Lycra auf dem Radar

  • Vorwort:


    Diese Geschichte basiert auf einem ehemaligen Spitznamen zweier Forumsmitglieder (lycra4u&gelberengel), zwei mittlerweile verschollenen Bildern aus dem Ratespiel und einer originell-komischen Antwort auf eine dazu gestellte schwere Frage. Alle in der Geschichte vorkommenden Personen sind rein fiktiv, ob z.B. gelberengel wirklich einen Garten hat und wo sie gerne in die Ferien gehen oder wie sie miteinander umgehen, weiss ich nicht, ich kenne die beiden nicht persönlich, habe aber von den beiden das Einverständnis für die Teile der Geschichte erhalten, in denen "sie" vorkommen.


    Das in der Geschichte erwähnte Lied könnt ihr hier von der Gruppe "Tri per dü" hören:


    Viel Vergnügen beim Lesen!

  • Lycra auf dem Radar


    Kurzgeschichte von ValCurasca


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    "Ich muss mal."


    "Aber nicht schon wieder!?"


    So sehr er seine Freundin mochte, in solchen Momenten hätte er gerne auf sie verzichtet. Früher konnte er mit seinen Kameraden doch in einer lauen Sommernacht bis zu seinem präferierten Badeort in den Cinque Terre durchfahren, aber nein - so lange Strecken fährt man nicht ohne Zwischenhalt mit Übernachtung, selbst wenn man sich beim Fahren ablösen kann.


    Sie waren irgendwo südlich von Varese, auf der ältesten Autobahn überhaupt, eine lange gerade Strecke, ebenso langweilig wie ermüdend zu fahren, trotz des hohen Tempos kein Vergleich zur malerischen Strasse am Südufer des Lago Maggiore. Dort musste er sich weit mehr konzentrieren, und so war ihm mehr oder weniger entgangen, wievielen Passanten sein bordeauxroter Ganzanzug dennoch aufgefallen war. Das war der eigentliche Knackpunkt, warum er etwas genervt war: Sich im Fahrzeug wieder umständlich etwas überziehen zu müssen, wenn er aussteigen wollte.


    "Ich muss trotzdem mal."


    "Ja, ich habe es gehört, aber wann der nächste Rastplatz kommt, weiss ich auch nicht."


    Zu mehr als einem kurzen Streicheln ihres Oberarms mit seinem Handrücken kam er nicht: Es ging auf Milano zu, der Verkehr wurde schon deutlich dichter, immer musste man gefasst sein, dass irgendein Idiot vor einem unvermittelt die Spur wechselt. Doch schon diese kurze Berührung von Lycra auf ihrer Haut besänftigte ihn wieder, und irgendwie auch wieder nicht: Sie hatte ja keine Umstände, sich in ihrem zitronengelben Badeanzug wie wenn es nichts wäre nach dem Anhalten ins Freie zu schmiegen.


    Irgendwo hinter Milano kam dann der ersehnte Rastplatz. Und es musste wohl so sein, dass sich seine Blase mit der seines Zitronenengels solidarisch erklärte. Also ausfahren, Parkplatz finden, Motor abstellen. Kaum geschehen, lief seine Freundin auch schon elegant auf und davon. Er hingegen musste sich erst verrenken, um wieder an sein Hemd und seine Überhose zu kommen, die er beim letzten Sriptease wie es gerade gekommen ist auf die Rückbank geschossen hat. Hemd zuknöpfen, Hose...naja, in einem Lycra-Ganzanzug lässt sich ja gut Gymnastik machen. Endlich konnte er aussteigen.


    Auch gewissen Erdlingen fordert das lange Sitzen, dazu noch angegurtet, einiges ab, weswegen er vorab noch einige Schritte zur nahen Fahrbahn machte. Dass seine Jeans (eine Leihgabe seiner Freundin) Marke "Lüftung Eigenbau" noch wenige Einblicke zum Glanz seines Ganzanzugs gewähren, war ihm im Moment aber egal - wenn es denn überhaupt jemandem auffällt.


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    Input: Blitz
    Question: Woher kommt der?
    Input: Blitz
    ERROR: Wieso input? Blitz=output, ich blitze.
    probe handle_ERROR
    input: BiltzColor=rot
    input: BlitzType=LycraGlanz
    Question: LycraGlanz? =unbekannt
    Command: erforsche LycraGlanz
    Question: Position_LycraGlanz=?
    Command to /dev/camera: Finde LycraGlanz
    Command to /dev/radar: messe Geschwindigkeit des Blitzes
    idle
    /dev/camera to CPU: LycraGlanz gefunden, Koordinaten=-42,0.2,8, LycraGlanz ist herrlich, setze auf sammeln
    /dev/radar to CPU: v_of_LycraGlanz=c //c ist Lichtgeschwindigkeit
    if (v_of_LycraGlanz>vmax)
    Command to /dev/camera: Blitz auslösen auf gemeldeten Koordinaten
    input Temposünder 58737
    save data Temposünder 58737
    handle_ERROR erledigt
    reboot


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    Er schaute noch eine kurze Weile dem vorbeibrausenden Verkehr nach, las einige Autonummern, doch Fahrzeuge aus seinem Heimatland waren keine dabei. Es war dann doch Zeit, ein stilles Örtchen aufzusuchen.


    "Ich fahre weiter." Er gab seiner Freundin den Schlüssel. "Bis Du Dich wieder umgezogen hast - so kommen wir nie an!" "Ich ziehe mich besser nicht um, sonst baust Du noch einen Unfall, so wie ich Dich dann ablenke." "Ablenken? Du mich? Hey, den Körper mit der Lizenz zum Ablenken habe ich!" Was sie mit einem kurzen Schmatz auf seine Backe wieder gut machte. "Sowieso bist Du doch immer der Ansicht, Lycra sei "für Dich" und sowieso für jedermann...


    "Schlecht gejätet hier," war der letzte Kommentar einer fleissigen Gärtnerin.


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    "Beppo, sieh dir das an."
    "Eeh, schöne Frau. Wer ist sie?"
    "Weiss ich doch nicht - sie hat ja keine Autonummer."
    "Wie sie heisst, meine ich."
    "Woher soll ich das wissen? Ohne Autonummer dazu?"
    "Was ohne Autonummer: Du kennst sie doch, oder ist das Bild aus dem Internet?"
    "Aus dem angeblich so fabelhaften neuen Radargerät."
    "Ist sie zu schnell auf den Parkplatz gesprungen? Moment ... nein, kein Auto dahinter."
    "Eben. Die letzten vier Bilder zeigen nur Frauen, ein Bild davor noch irgendwen mit roten Handschuhen. Alle Bilder vorher sind in Ordnung."
    "Soll ich den mit den roten Handschuhen zur Fahndung ausschreiben?"
    "Eeh Beppo, erst müssen wir das Gerät inspizieren und Fingerabdrücke nehmen."
    "Von den Handschuhen?"
    "Oder von sonstwem. Aber verdächtig bleibt er auf jeden Fall."


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    Etwa zwei Wochen später erhielt eine Firma in Bayern, die Radargeräte produziert, ein Pack mit einem ihrer Produkte und etwa folgendem Brief:


    "Bitte nehmen Sie Ihre Bastelei zurück. Wir haben schon alles unternommen, aber dieses Ding von Esel lässt sich nicht davon abbringen, nur noch Frauen, meist in Leggings, abzufotografieren. Wir können das nicht brauchen, nichtmal die Bilder der hübschen Frauen (siehe Beilagen) dürfen wir wegen Datenschutz in Brüssel behalten."


    Der Mann vom Kundendienst, grossmüttlerlicherseits selbst italienischer Abstammung und dieser Sprache auch mächtig, musste erst einmal schmunzeln. Er hat ja schon öfter erlebt, wie einfallsreich seine ehemaligen Landsleute im Erfinden von Wehwehchen und Pannen sein können, nur um von irgendwo noch Geld zurückzuerhalten. Aber derart dreist war dann doch noch keiner. Woher kommt das? Aha, Milano ... die sind sonst allerdings ordentlich. Aber was solls, testen muss ich es ja doch, nur um sie widerlegen zu können.


    Er schrieb ein kurzes Rundmail an alle ihm bekannten Frauen in der Firma. Bis auf eines, das ihn daran erinnerte, dass heute nicht der 1. April sei, erhielt er keine Antwort. Also blieb ihm am nächsten Arbeitstag nichts anderes übrig, als sich selbst in der Firma auf die Suche nach einer Leggingsträgerin zu machen. Doch mitten im Hochsommer trug niemand sowas heisses. In der Buchhaltung bekam er unter dem Gekicher der Frauen sogar zu hören, er solle doch selbst Leggings anziehen, vielleicht, wenn er seine Oberweite ausstopfe und auch sonst seine weibliche Seite betone, funktioniere der Test ja.


    So wurden erst die übrigen Standardtests durchgeführt. Das Gerät war tatsächlich kaputt, also wurde zuerst die Firmware neu geladen. Was aber nichts nützte: Wiederholt versagte das Gerät, obwohl man mittlerweile fast alle ersetzbaren Komponenten ausgetauscht hat. Da machte ein Techniker die Entdeckung, dass sich das Gerät irgendwie gegen jedes Firmwareupdate immunisiert hat. Egal was man da aufsetzte, ein Stück unbekannter Maschinencode blieb unabänderbar fest drin.


    Das Spinnergerät wurde daraufhin in irgendeinem Gruselkabinett abgestellt und ging vergessen.


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    Mit dem neuen Lehrling wurde dann entrümpelt. Auf der Suche nach Lehr- und Testgeräten stiessen sie auch wieder auf unseren Spinnerapparat, doch erschien der für Ausbildungszwecke ungeeignet. Nichtsdestotrotz konnte es der Lehrmeister nicht lassen, die Unerfahrenheit des Neulings auszureizen: Ohne selbst ein Wort davon zu glauben, las er ihm seriös anleitend wie immer Fehler- und Testberichte vor, und gab ihm zu bedenken, dass es in der Firma keine geeigneten Testkandidatinnen, d.h. jung und hübsch genug, gebe. Aber er kenne doch sicher viele, viele Mädchen, bei denen er mit seiner neuen Errungenschaft am Wochenende sicher noch gut ankommen könne.


    So erhielt er das Gerät als Geschenk zum Tüfteln.


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    Tatsächlich gelang es Romano, für den nächsten Sonntag ein Dutzend Kolleginnen für diesen Fototermin der besonderen Art zu begeistern. Und wenn auch praktisch alle, genau wie Romanos übrige Kumpels und mittlerweile auch er selbst, von der ursprünglichen Geschichte nicht mehr viel hielten, galt auf dem leeren Parkplatz der Gemeindeverwaltung das Motto "Girls just want to have fun", die Jungs kamen aber keinesfalls zu kurz. Spielerisch wurden von den Amateurmodels ihre Vorbilder vom Laufsteg (der wurde flugs mit Strassenkreide aufgebaut) nachgeahmt, während die anderen als Hobbyfotografen und -filmer keinen Moment undokumentiert liessen.


    Eingefangen wurden von den Kameras sämtliche Arten von Gesichtsausdrücken, vom freundlichen Lächeln über ernste Mienen und schnittigen Grimassen bis hin zum obligaten ausdrucklosen Mondgesicht. Auch Gangarten waren zahlreich vertreten, von sportlich über tänzerisch oder elegant bis lasziv. Vier Teilnehmerinnen nahmen von zu Hause auch Schuhwerk mit Absätzen so hoch wie nur möglich mit, und wenn der Lärmpegel besonders hoch stieg, lag das meist daran, dass eine von besonders zusätzlich weit oben herab den Parkplatz mit ihrem Gesäss wärmen musste.


    Mode in Hülle und Fülle fehlte auch nicht; ein Geschwisterpaar hatte einen mannshohen Karton gebastelt, in dem sich die Modelle sogar umziehen konnten. Und dem Motto entsprechend ist keine Leggings zuhause geblieben. Etwas Ernüchterung stellte sich dennoch ein, als man feststellte, dass etwa zwei Drittel aller Leggings die Farbenpracht eines Bahntunnels - eintönig schwarz - entfalteten, viele andere waren gräulich, vom Rest die meisten blau, eine war grün, eine noch rot, zwei braun, Jeansimitat oder Beschriftungen die einzigen Zierden.


    Doch der Stimmung in der Gruppe tat dies keinen Abbruch, spontan gesellten sich auch einige Sonntagsspaziergänger als kurzzeitige Zuschauer dazu, und den Radarkasten betrachtete sowieso keiner mehr - der gehörte wohl einfach als Juxrequisite, genauso aus Karton wie die Umkleidekabine, zur ganzen Gaudi dazu.


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    Am Tag nach all dem Trubel stellte eine Teilnehmerin doch noch die Frage, ob eines der massenhaft getauschten, geteilten und gelikten Bildern aus der Radarfalle stamme. So nahm er diese am Dienstag wieder mit in den Lehrbetrieb, denn nur dort konnte er den Speicher auslesen. Und der lieferte tatsächlich Daten, wenn auch völlig unerwartete: Zwei Bilder zeigten ihn selbst im Renndress, aufgenommen am Freitagabend, einmal, als er mit seinem Rennrad den Gartenschuppen richtung Training des Radsportvereins verliess, einmal bei seiner Rückkehr. Das dritte und vierte Bild waren dann vom Sonntag, zentriert auf eine seitlich stehende Zuschauerin, von der die vordere Hälfte von einem anderen Zuschauer verdeckt wurde. Die Zuschauerin trug eine vermutlich blaue oder grüne Leggings mit einem seitlichen ziemlich hellen Streifen - das könnte die Vereinskleidung der Leichtathletikriege im Nachbardorf sein.


    Doch von den offiziellen Fotomodellen wurde keines vom Radar erfasst. Er teilte dies seiner Kollegin mit, hängte beide Radarbilder von ihm an. Am späten Nachmittag versuchte er sich als Detektiv: Warum hat der Kasten nur diese Bilder gemacht und keine anderen? Er kam aber nicht dahinter.


    Nachrichten verbreiten sich in den sozialen Medien oft schneller, als man sich umdrehen kann. Teils auch hämische Kommentare zwitscherten die digitalen Spatzen bald von den Smartphones, etwa, ob sein "Fotoapparat" schwul sei oder seine Radarfalle noch vor ihm erkannt habe, dass er (Romano) doch eigentlich weiblich sei. Am Donnerstag wurde ihm in der Berufsschule zum Empfang spontan "La bella Romanina" zum besten gebracht. Auch wurde Romano von der Fussballerfraktion hochgenommen: Rennfahrer müssten nur deshalb so enge Hosen anziehen, damit man sehe, dass ihnen unten herum nichts fehle, was er nach einigem Überlegen konterte, Fussballer bräuchten nur Überhosen, damit man nicht sehe, dass etwas fehle. Eine folgende Rauferei, die aber nie ins Gehässige abdriftete, wurde vom eintretenden Lehrer beendet.


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    Am Freitag hatte Romano vorige Zeit, die er nochmals nutzte, dem Mysterium seiner Errungenschaft auf den Grund zu gehen. Warum wurden er und die Zuschauerin detektiert und alle anderen nicht? Irgendwann kam er auf die Idee, einige der Bilder vom Fotoshooting auf dem Rechner auf schwarzweiss zu reduzieren, und dann fiel es ihm auf: Auf den Radarbildern wiesen die Hosen einen Schimmer auf, der auf allen Bildern vom letzten Sonntag fehlte. Er machte sich kurz schlau und fand heraus, dass es Leggings mit Baumwolle als Grundmaterial gab - nur solche trugen alle seine Modelle - und solche rein aus Kunstfasern, wie er sie auch von seinem Sport kannte.


    Würde der Kasten blitzen, wenn jemand anders seinen Renndress tragen würde? Wenn er im Bikini seiner Mutter, der ja auch aus dem Material war, vorbeilaufen würde? Nach dem Reinfall diese Woche getraute er sich nicht mehr, jemand von den bisherigen zu fragen.


    Eine Woche später ergab sich aber die Gelegenheit: Verwandtschaft kam zu Besuch, auch eine seiner älteren Schwestern, Wasserratte seit je; dieser versprach er, das alte Planschbecken für die kleinen Kinder aufzustellen, und sie möge doch bitte ihre Schwimmsachen oder Kleider aus ähnlichem Stoff für ein "mysteriöses Experiment" mitnehmen.


    Und er bekam Testmaterial zur Genüge: Nicht erst bis zum nachmittäglichen Planschplausch musste er warten, denn seine Schwester stolzierte bereits in einer Leggings an, die nicht nur nach übergrossen Fischschuppen aussah, sondern auch genauso silbrig wie die lebendigen Vorbilder glänzte. Und hatten sie sich abgesprochen? Auch seine Cousine erschien in "dasselbe in Grün", selbst ihr Mann und deren fünfjährige Tochter trugen Glanzradler des Turnvereins, in dem die Familie Mitglied war. Trotz des vom Vereinslogo abgesehen schlichten Schwarz erhielt er von allen Besuchern für seine Mode am meisten Aufmerksamkeit, wenn auch teilweise mit Unverständnis gepaart.


    Um bei seiner Vorführung nicht abzufallen, zog Romano sich selbst eine alte Rennvelohose an, aus der er das Innenpolster entfernt hat, damit sie nicht allzusehr einengte. Vorne schwarz, links gelb, rechts weiss mit dem blauen Schriftzug des örtlichen Velohändlers, stürzte er sich in den Kampf um das beste Bild von seinem aussergewöhnlichen Fotoapparat. Während er und sein männlicher Testpartner sich lediglich schnell vor den Kasten stellten, liess es sich der weibliche Teil nicht nehmen, sich wie die anderen Mannequins am vorletzten Sonntag in Szene zu setzen. Selbstverständlich hatten beide Ersatzlycra dabei, nur eine Radlerhose weigerte sich, in der Sonne zu glänzen.


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    Ebenso weigerte sich der Radarkasten, exakt dieses Kleidungsstück einer Geschwindigkeit zuzuordnen, wie die Auswertung der Daten am Dienstag ergeben hat. Bei allen anderen gab es einen Treffer, zuerst von Romano selbst in seinen knallengen Radlerhosen, dann Vater und Tochter in den Turnvereinsradlern, zweimal die Fischschuppen, zweimal uni Leggings, dann die pink-schwarz längsgestreifte Leggings seiner Schwester - beide lachten bei der Erinnerung, dass Romano als Kind seine Schwester jeweils als "Rosenzebra" betitelte, wenn sie diese ihre Lieblingshose anhatte - dann das Familienbild in Radlerhosen, endlich noch seine Schwester im Badeanzug und seine Cousine mit Bikinioberteil und ganz kurzen Lycrahosen, zuletzt nochmals er, besser gesagt nur sein linkes Bein in Grossaufnahme, fotografiert wohl kurz bevor er den Kasten wieder ausschaltete.


    Auch auf die Gefahr hin, erneut zur Zielscheibe von Gespött zu werden, teilte Romano die neusten Forschungserbgebnisse seiner Modeltruppe mit, zusammen mit dem Bild von ihm, denen seiner Schwester in gestreiften Leggings und in Badesachen und einem vom Fotoshooting zum Vergleich. Er fragte auch, ob denn keine von ihnen Kleidung aus diesem Sportsachenmaterial gehabt habe. Eine antwortete denn auch, diese würden doch "Tights" heissen, weshalb sie diese dooferweise zuhause gelassen hätte. Aber ansonsten war das Thema für alle anderen erledigt, auch für den Lehrmeister, der Romano keinen Glauben schenkte, weil er meinte, sein Lehrling wolle nun ihn so verarschen, wie er seinerseits ihn zu verarschen versucht hat.


    Ende Woche meldete sich ein Mann bei Romano in der Firma. Er sei im Netz auf eben diese kurlige Geschichte gestossen, sei Kurator eines Museums für eigensinnige Technik und habe Interesse an dem Apparat. Nach einigem Überlegen und Gesprächen mit Vorgesetzten und Kollegen sagte Romano zu, seinen Scherzartikel dem Trägerverein des Museums zu schenken. Für die Übergabe samt gratis Museumsbesuch reisten er und die zwei weiteren Lehrlinge, chauffiert vom stv. Chefingenieur in seinem Privatauto, Richtung Westen. Dieser Lehrlingstag blieb bei allen als einer der besten überhaupt in Erinnerung.


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    An Allerheiligen war ein Paar auf der Rückreise vom Europapark.


    "Ich muss mal."


    "Das sagst Du anderthalb Minuten nach der Raststätte?"


    Widerstand gegen weibliche Bedürfnisse war eh zwecklos. Doch da die nächste Ausfahrt: Strasse der Deutschen Museen - und wo es Museen gibt, gibt es sicher auch Restaurants, und damit sicher einen heissen Tee oder Orangenpunsch.


    "Wohin fährst Du?" wollte sie nach der zweiten durchfahrenen Ortschaft wissen.
    "Irgendwohin, wo Du etwas loswerden kannst. Ausserdem habe ich Durst."


    Und tatsächlich gab es kurz nach einer weiteren Ortschaft noch einen dieser selten gewordenen Landgasthöfe mit währschaften einheimischen Gerichten. Sie kehrten ein.


    Die beiden machten sich keine Mühen, ihre bunten Kostüme unter mehr als einer Jacke zu verstecken. Der Kellner zog beim Anblick der neuen Gäste erst eine verwirrte Miene, gewann aber bald seine Professionalität wieder, nahm die Bestellung auf und bediente.


    Sie bezahlten, und sie fragte den Kellner nach offenen Museen in der Gegend, denn auch ihr war die grosse Tafel an der Ausfahrt nicht entgangen. "So wie ihr ausseht, empfehle ich Euch das Kurzschlusser Museum für eigensinnige Technik in Schlussbach, drei Ortschaften weiter Richtung Zarblingen."


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    An der Kasse des empfohlenen Museums wurden die beiden angewiesen, ihre Jacken an der Garderobe abzugeben. "Wollen Sie wirklich, dass wir alle anderen Besucher mit unseren Kostümen erschrecken? Ausserdem haben wir keine Taschen für unseren Autoschlüssel." "Hausordnung ist Hausordnung," pochte die Kassierin mürrisch auf ihr Vorhaben. "Die vielen Geräte hier geben sehr warm, Sie könnten einen Hitzekollaps erleiden. Ihre Schlüssel können Sie ausnahmsweise bei mir abgeben."


    Vor allem sie überlegte sich ernsthaft, den Besuch abzublasen, denn im heute eher stärker frequentierten Museum würde das Paar in ihren Kostümen (er ein bunter Zentai ohne Haube, sie ein schwarzer Ganzanzug mit weissem Skelettdruck) unvermeidlich auffallen. Nicht wenige beäugten sie dann mehr als so manches Exponat, sie wurden einmal sogar für Personal gehalten, doch bald nahmen sie keine Notiz mehr davon, denn die Ausstellung erwies sich als ausgesprochen kurzweilig: kuriose Erfindungen, eine Dompteurnummer mit Hunden, die kein Kommando so ausführten, wie es unser Sprachverständnis erwarten würde, physikalische Experimente mit überraschendem Ausgang und ein Bereich mit technischen Geräten, teilweise gezielt manipuliert, teilweise kaputt, aber immer seltsam reagierend.


    Und in der Beschreibung eines dieser Geräte war ein Bild, ein uns allen bekanntes Bild, ein Bild einer Person in einem bordeauxroten Ganzanzug, darüber ein Hemd und eine "kaputte" Jeans. "Lycra-Glanz-verwirrtes Radargerät" stand als Titel, den restlichen Text auf der Tafel könnt Ihr von Anfang der Geschichte bis hierher nochmals nachlesen.


    "Ich glaube, den Menschen auf dem Radarbild da kenne ich!" triumphierte sie.
    "Ach ja? Wer soll denn das sein?" tat er so unschuldig wie möglich.


    Die Frage beantwortete sie mit einem Lachen und einer Umarmung.


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    Input: LycraGlanz_Blitz
    Question: Woher kommt der?
    Command to /dev/camera: Finde LycraGlanz
    idle
    /dev/camera to CPU: LycraGlanz gefunden, Koordinaten=-1,1,1,4
    Command to /dev/camera: Aufnahme auslösen auf gemeldeten Koordinaten
    input Lycraträger 58816
    save data Lycraträger 58816
    transmit data Lycraträger 58816


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    Lange hatten sie im Museum zugebracht, es ging dem Ausgang entgegen. "Sodele, hat es ihnen gefallen?" fragte die jetzt verwirrend überfreundliche Kassierin. "Bschaued sie mal dert obbe." Die beiden drehten sich um, unter der Decke war ein Bildschirm montiert, auf dem nun ein Schwarzweissbild von ihnen in Umarmung im Museum mit Datum, Uhrzeit und Geschwindigkeit des Lycraglanzes aufgeschaltet wurde. Und unter diesem Bildschirm hing eine weitere Leuchtanzeige: Besucher des Tages.


    "Das kommt in unsere Galerie. Ich neheme an, ihr wisst, woher das Bild stammt?" "Der Radarkasten ist eingeschaltet?" "Ja, er liefert zuverlässig Bilder von zu glänzend gekleideten Besuchern." "Zu glänzend gekleideten? Nicht von solchen mit zu dicken Wollpullovern oder Jacken?" "Nein, die muss man nur abgeben, damit die Bilder gut werden."


    Es bedurfte aber doch einiger Überredungskunst, den beiden, vor allem ihr, die Erlaubnis für die Publikation abzuringen. Mit Abstand waren sie das Prunkstück in der noch kleinen Bildersammlung; auch wenn die Farben seines Zentais auf den Schwarzweissbildern nicht zur Geltung kommen können, als erster Mann überhaupt stach er dennoch unter all den Frauen in meist mit einer Sportartikelmarke oder anderen anfeuernd beschrifteten Leggings hervor.


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    Frische Schwarzwälder Luft empfing sie auf dem Weg zum Parkplatz, der starke Wind liess die wenigen dicken Regentropfen auf ihrer linken Körperseite auf die lycraumgarnten Beine prasseln, die zuerst noch jeden Treffer einzeln spürten, aber irgendwann nur noch einen Unterschied zwischen einer nassen und trockenen Seite fühlten. Und wenn in der einsetzenden Dämmerung die Augen weniger Informationen liefern, registrieren die Ohren das Rauschen des Tannenwalds umso mehr.


    Sie setzte sich hinters Steuer, einfach weil sie zufällig links lief. "Gibst Du mir den Schlüssel? Sonst kommen wir nie heim." Kaum waren sie auf der Hauptstrasse, führte der kühlende Effekt des trocknenden Lycras bei ihm zu einem ebenso ungewohnten wie unangenehmen Nebeneffekt:


    "Ich muss mal", lächelte er sie verschmitzt an.


    "Du hast auch Hunger?"
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  • Eine etwas andere Lycrageschichte mit einem Hauptdarsteller, mit dem man nicht rechnet.
    Schön gemacht. Auch die "Gedankengänge" der Maschine sind plausibel dargestellt.
    Das Lied habe ich mir angehört, konnte es aber mangels Italienischkenntnissen nicht verstehen.
    Ich glaube, ich müsste mal zum Kurzschlusser Museum für eigensinnige Technik nach Schlussbach fahren...
    Gruß
    Desi

  • ValCurasca
    Da war es viel zu lange still von deiner Seite und dann meldest du dich mit so einer phantastischen Geschichte zurück?
    Hervorragend! Nicht nur die Grundidee.
    In kurzen Absätzen schaffst du es viel Stimmung und auch Lycravorliebe zu transportieren. Genauso auch das geschickte verschachteln und Überbrücken größerer Zeitspannen.
    Kurzweilig, augenzwinkernd, lustig - ich bin beeindruckt.