Ein bisschen Selbstoptimierung konnte ja nicht schaden, wenn er schon auf einer Kreuzfahrt war, bei der die Optik eine entscheidende Rolle spielte.

    Seine Laufschuhe quietschten leicht auf den glatten Böden, teilweise aus Holz und teilweise aus Metall, aber stets von einer dicken Lackschicht vor den korrosiven Elementen geschützt.


    Als er auf die andere Seite gelangte, konnte er dann in der Dunkelheit die Lichter der Hafenstadt Almeria sehen. Typischerweise war Backbord die Hafenseite, auch wenn dies heutzutage nicht mehr unbedingt die Regel war. Jedoch war das sogar in den englischen Bezeichnungen verankert, denn dort nannte man die linke Seite in Fahrtrichtung "Port" wie in "Hafen", die andere hingegen "Starbord".


    Die "Borealis" wurde gerade am Pier vertäut und schon öffneten sich die Luken zum Austausch von Verbrauchsgütern. Ein Tanklastzug für Frischwasser koppelte etliche Meter unter ihm seinen Rüssel an das Versorgungssystem.

    Er seufzte still. Könnte doch nur mehr im Leben nach getakteter technischer Abfolge verlaufen und weniger von Menschen abhängig sein.

    Dachte er aber an Gestern, so sprach er sich doch schon einige Fortschritte in der menschlichen Interaktion zu.


    Derweil er so an der Reling sinnierte, sorgte die Natur für ein kurzweiliges Schauspiel. In südlichen Gefilden vollzog sich der Wechsel von Nacht zu Tag mit einer wesentlich kürzeren Dämmerungsphase. Zuerst waren es nur Konturen des Hafens vor ihm, die an Gebäudekanten in hellem Orange akzentuiert wurden. Kurz darauf erkannte man bereits erste Lichtfächer des Morgens schimmernd in der feuchten Luft. Die Sonne ging schräg hinter dem Schiff auf, was ihn im Schatten ließ, während die Altstadt hinter dem Hafengelände im Licht der strahlenden Morgenröte zu glühen begann.

    Ein bewegendes Schauspiel, das immer mehr von der ans Nordafrikanische Marrakesh erinnernden Architektur der Altstadt preisgab. Doch damit ließ es der Morgen nicht bewenden, denn die Sonne enthüllte links oberhalb der Stadt zunehmend eine beeindruckende Festungsanlage. Oder zumindest die Ruinen davon. Bestimmt noch aus maurischer Regentschaft.


    Dies alleine war das frühe Aufstehen wert gewesen. Die Geräuschkulisse des geschäftigen Treibens nahm sukzessive zu und der Autor machte sich an den Rückweg zu seiner Unterkunft. Mit der beruhigenden Gewissheit Gratis Inspiration für die nächste Story erhalten zu haben.






    Kapitel 2.2 Rainer


    Der Geschmack im Mund war widerlich. Es ekelte ihn so sehr an, dass er von selbst wach wurde. Seine Hirnanhangsdrüse pfiff auf dem letzten Loch und bohrte sich gerade quer durch seinen Schädel. Die Zunge klebte am Gaumen und er fühlte sich mies.

    Schmerzhaft drangen einige Erinnerungen an den gestrigen Tag in Rainer´s benebeltes Bewusstsein. Noch war er nicht soweit die Augen zu öffnen, wenngleich bereits etwas Licht an die noch geschlossenen Lider drang. Je wacher er wurde, desto mehr plagte ihn sein Versagen vom Vortag. Eigentlich sehnte er sich nur nach zärtlicher Berührung und hätte diese auch sowohl von der Schlangenfrau, wie auch von der heißen Tanzmaus bekommen können. Gingen seine Rückzieher tatsächlich nur auf seine gescheiterte Ehe zurück? Der Schädel brummte ihm viel zu sehr, als dass er jetzt darüber nachdenken mochte.

    Danach dem Alkohol zuzusprechen war eine doppelt blöde Idee. Warum wird man immer erst hinterher schlauer? Ab dem Zeitpunkt an der Bar des Tanzsaals fehlte ihm jegliche Erinnerung und er hoffte inständig, dass es zu keinen weiteren Peinlichkeiten gekommen war.






    Kapitel 2.3 Der Autor


    So kann man sich täuschen. Er war beileibe nicht der Erste in den Räumlichkeiten zur Leibesertüchtigung. Für den Frühsport hatte er sein Outfit nochmals gewechselt. Er hatte vor, Wort gegenüber dem Gymnastikpaar von gestern Abend zu halten. Und was er für das Gym brauchte, war etwas mehr Bewegungsfreiheit.

    In der Beinlänge etwa zwischen Radlerhosen und Hotpants, trug er eine betagte blaue Badehose. Allerdings stand diese im Schimmer den üblichen Lycratextilen nicht nach. Sein Oberteil entsprach einem Konglomerat aus Ringertrikot und Badeanzug. In mattem Weiß mit einem breiten roten Streifen quer über der Brust, passte es perfekt zu klassischen Leibesertüchtigung.


    In den beiden anderen Anwesenden erkannte er eben dieses Paar, welches sich der Turn- und Gymnastikkleidung verschrieben hatte.


    "Guten Morgen", begrüßte ihn die Rhythmische Gymnastin zwischen ihren isometrischen Übungen. "Auch schon ausgeschlafen?"


    "Ich dache eher, ich sei der Erste hier", gab er als Antwort und winkte ihrem Gatten zu, der bereits kräftezehrende Übungen an der Sprossenwand zum Besten gab.


    Hier auf den Turnmatten wirkten seine Laufschuhe regelrecht klobig und er nahm gerne den Service von Lycraworld mit den überall aufgestellten Schläppchenregalen in Anspruch. Mit passenden Gymnastikschuhen stellte er sich dann neben die auch heute wieder dynamisch aussehende Gymnastin auf die Bodenmatte und begann mit Aufwärmübungen. Erst Armkreisen, dann Rumpfdrehungen und- beugen und schließlich den Hampelmann.

    Dabei hatte er einen Logenplatz mit Aussicht auf seine derzeitige Trainingspartnerin. Natürlich konnte sie nicht völlig verbergen, dass sie nicht mehr im Altersbereich professioneller Turnerinnen war, aber trotzdem wirkte sie weitaus jünger als sie tatsächlich war. Anstelle des üblichen Dutts hatte sie heute morgen die Haare lediglich zu einer Mischung aus Knoten und Pferdeschweif zusammengefasst. Sie bewegte sich graziös in einem violetten Gymnastikanzug, wie er auch bei einem Wettkampf in bester Gesellschaft wäre.

    Das grundsätzliche Designthema war wohl Asymmetrie. Dementsprechend wechselten glitzernde Pailletteneinsätze, die das Licht ähnlich eines Glasprismas in die Einzelfarben zerlegten, mit dem hochglänzenden Lila des Anzugs ab. Die langen Ärmel gingen ab den Ellbogen in ein halbdurchsichtiges Nylongewebe über, welches durch Fingerschlaufen straff gehalten wurde. An den Beinen trug sie nichts, doch Teile ihrer Füße steckten in den von ihr favorisierten RSG-Kappen. Heute in schwarzem Leder, was ziemlich sexy aussah.


    Ihr Gatte hatte seine Übungen beendet und gesellte sich jetzt ebenfalls zu ihnen. Heute in kurzen Turnhosen aus rotem Satinstoff, wie er in den Achtziger Jahren angesagt war. Den Oberkörper hatte er in ein reguläres Turntrikot für Männer gehüllt, diesmal in Blau mit einem roten Querstreifen, ähnlich dem des Autors. Ansonsten trug er ähnliche schwarze Schläppchen wie dieser sich am Regal entliehen hatte.


    "Das ist ja fast Partnerlook", kommentierte er deshalb die Ähnlichkeit ihrer Oberteile. "Lust auf ein bisschen ganzheitliche Bewegung?", fragte er.


    Seine Frau trat vor und erklärte: "Wir machen immer eine halbe Stunde Training, das sich aus Elementen von Pilates, Zumba, Aerobic und klassischer Gymnastik zusammensetzt. Das bringt den Kreislauf auf Touren und macht Lust aufs Frühstück."


    "Gerne, aber ihr dürft euch nicht wundern wenn ich zwischendurch schlapp mache. Ich bin nämlich nicht sehr Fit."


    "Kein Problem. Mach einfach so weit mit wie du kannst. Und tu dir nicht weh dabei."


    Sie wollte gerade die Musikanlage starten, als die Tür geöffnet wurde und eine weitere Passagierin schüchtern hereinblickte.


    "Komm, leiste uns Gesellschaft", rief der Kunstturner als die neu angekommene bereits wieder im Begriff war zu gehen. "Wir beißen nicht und zusammen macht es doch mehr Spaß."


    Zögerlich trat sie ein. Schüchtern und mit einem Ausdruck als wäre sie lieber alleine hier, hing sie ihr Handtuch an einen der Wandhaken und trat zu ihnen auf die Bodenmatte. Der Autor konnte den Blick nicht von ihren Leggings abwenden. Das Fischgrätenmuster aus grauweißen Kacheln brachte die Augen zum flimmern. Sie war etwas kleiner als er und schien sich nicht so recht bewusst über ihre äußerst ansprechende Figur zu sein. Am Oberkörper trug sie einen schlichten weißen Badeanzug. Auch ihr Schuhwerk war weiß. Es waren Jazz-Schuhe, geschnürte Lederschläppchen.


    "Bereit?", erkundigte sich die Sportgymnastin. "Macht einfach nach was ich vorturne und keine Angst wenn ihr nicht alles so hinbekommt."


    Mit diesen Worten startete die Rhythmusbetonte Popmusik.

  • Kapitel 2.4 Die Katzenfrau


    Die Morgensonne sandte ihre Strahlen in die Doppelkabine, die sie alleine bewohnte. Was anderes war nicht mehr frei gewesen und eigentlich konnte sie froh sein, nicht mehr abgezockt worden zu sein. Immer noch dachte sie ab und zu in alten Bahnen, obwohl Geld eigentlich keine Rolle mehr spielte. Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich rundum zufrieden.


    Der gestrige Abend hatte sie alle Strapazen und Fährnisse der letzten Zeit vergessen lassen. Vielleicht sollte sie sich so langsam mal daran gewöhnen, die besten Voraussetzungen für ein sorgenfreies Leben zu haben. Auf einem Nummernkonto auf Grand-Cayman, tröpfelten seit vorgestern Nacht unablässig kleine Geldmengen über unzählige, herkunftsverschleiernde Kanäle. Sie hatte das im Vorfeld mehrfach simuliert und perfektioniert. Und wenn sie erst einmal im ferneren Ausland war, würde ein neues Leben beginnen.


    Doch momentan erlaubte sie es, sich einfach mal treiben zu lassen.

    Sie wusste noch nicht mal den Namen ihres Begleiters. Und auch er nicht den ihren. Irgendwie war darauf die Sprache nicht gekommen. Es ging mehr um das genießen des Augenblicks. Sie hatten sich auch nicht für weiteres verabredet, das wollten sie offen lassen. Doch letztlich kann man sich auf so einem Schiff sowieso nicht wirklich aus dem Weg gehen.


    Das alles hatte ihr sehr gefallen und sie fragte sich, ob dieser Typ auch vor zwei Jahren Notiz von ihr genommen hätte? Dies konnte sie sich ohne nachzudenken selbst beantworten. Natürlich hätte er nicht.


    Sie trat ans Fenster und betrachtete das ruhige Meer da draußen und die diversen Boote die umher fuhren.


    Damals legte sie keinen Wert darauf für ihre Umwelt attraktiv zu erscheinen. Sie zählte eher zu den Nerds. Den Informationstechnikern, welche die Netzwerke verschiedener Kunden pflegten. Stets blass weil sie das Draußen mied und mehr in ihrer Arbeit aufging. Die formidable Figur die alle in dem Schlangenkostüm bewunderten hatte sie auch damals schon, nur aufgefallen wäre es niemandem. Stets hüllte sie sich in alte, ausgeleierte und viel zu große "Schlabberklamotten". Das war ihr Schutzschild gegen die Welt.


    Sie wartete ihr ganzes Leben lang darauf, dass irgend etwas passiert. Dass ihr spießiges Leben eine Wendung erführe. Doch irgendwann musste sie einsehen, dass dies nie geschehen würde. Und so fügte sie sich in ihr bürgerliches Schicksal und begann ihren Lebensabend zu planen. Die Geldanlage bei einer aufstrebenden Bank zählte dazu. Und dies änderte dann wirklich ihr Leben.

    Zwar stand sie nicht vor dem Ruin, wie viele andere der Geprellten. Doch ein empfindlicher Verlust war es schon.

    Damals besaß sie aber noch Naivität um auf Recht und Gesetz zu vertrauen - und wurde bitter enttäuscht.


    Und so musste sie schließlich die Dinge in die eigenen Hände nehmen.

    Ihre Aktion damals änderte ihr gesamtes Wesen von Grund auf. Durch die weiteren Gelüste nach Rache entging ihr jedoch etwas, das in ihrem Leben fehlte.

    Und der gestrige Abend rief ihr genau das wieder in Erinnerung.

  • Kapitel 2.5 Rainer


    Irgendwann würde er wohl aufstehen müssen. Aber seine Hand spürte gerade wieder Lycragewebe unter den Fingern. War auch wirklich ein verdammt scharfer Anzug, den er sich entliehen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er ihn kaufen würde, tendierte gegen hundert Prozent.

    Je mehr er zu sich kam, umso genauer konnte er das Tastgefühl zuordnen. Das war nicht sein Anzug, dessen Glätte er fühlte. Auch an seinem linken Bein spürte er einen Kontakt, der unmöglich von seinem rechten Bein stammen konnte.

    Jetzt war es an der Zeit endlich die Augen zu öffnen, doch die verklebten Lider gehorchten seinem Geist noch immer nicht. Seine Hand tastete weiter über äußerst glattes Lycra mit warmen und festen Strukturen darunter. An seiner Wade zirpte es bei Bewegung und er schien in einer Verschlingung mit fremdem Lycra gefangen zu sein.


    Er begann zu lächeln. Sollte tatsächlich gestern Abend noch was gelaufen sein? Hatte er etwa eine der Turnmädels abgeschleppt? Sein Lächeln verschwand umgehend als er sich ausmalte, wie sehr er sich daneben benommen haben könnte. Andererseits war sie ja immer noch hier, welche davon auch immer es sein mochte. Es konnte also nicht so schlimm gewesen sein. Blöd nur, dass er sich an rein Garnichts erinnern konnte.


    Vielleicht sollte er jetzt wirklich mal nachsehen. Und vor allem sich etwas frisch machen, denn seinen momentanen Atem empfand er selbst als Zumutung.


    "Nicht aufhören", nuschelte eine schlaftrunkene Stimme neben ihm, während sich der fremde Lycrakörper näher an ihn schmiegte.


    Die Stimme klang nicht unbekannt. Vor allem aber klang sie gänzlich anders als erwartet. Rainer schaffte es zumindest das linke Auge zu öffnen.


    Einen Augenblick später hatte sein Organismus schlagartig den Kreislauf hochkatapultiert und er stand aufrecht mit einem Puls von hundertsechzig Schlägen neben der Koje. Es war nicht seine eigene, obwohl es seine Kabine war.






    Kapitel 2.6 Der Autor


    "Hast du ihm schon von den kostenlosen Taschen erzählt", fragte die Rhythmische Gymnastin ihren Mann am gemeinsamen Frühstückstisch.


    Der Autor war immer noch platt und brauchte einige Gläser Orangensaft um wieder halbwegs zu sich zu kommen. Seine Begleiter hatte das Training völlig kalt gelassen. Gut, die waren das ja auch gewöhnt.


    "Welche Taschen?", fragte er und wusste nicht was gemeint sein könnte.


    "Eigentlich hättest du sie schon sehen müssen, zumindest bei den Stammgästen."


    Der Kunstturner bemerkte seine Konsterniertheit und klärte ihn auf: "Jeder, der zum ersten Mal in Lycraworld Urlaub macht, bekommt als Willkommenspräsent eine geräumige Reisetasche. Nicht allzu aufwändig, aber auch keineswegs billig. Und die Gäste wissen zunächst nichts damit anzufangen."


    "Äh..., kann ich nachvollziehen", bestätigte der Autor noch keinesfalls klarer sehend.


    "Das klärt sich nach den ersten Tagen. Ist nämlich wirtschaftliches Kalkül. Nachdem die Gäste erst einmal erlebt haben, was es da alles an Kleidung gibt, werden ja auch Begehrlichkeiten geweckt. Bei der Abreise brauchen die meisten den zusätzlichen Stauraum für die ganzen Neuerwerbungen."


    "Jetzt verstehe ich das Geschäftskonzept. Die Gäste dürfen alles umsonst probieren und das was ihnen gefällt auch noch verbilligt erwerben. Letztlich macht´s die Masse."


    Der Kunstturner zwinkerte ihm verstehend zu.


    "Doch nicht dass du jetzt glaubst wir würden das schlecht finden", mischte sich die Gymnastin ein. "Es ist eher eine Win-Win-Situation aus der jede Seite ihre Vorteile zieht."


    So genau hatte er über das Konzept von Lycraworld noch gar nicht nachgedacht. Vielleicht müsste er auch einmal dort Urlaub machen. Offenbar gab es hier an Bord nur zwei Kategorien von Menschen. Die einen, die schon mal dort waren und die anderen, die unbedingt mal dorthin wollten. Und diese Rechnung ging auf, ohne dass jemand dabei benachteiligt wurde.


    "Warum ist die andere Passagierin eigentlich nicht mitgekommen", fragte die Frau im violetten Gymnastikdress und holte ihn damit aus seinen Gedanken.


    "Ich glaube sie wollte zuerst duschen und sich umziehen", antwortete der Autor. "Schließlich hatte sie noch mehr geschwitzt als ich und mich habt ihr schön gehörig durch die Mangel gedreht."


    "Ach, das gibt sich", meinte sie.


    "Nach dem zehnten oder zwölften Mal...", ergänzte ihr Ehemann ironisch.


    "Also ich kann nicht versprechen morgen früh wieder mit gleichem Elan von der Partie zu sein. Vielmehr werde ich an Muskelkater in Regionen leiden, von denen ich bisher überhaupt nichts wusste."


    Damit verabschiedete sich der Autor vom Tisch und freute sich auf eine ausgiebige Dusche.






    Kapitel 2.7 Rainer und Tobias


    Ihm war schlecht, und es konnte nicht alleine der zu erwartende Kater sein. Sein überreizter und auf Hochtouren laufender Geist ließ trotz aller Anstrengung keinen klaren Gedanken zu. Mit pumpendem Herz saß er noch immer auf dem Bett, diesmal auf seinem eigenen.


    "Jetzt komm mal wieder runter", wies ihn sein bester Freund an. "Was soll denn schon passiert sein?"


    Tobias hatte ebenfalls einen Brummschädel.


    "Schau uns doch an, wir sind beide vollständig angezogen."


    Rainer barg sein Gesicht in den Händen. "Ich weiß nichts mehr von gestern Abend. Null. Totaler Filmriss."


    "Ich weiß doch auch nichts mehr", klagte Toby. "Das letzte woran ich mich erinnere, ist dass wir zusammen gesungen haben. Und du zitiertest noch ein asiatisches Sprichwort, was besagt dass man dann mit dem Trinken aufhören solle, wenn man der Meinung sei, dass einen die Anderen singen hören wollen."


    "Oh Mann", lamentierte der immer noch im Flammenanzug steckende.


    "Was danach geschah, weiß ich auch nicht mehr. Ehrlich", beteuerte sein Kumpel in den wie feucht glänzenden Wetlook-Sachen.



    Selbst die belebende Dusche brachte keinerlei Aufklärung. Rainer machte sich Vorwürfe. Was, wenn er... Das konnte nicht sein! Konnte es nicht sein, weil es nicht sein durfte?

    Die Grübeleien brachten ihn nicht weiter. Er stieg in seine blauen Radler, während Tobias die Dusche benutzte.


    "Mann, mach dich doch mal locker", rief dieser aus dem Bad. "Was ist denn daran so schlimm? Wir waren abgefüllt und sind im gleichen Bett aufgewacht. Sei mal ein bisschen liberaler. Du bist doch sonst nicht so spießig."


    Sonst habe ich auch nicht die Hand an einem anderen Mann und finde es auch noch erregend, dachte Rainer und schnürte sich die Laufschuhe.


    Tobias kam mit dem Handtuch um die Hüfte aus dem Bad und durchsuchte einige Badeanzüge, die in dem kleinen Schrank hingen.

    "Was soll schon passiert sein? Wir waren doch beide nicht mehr Herren unserer Sinne. Wahrscheinlich sind wir bewusstlos eingepennt. Und selbst wenn ein bisschen Fummeln dabei war, so what?"

    Zwischenzeitlich hatte er gefunden wonach er gesucht hatte. Ein Wettkampf-Schwimmanzug in schwarz mit künstlich nachgebildeter Delphinhaut-Oberfläche.


    Toby schien das alles ohne großen Aufhebens auf sich beruhen lassen zu wollen. Vielleicht hatte er sogar Recht. Vielleicht machte Rainer sich zu viele unnötige Gedanken.


    "Ich geh´ schon mal vor", sagte er, da sein bester Freund offenbar noch einige Zeit zum anziehen brauchte. "Ich bring´ noch meine Sachen zur Reinigung."






    Kapitel 2.8 Die Katzenfrau


    Noch vor dem Frühstück sah sie in der "Kleiderkammer" vorbei. Dieses Deck entwickelte sich so langsam zu ihrem Lieblingsort auf dem Schiff. Erst mit der Zeit bekam sie einigermaßen einen Überblick über das Angebot und stöberte nicht mehr auf´s Geratewohl.

    Es war bereits einiges los hier. Die hatten schon seit sechs Uhr geöffnet und brauchten sich nicht über mangelndes Interesse zu beklagen. Nicht nur die Präsentationsräume wurden frequentiert, auch die Reinigungs- und Reparaturannahme hatte schon zu tun.


    Sie hätte den Mann, der sie gestern hatte abblitzen lassen fast nicht wieder erkannt, so anders wirkte er. Es war nicht die schlichtere Kleidung, die vor allem aus einem Paar blauen Radlerhosen bestand. Nein, er wirkte irgendwie durcheinander und auch ein wenig abwesend. Als ginge ihm ziemlich viel durch den Kopf.


    "Guten Morgen", begrüßte sie ihn als er gerade dabei war seinen "Flammenanzug" zur Reinigung abzugeben.


    Er erschrak und drehte sich ruckhaft zu ihr. "Hallo", antwortete er etwas antriebslos und hielt dem Mitarbeiter der Annahme sein Armband zum scannen hin.


    "Sollen wir die Sachen in die Kabine liefern?", fragte dieser.


    "Kabine ... ja ...", murmelte der Flammenmann, der momentan nicht mal mehr die Leuchtkraft einer Kerze besaß. Dann schien er sich bewusst zu werden, wie unklar er sich ausgedrückt hatte und riss sich zusammen: "Ja, bitte in die Kabine liefern."


    Noch bevor die Katzenfrau dazu kam Smalltalk mit ihm auszutauschen, war er auch schon wieder verschwunden.


    Sie indes, holte den "Snakesuit" ab und wollte eigentlich an den Ausstellungsräumen vorbei gehen.

    Eigentlich.

    Aber ehe sie es sich versah, glitten ihre Hände auch schon wieder über die Kleidungsstücke aus dem Material, welches sich so gut anfühlte.

    Ein Paar Capri-Leggings fielen ihr als erstes auf. Sie waren Gelb, etwa in dem Farbton den man in Deutschland noch immer mit in mit der Paketbeförderung assoziierte. Knapp oberhalb des Knies verlief ein etwa zehn Zentimeter breiter Streifen hellerer Farbe, mehr so zum Zitronengelben tendierend. Allerdings nicht waagrecht, sondern schräg nach Innen gerichtet, was die leicht geschwungene Kurve ihrer Oberschenkel unterstrich. Der letzte Rest der Hose, welche nur knapp unter die Knie reichte, war dann fast völlig weiß.

    Dazu wollte sie einen einfachen Badeanzug kombinieren, fand aber nichts passendes. Alles war entweder optisch zu aufwändig, oder sah so elegant aus, dass man an einem sonnigen Tag an Deck unweigerlich Overdressed wirkte. In der Abteilung "Auslaufmodelle" wurde sie schließlich fündig. Ganz regulär Unifarben und ohne besonderen Glanz. Sein Orange war fast pastellartig und passte zu den Tights wie nichts anderes.


    So auf Urlaubsfeeling eingestellt, konnte der Tag beginnen.

  • Danke Lycwolf für deinen qualitativen und auch quantitativen Nachschub an "Stoff".

    Am besten finde ich die Kapitel 2.5 und 2.7. Jemand, der erst mal erkennen muss, was abgegangen ist.

    Auch die genüsslich ausgekostete Rache von 2.4 findet meinen Anklang. Sofern ihr da keiner in die Suppe spuckt ... was immer noch passieren könnte.

    Viel Gefühl.

    Aber nun - Almeria. Neue Leute an Bord, alte von Bord? Bin gespannt.

  • Besten Dank für eure Kommentare.


    Was die Größe der Borealis angeht, so habe ich mir ehrlich gesagt nur wenig Gedanken drüber gemacht. Ein Anhaltspunkt wären zumindest die max. 360 Passagiere, die man in acht bis zehn Rettungsbooten unterbringen kann. Leider kenne ich die Autofähren am Bodensee nicht, deshalb kann ich damit keinen Vergleich ziehen. Auf jeden Fall zählen die Borealis und die Australis (setzt man jeweils "Aurora" davor erhält man das Nord- und Südpolarlicht) zu den kleinen Vertretern der Kreuzfahrtschiffe.


    Weiter gehts mit einigen Bekannten, die in Almeria dazu stoßen, sowie etwas Aufklärung für Rainers gestrigen Abend.

  • Kapitel 2.9 Der Autor


    Das angenehmste nach dem Frühstück und einer wohltuenden Ganzkörperreinigung, versprach die Ankunft der restlichen Passagiere. Im Grunde hatte er bereits genügen Material für einige neue Geschichten, doch die Neugier obsiegte. Und außerdem waren hier nicht soviele Gäste konzentriert wie auf Ober- und Achterdeck.

    Da er sowieso kein Freund ausgedehnter Sonnenbäder war, kehrte er zurück zu den dunkelgrünen Laufhosen und dem roten Gymnastikanzug.


    In der Vorhalle bei der Gangway angekommen, sah er zuerst den rostroten Haarschopf von Leonie, der Repräsentantin des Veranstalters. Auch der typische, grün glänzende Ganzanzug war mit von der Partie. Sie umarmte gerade herzlich eine ebenfalls rothaarige Frau in auffällig roten Leggings. Die würde sehr gut zu meinem Oberteil passen, dachte der Autor still ohne aber tatsächlich ein solches Ziel zu verfolgen.


    "Schön dass ihr es geschafft habt", sagte die grüne Dame, auch mit Blick auf den Begleiter der Rotbeinigen. Dieser mühte sich noch mit einem reisetauglichen Rollkoffer aus dunklem Sperrholz mit Schutzkanten aus Aluminium ab.


    "Es ist alles vorbereitet", fuhr Leonie fort. "Ihr könnt direkt im breiteren Teil des Ganges im Hauptdeck aufbauen. Noch oberhalb unseres Fundus´ und der Wäscherei ..."


    Damit waren die Drei auch schon verschwunden. Jedoch hörte er sogar noch um die nächste Ecke ein lautstarkes "Hallo" einiger weiblicher Stimmen. Wie wenn sich Freundinnen begrüßen, die sich länger nicht gesehen haben.


    Weitere Passagiere betraten das Ausflugsschiff. Teils in Lycra, teils noch in "Zivil". Sehr viele waren es nicht und etwas außergewöhnliches - also für die hiesigen Verhältnisse außergewöhnlich - gab es auch nicht zu beobachten.


    Außer vielleicht die beiden etwas ungleichen Mädels, die gerade den Laufsteg herauf kamen. Die beiden schafften es, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

    Die schwarzhaarige war relativ klein gewachsen. Nicht direkt pummelig aber äußerst kurvenreich. Ihre "Retro-Trainingshose" mit dem breiten Seitenstreifen unterstützte dies noch. Ebenso wie das hellgrüne T-Shirt-Top, das noch nicht einmal bis zum Bauchnabel reichte. Und fast machte es den Eindruck, als sei die Füllung des Stoffs der Grund für die Kürze. Dass man ihren Leib dennoch nicht unbekleidet sehen konnte, war einer Schicht ebenfalls grünen Lycras geschuldet. Bei dem hochglänzenden Gewebe konnte es sich nur um einen Badeanzug handeln, auch wenn man lediglich den Bereich um die Taille zu sehen bekam.


    Ihre Begleiterin stellte optisch den völligen Gegenentwurf dar. Sie war schlank. Verdammt schlank, nahe an der Grenze zu "dürr". Und sie war groß. Verdammt groß, was natürlich von der Schlankheit noch betont wurde. Bestimmt knapp an die Eins-neunzig und das bei flachen Espadrilles an den sehnigen Füßen. Die schwarzen Leggings wirkten an ihr eher wie eine "Hochwasserhose", so viel des Unterschenkels gab sie preis. Darüber trug sie ein T-Shirt in hellem Flieder mit einigen Blumenmotiven.

    Auffälliger als ihre Statur war jedoch ihr ständiger Redefluss, den man schon vernehmen konnte bevor die Beiden auf die Rampe traten. Verstehen konnte er davon jedoch nichts, denn die Umgebungsgeräusche waren für die Entfernung noch zu laut. Witzig, dass sie ständig weiter plapperte, obwohl ihre rassige Begleiterin sich nicht mal die Mühe machte ihr zuzuhören.


    Auf der anderen Seite der Eingangshalle erspähte er die Lederbraut mit der punkigen Anmutung und ihren raumgreifend gebauten Partner. Es sah aus, als hätten die Beiden eine Meinungsverschiedenheit. Jedenfalls ließ sich das aus deren Gestik schließen. Dann verschwand er und sie blieb zurück.


    "... dachte das Schiff wäre größer, du nicht auch? Bin mal gespannt wie das so alles ist. Schade, dass von den Anderen keine Zeit hatte mitzukommen. Ich war noch nie auf einer Kreuzfahrt. Ich kenn´ das nur vom "Traumschiff", aber das hier sieht anders aus. Viel moderner, findest du nicht auch?"


    Diese Frage der großen, schlanken bewirkte eine kurze Pause in ihrem Redefluss, als sie auf die Bestätigung ihrer knuddeligen Begleiterin wartete. Diese quittierte die Frage lediglich mit einem etwas abwesenden: "Hm hmm."


    Und schon ging es weiter mit, wie er fand, Belanglosigkeiten. Diese musste er jedoch nicht En Detail ertragen, da er kurz für Gepäckstücke Platz machen musste. Derweil war die Gruftige in der Ledermontur herangetreten und trotz ihrer Antihaltung verlief die Begrüßung herzlich, wie man es unter Mädels gewohnt ist.


    Doch schon gleich darauf öffnete der rhetorische Wasserfall wieder seine Schleusen: "... du wirst es nicht glauben, Nasrin, was wir alles erlebt haben. Aitanas Eltern haben hier ein Landgut und Andalusien ist fast wie der Himmel auf Erden. Sonne, Natur, Tiere. Habe ich schon erwähnt, dass die so richtige Ochsen haben? So riesige, wie man sie vom Stierkampf her kennt? Ein grausames Spektakel, aber mittlerweile ist das ja als Tierquälerei überall verboten. Aitanas Eltern machen das sowieso nicht. Die sind richtig nett. Ihre Mutter sieht fast genauso aus wie sie. Ihr Vater spricht aber nur Portugiesisch, neben Spanisch natürlich. Mit dem konnte ich mich nicht so unterhalten. Und ihr Onkel hat sogar ein Weingut. Den haben wir besucht. Warst du schon mal auf einem Weingut? Ich nicht, aber es war wahnsinnig interessant. Es war aber noch keine Erntezeit ...."


    Und das alles ohne Punkt und Komma. Der Autor fragte sich, ob diese junge Frau auch mal Luft holen müsse?


    "... und, wie ist das Schiff? Hast du dich schon eingelebt? Warum sagt ihr beiden denn nichts?"


    "Weil du uns nicht zu Wort kommen lässt", warf die schwarzgelockte ein, die offenbar Aitana hieß.


    Die Lange stutzte kurz, wollte dann aber sofort wieder zum nächsten Monolog ansetzen, wurde jedoch von der Punkerin unterbrochen: "Mia, jetzt beruhige dich mal. Die Leute schauen schon."


    Dabei sah sie unter Anderem auch ihn mit ihren schwarz umschminkten Augen verächtlich an. Doch diese Mia gab tatsächlich Ruhe und nun konnte auch die kurvige Spanierin zu Wort kommen.


    "Wie geht´s dir?", fragte sie die Lederbraut. "Und wo ist Vincent?"


    "Ach ihr kennt ihn ja. Er fühlt sich fehl am Platz wenn er nicht wenigstens irgendwas technisches machen kann. Gerade eben noch haben wir uns darüber gestritten, weil er nicht mal Fünf Minuten erübrigen konnte um euch zu begrüßen."


    "Was treibt er denn schon wieder?", hakte Aitana nach.


    "Die Gäste auf dem Schiff dürfen was Aufführen, wenn sie wollen. Erst hat ihn eine Gruppe von Furries angesprochen ob er ihnen ein bisschen behilflich sein könnte."


    "Furries?", fragte Mia ungewöhnlich Wortkarg nach.


    "Lebensgroße Kuscheltiere", erklärte die Stachelhaarige, deren Namen er mit "Nasrin" zu erkennen meinte, sich aber nicht ganz sicher war.


    "Aber das ist noch nicht alles", fuhr diese fort. "Eine Gruppe die mehr so nach Theaterperformance aussieht, belegt ihn ebenfalls mit Beschlag, deshalb musste er sofort dorthin. Naja, ich bring´ euch mal zu eurer Kabine."


    Bereits im Gehen startete das Plappermaul wieder: "... dann können wir ja auch was vorführen. Was haltet ihr davon? Wir könnten ..."


    Damit war das illustre Trio verschwunden. Und er Autor setzte seine Rundgang fort um dann vom Oberdeck aus das Ablegen verfolgen zu können.

  • Kapitel 2.10 Rainer und Tobias


    "Na, Hochzeitsnacht gut verbracht?", fragte eine der Gymnastik und Fitness-Truppe schmunzelnd als Rainer in den Frühstücksraum trat. Darauf konnte sich keinen Reim machen, aber er war auch viel zu durcheinander um weiter darauf einzugehen.

    Toby saß bereits am Tisch und hatte einiges an Speisen um sich herum angehäuft. Unerklärlich, dass jemand der so verfressen ist, gleichzeitig so schlank sein konnte.


    "Was hat das zu bedeuten, dass die Mädels da vorn so grinsen?", fragte er seinen Freund im dunklen Schwimmanzug.


    "Ehrlich, ich habe keine Ahnung", meinte Tobias. "Mich haben sie auch schon angesprochen. Wahrscheinlich haben wir uns gestern ordentlich daneben benommen."


    "Hoffentlich werden wir die Leute hier nie wieder sehen müssen", seufzte Rainer in unübertriebener Hoffnung.


    Das Frühstück verlief recht schweigsam. Jeder der beiden versuchte verkrampft die Erinnerung an den gestrigen Abend wieder zu gewinnen, aber vergeblich.


    "Na Jungs, geht´s wieder?"


    Das war einer der "Graphic-Leggings"-Träger und zumindest Tobias begann etwas zu dämmern. Nach dem Karaoke waren sie nochmal zurück zur Tanzveranstaltung "Auf einen Absacker" gegangen. Und eben diesen Typ mit den Alien-Leggings hatte er vergeblich anzugraben versucht.


    "Ich glaube so ein bisschen was fällt mir gerade wieder ein", sagte er zu seinem Freund. "Zumindest ein flottes Tänzchen haben wir noch zusammen auf´s Parkett gelegt."


    Rainer verging der Appetit und er blickte sich verlegen um. Er hatte den Eindruck dass jeder im Raum ihnen zumindest schelmisch zulächelte.

    "Ich hol mal noch was zu trinken."


    Vor dem Buffet standen zwei von der Turn- und Fitnessgruppe zusammen. Auch wenn er sich schämte, musste er einfach nachfragen: "Könnt ihr mir ein wenig auf die Sprünge helfen? Wegen Gestern?"


    Was ihm entgegen kam, konnte man schon schadenfrohes Grinsen nennen.


    "Hast du etwa einen Filmriss?", fragte die Eine und ihre Freundin ergänzte "Da war doch eigentlich nichts schlimmes dabei, eher lustig."


    Rainer holte tief Luft, verzog säuerlich sein Gesicht und meinte: "OK, gebt´s mir."


    "Na ihr beiden wart Hacke dicht und wolltet eigentlich nur noch einen "auf den Heimweg" nehmen. Jedenfalls hast du das allen gesagt. Und dein Kumpel hat überall herumerzählt dass du wegen deiner Scheidung den Weltschmerz alleine beanspruchen würdest."


    Der O-Saft von eben ließ seine Eingeweide rumoren.


    "Um ihn Lügen zu strafen, habt ihr uns dann ein fröhliches Tänzchen vorgeführt. So etwas zwischen Rumba und Foxtrott, aber noch nicht mal schlecht."


    "Zumindest bis kurz vor Ende", sprang die zweite Turnerin ein. "Dann seid ihr gestolpert und konntet mehrere Minuten vor Lachen nicht mehr aufstehen. Du hattest in vollem Ernst verkündet, Man sei nicht betrunken, so lange man noch auf dem Boden liegen könne ohne sich festhalten zu müssen."


    Rainer hüstelte. "Danke für die Aufklärung, aber mir geht immer noch kein Licht auf. Es ist als ob ihr von jemand fremden sprechen würdet."


    Wieder sah er verlegen auf den Boden und wollte sich bereits abwenden, als die Erste noch hinzufügte: "Und dann habt ihr euch gegenseitig gestützt und von uns allen verabschiedet."


    Mit irgend etwas hielt sie noch zurück, deshalb sprang ihre Freundin ein: "Beim Gehen hast du jedem, der es hören wollte oder auch nicht erklärt, dass du am besten dran wärst wenn du als nächstes deinen besten Freund heiraten würdest. Und du hast uns alle zur Hochzeit eingeladen."


    Jetzt bekam seine Gesichtsfarbe die Anmutung eines Feuerlöschers.


    "Ich fand das eigentlich süß. Betrunkene und Kinder sagen schließlich immer die Wahrheit. Tschüüss", verabschiedeten sich die zwei und tänzelten davon.


    Mit der Karaffe Wasser in der Hand stellte sich Rainer vor eine der Säulen welche das darüberliegende Deck stützten, lehnte seinen schmerzenden Kopf daran und hoffte, dass sich der Boden unter ihm auftäte.

  • Sehr schön. Wir haben nun vier Charaktere vom "Hahn im Korb" auf der Borealis, wenn ich mich nicht verzählt habe (Mia, Aitana, Nasrin und Vincent).

    Armer Rainer. Ich fühle mit ihm und würde mich wohl auch verkriechen wollen. Alkohol sollte man nur in Maßen und nicht in Massen genießen.

    erspähte er die Lederbraut mit der punkigen Anmutung und ihren raumgreifend gebauten Partner

    Klasse formuliert.

  • Kapitel 2.11 Der Ermittler


    Auf seinem Weg zu einem der W-Lan-Hotspots fielen ihm Bedienstete auf, die mit großen, weißen Leinensäcken in Richtung der hinteren Bereiche des Schiffs unterwegs waren. Optisch erinnerte es mit den vielen runden Ausbeulungen an Kartoffelsäcke. Allerdings waren sie so groß, dass bestimmt sechs Zentner hineingepasst hätten. Was keiner der Träger zu bewältigen im Stande gewesen wäre.


    Noch bevor er sich um neue Kleidung kümmern konnte, stand der Job auf dem Plan. Der Abend mit seiner Bordbekanntschaft hatte ihn das alles völlig vergessen lassen.

    Nach dem Abendessen hatten sie die Zeit bei Tanz und Unterhaltung verbracht. Zusammen mit vielen anderen Gästen. Alles verlief sehr angenehm und bestimmt würde er sich darum bemühen sie wieder zu treffen. Überhaupt war die Stimmung unter dieser Personengruppe unheimlich relaxt und erinnerte sogar in bester Weise an die Unbekümmertheit der frühen Siebziger. Nie hatte er gedacht mal bei solchen "Abartigkeiten" mitzumachen. Doch dieses Urlaubsfeeling störte seine eigentliche Arbeit und nicht zum ersten Mal fiel es ihm hier schwer, sich darauf zu konzentrieren.


    Als sein Tablet schließlich die Verbindung zum Bordnetz suchte, kam einer der beiden Männer vorbei, die gestern Abend noch für ziemlichen Aufruhr im Tanzsaal gesorgt hatten. Er wirkte schwer verkatert, was absolut verständlich war, so wie sie die Gäste unterhalten hatten.

    Er selbst jedenfalls, war nicht aus der Rolle gefallen und hatte sich höflich und mit Dank für den Abend von seiner Begleiterin verabschiedet.


    Das Unvermögen eine stabile Netzanbindung zu bekommen, holte ihn in die Gegenwart zurück. Er probierte es noch mehrere Male, bis er es schließlich aufgeben musste. Brand-Köhlmeyer hatte von wichtigen Unterlagen gesprochen, die ihm weiterhelfen würden. Also musste er einen anderen Weg finden.

    Einer der Stewards, wegen des Hafenaufenthalts wieder in kompletter Uniform, klärte ihn über momentane Störungen auf und bot ihm an sich kundig zu machen, ob das Datenpaket über die Funkstrecke abgerufen werden könne.



    "Van Doornen", stellte sich der athletisch gebaute Enddreißiger in der weißen Uniform vor, der ihm keine Zehn Minuten später die Hand schüttelte. "Zur Zeit haben wir Schwierigkeiten mit der internen Signalverteilung, was aber an Störquellen im Hafen liegt. Unsere Satellitenverbindung funktioniert problemlos. Da wir uns bereits auf´s Ablegen vorbereiten, können wir Ihnen kurz die Direktanbindung anbieten."


    Er hatte nicht damit gerechnet gleich auf die Kommandobrücke gelassen zu werden und schon gar nicht, dass sich der Erste Offizier persönlich um seine Belange kümmerte. Das war ihm fast schon peinlich, denn bis sie wieder auf See waren hätte er schon noch warten können.


    "Nutzen sie den Bereitschaftsraum", wies der Stellvertreter der Kapitänin auf eine kleine möblierte Kammer, die direkt mit der Brücke verbunden war.


    Er bedankte sich und stellte problemlos die Verbindung her. Es gab eine Mail seines Auftraggebers und einige Dokumente. Telefonverbindungslisten, Durchschläge von Autovermietungen in Frankreich und Portugal und unvollständige Positionsbestimmungen von Fahrzeugtranspondern. Nichts was er nicht selbst schon herausgefunden hatte. Die Daten waren viel zu alt. Letzte Woche hätte er damit etwas anfangen können, aber auch diese Hinweise endeten alle im Gewerbegebiet von Lissabon.

    In seiner E-Mail unterstrich Brand-Köhlmeyer noch einmal in seiner ihm eigenen Herzlichkeit die Wichtigkeit umgehend Resultate zu erzielen. Auch wenn er es nicht direkt beschrieb, so ließ der Text den Schluss zu, dass andernfalls sein Auftrag schnell beendet sein könnte.


    Etwas in Gedanken darüber wie er nun weiter vorgehen sollte, verabschiedete er sich von der Brückencrew und beschloss erst einmal zu frühstücken.






    Kapitel 2.12 Die Katzenfrau


    Almeria mit seinen endlosen "Plastikfeldern", den überdachten Gewächshäusern, lag bereits achtern im Dunst, als die Sonne des späten Vormittags ihren orangegelben Körper wärmte. Sie schlenderte ziellos über die Decks der Backbordseite, von wo aus man die schwindende Küste Andalusiens betrachten konnte.

    Zu planen wie sie am unverfänglichsten von Marseille nach Monaco kommen würde, hatte noch drei Tage Zeit und so genoss sie den Müßiggang.

    Achtern angekommen sah sie mit an, wie der bisher abgesperrte kleinere Pool mit Unmengen von bunten Plastikbällen aus weißen Leinensäcken gefüllt wurde. Ein "Bällebad" im wahrsten Sinne des Wortes. Konnte ganz Lustig werden.


    Vom Heck des Schiffs gab es auf jedem Deck direkten Zugang zum Inneren und das Schlendern konnte sie genauso gut auch in den Gängen um die Räumlichkeiten für alle möglichen Freizeitaktivitäten fortsetzen.

    Drinnen auf den Hauptdeck in der Nähe des Tanzsaals, noch bevor die Treppe hinunter ins ElDorado für Lycrafans führte, wurde gerade eine Leinwand samt Projektor aufgebaut. Der sportliche Mann in den seidenmatten schwarzen Leggings und dem Unterhemd-artigen Lycra-Top, der auf einer Leiter das Bild justierte, war bis auf kurze Stoppeln Kahlköpfig. Eine durchtrainierte Frau in silbernen Wetlook-Hotpants und einem matten Badeanzug in Pink war damit beschäftigt einen Infostand aufzubauen. Die Katzenfrau konnte lediglich Fragmente ihrer Unterhaltung aufschnappen und demzufolge konnten es Franzosen sein. Bestimmt würde sich noch zeigen, was hier angepriesen werden sollte.


    Sie setzte ihren Spaziergang entlang der inneren Fensterreihe des Schiffs fort und stieß fast mit jemandem zusammen, der aus einem der angrenzenden Räume trat.


    "Denkt daran, die Bewegungen müssen absolut präzise aber auch ruckartig und maschinenhaft sein", rief er ungefähr fünf oder sechs Leuten zu, die um diverse Musikinstrumente herum standen. Als dieser bemerkte, dass er jemandem im Weg stand drehte er sich um und meinte: "Sorry, hab´ dich nicht gesehen."

    Dann machte er sich davon als hätte er noch einen wichtigen Termin.


    Es war der Wohlbeleibte, der bei der Eröffnungsrede das Mikrofonproblem gelöst hatte. Im Gehen konnte sie gerade noch den Text auf seinem verwaschenen und irgendwann mal schwarz gewesenen T-Shirt lesen: "If it´s too loud, you´re too old!"


    Der Korridor führte an seinem anderen Ende wieder nach Draußen und sie entschied sich dafür, sich bei der milden Brise etwas aufzuwärmen. Wie überall waren auch hier genügend Liegestühle vorhanden.






    Kapitel 2.13 Der Ermittler


    Es ging bereits auf die Mittagszeit zu, als er sich zum Bug des Kreuzfahrtschiffs vorgearbeitet hatte. Auch hier gab es reges kommen und gehen. Seit vor vielen Jahren der tragische Untergang eines dadurch berühmt gewordenen Passagierdampfers neu verfilmt wurde, wollte jeder einmal "König der Welt" sein. Und die Konstrukteure dieses Schiffs hatten sich diesem Wunsch angenommen. Der Bereich um den Bug war größtenteils für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Spitze war sogar als eine Art Käfig ausgebildet, etwa Einsfünfzig hoch vergittert, damit ja keiner der "Generation-Selfie" dabei über Bord ging.


    In der letzten viertel Stunde hatte er bestimmt Zehn Mal die Pose mit den ausgebreiteten Armen erleben dürfen, meist Paarweise. In durchaus großer Qualitätsspanne und in unterschiedlichsten Kleidungsvarianten. Obwohl die meisten für einen sonnigen Tag an Bord relativ sparsam bekleidet waren, fand sich auch das Gegenteil. Zum Beispiel das Paar in kompletter Zentai-Verhüllung, inklusive Gesichtsfeld. Er in Silber-Metallic, was fast wie verchromt wirkte und die Sonnenstrahlen wie eine altehrwürdige Discokugel streute. Sie in einem fast schwarzen tiefblau mit kosmologischen Motiven von Galaxien und Sternballungen.


    Er selbst hatte, nachdem die Unterlagen seines Auftraggebers keine neuen Erkenntnisse gebracht hatten, entschieden seine Garderobe im hier angesagten Stil zu erweitern.

    Die Kleiderausgabe war ordentlich gefüllt und er konnte nicht ungestört überall herumstöbern. Um seinen kalkweißen Schlegeln etwas Sonne zukommen zu lassen, wählte er Lycrashorts in dunklem Grau. Kürzer als Cycling-Tights und in attraktivem Wetlook. Darüber kam ein klassisches Turntrikot in mittlerem Blau mit weiten Hals- und Armausschnitten, die den Body eher wie ein Trägerhemd wirken ließen.


    Und nun stand er hier am Bug, die Nase im Fahrtwind und sah den Verliebten zu wie sie sich der ruhigen See entgegen reckten. Ihm kam es vor als wäre er mal wieder an einem Wendepunkt im Leben angekommen. Erst konnte er nur wenig Verständnis für diese Klientel an Bord aufbringen. Doch mittlerweile sah er darin etwas befreiendes. Die Kleidung tat ihm gut. Alles was fehlte war eine Partnerin, mit der er sich ebenfalls am Bug des Schiffs lächerlich machen könnte. Erst seit gestern Abend gestand er sich ein, dass dies wichtiger war als gutbezahlte Jobs. Und wie es schien, kam ihm das Leben entgegen, denn sein Auftrag war so gut wie beendet. Zum ersten Mal in seiner Karriere erfolglos. Er nahm das als Zeichen, dass es Zeit für etwas Neues war.


    Irgendwann würde er freilich wieder etwas arbeiten müssen, aber die nächsten zwei Jahre konnte er mit dem überbrücken was er angespart hatte. Eigentlich war er seit ewiger Zeit nicht mehr richtig in Urlaub gewesen. Mit der angenehmen Gesellschafterin von gestern Abend könnte er sich das Nichtstun gut vorstellen.

  • Kapitel 2.14 Die Katzenfrau


    Die dreiviertel Stunde Relaxing hatte sie erfrischt. An diesem Vormittag schienen alle Passagiere ziemlich ruhebedürftig. Womöglich hatten sich auch einige am ersten Tag gleich etwas übernommen. Jedenfalls ging es sogar auf den vielen Kuschelinseln gemäßigt zu. Dennoch zählte das Fühlen des Kunstfasermaterials noch immer zu den Hauptbeschäftigungen.


    Im großen Vorraum zum Speisesaal hatte Lycraworld einen Stand aufgebaut, an welchem die Fotos von gestern großformatig ausgestellt wurden. Großformatig bedeutete, mehr als die Armspannweite eines Erwachsenen. Offenbar waren vier Bilder zur Veröffentlichung vorgesehen und die Gäste bekamen Gelegenheit sich gegebenenfalls anonymisieren zu lassen. Hierzu waren mehrere große Computermonitore aufgestellt, an denen Verpixelungswünsche ausgewählt und mit dem Scan des Armbands bestätigt werden konnten. Die fertig bearbeiteten Bilder würden dann denjenigen vor der Publikation zur Freigabe vorgelegt werden.


    Der Stand war umringt von Menschen, die sich nicht satt sehen konnten an den hochaufgelösten Fotos. Vor allem Neuankömmlinge von heute Morgen waren neidisch nicht dabei gewesen zu sein.


    "Na das ist ja mal Geil, was?", fragte eine groß gewachsene in Begleitung einer kleineren mit iberischer Anmutung, sowie einer nahöstlich wirkenden in Lederjacke und Springerstiefeln. "Schaut euch nur die vielen Leute an. Alle in Lycra. Ich dachte nicht, dass so viele auf dem Schiff sind, ihr etwa? Mensch, und was für ein tolles Abendrot und dahinter ist bestimmt das Mittelmeer, oder? Bist du auch drauf, Nasrin?", fragte sie während ihrer fortwährenden Rede, ohne jedoch eine Antwort abzuwarten. "Man kann ja echt alles erkennen. das müssen doch über zweihundert Leute sein, wenn nicht mehr. Alle recken gleichzeitig die Arme hoch. Das sieht echt stark ..."


    Die Katzenfrau bemühte sich dieses entfesselte Geplapper über offensichtliches auszublenden und die Stimmung der Aufnahmen auf sich wirken zu lassen. Auf jedem der vier Bilder konnte sie sich entdecken. Vollständig verhüllt in ihrem Schlangenoutfit. So gesehen könnte keiner behaupten, dass sie je auf diesem Schiff weilte.

    Die zahlreichen. bunten Lycrasachen überall, ließen sie diesen Nachmittag nochmals nacherleben. Das war der Zeitpunkt, an dem aus der flüchtenden eine Teilnehmerin eines außergewöhnlichen Urlaubs wurde. Seither fühlte sie sich sicher und ließ nicht nur die Urlaubsstimmung in sich eindringen. Vielmehr dachte sie darüber nach, ob sie das vor ihr liegende, neue Leben alleine verbringen wollte.

  • Ich genieße jedes Mal die schönen Erlebnisse auf dem Schiff.

    Und - wer Mia hat, braucht sich um Unterhaltung nicht zu kümmern.

    Brand-Köhlmeyer (der Name klingt schon irgendwie nach Unsympath) drängelt, der Ermittler fahndet still und leise. Fragt sich nur, in welchem Auftrag.

    Ach so, die Frauen, die Rainer über den Abend aufklärten, könnten dann ja auch welche von der Tu Fi Ta sein...

  • Danke Desi.

    Klar, Brand-Köhlmeyer ist als Unsympath geschaffen worden. Ähnlich wie dein "Dirk" (Der Name taucht bei mir später auch auf, ist aber ein "guter").

    Und Hinweise zu Ihm, wie auch zur Katzenfrau und dem Ermittler und wie sie alle zusammenhängen gibt es halt Häppchenweise. Später klärt sich das natürlich alles auf, aber man will ja noch ein wenig Spannung beibehalten.


    Übrigens, bekommen mit der Zeit alle Akteure auch Namen. Nämlich immer dann wenn sie sich entsprechend kennen lernen.


    Und ja, die Turnmädels sind von der TuFiTa. Sie werden auch irgendwann zumindest als Gruppe vorgestellt.

  • Kapitel 2.15 Der Autor


    Er hatte sämtliche Notfallmaßnahmen genau studiert und sich alles Wichtige eingeprägt. Er kannte seinen Fluchtweg und war genauestens über das Evakuierungsprozedere informiert. Er liebte Regeln und geplante Abläufe, selbst wenn sie unangenehme Begebenheiten betrafen.

    Nervös erwartete er den Beginn der Notfallübung in seiner Kabine. Das würde wie ein Abenteuer werden, auf das er sich bestens vorbereitet hatte. Die mehreren Schichten Lycra, die er wie beim Cocooning übereinander gezogen hatte, waren bei den Temperaturen im Mittelmeer vielleicht etwas viel des Guten, doch er wollte es so realistisch wie möglich simulieren. In einem wirklichen Notfall konnte ihm das sein Leben retten.


    Zu unterst trug er einen weißen Ganzanzug mit Fußteilen, aber ohne Hände oder Kopfhaube. Darüber folgten bordeauxrote Leggings mit Steg und ein ähnlicher Gymnastikbody wie der Rote, nur in Blau. Ebenfalls langärmlig und hoch geschlossen, aber zusätzlich mit einer gesichtsoffenen Kapuze, die er aber herunter gerollt um den Hals trug. Dazu noch seine Laufschuhe und dicke Wollsocken. Im Ernstfall würde er noch Hose und Jacke darüber ziehen, was ihm hoffentlich die nötige Überlebenszeit im kalten Wasser einbringen würde.


    Kaum war das erste Hup-Signal mit seinem durchdringenden Warnton verklungen, war er auch schon auf dem Weg. Seine wasserdichte Gürteltasche mit allen wichtigen Identifikationsmitteln und etwas Bargeld schlang er noch im Gehen um sich. Diejenigen denen er begegnete, schienen die Sache weit weniger ernst zu nehmen. Viele zeigten sich sogar gänzlich unbeeindruckt von der Übung.


    Knapp anderthalb Minuten nach dem Alarm stand er bereit vor dem seiner Kabine zugeordneten Rettungsboot. Er war der Einzige. Nicht nur an diesem Boot, sondern überhaupt. Außer ihm, standen lediglich die Mitglieder der Crew bereit. Erst kam er sich blöd vor, doch von der Leiterin seiner Rettungseinheit wurde ihm anerkennendes Lob zuteil.

    Es dauerte noch geschlagene fünf Minuten bis die Ersten der weiteren Passagiere eintrudelten. Eintrudelten war die treffende Bezeichnung. Fast gelangweilt schlappten einige herbei, den Drink noch in der Hand.


    Dass er natürlich als "Vorzeigeexemplar" benutzt wurde, lag ihm weniger. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er das korrekte Anlegen der Schwimmweste demonstrieren musste. Das unangenehme Gefühl im Rampenlicht zu stehen relativierte sich aber, als er die oft vergeblichen Bemühungen seiner Mitreisenden mitansehen durfte.

    Die hatten nichts anderes verdient als abzusaufen, verfestigte sich ein Gedanke den er sich nie laut auszusprechen trauen würde.


    Den wirklich beratungsresistenten wurde eindringlich nahe gelegt, sich noch einmal intensiv mit den Prozeduren der Lebensrettung auseinander zu setzen.


    "Man meint ja gerade, ihr wolltet ein Unglück herausfordern", blökte ein Badeanzugträger, dessen Lycratextil schon beträchtlich am Leib spannte. "Die Chancen stehen doch astronomisch schlecht, dass etwas passiert."


    "Das dachten die Passagiere auf der "Costa Concordia" oder der "Estonia" auch. Das unfeine bei Wahrscheinlichkeiten ist ...", wies ihn ein Instruktor von angrenzenden Rettungsboot nachdrücklich zurecht, "... dass man nie weiß zu welchem Zeitpunkt der Fall der Fälle eintritt."


    Bevor das zu einer ergebnislosen Diskussion ausarten würde, relativierte die Leiterin der Rettungsübung: "Wir wollen ihnen nicht die Stimmung vermiesen. Natürlich wird uns nichts geschehen, aber es schadet nie vorbereitet zu sein."


    Dann wandte sie sich an alle zu diesem Rettungsboot gehörenden: "Normalerweise wäre die Übung jetzt beendet, aber als zusätzlichen Test wählen wir jedesmal ein Boot aus um dessen Mechanik zu prüfen."


    Sie grinste unter ihrer Seemannsmütze: "Und diesmal hat der Zufall dieses Boot auserkoren", dabei zeigte sie auf die orangegelbe Wand schräg unter ihnen. "Da wir absolut ruhige See haben, setzen wir heute noch einen drauf und üben zusätzlich das Ausbooten. Wenn ich also den skeptischen Herrn im Badeanzug als ersten bitten dürfte ...?"


    Ein Teil der Reling glitt automatisch beiseite und vor ihnen faltete sich das orangene Schutzverdeck des Bootes beiseite. Die Übungsleiterin schritt die zwei Stufen hinunter und sah dem angesprochenen auffordernd an. Dieser konnte sich jetzt unmöglich davor drücken, denn dann würde er sich ja vollends der Lächerlichkeit preisgeben. Er versuchte locker zu wirken als er in das leicht schaukelnde Rettungsboot einstieg, jedoch wenig überzeugend.


    Geschieht ihm gerade recht, sinnierte der Autor als plötzlich auch er angesprochen wurde.


    "Und natürlich möchten wir unseren vorbildlichsten Passagier nicht der Ehre berauben teilzunehmen."


    Mist, das wäre jetzt nicht notwendig gewesen. Aber auch er konnte nicht anders, als sich in sein Schicksal zu fügen. Dabei ging es ihm nicht um das bisschen Schaukelei. Es war wieder das mit einer Gruppe von Leuten auf engem Raum sein müssen.

    Letztlich waren sie aber nur zu zwölft. Die reguläre Kapazität lag bei Zweiundzwanzig, erfuhr er während die hydraulischen Ausleger die Nuss-Schale nach außen bugsierten. Im Notfall fänden auch anderthalb mal so viele darin Platz und er war froh, dies nicht auch noch proben zu müssen.


    Kräftige Kunststoffseile ließen das kleine Gefährt binnen kürzester Zeit auf die Wasseroberfläche hinab und wurden von den beiden Crewmitgliedern ausgeklinkt.


    "Bitte festhalten, wir drehen eine Runde um´s Schiff."


    Der Hilfsmotor wurde gestartet und es blieb keine Zeit mehr sich Gedanken über die Sitzposition zu machen. An der Innenseite entlang führte ein Seil, welches als Handgriff dienen konnte. Ansonsten war das Boot spartanisch ausgestattet. Eine ringsum führende Sitzbank mit Kunststoffbezug, ein kleiner Führerstand am Heck und Freiraum in der Mitte. Dort standen Kunststoffkörbe durch deren Öffnungen man Seile, Decken und Rettungsringe sehen konnte. Letztere waren auch in Form von Rettungsbojen überall im Boot verteilt. Der Autor kam nicht umhin, sich für einen kurzen Moment die Übungsleiterin in einem roten Badeanzug mit Boje in der Hand in Zeitlupe über einen weißen Sandstrand rennend vorzustellen. Zu viele amerikanische Serien hatten seinen Geist verdorben.


    Der Motor wurde lauter und sie nahmen Fahrt auf, jetzt wo sie vom Schiffsrumpf entfernt waren. Aus dieser Perspektive, knapp einen halben Meter über der Wasseroberfläche, wirkte das eigentlich kleine Kreuzfahrtschiff gigantisch. Wie eine weiße Wand türmte es sich über ihren Köpfen auf und von Oben winkten ihnen die zurückgebliebenen jubelnd zu.


    "Und wer muss jetzt ins Wasser springen?", fragte der vorlaute Badeanzugträger, der sich offenbar wieder gefangen hatte.


    Schlagfertig hielt die Leiterin eine der orangenen Bojen in die Höhe und meinte: "Tun Sie sich keinen Zwang an. Wir sind als Rettungsschwimmer ausgebildet."


    Das besserte die Stimmung an Bord, doch zu mehr Austausch kam es nicht, denn das Boot beschrieb eine weite Kurve und sie mussten sich wieder fester an die Halteseile klammern. Sie umrundeten den Bug und erreichten die Backbordseite. Hier war es sonnig und die Teilnehmer dieser Seite, die nichts vom Ausbooten mitbekommen hatten, jubelten ihnen voller erstaunen zu.

    Je mehr sie sich an das Schaukeln knapp über der Wasserlinie gewöhnt hatten, desto entspannter wurden sie. Und so winkten die "Geretteten" fröhlich zurück und begannen ihrerseits den Ausflug zu genießen.


    Auch an Heck des Schiffs waren viele Passagiere versammelt, die offensichtlich der Evakuierungsübung ferngeblieben waren.


    "In dieser Richtung seid ihr in zwei Stunden in Valencia", rief einer sarkastisch zu ihnen herunter und deutete zur fernen Küste.


    Wieder drehte das Rettungsboot eine Schleife und kehrte dann zurück zu seinem Anleger auf der schattigen Steuerbordseite.


    "Jetzt brauchen wir einen freiwilligen Helfer", rief die junge Frau mit der Seemannsmütze. "Da einer von uns beiden Crewmitgliedern den Antrieb auf Position halten muss, fehlt uns Unterstützung zum Einklinken der Hebeseile."


    "Na das wird dann wohl wieder an mir hängenbleiben", meldete sich der kräftige Badeanzugträger zu Wort. "Ich arbeite auf dem Bau, da ist das nichts Neues für mich."


    Sie nickte ihm zu und sagte: "Einfach den Federhaken fest gegen die Öse schlagen ..."


    "... der clipst dann automatisch ein", ergänzte der Passagier fachmännisch. "Ich weiß Bescheid. Was wenn ich dabei über Bord gehe?"


    Grinsend hob sie wieder die Rettungsboje in die Höhe und alles an Bord lachte befreiend.


    Bei der ruhigen See war es jedoch nicht schwierig die Seile zu fangen und mit einem fast zeitgleichen "Clonk" waren sie wieder angeleint.

    Zurück an Deck waren die meisten erleichtert wieder festere Planken unter ihren Füßen zu spüren. Gleichzeitig aber auch froh über das außergewöhnliche Erlebnis. Auf jeden Fall hatten sie für den Rest des Tages jede Menge zu erzählen.