• Kapitel 2.16 Der Ermittler


    Er befand sich gerade am Heck des Schiffs, als das Signal zur Rettungsübung ertönte. In der Hoffnung seine Begleiterin von Gestern "zufällig" zu treffen war er kreuz und quer über alle Decks gestreift. Leider bisher ergebnislos - genau wie sein derzeitiger Job, an den er immer weniger Gedanken verschwendete.

    Hier teils in der Sonne, teils im Schatten, hielten viele der Lycrafans Mittagsruhe und schienen der Übung wenig Bedeutung beizumessen.


    "Na, wollt ihr nicht mitkommen?", fragte er die beiden die gestern Abend so aus dem Rahmen gefallen waren.


    "Ich bin gerade nicht in der Verfassung dazu", nörgelte der durchtrainiertere der Beiden mit dem Wettkampf-Schwimmanzug. Und sein Kumpel, der es sich ebenfalls auf einer Liege im Schatten gemütlich gemacht hatte, schien sowieso am liebsten bei einem Schiffbruch ertrinken zu wollen.

    So machte er sich alleine auf zur Übung. Vielleicht würde er ja dort auf die ehemalige Schlangenfrau treffen.


    Natürlich traf er nicht auf sie. Stattdessen verfolgte er die Demonstration der Rettungswesten und sonstiger Sicherheitshinweise mit nur halber Aufmerksamkeit. Viel öfter ließ er seinen Blick über das Meer schweifen. Dort an der kaum noch sichtbaren Küste musste die Touristenhochburg Benidorm liegen. Und nicht viel Weiter in ihrer Fahrtrichtung die südliche Metropole Valencia. Die Baleareninsel Ibiza sollte schräg voraus an Steuerbord sein. Aber auch noch nicht in Sichtweite. Lediglich die Monitore im Schiff, welche über GPS die Fahrtroute auf einer Karte anzeigten, gaben darüber Auskunft.


    Die Übung war bereits beendet, als sich Unruhe unter den anderen Fahrgäste ausbreitete. Eines der Rettungsboote bog um die Vorderseite und alle Passagiere die es sahen winkten hinunter. Die hatten wohl die Übung ausgedehnt und mit einigen eine kleine Rundfahrt unternommen. Lustig.






    Kapitel 2.17 Die Katzenfrau


    Statt des erwarteten "Platsch" erklang ein anderes Geräusch. Schwer in ein prägnantes Wort zu fassen. Es war, wie wenn jemand einen Stapel alter Kunststoffschüsseln umstößt.

    Um den kleineren der beiden Swimmingpools war ein grünes Netz mit engen Maschen gespannt. Etwa einen Meter hoch und mit nur zwei Durchlässen in Höhe der Einstiegsleitern die Zugang gewährten. Das war auch nötig, denn das Herumtollen in diesem Bällebad für Erwachsene schleuderte jede Menge der bunten Plastikkugeln nach oben. Einen ganz kleinen Moment lang dachte sie darüber nach ob das womöglich kindisch sei, überzeugte sich aber umgehend davon, dass es tierisch Spaß machte. Ganz gleich ob kindisch oder nicht. Ihr Outfit in Gelb und Orange passte wunderbar zur kunterbunten Umgebung.


    Mit ihr waren noch ein Paar und eine einzelne Frau im Pool. Sie alle neckten sich Gegenseitig und quiekten vergnügt. Das Paar war schon etwas Älter, aber sie tollten herum wie frisch verliebte. Beide waren wie Leistungsturner gekleidet, was bei ihm ziemlich nüchtern wirkte. Sie hingegen trug einen wirklich schönen Turnanzug, wie man ihn bei Gymnastikwettbewerben sehen konnte. Violett und ordentlich glänzend, unterstützt durch Pailletten und Straß, was in der Nachmittagssonne immer wieder glitzerte. Die einzelne Frau war etwa in ihrem Alter. Sie war in ein ausgefallenes Trikot gekleidet. Kupfer-Metallic mit hohem Stehkragen, aber Ärmellos. Viel Stoff war nicht daran, denn anstelle eines großzügigen Rückenausschnitts, waren die Seitenflanken komplett ausgenommen. Nur ein etwa zehn Zentimeter breiter Steg blieb über Bauch und Rücken bestehen. das verlieh dem Kleidungsstück die Optik eines Bikinis.


    Für so etwas brauchte man schon die passende Figur und die Katzenfrau überlegte, ob sie nicht mal im Lycra-Magazin danach suchen sollte. Damit könnte sie den unbekannten Gentleman bestimmt beeindrucken. Und in Kombination mit einem Ganzanzug könnte so etwas sogar Abendtauglich sein.

    Sie hatte irgendwann genug von den sich ständig neu ordnenden Kugeln und kletterte aus dem Bällebad heraus. Dabei sah sie, wie ihre beiden Bekannten von Gestern heran kamen, wohl von dem ausgelassenen Gelächter angelockt.


    "Hey Jungs, wie wär´s mit einer Runde trockentauchen?", versuchte sie die noch immer zerknittert dreinblickenden zu animieren.

    Der Schlanke winkte ab und schüttelte den Kopf. Sein Freund sagte nur voller Reue: "Für den Rest der Reise heißt es "Low-Profile". Ja nicht mehr auffallen. Und vor allem, keinen Alkohol mehr."


    "Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen. Viel Erfolg dabei", wünschte sie und verließ das kleine Sonnendeck in die andere Richtung.


    Sie musste einem Gedanken nachgehen.

  • Ah, herrlich! Ich kann mich auf jeden Fall Desis Kommentaren anschließen. Ich hatte absichtlich mit Verzögerung angefangen zu lesen, um nicht unter den Cliffhangern zu leiden. Doch die Geschichte ist so unterhaltsam, dass ich jetzt doch bis zum aktuellen Stand durchgerutscht bin.


    Und auch die Entwicklung der Charaktere zieht sich sehr schön durch. Bestes Beispiel ist die Katzenfrau. Früher der Schlabberlook-Nerd (was man erst später erfährt), dann die Rächerin im lediglich nützlichen matten Catsuit, dann wird sie mitten in eine bunte Spaßgesellschaft geworfen, in der sie immer mehr auftaut und Freude am Leben und v.a. Lycra entwickelt ... und nun macht sie sich schon Outfit-Gedanken, über die sie in einem Lycra-Magazin lesen will. Fantastisch.


    Ich bin wirklich gespannt, wie es weitergeht und wie sich alles entwickelt, insbesondere das Schicksal der Schlangenfrau und auch das Zusammenspiel von Rainer und Toby (der Scherz mit der Hochzeit ist schon lustig, denn irgendwie wirken die beiden auf mich ohnehin schon wie ein altes Ehepaar).


    Also bitte, füttere die hungrige Leserschaft mit neuen Häppchen! :)

  • Danke Lycwolf! Toll beschrieben! Bei Kap. 2.15 drängt es mir auf, als wärest du schon mal auf einem (Kreuzfahrt)schiff gewesen und hast dort so eine Notfallübung mitgemacht.

    Die Szene mit dem Bällebad erinnert mich an eine (ursprünglich) schwedische Möbelkette mit ähnlicher Einrichtung, übersetzt: Klein-Land.

    Nur dass da die Kleinen herumtollen.


    Was bei dieser Kreuzfahrt so gut ankommt, könnte man zusammenfassen mit zwei Wörtern: Du darfst.

    Es ist einer der wenigen Orte in unserer Welt, wo wir wirklich dürfen, was wir wollen, auf Lycra bezogen.

  • Danke ihr Beiden.


    Catsuit78

    Kleine Anmerkung: Mit "Lycra-Magazin" meinte ich in dieser Konstellation das Lager samt Kleiderausgabe im Unterdeck des Schiffs.


    Da wir noch viel Material vor uns haben, werde ich damit auch nicht knausern und lade gleich die nächste Portion hoch.

    Dann kann sich auch Desi schon mal auf seinen Urlaub einstimmen...;)

  • Kapitel 2.18 Der Autor


    Auf dem Rückweg zu seiner Kabine schlenderte er noch ein wenig durch die öffentlichen Bereiche. Am Veranstaltungssaal wurde auf eine kurze Begrüßung der neu hinzugestoßenen hingewiesen, bevor die abendlichen Zerstreuungen beginnen würden. Eine Zaubershow würde hier geboten, versprach recht abwechslungsreich zu werden.


    Eigentlich wollte er umgehend seine vielen Lycraschichten loswerden, aber ein regelrechter Menschenauflauf vor dem Abgang zur Kleidungsausgabe erweckte sein Interesse. Es war ein improvisierter Präsentationsstand für den Verkauf von Lycrakleidung. Das kam ihm komisch vor, denn all das spielte sich doch normalerweise ein Deck tiefer ab. Offenbar war das etwas, das nicht "Lycraworld" angeschlossen war. Auf dem Banner dahinter stand in metallisch-roter Schrift "XeniX", mit groß geschriebenem "X" am Schluss.

    Hinter einem kleinen Tresen standen eine Frau und ein Mann. Beiden gemeinsam war, neben der generellen Kleidung aus Lycra, dass sie knallrote Leggings trugen. Das Erstaunliche an denen wiederum, war die Passgenauigkeit. Obwohl sie ja geschlechtsspezifisch unterschiedlich gebaut waren, passten beiden die Leggings wie angegossen. Man sah es deutlich beim Bewegen. Nichts schnürte ein, nichts war zu lasch. Selbst in der Gelenkbeuge war die Faltenbildung vernachlässigbar. Das verlieh den Beinkleidern genau die Art von Künstlichkeit, die man an Lycra so liebt. Und es musste wirklich alleine am Schnitt liegen, denn das Rot war im Grunde Standard und der Glanzgrad des Materials ebenso. Was es von "Stangenware" unterschied war eben die Passgenauigkeit.


    Eine Reihe von Frauen schnatterte mit der rotlockigen hinter dem Verkaufsstand, als würden sie sich auch privat kennen. Diese machte einen burschikosen und direkten Eindruck, aber keinesfalls unangenehm. Der Mann hingegen war gerade in einem anpreisenden Verkaufsgespräch, so dass der Autor das Wichtigste aufschnappen konnte.


    "... bei uns kann man jede Farbe bekommen, solange es Rot ist." Dabei schmunzelte er und klärte das ironisch gemeinte Zitat auf. "Natürlich sind alle üblichen Farben erhältlich. Unsere hauptsächliche Farbe bleibt aber Rot. Zur Zeit jedoch nur in regulärem Lycra."


    "Wie, das ist nicht speziell?", fragte die Interessentin erstaunt.


    "Diese prägnantere Optik rührt vom maßgenauen Schnitt her. Ist Aufwändig und deshalb auch teurer als Standardware.


    "Und stellt ihr nur Leggings her?"


    "Nein, mittlerweile auch Bodies und Ganzanzüge. Allerdings arbeitet Xenia, unsere Schneiderin ...", dabei wies er nebenan auf seine Partnerin, "derzeit noch alleine, so dass die Lieferzeiten länger werden je mehr Interesse besteht ..."


    Der Autor hatte genug gehört und ging weiter. Warum präsentierten die sich dann vor größerem Publikum, wenn sie es gar nicht bewältigen können?, dachte er über das Gehörte nach. Die bekommen hier doch bestimmt ein volles Auftragsbuch. Er jedenfalls musste sich unbedingt so ein rotes Beinkleid maßschneidern lassen. Vielleicht sind die beiden auch ein Startup das, so sinnierte er weiter, testen möchte was der Markt so hergibt.

    Mal sehen was die Ansprache später neues ergeben würde.






    Kapitel 2.19 Tobias


    Die Nähe zwischen Rainer und ihm war heute etwas gestört. Offenbar nahm diesen der "Vorfall" ziemlich mit. Dabei war ja gar nichts gewesen. Entgegen dem, was er seinem Freund gesagt hatte, wusste Tobias noch ziemlich genau was wirklich vorgefallen war. Im Grunde völlig Unschuldig und auch richtig schön. Vielleicht hatte er Rainer doch falsch eingeschätzt. Dessen heftiger Reaktion zu Folge, würde er es ihm erst mal nicht erzählen. Womöglich musste er auch seinen eigentlichen Plan aufgeben. Jedenfalls wenn es sich wider erwarten nicht nach Toby´s Einschätzung herausstellen sollte.


    Er zumindest, wollte den kurzen Lycraurlaub genießen. Da sein Freund keinen Appetit hatte, ging er alleine zum Abendessen. Dort traf er auf die Jungs, die gestern die "Gigeresken" Motiv-Sachen getragen hatten. Er wurde gebeten sich doch anzuschließen. Sogar von demjenigen, mit dem "nichts ging". Die Stimmung beim einnehmen der Mahlzeit war gelöst und es wurde viel über Lycra in der Öffentlichkeit gescherzt.


    Auch nach dem Essen standen sie noch im Vorraum zusammen und unterhielten sich. Die Gruppe war sehr an Lycraklamotten interessiert, vor allem an seinem Swimsuit.


    "Was ist denn das für ein Material", fragte einer, der wie elektrisiert seine stahlharte Brustpartie befühlte.


    "Im Grunde ist es eine Mischung", erklärte der Sportgestählte im Rennanzug. "Hauptbestandteil ist Lycra, aber der Hersteller hat es geschafft Neopren beizumischen."


    "Daher der gummiartige Glanz", verstand ein Anderer mit schwarzen Leggings, auf deren breiten Seitenstreifen florale Farbmotive für Abwechslung sorgten.


    "Genau", bestätigte Tobias. "Und deshalb komprimiert es auch sehr stark. Damit hat man locker eine Konfektionsgröße weniger."


    Zustimmung von den Umstehenden.


    "Aber das wirklich besondere ist die leicht unebene Oberfläche."


    Wieder tasteten fremde Hände über seine High-Tech Hülle, was ihm alles andere als unangenehm war.


    "Sie ist der Haut von Meerestieren, vornehmlich Delphinen nachempfunden", führte er weiter aus.


    "Wo hast du den her?", fragte ein weiterer, ebenfalls mit schwarzen Leggings, aber geometrischen Mustern auf den Seitenstreifen.


    "Das Zeug gibt es eigentlich nicht im freien Handel. In Europa schon gar nicht. Ist von einem australischen Hersteller, der nur für Schwimmteams fertigt."


    Ehrfürchtige Blicke.


    "Und wie kommst du dann dazu?"


    "Wie soll ich sagen?", bemühte er sich um eine Antwort. "Ich kenne jemanden, der einen kennt, der wiederum ..."


    "Ach so, Vitamin B", meldete sich ein weiterer verstehend. Dieser hatte im breiten Seitenstreifen seiner schwarzen Leggings ein grell orangenes Punktraster. "Schade. Wenn es eine Quelle dafür gäbe, hätte ich dort auch mal nachgefragt."


    "Gehst du auch zum Empfang heute Abend?", wechselte derjenige der nicht enger mit Toby in Kontakt treten wollte das Thema.


    "Eigentlich schon, aber ich müsste noch was anderes anziehen. Oder zumindest etwas ergänzen, denn die klimatisierten Räume sind für kleine Einteiler fast schon zu kühl."


    "Vielleicht sehen wir uns ja dort."


    Sie verabschiedeten sich und Tobias steuerte die "Kleiderkammer" an.

    Und er hatte auch schon wieder eine Idee.






    Kapitel 2.20 Rainer


    In der Kajüte Trübsal blasen brachte ja auch nichts, dachte er sich. Außerdem war der Brummschädel verflogen und er sollte das Geschehene jetzt auch zu den Akten legen. Verdammt nochmal, schließlich verbrachte er einen Urlaub anlässlich seines Vierzigsten Geburtstags. Da sollte er sich auch mal wieder amüsieren, wofür das Abendprogramm doch gut geeignet sein sollte. Außerdem wollte er sich bei seinem Freund entschuldigen. Er hatte diesen verantwortlich gemacht, und den ganzen Tag auf Abstand gehalten. Was natürlich völlig unfair war. Letztlich war er ja selbst für sein Handeln verantwortlich, auch wenn er unter dem Einfluss von Rauschmitteln gestanden hatte.


    Während der Großteil der Gäste zu Tisch saß, war es im Lycramagazin recht leer gewesen und er hatte Zeit und Muße sich was für den Abend auszuleihen. Zuerst liebäugelte er ja mit den gediegeneren, dunklen Anzügen. Dann aber entschied er sich für etwas gewagteres. Der "Flammenanzug" hatte ja schließlich auch seine Wirkung gezeigt. Und Außerdem wollte er Solidarität zu seinem Kumpel beweisen, der nichts auffälliges ausließ.


    Und so stand er nun hier an der Treppe, die zurück nach oben ins pralle Leben führte. "Kasperanzug" war eine abwertende Bezeichnung die ihm für sein Gewand in den Sinn kam. Es war ein komplett-Zentai, dem lediglich das Gesichtsfeld fehlte. In der Grundfarbe weiß, aber übersät mit auf der Spitze stehenden Rauten in allen Farben des Regenbogens. Einem mittelalterlichen Hofnarren hätte der Fullsuit trefflich zu Gesicht gestanden und genau das hatte auch seine Entscheidung dafür begünstigt. Er hatte sich auf multiplen Ebenen zum Narren gemacht und dazu wollte er jetzt auch stehen.

    Alles was noch fehlte war die mit Glöckchen behangene Narrenkappe.

    Das eigentlich bemerkenswerte an seinem Outfit war, dass er kaum erkannt wurde und die Menschen, die ihm begegneten sofort fröhlich gestimmt waren.


    Auf halbem Weg zum Versammlungsraum traf der "Bunte Hund" auf andere Fahrgäste, die wie gebannt an einem Infostand auf eine Leinwand blickten.

    Untermalt von dramatischer Musik sprangen Leute in hautengen Lycrasachen aus einem Flugzeug und führten artistische Kunststücke vor. Ein fast kahlköpfiger Mann und eine sportliche Frau verteilten Werbeflyer und an einer Stellwand hingen großformatige Fotos, die in strahlendem Sonnenschein im freien Fall aufgenommen worden sein mussten.

    Wegen der vielen Interessenten konnte er zwar nicht näher an den Stand heran, doch was er sehen konnte gefiel ihm. die meisten Bilder zeigten Leute in verschiedenen Ganzanzügen bei turnerischen oder tänzerischen Posen. Selbst eine Lycraballerina im Tutu war dabei. Weitere Fotos stammten wohl aus einem der vertikalen Windkanäle, die es verschiedenenorts gab. Dieser war so groß, dass vier Personen in einer Formation fliegen konnten ohne an die Wände zu stoßen.


    Da würde er nochmal vorbeischauen wenn weniger los war. Jetzt aber gesellte er sich erst einmal zu den Gästen, die den großen Saal betraten und gespannt waren, was es Neues gab.






  • Kapitel 2.21 Der Ermittler


    Obwohl er nicht direkt nach ihr gesucht hatte, bedauerte er es seiner Bekannten heute noch nicht begegnet zu sein. Das allabendliche Telefonat mit seinem Auftraggeber war auch nicht gerade erbaulich verlaufen. Nichts Neues, außer noch mehr Druck. Dem musste der Hintern ganz schön heiß werden, dachte er.


    Am Einlass in den Saal hatte sich eine Menschentraube gebildet. Viele hatten zur selben Zeit die gleiche Idee. Zudem kamen auch Personen dazu, die bis jetzt am Infostand eines Unternehmens für Fallschirmsprünge in Lycra gestanden hatten.

    So stockte das Vorankommen ein wenig. Dies gab ihm andererseits Gelegenheit sich bereits hier nach der Frau umzusehen, welche in eng anliegender Kleidung einfach umwerfend aussah. Das Blöde war nur, falls sie wieder etwas mit Vollhaube trug standen die Chancen schlecht sie zu erkennen. Er selbst behielt den Turntrikotbody vom Tag bei, hatte aber einen schwarzen Ganzanzug untergezogen. Er gefiel sich damit und fühlte sich am ganzen Körper umarmt. Hoffentlich würde letzteres heute noch von jemand anderem fortgeführt werden.


    Kaugummi

    Wie kahm ihm gerade jetzt dieses Wort in den Sinn?

    Nach einem Moment der Bewusstwerdung erkannte er den Grund dafür. Oben auf der Fläche eines Abfallbehälters neben dem Haupteingang, lag ein Kaugummipapier. Normalerweise nichts besonderes, aber ihm wogte eine heiße Welle durch den Leib. Diese Marke hatte er vor kurzem gesehen. Auch das war zunächst nichts besonderes, nicht einmal dass die Verpackung Deutsch bedruckt war. Doch dies zusammen mit der Art in der es gefaltet war, alarmierte ihn. Einmal gefaltet, etwas außerhalb der Mitte und so, dass man auf der einen Seite den Markennamen lesen konnte.


    Der Ermittler musste sich von seiner Beobachtung lösen, da es weiter voran ging. Trotzdem lief seine Kombinatorik zu sehr auf Hochtouren, als dass er sich auf die Gegenwart hätte konzentrieren können.

  • Hallo Lycwolf.
    Danke für Xenia und Bernd. Ich glaube, ich muss nun Kap. 28 von Nereida Staffel 2 ein wenig ändern.
    Danke für Caroline und Yves. Die beiden, die schwerelos zum Glück schwebten.
    Danke für den Kaugummi. Es wird wieder spannend.

  • Desi

    Du solltest dich nicht genötigt fühlen an deiner Story bzw. Charakteren etwas ändern zu müssen, nur weil ich mir die Freiheit genommen habe sie in einem anderen Kontext zu verwenden.

    Du weißt, es war gut gemeint, aber keinesfalls für dich bindend. Xenia und Bernd können sich nach wie vor bei dir anders entwickeln. aber wenn dir das zusagt was ich ihnen angedichtet habe, kannst du natürlich auch damit weitermachen.

  • Kapitel 2.22 Der Autor


    Wenn der Typ am Eingang endlich aufhört in den Tag zu träumen, könnte es ja mal weiter gehen, dachte er beim Einlass in den großen Veranstaltungssaal. Er hatte sich zuvor noch etwas am Stand der Fallschirmakrobaten informiert. Auch dort war noch viel Andrang, aber er konnte einige Worte mit dem Besitzer, einem zwar noch jungen, nichtsdestotrotz bereits kahlen Frankobadener wechseln. Sie arbeiteten eng mit den Betreibern eines Windtunnels zusammen und die Preisvorstellungen waren auch nicht zu ausufernd. Der Autor ließ sich umfassendes Infomaterial auf die Kabine schicken, da es aussah als solle die Versammlung gleich losgehen.


    Und tatsächlich, die Schlange rückte weiter. Der Typ der den Betrieb ein wenig aufgehalten hatte, verzog sich innen auf die Seite, damit er nicht nochmal im Weg stand. Löblich.


    Heute war der Raum bestuhlt, da im Anschluss noch eine Illusionsshow abgehalten werden sollte. Egal wo man hinblickte, es gab stets was besonderes in Lycra zu sehen. Etwa die schlanke Frau in dem mattsilbernen Ganzanzug und dem dunklen, wie Obsidian glänzenden Oberteil. Oder der Typ im Kopffreien, pinken Zentai mit dem auffälligen Badetrikot darüber. Dessen Schnitt weckte bei ihm Assoziationen mit einem sexistischen Kleidungsstück, welches durch den Schauspieler Sacha Baron-Cohen als "Mankini" weltbekannt wurde.

    Oder der fast völlig verhüllte Harlekin, der mit seiner Farbenpracht unter den eher dezenten Trikotagen herausstach.

    Die Variationsbreite der Kunstfaserkleidung war schier endlos.


    Jemand räusperte sich auf der Bühne vorm Mikrofon. Auf dem geschlossenen Vorhang prangte wieder das Logo von "Lycraworld"


    "Guten Abend zusammen. Geht´s euch gut?"


    "Jaa", antworteten einige auf die Frage der grün bekleideten Leonie, deren Kupfernes Haar von einem rückwärtigen Scheinwerfer zum glühen gebracht wurde.


    "Ich kann euch nicht hören", rief sie erneut und legte demonstrativ die Handfläche an ihr Ohr. "Geht´s euch gut?"


    "JAAA!", kam es nun deutlich lauter.


    "Nachdem ihr nun die ersten beiden Tage der Kreuzfahrt verbracht habt, gefällt es euch soweit?"


    Noch stärkerer Jubel. Fast wie bei einem Motivationstrainer, nur dass die Motivation hier durch das gemeinsame Lycra tragen ausgelöst wurde.


    Die Sprecherin wartete, bis das Publikum sich wieder etwas beruhigt hatte. Dann führte sie wieder das Mikrofon zum Mund: "Kapitänin Roege hat mich unterrichtet, dass wir gerade um Ibiza herum schippern und in den frühen Morgenstunden im Hafen von Palma de Mallorca anlegen werden. Wer also noch etwas Party machen will, kann Steuerbord ins Wasser springen und nach Ibiza schwimmen. Allerdings sollte derjenige Erfahrung im Marathonschwimmen haben und mindestens den Ärmelkanal hin und zurück schaffen."


    Großes Gelächter.


    "Der morgige Tag steht zur freien Verfügung. Ihr könnt Mallorca erkunden oder tun und lassen was ihr wollt. Es wird auch eine Inselführung geben, zu der ihr euch morgen früh eintragen könnt."


    Wieder Applaus.


    "Dann möchte ich mich dafür bedanken, dass ihr gestern für solch fabelhafte Aufnahmen gesorgt habt. Wisst ihr es noch? Drei... Zwei... Eins... "


    "LYCRAAA!!!", erschallte es aus allen Kehlen.


    Leonie trat erschrocken einen Schritt zurück: "OK, OK, ich hab´ ja nur gefragt."


    Sie hatte ihr Publikum im Griff und die Stimmung war wieder mal bestens.






    Kapitel 2.23 Die Katzenfrau


    Den Beginn der Ansprache hatte sie sich im hinteren Teil des Saals noch im Stehen angeschaut. Sie hielt Ausschau nach ihrem Begleiter von gestern. Fast alle Passagiere hatten Platz genommen und auch sie wollte gerade einen der freien Sitze ansteuern, als sie endlich sah wonach sie gesucht hatte. Neben dem Eingang stand er in Halbdunkel und schien etwas in einem Smartphone oder ähnlichem zu suchen. Sein schwarzer Ganzanzug verschmolz mit der Dunkelheit und selbst das Blau des darüber getragenen Trikots war nur zu erahnen.


    "Na, wartest du auf eine Extraeinladung?", fragte sie schnippisch worauf er erschreckt aus seiner Tätigkeit gerissen wurde.


    "Oh, Entschuldigung. Ich ... musste gerade etwas überprüfen."


    "Muss was sehr wichtiges gewesen sein, wie?", neckte sie ihn weiter.


    "Natürlich", gab er in gespielt wichtigtuerischem Tonfall zurück. "Von weltweiter Bedeutung."


    Sie setzten sich zusammen in eine der hinteren Reihen und lauschten worüber auf der Bühne gesprochen wurde. Das heißt, er war mehr als abgelenkt von ihrer Kleidung, von der er im Halbdunkel angestrengt versuchte mehr zu erkennen.


    Das Kupferfarbige Oberteil von heute Nachmittag hatte sie nicht ruhen lassen und so hatte sie längere Zeit im Lycrafundus auf dem Unterdeck verbracht. Diesen aufreizenden Anzug mit dem Stehkragen und den gewagten Ausnehmungen gab es noch in anderen metallischen Varianten. Aber Silber bzw. Chrom und Gold waren ihr zu plakativ und nicht "Abendtauglich" genug. Es sollte etwas sein, das höllisch sexy und dennoch elegant wirkte.


    Plötzlich hatte sie ihn in Händen gehalten. Beim ersten Fingerkontakt wusste sie bereits, dass sie diesen nicht nur leihen würde. Sie musste ihn besitzen. Es war der gleiche kopfverdrehende Schnitt wie bei den Anderen.

    Aber die Farbe. War es überhaupt eine Farbe? Es wirkte fast wie Klavierlack. Als ob unzählige schichten Klarlack für andauernde Glanzpunkte über einer tiefschwarzen Ebene sorgen würden. Wie durch Vulkanschmelze entstandenes, schwarzes Glas. Und so fühlte sich das Oberteil auch an. Kühl und sündig.

    Als Kontrast und als Unteranzug wählte sie einen matten, silbergrauen Ganzanzug, der etwas enger war und dadurch ihre Weiblichkeit vorteilhaft betonte.


    Und so wie ihr Begleiter neben ihr guckte, hatte diese Kombination bereits ihren Zweck erfüllt.

  • Kapitel 2.24 Der Autor


    "Da ihr alle so fleißig wart und uns beim unkenntlich machen persönlicher Merkmale geholfen habt, werden wir jetzt auch das von den Drohnen aufgenommene Video bearbeiten können. Übermorgen gibt´s das dann zu sehen."


    Jubel allerorts.


    "Jetzt möchte ich auch alle unsere später dazu gestoßenen Gäste begrüßen."


    Applaus von einigen Stellen im Publikum, offenbar von den angesprochenen.


    "Leider habt ihr das eine oder andere Highlight verpasst, doch gemessen an den weiteren Höhepunkten der Reise dürfte das verschmerzbar sein. Wer Lycraworld noch nicht kennt, findet umfangreiches Infomaterial auf seiner Kabine. darüber hinaus werden euch eure Mitreisenden mit Rat und Tat zur Seite stehen. Oder?"


    Zustimmendes Klatschen.


    "Ebenfalls zu uns gestoßen, sind die Inhaber und Macher der Lycra-Manufaktur XeniX, deren Stand ja die meisten schon besucht haben. Wir arbeiten daran, Xenia zu überzeugen sich mit ihren maßgeschneiderten Produkten Lycraworld anzugliedern, aber noch möchte sie eigenständig bleiben. Bitte seht euch die XeniX-Produkte an und zögert nicht mit dem Kauf. Das Zeug ist nämlich Spitze."


    Der aufbrandende Jubel zeugte davon, dass viele bereits Bekanntschaft mit den roten Leggings gemacht hatten.


    "Des weiteren solltet ihr, wenn nicht schon geschehen, dem Stand vor diesem Raum einen Besuch abstatten. Ein aufstrebendes Unternehmen aus Südbaden. Von und für Lycrafans werden Fallschirmsprünge, Luftakrobatik und Flüge im Windkanal angeboten."


    Auch diese Vorstellung wurde von Applaus begleitet.


    "Last, but not least möchte ich noch Mitglieder einer Gruppe begrüßen, denen es, wie ich sie einschätze eigentlich nichts ausmachen würde, wenn man sie nicht ins Rampenlicht stellt ..."


    Wie gut der Autor das verstehen konnte. Er selbst hatte ja auch nur den Platz in der ersten Reihe gewählt, weil nichts anderes mehr frei war.


    "... aber letztes Jahr haben sie fast das ganze Land mit ihrer hinreißenden Vorstellung auf der Gymnaestrada in Dornbirn verzaubert. Bitte begrüßt mit einem besonders herzlichen Applaus einige Mitglieder der TuFiTa des TSV Obertupfingen!"


    Die folgenden Beifallsbekundungen waren wohlverdient. Selbst er hatte die Live-Übertragung seinerzeit mitverfolgt und "verzaubert" war der richtige Ausdruck um die Wirkung ihrer Vorführung zu charakterisieren.

    Unter den Anwesenden gab es etwas Unruhe, als wären sich die angesprochenen nicht einig ob sie auf die Bühne kommen sollten oder nicht. Ein gleichmäßiges, rhythmisches Klatschen nahm ihnen die Entscheidung ab. Als die Ersten schon schüchtern aufstanden und Richtung Bühne gingen, rief eine Andere: "Ich hol´ Xeni und Börnie, die gehören ja auch dazu."


    Kurz darauf standen fünf verlegen wirkende Frauen plus das Paar welches maßgeschneiderte Leggings anbot auf der Bühne und ernteten die Lorbeeren für ihre Leistung.


    Eine von ihnen sprach schüchtern in das von Leonie vorgehaltene Mikrofon: "Danke, vielen lieben Dank. Aber es ist zu viel der Ehre. Eigentlich machen wir hier nur Urlaub und außerdem ist der größte Teil der TuFiTa nicht anwesend. Wir danken euch wirklich, aber um ehrlich zu sein hatten wir nicht mit so etwas gerechnet. Wir wünschen euch noch einen schönen Abend und eine ...", sie rang voller Rührung um Worte und blickte sich zu ihrer Kollegin in den roten Leggings um. Diese sprang für sie ein, "... phänomentastische Lycra-Kreuzfahrt!"


    Unter tosendem Applaus verließen sie die Bühne wieder und der Autor konnte mit ihnen mitfühlen. So unerwartet ins Rampenlicht gerückt zu werden konnte stressen.


    "Zu Bescheiden, die Obertupfinger", drang die Stimme Leonies aus den Lautsprechern. Sie klatschte ebenfalls.


    Nachdem sich der Trubel wieder gelegt hatte, fuhr sie mit ihrer Moderation in ihrer erregend erotischen Stimmlage fort:

    "Doch nun zum nächsten Programmpunkt", hauchte sie leise und deutlich um die Gäste ganz zu fokussieren. "Auch wir als Hersteller von Sport- und Fetischkleidung profitieren davon, dass sich immer mehr von euch über Internetforen oder Sportgruppen organisieren. Unter Gleichgesinnten traut man sich mehr zu. Man wird zur Gemeinschaft, auch wenn man hunderte Kilometer voneinander getrennt ist. Vereint in der gleichen Leidenschaft."


    Die Worte hatten ihre Wirkung, da fast jeder dadurch angesprochen wurde.


    "Deshalb hatten wir einen Wettbewerb ausgelobt, dessen Preis die kostenlose Teilnahme an dieser Kreuzfahrt war. Über das Thema des Wettstreits mussten wir etwas nachdenken. Wir fragten uns, was ist wohl das Wichtigste für einen Lycrafan?"


    Sie ließ das Publikum über ihre Frage nachdenken bis jemand rief: "Fühlen", und ein Anderer: "Berühren."


    "Ja, das stimmt natürlich", merkte die Rothaarige im schimmernden Smaragdzentai, dass sie die Frage ungenau formuliert hatte. Deshalb ergänzte sie ohne jede Hast: "Was aber ist das Wichtigste, wenn man räumlich getrennt voneinander ist, also nicht "fühlen" kann?"


    "Bilder", "Fotos", kam es wie aus der Pistole geschossen und das lieferte ihr die perfekte Überleitung.


    "Bitte begrüßt mit mir, die Sieger des Fotowettbewerbs. Ihr alle kennt ihre Bilder, die Ausdruck des Zusammenlebens in Lycra sind. Einen herzlichen Applaus für "Spandexcouple"!


    Scheinwerfer schwenkten auf ein Paar das sich erhob und zuerst in die Menge winkte und sodann den Weg zur Bühne antrat. Natürlich kannte der Autor sie vom Nickname her und genauso auch ihre Bilder, wer nicht. Meist vollständig mit allen Variationen der Lieblingskleidung bedeckt, inszenierten sie ihren Fetisch mit einer Akribie, die einem Respekt abnötigte.

    Auf der Bühne konnte man sie in ihrer realen Pracht bewundern. Auch hier traten sie in Partnerlook auf. Die Körperhüllen waren gegenläufig gefärbt. Er trug Wetlook Leggings in Neongrün, darüber einen Turnanzug in mattem Blau. Bei ihr war es umgekehrt. Ihre Beinbekleidung war Mattblau, dafür der Gymnastikbody in Neongrün. Das unverzierte und geradlinige Design wies mehr auf Fetisch, denn auf Sport hin. Die teilweise knallige Farbe sowieso. Zum ersten Mal konnte der Autor die Gesichter der Beiden sehen, da sie sonst immer von Zentaihauben anonymisiert waren.


    "Danke, vielen Dank", übernahm der Männliche Teil des "Spandexcouples" die Ansprache. "Wir möchten uns recht herzlich bei all denen bedanken, die uns ihre Stimme beim Wettbewerb gegeben haben. Und natürlich auch bei Lycraworld, für die Stiftung der Preise."


    "Ein Hoch auf das Spandexcouple", kämpfte Leonie gegen den zustimmenden Applaus an. "Mögt ihr noch viele künstlerisch wertvolle Lycrafotos veröffentlichen."


    Mit beiden Armen ins Publikum winkend, trat das Paar etwas zur Bühnenseite, denn offenbar sollte noch etwas folgen.

    Die Moderatorin mit den feurigen Haaren wartete bis wieder Ruhe eingekehrt war.

  • ... das mit den 10 000 Zeichen ist für Stories suboptimal. Jedesmal muss ich die Uploads splitten, weil mein Kapitel 500 Zeichen zu lang ist. Vor allem so wie hier, wo der Fluss der Worte gestört wird.

    Liebe Leser, es geht nahtlos weiter...




    "Doch das war ja noch nicht alles", hielt sie die Spannung hoch, indem sie verschwörerisch leise sprach. "Es gab ja noch eine weitere Kategorie mit einem ersten Preis ..."


    Mist! Das hatte der Autor vor lauter Verfolgen der Veranstaltung nicht kommen sehen. Er wollte schon aufstehen um sich diskret zu verdrücken, als ihn auch schon der grelle Scheinwerferstrahl auf seinem Sitz festnagelte.


    "Ich sage nur, "Die Abenteuer des Monsieur Luc Rah", pries die Grüngewandete seine Erfolgsgeschichte an.


    Schweiß trat ihm auf die Stirn. Was sollte er jetzt machen? Es gab kein entkommen. Er musste sich der Meute stellen.


    "Heißt mit mir alle willkommen, den Mann der es schafft durch Worte Lycrakleidung im Geist fühlbar zu machen. Seit Jahren unterhalten seine Geschichten die Lycra-Community. Hier ist für euch "Glatt und Glänzend"!"


    Kein minderer Beifall als vorher erhob sich.

    Nichts war ihm mehr zuwider als gesteigerte Aufmerksamkeit. Er hätte sich in den eigenen Hintern gebissen, wenn er so weit herumgekommen wäre. Schon als das Spandexpaar auf die Bühne gebeten wurde, hätte er reagieren müssen. Jetzt war es zu spät.

    Er strauchelte etwas beim besteigen der drei Bühnenstufen.


    "Komm ´rüber zu den Anderen", forderte ihn Leonie auf.


    Dann hielt sie ihm das Mikrofon entgegen. Sein Mund war ausgetrocknet und im Scheinwerferlicht begann sein Deodorant zu versagen.


    "Ähhm ...", stotterte er mit Schweißtropfen an der Nase, "äh ... ja, vielen Dank für die Auszeichnung ..."


    Seine Stimme war viel zu leise und es wirkte ungewohnt sich selbst zu hören. Das machte ihn zusätzlich unsicher.


    "Danke ... auch an alle Leser ...", er räusperte sich damit er lauter sprechen konnte, "... an alle Leser die mit Interesse verfolgen was ich und auch einige Autorenkollegen so absondern."


    Damit wollte er es bereits bewenden lassen, denn er wurde zunehmend nervöser. "Ach ja, natürlich auch ein Dankeschön an Lycraworld für diese hervorragende Kreuzfahrt", fügte er noch hinzu und hoffte innständig, dass er jetzt wieder aus dem Rampenlicht heraus treten dürfe.


    Die Moderatorin stellte sich zwischen das schimmernde Lycrapaar und ihn. Offenbar sollte noch eine Fragerunde folgen. Vielleicht konnte er sich etwas erholen, wenn sie zuerst die Anderen befragte.


    "Wie ist das bei euch", wandte sie sich an die etwas kleinere, weibliche Hälfte des "Spandexcouple". "Wie viel Zeit wendet ihr so für eure Fotoinszenierungen auf?"


    "Ach, das ist unterschiedlich", antwortete eine sehr helle, jugendliche Stimme. "Privat können wir ständig unsere Neigung ausleben und wenn sich eine Gelegenheit bietet, ist die Kamera nie weit."


    "Manchmal planen wir auch richtige Shootings", ergänzte ihr Gatte. "Vor allem wenn wir im Urlaub sind und eine interessante Location entdecken. Uns Gleichgesinnten gegenüber zu präsentieren ist zu einem zweiten Leben geworden."


    "Ihr steht also ganz gerne im Rampenlicht, merke ich gerade", stellte Leonie unter dem entstehenden Beifall fest.


    Der Autor hatte da völlig konträre Vorstellungen.


    "Wie sieht es mit dir aus?", wandte sich die Moderatorin an ihn. "Können wir bald wieder mit einer neuen Story rechnen?"


    Wieder druckste er herum und fühlte sich mit jedem Wort schlechter. "Ich ... ääh ... nutze gerade die Reise zur Ideensammlung. Was ... daraus wird kann ich noch nicht genau sagen."


    "Aber hoffentlich doch schon bald, oder?"


    Er fühlte Panik in sich hochsteigen. Die vielen Leute, das grelle Licht. Alle Augen waren auf ihn gerichtet und seine Pause wurde immer länger.


    "Äääh ja ... ääh ... bitte entschuldigt mich ... ich ... muss ..."


    Er musste hier raus und das so schnell wie nur möglich. Unter den verblüfften Augen aller, stürmte er ohne weitere Worte von der Bühne und nach draußen.

  • Catsuit78

    Kleine Anmerkung: Mit "Lycra-Magazin" meinte ich in dieser Konstellation das Lager samt Kleiderausgabe im Unterdeck des Schiffs.

    Oh, dann habe ich das falsch verstanden. Vermutlich war der Wunsch Vater des Gedanken. ;)

    Aber auch wenn 'nur' das Lager gemeint war, die Katzenfrau entwickelt sich aus Lycrasicht hervorragend. Weiter so! :)


    Das mit der Begrenzung auf 10.000 Zeichen ist tatsächlich nicht so doll - auch und vor allem, wenn ich an mein derzeitiges Projekt denke, das ab Ende September hier erscheinen wird.

  • lycwolf Klasse, wie sich die Geschichte entwickelt. Ich finde es toll, wie du Elemente und Namen anderer Geschichten einbettest. Allerdings so unaufdringlich, dass der "Joke" auch wirkt, wenn man die Geschichte nicht kennen würde. Und dann könnten durchaus Parallelen zu "Gestalten" dieses Forums existieren. Und ich merke, dass dir das Schreiben Spaß macht, es sprudelt. Weiter so!

  • Besten Dank dafür, dass es euch gefällt.

    Catsuit78 - Dann bin ich schon mal gespannt auf dein neues Projekt.

    toby - Ich habe mir Mühe gegeben, dass die Story auch ohne Kenntniss der anderen Charaktere funktioniert (nicht immer einfach).

    Lediglich der Rahmen von "Lycraworld" sollte bekannt sein. (kann man ja auch schnell nachlesen).

    Einige Bezüge auf andere Geschichten könnten Neumitgliedern unverständlich sein, da nach dem Crash noch nicht alles wieder veröffentlicht ist (Folgt im Anschluss an LyCruise).

  • Kapitel 2.25 Rainer und Tobias


    Nach dem überraschenden Abgang des "Literaturpreisträgers", gab es noch die Verkündung der weiteren Preise, allesamt Einkaufsgutscheine bei Lycraworld. Dann folgten einige Infos für den morgigen Landgang. Danach war eine kurze Pause vor dem Hauptprogramm geplant. Erst als das Licht anging, erkannte Tobias seinen Freund, der die ganze Zeit nur eine Reihe vor ihm gesessen hatte. Als sie sich beide noch kurz die Beine vertraten, sprach er ihn von der Seite an.


    "Na du Hofnarr, alles wieder OK?"


    Rainer drehte sich abrupt zur Seite und erkannte seinen Kumpel der heute mal wieder die volle schwule Breitseite abfeuerte. Ein Ganzanzug in Knallrosa und darüber ein anrüchiger, neongelber Slip der eher einem Eierbecher glich, welcher mit langen Trägern über den Schultern getragen wurde. Diese Sorte Kleidungsstück, die man vormals mehr in Erotikshops vertrieben hatte, wurde der breiteren Öffentlichkeit durch eine Filmfigur, verkörpert durch einen Britischen Schauspieler nahöstlicher Abstammung bekannt.


    "Und ich dachte schon ich wäre der bunteste Hund heute Abend", antwortete Rainer mit einem Lächeln und umarmte seinen Freund kumpelhaft.


    "Freut mich zu sehen, dass du etwas aus dir heraus gehst", stellte Toby fest und sah sich die farbenfrohe Lycrahülle seines Gegenübers genau an. "Damit hättest du es auch auf´s Cover alter Marillion-Platten geschafft."


    "Na ich hab´ mir mal zu Herzen genommen was du mir ständig predigst. So mit "nicht immer so Konservativ" und "das Leben genießen". Hiermit beende ich das Schmollen und blicke nach vorn."


    "Sehr löblich. Komm, wir sehen mal was heute noch so geboten wird."


    Rainer betrachtete den aufreizend präsentierten Lycraleib seines Freundes, während dieser wieder die Sitzreihe ansteuerte. Mit seinem freizügigen Kleidungsstil legte dieser es auch im "normalen" Leben darauf an zu polarisieren, anzuecken. Er bewunderte ihn für diese Courage. Genauso bewunderte er dessen Körperbau unter der knallengen Pelle aus schweinchenrosa Chemiefasern.

    Und er schämte sich ab jetzt weniger für diese Gedanken.






    Kapitel 2.26 Der Ermittler


    Das Licht im Saal wurde wieder gelöscht und eine Zaubershow mit Namen "Magic-Fun" wurde angekündigt. Doch so richtig konnte der Ermittler sich nicht auf das Geschehen vor ihnen konzentrieren. Zum Einen beschäftigte ihn seine berufliche Observation von Eben, zum Anderen schaffte er es nicht seinen Blick von dieser Frau abzuwenden. In der Dunkelheit verstärkten die gelegentlichen Lichtreflexe noch den geheimnisvollen Eindruck ihrer tiefgründigen Trikotage.


    Sobald ihm bewusst wurde dass er sie zu unverblümt anstarrte, zwang er seine Aufmerksamkeit dem Bühnengeschehen zu.

    Der "Magier" unterschied sich kaum von dem, was man derzeit in diesem Genre überall zu sehen bekam. Sein eigenständiges Konzept schien mehr das Spiel mit der fehlgeleiteten Erwartungshaltung des Publikums durch bewusst misslingende Tricks zu sein.


    Gerade präsentierte er seinem Publikum die schon etwas altbacken wirkende Illusion mit den in sich verbindenden Metallringen. Doch anstelle des erwarteten Einhängens der chromglänzenden Drahtreifen, passierte etwas anderes. Als er einen der Ringe auf den anderen schlug, in der Absicht dass diese sich wie von Geisterhand durchdringen mochten, sprang der eine Ring plötzlich von der runden in eine quadratische Form. Das war wirklich Lustig und das Publikum honorierte dies mit Applaus.


    Seine attraktive Sitznachbarin blickte gebannt nach Vorn. Mit einer unschuldigen Begeisterung die den Ermittler anrührte. Das reflektierte Scheinwerferlicht machte den hauchzarten Flaum in ihrem feinen Gesicht sichtbar. Ihre Augen glänzten.


    Der Magier indes staunte noch über sein "Missgeschick" und probierte den jetzt quadratischen Ring in den runden zu "zaubern", worauf jener sich in eine dreieckige Form umwandelte. Er arbeitete wohl mit Materialspannungen oder gar Memorymetall.

    Jedenfalls fand das Publikum seine "Fehler" schreiend komisch und statt vor Begeisterung auf ihren Oberschenkel zu hauen, traf seine Nachbarin den seinen. Gewollt oder ungewollt, entschuldigte sie sich mit vor den Mund gehaltener Hand dafür, was er natürlich Gentlemanlike als nicht nennenswert abtat.

    Er gewann den Eindruck, dass auch sie sich mehr mit ihm zusammen vorstellen konnte.






    Kapitel 2.27 Der Autor


    "Hier", wurde ihm ein Glas vorgehalten aus dem Kohlensäure ausperlte. "Ist Cola. Erfahrungsgemäß geht es mit ´nem kleinen Zuckerschub schneller vorbei", sagte eine schüchtern wirkende Frauenstimme neben ihm an der Reling.


    Der Autor blickte überrascht in deren Richtung. Er brauchte einen Moment um seine Umgebung wieder bewusst wahrzunehmen. Nach dem Ausfall von eben, hatte er frische Luft nötig gehabt.


    "Danke", nahm er das Glas entgegen.


    Es war die zurückhaltende, die mit den verwirrend gemusterten Leggings mit ihm im Gymnastikraum war.

    Sie setzte sich schweigend neben ihm auf die gepolsterte Bank an der Reling.


    "Da habe ich mich wohl ganz schön blamiert, was?", fragte er zwischen zwei Schlucken des übersüßten Getränks.


    "Zumindest hast du dir nicht auch noch in die Hose gemacht. So gesehen war´s nicht ganz so schlimm."


    Einen Lidschlag lang war es still, dann prusteten beide los.

    Egal ob es der Zucker war, oder das spannungslösende Lachen - auf jeden Fall ging es ihm besser. Er wandte sich seiner Wohltäterin zu: "Danke."


    "Sibylle", stellte sie sich vor.


    "Danke Sibylle", sagte er nochmals und leerte das Glas. "Norman."


    "Ich hatte mir dich anders vorgestellt, Norman", sagte sie und drehte sich zu ihm.


    "Tut mir leid, wenn ich dich enttäuscht habe."


    "Nein, so meinte ich das nicht. Es ist nur, wenn man etwas liest, macht man sich unbewusst ein Bild von der Hauptperson oder vom Schreiber. Meist verschmilzt das miteinander."


    "Soll das heißen, du liest das Zeug was ich poste?"


    "Jep. Zumindest alles aus den letzten beiden Jahren. Irgendwie stellte ich mir dich so vor wie deinen Monsieur Luc Rah. Einen furchtlosen Helden, der vor keiner Schwierigkeit zurückschreckt und am Ende die "Prinzessin" kriegt."


    Der Autor blickte nachdenklich in sein leeres Glas. "So gesehen verstehe ich deine Enttäuschung. Aber vielleicht projiziert man unbewusst all das, was man nicht ist in eine fiktive Figur."


    "Kein Thema. Das macht dich irgendwie ..."


    "Menschlich?", führte er ihren Gedankengang zu Ende.


    Sie überlegte einen Moment, dann lächelte sie verlegen. "Ja, so kann man das sagen."


    "Du machst den Eindruck, als wüsstest du genau wie mir eben zumute war", wechselte er den Fokus des Gesprächs.


    Jetzt war sie es, die verstohlen nach Unten sah. "Ich glaube wir haben ein ähnliches Problem. Und wir versuchen ähnliches um es zu bewältigen, habe ich Recht?"


    "Du meinst sich dem aussetzen, was man am meisten fürchtet, Sibylle? Sich unter eine Menge fremder Menschen zu mischen ohne Möglichkeit zu sehr ausweichen zu können?"


    "Schocktherapie", bestätigte die Schüchterne.


    Wieder blickten sie einen Moment lang auf das dunkle Mittelmeer hinaus. Hier draußen waren um diese Zeit nur wenige andere Passagiere unterwegs, aber von Fern hörte man das Gelächter und den Beifall für die Show.


    "Und, hat´s schon was gebracht?", fragte er.


    Sie verzog das Gesicht: "Noch nicht so richtig, Norman", gestand sie. "Das heißt ein bisschen schon, aber ich weiß nicht ob es nur der positive Einfluss ist, unter gleichgesinnten Lycrafans zu sein."


    Wieder eine Pause, bis er schließlich entgegnete: "Genau den selben Gedanken hatte ich heute morgen auch. Aber ist dir schon mal was aufgefallen?"


    Sie wusste nicht worauf er hinaus wollte.


    "Sorry, wenn ich dir zu nahe trete, aber wann hast du das letzte Mal ganz ungezwungen und angstfrei mit jemand Fremden ein solches Gespräch geführt?"


    Große, tiefgrüne Augen sahen ihn an.






    Kapitel 2.28 Rainer und Tobias


    Obwohl diese aufgepeppte Zaubershow eigentlich was völlig Profanes war, machte das Zuschauen einen Heidenspaß. Zumindest Rainer und Tobias, die wie von aller Last befreit richtig mitgingen. Fast noch lustiger waren die Blicke, die einige wenige dem fröhlichen und farbenfrohen Paar entgegenbrachten. Als wollten diejenigen sagen, nicht genug dass die schwul sind, müssen die dazu auch noch so auffällig durch´s Leben gehen?


    Und Toby dachte ja, müssen sie. Gut, er dachte das natürlich nur über sich, doch sein Kumpel passte heute Abend gut in dieses Schema, welches noch immer nicht jeder vorbehaltlos akzeptieren konnte.



    Auf der Bühne folgte der "Taube-verschwinden-lassen-Trick". Die hübsche Assistentin, wirklich hübsch und in einen sündigen Ledermini, nebst ebensolchen glänzenden Nylons und in elegante Pumps gekleidet, rollte mit Schwung ein Tischpodest herbei. Ihre Seidenbluse flatterte als sie die mit Tuch verhängte Ablage zum Publikum hin positionierte.

    Der Magier präsentierte derweil zwei leere Blechschalen, die wie ein Topf mit Deckel aufeinander passten. Die Assistentin reichte einen kleinen Käfig mit einer weißen Taube, die friedlich auf seinen Finger gekrabbelt kam. Dem Ereignis entsprechende, dramatische Musik untermalte alle Handlungen.

    Nachdem das Täubchen in der unteren Topfschale verschwunden und der Deckel darauf gelegt wurde, überdeckte der Zauberer alles mit einem dezent gemusterten Seidentuch.


    "Klasse Material für ein Paar Radlerhosen, findest du nicht?", flüsterte Tobias seinem Sitznachbar zu.


    Dieser nickte bestätigend, während auf der Bühne die üblichen Hokuspokus-Gesten aufgeführt wurden.

    Breit grinsend entfernte die Helferin danach das Seidentuch wieder und der Illusionist hielt den geschlossenen Topf dem Publikum entgegen. Wie zu erwarten zog er den Deckel schwungvoll und begleitet von einem Tusch beiseite. Doch anstelle einer leeren Schale flog eine Handvoll weißer Federn bis in die vordersten Sitzreihen.


    Dafür erntete er Jubel und Gelächter.


    Niedergeschlagen darüber, dass auch dieser Trick fehlgeschlagen war, wies der Magier seine Assistentin an das Zeug wegzuräumen. Beim Abgang von der Bühne drehte diese jedoch den Wagen und die nicht verhängte Seite wurde den Zuschauern zugewandt. Unter dem Rolltisch war ein geräumiger Käfig zu sehen und eine unbeeindruckte weiße Taube.


    Erneuter Beifall war dem Künstler gewiss.

  • Kapitel 2.29 Der Autor


    "Ich glaube ich geh´ mal wieder rein", sagte die schüchterne, die sich als Sibylle vorgestellt hatte und schickte sich an aufzustehen.


    "Bleib´ doch noch", hörte Norman sich schneller und lauter sagen als ihm lieb war. "Hier ist es nicht so voll."


    "Schon, aber mir wird es ein wenig kühl."


    Er schimpfte innerlich mit sich dafür, dieses Detail übersehen zu haben. Seinen Protagonisten würde solch eine Nachlässigkeit nie passieren.


    "Darf ... darf ich dich begleiten?", fragte er und erhob sich etwas linkisch.


    "Gerne."


    Glück gehabt, dachte er sich, so ungeschickt wie er sich gerade noch verhalten hatte.

    Sie traten wieder ins Innere des Hauptdecks und erst jetzt bemerkte er den Temperaturunterschied. Draußen hatte es wirklich spürbar abgekühlt.


    "Sollen wir uns den Rest der Show ansehen?", fragte er als Gelächter von drinnen in den breiten Flur drang.


    "Willst du?", kam die Gegenfrage.


    "Eigentlich nicht. Ich meine ... du weißt schon ..."


    "Deine Panikattacke."


    "Eher die peinliche Situation, die daraus entstand."


    "Also ich hätte nichts dagegen woanders noch was zu trinken", sagte sie und machte ihn damit gewissermaßen glücklich.


    Sie schlenderten an den trotz der Zaubershow ordentlich besuchten Kuschelinseln vorbei bis zu der kleinen Bar, die halb in einem Innenraum und halb im breiten Flur bewirtschaftet war.

    Sie besah sich das Treiben mit den umeinander geschlungenen Lycrakörpern, während er zwei alkoholfreie Fruchtcocktails besorgte. Platz nahmen sie nicht an der Theke, sondern auf einem bequemen Sofa etwas abseits der "Fummelbereiche"


    "Nochmals Danke dass du mich wieder aufgerichtet hast, Sibylle", prostete er ihr zu.


    "Naja", meinte diese verlegen, "ich hatte dich beobachtet und sofort gespürt was gleich passieren würde."


    Wieder saßen die beiden schüchternen schweigend nebeneinander. Unsicher wie sie sich jetzt am besten verhalten sollten.

    Norman nutzte den Moment sie genauer zu betrachten. Ihre auffällig grünen Augen fügten sich harmonisch in ein sympathisches, rundliches Gesicht. Beim Lächeln zeigte sich nur auf der linken Seite ein Grübchen, vermutlich sogar durch eine Vernarbung hervorgerufen. Ihr brünettes Haar war schulterlang und glatt. Fast ein wenig stumpf, aber das trug zu ihrer natürlichen Anmutung bei.


    Am Oberkörper trug sie einen Gymnastikanzug, dessen Farben Blau, Grau und Schwarz keilförmig mit der Spitze nach unten auf der Vorderseite übereinander gereiht waren. Das Blaue zu oberst bildete auch die Farbe der langen Ärmel. Grau überdeckte die Brustpartie und reichte an der Spitze bis zum Bauchnabel. Der Rest war Schwarz.

    Aus den Beinausschnitten abwärts, überdeckten Capritights in einem matten Beigeton ihre rundlichen Schenkel bis oberhalb der Wade. Der Rest des Beins war nicht nackt, sondern mit einem hauchfeinen und edel glänzenden Nylongewebe überzogen.

    Den Typ des Schuhwerks kannte er bereits von der Turnstunde. Jazz-Schläppchen aus Leder, die durch die Schnürung perfekt ihrer natürlichen Fußform angepasst waren. Im Gegensatz zu heute morgen waren diese jedoch schwarz.


    "Schon komisch ...", brachen beide gleichzeitig das Schweigen.


    "Du zuerst", gewährte Norman mit einem Lächeln.


    "Schon komisch, welche Zufälle es manchmal gibt", meinte Sibylle. "Als ich diese Fahrt gebucht hatte um meine Kotaktschwäche etwas zu mildern, hatte ich nie damit gerechnet auf jemanden zu treffen dem es ähnlich geht."

  • Schön, dass 'der Autor'/Norman jemanden gefunden hat, der ihm gut tut.

    Und ganz allgemein noch ein Lob für zwei weitere Dinge, nämlich zum einen das Wort-/Namenspiel "Luc Rah" und die immer wieder neuen Designs und Kombinationen der Kleidung. Auch wenn man jeden Tag mit Lycra zu tun hat, ist es doch nicht leicht, sich immer wieder neue, interessante Outfits einfallen zu lassen und diese dan auch so schön plastisch zu beschreiben, dass man sie direkt vor seinem inneren Auge hat. Immer weiter so!

  • Immer schön, deine kurzweiligen Geschichten zu lesen!


    Von der bisherigen Zaubervorführung bin ich auch etwas enttäuscht, aber noch ist sie nicht zu Ende - und wer weiss, vielleicht ist unter den Gästen noch eine Person, die am Schlussabend mit der Kombination Lycra/Manipulation verblüffen kann?

  • Vielen Dank.


    Catsuit78

    Es gibt noch viele Beschreibungen von Lycrakleidung - schließlich haben wir ja die Hälfte der Story noch nicht ganz erreicht.


    ValCurasca

    Naja, die Zaubershow ist ja eher der Aufhänger um die verschiedenen Handelnden zusammen zu bringen. Ganz auserzählt ist sie noch nicht, aber ich weiß nicht ob der Rest der Vorführung deinen Vorstellungen entspricht.

  • Kapitel 2.30 Der Ermittler und die Katzenfrau


    Fröhlich und bester Laune verließen die Zuschauer der Abendveranstaltung den großen Saal. Die als etwas altmodisch befürchtete Zaubershow hatte sich als das genaue Gegenteil herausgestellt. Während sich die Gäste verteilten sprachen alle noch mehr oder weniger über das Gesehene.


    "War schon spaßig, wie er einfach zum Programm zurückgekehrt ist, nachdem seine Assistentin nach dem verschwinden lassen nicht mehr aufgetaucht ist, oder?", schwärmte die Katzenfrau noch immer unter dem Eindruck der Vorführung.


    "Und vor allem, wie sie dann eine Nummer später unvermutet mit einem Knall inmitten des Publikums wieder erschienen war. Die Schimpftirade die sie auf ihn losließ wirkte vollkommen echt.", ergänzte der Ermittler.


    "Nicht zu vergessen den Wetlook-Anzug, den sie dabei anstelle ihrer vorherigen Kleidung trug. Rot mit blauem Glitter."


    "Bestimmt ein Zugeständnis an ihr derzeitiges Publikum. Oder sie mag tatsächlich Lycrakleidung", mutmaßte er.


    "Wohl mehr für die Show, aber du hast recht, man kann nie wissen."


    "Wenn man so drüber nachdenkt", sinnierte Er, "dann waren eigentlich alle Nummern weder ausgefallen, noch besonders Neu."


    "Stimmt", bestätigte seine Begleiterin. "Das was es ausmachte, war die lustige Art der Präsentation. Eine Aneinanderreihung von Missgeschicken."


    Der Strom der Gäste verteilte sich auf die Bars und natürlich auch auf die allseits beliebten Kuschelinseln. Allen war die entspannte Urlaubsstimmung anzumerken. Auch die Beiden hatten noch nicht genug an diesem Abend.


    "Wollen wir ein bisschen frische Luft schnappen?", schlug er vor.


    "Gerne"


    Sie waren nicht die Einzigen mit dieser Idee, aber alle verliefen sich doch so weit, dass jeder ein wenig Privatsphäre genießen konnte. Und obwohl sie es nicht voneinander wussten, hatten beide genau dies im Sinn.

    Die Wellen rauschten leise bei der gemächlichen Fahrt des Schiffs. Verschiedentlich vernahm man Teile von Musik und Gesprächsfetzen. Gedämpft und wie von weit her.


    "Diese milde Luft", sagte sie und atmete tief ein.


    Er tat dasselbe und quittierte den leicht salzigen Duft mit einem wohligen "Hmmm."


    Seine Begleiterin fröstelte und rückte näher an ihn heran. Er verstand dieses Zeichen und legte sanft den Arm um ihre Lycraschulter.


    "Wie heißt du eigentlich?", interessierte sie sich während sie sanft den Kopf an die Kunstfaser über seiner Brust schmiegte.


    "Ich heiße Dirk." Zum ersten Mal war ihm aufgefallen, dass sie sich bereits zwei Tage kannten und nicht ihre Namen von einander wussten. Die ganze Zeit war die Sprache nie darauf gekommen. Privates begann erst jetzt Wichtigkeit zu erlangen. "Und du?"


    "Rubina"


    "Rubina", wiederholte er und genoss jede der drei Silben. "Was für ein schöner Name. Und auch ziemlich selten."


    "Ich glaube meine Eltern suchten nach etwas, das man nicht so leicht verunglimpfen konnte."


    "Und, hat´s funktioniert?"


    "Größtenteils schon", erwiderte sie. "Auch wenn viele mich eine Zeit lang "Robin" nannten."


    "Wie kann man aus dem femininen "Rubina" nur einen maskulinen "Robin" machen", stutzte er.


    "Ach, keine Ahnung. Vielleicht war es, wie die Mitschüler mich damals wahrnahmen."


    Er nahm seinen Arm von ihrer Schulter, drehte sie um so dass sie ihm gegenüber stand und musterte sie sorgfältig.


    "Also ich kann hier vieles sehen, aber beim besten Willen keinen "Robin".


    Sie musste darüber schmunzeln und fragte: "Gehen wir wieder rein?"






    - - -






    Kapitel 3.1 Rainer und Tobias


    Das Frühstück hatten beide recht schnell beendet, da die Anmeldung für den geführten Ausflug anstand. Es stellte sich als sinnvoll heraus sich damit zu beeilen. Trotz der relativen Bekanntheit der Insel, wollte doch eine stattliche Zahl der Mitreisenden nicht auf eigene Faust los. Es waren zwei Busse zu je fünfzig Personen vorgesehen und nur noch wenige Zeilen frei auf dem Anmeldeformular, welches in der Lobby beim Hauptausgang auslag.


    "Du hattest Recht", stimmte Tobias seinem Freund zu, "Erst anmelden, dann Klamotten aussuchen."


    Schön, dachte Rainer, dass er auch mal einer von seinen Ideen zustimmte.


    Die beiden machten sich sodann auf ins "Lycramagazin". Noch vor dem Treppenabgang auf´s Unterdeck war jede Menge Betrieb. Der Stand mit den roten Maßleggings war heftig umlagert.

    Dafür ging es Unten etwas ruhiger zu. Viele waren noch beim Frühstück und man konnte ungestört auswählen.


    "Was meinst du?", fragte Toby unschlüssig umschauend.


    "Auf jeden Fall etwas mit wenig Material dran", meinte Rainer. "Es ist ziemlich warm und so angenehm Lycra auch ist, so möchte ich heute nicht unbedingt viel schwitzen müssen."


    Also durchsuchten sie erst einmal die Shorts. Rainer war sich nicht sicher, ob er lieber zu Cycling-Tights oder luftigeren, klassischen Satin-Turnhosen greifen sollte. Sein Kumpel hielt plötzlich zwei Bügel mit hammermäßigen Shorts hoch.


    "Du hast sie doch nicht mehr alle", kommentierte er dessen Auswahl, während dieser sich vor lauter Grinsen gar nicht mehr einkriegen konnte.


    "Überleg´ doch mal was das für eine Gaudi gibt. Mit denen am Ballermann und wir brauchen kein Geld für Getränke."


    Rainer schüttelte den Kopf, aber er kannte seinen besten Freund. Der meinte das bestimmt sogar Ernst.


    "Und der hier würde doch perfekt dazu passen", sagte der extrovertierte und präsentierte einen Badeanzug, der die glitzernden Shorts von eben noch in den Schatten stellte.


    "Niemals!", war der einzige Kommentar dazu.


    Offensichtlich nahm er sein farbenfrohes Outfit von gestern Abend zum Anlass noch einen draufsetzen zu wollen. Klar wäre das pikant oder gar schockierend, mit solch gewagten Teilen durch die Touristenviertel zu ziehen. Doch schon der Schwimmanzug im Ringer-Stil, den Rainer gerade in der Hand hielt war ihm ausgefallen genug.


    "Komm schon", versuchte sein Freund ihn zu überzeugen und wedelte auffordernd mit den Kleiderbügeln. "Wer hat sich denn gestern dafür ausgesprochen künftig freier und unkonventioneller zu leben?"


    Er hatte das untrügliche Gefühl es noch zu bereuen, wenn er seinem "Paradiesvogel"-Freund zustimmte.

    "Meinst du wirklich?"






    Kapitel 3.2 Norman, der Autor


    Er fühlte sich verändert. Innerlich. Ein Name ging ihm nicht mehr aus dem Sinn: Sibylle.

    Doch er mahnte sich zur Vorsicht. So viele Gemeinsamkeiten konnten doch nicht zufällig auftreten. Und dennoch, niemand konnte sich derart verstellen. Ihre Sozialphobie jedenfalls war echt, das konnte niemand besser beurteilen als er selbst. Und warum sollte jemand etwas falsches vorgeben um sich an ihn ranzumachen? An Ihn?


    Er war zwar schon einige Minuten wach, aber hatte beschlossen noch ein wenig rumzulungern. Selbst das Anlegen im Hafen von Palma hatte er versäumt. Vielleicht war er verliebt? Gut möglich. Dieses Gefühl hatte er schon sehr lange nicht mehr erfahren. Ja, verliebt. Das könnte es sein.


    Sie hatten Gestern noch lange auf der Ledercouch gesessen und sich einfach nur unterhalten. Das war ganz einfach. Als spräche er mit einer weiblichen Ausgabe seiner selbst, so ähnlich waren sie sich in ihrem Empfinden. Das Erstaunen darüber legte sich mit der Zeit und sie redeten über alles mögliche, wie das Paare halt tun. Man musste das extra hervorheben, weil sowas bei Leuten mit ihrem Handicap nicht eben der Normalfall ist.


    Und sie sprachen über Lycra. Das Gefühl der körperweiten Umarmung, der Geborgenheit. Dinge nach denen man sich insgeheim sehnt wenn man nur wenige Freunde hat.


    Noch diesen Gedanken nachhängend, wälzte sich Norman nun doch aus der Koje und schlurfte zu seiner winzigen Terrasse. Wieder lag das Schiff mit der anderen Seite am Pier, dafür hatte er einen unverbauten Blick über die weitläufige Bucht vor Palma.


    Sibylle zeigte kein Interesse an einem Landgang, zumindest nicht mit der Führung. Zu viele Leute, meinte sie und er stimmte ihr zu. Wenn die meisten an Land waren, versprach es an Bord recht entspannt zu werden. Damit konnte auch er sich anfreunden. Sie hatten ein gemeinsames Frühstück vereinbart, erst so gegen Neun, wenn die meisten bereits fertig sein würden. Vorher wollten sie sich im Gymnastikraum treffen.


    Der Autor lachte leise vergnügt vor sich hin als er seine Turnsachen für den Frühsport zusammensuchte. Gestern hatte sie ihn noch ziemlich aus der Reserve gelockt. Sie kannte seine Geschichten besser als er selbst.






    Kapitel 3.3 Rubina, die Katzenfrau und Dirk, der Ermittler


    Er wog gegeneinander ab, ob er sie tatsächlich pünktlich abholen, oder ihr die geschlechtsspezifischen Fünf Minuten Extra zubilligen sollte. So wartete er vor ihrer Kabinentür und dachte darüber nach dass, egal was er auch machte, seine Wahl falsch sein konnte. Es stand lediglich in seiner Macht selbst zu entscheiden, welchen Fehler er begehen wollte.


    Gestern Abend musste er sich schon manchmal zurückhalten, so sehr hatte ihm ihre Kleidung den Kopf verdreht. Nachdem sie wieder hinein gegangen waren, hatten sie noch dem Stand der Luftakrobaten einen Besuch abgestattet. Die wollten zwar gerade zusammenräumen, nahmen sich aber gerne die Zeit für Interessierte.


    Rubina zeigte sich beeindruckt als sie erfuhr, dass Er einige Erfahrung im Fallschirmspringen hatte. Und sie zeigte sich zumindest nicht abgeneigt, so etwas in Zukunft auch mal probieren zu wollen.


    Während Dirk vor ihrer Kabine wartete, kamen fünf ziemlich unausgeschlafen wirkende Typen in großen Plüschkostümen den Flur entlang. Die jeweiligen Tierköpfe hatten sie unter den Armen.


    "... verstehe immer noch nicht, warum das so früh sein muss", nörgelte einer im leuchtenden Tigerkostüm.


    "... weil Vincent noch eine andere Gruppe betreut und dafür mehr Zeit braucht", erklärte ein Dalmatiner spürbar genervt, als gäbe er diese Erklärung heute nicht zum ersten Mal ab.


    "Och, Mann ... wenn ich gewusst hätte was das für ein Stress wird, hätte ich mich nie darauf eingelassen ..."


    "Nörgel nicht rum, du hast selbst gemerkt um wieviel professioneller das alles wirkt. Alleine brächten wir noch kein Bruchteil davon auf die Bühne und würden uns ganz schön lächerlich machen."


    "Ist ja gut, ist ja gut ...."


    Damit war das Quintett um die nächste Biegung verschwunden.


    Dirk dachte sich, jetzt wäre es an der Zeit anzuklopfen, als unvermittelt die Tür aufging und ein Kopf Katzengleich aus dem Spalt herausschoss.


    "Worauf wartest du?", fragte sie ihn ungeduldig. "Wir waren schon vor fünf Minuten verabredet."