• Kapitel 3.4 Sibylle und Norman


    "Ach, schade", bemerkte sie eine Hälfte des Kunstturn-Paars als diese ihnen auf dem Flur entgegen kamen. "Wir sind schon fertig mit der Morgengymnastik. Da haben wir uns gerade verfehlt."


    "Macht nichts", entgegnete Norman knapp und hoffte dass die Sprache nicht auf seinen Ausfall von gestern Abend kam. "Wir sind ja auch später dran."


    "Wollt ihr denn nicht auch mit auf den Ausflug?"


    "Nein, wir haben noch nichts bestimmtes geplant. Wir leben einfach mal in den Tag hinein", antwortete er und sah sein Glück darin, dass die beiden es eilig hatten zum Bus zu kommen.


    "Viel Spaß dann", verabschiedeten sie sich.



    "Sieht aus als hätten wir das Gym für uns alleine", stellte Sibylle beim Eintritt in den Fitnessraum fest.


    "Ist dir wohl ganz recht, wie?"


    "Dir nicht auch?"


    "Ach", führte er aus, "so wie letztens als die beiden Turner noch dabei waren, macht es mir weniger aus. Da habe ich noch das Gefühl der Kontrolle. Das gestern Abend war damit nicht zu vergleichen. Insgesamt bemerke ich unter diesen Gleichgesinnten trotzdem eine gewisse Besserung."


    "Geht mir ähnlich", sagte sie wenig überzeugend mit schüchterner Stimme. Was sie eigentlich sagen wollte war: ´Geht mir ähnlich, wenn ich mit dir zusammen bin“.


    Die beiden stellten sich gegenüber auf die Bodenmatte, nachdem sie ihre Handtücher aufgehängt hatten. Lockerungsübungen und allgemeines Aufwärmen startete die Morgengymnastik. Dazu etwas Stretching um den Körper auf die gymnastischen Übungen vorzubereiten.


    Sibylle hatte einen Voltigieranzug gewählt, dessen Fußschlaufen sie über ihren üblichen Jazz-Schläppchen trug. der Einteiler war Türkis mit leicht metallischem Schimmer. An verschiedenen Stellen waren matte, dunkelrote Lycradreiecke eingelassen, die das geradlinige Design unterbrachen und auf Grund ihrer Symmetrie den kurvigen Körper der Trägerin betonte. Reminiszenz an die Aerobic-Welle der Achtziger waren Stirnband, Frottee-Armbänder und Legwarmers.


    Norman hingegen hatte sich in der Kleiderkammer einen kurzen Einteiler entliehen. Weiß mit nadelstreifenfeinem Rautenmuster in Rot. Kurze Ärmel und Beinansätze. Das Muster setzte vor allem auch die vorderen Regionen unterhalb seines Bauchnabels effektvoll in Szene. Mit Genugtuung registrierte er ihre wiederkehrenden, schamhafte Blicke dorthin.


    "Dieses Mischprogramm der beiden Gymnasten hat gestern ganz schön geschlaucht, was?", fragte sie schnaufend während der Rumpfbeugen.


    "Stimmt, aber Spaß gemacht hat´s trotzdem", entgegnete er ebenfalls leicht außer Puste.


    "Sollen wir´s mal versuchen?"


    "Weißt du noch die Übungen?"


    "So ungefähr jedenfalls. Ansonsten können wir ja improvisieren."


    Der Autor schritt zur Wand mit der Musikanlage. "Mal sehen, ob wir passende Untermalung finden."


    Auf dem Touchpad wurden diverse Titel aufgeführt. Ein Eintrag nannte sich "Pilumbarobic". Sagte die rhythmische Gymnastin nicht was von einer Mischung aus Pilates, Zumba, Aerobic und sonstigem? Der Name würde passen, also startete er die Musik, deren treibende Rhythmen gleich darauf den Raum füllten.


    Sibylle hatte sich viele der Übungen merken können, und so brauchte er nur nachzumachen was sie vorturnte. In der Bewegung sah sie echt scharf aus und lenkte ihn dadurch immer wieder ab. Und genau dies blieb nicht folgenlos. Bei den dynamischen Dreh- und Hüpfbewegungen kam er durcheinander und begann zu stolpern. Dass Sibylle herzhaft darüber lachte machte ihm nichts aus. Ganz im Gegenteil freute er sich sie so ausgelassen zu erleben.


    Ihre folgenden Demonstrationen waren weniger hektisch, aber in ihrem gleichmäßigen Fluss nicht minder anstrengend.


    "Das haben wir gestern aber nicht gemacht. Ist das deine Eigenkreation?", fragte er.


    "Nein, das habe ich mir anderswo abgeguckt."


    Die Gymnastikübungen basierten hauptsächlich auf der Lehre der Isometrie und hatten fast schon etwas Tänzerisches. Es war entspannend und anregend zugleich und floss so selbstverständlich, als sei man im Einklang mit sich und der ganzen Welt.


    "Merkst du es schon?", wollte seine Turnpartnerin wissen.


    Wenn sie damit die beruhigende, körperweite Kräftigung meinte, so fühlte er es.


    Er nickte und fragte: "Von wem hast du das gelernt?"


    "Erinnerst du dich an die Mitglieder der Turngruppe, die gestern Abend vor dir vorgestellt wurden?"


    "Die von der Gymnastikveranstaltung?"


    "Genau die. Und das sind Teile aus ihrer Kür, die man auch alleine oder paarweise machen kann."


    Vielleicht hatten die wirklich ein besonderes Geschick für Gymnastik und Tanz. Ob es jetzt die Gewöhnung an die Bewegung war oder an der Art der Übungen lag, jedenfalls fühlte er sich weit weniger durch die Mangel gedreht wie gestern.






    Kapitel 3.5 Rainer und Tobias


    Bereits am Frühstücksbuffet wurde vielerorts über die, auch für hiesige Verhältnisse unkonventionelle Kleidung der beiden Freunde getuschelt. Doch hier nun vor einem der Reisebusse, welche die Gäste zu verschiedenen touristischen Zielen bringen sollten, wurden sie zum Mittelpunkt.

    Eigentlich kein Wunder, denn in der Morgensonne stachen sie aus dem Pulk der Lycraträger deutlich heraus. Die meisten der anderen Gäste hatten relativ dezente Lycrakleidung als Ausflugsgarderobe gewählt. Meist nur ein Stück bei den Männern, wie Radler oder Lycrashirts und dazu reguläre Sachen. Unter den weiblichen Teilnehmerinnen waren Badeanzüge oder gelegentlich Gym-Bodies recht verbreitet. Meist aber als Top unter Baumwollshorts oder konventionellen Caprihosen getragen. Trotzdem war die Reisegruppe in der Gesamtheit recht auffällig, da jeder zumindest ein Kleidungsstück aus Lycra trug.


    Die beiden Kumpels gingen da deutlich weiter. Tobias hatte letztlich seine Überzeugungskraft ausgespielt. Beide hatten die von ihm ausgewählten Shorts an. Nicht so knapp wie Hotpants, aber kürzer als Radler. Beide waren Schwarz und hatten einen Glimmerüberzug aus einer anderen Farbe. Bei Rainer Dunkelgrün und bei Tobias Dunkelblau. Schon aus einem Meter Entfernung wirkte das wie eine Mischung aus Wetlook und Latex.

    Dazu kombinierte Rainer einen hellblauen Ringeranzug, der viel Freiraum für Sonnenbrand bot. Entsprechend umfassend musste sein Kumpel den Sonnenschutz an all den unerreichbaren Stellen auftragen. Der Wrestlingsuit hatte sehr kurze Beinabschlüsse, eher wie ein Turnanzug und so trug er die Glitzershorts komplett darüber.


    Tobias hingegen hatte die Shorts unter dem Oberteil, einem etwas geschlosseneren Badeanzug mit verboten hohem Beinausschnitt, der bis zum Hosenbund hinauf reichte. Das kräftige Orange wurde vom Glanz des Latexartigen Materials intensiviert. Nicht von "Lycraworld", sondern aus seinem privaten Bestand. Import aus Fernost und deshalb sehr eng geschnitten, was Toby zu einem der wenigen glücklichen machte, die als westlicher Mann Produkte dieses Herstellers tragen konnten.


    Die Turn- und Fitnessmädels die gestern Abend kurz vorgestellt wurden, waren auch mit von der Partie. Wegen des regen Interesses mussten nämlich zwei getrennte Gruppen samt Bussen gebildet werden.


    "Ich sehe, ihr habt euch wieder erholt und seid zu alter Form zurück gekehrt", stellte diejenige fest, die Rainer Informationen zu seinen Peinlichkeiten gegeben hatte.


    "Schönes Wetter, Urlaub, ... da muss man auch mal was wagen", rechtfertigte Tobias ihrer beider Aussehen.


    Rainer war die Aufmerksamkeit nun doch ein wenig unangenehm und er bereute, dass sich von seinem Freund zu diesem Outfit überreden ließ.


    "Schaut mal", meinte eine andere der Turnmädels und wies dabei auf den Boden. "Die haben die gleichen Schläppchen an wie wir, dann können wir ja nachher ein bisschen Gymnastik machen."


    Es stimmte. Die beiden Freunde hatten sich für leichtes Schuhwerk entschieden, mit dem man gegebenenfalls auch am Strand ins Wasser konnte. Die schwarzen Leinenschläppchen stammten aus den Leihcontainern und versprachen Barfußgefühl bei gleichzeitigem Schutz vor rauen Untergründen. Drei der fünf Mädels trugen das gleiche, simple Modell, jedoch in Weiß. Überhaupt waren die jungen Frauen ihrem Sport treu geblieben. Alle trugen schlichte Gymnastikanzüge mit mehr oder weniger Arm. Bei einer konnte man sogar einen Vereinsaufdruck lesen: "TSV Obertupfingen".


    Die Reiseleiterinnen von Lycraworld traten zu den Bussen, der Firmenuniform folgend in grüne Ganzanzüge gehüllt. Jedoch hatten beide darüber noch Khaki-Shorts und ein Tank-Top (Feinripp-Unterhemd) gezogen. Dazu leichte Leinensneakers, ebenfalls in Khaki.


    "Kommt bitte alle zu den euch zugewiesenen Bussen", riefen sie in die Menge dieser ungewöhnlichen Urlauber, "Wir wollen aufbrechen."

  • Kapitel 3.6 Rubina und Dirk


    Diejenigen der Passagiere, die an der Ausflugsfahrt teilnahmen, waren bereits gegangen und so zeigte sich der Frühstücksraum zu dieser Tageszeit sehr geräumig. Unter den wenigen Anwesenden war auch dieser Storyschreiber, der gestern Abend panisch den Saal verlassen hatte. Bestimmt schämte er sich noch und wollte möglichst wenigen Fahrgästen begegnen. Doch er befand sich in Begleitung einer attraktiven, etwas rundlicheren Frau in einem farbenfrohen Badeanzug. Einem anderen Stil als Dirks Partnerin.


    Schon als Rubina vorhin den Kopf aus der Tür gestreckt hatte, bewunderte er ihre Kleidungswahl. Wie jedesmal wenn er bisher auf sie getroffen war, hatte sie auch diesmal für das "gewisse Etwas" gesorgt.


    Doch war ihr Outfit des gestrigen Abends überhaupt noch zu toppen? Diese schwarze Unendlichkeit über straff gespannter Silberhaut? Ihm jedenfalls hatte es seine ganze Konzentration abgefordert, seine Gedanken nicht ausschließlich auf ihre Kleidung zu richten.

    In der Lounge auf dem weichen Polstersofa waren sie sich jedenfalls bei gedämpfter Musik und ebenso gedämpfter Beleuchtung näher gekommen. Mehr was die Gespräche betraf, nicht das körperliche. Dieses war eher eine unschuldige Neckerei wie unter Jugendlichen. Dennoch durften beide die Textilien des anderen befühlen, was sich ganz einfach aus der Plauderei über Lycra ergab.


    Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ihm kaum tiefergehende Auskünfte über die an Bord favorisierte Kleidung geben konnte, als er selbst schon wusste. Als wäre sie ebenfalls erst kürzlich auf diese Leidenschaft gestoßen. Seltsam.

    Gestern Abend bedeutete ihm das überhaupt nichts, ja, er hatte dieses Detail nicht einmal wahrgenommen. Gut, er war verständlicherweise abgelenkt gewesen, doch heute kam sein deduktiver Geist wieder durch.


    "Träumst du?", fragte sie und stellte einen Teller mit Melonenschnitten und Schinkenröllchen auf den Tisch, so dass beide sich davon bedienen konnten.


    "Nein ... nein ...", stotterte er und suchte nach einer plausiblen Erklärung für seine Unaufmerksamkeit. "Es ist nur ... das was du da trägst, verdreht mir schon wieder den Kopf."


    Rubina schmunzelte über das Kompliment. An diese Umgangsformen und die Zuvorkommenheit konnte sie sich gewöhnen.


    Seine Ausrede war noch nicht mal weit her geholt. Die Tischnachbarin war tatsächlich ein Blickfang. Eigentlich trug sie lediglich einen Turnanzug mit Stummelärmeln und kurzen Beinansätzen. Dazu bestand dieser lediglich aus normal seidenmattem Lycra. Doch es war dessen Design, welches vorzüglich mit ihren anatomischen Reizen harmonierte. Die Grundfarbe war dunkles Anthrazit, fast wie das Graphit von Bleistiftminen, welches unter Lichteinfall partiell glänzte. Das Highlight stellte eine etwa Daumenbreite Linie in einem gelbgrünen Neon-Ton dar. Diese schlängelte sich vom Hals abwärts bis zwischen den Beinen hindurch und auf dem Rücken wieder empor. Ähnlich wie wenn man mit Handbewegungen die Sanduhrförmige, weibliche Silhouette beschreiben würde, umspielte die Linie die Außenseite der Brustpartie, wanderte bis zur Taille weiter nach innen um sich in Hüfthöhe wieder auszudehnen. Nachdem der Neonstreifen zwischen den Beinen durch schließlich auf der Rückseite angekommen war, betonte sein Verlauf die Wölbungen des Podex, verschmälerte sich erneut bei der Taille um V-Förmig bis zu den Schultern anzusteigen. Elegant und höllisch sexy.


    "Wollen wir uns nachher ein Auto mieten um ein wenig die Insel zu erkunden?", riss sie ihn erneut aus abwesenden Träumereien.


    Er nickte nur, da er gerade mit kauen beschäftigt war.


    "Eine Autovermietung ist bestimmt hier in der Nähe."


    "Du sagst das fast so, als wärst du schon einmal hier gewesen", kommentierte Dirk verwundert.


    "Ach, eine Autovermietung findet man doch immer in Häfen, genau wie an Flughäfen oder auch Fernbahnhöfen", plauderte sie weiter und brach das Ende eines Croissants ab.


    Wieder schweiften seine Gedanken ab. Warum beschäftigte es ihn, dass diese Frau so selbstverständlich von derartigen Dingen sprach? Doch im Moment lenkte ihn ihr Äußeres zu sehr ab und er würde später nochmal darüber nachdenken müssen.

  • Bevor es weiter geht, eine Anmerkung in eigener Sache.

    Ein "Neu-Leser" hatte mich angeschrieben wegen einiger Referenzen auf andere Stories die hier nicht (mehr) zu finden sind.

    Falls andere Leser sich ähnliche Fragen stellen: Es liegt an schlechtem Karma oder nur blödem Timing. Wegen der neuen Story kam ich nicht dazu die restlichen, beim letzten Forumscrash verloren gegangenen Geschichten neu zu posten. Sobald "LyCruise" abgeschlossen ist, werde ich das nachholen, versprochen.

  • Kapitel 3.7 Rainer und Tobias


    Wie üblich bei Durchsageanlagen in Reisebussen, störte der Luftzug des Atems der Sprecherin. Man musste schon genau hinhören um nichts wichtiges zu verpassen. Der Bus hatte sich in Bewegung gesetzt und fuhr eher vom touristischen Zentrum weg, als ihre grünumhüllte Reiseleiterin die Ziele der Rundfahrt bekannt gab.


    "Da wir mit zwei Bussen unterwegs sind, haben wir uns dazu entschlossen die Routen gegenläufig zu fahren. Hundert Lycraträger auf einem Fleck könnten zu einem Aufruhr führen."


    Die meisten Fahrgäste lachten herzhaft darüber.


    "Wir werden zuerst einige weiter entfernte Ziele ansteuern, beispielsweise einen sehenswerten Aussichtspunkt gleich als nächstes. Danach hoffen wir einige interessante touristische Attraktionen für euch zusammengestellt zu haben. Gegen Mittag sind wir dann in der Nähe der Stadt Manacor zu einer kulinarischen Siesta. Der Abschluss bildet, nach einem Abstecher zu den Balenarios, eine Besichtigung der Altstadt von Palma."


    Wieder Gelächter und vereinzelt Applaus.


    "Dann wünsche ich uns allen einen angenehmen Tag", schloss sie ihre Ansage und erntete dafür den Beifall der Reisenden.


    "Was sitzt du denn so stocksteif?", fragte Tobias seinen Kumpel.


    "Ach, die Sonnencreme ist noch nicht vollständig eingezogen und ich möchte die Sitze nicht versauen."


    In einer Mischung aus Mitgefühl und Schadenfreude erklärte der drahtige: "Deshalb habe ich ein am Rücken geschlossenes Oberteil gewählt ..."


    "... welches dich in manchen Ländern geradewegs ins Gefängnis bringen würde", schloss Rainer den Satz ab.


    Die Sitznachbarinnen jenseits des Ganges grinsten sich eins dabei.

    Mit guter Laune an Bord, gondelte der Bus entlang der Küstenstraße in die westlichen Ausläufer des Küstengebirges.






    Kapitel 3.8 Sibylle und Norman


    Nach einer erfrischenden Dusche trafen sich die beiden zum Frühstück. Zu so später Stunde waren nur noch wenige Gäste anwesend. Doch die Bewegung zur Musik hatte Appetit gemacht, und so hielten sie sich an den Köstlichkeiten schadlos.


    "Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass alle Speisen an Bord einen hochwertigen Eindruck machen?", fragte Sibylle den Autor.


    "Zumindest wirkt alles deutlich gesünder als man es von sonstiger Urlaubsverpflegung oder Kantinen gewöhnt ist."


    Damit hatte er Recht. Es wurde zwar keine Haute Couisine gereicht, aber alles wirkte frisch und es wurde auch nicht mit Unmengen von Fett oder Zucker hantiert.


    Beide hatten sich neu gekleidet. Der Autor wählte einen eher maskulinen Einteiler, Ärmelfrei und mit angesetzten Beinen nicht ganz bis zur Mitte der Oberschenkel. Das hochgeschlossene Design mit dem Stehkragen ließ ihn schon von sich aus schlanker erscheinen als er in Wirklichkeit war. Das von den Schultern bis zum Schritt reichende und sich wiederholende "V"-Muster in verschiedenfarbigen Streifen auf dunkelblauem Grund tat ein Übriges.


    Auch ihrer Figur wurde von ihrem Outfit geschmeichelt. Ein klassischer Badeanzug, jedoch mit unkonventioneller Muster- und Farbgestaltung. Etwa vier Zentimeter messende Quadrate überzogen das gesamte Textil in regelmäßigen Zeilen und Spalten. Und jedes dieser Quadrate hatte eine andere Farbe als ihre benachbarten und die Farbpalette überstrich Helligkeiten von Mittel bis Dunkel. Die streng geometrische Einteilung wechselwirkte hervorragend mit Sibylles femininen Kurven.


    "Wollen wir den Tag zusammen verbringen?", fragte sie zaghaft zwischen zwei Bissen, als wäre wieder ein bisschen von ihrer Schüchternheit zurückgekehrt.


    "Darauf hatte ich gehofft", antwortete er. ´Erwartet´ hätte zu selbstsicher geklungen. "Und wo du schon mal Badetypisch gekleidet bist, könnten wir ja nachher mal schauen, ob das Wasser im Pool auch nass ist."


    Sie schmunzelte darüber und ihm gefiel es, wenn ihr Lächeln das Grübchen zum Vorschein brachte.






    Kapitel 3.9 Rubina und Dirk


    "Kommst du?", erkundigte sich seine Bekannte mit dem rassigen Einteiler, die Abmarschbereit in der Boardinglobby auf ihren Gentleman wartete.


    Dieser hatte noch das Mobiltelefon am Ohr und wurde offenbar zum wiederholten Mal bezüglich des Verbindungsaufbaus enttäuscht.


    "Kein Empfang?", hakte sie nach.


    "Daran liegt es nicht. Volle Signalstärke", antwortete Dirk kopfschüttelnd. "Ich hab´ sämtliche mir bekannten Nummern zu diesem Anschluss ausprobiert, bekomme aber stets das Gleiche zu hören: "Der Anschluss kann derzeit nicht erreicht werden. Komisch."


    "Wieso? Ist doch nichts Besonderes, dass jemand mal zeitweise nicht erreichbar ist."


    "Schon, aber zum einen ist das nicht die gewohnte Standard Ansage und zum anderen gehört der Anschluss zu einem Finanzunternehmen, das einen längeren Ausfall sicher nicht akzeptieren würde. Schließlich probiere ich es jetzt schon seit dem frühen Morgen. Selbst bei der Privatnummer komme ich nicht durch."


    Rubina zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und ihm wurde klar, dass es eine glückliche Fügung des Schicksals war die ihm auf diese Weise einen unbeschwerten freien Tag einbrachte.


    "Ich glaube du hast Recht", pflichtete er ihr bei, "Man sollte nicht alles so ernst nehmen. Kann ich so gehen?", fragte er im Hinblick auf sein Outfit.


    Sie bekam wieder den lüsternen Katzenblick als sie mit übertriebener Deutlichkeit musterte. Seine Beine hatten die letzten Tage bereits etwas Farbe bekommen und wirkten nicht mehr ganz so käsig unter den bis zum Oberschenkel reichenden Cycling-Tights. Die Grundfarbe des Lycrastoffs war mattes, dunkles Grün. Keilförmige Intarsien an den Außenseiten der Schenkel gaben ihnen eine technische Anmutung. In hellgrüne Ziernähte eingefasst sah sie dort ein grobes, über Kreuz gearbeitetes Gewebe. Fast wie atmungsaktives Mesh, aber irgendwie hochwertiger. Eigentlich wirkten die Dreiecke wie aus Carbonfasern. Sein Hintern wurde von der Radlerhose in eine für sie sehr appetitliche Form gepresst.


    "Damit kannst du überall hin gehen", antwortete sie auf seine Frage von eben. "Allerdings werde ich eifersüchtig darauf Acht geben, wer dich sonst noch so betrachtet."


    Er grinste und gleichzeitig dachte er das Gleiche über sie. Allerdings gefiel er sich mit seinen neuen Sachen selbst unheimlich gut. Das hellgrüne Lycrashirt, welches er als Oberteil gewählt hatte, war nicht minder kleidsam. Der taillierte Schnitt gepaart mit Kompression an den richtigen Stellen, präsentierte seinen Körper jugendlicher als er in Wirklichkeit war.


    Ihrer beider Schritte schepperten auf dem mit nur dünnem Synthetikteppich belegten Aluminiumblech der Gangway. Sie mit schwarz/weißen Chucks und er mit den Laufschuhen, die er neben den eleganten Lederschuhen bei jedem Auftrag dabei hatte.


    "Na, was habe ich gesagt?", fragte sie als sie nach wenigen hundert Metern bereits am Hof einer Autovermietung vorbei kamen.


    In deren Büro drinnen nahm sie routiniert die Verhandlungen auf. Die macht das nicht zum ersten Mal, dachte Dirk als er sprachlos miterlebte wie sie im Handumdrehen ein Upgrade zu einem viel kostspieligeres Cabriolet aushandelte. Vielleicht hat sie ja beruflich in dieser Branche zu tun, dachte er ohne zu wissen wie falsch er damit lag.


    "Und jetzt?", fragte Rubina nachdem sie hinter dem Steuer des offenen Wagens Platz genommen hatte.


    "Keine Ahnung", meinte er. "Kommt darauf an wo du hin willst."


    "Ach was, wir überlassen´s einfach dem Zufall. Rechts oder Links?"


    "Links."

  • Kapitel 3.10 Rainer und Tobias


    Die Stimmung im Reisebus war locker, nicht zuletzt deshalb weil eine Gruppe Frauen im späten Mittelalter sich den Beginn der Reise mit prickelndem "Morgensprudel" versüßten.


    "Wenn die jetzt schon mit Prosecco anfangen, hören die heute Mittag den Knall aber nicht mehr", lästerte Rainer und die Mädels in der Sitzreihe jenseits des Mittelgangs nickten zustimmend.


    Erneut kündigten Griff- und Atemgeräusche eine Durchsage der Reiseleitung an: "Wir verlassen jetzt die Küstenstraße und fahren durch die Ausläufer des Küstengebirges "Serra de Trasmuta". Ihr werdet feststellen, dass die Landschaft hier sofort anders ist als im Küstenbereich um Palma. In etwa dreißig Minuten erreichen wir unseren ersten Rastpunkt und ich kann euch jetzt schon interessante Fotomotive versprechen."


    "Hast du was zum fotografieren mit?", fragte Tobias auf die letzte Ankündigung hin.


    "Wie denn, bei deiner hautengen Shortsauswahl?"


    "Für die Optik muss man halt Opfer bringen", beteiligte sich Rainer´s Sitznachbarin, die das Gespräch mitgehört hatte und betrachtete den oberen Ansatz seiner Oberschenkel intensiv. Noch immer lehnte er sich nicht ganz an, weshalb seine Körperhaltung den Schwung seines Lycrahintern zusätzlich betonte.


    "Also vor die Wahl gestellt, ob Fotohandy oder lieber knackige Shorts, würden wir für letzteres stimmen", ergänzte sie verschmitzt, auch im Namen ihrer Nachbarin.


    Die halbe Stunde indes, verging wie im Flug. Andauernd gab es Links und Rechts etwas zu sehen. Mit der Zeit nahm die karstige Felslandschaft um sie herum zu, was in der Vormittagssonne seinen ganz besonderen Reiz hatte. Schließlich befuhr ihr Bus nach einigen gewundenen Schleifen einen leidlich großen Platz, der wohl ihr erstes Ziel darstellte.


    Während alle ausstiegen um den Ausblick zu genießen, machte sich die in Grün und Khaki gekleidete Reiseführerin an einer der Laderaumklappen des Gefährts zu schaffen.


    Sie hatte nicht zu viel versprochen, was den Ausblick betraf. Direkt vor ihnen brach die Felskante steil ab und endete gute zweihundert Meter tiefer in einem karg bewachsenen Küsteneinschnitt, an welchen die See brandete. Genau dieser Einschnitt gab den Blick frei auf die entfernt liegende Gegenseite, die ebenfalls so schroff gestaltet war wie das Plateau auf dem sie hier standen. Und das war erst der Anfang der Bergkette. Nach Nordosten hin wurden die Felsen regelrecht zu Bergen und im fernen Dunst erhoben sich diese auf deutlich über Tausend Meter. Zur Linken war einige Kilometer weit die sanft abfallende Küstenlinie zu bewundern, die mit ihren vielen Kurven stets neue Ansichten bot. Und hinter all dem erstreckte sich die azurne Fläche des Mittelmeers.


    Es wurden fleißig Bilddokumente angefertigt und die beiden Kumpels dehnten und reckten sich vor der herrlichen Naturkulisse.


    "Na Jungs, wie wär´s nun mit ein bisschen Frühsport?"


    Die Frage kam von einer der Gymnastikmädels, die sie bei der Abfahrt bereits angesprochen hatten. Rainer wollte zwar schon ablehnen, aber eine der Truppe stellte die beiden kurzerhand in einem weiten Halbkreis zusammen mit den Turnerinnen auf. Widerstand schien zwecklos.


    Nach leichten Dehnungs- und Lockerungsübungen, folgten die typischen, unkomplizierten Übungen aus dem Schulsport. Der Glanz der Sonne auf den trainierten Lycraleibern ließ selbst den "Hampelmann" zur Augenweide werden.

    Irgendwie steckte die spontane Bewegung in Lycra an und so kam es, dass sich nach und nach noch andere dazu gesellten. Selbst die "Secco-Frauen" in ihrer angetüddelten Fröhlichkeit machten mit.

    Nach gut Zehn Minuten war die Sporteinlage vorbei und teilnehmenden Fahrgäste wieder aufgelockert für weiteres sitzen.


    Die Stimme ihrer Führerin mühte sich gegen das Gelächter durchzudringen: "Nachdem ihr alle schon so fleißig wart, habt ihr euch auch eine Erfrischung verdient."


    Neben dem Gefährt hatte sie Klapptische aufgestellt, auf denen Körbe voller Obst für den Verzehr bereit standen. Dazu gab es eine Saftpresse, die alle möglichen Früchte in belebende Getränke verwandelte.


    "Daran könnte ich mich gewöhnen", erklärte eine der "Secco"- Frauen mit den an ihr etwas ordinär wirkenden Leopardenmuster-Leggings. Doch zu viel mehr Gesprächen kam es nicht, weil die Frau in glänzendem Grün und mattem Khaki bald wieder zum Aufbruch drängte.


    "Wir müssen weiter, denn wir haben noch ein ganzes Stück des Wegs vor uns."


    Toby, Rainer und die Turnmädels halfen noch beim verstauen der Auslagen, dann setzte sich ihr Ausflug auch schon wieder fort.

  • Kapitel 3.11 Sibylle und Norman


    Das laute Geräusch wie von einem überdimensionalen Staubsauger verstummte gerade, als die beiden am späten Vormittag auf das obere der beiden Achterdecks traten. Einer der Bordbediensteten, angepasst mit weißer Radlerhose, war gerade dabei einen dicken Schlauch aus dem nun leeren, kleineren Pool zu ziehen. Ähnlich dem Rüssel eines Wäschetrockners, schob er die transparente Schlange an ihren Verstärkungsringen zurück in ein Gehäuse der Größe von vier Wasserkästen.


    "Was ist das denn?", wandte sich Sibylle an ihren Begleiter.


    Norman musste einen Moment überlegen. "Anscheinend wird das Bällebad gereinigt."


    Auf der anderen Seite der kastenförmigen Maschine führte ein weiterer Rüssel zu einem der weißen Leinensäcke, der wirkte als wäre er voller Kartoffeln.


    "Das ist eine Waschmaschine", wurde es dem Autor jetzt klar. "Die Bälle werden abgesaugt, gereinigt und verpackt."

    Dabei wies er auf die vielen weiteren befüllten "Kartoffelsäcke".

    "Ich vermute jetzt wird noch das Becken gereinigt und dann füllen sie die Bälle wieder ein."


    Diese Erklärung schien ihr plausibel und genügte fürs Erste.

    Bereits beim hinabsteigen der großen geschwungenen Treppe die zum unteren Sonnendeck führte, konnten sie sehen dass viele Liegen unbesetzt waren.


    "Du hast die freie Auswahl", überließ er ihr die Entscheidung ein Plätzchen zu suchen.


    Sie wählte Liegen in Nähe der seitlichen Fensterfront, welche den Wind etwas abhielt. In bester Pauschalurlauber-Manier belegten sie die Pritschen mit ihren Handtüchern und stiegen erst einmal ins kühle Nass des großen Pools.


    Im Rückblick auf seinen Scherz beim Frühstück fragte sie: "Na, nass genug?"


    Dies brachte ihr ein neckisches bespritzen mit Wasser ein, worauf sich umgehend eine fröhliche Wasserschlacht wie unter Teenagern entwickelte. Sie legte ihre Scheu ab, wenn sie mit ihm zusammen war und auch Norman fühlte sich befreiter in ihrer Gesellschaft.

    Nach dem plantschen legten sich beide, immer noch lachend, auf das Liegegestühl um sich von der Sonne trocknen zu lassen.


    Sibylle lag auf dem Rücken und hielt ihre Augen geschlossen. Norman konnte seinen Blick nicht von ihren feucht glänzenden Rundungen abwenden. Bisher trug sie immer mehrere Schichten Lycra, so dass er nun zum ersten Mal ihre Anatomie fast ungefiltert betrachten konnte.

    Einige Wassertropfen perlten noch immer vom Lycra ihres Badeanzugs und er verfolgte deren Weg bis sie letztlich vom untergelegten Handtuch aufgesogen wurden.


    "Was ist?", fragte sie nachdem sie ein Auge geöffnet hatte und ihn bei der Musterung beobachtete.


    Der Autor machte sich nicht einmal die Mühe seine lüsternen Blicke abzustreiten. "Ich genieße gerade die phantastische Aussicht", antwortete er stattdessen.


    "Schon komisch", meinte Sibylle und setzte sich auf. "Bei jedem Anderen wäre mir das unangenehm, aber bei dir ..."


    Sie stand kurz auf uns schob ihre Liege näher an seine, bis diese sich berührten.


    Er spielte etwas den Überraschten, was durchaus nicht von weit her geholt war. Er war sich auch nicht ganz sicher, wie er auf die Annäherung reagieren sollte.

    Sie nahm ihm die Entscheidung ab indem sie ihren noch stellenweise feuchten Leib an den seinen schmiegte und ihren Kopf auf seine Brust bettete.






    Kapitel 3.12 Rubina und Dirk


    "Und an der nächsten Kreuzung?", führte sie die Zufallswahl der Fahrtroute fort.


    "Rechts"


    Dieses Spiel begann ihm zu gefallen. Und eigentlich hatte es sie in der vergangenen halben Stunde auf einen interessanten Weg gebracht. Gut, einmal landeten sie in einer Sackgasse bei einer Werksausfahrt, aber ansonsten führte sie die Zufallsroute um die Ausläufer von Palma herum und durch die abwechslungsreiche Vegetation des Hinterlands.


    Rubina entpuppte sich als selbstbewusst und eigenverantwortlich. Eigenschaften die ihm an einer Partnerin sehr zusagten. Nun gut, über Partnerschaft nachzudenken war sicher noch zu früh, doch zumindest schien sie ihm genauso wenig abgeneigt wie er ihr.


    Rubinas couragiertes Auftreten hatte ihn schon gelegentlich an seine "Zielperson" denken lassen. Zumindest wies sie Eigenschaften auf, die auch auf eine Cyberkriminelle passen könnten. Andererseits hätte er sie dann bei ihrer ersten Begegnung nicht vor den betrunkenen Annäherungsversuchen schützen müssen. Außer, er wäre damals zu früh eingeschritten und sie hätte doch selbst einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden.

    Aber was sollten diese Gedanken? Er war definitiv auf dem falschen Schiff gelandet und hatte sich damit abgefunden, dass sein Auftrag in die Binsen ging.


    Das bewog den Ermittler zu einem letzten Versuch telefonischer Kontaktaufnahme. Nicht dass er hier abseits von Ortschaften überhaupt mit Funkzellen gerechnet hätte, aber nach den Fehlverbindungen von heute Morgen interessierte er sich schon für den Grund dafür. Er schaltete das Smartphone auf Laut und genoss den Anblick der Landschaft, die an ihrem Cabrio vorbeizog. Und genauso genoss er den Anblick seiner Fahrerin. Mit dem Wind, der durch ihr Haar spielte und ihren fein modellierten Gesichtszügen im Sonnenlicht. Ganz zu schweigen davon, wie sich ihr anmutiger Körper in dem dunklen Anzug in den sportlich ausgeformten Sitz schmiegte.


    Dirk´s Kommunikationsgerät begann tatsächlich nach einer Weile zu piepen und knacksen, was ihn zur Konzentration auf den Anruf zurückrief. "... dieser Anschluss ist bis auf weiteres gesperrt", drang es blechern aus dem winzigen Flachlautsprecher. Es handelte sich nicht um eine reguläre Ansage. Sie wiederholte sich einige Male und gerade als er endgültig abschalten wollte, änderte sich der Text. "... für weitere Informationen, wenden sie sich an die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Drücken Sie dazu die Fünf ...."


    "Was hast du denn für seltsame Bekannte?", fragte Rubina verwundert über die automatisierte Botschaft.


    Dirk war selbst perplex und konnte sich keinen Reim darauf machen. In Gedanken versunken antwortete er: "Hat mit meiner Arbeit zu tun. Aber was ich davon halten soll, weiß ich auch nicht."


    "Was für eine Arbeit machst du denn, dass du mit der Staatsanwaltschaft zu tun hast?"


    Er packte das Gerät wieder in seine Bauchgurt-Tasche und beschloss erstmal nicht weiter darüber nachzudenken.

    "Ach, ist eigentlich unwichtig. Der Job ist eh so gut wie vorbei", wich er ihrer Frage aus.


    "Nein im Ernst", hakte sie nach. "Was ist dein Beruf?"


    Er drehte sich ihr zu, während sie präzise durch die Serpentinen steuerte. Noch einmal betrachtete er ihre anregende Kleidung und fühlte dann die seine nicht minder anregend.

    Frauen reagierten immer etwas komisch auf seinen Beruf, deshalb antwortete er gekünstelt: "Mein Name ist Bond. Dirk Bond. Agent 008 mit der Lizenz zum Lycra tragen."

  • Kapitel 3.13 Sibylle und Norman


    "Aaach schöön, so könnte es weiter gehen", raunte Sibylle während ihr Bekannter durch ihre noch feuchten Haarsträhnen kraulte.


    "Also ich hätte da auch nichts dagegen", erwiderte Norman und war ebenfalls äußerst zufrieden mit der in einen bunten Badeanzug gehüllten Frau die ihre attraktiven Kurven an seinen gleichsam in Lycra gekleideten Körper schmiegte.


    "Nicht böse sein, wenn ich etwas zurückhaltend bin, aber ich tue mir etwas schwer mit Nähe."


    Was man momentan allerdings nicht behaupten konnte, dachte Norman. Aber er verstand was sie meinte. Ihm ging es ja ähnlich. Wie oft hatte ihn seine Kontaktschwäche bereits an Partnerschaften gehindert?

    "Schon gut, ich kann mir vorstellen was gerade in dir vorgeht", räumte er ihre Zweifel aus. "Lass uns einfach den Moment genießen."


    Sie umfasste ihn fester und ihn überkam ein Gefühl, welches er seit Teenagertagen kaum mehr gefühlt hatte.

    Ihrer beider Seufzer waren das einzige an Konversation in den folgenden Minuten.



    "Ähhm", begann Norman nach geraumer Zeit mit einer Stimme die Unbehagen ausdrücken wollte, sich jedoch nicht so recht traute. "Mein Arm ist eingeschlafen und ich hab´ kein Gefühl mehr darin.


    "Oh, Sorry. Das wollte ich nicht...", entschuldigte sich Sibylle erschrocken und setzte sich neben ihm auf.


    "Nein, nein", beeilte er sich zu beteuern. "Nicht schlimm, ich muss mich nur etwas anders hinlegen."


    In aller Eile versuchte er wieder Gefühl in seinen Oberarm zu massieren, aber es kribbelte nur wie ein kompletter Ameisenstaat.

    Ihre Blicke trafen sich und gleichzeitig fingen sie an zu prusten und zu glucksen vor Lachen.


    "Wollen wir uns lieber ein wenig die Beine vertreten?", schlug sie schließlich vor.


    "Gerne"


    Und so drehten die Beiden eine gemächliche Runde um den Wandelgang, der einmal komplett um die Borealis herum führte.

    Man merkte dass viele Fahrgäste an Land gegangen waren. Lediglich einem der obligatorischen Joggern mussten sie ausweichen. Auf der Hafenseite angekommen, ließen sie schweigend eine Weile die Aussicht auf den Hafen und die sich dahinter ausbreitende Altstadt von Palma auf sich wirken. So kurz vor Mittag wirkte die sonst wuselnde Geschäftigkeit eher gemächlich.


    "Wollen wir nicht auch ein bisschen die Gegend erkunden?", schlug er vor.


    Der Gesichtsausdruck seiner Bekannten zeugte nicht unbedingt von Zustimmung.


    "Wir müssen ja nicht ins dichte Getümmel", relativierte er. "Der Hafen kann ja auch recht interessant sein."


    Mit einem Nicken willigte sie schließlich ein. "Dann möchte ich aber noch meinen Rucksack holen."


    Er erwiderte nichts darauf, denn er wusste dass Frauen rein psychologisch den halben Hausstand mit sich führen müssen.


    Auch er ging kurz in seine Kabine und nahm den Elastischen Gürtel mit den integrierten Geldfächern und überzeugte sich, dass deren Inhalt ihn nicht in Verlegenheit bringen würde, wenn er seine Bekannte "ausführte".

    Als sie sich im Innern des Schiffs wieder trafen, sah er mit Beruhigung dass "der Rucksack" sich nur als kleines Päckchen mit Schulterriemen entpuppte, welcher ihre Optik nicht entstellte. Allerdings hatte sie auch noch ein Paar matte Radler übergezogen. Vielleicht fühlte sie sich doch etwas "Underdressed", nur mit dem Badeanzug. Das Sonnengelb passte jedenfalls sehr gut zu ihrem dunkelbunten Badegewand.

    Er selbst machte sich kaum Gedanken um sein Outfit. Durch die angesetzten Beine wirkte sein Einteiler weniger "Unpassend". Außerdem war er nicht alleine und so traute er sich wesentlich mehr zu als sonst. Letztlich würde er hier hauptsächlich auf lauter Fremde treffen, die er nie wiedersehen müsste.


    "Was ist denn da los?", fragte Sibylle als sie am großen Veranstaltungssaal vorbei kamen.


    Dessen Türen standen offen und recht laut drang elektronische Tanzmusik hinaus in den breiten Vorraum. Neugierig spitzten sie durch die Tür.

    Auf der Bühne war ein Klavier aufgebaut, ebenso ein Schlagzeug und auf einem Tisch war etwas befestigt, das einer elektrischen Gitarre ähnlich sah. Daneben standen diverse Computermonitore, DJ-Plattenspieler und Verstärkerboxen.


    "Nicht so flüssig", tönte die Anweisung einer verborgenen Stimme durch die Lautsprecher. "Eure Bewegungen müssen präzise und abgehackt kommen."


    Dies galt wohl den fünf Gestalten auf der Bühne, die zum Playback die Instrumente "bedienten". Irgendwie erinnerte die Gruppe an "Die Roboter" aus Düsseldorf. Andererseits auch wieder mehr an reale Industrieroboter. Dazu passte auch das Outfit der Truppe. Komplette Ganzanzüge in Müllabfuhr-Orange von einer Oberflächenbeschaffenheit, die an Kunststoff erinnerte. Die mechanischen Bewegungen "entmenschlichten" die Akteure geradezu.

    Offenbar war es die Probe für einen der morgigen Auftritte verschiedener Fahrgäste.


    Sibylle und Norman jedenfalls kehrten dem Geschehen wieder den Rücken und machten sich gemeinsam auf der Welt da draußen zu trotzen.



    Der Weg durch das Hafengelände hatte wenig romantisches, da der Teil mit den kleinen Fischerbooten weit abseits lag. Auf Grund der mittäglichen Siesta war jedoch wenig Betrieb - nichts was den Beiden hätte Stress verursachen können.


    "Das erinnert ein wenig an den französischen Atlantikhafen, wo dein Monsieur Luc Rah den Taschendieb verfolgte", rief Sibylle die Erinnerung an eine seiner Geschichten wach.


    Noch immer beeindruckte es ihn, dass tatsächlich jemand seine Schreiberei ernst nahm und verinnerlicht hatte. Dazu noch eine Frau, was in der Lycraszene noch seltener vorkommt. Seine Brust schwoll vor Stolz an und er fühlte sich ein wenig wie ein Promi.


    "Du vergisst", entgegnete er, "dass Luc Rah den Gauner nicht stellen konnte und stattdessen im brackigen Wasser des Hafenbeckens landete."


    "Wo er dann aber von der rassigen Zentaiträgerin "errettet" wurde", fuhr sie fort. "Letztlich hat er die Frau gekriegt."


    Er schmunzelte und die Anerkennung seiner Leistung tat ihm gut. "Fandest du es zu sehr aufgesetzt? Dieses romantische Ende meine ich?"


    "Nüchtern betrachtet schon, aber zu solchen Geschichten passt es. Wer so etwas liest möchte ja keinen Tatsachenbericht, sondern sich in die Welt der Phantasie entführen lassen. Außerdem kann eine Portion Romantik nie schaden."


    Norman fühlte sich genötigt den Arm um ihre Lycrahüfte zu legen und seine Rezensentin quittierte dies wohlwollend indem sie beim Gehen näher an ihn heran rückte.

    Eine ganze Weile redeten sie über diverse seiner Stories während sie ohne es zu bemerken bereits aus dem Hafenareal heraus geschlendert waren. Ihm war es fast schon unangenehm so im Fokus ihrer Interessen zu stehen und so versuchte er das Thema zu wechseln.


    "Wir sind bereits am Rande der Altstadt", sagte er und beide nahmen die größer werdenden Menschenansammlungen wahr. "Da hinten ist schon die Kathedrale "La Ser", eines der Wahrzeichen der Stadt. Wollen wir uns dort in den Trubel stürzen?"


    "Im Moment fühle ich mich ganz gut", stellte sie zu ihrer eigenen Überraschung fest. "Warum also nicht?"


    Zwischen ihnen und ihrem Ziel lag noch ein Ausläufer des Uferpromenaden-Parks, der neben Grünflächen und Spazierwegen sogar mit richtig großen, Schatten spendenden Bäumen aufwarten konnte.

    An einem Kioskartigen Verkaufsstand genehmigten sie sich zwei "Helados" im "Cono", welche sie auf einer Bank schleckten während sie dem touristischen Treiben zusahen. Kaum jemand nahm Notiz von seiner, für einen Mann doch recht ungewöhnlichen Lycrakleidung. Noch weniger von Sibylles Aufzug, der hier unter den Touristen ja fast "normal" war.


    "Abgesehen von der Krise auf der Bühne scheinst du gut mit deiner Phobie zurecht zu kommen", stellte sie ziemlich ungeniert fest nachdem sie das Eis an den Rändern so weit abgeschleckt hatte, dass es nicht mehr tropfen konnte.


    "Das ist von der Tagesform abhängig", erklärte er. "Manche Tage kann ich zur Haupteinkaufszeit durch die Fußgängerzone gehen und andermal traue ich mich nicht aus dem Haus. Unter den vielen Lycrafans ist das alles wesentlich leichter als ich es erwartet hatte. Und bei dir?"


    "Mit den Gleichgesinnten auf dem Schiff geht es mir ähnlich. Da fühle ich mich weniger unsicher. Auch wenn ich jemand an der Seite habe, dem ich vertraue ...", dabei schielte sie ihn an. "Mein Problem ist, dass ich mich oft einigele. Besonders nach unangenehmen Erfahrungen, was das alles ja noch schwieriger macht."


    "Und das Zwischenmenschliche, wenn die Frage nicht zu indiskret ist?"


    "Ich hab´ nicht häufig Beziehungen, wenn du das meinst. Und wenn, dann nie sehr lange. Für Außenstehende ist eine Kontaktschwäche in all ihren Ausprägungen einfach schlecht verständlich."


    "Wem sagst du das", bestätigte er.


    "Und wenn dann noch einer auf echt blöde Weise mit einem Schluss macht ...", sagte sie nachdenklich. Ihr Eis tropfte jetzt doch vom Waffelhörnchen auf das Gehwegpflaster.


    "Du musst nicht darüber reden, wenn es dir unangenehm ist", beschwichtigte Norman sanft doch sie schüttelte den Kopf.


    "Schon in Ordnung. Schließlich war er es, der mich hierher gebracht hat."


    "Dann müsste ich deinem Ex also dankbar sein?"


    Das hob die Stimmung wieder.


    "Eine eher zweifelhafte Ehre. Er stellte sich als äußerst unappetitliche Rektalfalte heraus."


    Norman musste über diese treffende Umschreibung kichern.


    "Dabei passte zu Anfang alles ganz gut, aber bald stellte sich heraus, dass er lediglich niedere Gelüste im Sinn hatte. Und du weißt ja selbst, dass nicht jeder Tag wie der andere ist. Als er merkte dass ich nicht immer gut drauf war, verließ ihn ziemlich schnell das Interesse."


    "Was für ein Depp", entrüstete sich der Autor. "Der war es bestimmt nicht Wert nachzutrauern."


    "Das wurde mir irgendwann auch klar, doch bis dahin bin ich ein halbes Jahr nicht mehr aus dem Haus gegangen. Einer guten Freundin habe ich es zu verdanken, dass ich nach und nach wieder ins Leben zurückgefunden habe."


    "Dann muss ich wohl eher dieser Freundin dankbar sein, wie?"


    Sibylle lächelte.


    "Es ist ja nicht so als hätte er ganz normal Schluss mit mir gemacht. Statt dessen hatte er mich einfach ignoriert. Keine Reaktion auf Anrufe, Textnachrichten, Facebook, WhatsApp et cetera. Man könnte sagen er ignorierte mich über das komplette digitale Spektrum."


    "Mal davon abgesehen, dass das bestimmt keine schöne Erfahrung für dich war, würde ich mir deine letzte Aussage gerne für eine nächste Geschichte ausborgen."


    Noch immer klebte ein wenig Milcheis in ihrem hauchfeinen Oberlippenflaum aber sie lächelte und er hatte sein Ziel sie wieder aufzumuntern erreicht.

  • Kapitel 3.14 Rainer und Tobias


    Die Uhr ging bereits Richtung Mittag, als der Reisebus mit den fröhlichen Lycrafetischisten nach vielen weiteren Naturschönheiten die Stadt Manacor im nordöstlichen Inland der Insel erreichte. Noch immer standen alle unter dem Eindruck ihres letzten Stopps, einem Aussichtspunkt von wo aus sie die zerklüftete Halbinsel Formentor am Nordende der Insel fast zur Gänze bei strahlendem Sonnenschein über der blauen Unendlichkeit des Mare Mediterraneum bewundern konnten.

    Die Frauen des "Kegelclubs", so nannte Toby sie wegen ihres frühmorgentlichen Konsums geistreicher Getränke, hatten ihr Pulver anscheinend verschossen und verhielten sich zunehmend ruhiger. Ganz im Gegenteil zu den Mädels aus Obertupfingen. Diese animierten nicht nur die beiden Freunde, sondern mehr als die Hälfte der Passagiere zu ausgelassener Bewegung, die Gymnastik und Tanzelemente spielerisch miteinander verband. Eigentlich konnte man sich dem gar nicht entziehen, so mitreißend waren die Fünf. Und das gegenseitige zur Schau stellen glänzender Lycratextilien tat ein Übriges zu dem gelungenen Ausflug.


    "So langsam tut sich ein kleines Loch in meinem Bauch auf", sagte Tobias und fasste sich an den straff schimmernden Nabel.


    "Wem sagst du das", antwortete sein Kumpel Rainer. "So spaßig das Herumgehopse auch ist, so macht es doch einen Bärenhunger."


    Doch allzu lange mussten sie nicht mehr ausharren, denn der Bus steuerte eine Art Gutshof außerhalb der südlichen Randbezirke der Stadt an.


    "Wir machen jetzt Mittagspause", erklang die Stimme der Reiseleiterin über die Durchsageanlage. "Etwa eine Stunde lang könnt ihr entspannen und euch stärken für die zweite Hälfte der Fahrt. Speisen und Getränke gehen natürlich auf den Deckel von Lycraworld."


    Dass sie damit Beifall erntete, wunderte niemanden.



    Unter großen, Schatten spendenden Bäumen war ein reichhaltiges Buffet aufgebaut. Warme und kalte Speisen, sowie Getränke jeglicher Art wurden von freundlichen Helfern andauernd nachgefüllt. Neben Fleisch gab es gebratenen Fisch, sowie Früchte und süße Nachtisch-Leckereien.


    "Das Personal haben die aber extra gecastet", ließ Tobias sich über die flinken Helfer aus.


    "Stimmt", pflichtete Rainer ihm bei. "Als wären die bei der Besetzung eines mexikanischen Westerns übrig geblieben."


    "Das habe ich mir auch schon gedacht", meinte ein sehr junger Mann in bunten Leggings mit Tribal-Motiven, der in ihrer Nähe mitgehört hatte. "Von den Mallorquinern sieht bestimmt keiner so aus. Als wollten sie ein Klischee erfüllen, mit lauter dunkelhaarigen, wohlbeleibten Leuten, die vor allem ausnahmslos den gleichen Schnauzbart tragen. Die passen eher zu Mariachi-Gruppen."


    Die Damen des "Kegelclubs" nutzten die Gelegenheit um ihren zwischenzeitlich gesunkenen Alkoholpegel wieder aufzufrischen. Dies blieb nicht folgenlos. Da sie aber noch nicht zu sehr über die Strenge schlugen, wurden sie zumindest nicht ausfallend. Jedoch mussten die, zugegeben offenherzig präsentierten Hinterteile der beiden Freunde einiges an Tätscheln oder gar kräftigem Zupacken über sich ergehen lassen.


    Alles in allem verlief die Mittagspause fröhlich und sättigend. Mit großer Zufriedenheit entspannten sich danach sämtliche Teilnehmer auf den bequemen Holzliegen unter den breiten Kronen der Bäume und waren nur zögerlich zur Weiterfahrt zu bewegen.


    Auf dem Weg zurück zum Inselbus bekam Rainer ein Gespräch zwischen der grün schimmernden Reiseleiterin und einer der "angetüddelten" Frauen mit.


    "Ist aber noch jede Menge über geblieben", meinte die etwas beleibtere Dame mit den knapp sitzenden Caprihosen. "Da hätten wir doch bis zum Abendbrot bleiben können, oder?"


    Die Vertreterin des Veranstalters schmunzelte und erklärte: "Eigentlich war geplant, dass sich die beiden Busse hier treffen, aber die andere Gruppe ist wohl aufgehalten worden. Wir können aber nicht auf sie warten, da wir sonst unser Programm nicht durchbringen können. Denkt an die Worte der Kapitänin."


    Das stimmte, pflichtete Rainer im Geiste bei. Das Ablegen würde pünktlich um 18:00 Uhr erfolgen. Oder um Achtzehnhundert, wie die blonde Schiffsführerin sich im nautischen Terminus ausdrückte. Daran ließ sie keine Zweifel. Sie bekräftigte eindringlich, dass jeder der es nicht rechtzeitig zurück schaffte, alleine damit klarkommen müsse.



    Kaum war der Bus die Serpentinenstraße von dem Gehöft hinab wieder auf der schnurgeraden Landstraße, meldete sich auch schon die Stimme der Reiseleitung.


    "Da Vorn sehe ich gerade den Bus der anderen Gruppe entgegen kommen. Die wurde wohl aufgehalten, da wir uns eigentlich zur gemeinsamen Mahlzeit treffen wollten. Winkt ihnen freundlich zu."


    Das taten sie dann auch und sahen dasselbe in den vorüberziehenden Fenstern. Bis auf die letzten Fenster. Dort hielt sich nämlich jemand nicht an das Gebot sitzen zu bleiben und drückte mehrere prall im Lycra gehüllte Hinterteile an die Scheiben.






    Kapitel 3.15 Rubina und Dirk


    Ihr Weg nach dem Zufallsprinzip führte sie von der Mitte der Insel weiter gen Osten und letztlich in südliche Gefilde. Rubina war von der gut ausgebauten Straße auf einen Schotterweg abgebogen, welcher sich in einiger Höhe um naturbelassene Buchten schlängelte.


    "Ich schätze die letzte Abzweigung war eine Fehlentscheidung", monierte Dirk.


    "Wieso? Ist doch malerisch hier, um nicht zu sagen wildromantisch."


    "Schon, aber der Weg wird so langsam zum Pfad", entgegnete er und sah sich prompt durch das nächste Schlagloch darin bestätigt.


    Immer mehr überwucherte trockenes Steppengras ihre Fahrbahn und es ging nur noch in Schrittgeschwindigkeit weiter. Dann endete der Weg endgültig vor unpassierbaren Bodenwellen und Felsbrocken.


    "Da rechts ist es Flach genug um zu wenden", wies er in die Richtung. "Dann brauchen wir wenigstens nicht die ganze Strecke rückwärts fahren."


    "Ach, das hätte ich dann sowieso dir überlassen, Lycra-Agent 008", konterte sie schnippisch und mit breitem Grinsen.


    Anstatt aber den Weg dorthin zu fahren von wo sie gekommen waren, stellte sie das Cabrio ab.


    "Was jetzt?", kam seine Frage verwundert.


    "Lass uns doch mal umschauen was es hier zu entdecken gibt. Vielleicht ist es ja ganz schön hier."


    Sie stiegen aus und sahen sich um. Hätte die Welt eine Gesäßkerbe, würden sie sich genau dort befinden. Irgendwo in der Wildnis oberhalb des Meeres und fernab jeglicher Zivilisation. Auf einer Seite ging die Steppe langsam in Dornenhecken über. Dort gab es kein weiterkommen. Alle anderen Seiten wurden bestimmt von zerklüfteten Felsen. Jedoch hörte man die Brandung, ohne dass man die See direkt sehen konnte.


    "Hier", rief Rubina aus einiger Entfernung. "Ich habe einen Weg gefunden."

  • Kapitel 3.16 Sibylle und Norman


    Natürlich ließen sie es sich nicht nehmen, dem weithin erkennbaren Wahrzeichen der Stadt Palma einen Besuch abzustatten. Wenn sie nun schon mal hier waren, wollten sie die Kathedrale wenigstens mal von außen sehen. Für ein Besuch des Inneren fühlten sie sich unpassend gekleidet. Doch sie zählten zur Minderheit die so viel Respekt bewiesen.


    Zwar war dieser klerikale Prachtbau mehr als sehenswert, aber der Vorplatz wimmelte von Touristen, Mausefallen-Händlern und bestimmt auch Taschendieben. Letztere hatten bei den eng bekleideten wenig Chancen und den kleinen Rucksack seiner Begleiterin hatte Norman stets im Auge.


    "Ich glaube, wir suchen uns etwas weniger überlaufenes", schlug er vor und sprach ihr damit aus der Seele.


    Schilder kündeten von einem "Parc de la Mar", denen sie von dem kleinen Hügel der Kirche abwärts folgten. Endlich konnten sie wieder frei atmen. Sybille noch mehr als der Autor.


    "Das ist aber ein großer Springbrunnen", konnte sie aber gleich darauf schon wieder scherzen.


    Sie spazierten um ein raumgreifendes, unsymmetrisch eingefasstes Bassin aus dessen ungefährem Zentrum eine Fontäne, ähnlich der am Genfer See empor schoss. Hier war es ruhiger, abgesehen von der naheliegenden Küstenstraße, welcher sie auf ihrem Weg immer näher kamen.

    Sie erreichten eine weitere grüne Oase, die möglicherweise noch zu dem Uferpromenadenpark dazu gehörte.


    "So ein paar Bäume machen alles gleich viel friedlicher, findest du nicht?", fragte sie auf den schattigen Wegen.


    Er nickte nur und machte sich Gedanken wie es nun weiter gehen könnte. In ihren wie angegossen passenden Lycrasachen verfehlte sie die Wirkung auf ihn nicht. Am liebsten hätte er sie jetzt geknuddelt, war sich aber uneins darüber, ob das angemessen sei. Ob er etwas sagen sollte? Ihm fiel aber gerade nichts richtiges ein. Egal, gemeinsam Schweigen hat ja auch was.


    Ehe sie es sich versahen, gelangten die Beiden aus dem Park heraus an eine Straßenkreuzung auf Großstadt-Niveau.


    "Zurück oder weiter?", fragte er.


    "Ach, ich könnte schon noch ein bisschen mehr sehen", antwortete sie entschlossen. "Da drüben scheint schon ein Strand anzufangen. Vielleicht bekommen wir ja doch noch etwas Salzwasser ab."


    Ihm gefiel dass sie so gut "drauf" war und tatsächlich begann auf der anderen Straßenseite, nach einem Restaurant, ein schmaler Sandstrand. Nicht gerade der schönste und sauberste, aber noch akzeptabel dafür, dass er gerade mal zwei Kilometer vom Hafen entfernt lag.


    "Hast du Hunger?", erkundigte sie sich als sie die Treppen neben dem Lokal herabstiegen.


    "Nö, das reichliche Frühstück von heute morgen hält bei mir noch eine Weile an. Und du?"


    "Ich brauche auch nichts."


    An diesem Strandabschnitt tummelten sich nur wenige Badegäste, aber schließlich war es ja der natürliche Lebensraum ihrer Lycrakleidung. Also hatten sie flugs ihre Schuhe in der Hand und wateten durch das erfrischende Nass, welches hier sehr flach anlandete.


    "So lässt sich´s aushalten", kommentierte er die milde Meeresbriese und das salzige Wasser bis fast zu den Knien.


    "Uups!"


    Eine plötzliche Senke in Kombination mit einem Wellenklatscher ließ seine Begleiterin straucheln. Geistesgegenwärtig umfasste er ihre Taille und bewahrte sie damit vor einem Platscher ins Wasser.


    "Geht schon, Danke", rappelte sie sich wieder auf. "Wäre ja nicht viel passiert. Wir sind ja passend angezogen."


    "Aber dein Rucksack nicht."

    Norman ließ sie wieder los, was ihm aber einen abwertenden Blick einbrachte.


    "Du solltest mich weiter festhalten, nicht dass mir noch mal so ein Missgeschick geschieht."


    Ihr Grinsen machte ihm klar, dass er wieder mal komplett auf der Leitung stand.


    "Du hast das also absichtlich gemacht?"


    "Irgendwie musste ich dich doch näher an mich heranbringen, so zurückhaltend wie du bist?"


    Was für ein tiefgründendes, stilles Wasser, dachte er über sie.

    "Wollen wir unseren Lycrasachen mal das Mittelmeer zeigen?", fragte er und wies mit dem Kopf vom Strand weg.


    Augenblicke Später lagen ihre Schuhe, der Rucksack und Sibylles gelbe Radlerhose mit drei Steinen beschwert am Strand und sie machten einen Wettlauf, wer wohl als Erster im Wasser sei.

  • Kapitel 3.17 Rubina und Dirk


    Tatsächlich waren die Lücken in den Felsen so beschaffen, dass sie wie eine Treppe nach unten führten. Und das gar nicht mal unbequem. Dirk konnte sich kaum satt sehen an der katzenartigen Eleganz, mit welcher sie Stufe um Stufe dem Meer näherkam. Geschmeidige Bewegungen in diesem aufregenden Einteiler. Er hatte völlig vergessen was ihn eigentlich zu dieser Reise bewog. Nichts anderes hatte er im Sinn als den schleichend präzisen Gang diese Lycrakatze.


    Dann urplötzlich fanden sie sich am Wasser wieder. Eine winzige Lagune, welche die Brandung abmilderte und die Wellen auf einen kleinen, weißen Sandstrand auslaufen ließ. Nicht größer als ein Parkplatz für vier Autos. Und sie waren völlig alleine hier.


    "Wahnsinn!", war alles was ihm bei diesem Anblick über die Lippen kam.


    "Gehen wir schwimmen?", fragte Rubina ohne jedoch ein "Nein" zu erwarten.


    "Hast du Handtücher mit?"


    "Scheint die Sonne, Agent 008?"


    Und schon hechtete er diesem Frechdachs hinterher. Der feine Sand fiel erst sehr langsam in die von Felsen zur Hälfte umschlossene Lagune ab. Dann aber reichte die Tiefe zum Schwimmen aus.

    Die Abkühlung kam sehr gelegen nach der etwas staubigen Buckelpiste.

    Die erste Katze, die nicht wasserscheu ist. Doch in diesem Element passten ihre Bewegungsmuster eher zu dem Schlangendress vom ersten Abend an Bord. Nach ein wenig ernsthaftem Schwimmen, folgten ausgelassene Spritzereien im flacheren Wasser. Und auf einmal spürte er ihren feuchten Lycraleib sich an den seinen schmiegen. Das kindische war gewichen als ihr nasses Gesicht sich unaufhaltsam dem seinen näherte.


    Ihr Kuss schmeckte salzig und er wollte mehr davon. Jetzt ließ auch er seine vornehme Zurückhaltung fallen und drang immer fordernder mit seiner Zunge in ihre warme Mundhöhle ein. Erst als sie zu ertrinken drohten lösten sie die Umklammerung um wieder ins seichtere Gewässer zu kommen. Rubinas nasse Haare rochen salzig als er sein Gesicht darin vergrub.


    Nach und nach gelangten sie miteinander ringend aus dem Wasser zurück an den Strand. Das kurze voneinander lösen genügte für fragende Blicke, welche die Antwort darauf bereits beinhalteten. Noch im Stehen beeilten sich zwei Paar Hände möglichst viel des glatt verhüllten Körpers gegenüber zu befühlen. Die Sonne begann bereits mit ihrem Aufwärmprogramm das die Anzüge aus Chemiefasern beim trocknen unterstützte. Auch wenn längst nicht alle Fragen beantwortet wurden, war hier kein Raum für Gespräche.

    Nur für das unwiderstehliche Tastgefühl.

    Nur für pure, instinktgesteuerte Lust.

  • Kapitel 3.18 Rainer und Tobias


    Rainer war mal wieder durcheinander. Unsicher was er von diesen, lange unterdrückten Gefühlen halten sollte. Würde er sie zulassen? Durfte das überhaupt sein? Waren es womöglich nur die Umstände die diese unvermuteten Gedanken hervorriefen?

    Jedenfalls war es nicht der überwältigende Eindruck, den ihr gerade verlassenes Reiseziel hinterlassen hatte. Alle redeten über die Schönheit der Natur. Selbst Toby war ins Gespräch mit ihren Sitznachbarinnen vertieft. Nur er war dabei seine Gedanken zu ordnen, während die Landschaft an ihnen vorbei zog.


    Nach dem Mittagessen auf der Hacienda bei Manacor, führte der Weg in fast direkter Linie nach Süden. Die Touristenhochburg Cala d´ Or ließen sie links liegen und steuerten statt dessen den "Parc Natural de Mondrago" an. Dieses Naturschutzgebiet bot die Gelegenheit zu einem Verdauungsspaziergang.

    Mitten in der sonst eher kargen Landschaft der südlichen Küste, empfing sie eine Oase beeindruckender Beispiele aus Flora und Fauna. Der geringe Eintrittspreis, welcher für Erhalt und Pflege des Areals genutzt wurde erwies sich mehr als gerechtfertigt.


    Obwohl ihre Gruppe in der Kürze der Zeit lediglich einen Teil des Parks erforschen konnte, verteilten sich die Lycraträger in alle Himmelsrichtungen, so dass man relativ ungestört mit der Natur war. Die vielen Grünpflanzen sorgten für Schatten und ein milderes Klima und man vernahm exotische Tierlaute, die anderenorts höchstens in botanischen Gärten zu hören waren.


    Der innere Teil des Naturschutzgebiets mündete in zwei herrlichen Natursandstränden einer Bucht. Nach und nach kamen hier die meisten der Fahrgäste zusammen, was die Damenriege des TSV Obertupfingen natürlich wieder zu einer spontanen Bewegungsorgie animierte. Fast alle schlossen sich an, selbst die Repräsentantin von "Lycraworld" in ihrer grünen Berufskleidung.

    Rainer hingegen hielt sich abseits. Er nahm den Anblick seiner lange unterdrückten Lieblingskleidung in sich auf. Die vielen Körper, deren anatomischen Vorzüge so vielfältig waren und doch jedesmal vorteilhaft von dem besonderen textilen Überzug in Szene gesetzt wurden.


    Viele trugen nur Unterteile, wie Leggings, Radler oder Hotpants-Shorts wie er und Tobias.


    Tobias.


    Sein Blick blieb an ihm hängen. An dem Mann den er seit Kindertagen kannte. Mit dem zusammen er die prägendsten Momente der Jugend durchlebt hatte. Der ihn stets verblüffte mit seinem offenen Statement "Anders" zu sein. In jeglicher Hinsicht. Und der gerade inmitten einer Gruppe hüpfender Frauen und Männer herausstach. Nicht nur durch seine äußere Anmutung.


    Rainer konnte die verschiedenen Vertreter beider Geschlechter verstehen, wenn sie sich der Versuchung nicht entziehen konnten an die rückwärtigen Wölbungen seiner schillernden Hose zu fassen. Er selbst hatte ebenfalls einige Tätschler abbekommen, doch an Toby wirkten die Lycrasachen noch mal ganz anders. Nicht nur wegen seiner Sportlerfigur. Es musste noch etwas anderes sein, was Rainer so sehr zu ihm hin zog. Eine Spannung, die ständig die Gemütszustände änderte. Die ihn unbedingt in seiner Nähe sein lassen wollte.

    Möglicherweise war ihr gemeinsames Erwachen kein so großer Zufall wie vermutet. Und keinesfalls ein Unfall, wie erhofft.



    Die Stimme aus dem Lautsprecher, dass sie sich jetzt dem Bereich annäherten, der es nicht zuletzt durch Deutsche Pauschaltouristen zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hatte, holte ihn in die Gegenwart zurück.


    "Links von uns geht es nach "S´Arenal", anstatt mit dem mallorquinischen Namen eher unter dem kastillischen "El Arenal" bekannt", kamen die Informationen wie gewohnt verzerrt an die Ohren der Fahrgäste. "Wir werden noch etwas weiter fahren, um direkt in der Nähe der Deutschen Enklave inklusive des Strandabschnitts 6 zu parken. Gesehen haben sollte man es einmal, auch wenn man geteilter Meinung darüber sein darf. Aber ganz so schlimm ist es auch nicht, schon gar nicht am frühen Nachmittag."






    Kapitel 3.19 Sibylle und Norman


    Wie Kinder die das erste Mal im Meer baden, tollten die beiden in der sanften Dünung herum. Jedoch stets mit einem wachsamen Auge auf den schmalen Strandabschnitt und ihre Habseligkeiten gerichtet. Dieser war jedoch kaum bevölkert und übersichtlich, wodurch ihrem Genuss des Plantschens kein Abbruch getan wurde. Jeglicher Stress war von ihnen abgefallen und sie fühlten sich endlich einmal wie "normale" Menschen.


    Nach dieser Abkühlung beschlossen sie, noch ein Stück des Strandes entlang zu gehen bis ihre Lycrasachen von der Sonne getrocknet waren. Jetzt am Nachmittag verirrten sich einige Badegäste mehr an diesen schmalen, stadtnahen Strand. Meist einheimische, denn die Touristenstrände lagen weiter östlich.

    Norman hatte das Tragen des Rucksacks übernommen, nachdem sie ihre Laufschuhe an deren Schnürsenkeln daran gebunden hatten. Die freien Hände, die nicht mit dem Tragen der Schuhe betraut waren, fanden ganz unschuldig zueinander, und so schlenderten der gefeierte Fetischautor und seine scheue Bekannte unter mediterraner Sonne an der Wasserlinie entlang und ließen sich dabei bis über die Knöchel vom Meer umspülen.


    "Ist zwar jetzt nicht gerade eine "Must See"-Attraktion", stellte Er fest, "aber ich finde der Landgang hat sich schon gelohnt."


    Sibylle rückte bei seinen Worten näher an ihn heran und sagte: "Finde ich auch."


    In der Nähe eines der Aufgänge zum Gehweg neben der Uferstraße setzten sie sich auf eine der sonnenwarmen Steinbänke um ihre Füße trocknen zu lassen. Norman besorgte zwei Orangen von einem fliegenden Händler, der ihm freundlicherweise auch gleich die Schalen mit einem Messer einritzte um das Schälen zu erleichtern.


    "Das schöne an Badeurlaubsorten ist, dass man als Mann nicht ständig auffällt, wenn man einen Lycra-Einteiler trägt", stellte er fest nachdem er Sibylle ihre Orange leicht geöffnet übergeben hatte. "Auch wenn sich normalerweise keiner traut etwas abwertendes zu sagen, spürt man schon die Blicke jener, in deren Weltbild dafür noch kein Platz freigeräumt wurde."


    "Das hast du schön formuliert, du Wortakrobat", lobte seine Badepartnerin und biss genüsslich in einen Schnitz dieser frischen Frucht. "Dein Monsieur Luc Rah spricht auch manchmal so ausgewählt."


    "Ich glaube, man kann gar nicht verhindern dass sich einiges von einem selbst in den Charakteren widerspiegelt, die man jene Abenteuer erleben lässt die einem selbst oft verwehrt bleiben."


    "Aber zumindest derzeit erleben wir ja sowas wie ein Abenteuer, meinst du nicht?"


    Er lächelte sie an. Ihre Aussage mochte sich auf die Lycra-Themenreise beziehen, aber ihr attraktiver Körper, der mit dem Überzug aus bunten Quadraten Glanzpunkte auf dieser nüchternen Steinbank setzte, fiel bestimmt auch in diese Kategorie.

  • Kapitel 3.20 Rainer und Tobias


    Das war also der berüchtigte "Ballermann". Sie schlenderten in einer größeren, aber nicht unbedingt zusammenhängenden Gruppe entlang der Strandpromenade des Abschnitts 6, des einzigen der "Balenarios", dessen Nummer bei der Neuorientierung und Erweiterung der Strandteile gleich geblieben war, wie ihre Reiseleiterin ihnen noch mit auf den Weg gegeben hatte.


    Weiter hinten befanden sich auch die fünf Turnmädels, die mittlerweile wohl auch müde wurden und deshalb nicht sofort wieder zur Leibesertüchtigung aufriefen. Auch ihre Sitznachbarinnen aus dem Bus und sogar die älteren Damen des feuchtfröhlichen "Kegelclubs" folgten in einigem Abstand. Letztere waren eigentlich die Einzigen, die von ihrer leicht ordinären Art hier her passten.


    In der Nähe einer Strandbar wurden Rainer und Tobias von mehreren, offensichtlich deutschen Urlaubern aufgehalten.


    "Na wat ham wer denn da für´n schnuckeliges Pärchen", lallte der Erste der deutlich angetrunkenen und fasste Rainer ungeniert an seine aufreizend glitzernden Lycrashorts. "Is det etwa die neue Arschfickermode?"


    Der stämmigere der beiden Lycrakumpels atmete kurz durch und trat einen Schritt zurück. "Hey Leute, bleibt mal locker", entgegnete er und dachte eigentlich dass die Sache damit erledigt wäre.


    Doch auch ein weiterer der Gruppe tätschelte ihm den Hintern und ein anderer fingerte an Toby´s Oberteil herum.


    "Wer von euch is denn das Mädchen? Ballettschühchen tragt ihr ja beide."


    Diese Frage ging einher mit einer mächtigen Schnapsfahne. Die beiden Kumpels wichen weiter zurück, denn ihnen war klar dass die nicht mehr die volle Kontrolle über sich besaßen.


    Toby sagte deshalb: "Kommt Jungs, lasst es gut sein. Vielleicht war der letzte Sangria-Eimer zuviel und es macht doch keinen Sinn hier Streit anzufangen."


    "Hassu gehört", lallte der zweite Störenfried dem ersten ins Ohr, "die Tucken wollen Streit haben."


    "Nein, das wollen wir nicht. Wir gehen jetzt einfach zurück und alle werden glücklich, OK?"


    "Gaanix OK, du Tunte", schlug der zweite Tobias gegen die Brust und stieß ihn davon. Dann wandte er sich an Rainer: "Und du ...", streckte er seine Pranken nach ihm aus, konnte jedoch den Satz nicht beenden.


    Ein Geräusch wie dürre Zweige die jemand zerbricht, brachte ihn zum Schweigen. Rainer´s Stirn war schneller als der andere reagieren konnte auf dessen Nase geknallt. Mit Blut im Gesicht torkelte dieser beiseite, während ein wahrer Hüne zusammensackte als Tobias seinen Fuß mit Schwung in dessen Skrotum versenkte.


    "Meide Dase", jammerte der erste Angreifer der sich am Boden die Hände vors Gesicht hielt. "Die Schwuchtel hat mir meide Dase gebrochen."


    Die Betrunkenen waren einfach zu langsam gegen die Nüchternen und so wurden auch zwei weitere abgewehrt, indem die beiden Freunde sie jeweils am Kragen packten und einfach gegeneinander warfen.


    "Aufhören ihr Idioten. Sofort aufhören!"


    Die Turnmädels waren mittlerweile ebenfalls auf ihrer Höhe und selbst die älteren Semester kamen hinterher gerannt um den Lycrafans beizustehen.


    "Da iss wohl ´n Nest", fauchte einer der verbliebenen, während die Anderen ihren Verletzten zu helfen versuchten so gut das volltrunken möglich war. "Nix wie weg."


    Und schneller als man es für möglich gehalten hätte, gaben die Rabauken stolpernd Fersengeld. Sie waren bereits ein Dutzend Meter weg als eine autoritäre Stimme etwas auf Spanisch rief. Das einzige was die Lycrafans verstanden war "Policia!"


    Zwei Uniformierte kamen aus jener Richtung und die flüchtenden liefen ihnen geradewegs in die Arme.

    Doch die Polizisten interessierten sich nicht für sie und ließen sie ihres Weges ziehen. Es dauerte einen Moment um zu realisieren was nun folgen würde. Die hatten es auf Tobias und Rainer abgesehen.


    "Haut ab, Jungs", bellte eine der Gymnastinnen und schob Toby an, der noch immer auf dem Schlauch stand.


    Die beiden rannten in die Gegenrichtung und die mittlerweile zehn Frauen bildeten eine Barriere vor den Polizeibeamten. Am couragiertesten gingen die Damen des "Kegelclubs" vor. Sofort bombardierten sie die Uniformierten mit durcheinander reden und wild gestikulieren. Die Frauen nahmen keine Rücksicht darauf dass die Ordnungshüter ihr deutsches Gezetere nicht verstanden. Wichtig war, ihren Mitreisenden Zeit zu verschaffen.

    Als die Polizisten sich anschickten an diesen Furien vorbei zu kommen, hatten sich die Turnmädels und die Sitznachbarinnen der Kumpels bereits Formiert.


    "Und los!", kommandierte die eine, die auch sonst die Leibesübungen angeführt hatte. "Eins und Zwei und Eins und Zwei ..."


    Die sieben Personen blockierten mit ihrem breiten "Hampelmann" die komplette Promenade und die Exekutive hatte ihre Mühe an ihnen vorbei zu gelangen. Als sie es endlich geschafft hatten bogen ihre "Ziele" bereits in eine Seitenstraße.


    Jetzt war es aber an den Retterinnen in die Gegenrichtung zu verschwinden. Denn wenn die Polizisten die beiden nicht einholten, würden sie womöglich auf die Idee kommen sich statt dessen den Damen zuzuwenden. Doch sie folgten den Freunden. Dennoch teilten sich die zurückgebliebenen Ausflügler in kleinere Gruppen auf und verdünnisierten sich in unterschiedliche Seitenwege.



    "Schei.., Schei.., Schei..!", rief Rainer aufgeregt als die beiden in gestreckten Galopp Haken um winklige Gässchen schlugen.


    "Spar´ dir deine Luft zum Laufen", war Toby´s Kommentar.


    "Mist! Wo sollen wir denn hinlaufen? Kennst du dich etwa aus?"


    Ein schnaufendes Kopfschütteln war die einzige Antwort. Sie bogen erneut um eine Ecke und kamen auf eine größere Straße.


    "... Bus ...", war alles was Tobias herausbrachte.


    Und tatsächlich fuhr in diesem Moment ein Stadtbus der regionalen Verkehrsbetriebe an ihnen vorbei. Offenbar befand sich ein Stück die Straße hinab eine Haltestelle. Etwas weiter leuchteten nämlich die Bremslichter des Gefährts, welches mit den Buchstabenkürzeln "CTM" und "TIB" beklebt war. Doch der Bus der Linie 25 schloss bereits wieder die Tür als die beiden an ihn herankamen.


    "Stopp!", rief Rainer mit letzter Kraft und der Fahrer öffnete noch einmal die Tür.


    "Palma?", fragte Tobias keuchend und kramte Kleingeld aus seinem Bauchbeutel hervor.


    Der Fahrer, der offenbar fremdsprachige Touristen gewohnt war, deutete auf eine Tabelle mit Abbildungen von Euro-Münzen. Eins-Fünfzig pro Nase war wirklich nicht teuer, doch es dauerte seine Zeit zu bezahlen und die Uniformierten kamen bereits aus der letzten Seitengasse herausgerannt. Doch dann fuhr das Vehikel endlich an und die beiden fielen japsend auf die hinterste Sitzbank.


    Aus der Heckscheibe sahen sie, wie einer der Polizisten seine Mütze absetzte um sich den Schweiß abzuwischen und der Andere ein Funkgerät von seiner Schulter nahm.

  • Nein, ich war nicht mit Thomas Cook unterwegs... alles gut.

    So, ich habe es geschafft, in den letzten drei Tagen 29 Kapitel zu lesen. Fabelhafte Handlungen, fabelhafte Beschreibungen!
    Vielen Dank Lycwolf dafür!
    Ebenso für Leonies Erwähnung und Vorstellung der (Teil-)TuFiTa!
    Auch andere konnte ich identifizieren, z.B. das Lycrapaar.

    Die Zaubershow fand ich mitnichten langweilig. Das Geschehen von Missgeschicken auf der Bühne - wenn auch geplant - dient doch zur Auflockerung.

    Deine Ausdrucksweise - köstlich:
    "äußerst unappetitliche Rektalfalte"
    "Hätte die Welt eine Gesäßkerbe, würden sie sich genau dort befinden."

    Insgesamt spannend. Was Rubina und Agent Dirk erleben. Die behutsame Annäherung zwischen Norman und Sibylle gefällt mir auch. Denn ein wenig von Norman steckt auch in mir. Und nicht zuletzt Rainer und Tobias, die nun mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen haben.

    Eines noch: Kommt noch was von Nasrin, Aitana und der Gruppe? Oder habe ich irgendwas überlesen?

    Gruß
    Desi

  • Danke Desi, dass du die Mammutaufgabe auf dich genommen hast.

    Bei der Art der Geschichte sind zu große Veröffentlichungspausen schädlich für´s Gesamterlebnis, deshalb die hohe Schlagzahl. Und mit dieser wird es auch gleich weiter gehen.


    Ansonsten hast du nichts überlesen, aber es kommt noch einiges auf uns zu.

    Weiterhin viel Spaß dabei.

  • Kapitel 3.21 Sibylle und Norman


    Wieder getrocknet und auch sonst sehr zufrieden, schlenderten die beiden zurück Richtung Stadt. Von der Uferpromenade, mehr ein breiterer Bürgersteig neben der viel befahrenen Küstenstraße, hatten sie einen schönen Ausblick auf das soeben genossene Meer. Ihre Hände hatten wieder zueinander gefunden und schon diese kleine Geste zeugte von Verbundenheit.

    Auch wenn es erst Nachmittag war, begann die Sonne hinter dem Hafengelände bereits ihren Sinkflug. Norman mochte das Strahlen, welches diese auf das Antlitz seiner Begleiterin zauberte. Als würde Sibylle von innen heraus glühen. Ob er selbst auch so glühte? Ob es möglicherweise Verliebtheit war?


    Seine Gedanken wurden abgelenkt von einem Stadtbus, der gerade auf der gegenüberliegenden Straßenseite an einer Haltestelle stoppte. Es war unweit der großen Straßenkreuzung an der sie warteten um wieder zurück zum Uferpark zu gelangen.


    "Sind die nicht auch Passagiere auf der Borealis?", fragte sie und deutete auf die beiden Männer, die sich schnellen Schrittes Richtung Altstadt begaben.


    Norman kniff die Augen zusammen um im Gegenlicht etwas besser sehen zu können wer da gerade ausgestiegen war.

    "Stimmt, das sind die Beiden die gestern Abend die auffälligsten Lycra-Kostüme anhatten."


    "Na zumindest ihre Hosen passen gut in dieses Schema", fügte sie wie zur Bestätigung an.


    Die Männer waren schnell verschwunden, während das Paar noch an der Ampel warten musste.



    Im folgenden Park blieb Sibylle unvermutet unter dem Schattendach eines der Bäume stehen. Sie sah den Autor schüchtern an, als traue sie sich nicht ihm etwas wichtiges zu sagen.

    Er konnte sich zwar denken worum es ihr gehen mochte, denn auch er überlegte bereits geraume Zeit wie er den nächsten Schritt machen sollte. Und ob er ihn überhaupt machen sollte, oder besser noch abwartete. Doch er fühlte sich mit weit mehr als der Gravitation zu ihr hingezogen. Und das eigentlich schon seitdem sie ihm gestern die Cola gebracht hatte.


    Wieder blickte sie scheu zu Boden und sprach damit seinen evolutionsbedingten Beschützerinstinkt an. Er wollte es ihr erleichtern indem er seine Hände an ihre glatte, bunte Taille legte, oberhalb des Bunds ihrer gelben Radlerhosen.

    Sibylle erschrak und sah ihn direkt an. Noch bevor er seiner Verwirrung darüber Herr werden konnte, warf sie die Arme um ihn. Sie stellte sich dabei auf die Zehenspitzen und er spürte ihren Lycraleib zittern. Der sommerlichen Temperatur zum Trotz.

    Und er erwiderte die Umklammerung. Wange an Wange, die Körper in der Chemiefaser fest aneinander gedrückt, roch er ihr Haar. Ihren salzigen Nacken. Diese Umarmung war gänzlich anders als die üblichen Berührungen unter Lycra-Fans. Dies war persönlich.


    "Ja", bestätigte er ihre unausgesprochene Frage, noch immer ganz von ihr vereinnahmt, "Ich möchte mit dir zusammen sein."






    Kapitel 3.22 Rainer und Tobias


    "War es nötig so weit vorher auszusteigen?", lamentierte Rainer auf dem nur geschotterten Weg einer Straßenbaustelle.

    Die spitzen Steine drückten sich unangenehm durch die dünnen Sohlen ihrer Gymnastikschläppchen und der einzige Trost war, dass es Barfuß noch viel schlimmer sein musste.


    "Die Bullen wissen genau dass wir Touris sind und falls die tatsächlich unsere Beschreibung weitergegeben haben, werden in der Altstadt alle Uniformträger ein Auge auf uns haben. Wenn sie nicht sogar an der letzten Haltestelle warten."


    Das stimmte natürlich. Aber ob die hiesige Polizei wirklich so viel Aufwand wegen einer "Kabbelei" unter betrunkenen Urlaubern treiben würde?


    "Wir müssen die Anderen wiederfinden", wies Rainer auf ihre Reisegruppe hin. "Hoffentlich ist denen klar, dass wir uns alleine durchschlagen und sie nicht noch unnötig nach uns suchen müssen."


    Tobias musste trotz allem grinsen: "Hast du gesehen, wie die Mädels im Handumdrehen die Ordnungsmacht aufgehalten hatten?"


    "Ja. wenn die nur mal keinen Ärger wegen uns bekommen."


    "Wir haben ja nicht mit der Stänkerei angefangen", verteidigte Toby ihr Handeln im Nachhinein.


    "Stimmt. Aber irgendwie ist das verkehrt rübergekommen."


    Sie gingen im Zickzack in die Richtung, in der sie die Innenstadt vermuteten. Dass die Häuser immer mehr nach Altstadt aussahen, bestätigte diese Annahme.


    "Wir sollten sehen, dass wir uns ein bisschen tarnen", erklärte Tobias. "Unsere Klamotten sind etwas zu auffällig außerhalb der Gruppe."


    "Aber in der Innenstadt wo die Geschäfte sind, könnten die Ordnungshüter auf uns aufmerksam werden."


    Da steckten sie jetzt tatsächlich in einer Zwickmühle.


    "Bestimmt gibt es hier auch solche Shops mit Billigkopien von Markenklamotten."


    "Bestimmt."


    Rainers Aussage tendierte mehr zur Hoffnung als zur Bekräftigung. In Marokko oder selbst in Tunesien konnte man an jeder Straßenecke einen Kaftan erwerben. Und wenn es sein musste auch noch einen Turban oder Fez dazu.


    Eine Querstraße weiter erkannte man bereits am Straßenverlauf den Altstadtaufbau in konzentrischen Ringen. Gleich darauf fanden sich die Freunde auf einem großen Platz wieder, welcher vor Touristen nur so wimmelte. Eigentlich ganz gut um unauffällig unter zu tauchen. Andererseits gab es hier auch schon wieder mehr Ordnungskräfte. Sie schlenderten mit dem Strom der regulären Urlauber weiter, so unauffällig das in glitzernden Hotpants möglich war.


    Nachdem sie einen Brunnen umrundet hatten, wurde Rainer urplötzlich von seinem Kumpel in ein enges Gässchen geschoben.


    "Was ...?", setzte er an eine Erklärung dafür einzufordern, doch Tobias bedeutete ihm mit dem Zeigefinger über den Lippen still zu sein.


    "Zwei Polizisten folgen und schon länger und haben gerade mit uns die Straßenseite gewechselt", flüsterte er.


    Rainer spähte hinter den links abgestellten Kästen zurück wo sie her gekommen waren. Er sah nichts was verdächtig wäre.


    "Also dafür dass du sonst so Cool bist, hast du eine ganz schöne Paranoia", zog er seinen Kumpel auf. "Glaubst du etwa die machen eine Großfahndung nur wegen einer kleinen Klopperei unter Ausländern?"


    "Ja, vielleicht hast du Recht, aber die beiden in Uniform vorhin waren stinksauer. Vor allem der eine, der nach seinem Funkgerät gegriffen hat. Irgendwie bin ich nicht scharf drauf, wegen so einer Lappalie mit der spanischen Polizei in Berührung zu kommen. Die Sache ließe sich zwar relativ schnell aufklären, aber dafür säßen wir ein paar Stunden auf dem Revier, während unser Lycradampfer ohne uns weiter schippert."


    Nach einer Weile setzten sie ihren Weg fort und weil sie nachfolgend keine Polizisten mehr sahen, fühlten sie sich Meter um Meter besser.

    Immer häufiger ging es nun über kurze Treppenwege voran. Mittlerweile waren die Gassen schmal und verwinkelt. Hier gab es keinen Autoverkehr mehr. Schließlich hatten sie mit der "Placa Major" das Zentrum, das pulsierende Herz Palmas erreicht. Dort traf moderner Tourismus auf eine Altstadt, die ihre Ursprünge bis in die Römerzeit zurückverfolgen konnte.

    Hier war Leben. Straßenkünstler und Artisten. Selbstdarsteller und Händler, die einem die eigene Großmutter verkaufen würden, sofern es sich lohnte.


    "Hier müssten wir wohl wieder auf unsere Gruppe stoßen, meinst du nicht auch?", fragte Tobias.


    "Gut möglich, denn das sollte eigentlich Bestandteil der Stadtführung sein. Es sei denn sie kürzen ab weil sie noch immer am Ballermann auf uns warten."


    "Hoffentlich nicht. Lass uns da vorn mal ´ne Cola trinken", meinte Rainer. "Die Rennerei hat mich ganz schön schlapp gemacht






    Kapitel 3.23 Sibylle und Norman


    Schwer zu sagen wie lange sie da gestanden hatten und nichts anderes taten als sich gegenseitig zu "fühlen". Die Welt um die beiden schüchternen Lycraträger schien nicht mehr zu existieren. Als Norman schließlich nach einiger Zeit die Vorstellung hatte, es sei angebracht die Umklammerung zu lösen, zogen sich Sibylles Arme nur noch fester um ihn zusammen.


    "Schhhh, ist ja schon gut", flüsterte er ihr leise ins Ohr. "Ich lass dich ja nicht los ... will nur wieder mehr von dir sehen ..."


    Sie lockerte ihren Griff und lachte leicht schniefend als sie ihm wieder ins Gesicht sah.


    "Ich hoffe das sind Freudentränen?", erkundigte er sich als er ihre feuchten Augen sah.


    Sie nickte nur und drückte ihren herrlich weichen Lycraleib wieder an seinen Einteiler.


    Na da hat´s aber mal jemand richtig nötig, dachte der Autor und wurde sich gleichzeitig bewusst, dass es bei ihm ja kaum anders aussah.

    Nach einer Weile schafften sie es schließlich, sich auf eine der metallenen Drahtgitterbänke zu setzen. Von dem still stehen waren seine Knie schon ganz zittrig. Vielleicht lag das aber auch an ihr.


    "...´schuldigung, dass ich mich so hab´ gehen lassen", beteuerte das kurvige Lycramädel nachdem der Ansturm der Gefühle vorüber war. "Es ist nur ... ach, ich weiß auch nicht ..."


    "Du musst dich für nichts entschuldigen, denn du hast nichts falsch gemacht", bestätigte er. "Ganz im Gegenteil. Ich habe noch nie innerhalb so kurzer Zeit so viel Schönes gefühlt."


    Mit diesen Worten legte er zur Bestätigung seinen Kopf zärtlich auf ihre Schulter. Er spürte den Träger ihres Badeanzugs glatt und kühl unter seiner Wange. Sie küsste ihn auf den Kopf - das Einzige was sie gerade erreichen konnte.


    "Mir ist schon klar, dass du nur eine Urlaubsbekanntschaft bist ... Oh Verzeihung, so habe ich das nicht gemeint", korrigierte sie sich schnell. "Ich meinte, mir ist klar, dass egal wie intensiv wir gerade füreinander empfinden, bereits übermorgen schon wieder alles vorbei sein kann und jeder wieder in seinen angestammten Alltag zurückkehren wird, ja sogar muss."


    Wieder ertönte sein beruhigendes "Schhhhhh!" Dann sah er ihr fest in die Augen und sagte: "Lass uns doch über das was übermorgen sein könnte erst übermorgen nachdenken."


    Diesen Spruch hatte er seine Phantasiefigur schon öfter zu hübschen Lycrafrauen sagen lassen. Und es hatte seine Wirkung nie verfehlt.

  • Kapitel 3.24 Rainer und Tobias


    "Könnte natürlich auch sein, dass unsere Busgesellschaft sich mehr im Bereich um die Kathedrale aufhält und keine große Stadtführung mehr macht", mutmaßte Rainer als die beiden ihr Getränk an dem kleinen Tischchen vor einer ebenso winzigen Kneipe beendet hatten.


    "Könnte sein", stimmte Tobias zu. "Meinst du wir sollten besser dort warten?"


    "Zur Not wären wir dort näher am Hafen und könnten zu Fuß zum Schiff, falls wir sie verpassen."


    Gesagt, getan, machten sie sich also daran die Altstadt in südlicher Richtung zu durchqueren. Was nicht so einfach war, da die verwinkelten Gassen sie immer wieder vom direkten Weg abbrachten.

    Allerdings war das auch eine gute Gelegenheit doch ein wenig Kultur mitzubekommen. Natürlich nicht so informativ wie mit geschulter Führung, aber mit wachem Blick konnten sie sich das Eine oder Andere zusammenreimen. Sobald man einmal über den allgegenwärtigen Kommerz der Ladengeschäfte und Bodegas hinweg sah, war die Architektur der ursprünglich römischen Ansiedlung noch häufig zu sehen. Natürlich waren auch Einflüsse aus Nordafrika und sogar bis in den nahen Osten nicht von der Hand zu weisen. Die "Banys Arabs", die arabischen Bäder etwa, wirkten exotisch und gleichsam einladend.


    "Lust auf eine Schaum-Massage?", fragte Tobias neckisch.


    "Nichts lieber als das, aber dazu haben wir jetzt keine Zeit mehr. Die Sonne geht schon langsam unter und wir müssten unsere Leute wiederfinden."


    Toby nickte schweren Herzens.


    "Nur gut", ergänzte Rainer, "dass die Polizei nicht mehr hinter uns her ist."


    Sie bogen ein auf eine Straße, die unverkennbar DIE Flaniermeile für Touristen war. "Passeig des Born" lautete der ungewöhnlich anmutende Name auf dem Straßenschild. Trotzdem fielen sie hier nicht weniger auf. Zumindest eine Gruppe offenbar Skandinavischer Gäste mit heller Haut und überwiegend blonden Haaren tuschelte lautstark über den Aufzug der beiden. An der Gestik war zu erkennen, dass diese sich angeregt über die glitzern, glänzenden Lycrashorts der beiden ausließen.


    Dies entging auch zwei Männern in der Uniform der "Policia Local" nicht und zwischen dem allgegenwärtigen Stimmengewirr war das statische Knacken eines Funkgeräts zu hören.

    Tobias, noch immer mit seinen Sinnen darauf geschärft, sah sie als Erster und dirigierte die Aufmerksamkeit seines Freundes unauffällig in jene Richtung.


    "Mist, du hattest doch Recht", zischte Rainer während die Polizisten sich zielstrebig um die Touristengruppe herum auf sie zu bewegten.


    Ohne Hast, aber unter höchster Anspannung, bogen die Freunde in die nächste Querstraße und begannen zu rennen sobald sie außer Sichtweite waren. Sie schlugen mehrere Haken, kreuzten sogar wieder die Flaniermeile und verloren sich dann im Geflecht aus Gassen und Treppenwegen.


    "Siehst du sie noch?", fragte Toby keuchend als sie unter einem Baum eines unbebauten Eckgrundstücks verschnauften.


    Rainer schüttelte den Kopf. "Nicht mehr seit einigen Minuten. Aber die sind uns tatsächlich eine Weile nachgerannt."


    "So viel zu Paranoia", spielte sein Kumpel auf Rainer´s Vorwurf von vorhin an.



    Sie setzten ihren Weg mit erhöhter Wachsamkeit fort. An einer Einmündung gegen Ende der Einkaufsstraße schob Tobias seinen Freund in einen der Klamottenläden, die neben Produktpiraterie auch minderwertigste Couture feilboten.

    Eine Kaftan oder Poncho konnten sie hier nicht erstehen, dafür ein Paar Leinenshorts für Rainer und Baumwoll-Bermudas für Toby. Dieser bekam auch noch ein Oversize XXL-T-Shirt mit dem Aufdruck "I (Herz) Malle". Ein Strohhut, eine Basecap und zwei Sonnenbrillen komplettierten die Verkleidung, die in Gänze weniger als zwanzig Euro kostete.


    Obwohl sie jetzt problemlos ins Klischee des Deutschen Urlaubers passten, kamen sie sich so lächerlich vor wie noch nie. Selbst in einem Badeanzug mit Rüschenröckchen hätte sich Tobias nicht so sehr geschämt. Doch derart gekleidet sollten sie keine Aufmerksamkeit mehr erregen.


    "Wir haben was vergessen", machte Rainer seinen Freund aufmerksam als sie bereits einige Querstraßen weiter waren.


    "Was?"


    Er zeigte auf den Boden.


    "Die Turnschläppchen könnten uns verraten."


    "Ich habe keinen Bock jetzt noch mal zurück zu gehen und Espadrilles zu kaufen", nörgelte Tobias.


    Rainer bückte sich kurzerhand und streifte sich die schwarzen Leinenschläppchen ab. "Dann eben Barfuß. Ist eh´ gesünder."




    So sehr sie auch die Augen auf ihrem Weg nach ihrer Reisegruppe aufhielten, nirgends eine Ansammlung von Lycraträgern zu sehen.


    "Das ist sie also", dozierte Rainer vor dem monumentalen Kirchenbau. "Die Kathedrale La Ser."


    "Wirkt Live irgendwie moderner als auf Bildern."


    Auch Besucher vor ihm hatten ähnliche Assoziationen wie Tobias. Die Feinstruktur der Steinmetzarbeiten wirkte stellenweise wie ein Alternativentwurf zur klassischen sakralen Baukunst. In einigen Details stand sie Antoni Gaudi´s Hauptwerk in Barcelona in nichts nach, war ansonsten aber doch eher konservativ gehalten.


    "Und was machen wir jetzt?"


    "Ich würde sagen wir warten zwanzig Minuten. Wenn dann noch keiner aufgetaucht ist, sind sie woanders lang. Dann machen wir uns selbst auf zum Schiff. Du weißt ja was die Kapitänin über das "zu spät kommen" gesagt hat."


    Oh ja, das hatten alle noch im Ohr. Fast hätte man heute Morgen vermuten können, der Schiffsführerin wäre es gar nicht Unrecht wenn einige die Abfahrt verpassen würden. Wie eine Art Wettbewerb.


    Eigentlich war es trotz allem ein schöner Ausflug geworden, dachten beide in irgendeiner Form während sie dem geschäftigen Treiben der dunkelhäutigen Schmuckhändler zusahen. Aus ihren Mänteln heraus drehten diese den ahnungslosen Urlaubern billigsten Schmuck als "Echt Gold" an. Man durfte halt nur nicht damit ins Wasser gehen, denn dann war das "Gold" schnell verschwunden. Auch hochwertigste Armbanduhren aller Fabrikate wurden stets mit Blick auf etwaige Ordnungsbeamte für wenig Geld an den Kunden gebracht. Echte Schnäppchen, solange es einen nicht störte, dass im Markennamen ein Buchstabe zuviel oder zuwenig war.


    Noch in Gedanken bemerkten die beiden gar nicht, dass sich eine größeren Gruppe aus einem anderen Stadtviertel kommend dem Vorplatz der Kathedrale genähert hatte. Die Teilnehmer trugen allesamt irgendetwas aus Lycra und voran ging eine attraktive Frau, unter deren "Tropenkleidung" ein schillernd grüner Ganzanzug aus den Öffnungen hervorlugte.


    Die Gruppe kam ihnen sehr nahe, ohne dass jemand sie erkannt hätte. Doch Tobias konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen und nahm genau wie Rainer die Sonnenbrille ab.


    "Da sind ja unsere verlorenen Schäfchen", hatte die Führerin die Abtrünnigen in der unvermuteten Verkleidung endlich wieder erkannt.


    Die meisten der Anderen kamen herbei gelaufen, als sie erfuhren dass die "Helden" wieder aufgetaucht waren.


    "Ihr seid ganz schön spät dran", ließ Toby an einem Geländer lehnend den Coolen ´raushängen und wirbelte seine Sonnenbrille an deren Bügel umher. "Wir warten schon eine ganze Weile."


    "Wir sind später dran, weil wir es mit zwei abtrünnigen Passagieren zu tun hatten", konterte ihre Reiseleiterin schlagfertig.


    Jetzt wurden die beiden in ihrer klischeehaften Urlauberkluft ernster. "Haben wir euch viel Schwierigkeiten gemacht?", fragte Rainer vorsichtig.


    Doch die Grüne Führerin lachte schon wieder: "Nein, nein, es gab keine Schwierigkeiten. Obwohl mir übel zumute war, dass unter meiner Leitung zwei Fahrgäste verloren gingen. Und wenn wir euch hier nicht getroffen hätten, wäre eine Meldung bei der Polizei unumgänglich geworden", sagte sie wieder ernst und mit dem nötigen Nachdruck. "Aber eure Mitfahrerinnen haben mir versichert dass ihr Clowns alleine zurecht kommt."


    "Ja, Sorry", entschuldigte sich jetzt auch Tobias kleinlaut.


    "Schon gut. Wie ich erfahren habe konntet ihr ja nichts dafür, aber haltet euch etwas bedeckt bis wir wieder im Bus sind."

    Dabei taxierte sie die unauffälligen Klamotten der beiden. "Diese Verkleidung war bestimmt nicht die schlechteste Idee."

    Und für die Anderen: "Wir machen hier unsere letzte Pause. Schaut euch alles an. In etwa dreißig Minuten wartet unser Bus da unten an der Straße auf uns."


    Sofort wurden die beiden umringt. Vor allem von denen, die ihre Flucht ermöglicht hatten.

    "Nun sagt schon, wie seid ihr entkommen?"

    "Was habt ihr in der Zwischenzeit gemacht?"

    "Seid ihr den ganzen Weg gelaufen?"

    Die Fragen wollten nicht abreißen und Toby, wieder die Coolness in Person, gab den Umstehenden einige aufregende Happen ihrer Flucht.

    Eines war sicher. Heute Abend würden alle viel zu erzählen haben.

  • Kapitel 3.25 Rubina und Dirk


    Das heftige Umwerben war einem zärtlichen Kuscheln in einträchtiger Harmonie gewichen. Mittlerweile waren sie zur horizontalen Lage am Strand übergegangen. Das jucken der Sandkörner, die beide wie eine Panade aus Semmelbröseln überzog, spürten sie nicht. Es genügte dass die Hände sauber waren. Fast schien es kontraproduktiv, dass ihre beiden Körper eher zu den sportlichen zählten. An den meisten Stellen unter den Kunstfaserhüllen hätte etwas mehr Fettgewebe für intensiveren Zugriff gesorgt. Doch diese Feinheiten wären allenfalls außenstehenden Beobachtern aufgefallen. Die Hauptakteure jedenfalls, waren in anderen Sphären zu Hause.


    Auf küssen folgte knabbern und danach inniges aneinander schmiegen. Ihre Beine schlangen sich ständig neu umeinander und das Reiben ihrer Lycra-Anzüge erzeugte elektrisierende Zischgeräusche. Rubina krallte sich schmerzhaft in die Schulterblätter des Ermittlers, der seinerseits die Beinabschlüsse über ihren Hinterbacken erkundete. Wieder verhakten sich ihre Zungen ineinander.


    Nach einem verlangenden Aufbäumen, schloss sich erneut eine Ruhephase an. Die sich lockernde Umarmung gab ihm Möglichkeit sich seitlich von ihr zu platzieren und ihren in engem Lycra eingefassten Torso zu untersuchen.

    Zuerst musste er die mittlerweile getrockneten Sandkörner von der seidenmatten Oberfläche abstreifen. Danach folgten seine Finger den grünen Dekorstreifen auf der dunklen Oberfläche. Rubinas Dekolleté´ hob sich in tiefem einatmen als Dirk ihre straffen Halbwölbungen umspielte und die Bauchdecke senkte sich unter ihrem ausatmen als seine Hand bei ihrer Rückkehr an der Taille angelangt war. Seine Fingerspitzen lösten kitzelnd ein elektrisiertes Erschauern aus. Sie wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton hervor. Seine Entdeckungsreise endete an der Innenseite ihres rechten Oberschenkels und wäre es nach ihr gegangen, hätte er gerne in jener Region verweilen dürfen.


    Doch so leicht wollte er es ihr nicht machen und außerdem war er jetzt an der Reihe zu empfangen anstatt nur zu geben. Dies entging ihr nicht und so tauschten sie die Plätze. Dirk durfte sich bequem auf den Rücken sinken lassen und sie schmiegte sich mit katzenhafter Grazie an seine Brust, wo ihre Lippen den salzigen Überzug seines grünen Lycrashirts kosteten. Ähnlich wie er zuvor, folgten ihre Fingernägel einer hier gedachten Linie. Beginnend an seiner rechten Hüfte aufwärts, was in der Nähe der Taille die selben Elektrisierungen auslöste wie zuvor bei ihr. Sie nahm sich Zeit mit dem höher gleiten und versäumte nicht seine feste Brustmuskulatur eingehend zu prüfen. Von der Schulter aus, führte ihr Pfad zärtlich über die Halskuhle hinüber zu seiner linken Schulter. Und von da wieder abwärts in Richtung seiner technisch anmutenden Tights, diesmal schneller denn sie schien ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben.


    "Aua!", entwich es ihr unvermutet und sie setzte sich auf um ihren linken Ellbogen zu reiben.


    "Was ist passiert?", erkundigte er sich. Teils besorgt, teils frustriert darüber, dass ihr jemand vor dem Zieleinlauf ein Bein gestellt hatte.


    "Ich bin mit dem Musikantenknochen auf ein Steinchen gestoßen. Mann, das kribbelt bis in den kleinen Finger."


    Er grinste sich eins über diese unpassende Unterbrechung, setzte sich neben ihr auf und nahm sie tröstend in den Arm.


    "So ein Mist!", fluchte sie noch immer. "Tut mit leid, gerade jetzt."


    "Ach, mach dir nichts draus. Wenn so etwas passiert kann man nicht anders reagieren. Schau dir lieber mal an, zu welchem herrlichen Plätzchen uns deine "Zufallstour" geführt hat."


    Er hatte Recht. ein winziger Privatstrand nur für sie allein. Eingerahmt von grobem Gestein, dazwischen erfrischendes Wasser und eine tiefstehende Sonne, die sich in nicht allzu ferner Zukunft aufmachen würde, die Szenerie in anheimelndes Abendrot zu tauchen.


    Auf einmal stellte sie die Massage ihres Taubheitsgefühls ein und auch von ihm fiel die entspannte Stimmung schlagartig ab.


    "Oh nein ...", begann sie und sah ihm erschrocken ins Gesicht.


    Und ihr Begleiter führte den Gedankengang zu Ende: "Wie spät ist es eigentlich?"






    Kapitel 3.26 Sibylle und Norman


    Irgendwie fühlten sie sich verändert, als sie im Schatten des Kreuzfahrtschiffs an dessen Reling standen und den anderen Passagieren bei der Rückkehr zusahen. Hand in Hand waren sie zum Hafen zurück geschlendert und es kribbelte in ihnen wie bei der ersten Liebe. Worte brauchten sie kaum zu wechseln, sie verstanden einander auch so.


    Mit einem Abstand von etwa einer viertel Stunde trafen die beiden Reisebusse ein, deren Fahrgäste aus dem Erzählen über die Erlebnisse des Tages gar nicht mehr heraus kamen.


    So mochten sie es gerne. Von einem erhöhten Standpunkt am Geschehen teilnehmen, ohne in den Trubel miteinbezogen zu werden.


    "Treffen wir uns nachher noch?", fragte der Autor obwohl die Antwort auf der Hand lag.


    Der Blick Sibylles tat sein übriges sich blöd vorzukommen. Sie legte wieder den Arm um ihn und meinte: "Außer zum Duschen und umziehen, was ich als nächstes vorhabe, werde ich nicht mehr von deiner Seite weichen."


    Sprach´s und drückte Norman einen dicken Kuss auf die Backe, dass es nur so schmatzte. Während sie zu ihrer Kabine aufbrach, dachte er zufrieden darüber nach wie lange dieses "nicht mehr von der Seite weichen" wohl andauern würde.