Nereida Drei Staffel 2

  • Dass Gunda durch ein Wechselbad der Gefühle geht (und noch gehen wird) zeichnet sich ab.
    Aber der schwarze Ganzanzug - ich kann Ingo verstehen, dass er gerne mal ´reinshlüpfen würde.


    Verlobungsfeier, Familienzusammenkunft, ein Haus voller Gäste, das mutet fast wie eine Reminiszenz an die 68er Kommunen an. (Ich glaube freie Liebe ist bei den R-Wi kein Tabuthema).


    Aber wie du schon schreibst, vielleicht bringt ja Nereida Aufklärung.

  • Nicht nur Ingo würde da gerne mal hereinschlüpfen...
    Die R-Wi-i gehen mit Zuneigungen zueinander viel offener und lockerer um.
    Das Familienfest ist auch ein Stückchen heile Welt und Harmonie. Aber ich will nicht vorweg greifen.


    Kap. 7 und 8 drehen sich um Theo; um das, was er anzieht und wen er anzieht.

  • Kapitel 7: Die neue Hose


    Sonntag Vormittag in den Tiroler Alpen.


    Der nächste Morgen begann sonnig.
    Alle möglichen Quellen sagten für Theos Aufenthaltsort einen sehr warmen trockenen Tag mit schwachen Brisen voraus. Das angekündigte Schlechtwettergebiet hatte sich netterweise in andere Regionen verzogen.


    Theo besah sich seine zerrissene Laufhose und dachte an den Hinweis von Alois, dem Bergsteiger.
    Wenn es wirklich so warm werden sollte, würde er es in seiner dicken Ersatzhose nicht aushalten, die bestens für Wind- und Regenwetter geeignet war und Kälte abhielt, aber bei warmen Wetter wie eine Sauna wirkte.


    Die frühmorgendliche Brotzeit sättigte ihn bestens. Viele Bergwanderer und Bergsteiger stärkten sich und besprachen ihre Touren für den Tag. Unweit von ihm saß eine Vierergruppe von etwa 20 Jahre jungen Männern. Er bekam mit, dass sie diesen Tag dorthin gehen wollten, von wo er am Vortag gekommen war, zum Stripsenjochhaus.


    Theo suchte nach dem Essen die Wirtin Greta auf, eine resolute stämmige Frau Mitte fünfzig, fragte sie nach einer Ersatzhose.
    Sie schüttelte mit dem Kopf: "Das war ein damischer Tag gestern. Noch nie hatten sich so viele Mannsbilder die Hosen aufgerissen. Tut mir leid, in deiner Größe ist keine mehr da."


    "Aber der Greitner-Alois behauptete, da wären welche."


    Sie lachte. "Jo jo, der Greitner-Alois. Der redet viel, wenn der Tag lang ist. Ich kann ja noch mal schauen."


    Nach einer Weile kam sie mit einem Kleidungsstück zurück, was Theos Augen weiten ließ.


    "Bei den Männersachen war in deiner Größe wirklich nichts mehr da, aber bei den Frauensachen habe ich noch diese hier gefunden."
    Eine grelle pinkfarbene Leggings hielt sie in ihren Händen. "Die müsste von der Größe her passen."


    Es sträubte sich in ihm, diese Hose anzunehmen. Diese Farbe - oh nee, das musste doch nicht sein.
    Aber der Glanz und das Material zogen in die andere Richtung, das faszinierte ihn.


    "Die Hosen sind alle gewaschen und sauber, auch diese", versuchte sie seine Bedenken zu zerstreuen.


    Mich kennt hier ja keiner, dachte er und sagte: "Na gut ich nehme sie. Was bekommst du dafür?"


    "Zwanzig Euro, oder freiwillig mehr, je nach Belieben", grinste Greta.


    Theo guckte ungläubig.
    Sie setzte hinterher: "Ist nicht für mich. Ich bekomme davon keinen einzigen Cent. Es ist eine Spende."


    Die Wirtin erklärte ihm, dass sie einen Fundus von Hosen hatte, da sich öfter Besucher in den Bergen die Hosen zerrissen.
    Die Kleidung stammte von Altkleidersammlungen, die der Deutsche Alpenverein veranstaltete.
    Gegen eine Spende würden diese Hosen an Wanderer abgegeben. Die Spenden würden in die Verbesserung von Wegen, Beschilderung und Hütten gesteckt.


    So belehrt, gab Theo gerne den Zwanziger und dankte der Wirtin.


    In einer dunklen Ecke zog er die warme wetterfeste Hose aus und die Leggings an. Und sie passte! Er stand auf, ging ein paar Schritte. Die Wirtin musterte ihn anerkennend:
    "Na siehste, passt doch perfekt! Und die Farbe - da gibt es schlimmeres, keine Panik."


    Theo nickte, Greta zwinkerte ihm zu. Er bedankte und verabschiedete sich, verstaute die wetterfeste Hose im Rucksack. Mit dem Pink konnte er sich innerlich wirklich nicht anfreunden, aber immerhin war es kein Rosa oder Neongelb.


    Als er aus der Hütte heraustrat, merkte er, dass die Schnürsenkel seines rechten Wanderstiefels locker waren.
    Er bückte sich, um sie fest zu schnüren.
    Die Vierergruppe von vorhin, die jungen einheimischen Männer standen dort, pfiffen, rissen dumme Kommentare und kamen näher.


    Das fängt ja gut an, dachte Theo. Wieder half ihm dieselbe Strategie, als er im "Wilden Schloss" hing. Er blieb ruhig und atmete tief und gleichmäßig.


    Er bekam unvorhergesehene Schützenhilfe, von Greta! Sie hatte draußen was zu erledigen gehabt und hörte die Flachsereien der jungen Männer zufällig mit.
    Sie baute sich auf, ließ auf die jungen Leute eine Schimpfkanonade hernieder, in ihrem Heimatdialekt, was Theo so schnell nicht verstand.
    Denen verging schnell das Lachen, und kleinlaut machten sie sich rasch auf, östlich in Richtung Jubiläumssteig.
    Was Theo noch mitbekam, war, dass sie ihnen hinterher rief, sie sollen sich nicht von der Prinzessin schnappen lassen.


    Er blickte Greta anerkennend an. "Danke für die Unterstützung!"


    "Gern geschehen. Wenn ich etwas auf den Tod nicht abkann, ist es über andere Leute Klamotten zu lästern. Ich krieg das manchmal mit, wenn mein Sohn Leggings trägt und irgendwelche Bengels da meinen, herumpanken zu müssen."


    "Nicht schön sowas. Zum Glück muss ich nicht noch mal durchs Wilde Schloss."


    "Was ist dein Ziel heute?"


    "Die Kaiser-Hochalm."


    "Schöner geruhsamer Weg dorthin. Genieße den Tag und unser herrliches Kaisergebirge!"


    "Danke! Ich habe noch eine Bitte. Würdest du ein Foto von mir machen?"


    "Klar. Dann reich mir mal dein Fotogerät."


    Greta schoss ein paar Fotos von Theo, einige mit der Hütte und einige mit dem Tal im Hintergrund.


    Sie reichte ihm seine Kamera, er bedankte sich, winkte ihr zum Abschied und machte sich gut gelaunt auf den Weg westwärts.


    Theo kam auf dem Gruttenweg gut voran, ließ sich aber Zeit. Dies war ein Spaziergang im Vergleich zu der Kletterei vom Vortag. Bei herrlichem Wetter und guter Aussicht am westlichen Südrand des Kaisergebirges fühlte er sich pudelwohl. Die Leggings hatte er anfangs noch öfter bemerkt, später immer weniger. Für nur zwanzig Euro in diesem Top-Zustand, ein Schnäppchen.
    Einmal dachte er: Meine warme Ersatzhose hätte mich bei diesem prallen Sonnenschein wohl umgebracht.
    Als er westlich vom majestätisch emporragenden Berg Treffauer einen Wegweiser sah, dachte er schmunzelnd: Vielleicht wurde dieser Wegweiser hier errichtet, weil mal jemand aus dem Fundus von Greta, der Wirtin, eine Leggings gekauft hatte.
    Der kleine Hunger meldete sich. Theo setzte sich, machte an Ort und Stelle Rast. Er lehnte sich gegen den Wegweiser. Die belegten Brote waren schnell aufgemampft.
    Theo betrachtete aufmerksam seine Umgebung.

  • Kapitel 8: Conni und Celine


    Sonntag Mittag, Tiroler Alpen.


    Wo Theo rastete, mündete ein Weg aus dem Tal auf seinen Höhenwanderweg. Die Sonne brannte, er krempelte die Ärmel seines blauen Hemds hoch.
    Während er gegen 13 Uhr seine Brotzeit einnahm, beobachtete er, wie vom Tal zwei Personen aufstiegen.
    Es waren zwei Frauen in seinem Alter, etwa Anfang Vierzig.


    Die vordere sah recht sportlich aus, sehr groß und die Haut leicht braun, sie wirkte beinahe südeuropäisch. Sie trug dreiviertel-lange Leggings in rot, darüber ein blaues T-Shirt mit Viertelärmel. Ihre langen schwarzen Haare hatte sie zum Pferdeschwanz gebunden, sie trug eine blaue Schirmmütze wie Baseballspieler. Sie ging auf dem engen Steig voran.


    Die ihr nachfolgende sah eher wie eine Frau aus behütetem Hause aus, blass und kleiner als die andere. Sie trug einen rotbraunen Baumwollrock, eine hochgeschlossene weiße Bluse mit langen Ärmeln, war nicht so schlank wie die erste.
    Was Theo irritierte, war nicht ihre rote Brille, sondern ihr dünner beiger Schal, den sie wie ein Kopftuch trug und der ihre Haare verbarg. Wohl um sich gegen die Sonne zu schützen.
    Immerhin hatte sie wie die erste, festes bergtaugliches Schuhwerk an.


    Theo war fertig mit Essen, stand auf und grüßte freundlich, als die zwei am Wegabzweig ankamen.


    Der sportlichen Frau fiel sofort Theos pinkfarbene Leggings auf.
    "Hey super, deine Leggings! Ich bin begeistert!"


    Theo selber hatte gar nicht mehr an die Leggings gedacht, erst als die Frau ihn darauf ansprach.
    "Danke fürs Lob! Deine rote sieht auch stark aus."


    "Danke sehr, freut mich!"


    "Ich hatte schon gedacht, dass ich mit meiner Hose Aufsehen errege."


    Sie lächelte, wandte sich der anderen zu. "Aber Aufsehen im positiven Sinne, nicht wahr, Celine?"


    Die schnaufte noch etwas vom Aufstieg, schien nicht überzeugt. "Die Hose ist generell viel zu eng. Die Farbe ist zu grell."


    "Aber das sieht doch erst recht geckig aus! Übrigens, ich heiße Conni. Kurzform von Cornelia", und reichte ihm ihre Hand.


    Er war von Connis Art positiv überrascht. "Freut mich, dich kennen zu lernen. Ich bin Theo, Kurzform von Theodor", und drückte ihre Hand.


    Conni grinste. "Hey Theo. Und das ist Celine, eine Freundin von mir." Sie sprach den Namen wie 'Zeliin' aus.


    Theo gab ihr die Hand, Celine erwiderte wortlos und eher schüchtern seinen Händedruck.


    "Hallo Celine. Ist das auch eine Kurzform?", wollte Theo sie aus der Reserve locken.


    Celine schien irritiert.


    Conni merkte es, runzelte die Stirn genervt und dachte im Stillen, dass 'Celine' sehr wohl eine Kurzform ist. Die wahre Bedeutung hielt sie jedoch zurück.


    Nur Theo registrierte Connis plötzlich veränderte Mimik. Als sie seinen fragenden Blick bemerkte, lächelte sie prompt wieder und antwortete laut anstelle ihrer Freundin: "Celine ist einfach Celine."


    Theo nickte, und um diese Situation zu beenden, fragte er: "Seid ihr auch auf dem Weg zur Kaiser-Hochalm?"


    Conni bejahte. "Aber wir wollen uns vorher noch den Wasserfall ansehen. Hast du Lust mitzukommen?"


    Und ob Theo Lust hatte.
    Er war an diesem Tag sehr gut vorangekommen, fast zu schnell, und dieser Abstecher versprach ein lohnendes Zwischenziel zu werden.
    Die lebenslustige Conni fand er sofort sympathisch, Celine hielt er eher für eine altmodische Person, was aber nicht weiter schwierig war.
    So schloss er sich ihnen an.


    Nur 100 Meter weiter zweigte der Weg 826 bergaufwärts von seiner geplanten Route ab, zum Berg Treffauer.
    Conni kannte den Weg und ging voran. Sie unterhielt sich meist allein mit Theo. Sie kamen ins Gespräch über Dinge wie über Theos Bergtour. Conni war begeistert, denn auch sie liebte das Wandern in den Bergen.


    Celine war das Bergwandern und die stetige Steigung nicht gewöhnt und brauchte die Puste, um voran zu kommen. Auch die brennende Sonne trug dazu bei. Sie schwieg die meiste Zeit, oder war recht einsilbig.


    Die drei gewannen nun mehr an Höhe, und der Wind wehte frischer und kräftiger.


    Eine Frau und ein Mann kamen den dreien entgegen. Beide waren sie in den Fünfzigern, trugen Rucksäcke, Helme und bergtaugliches Schuhwerk. An ihren gesonderten Gürteln baumelten diverse Haken und Ösen, sie waren unschwer als Bergsteiger zu erkennen. Der Mann trug eine halblange Wildlederhose, eher eine zünftige Trachtenhose, darüber ein blau-weiß-kariertes Hemd. Die Frau hatte eine blaue Caprileggings an, darüber eine rosa-weiß-karierte Bluse.
    Sie lächelten uns an. "Grüß Gott."


    Wir erwiderten den Gruß.


    "Wollt ihr auch hinauf auf den Treffauer?" fragte der Mann.


    "Nein, nur bis zum Wasserfall", antwortete Conni.


    "Da bin ich ja beruhigt", meinte er, "denn zum Gipfel braucht man schon geeignete Ausrüstung."


    "Ich habe zwar bergtaugliches Material im Rucksack, aber jetzt in der prallen Mittagshitze einen Berg besteigen zu wollen halte ich für unsinnig", sagte Theo.


    "Darum sind wir bereits in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen, waren um 10 Uhr oben. Echt tolle Aussicht dort oben!
    Übrigens: Den Wasserfall haben wir passiert, 15 Minuten von hier, herrlicher Ort für eine Pause", lächelte die Frau.


    Celine war auch wieder bei Puste. "Darauf freuen wir uns auch schon."


    So verabschiedeten sie sich von uns, gingen ihres Weges.


    Beim Abstieg meinte die Frau dann zu ihrem Mann:
    "Also, Joseph, ich bin ja begeistert von der roten Leggings der Frau. Und der Mann in seiner pinken Leggings erst! Hut ab!"
    Er antwortete:
    "Das ist mir doch eine Nummer zu heftig, Maria. Da bleibe ich lieber bei meiner Lederhose."



    Theo, Conni und Celine näherten sich indes einer Felswand, hörten ein immer lauter werdendes Rauschen, dann standen sie schließlich direkt vor dem Wasserfall. Er machte großen Eindruck auf sie. Das tosende Wasser, weiß von der Gischt, ließ sie lange zuschauen.
    Sie tranken von dem Wasser, erfrischend kühl und labend nach dem anstrengenden Aufstieg.


    Die Frauen holten ihre eingepackten belegten Brote heraus. Während Conni sofort herzhaft hinein biss, faltete Celine vorm Essen ihre Hände, schloss ihre Augen und murmelte leise ein paar Worte.
    Theo beobachtete Celine und hörte ihr zu. Eine Fromme, soso.


    Nach dem Essen fragte Theo neugierig die beiden:
    "Sagt mal, habt ihr was von der Turngala in Dornbirn gestern mitbekommen?"


    "Ja, ich habe es verfolgt, im Fernsehen! Das war der Hammer! Vor allem die letzte Gruppe. Was die da losgetreten hatte, war schlichtweg unglaublich. Ich war so am Tanzen", schwärmte Conni. Theo stimmte ihr zu.


    Celine begann zu sprechen. Alle Fröhlichkeit wich aus ihrer Stimme.
    "Ich fand es von der Choreographie her ganz gut. Aber es war doch viel zu freizügig das Ganze. Das war aber noch nicht mal das Schlimmste."


    Theo war erstaunt. Die Turnerinnen waren doch alle anständig gekleidet. Und was sollte denn noch schlimmer sein?


    Die Frau mit dem Kopfschal fuhr fort, ihre Stimme klang noch düsterer: "Die hatten uns Zuschauer eindeutig verhext. Die standen zweifellos unter dem Einfluss des Bösen! Ich merkte es klar daran, dass es mir schwer fiel, den Ausschalter zu betätigen. Dem Herrn sei Dank, ich hatte aber dem Bösen widerstanden und es geschafft!"
    Ihr letzter Satz klang ein wenig triumphierend.


    Aus welchem Kloster, aus welcher Anstalt ist DIE denn entlaufen?, dachte Theo überrascht.


    "Also ich war voll begeistert, habe sogar mitgetanzt", meinte Conni.
    Sie erntete einen mitleidigen Blick ihrer Freundin.


    Theo war ebenso Connis Meinung. "Ich auch. Ich war mitten in den Bergen, habe es drei Minuten auf meinem Smartphone gesehen. Aber dann war mein Akku leider alle. Und ich hatte die Reserveakkus vergessen."


    Celine faltete die Hände, blickte kurz in den Himmel und dann lächelnd zu Theo: "Gott sei Dank! Theo, Gott hat dich vor dem Bösen beschützt und dich vor Schlimmerem bewahrt. Dank ihm nun dafür!"


    Theo überlegte für einen kurzen Augenblick, ob er ihr was von seiner atheistischen Einstellung offenbaren sollte, verwarf es aber: "Ich empfand es genau so aufregend wie Conni. Und eher mitreißend als böse."


    Celine ließ sich nicht davon abbringen. Unbeirrt fuhr sie fort.
    "Unterschätze es niemals, Theo! Diese starke Verführung! Diese Gehirnwäsche! Diese irren, wahnsinnigen, geblendeten Blicke der Tänzerinnen, besonders der zwei Haupttänzerinnen! Das war einfach unverkennbar! Sie wollten uns alle in Versuchung führen und uns vom Herrn abtrünnig machen! Verdammt seien sie! Das war das Werk des Höllenfürsten!"
    Celines Stimme bekam zum Schluss etwas Bebendes, Dramatisches. Ihre Augen funkelten.


    Theo war geplättet. Er konnte dazu einfach nichts mehr sagen, diese Celine war ihm echt unangenehm. Fundamentalismus in Reinform. Er überlegte, ob er aufstehen und sich verabschieden sollte. Auch Conni schaute betreten. Ihr war das wohl auch unangenehm. Er blieb nur Conni zuliebe.


    Celine dachte an eine weitere Ungeheuerlichkeit, die sie am Vortage während jener Fernsehübertragung sah, behielt sie aber für sich.


    Sie löste selber die spannungsgeladene Atmosphäre, indem sie unvermutet aufsprang: "Ihr entschuldigt mich bitte mal kurz, ich werde mich irgendwo hinhocken müssen. Hier gibt es anscheinend keine Toiletten."
    Sie ging raschen Schrittes fort zu einem etwa 50 Meter entfernten Busch. Der schien ihr nicht ganz genehm, wohl zu klein, und sie suchte sich einen noch weiter gelegenen Busch als Deckung aus.


    Als sie außer Hörweite war, fragte Theo leise: "Sag mal, Conni, was ist denn mit Celine los? Ist sie in einer Sekte oder so?"


    Conni antwortete gedrückt im Flüsterton: "Es tut mir so leid, Theo, dass du das mitbekommen musstest. Sie ist manchmal echt schwierig. Ich bin ihre letzte nicht-gläubige Freundin, kenne sie schon fast 20 Jahre, behandele sie behutsam, darum mag sie mich nicht fallen lassen. Ich fühle mich verantwortlich für sie, kümmere mich um sie, damit sie noch Kontakt zur wirklichen Welt hat. Sie lebt in einer Art Freien Gemeinde."


    "Andere Freunde hat sie nicht?"


    "Außer mit mir umgibt sie sich nur noch mit ihresgleichen. Alle anderen nicht-gläubigen Freundschaften hat sie aufgegeben, sogar mit ihrem leiblichen Bruder spricht sie nicht mehr. Ihre Mutter lebt noch, mit der hat sie Kontakt. Wohl wegen des vierten Gebots, 'Vater und Mutter ehren'."


    "Wie schlimm, das mit den Freundschaften. Und mit dem Bruder! Was macht sie denn den ganzen Tag?"


    "Sie arbeitet in einem Hotel, kocht für die Gäste oder kümmert sich um die Reinigung der Zimmer. Und ist verlobt mit einem Prediger ihrer Gemeinde. Seit 10 Jahren! Geh mal davon aus, dass zwischen den beiden nichts Intimes stattfindet. Und sie wohnen sogar in getrennten Wohnungen."


    "Unfassbar. Krass."


    "Du sagst es. Du wolltest vorhin wissen, ob Celine eine Kurzform ist. Ich habe es vorhin nur gedacht. Nun sage ich es dir. 'C-e-l-i-n-e' sind die Anfangsbuchstaben von: Celine - ein leider irregeleitetes nonkonformes Etwas. Bitte für dich behalten."


    "Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich drüber lachen. Klar bleibt das unter uns. Mir schien, dass sie über meine Leggings die Nase rümpfte."


    "Ja, das tat sie. Eng anliegend ist böse, wegen der Versuchung, wie sie gelegentlich sagt. Bei mir kann sie es gerade noch akzeptieren. Weil sie dich nicht kennt, war anfangs ihre Höflichkeit dir gegenüber größer als ihre Abscheu, und sie hat es sehr diplomatisch ausgedrückt.
    Ich aber mag deine Leggings. Finde ich echt super, dass du diesen Farbton so unbeschwert zur Schau stellst. Hut ab!"


    "Anfangs war ich selber noch nicht ganz sicher, wie sie bei den Leuten ankommt. Ich habe sie heute das erste Mal an."


    Conni hatte schon öfter mal verstohlen auf Theos Leggings geschaut. Sie betrachtete Theo und seine Leggings auch nun mit sehr interessiertem Blick.
    "Gute Wahl! Und so hoch glänzendes Material, da würde ich am liebsten mal anfassen."


    "Tu dir keinen Zwang an. Wenn ich auch bei dir mal..."


    "Klar. Darf ich?"


    "Gern, Conni."


    Prompt landete Connis Hand auf Theos Leggings.
    An ihrem Gesichtsausdruck merkte er, wie angetan sie war. Und er fühlte ihre sachte Berührung und war ebenfalls angenehm 'berührt'.
    Er berührte ihre Leggings am Unterschenkel, fuhr langsam bis zum Knie hoch. Sie atmete schneller.
    Da schweiften seine Gedanken ab. Er dachte an Kessi, die das auch mochte. Bei Vanessa war es ähnlich, aber die konnte mit Lycra nichts anfangen, mochte es aber gerne, wenn er ihre bloßen Beine sachte berührte.


    Ganz automatisch hatte sich seine Hand weiter bewegt, als er über zwei Dinge stolperte. Einerseits näherte sich seine Hand einem Bereich, der für diese erstmalige Aktion bei einer Fremden eindeutig zu früh anvisiert wurde. Andererseits näherte sich Celine! Theo sah sie langsam kommen, von weiter her.
    "Sie kommt!" zischte er Conni zu.
    "Ach schade, dass du nicht noch weiter machen konntest, es war so schön", seufzte sie leise, ließ ebenfalls ab.


    "Finde ich auch. Was machst du übrigens als Hobby, Conni?" lenkte er die Unterhaltung in seiner Meinung nach Celine-gerechte Themen.


    Sie erkannte seine Strategie, antwortete zuerst leise: "Hautenge glänzende Klamotten",
    dann geschäftig und lauter:
    "Tanzen, Schwimmen, Kochen und Backen. Und gerne verreisen, bevorzugt in die Berge, und wandern.


    Theo grinste, flüsterte: "Das erste genau wie du",
    dann lauter: "Ich wandere auch gern, fahre Rad, schwimme, höre elektronische Musik, spiele aber auch etwas Gitarre. Und Kochen, was kochst du so, welche Richtung?"


    "Kochen ist ein gemeinsames Hobby von Celine und mir. Auch das gehört zu den wenigen Dingen, die uns noch zusammenschweißen. Wir haben einen Haufen Kochbücher, suchen uns schöne Gerichte aus, die wir dann nachkochen und brutzeln. So haben wir uns davon schon einiges angeeignet. Zur Zeit sind wir auf dem italienischen Trip, mit Lasagne al forno."


    "Lasagne al forno, oh lecker, die mag ich."


    "Höre ich da Lasagne al forno?" erklang Celines Stimme zehn Meter entfernt.


    Conni und Theo nickten.


    Celines Augen leuchteten. Ihr Interesse war deutlich geweckt, ohne Aufforderung entfloh ein solcher Redefluss übers Kochen nun ihrem Munde, dass Theo dachte, eine völlig neue Celine vor sich zu haben. Damit konnte man sie also aus der Reserve locken.


    Die drei tranken noch mal von dem Wasser, wanderten los, nahmen einen anderen Weg talwärts. Dabei achteten Conni und Theo darauf, dass das Gesprächsthema sich stets um Essen und Essenszubereitung drehte, sie vermieden Dornbirn und hautenge Klamotten, um des Friedens willen. Celine erzählte bereitwillig über die Feinheiten des Kochens, worauf es ankam und verriet ein paar Tipps, die auch Conni nicht kannte.


    Theo beobachtete Celine, die bei den teils steilen Passagen vor ihm ging. Er glaubte nun einen weiteren Grund gefunden zu haben, warum sie hautenge Kleidung verschmähte. Sie war zwar nicht üppig, aber so schlank wie Conni war sie auch nicht. Vielleicht war sie ja insgeheim sauer, dass sie keine so tolle Figur wie Conni hatte.


    Und sie als Fromme sollte sich eigentlich hüten, den ersten Stein zu werfen. Denn das Böse, vor dem sie vorhin lautstark gewarnt hatte, machte wohl auch von ihr selber nicht Halt. Stand in den heiligen Büchern nicht etwas geschrieben gegen die Völlerei? Oh je, diese frommen Heuchler, die sind doch alle fehlbar und um keinen Deut besser. Er behielt diesen Gedanken aber für sich.
    Celines Kopftuchfaltkunst war auch nicht optimal. An einigen Stellen sah man ihre roten Haare herauslugen.
    Sie musste ohne das Tuch echt hübsch aussehen. Die fromme Frau tat ihm leid.


    Schneller als Theo dachte, erreichten sie gegen 15 Uhr die Kaiser-Hochalm, wo Theo die nächste Nacht verbringen wollte. Celines Blase meldete sich schon wieder.
    Während sie austreten war, hatten Conni und Theo noch ein wenig Gelegenheit, sich über ihre gemeinsame Vorliebe auszutauschen. Sie bedauerten ein wenig die kurze Zeit, die ihnen für ihre gemeinsame Vorliebe blieb, beschlossen aber in Kontakt zu bleiben. Hierbei erfuhren beide voneinander, dass sie solo sind.


    Als Celine zurückkehrte, tauschten die drei noch Telefonnummern aus und verabschiedeten sich.
    Conni meinte: "Würde mich freuen, wenn du mal vorbeikommst, Theo."


    "Das Angebot nehme ich gerne an. Dann helfe ich euch beim Lasagne-Zubereiten."


    "Au ja! Wir bleiben in Kontakt", strahlte Conni. Celine lächelte.


    Theo winkte ihnen zu. "Klar. Kommt heil und gesund zurück ins Tal und nach Hause!"


    "Danke, Tschüss!"


    Dann machten sich die beiden Frauen auf den Weg hinab nach Gaisberg, wo Connis Wagen parkte.

  • Zuerst gezwungenermaßen, dann aber selbst gut findend ist Theo zu einem zumindest in Sachen Farbe und Glanz nicht alltäglichen Kleidungsstück gekommen.
    Aber auch neue Bekanntschaften hat es ihm eingebracht. Da wird noch einiges passieren.


    Ich hatte mir die Bergwanderung mal genauer angesehen, die du so anschaulich hast einfließen lassen. (Auch über den damaligen Link zu Kartenausschnitten). Sind schon ein paar Kletterpartien drin enthalten. Für mich als Wanderer zu viel.
    Aber das gibt viel Atmosphäre in der Erzählung.

  • Hallo Lycwolf,
    vielen Dank für deine Kommentare bisher.
    Damit bist du und gelegentlich Martin die einzigen, die auf meine Geschichte reagieren, worüber ich mich sehr freue. Was ist eigentlich mit den anderen Lesern?


    Auf die Wanderung in Tirol im Wilden Kaiser kam ich, weil ich selber schon mal in der Region war. Die Strecke, die Theo wandert, kenne ich persönlich aber nicht. Wäre auch was mit Klettern, das ist nichts für mich. Ich suchte im Internet nach 'Rundtour Kaisergebirge' und wurde fündig. Auch Fotos von der Strecke nahm ich als Anregung für die Beschreibung. Alle Ortsnamen, Hüttennamen sind real, die Personen sind aber meine Erfindung.
    Siehe auch https://www.openstreetmap.org/#map=14/47.5622/12.3001


    Als nächstes folgt Kapitel 9,
    da geht es um Arnold, der zu Ehefrau Ulla und Tochter Josephine zurück kehrt. Und es geht um Turnanzüge und Badeanzüge.
    Und dazu ein Kurzkapitel 10, Theos nächtliche Gedanken.

  • Kapitel 9: Arnolds Rückkehr


    Sonntag Mittag.


    Während Theo mit Celine und Conni im Kaisergebirge unterwegs war, bereitete Arnolds Ehefrau Ulla in ihrem Haus das Abendessen vor. Ihre Tochter Josephine half ihr dabei. Leckere Düfte verbreiteten sich in der Küche.
    "Ich freue mich, dass Papa wieder kommt. Und er bringt Gäste mit, Mama?"


    "Ja, gleich drei haben sich angemeldet. Josi, decke schon mal den Tisch im Esszimmer, dann erzähle ich dir mehr."


    Josephine tat wie geheißen. Kaum war sie fertig, hörte sie ein Motorengeräusch von draußen.
    "Mama, sie sind da. Komm mit!" und ging rasch zur Tür.


    Ulla grinste, schaltete den Herd aus, folgte ihrer Tochter. "Dann wollen wir sie mal willkommen heißen!"


    Beide traten aus dem Haus.
    Die vier waren kaum ausgestiegen, da übernahm Josephine das Begrüßungskommando.


    "Papa! Tante Xeni!"
    Und etwas später, erstaunt: "Opa Leo!"


    Sie umarmte alle begeistert. Trotz ihrer vierzehn Jahre konnte sie sich immer noch wie ein Kind freuen.
    "Hey Josi, wilde Maus", rief Xenia erfreut, als ihre Nichte sie fast umrannte. Es gefiel ihr, dass sich Josephine so ungestüm und wild gebärdete, so wie sie als Kind einst gewesen war. Sie war fast ein Spiegel zu ihr, eine echte Ellbrede.


    Die Kleine begrüßte ihren Vater und Großvater herzlich. Nur bei Sweliana war sie ein wenig reserviert.
    "Dich kenne ich nicht. Wer bist denn du?"


    "Hallo liebe Josephine. Ich heiße Svea, genauer gesagt Sweliana. Ich bin die Schwester von deinem Opa Leo."


    "Du bist Tante Svea?" fragte sie. Sweliana nickte.


    "Sie ist deine Großtante", ergänzte Arnold.


    Sweliana rollte mit den Augen. "Großtante - was für ein sperriges Wort. Josephine, sag doch einfach Ama Svea zu mir."


    Ohne sich über das Wort 'Ama' zu wundern, sagte sie "Hallo Ama Svea, und du sag Josi zu mir", und umarmte auch sie.


    "Hallo Josi -", begann Sweliana lächelnd, hielt dann inne. Sie hätte beinahe ein 'ke-re-da-da' hinten dran gehängt.


    Ulla begrüßte ebenfalls alle recht herzlich.
    "Freut mich auch, dich kennen zu lernen, liebe Ama Svea."


    Da ging es Sweliana auf, dass sie wahrhaftig lange nicht mehr auf der Erde war. Schließlich waren Arnold und Ulla schon 15 Jahre verheiratet und kannten sich davor schon weitere drei Jahre.
    Etwas geknickt deswegen schaute sie kurz zu Boden und antwortete ein wenig verschämt:
    "Hallo Ulla, danke, gleichfalls."


    "Lasst uns ins Haus gehen. Nach der langen Fahrt müsst ihr hungrig sein. Ich habe das Essen vorbereitet."


    "WIR haben es vorbereitet, Mama."
    Alle lachten.


    "Aber ja, Maus", seufzte Ulla, "du hast mir sehr geholfen. Wir haben es vorbereitet."


    Sie nahmen das Gepäck ins Haus mit, gingen dann ins Wohnzimmer an den Esstisch.


    Beim Essen plauderten sie über die vergangenen Tage. Am meisten beteiligten sich Xenia und Josi am Gespräch. Die Kleine wollte alles über die Reise ihres Vaters, ihrer Tante und Großtante - pardon, Ama - haargenau wissen.
    Die drei gaben bereitwillig Auskunft.
    Sie erfuhren, wie Josephine mitgetanzt hatte und ihre Mutter dazu genötigt hatte, mitzumachen.
    Sweliana freute sich, dass die Ultimative Vereinnahmung auch bei Arnolds Familie gewirkt hat.
    Ulla merkte an, dass sie ja nun einen berühmten Ehemann und Schwägerin hätte, woraufhin alle lachten.


    "Und mir hat es auch gefallen, dass Papa einen Turnanzug getragen hat", meinte Josephine.


    "Davon war ich überrascht", merkte Ulla auf. "Ein völlig neues Aussehen. Aber passend. Sah gut aus. Genauso wie bei diesem anderen Mann in eurer Gruppe."


    Arnold war erleichtert über die Reaktion in seiner Familie. "Das freut mich auch. Ja, das war ein schönes Gefühl. Ich fühlte mich wohl darin."


    "Das hat man gesehen, Nolli", bekräftigte Xenia. "Und Ingo, dem anderen Tänzer, gefiel das auch."


    "Männer sollten sich auch mehr trauen, solche Sachen zu tragen anstelle von weiten schlabbrigen Klamotten", meinte Leo.


    Ulla war ganz seiner Meinung. "Natürlich, klar! Ich wäre dafür."


    Arnold war erneut erfreut. "Dann mache ich das auch mal hier."


    Ulla lächelte.


    "Die Leggings hast du ja schon an, Papa. Fehlt nur noch der Turnanzug", grinste Josephine.


    "Wenn ihr beiden mit mir tanzt, klar!"


    Josephine nickte.
    Ihre Mutter war sich noch nicht ganz sicher. "Meint ihr?"


    "Natürlich, Ulla! Komm schon. Ich würde auch mitmachen", bot sich Xenia an.


    "Hm, ja, gern, aber ich habe doch keinen Turnanzug. Schon lange nicht mehr, seit dem Schulende."


    Jeder der Gäste dachte: Das Problem ist auf die Schnelle lösbar. Nur würde Ulla dann mit den übersinnlichen Fähigkeiten von Leo und Sweliana konfrontiert werden.


    Arnold lächelte geheimnisvoll, brach das Schweigen. "Ich glaube, ich weiß, woher du einen bekommen kannst, Liebes."


    Ulla schaute ratlos.


    Xenia, Leo und Sweliana dachten an die Tanzkünste der R-Wi-i, die Arnold gemeint haben könnte. Sie irrten aber.


    Er sagte nur: "Kleinen Augenblick, bin gleich wieder da" und verschwand aus dem Wohnzimmer.


    In seinem Arbeitszimmer räumte er ein Paket vom wuchtigen Eichenschrank herunter, holte das dahinter liegende Paket hervor, entstaubte es und schleppte es ins Wohnzimmer.
    Neugierig betrachteten die anderen das Paket. Was war drin?


    Arnold war nun bereit, sein jahrzehntelanges Geheimnis zu lüften.


    ---------


    "Lasst uns abräumen, dann öffne ich das Paket", kündigte Arnold an.


    Alle halfen mit, den Tisch wieder sauber zu kriegen.
    Arnold stellte das Paket darauf und die anderen versammelten sich rundherum.


    "So, nun werde ich es öffnen. Xeni weiß schon, was drin ist."


    "Wie jetzt, Nolli, ich bin genauso ahnungslos wie die anderen."


    "Du wirst dich aber dran erinnern, das verspreche ich dir schon jetzt. Eigentlich müsste auch noch Lissi hier sein. Sie würde sich auch dran erinnern."


    Josephine war ungeduldig. "Mach es nicht so spannend, Papa."


    "Gut. Ich fange an."


    Er öffnete das Paket, zum Vorschein kam...


    "Nur Verpackungsmaterial?" fragte die Kleine enttäuscht.


    "Geduld, Josi-ke-re-da-da."


    Xenia, Leo und Sweliana grinsten.
    Und ich hatte es mir vorhin verkniffen zu sagen, dachte Sweliana.


    "Keredada? Häh? Was ist das denn für ein Wort?"


    "Ke-re-da-da bedeutet 'liebe Tochter'. Es sind Wörter einer sehr alten Sprache, die dein Opa und seine Schwester noch können. Ein paar Wörter haben sie mir auch beigebracht."


    "Ach so. Und das Wort 'Ama' ist auch von dieser antiken Sprache?"


    "Ganz recht, Josi", erklärte Leo, "das Wort 'Ama' steht für alle deine weiblichen Vorfahren, also Mutter, Tante, Großmutter, Großtante und so weiter."


    Die Kleine nickte zufrieden.


    Von den anderen unbemerkt schaute Sweliana etwas pikiert drein.
    Sie dachte an ihren Neffen: Hey Arnold, das ist unsere aktuelle Sprache. Von wegen sehr alt.


    Arnold konterte, dachte an sie: Aber es gibt sie schon seit mindestens 2000 Jahren, so weit ich weiß. Darum meine ich 'sehr alt'. Es hatte auf R-Wi keine andere Sprachen gegeben, die sich damit vermengen konnten. Deutsch in der modernen Form ist vielleicht 200 Jahre alt, umgeben von anderen europäischen Sprachen wie zum Beispiel Englisch, das häufig mit seinen Anglizismen und Co. auf die deutsche Sprache einwirkt.


    Jetzt verstehe ich dich, Arnold. Ja, die Sprache R-Wi ist wirklich sehr alt. Allerdings gab es schon Einflüsse außer-R-Wi-scher Art. Schließlich gab es vorher das Wann-Ha-R-Wi, das mit unserer heutigen Sprache nahezu nichts mehr gemeinsam hat. Aber mach lieber weiter mit dem Auspacken, Josi wird ungeduldig.


    Arnold lächelte ihr zu, entfernte die Papiere, förderte eine Tüte zutage.


    "Eine Tüte!" riefen Josephine und Xenia gleichzeitig. Alle prusteten.


    "Und eine ganz alte, von einem Geschäft, das es heute gar nicht mehr gibt", bemerkte Ulla.


    "Ganz recht. Und hier der Inhalt. Na Xeni, was meinst du dazu?"


    Arnold langte hinein, holte ein Stück bunten Lycrastoff heraus, entfaltete ihn.
    Es war ein Turnanzug. Die Unterseite das Anzuges war schwarz, Ärmel und rund ausgeschnittenes Dekolleté pink. Dazwischen schob sich ein handtellerbreiter silberfarbener Streifen wie ein V quer über den Turnanzug. Rück- und Vorderseite waren gleich.
    Er hielt ihn so hin, dass alle den Anzug gut sehen konnten.


    Xenias Augen wurden groß, als sie den Anzug erkannte:
    "Nolli! Hey! Das ist ja... das war ja mal mein Turnanzug! Gib mal."


    Er reichte ihr den Anzug. Seine Schwester schwelgte in Erinnerungen. Ihre Finger kribbelten, als sie ihren alten Turnanzug befingerte. Ihre Augen leuchteten.
    "Hey, stark, Nolli! Du hast ihn aufbewahrt, super!"


    "Tante Xeni, war das wirklich mal dein Turnanzug?"


    "Sowas von, Josi!
    Den hatte ich recht lange, von etwa 16 bis so bummelig 18 oder 19 Jahren. Tolles Material. Aber schon recht viele Gebrauchsspuren dran und der Stoff stellenweise dünn. Darum hatte ich ihn entsorgt. Dachte ich jedenfalls."


    "Tja, ich habe ihn aus dem Mülleimer gerettet."


    "Und warum, Papa?"


    Arnold blickte zuerst seine Tochter und seine Frau an, dann die anderen, und erklärte feierlich:
    "Weil ich Turnanzüge mag. Ich mag sie ansehen, ihren Stoff spüren. Und anziehen."


    Nun war es raus. Arnold hatte seine Vorliebe seiner Frau und Tochter gestanden.
    Ulla schaute überrascht. Xenia, Sweliana und Leo lächelten.


    "Fühl mal", meinte Xenia zu ihrer Nichte und gab ihr den Turnanzug. Das lenkte Ulla ab. Josi schaute sich das dreifarbige Stück Lycra genauer an.


    "Ist doch toll, Papa! Und der Anzug fühlt sich gut an", freute sich seine Tochter, "fühl mal, Mama."


    Ulla nahm, immer noch erstaunt, den Turnanzug, befühlte den Stoff. Ein Gefühl, was sie mochte.


    Auch Xenia lobte ihren Bruder, wie auch Leo und Sweliana. Damit gaben sie Arnold Schützenhilfe.


    "Und du hast aber nie was davon erzählt, Arnold", meinte Ulla verwundert.


    "Weil ich mich nicht getraut hatte. Ich wusste nicht, was du dazu sagst."


    "Ach Liebling, du hättest dir das nicht so schwer machen brauchen. Ich wäre die letzte, die da meckert. Und schon gar nicht, wo ich dich doch im Turnanzug bei der Dornbirn-Gala gesehen habe."


    Arnold ging zu seiner Frau, umarmte sie, ein mattes "Danke" entfuhr seinem Mund. Eine Träne löste sich, benetzte ihre Hand. Sie spürte es und drückte ihn fester an sich.


    "Dann hast du ja über 20 Jahre dieses Paket aufbewahrt, ohne dass wir es wussten. Ganz schön anstrengend für dich, oder?"


    "Ja, es war nicht einfach."


    Xenia, ihr Vater und ihre Tante freuten sich ebenfalls über Arnolds 'Geständnis'.
    Sichtlich erleichtert lächelte er uns an.


    "Und was ist da noch drin?" fragte Josephine neugierig.


    Arnold holte weitere Turnanzüge heraus. Auch Badeanzüge waren darunter.
    Xenia erkannte viele Anzüge wieder, einige waren von ihr und einige von Lisa.
    Es war für sie wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.
    Die anderen staunten ebenfalls, fühlten den Stoff, bewunderten die Farben.


    Unter den Badeanzügen war auch ein ziemlich markanter Badeanzug, schwarz, mit dicken farbig ausgefüllten Kreisen.
    Arnold stellte ihn allen vor.
    "Dieser Badeanzug gehörte mal Xenia."


    Seine Schwester nickte und grinste.


    Er fuhr fort: "Vor einigen Wochen wollte ich es endlich wissen, wie der sich im Wasser anfühlt. Ein alter jahrzehntelanger Traum von mir."


    "Und was hast du gemacht? Warst du damit in unserer Badewanne?" fragte Ulla neugierig.


    "Nein, nein, viel größer. Ich habe mich überwunden und bin damit ins Auebad gegangen.


    Ulla riss die Augen auf. "Echt? Ins öffentliche Schwimmbad? Wie ist es dir ergangen?"


    "Tolles Gefühl, niemand hat was gesagt. Aber das Beste kommt noch. Mir sind da zwei Leute über den Weg gelaufen. Xeni, erzähle du."


    "Ja, Ulla, ich war mit meinem neuen Freund Börni auch im Auebad. Und da kam mir Nolli entgegen!"


    "Hey, was für ein Zufall!"


    "Ich fand es phänomentastisch! Nolli und Börni im Badeanzug! Und beide in meinen Badeanzügen!"


    "Ist das wahr? Arnold im Badeanzug? Und Börni auch?"


    "Beides ist wahr, so wahr ich hier stehe!"


    Ulla wandte sich ihrem Mann zu: "Du bist aber mutig! Dann müssen wir beide auch mal schwimmen gehen, Arnold."


    Der war baff ob der positiven Reaktion, sagte dann aber: "Gerne! Und Xeni kommt mit."


    "Sicher komme ich mit. Und Josi auch!" rief Xenia begeistert.


    Josephine war ebenfalls dafür. "Und Opa auch. Und Ama Svea auch."


    Die beiden lächelten.
    Sweliana meinte: "Ich kann aber nicht schwimmen, liebe Josi."


    "Dann plantscht du halt nur im kleinen Becken."


    "Oder du lernst es. Nereida hat es ja auch gelernt", zwinkerte Xenia ihrer Tante zu.


    "Scherata Nereida ist ja auch jünger als ich, und gelenkiger."


    Hier flunkerte sie ein wenig. R-Wi-i behalten ihre Gelenkigkeit bis ins hohe Alter.
    Die Wahrheit aber war, dass sich Sweliana vor dem Wasser fürchtete und das nicht zugeben wollte.


    R-Wi-i kannten von ihrer Welt keine Seen, Schwimmbäder oder Wasserbecken. Große instabile Flächen waren ihnen suspekt. Denn man kann darauf nicht tanzen. Und sie konnten alle nicht schwimmen, mit Ausnahme von Nereida und Beata.


    Arnold merkte, dass seine Tante sich nicht traute, und beschloss:
    "Wir können das ja irgendwann mal machen. Es müssen ja nicht alle ins tiefe Schwimmbecken gehen.
    Um noch mal auf vorhin zurück zu kommen, Ulla, wie du jetzt weißt, ich habe ein paar Turnanzüge hier."


    "Ich kann da ja mal drin stöbern. Mal sehen, ob mir davon einer passt."


    Xenia bot ihr an: "Ulla, ich könnte dich vermessen und dir einen schneidern. Dann hast du was eigenes."


    "Oh, Tante Xeni, machst du mir bitte auch einen?"


    "Gut Josi, ich mache es diese Woche, es wird ein wenig dauern. Wartet mal."
    Sie ging zum Auto, holte ihre Tasche, kam zurück, förderte einen Schreibblock, Bleistift und Maßband zutage.
    Ulla, Josephine und Xenia gingen in Ullas Hobbyzimmer, wo Xenia ihre Schwägerin und Nichte vermaß und die Werte notierte.


    Währenddessen hatten Sweliana und Leo mit der rasanten Geschwindigkeit der R-Wi-i ihre Straßenkleidung gegen Turnkleidung ausgetauscht. Sie räumten den Tisch im Wohnzimmer zur Seite, um Platz zu schaffen.


    Arnold zog ebenfalls seine Sachen aus und rote Leggings und den schwarzen Nereida-III an, wie sein Vater und seine Tante.


    Als Xenia, Ulla und Josephine zurück kehrten, staunten sie nicht schlecht.


    "Xeni-ke-re-da-da, zieh doch auch mal deinen Turnanzug an, wir wollen Ulla und Josi was vorführen", meinte Sweliana.


    "Klaro Tantchen!" war die Antwort. Xenia wühlte in ihrer Tasche, ging nach nebenan und kam kurz darauf wieder. Nun waren alle gleich gekleidet.


    Leo räusperte sich: "Liebe Ulla, liebe Josi, wir wollen euch den Tanz vorführen, den ihr bei der Übertragung von Dornbirn schon mal gesehen habt."


    "Au ja", rief die Kleine.


    Zum Glück war das Wohnzimmer groß genug für vier Tänzer. Die Ultimative Vereinnahmung als Miniformat wurde begeistert von Ulla und ihrer Tochter verfolgt.
    Die vier Tänzer riefen "Hey!", breiteten ihre Arme weit aus und umarmten sich dann selber,
    jede für sich, stampften abwechselnd mit dem linken und dem rechten Fuß auf den Boden,
    drehten sich einmal um sich selbst und begannen von vorn mit "Hey!"


    Eigentlich recht simpel, aber effektvoll. Mutter und Tochter klatschten erst nur mit, standen dann auf und tanzten selber mit den Vieren.


    Sweliana ließ die drei weiter tanzen, tänzelte an den Rand und zitierte aus ihrer Dornbirn-Rede ein paar Zeilen in ihrer unnachahmlich mütterlich-liebevollen Art.


    Als sie endeten, applaudierten Ulla und Josephine kräftig.


    "Ganz toll, Ama Svea, Opa Leo, Papa und Tante Xeni!"


    Die vier freuten sich.


    "Deine Rede hat mir auch sehr gefallen, liebe Svea. Gestern in Dornbirn wie auch jetzt und hier. Wie warmherzig", bekannte Ulla.


    Die Gelobte freute sich. "Das war auch meine Absicht. Wir möchten auch hier in dieser Stadt eine Gruppe gründen, wo die Ideen aus meiner Rede weiterverbreitet werden sollen."


    "Da würde ich auch gerne mithelfen."


    "Das freut uns. Xenia und Arnold werden sie leiten, ich habe mit den beiden schon alles vorbereitet, und ich werde die ersten Male mit Leo dabei sein. Am Dienstag Abend um 20 Uhr wird sie stattfinden."


    Leo und Sweliana blieben als Gäste in Arnolds Haus wohnen. Es war groß genug für alle, war es doch das Haus, in dem Arnold, Xenia und Lisa ihre Kindheit verbrachten, mit ihren Eltern Leo und Regina. Xenia fuhr in ihre Wohnung; nun war auch sie zu Hause.

  • Kapitel 10: Theos nächtliche Gedanken


    Montag 03.00 Uhr, Tiroler Alpen.


    Theo lag in seinem Nachtlager der Almhütte und seufzte.
    Eigentlich wanderte er doch durchs Kaisergebirge, um seinen Kopf freizukriegen von Frauen. Und nun spukten außer Vanessa auch noch Kessi und Conni in seinem Kopf herum.


    Conni hatte ihm noch mitgeteilt, aus welcher Stadt sie kommt, und den Landkreis. Das war etwas weiter weg als Kessis letzter bekannter Wohnort.


    Er dachte wieder an seine Jugendliebe. Was mag Kessi nun tun? Wo wohnt sie? Lebt sie in einer Beziehung?


    Bei letzterer Frage wüsste er bei Conni zumindest eine Antwort. Sie ist solo, kann gut kochen und mag Lycra.
    Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach, um mal ein altmodisches Sprichwort zu bemühen.
    Er würde sie auf jeden Fall kontaktieren, das stand fest.


    Dann ging ihm wieder Kessis Blick von Video durch den Kopf. Wie damals, so entwaffnend.


    Auch von Vanessa hatte er sich noch nicht komplett losgesagt. Gewiss, auf dem Papier waren sie geschieden, aber er fühlte immer noch Liebe für sie. Auch wenn sie ihn betrogen hatte.


    Drei Frauen. Es war doch zum Mäusemelken!


    Zum Glück hatte die vierte Frau, Celine, ihm eindeutige Signale gegeben, dass er nie und nimmer mit ihr warm werden konnte. Auch wenn sie noch so gut kochen konnte. Ihr Gedankengut aus dem finstersten Mittelalter, was heutzutage leider immer mehr Anhänger findet, war überhaupt nicht sein Ding. Zwar hätte er gerne mit ihr diskutiert, aber jeglicher Disput mit einer, die komplett andere Grundprinzipien hat, war von vornherein zum Scheitern verurteilt.


    Tja. Was hat ihm diese Wanderung bislang Positives gebracht?
    Viele schöne Landschaftseindrücke; eine vielversprechende Lycra-Lady kennen gelernt; und eine pinkfarbene Leggings erworben, von Greta, der fünften Frau, grinste er und schlummerte wieder ein.


    ------------------------------


    Montag Vormittag.


    Theo kam sehr gut voran. Die Kaindlhütte auf der Steinbergalm, wo er die nächste Nacht verbringen wollte, erreichte er schon um 12 Uhr. So änderte er seine Route. Er nahm dort sein Mittag ein und wanderte weiter über den verwinkelten Bettlersteig zum Stripsenjochhaus, wo er seine Ersatzakkus und Powerbank abholte. Somit hatte er eine Wanderung im Rundkurs vollzogen. Nach einer weiteren Nacht dort erreichte er am Nachmittag wieder den Ausgangspunkt seiner Wanderung in Kufstein, von wo aus er nach Hause zurück fuhr.


    Die pinkfarbene Leggings gefiel ihm immer besser, sodass er sie später immer öfter mal trug. Die Sonne schien kräftig, und für die wetterfeste Ersatzhose war es viel zu warm.


    Er dachte noch oft an Conni. Wie er und sie beisammen saßen und wie ihre Leggings verführerisch glänzte. Für ein paar schüchterne Streicheleinheiten hat es ja noch gereicht. Nur konnten sie das nicht vollends genießen wegen Celine.
    Andererseits auch gut so, denn wer weiß, wohin das geführt hätte, und ob es für ein neues Abenteuer nicht noch zu früh wäre.

  • Dass ich mich immer über die Mitwirkung von Xenia freue hatte ich ja bereits bei der Erstveröffentlichung erwähnt. Ebenso Josi, da ich Josefine für einen der schönsten der alten und wieder aufgegriffenen Vornamen halte.


    Deshalb möchte ich diesmal auf die Auseinandersetzung mit der von dir erfundenen "Fremdsprache" und den Vergleich mit unserem geläufigen Deutsch eingehen. Treffend beschrieben, wie sehr sich Sprachen über Jahrhunderte verändern und äußeren Einflüssen anpassen.


    Ich persönlich halte die Überfrachtung mit Anglizismen (vor allem den oft auch noch falsch gebrauchten) für eine negative Sprachentwicklung in Deutschland. Das läuft fast schon auf globale "Gleichschaltung" hinaus.
    Simplifizierung der Sprache geht stets einher mit der Simplifizierung des Geistes.
    Viele Teile unseres Volkes befinden sich bereits auf einem "Bildzeitungsniveau", auf dem sie nicht mehr hinterfragen was ihnen alles so an Unwahrheiten aufgetischt wird. Je einfacher ein Volk denkt, desto leichter ist es manipulierbar und nach den Vorstellungen von wenigen regierbar. (Siehe USA).
    Ich fürchte für ein "Wehret den Anfängen" ist es bereits zu spät, aber jeder von uns sollte sich kritisch mit Sprache und den damit verbundenen Denkfähigkeiten auseinandersetzen.


    (Sorry, dass das jetzt wieder ein bisschen ausgeartet ist, muss wohl an der Hitze liegen)

  • hallo Lycwolf,
    danke für deinen Kommentar.
    Ich versuche Anglizismen in meiner Geschichte zu vermeiden, was nicht immer so klappt.
    Die Sprache von R-Wi ist im Prinzip die mehr oder weniger starke Verschleierung von sowohl erfundenen als auch echten Wörtern existierender Sprachen. 'ama' ist erfunden, 'da-da' verschleiert.


    Weiter geht es mit Kapitel 11 und 12 (Die erste Harmunde).

  • Kapitel 11: Die erste Harmunde


    Montag Abend.


    Aus Ingos Sicht.


    Ich weiß noch, dass gleich, nachdem wir in Dornbirn den Zug in Richtung Heimat bestiegen hatten, hockten sich Nereida, Beata, Dorisanda, Tallenna, Leo und Sweliana zusammen in ein Abteil. Wobei ja Hinhocken für R-Wi-i eine nicht gerade bevorzugte Körperhaltung war... Egal. Die sechs berieten über weiteres strategisches Vorgehen in Sachen Gründung von Harmoniegruppen. Später wurden auch Xenia und Arnold einbezogen.


    Leo arbeitete als Softwareprogrammierer und hatte eine Seite im Internet registriert und dort eine kurze Beschreibung, worum es dabei ging, schon vor der Dornbirn-Gymnaestrada ins Netz gestellt. Diese Seite beinhaltete die Kernpunkte von Altidantsas Rede mit ein paar Hinweisen, ein Rundbrief zum Abonnieren und Termine standen auch drin. Für den Montag Abend nach der Gymnaestrada war eine Einführung in eine Harmoniestunde mit allgemeinen Hinweisen angekündigt.


    Dieser Termin war heute Abend, Montag um 20 Uhr.


    Beata und Nereida hatten ins Vereinsheim des TSV Obertupfingen geladen. Es gab dort einen Saal, der etwa 100 Personen fasste.
    Weil die beiden nicht ganz verloren in dem großen Saal stehen wollten, falls kaum wer kommt und sie vor nahezu leeren Reihen sprechen mussten, hatten sie uns Mitglieder der TuFiTa mit eingeladen.


    Gunda, Lisa und ich brachen schon sehr zeitig zu Fuß auf, kamen eine halbe Stunde vor Beginn an. Wir trugen alle auf Geheiß von Beata schon rote Leggings. In unseren Beuteln befand sich je ein schwarzer Nereida-III-Turnanzug.


    Das erste, was wir sahen, als wir die Zufahrtsstraße zum Verein entlang gingen, war, dass da viele Autos versuchten zu parken. Eine Menge Leute strömten zum Vereinsgelände. Und auf dem Sportgelände unseres Vereins war kein einziger Parkplatz mehr frei!
    Montag abends war doch dort nie so viel los!
    Anhand der Kraftfahrzeugkennzeichen sah ich, dass da wohl Menschen aus ganz Deutschland gekommen waren, aus Kaiserslautern, Reutlingen, Limburg, Bonn, Hannover, Nürnberg, Berlin, Kiel, nur um mal ein paar Beispiele zu nennen. Sogar Autos aus Österreich und der Schweiz parkten da. Wollten die etwa alle zu uns?


    Das zweite war der enorme Andrang am Vereinsheim beim Haupteingang! Ich fühlte mich an das Sportfest von vor einigen Wochen erinnert.
    Kerstin, Femke, Ute und Julia von der TuFiTa waren auch bereits da. Wir begrüßten einander herzlich.
    Marion und Silvia hatten keine Zeit. Das sagten sie jedenfalls, laut Ute. Ich vermutete eher, sie hatten keine Lust.


    Wie mit mir und Gunda telefonisch vereinbart, kam mein Skatbruder Bernd auch zum Treffen. Er hatte Gundas und meine Mutter vom Alterswohnheim mitgebracht. Gunda und ich freuten uns darüber. Bernd hatte es einfach, denn er wohnte im selben Ort wie die Senioren. Zum Glück war er eher losgefahren und hatte noch einen Parkplatz bekommen.


    Auch hieß ich Ornella herzlich willkommen, die Wirtin des italienischen Restaurants im Ort. Montag war Ornellas freier Tag, ihr Lokal hatte Ruhetag, und sie freute sich auf die Stunde. Sie war die Schwester meines anderen Skatbruders, Torsten. Der hatte aber keine Lust mitzukommen. Dafür kamen seine Ehefrau Sandra und ihre Schwester Fiona, die ebenfalls neugierig auf dieses Treffen waren.


    Ich sah, wie einige paarmal probierten, hinein zu gehen, und scheiterten. Der Eingang zum Vereinsheim war abgeschlossen. Hm, waren die anderen noch am Vorbereiten?


    Es war kein Durchkommen zum Haupteingang. Das hatte ich in dieser Art auch noch nicht erlebt!
    Bernd, Sandra, Fiona und Ornella blieben bei meiner und Gundas Mutter.


    Ich wollte wissen, was im Vereinsheim vorging, winkte Lisa, Gunda, Kerstin, Femke, Ute und Julia zu uns, so schlichen wir ums Gebäude herum zum Hintereingang. Auch diese Tür war verschlossen, aber ich als Gerätewart hatte einen Schlüssel. Bevor andere Gäste uns folgen konnten, waren wir schon drin und die Tür wieder verschlossen.


    Drinnen trafen wir auf Beata und Nereida sowie Oksana, Christina und das Vorstandsmitglied Annika.
    Alle fünf trugen sie rote Leggings, die beiden Schwestern trugen darüber je einen Nereida-III-Turnanzug, genau wie auf der Gymnaestrada.


    Sie begrüßten uns, aber es war ihnen anzumerken, dass was nicht stimmte.
    Gerade hatte Annika Beata gesteckt, dass sich heute acht Interessierte für die TuFiTa zum Mittwoch angemeldet hätten. Beata schluckte, meinte, ja acht könne sie noch unterkriegen.
    Sie verdrängte das Problem und kam wieder auf das des heutigen Abends.


    Die fünf machten einen ratlosen Eindruck. Der Ansturm hatte sie schlichtweg überrollt. Auch sie sahen durchs Fenster die Mengen an Leuten. Es mussten wohl doppelt so viele Leute da warten als in den Saal hineinpassten.
    Sie diskutierten, wie und wo sie den Abend gestalten wollten.


    "Können wir das Ganze zum Sportplatz verlegen, wo alle gut hinpassen?" fragte Kerstin.
    Annika winkte ab. "Die Verstärkeranlage samt Kabel aufzubauen würde eine Stunde dauern. Solange warten die Gäste nicht. Außerdem wird es dann nach 20 Uhr sein und die Lautstärke würde zu hoch sein und eine Genehmigung für heute kriegen wir dafür nicht mehr. Unsere Behörden sind nicht die Schnellsten."


    "Warum nehmen wir nicht einfach die Turnhalle, die hat ja eine Musikanlage. Und wir stören keine Nachbarn", schlug Lisa vor.
    Beata entgegnete: "Da trainieren doch noch die Handballer drin. Und man darf nicht mit Straßenschuhen in die Turnhalle."


    Julia grübelte: "Also ich weiß, dass die Handballer um 20 Uhr fertig sind."


    Ute grinste: "Dann lasst uns doch einfach alle in die Halle ziehen. Dann müssen die Gäste erstmal mit Strümpfen in die Halle."


    Lisa ergänzte: "Wir können ja Matten auslegen, dann müssen die Gäste nicht auf den kalten Hallenboden gehen."


    "Und ich kümmere mich dort um die Verstärkeranlage, damit kenne ich mich aus", meinte ich.


    "Aber dort ist es doch nicht so gemütlich wie hier."
    Beata deutete auf den extra für die Harmoniestunde geschmückten Saal, die Girlanden, Plakate, Kerzenleuchter.


    Femke seufzte: "Schade um eure Arbeit hier im Saal, aber die Massen draußen passen definitiv nicht alle herein."


    Julia, pragmatisch: "Ach, dann wird der Schmuck eben in die Halle transportiert und dort angebracht."


    Oksana zögerte: "Aber das ist zuviel Material, das können wir hier gar nicht alle tragen."


    "Einerseits das, andererseits, wer hilft uns bei den ganzen Turnmatten?" fragte Beata ratlos.


    Nereida hatte eine Idee, sie strahlte. "Fragt doch mich, die Turnfee!"


    Gespannt blickten wir zu ihr. Sie erklärte uns ihre Idee: "Wir wollen den Leuten doch unsere Harmoniegruppe schmackhaft machen. Lassen wir sie also mithelfen. Dritte Stufe der Harmonie, Beata-ke-re-ses."


    "Klar liebe Schwester!", lachte Beata, "wir bitten sie um Mithilfe. Annika, wir packen das."


    "Gut Bea, verlegen wir also die Veranstaltung in die Turnhalle!"


    Wir jubelten froh, dass wir zu einer Einigung gefunden hatten.
    Nach diesem Entschluss verteilten wir die Aufgaben zur Vorbereitung der Harmoniestunde. Christina wurde zur Koordinatorin erklärt.


    Annika, Christina und Beata traten vor die Menge, schilderten die Situation, baten um Geduld und um Hilfe.
    Etliche boten sich prompt an, einige Gegenstände und Dekomaterial für die Stunde vom Vereinsheim in die Halle zu bringen, und bei den Matten zu helfen.


    Die Freiwilligen und wir von der TuFiTa brachten die Sachen in unsere Turnhalle.


    Nereida war glücklich. Es war genau der Geist der Harmonie, der diese Menschen veranlasste, ihr zu helfen.


    Die Handballer hatten die Halle gerade verlassen.
    Flugs wurden von der TuFiTa unter Mithilfe kräftiger Männer Turnmatten verlegt, da man nicht mit Straßenschuhen in die Turnhalle durfte, worauf die in Strümpfen gekommenen Teilnehmer Platz nehmen sollten. Zum Glück hatte es die Tage zuvor nicht geregnet, so dass nicht viel Schmutz oder Dreck in die Halle kam.


    Das Handballtor an der einen Stirnseite der Halle wurde an die Ecke geschoben, an seine ursprüngliche Stelle zwei Saltomatten aufeinander gestapelt, darauf eine Turnmatte gelegt, als provisorische Bühne für Nereida und Beata. Rechts und links davon platzierten wir die zwei großen Leuchter. Oksana entzündete die Kerzen.


    In die zwei vordersten Reihen wurden Turnbänke für die älteren Besucher gestellt.


    Kerstin und Julia brachten Plakate und Dekomaterial an den Wänden an.


    Beata und Nereida stellten sich an den Eingang und begrüßten jeden einzelnen Gast mit Handschlag und einer Umarmung.
    "Schön, dass du gekommen bist."
    "Herzlich willkommen."
    "Guten Abend, und viel Spaß bei uns."


    Bei zwei Personen waren Beata und Nereida besonders begeistert: "Hallo Mama, hallo Papa, was freue ich mich!"
    Ihre irdische Mutter Brigitta und Vater Hans freuten sich ebenso.
    Ebenfalls war Lisas Mutter Regina gekommen, was ihre Tochter natürlich genauso freute.


    Gunda und ich machten unsere Mütter ebenfalls mit den galaktischen Schwestern bekannt.
    So lernten meine, Gundas und Lisas Mutter auch Beatas Eltern kennen. Die Senioren kamen auf Anhieb gut miteinander klar. Beata und Nereida waren darüber froh. Harmonie erstreckt sich über alle Altersstufen, dachten sie.


    Gunda grinste. Eine von den herein kommenden Gästen war Franziska, die eine Bäckereifachverkäuferin. Gunda und Sweliana kauften ja am Vortag bei ihr in der Bäckerei ein paar Brötchen. Franziska war auf Swelianas Tipp hin hergekommen und unterhielt sich mit Gunda.


    Femke hatte den Auftrag bekommen, die herein kommenden Gäste zu zählen. Sie kam auf 286 Personen!


    Wir von der TuFiTa schickten die Leute zu den Matten.
    Ute, Christina, Bernd und Ornella halfen mir, die Lautsprecher aufzustellen und zu verdrahten. Auch zwei Spots, die auf die Bühne gerichtet waren, wurden von ihnen aufgestellt.


    Ich holte Nereida und Beata in den Technikraum, klemmte bei beiden ein kleines Mikrofon mit Sender an den runden Ausschnitt ihres Turnanzugs, so dass die beiden frei sprechen konnten.
    Ein kurzer Test - es funktionierte.


    Ich blieb in der letzten Reihe stehen, wenige Schritte vom Technikraum entfernt, falls was mit den Mikrofonen und der Funkübertragung sein sollte.
    Meine Sorge sollte sich als unberechtigt erweisen.
    Lisa, Gunda und Oksana standen bei mir. Bernd, Ornella, Sandra und Fiona gesellten sich zu uns.
    Die anderen von der TuFiTa standen weiter vorne.


    Schließlich sprangen die beiden galaktischen Schwestern vorne auf die Saltomatten. Wir schalteten die Spots ein.
    Ihre Turnanzüge und Leggings glänzten im Licht. Die Zuschauer empfingen sie mit einem warmen Anfangsapplaus.


    Beata und Nereida sprachen von nun an immer im Wechsel.


    "Hallo, könnt ihr uns gut verstehen? Auch weiter hinten?"


    Es erscholl ein lautes mehrstimmiges "Ja". Utes freches "Nein!" wurde zum Glück übertönt.


    "Pardon für die Verzögerung, wir mussten leider etwas improvisieren und bitten um Entschuldigung, falls es noch nicht klappen sollte."


    So, ke-re-ses, nun geht es los, begrüße unsere Gäste, dachte Beata an Nereida.


    Jaaa, Tinaxana Beata, nichts lieber als das! Es geht endlich los! antwortete die Turnfee in Gedanken.
    Und laut sagte sie:
    "Jaaa, meine Damen und Herren, liebe Gäste, R-Wi-alo und herzlich willkommen hier zur ersten Stunde der Harmonie!"


    Nereida hätte fast gesagt "... auf der Erde!", konnte sich aber im letzten Moment noch zügeln.


    Die Menge auf den Matten applaudierte.


    "R-Wi-alo, das heißt 'hallo'! Wir möchten uns erst einmal vorstellen. Ich heiße Beata Drey...",


    "...und ich heiße Nereida Drey. Wir sind Schwestern und beide aktiv hier im TSV Obertupfingen, der heute Abend unser Gastgeber ist. Bitte einen Applaus für unseren Verein, vertreten durch unser Vereinsvorstandsmitglied Annika Nilsson."


    Die Besucher klatschten Beifall. Annika strahlte.


    "Wir freuen uns ganz doll, dass so viele von euch gekommen sind, wir sind ganz überwältigt!"


    Wiederum klatschten die Leute. Ein Lächeln lag auf ihren Gesichtern.


    "Wir sind mal ein wenig neugierig: Von wo kommt ihr alle her?"


    Verschiedene Städtenamen wurden genannt, von Flensburg bis Lausanne, von Luxembourg bis Wien.


    Beata und Nereida staunten, wiederholten die Städtenamen. "Hey, teilweise ist das ja wirklich weit weg. Wir sind echt erfreut, danke sehr!"


    Die Teilnehmer applaudierten.


    "Und wer von euch kommt aus Obertupfingen?"


    Etwa 40 Leute meldeten sich. Wir natürlich auch. Bernd aber nicht, denn er kam ja aus Untertupfingen.


    "Hey so viele, super!"
    Die beiden Schwestern verneigten sich.


    Beata ergriff das Wort.
    "So ... ihr seid sicher gespannt, was wir an diesem Abend mit euch anstellen werden. Was erwartet euch heute Abend? Wir möchten mit euch zusammen Harmonie erleben, erfahren, spüren, teilen."


    "Das geschieht im Rahmen einer Harmunde, es ist unser Kurzwort für Harmoniestunde."


    "Wir beide würden uns sehr freuen, wenn ihr das in Dornbirn und hier in dieser Harmunde Erlebte in eure Heimatstadt mitnehmt und dort nach unserem Vorbild auch Harmunden abhaltet. Nehmt viele Eindrücke mit. Außerdem findet Ihr Infomaterial im Internet. Wir werden dort auch eine Zusammenfassung dieser Stunde veröffentlichen."


    "Zuerst kommt ein wenig Theorie, aber nur wenig, denn wir wollen euch nicht langweilen. Nur damit ihr wisst, worum es geht. Dann geht es sofort praktisch weiter."


    "Der Begriff Harmonie, was verstehen wir darunter?"


    "Harmonie ist Lebensfreude, die im Einklang mit jedem von uns, unserem Nächsten und unserer Umwelt steht."


    "Harmonie ist..."


    "...Ausgeglichenheit",
    "einträchtiges Miteinanderleben",
    "Vertrauen",
    "gegenseitiges Annehmen",
    "liebevoller Umgang",
    "Rücksichtnahme",
    "Ehrlichkeit",
    "Synchronisation."


    "Nicht zu vergessen Umarmung, Geborgenheit und Genießen."


    "Und Schokolade!" rief Ute laut. Einige lachten.


    Beata zwinkerte ihr zu, meinte zu allen: "Ja, Schokolade teilen bringt auch Harmonie. Alles was ihr mit den anderen gerecht teilt, vermehrt die Harmonie."


    "Harmonie hält jeden für gleichwertig. Es gibt keine Besseren oder Schlechteren, keine Vorgesetzten und keine Untergebenen.
    Darum kennt Harmonie kein Siezen. Deshalb duzen wir uns hier untereinander."


    "Und jeder von uns hier ist heute ein Hami oder eine Hami. Das Wort Hami bedeutet Harmonieanhänger und Harmonieanhängerin. Wir machen hier keine Unterschiede."


    "Das Wort Hami ist übrigens geschlechtslos und wird nicht gebeugt. Denn wir lassen uns nicht beugen."
    Hier lachten viele.


    "Harmonie kennt keine Unterschiede bezogen auf Klassen, Geschlechter, Hautfarben, Alter."


    "Unsere Harmonie ist nicht an eine Religion oder Weltanschauung gebunden. Bei uns ist jeder willkommen. Liebe Hami, ihr seid alle willkommen!"


    Alle klatschten.


    "Wir möchten euch nun erklären, wie Harmonie aufgebaut ist."


    "Harmonie besteht aus drei Stufen. Die erste: Harmonie verbindet euren Körper und euren Geist."


    "Zweitens: Sie verbindet euch mit eurem Nächsten. Den Menschen, den Hami dir gegenüber.


    "Und drittens mit allen Mitmenschen, allen Hami, mit der Umwelt, der ganzen Welt, mit dem Universum."


    "Diese dreierlei Verbindungen wollen wir heute spüren, und lernen, sie herzustellen."


    "So, ihr habt die Theorie geschafft. Lasst uns nun alle mal aufstehen. Wir zeigen euch ein paar simple Übungen. Keine Angst, sie sind ganz leicht."


    Wir standen alle auf.
    "Übrigens: Liebe Hami, wer nicht lange stehen kann, kommt bitte auf die Matten nach ganz vorne. Wir haben in der ersten und zweiten Reihe Turnbänke stehen."


    Ein paar ältere Mitbürger kamen nach vorne, unter anderem Beatas und Nereidas Mutter sowie Lisas Mutter.


    "Die Harmonie der ersten Stufe. Wer von euch länger stehen kann: Stellt euch locker hin, die Knie leicht gebeugt. Nicht durchdrücken."


    "Nun für alle, auch die Sitzenden: Richtet eure Oberkörper auf, Schultern nach hinten."


    "Nun atmet gleichmäßig bewusst ein und aus."


    "Spürt, wie die Luft in eure Lungen strömt, bis zum Anschlag. Haltet ein wenig inne und atmet dann tief aus."


    "Sehr schön macht ihr das! So atmet ihr nun immer weiter. Langsam und gleichmäßig. Spürt in euch. Schließt Frieden mit euch selber."


    Ein schönes, einfaches und wirksames Mittel, um zur Ruhe zu kommen, dachte ich.


    "Nun kommen wir zu ein paar Übungen. Überanstrengt euch nicht, seid immer nett zu euch selbst. Auch das ist Harmonie der ersten Stufe. Wer die folgenden Übungen nicht kann - überhaupt kein Problem. Atmet dann einfach gleichmäßig weiter und denkt an etwas Schönes."


    "Die Harmonie der Füße."


    "Bewegt eure Zehen im Wechsel auf und ab. Ganz gemächlich. Hier müsst ihr nicht hetzen. Wo Harmonie mit euch selbst sein soll, hat Hetze keinen Platz.
    Atmet dabei gleichmäßig immer weiter."


    "Wippt nun leicht mit euren Füßen, so dass euer Gewicht mal auf den Fersen, mal auf den Zehenspitzen ruht."


    "Stoppt nun das Wippen. Hebt nun eine Ferse an, bleibt aber mit den Zehenspitzen auf dem Boden. Und senken. Dann mit dem anderen Bein. Und wieder von vorn."


    "Wer sich traut, hebt nun das eine Bein hoch, Knie bis in Höhe des Bauchnabels. Dann abstellen und mit dem anderen wiederholen. Die Geschwindigkeit bestimmt jeder selbst."


    "Wer es nicht kann, kein Problem! Macht stattdessen einen kleinen Schritt nach vorn und mit dem anderen Bein hinterher. Und dann ein Schritt zurück."


    Beata meinte:
    "Vergesst das gleichmäßige Atmen nicht. Sehr schön, hoch bis zum Bauchnabel. Höher muss nicht sein."


    Das kann ich nicht, ke-re-ses, dachte Nereida an ihre Schwester.


    Wieso nicht? dachte Beata verwundert.


    Ich habe doch keinen Bauchnabel. Ich bin eine R-Wi-a.


    Ach liebe Schwester, dann hebst du dein Bein nur bis zum Bauch.


    Nereida grinste.


    Wir machten alle mit. Eine Dame in der ersten Reihe drohte zu straucheln. Beata sah es, sprang sogleich von der Saltomatte hinab und stützte sie.


    "Wer Angst hat umzufallen, bittet den oder die Hami nebenan um Halt, wenn es geht, schon vorher. Das gehört zur Harmonie der zweiten Stufe, die Harmonie untereinander. Seht ihr jemanden, der Hilfe braucht, gebt selbstlos Hilfe. Nicht nur hier heute Abend, sondern generell. Ein wesentlicher Punkt in der Harmonielehre", erklärte Nereida.


    Und auch Christina hatte einer älteren Dame, die links neben ihr stand, geholfen, die auch nicht so schnell hinterher kam.


    Beata kehrte auf die Bühne zurück.
    "Das habt ihr gut gemacht. Schüttelt die Beine nun locker aus. Auch hier wie immer gilt das Hilfegebot."


    "Es geht nun höher im Körper. Kippt das Becken vor und zurück. Überdehnt nichts. Und auch hier kommt es nicht auf Geschwindigkeit an."


    Nereida drehte sich zur Seite, wir sahen es eindrucksvoll, ihre Figur, Junge, Junge.
    Wie ihre Leggings und ihr Turnanzug glänzte, Mann-o-Mann ...


    Nereida, Nereida, du machst aber sehr großen Eindruck, dachte ich. Du hast eine Bombenfigur, echt toll.


    Lieber Ingo, das habe ich ja auch vor, dachte sie zurück und lächelte mir zu.


    Huch, eine Antwort? Tja, wenn man an eine R-Wi-a denkt, muss man mit ihrer (gedanklichen) Reaktion rechnen...


    Was ist eigentlich eine Bombe? fragte mich die Turnfee.


    Eine Bombe bedeutet in diesem Zusammenhang ein Synonym für etwas Besonderes, Überragendes, dachte ich an sie.


    Nereida grinste.


    "Wer zu Hause einen großen Gymnastikball hat, kann die Übung auch auf dem Ball durchführen."


    "Die nächste Übung kann auch im Sitzen gemacht werden. Wer weiter stehen möchte, bleibt stehen.
    Lasst die Schultern locker kreiseln."


    "Dabei könnt ihr auch die Finger abwechselnd zur Faust ballen und wieder strecken."


    "Aber stets gleichmäßig weiter atmen."


    "Hört auf mit dem Schulterkreisen. Lasst beide Arme sinken. Nun hebt ihr die Unterarme beide langsam auf und ab."


    "Lasst beide Arme sinken, atmet aus. Hebt die gestreckten Arme in einem großen Kreis nach oben, atmet dabei ein. Wenn die Handflächen sich berühren, lasst die Arme spannungslos nach unten sinken und atmet aus. Und wieder von vorn."


    "Wenn ihr mit den Armen nicht so weit hoch kommt, macht ihr eben nur so weit wie ihr kommt, und führt ausatmend die Arme wieder zum Körper."


    "Jetzt der Hals und der Kopf. Schaut nach vorn. Dreht den Kopf langsam nach links, atmet ein. Wartet zwei Sekunden, atmet beim Zurückdrehen in die Mittelstellung aus. Dreht den Kopf dann langsam nach rechts, atmet ein. Haltet wieder ein wenig, dreht ausatmend in die Mittelstellung. Und von vorn."


    "Diese Übungen könnt ihr hervorragend auch zu Hause durchführen. Ihr fühlt euch danach leichter, befreiter, lockerer. Ihr gebt dem Körper damit die Harmonie, die er braucht. Falls ihr die Übungen vergessen habt, kein Problem, ihr findet sie auch im Internet beschrieben."


    "Schüttelt nun die Arme locker aus."


    "Ihr habt toll mitgemacht, danke schön!" freuten sich die beiden Schwestern.


    Die Zuschauer applaudierten, auf den Gesichtern vieler spielte oftmals ein Lächeln.
    Die Harmunde schien also bei den meisten gut anzukommen.

  • Kapitel 12: Die Stufen der Harmonie


    Beata lächelte.
    "Für die nächste Übung betreten wir die zweite Stufe der Harmonie. Die Harmonie zu zweit. Zwei Hami begegnen einander. Wir stellen einander vor. Schaut uns mal zu, und hört genau hin, was ich zu Nereida sage."


    "Und was ich zu Beata sage", grinste Nereida.


    "Nereida, sag doch einfach: Tach Bea, alte Socke!", alberte Ute lauthals. Einige kicherten. Nereida und Beata schüttelten schmunzelnd ihre Köpfe.


    Beata wandte sich ihrer Schwester zu und sprach extra laut und deutlich: "R-Wi-alo, ich heiße Beata, wer bist du?"


    "R-Wi-alo Beata! Ich bin Nereida. Toll, dich kennen zu lernen."


    "Schön, dass du da bist, Nereida-ke-re-ses", antwortete Beata gut gelaunt.


    "Ich freue mich auch, Beata-ke-re-ses", erwiderte Nereida mit leuchtenden Augen.
    Sie umarmte Beata herzlich.


    Man merkte beiden an, dass die letzten beiden Sätze noch nicht mal gespielt waren.


    Die beiden lösten die Umarmung, drehten sich zum Publikum und Beata erklärte uns die Worte.


    "Was wir von nun an immer sagen, wenn wir einander begegnen: R-Wi-alo. Es ist der Gruß der Harmonie und bedeutet 'Hallo'. Das soll nun unser Gruß untereinander sein. Sprecht mir alle nach: R-Wi-alo."


    Es erklang eine Wörtergemengelage, die sich mit viel gutem Willen etwa so anhörte:
    "Ähh wie aalo"


    Beata lobte uns.
    "Das macht ihr gut. Nun weiter.
    Kennt ihr euren Hami nebenan nicht, so stellt euch mit eurem Vornamen vor.
    Wenn euer Hami sich vorgestellt hat, sagt ihr 'schön, dass du da bist' oder etwas ähnlich nettes vom Sinn her, nennt dahinter seinen oder ihren Vornamen."


    Nereida ergänzte: "Und wenn euer Hami weiblich ist, sagt ihr dahinter 'ke-re-ses', das bedeutet 'liebe Schwester'. Sprecht mir nach: 'ke-re-ses'."


    "kärresäss" hörte ich. Einige grinsten.


    Beata fügte hinzu: "Und wenn euer Hami männlich ist, sagt ihr hinter dem Namen 'ke-re-bru', das bedeutet 'lieber Bruder'. Sprecht mir nach: 'ke-re-bru'."


    "kärrebruh" erklang.


    "Und wenn wir das Geschlecht nicht erkennen?" fragte Ute herausfordernd.


    Beata, lakonisch: "Dann sagt einfach 'ke-re-da-da'."


    Ute wusste daraufhin nichts mehr zu sagen. Die Bedeutung von 'da-da' kannte sie nicht.
    Ich schon, denn 'da-da' bedeutet in der Sprache von R-Wi ja 'Tochter', 'Nichte', 'Schatz', 'Liebling'.


    "Nun sucht euch bitte einen bru, also Partner oder eine ses, eine Partnerin. Und stellt euch einander vor. Sagt 'R-Wi-alo' und 'ke-re-ses' oder 'ke-re-bru', ungeachtet aller Unterschiede. Gebt einfach die Vorbehalte auf, euer nächster Hami ist ein genauso lieber Mensch wie ihr. Seid herzlich zueinander. Umarmt eure ses, euren bru. Und wiederholt es bei den anderen. Habt keine Angst, geht aufeinander zu. Fragt uns bei Problemen."


    Ein großes Gemurmel begann.
    Ich probierte es aus.
    "R-Wi-alo, ich heiße Ingo, wie heißt du?"
    Neben mir stand meine Halbschwester.


    Sie grinste und sagte: "R-Wi-alo, ich heiße Gunda."


    "Schön, dass du da bist, Gunda-ke-re-ses."


    "Ich freue mich auch so sehr, Ingo-ke-re-bru."
    Dann umarmte sie mich übertrieben lange. Sie schien mich gar nicht mehr loslassen zu wollen!
    "Mache ich das so richtig, Beata?", fragte Gunda im Spaß, ohne dass Beata es hörte.


    Aber Lisa hörte es. Lisa und Oksana hatten einander schon begrüßt, sahen uns, mussten lachen. Wir beide schreckten hoch, Gunda ließ mich los.
    Klar wusste Lisa, meine Verlobte, von Gundas überzogener Zuneigung für mich, ließ sich davon aber nicht provozieren. Meistens jedenfalls.
    Nun aber kam sie näher.
    "Hey, lass dich mal umarmen, Gundi-ke-re-ses", grinste sie, schnappte sich Gunda und umarmte sie fest und inbrünstig, "spür mal, so macht man das richtig, Gundi!"
    "Oh, oh, oh Lisa-ke-re-ses, schön, dass du so harmonisch bist" bekannte Gunda ein wenig überrumpelt. Wir, die das mitbekamen, mussten alle kichern.


    "R-Wi-alo Oksana-ke-re-ses", sagte ich verkürzenderweise und umarmte sie.
    "R-Wi-alo Ingo-ke-re-bru, schön, dass du da bist", antwortete sie mit einem Lächeln.
    Ornella begrüßte ihre Sandra-ke-re-ses.
    Und Fiona den neben sich stehenden Bernd-ke-re-bru.
    Xenia wusste von alledem nichts. Auch nicht, dass sich Bernd über Fionas Umarmung freute.


    Nereida und Beata achteten mehr auf die Leute im Vordergrund und bekamen unser Gewusel ganz hinten nicht mit.


    "R-Wi-alo Brigitta-ke-re-ses", sagte Lisas Mutter. Woraufhin Beatas Mutter "R-Wi-alo Regina-ke-re-ses" sagte. Die beiden älteren Frauen umarmten sich, unter den leuchtenden Augen von Nereida und Beata.
    "R-Wi-alo Hans-ke-re-bru", sagte Vera, meine Mutter. Woraufhin er erwiderte: "R-Wi-alo Vera-ke-re-ses."
    Auch Gundas Mutter wurde mit einem "R-Wi-alo Hedwig-ke-re-ses" begrüßt.


    "Danke euch! Ihr macht es gut. Nun sucht euch eine liebe ses, einen lieben bru für die nächste Übung. Stellt euch einander vor und umarmt euch."


    "Wer nicht lange stehen kann, für die haben wir hier eine Reihe Turnbänke zum Gegenüber-Sitzen."


    "An jedes Paar, stellt euch einen Meter gegenüber auf und berührt euch an beiden Handflächen."


    Ich stand Lisa gegenüber, berührte ihre Hände, wir lächelten einander an, ich schmolz wegen der Wärme ihrer Hände fast dahin, der Poet in mir erwachte:


    Welch Wonne, wie wunderbar warm,
    wirklich wohltuend, wahrhaftig wahrnehmbar.
    Waltet wiederholt weiter, wogende Wellen!
    Wollust willkommen,
    weil wir wissen, was wir wollen!
    Weitermachen, weises weihevolles Weib!


    Leider bekam Lisa von meinem Tautogramm nichts mit...


    "Nun beschreibt Kreise mit euren aneinander liegenden Händen. Oder andere Figuren, wie ihr wollt. Macht es im Gleichtakt. Ihr findet es schon heraus."


    Wir taten wie geheißen, obwohl uns der Sinn dieser Übung noch nicht klar wurde.


    "Jetzt drückt den linken Arm nach von und gebt mit dem rechten nach hinten nach. Und dann wechseln. Macht es in der Geschwindigkeit, die für euch richtig ist."


    "Und die Füße gehen auf und ab. Stimmt euch miteinander ab. Macht es in Harmonie."


    Lisa und ich grinsten uns an. Das ganze war ja lustig, aber was wird das?


    "Und dreht den Oberkörper leicht im Rhythmus der Arme vor und zurück. Immer synchron und einträchtig. Vergesst nicht das Atmen!"


    "Bleibt nicht an eurem momentanen Ort stehen, ihr könnt euch dabei allmählich drehen, ein wenig langsam seitlich gehen, was ihr möchtet."


    So langsam bewegten sich die Paare von ihren angestammten Orten fort. Die beiden Schwestern grinsten.
    "Ihr habt es bestimmt schon gemerkt. Was ihr gerade macht, ist:"


    Nereida und Beata sprachen gleichzeitig: "Tanzen!"


    Es fiel uns wie Schuppen von den Augen, na klar! Was kann es für die R-Wi-i Schöneres geben als den Tanz!?


    Die Schwestern fuhren fort:
    "Tanzen ist eine wunderbare Methode, Harmonie zu erfahren."


    "Tanzen macht Spaß!"


    "Tanzen macht euch froh."


    "Tanzen hält euch in Schwung."


    "Tanzen ist Harmonie. Zweiertanz ist Harmonie zu zweit."


    "Bleibt immer in der Harmonie, egal ob langsam oder schnell. Ihr findet euren eigenen Rhythmus. Darum spielen wir auch keine Musik, um eure Zweierharmonie nicht zu stören. Wir beide mengen uns nun unter euch die nächsten zehn Minuten."


    Ich tanzte mit meiner Lisa und küsste sie gelegentlich. Immer noch gefielen mir ihre warmen Hände. Neben uns tanzten Oksana und Gunda, die uns auch sahen. Gunda schien ein wenig neidisch zu sein.


    "Bedankt euch bei eurem Hami und tanzt auch mal mit einer anderen ses oder einem anderen bru", ertönte Nereidas Stimme. Die Turnfee tanzte mit ihrer Schwester quer durch die Menge.


    Lisa ließ mich los, ich stand neben Ornella. Die nutzte die Chance, sagte unverzüglich: "R-Wi-alo Ingo ke-re-bru, darf ich mit dir tanzen?"
    Ich nickte. "Klar Ornella-ke-re-ses" und grinste. So tanzte Ornella also mit mir. Gunda, die eigentlich mit mir tanzen wollte, hatte das Nachsehen. Sie rief verärgert: "Na warte, Bru!"


    "Gundi-ke-re-ses, immer locker bleiben und die Harmonie bewahren."
    Gunda schreckte auf.
    Beata und Nereida standen unvermutet hinter ihr,
    Nereida hatte sie angesprochen.
    Beata munterte sie auf: "Neben dir steht ein bru, der traurig ist, wenn du nicht mit ihm tanzst, Gundi. Folge doch dem Gedanken der Harmonie, ja?"


    Zähneknirschend antwortete sie leise: "Ja, Bea-ke-re-ses, klar. Tut mir leid. Es sind leider diese alten einprogrammierten Verhaltensweisen, mein Sehnen, wo es mir manchmal schwerfällt, es abzuschütteln."


    Beata umarmte Gunda und flüsterte in ihr Ohr: "Liebe Gundi, ich fühle deinen Schmerz, wirklich. Ich leide mit dir."


    Gunda seufzte. "Kannst du mir bitte mal einen Freund tanzen, Bea?" flüsterte sie traurig zurück.


    "Das geht leider nicht, das kann ich nicht, das kann niemand von uns R-Wi-i. Ich wünsche dir aufrichtig, dass du einen lieben Menschen kennen lernst, wo du dann Ingo nicht mehr als Ersatzfreund brauchst."


    "Danke Bea. Du bist lieb."


    Gunda tanzte dann also mit Bernd, den Beata mit 'trauriger bru' meinte. Anfangs fand sie das nicht so harmonisch, dachte aber an Beatas Worte. Und dann stellte sie sich vor, wie ihr Tanz mit Bernd bei Xenia wohl ankommen würde und grinste wieder. Bernd lächelte auch.
    Lisa tanzte mit Sandra und Oksana mit Fiona.


    Die Turnfee und ihre Schwester setzten ihren Rundgang fort.


    Wir tanzten alle bestimmt noch weitere fünf Minuten lang.


    Nereida und Beata mahnten uns dann wieder zur Ruhe zu kommen, und wir machten wieder die Atemübungen.


    Ich fühlte mich richtig gut, und den Eindruck hatte ich auch von den anderen.


    Die beiden galaktischen Schwestern strahlten.


    Nereida lächelte uns zu.
    "Ihr habt die ersten zwei Stufen bereits kennen gelernt. Die Harmonie in euch selbst..."


    "... und die Harmonie zu zweit."


    "Nun führen wir euch in die dritte Stufe der Harmonie ein."


    "Ist das dann die Harmonie zu dritt, Nereida-ke-re-ses?" fragte Ute keck und gut hörbar.


    "Du hast es fast erraten, Ute-ke-re-ses", meinte Nereida, "ja, zu dritt, aber auch zu viert und zu vielen mehr. Die Harmonie in der Gruppe."


    Beata lächelte.
    "Alle Hami, bildet einen großen Kreis, lasst die Hände neben dem Körper baumeln. Und nun jeder fasst seine ses, seinen bru neben sich an den Händen. Wir zwei kommen auch in den Kreis hinein."


    Wir fassten uns alle an den Händen, Lisa links und Gunda rechts von mir.


    Sie fuhr fort:
    "Nun atmet wieder ruhig. Ihr braucht nicht stocksteif zu stehen, könnt auch tänzeln.
    Wir werden jetzt gemeinsam Impulse entlang allen schicken."


    Nereida erklärte die Vorgehensweise:
    "Ich drücke gleich wortlos die Hand der ses links von mir, und sie gibt das Drücken deutlich an den nächsten Hami weiter, und so fort, bis der Impuls bei meiner ses rechts von mir angekommen ist."


    Irgendwann merkte ich ein Signal von Lisa, und drückte Gundas Hand. Etwa zwei Minuten später sagte Beata laut: Angekommen!


    Nereida erklärte: "Wir haben 115 Sekunden gebraucht.
    Das Signal ist einmal herum gewandert. Wir waren harmonisch, wir waren miteinander verbunden, es gab keine Unterbrechung."


    Bei so vielen Anwesenden würde man das sogar bis auf 1 Minute verkürzen können, dachte sie.


    "Ihr könnt einander wieder loslassen.
    Wir als Gruppe haben uns hiermit aufeinander abgestimmt."



    "Harmonie in der Gruppe kann man auch gut mit Tönen erleben, lasst uns das mal zusammen tun. Eine Abstimmung der anderen Art."


    "Wir teilen euch in zwei Gruppen, die Männer, die bekommen einen Basston, die Frauen bekommen einen höheren Ton. Wir singen jeden Ton einzeln vor. Ihr singt sie nach, haltet die Tonhöhe. Denkt an was schönes, was euch beflügelt."


    Die beiden Schwestern Beata gab einen tiefen Ton von sich, wir Männer begannen zu brummen. Auf die gleiche Weise instruierten Bea und Nereida auch die Frauen.


    Leider waren wir nur knapp 100 Männer gegenüber 180 Frauen, wir kamen etwas schwach herüber, es klang aber dennoch irgendwie sphärisch.


    "Spürt ihr die Klänge, wie sie euch erfüllen? Eure Körper vibrieren im Gleichtakt, in Harmonie. In der Gruppe wirkt es noch viel intensiver."


    Die Schwestern hatten Recht, es war angenehm. Allerdings waren auch welche dabei, die Schwierigkeiten beim Tönehalten hatten, zum Beispiel unsere Ute. Bei der war das aber bestimmt absichtlich...


    "Danke, ihr habt toll mitgemacht. Auch dies könnt ihr daheim üben.


    Wir Hami applaudierten. Schon interessant, was sich alles mit dem Begriff Harmonie verbinden lässt.



    Beata: "Wir kommen nun zu den zwei Ringen. Ihr habt euch bestimmt schon gefragt, was die bedeuten."


    In der Tat hingen ein paar Plakate an der Wand, die einen kleinen Ring in einem großen Ring zeigten.


    Nereida erklärte die Ringe der Harmonie:


    "Für die Harmonie gibt es auch ein Symbol, die zwei konzentrischen Kreise.


    Sie bedeuten immer zwei Gegensätze, die ohne einander nicht existieren können.
    Anfang und Ende.
    Geburt und Tod.
    Freude und Leid.
    Wärme und Kälte.
    Liebe und Hass.
    Glück und Unglück.
    Die Liste kann man beliebig fortsetzen. Und immer ist der eine Ring im anderen enthalten.


    Für uns ist der äußere Ring der Anfang, die Geburt, die Freude, die Wärme, die Liebe, das Glück.
    und der innere Ring die Gegensätze davon.


    Klar versuchen wir nach dem äußeren Ring zu streben. Aber es gibt ja auch den anderen Ring. Harmonie ist ja auch Ausgeglichenheit.


    Beata verrät euch nun ein Hilfsmittel für unseren Zusammenhalt."


    Nereidas Schwester grinste:
    "In der dritten Stufe der Harmonie möchten wir die Harmonie als Gruppe bewahren und das auch untereinander ausdrücken.


    Eine Art, unsere Harmonie zueinander zu bekennen ist das Bekenntnis der Harmonie.
    Wir haben es so allgemein gehalten, dass sich jeder damit identifizieren kann.


    Wenn ihr fürchtet, woran binden wir uns mit sowas, keine Angst, wir hängen damit keinem Gott, keiner Religion, keiner Ideologie, keiner Partei, keinem Menschen, keinem Lebewesen, keinem Gegenstand an.
    Es ist kein Treueeid, nur ein gegenseitiges Versprechen.
    Das Bekenntnis erinnert uns nur daran, dem Prinzip der Harmonie nachzustreben.


    Alle schönen Eigenschaften zu erreichen, ist, das geben wir offen zu, oftmals ein Idealzustand.
    Wir bemühen uns aber, ihr näher zu kommen.
    Scheitern und Rückschritte gehören dazu, aber wir sollten uns davon nicht entmutigen lassen.


    Hier ist unser Bekenntnis, ich spreche es erst einmal mit Nereida vor, damit ihr den Text hört und versteht, dann sprechen wir es alle zusammen."


    Die beiden Schwestern fassten sich einander an der Hand und begannen zu rezitieren:


    "Ich bekenne mit Freude:
    Ich lebe jeden Tag die drei Stufen der Harmonie.
    Ich bin harmonisch zu mir selbst.
    Ich bin harmonisch zu meinem Nächsten.
    Ich bin harmonisch zu den Menschen, zur Umwelt und zum ganzen Universum.
    Mein harmonisches Denken, Reden und Handeln ist geprägt
    von Herzenswärme,
    Vertrauen,
    Rücksichtnahme,
    Friedfertigkeit,
    Ehrlichkeit,
    und Toleranz.
    So soll es immer sein."


    Die Schwestern umarmten sich.
    Applaus setzte ein, die R-Wi-a freuten sich.


    "Danke euch! Liebe Hami, nun fasst einander bei den Händen, wir sprechen zeilenweise unser Bekenntnis. Nach dem letzten Satz umarmt einander kurz als Zeichen der Harmonie."


    Ich fasste wieder Gunda und Lisa an.
    Beim gemeinsamen Sprechen des Bekenntnisses der Harmonie dachte ich an das bekannte Liturgiegebet aus dem Gottesdienst.
    Nur dass ich mit diesem Bekenntnis der Harmonie viel mehr anfangen konnte als mit dem christlichen Glaubensbekenntnis.
    Damit fühlte ich mich viel besser und konnte es auch lauthals mitsprechen.


    "...So soll es immer sein."
    Ich hatte es geahnt. Kaum war das letzte Wort gesprochen, schlang meine Schwester ihre Arme um mich.
    Dass Gunda immer noch so viel Energie dafür aufbringen konnte.
    Irgendwie mochte ich sie ja auch umarmen, war sie ja mal meine Freundin, bevor uns ihre Mutter gestand, dass wir Halbgeschwister waren.


    Ich ließ sie los. Sie umarmte mich immer noch. Sprach Bea nicht vorhin von 'kurzer' Umarmung?
    Lisa schaute zu mir, grinste. Obwohl ich ihr schon ansah, dass sie es ein wenig lästig fand.
    "Hey Gundi, ich vermisse etwas Rücksichtnahme und Toleranz bei dir, was du vor nicht mal zwei Minuten noch öffentlich versprochen hattest", klopfte sie höflich bei uns an.


    Gunda ließ von mir ab, als sie ertappt wurde. "Pardon, Lisa. Dabei war mein harmonisches Handeln doch nur geprägt von Herzenswärme und Friedfertigkeit."


    Lisa kicherte. "Ach Gundi, ich kenne dich ja inzwischen. Lass mich dich umarmen."


    So kam es, dass ich bestimmt zehn andere Personen umarmt hatte, bevor ich meine Lisa in die Arme schließen konnte.


    Nereida rief von vorne: "Lasst uns noch mal fünf Minuten tanzen, zur Auflockerung. Sucht euch einen lieben bru, eine liebe ses."


    Ich tanzte mit Julia, genoss die Bewegung mit ihr.


    Beata rief uns dann wieder zur Ruhe, in einen großen Kreis, und uns von der TuFiTa neben sich. Nereida war inzwischen etwas holen gegangen. Wir von der TuFiTa stellten uns neben Beata.


    "Zu jeder Harmunde, zu jeder Harmoniestunde gehört ein kleiner Gedankenanstoß. Ein Wort für den Tag, die Woche. Etwas, was dem Harmoniegedanken zuträgt. Anderswo wird es eine kleine Andacht genannt.
    Aber hey, Nereida-ke-re-ses, was hast du denn da?"
    Beata tat unwissend.


    Nereida kam gerade aus dem Trainerraum.
    "Zwei Handspiegel, Beata-ke-re-ses."


    "Wofür brauchst du die?"


    "Na, für deinen Gedankenanstoß."


    "Ach ja! Danke liebe ses. Dies ist ein kleiner Anstoß für die Harmonie der ersten Stufe."


    Beata nahm die zwei Spiegel in die Hand. Sie gab einen Spiegel an Nereida links neben sich und an Kerstin rechts neben sich.
    "Ich habe eine kleine Aufgabe für euch. Haltet den Spiegel mit der Glasfläche vor euer Gesicht, schaut hinein und merkt euch, was ihr da seht. Gebt den Spiegel dann an eure Hami neben euch weiter."


    Schnell gingen die beiden Spiegel weiter. Aber bei etwa 140 Personen pro Spiegel dauerte es doch etwas.


    Währenddessen liefen die Mädels der TuFiTa, nachdem sie in den Spiegel geschaut hatten, in den Damentrakt zur Umkleide und zogen ihre Oberbekleidung aus. Aus den Beuteln holten sie ihre Turnanzüge und zogen sie an.
    Genauso auch ich, traf mich dann umgezogen mit den TuFiTa-Frauen im Gang zur Halle, lauschte, was die beiden galaktischen Schwestern erzählten.


    Als die Spiegel zueinander kamen, nahmen Beata und Nereida sie wieder an sich.


    "Und?" fragte Beata, "wer war die Person im Spiegel? Wen habt ihr gesehen? Denkt an das Gebot der Ehrlichkeit."


    Verschiedene Antworten kamen durcheinander, die meisten lauteten "ich".


    Ute dachte ihren Teil dazu, im Gang mit uns stehend, und sie antwortete: "Ich sah im Spiegel DEN Inbegriff der vollendeten Schönheit und Perfektion."
    Wir anderen von der TuFiTa mussten herzlich lachen.


    "Super", freute sich Nereida, "alle, die 'ich' gesagt haben, haben Recht.
    Und die Auflösung dieses kleinen Spiels wird meine Schwester nun aufdecken."


    Beata lüftete das Geheimnis:
    "Ich spreche nun zu jedem einzelnen: Die Person, du im Spiegel gesehen hast, ist die einzige, die dein Leben wirklich ändern kann."


    Nereida ergänzte:
    "Ja, du, du oder du, jeder von euch kann sein Leben ändern. Für die Harmonie. Alle Hami können es. Ihr alle könnt es. Macht es einfach."


    Die Zuschauer applaudierten kräftig, einige jubelten.


    Nereida ging kurz von der Bühne an die Tür, hinter der wir standen und warteten, verdeckte ihr Mikrofon mit der Hand und rief zu uns:
    "Das gilt übrigens auch für den Inbegriff der vollendeten Schönheit und Perfektion namens Ute-ke-re-ses."
    Gleich danach kehrte sie auf die Bühne zurück.


    Wir grinsten. Ute im Gang sagte erstaunt: "Die hat aber gute Ohren, die Nereida."



    Beata verneigte sich. "Danke! Wir haben nun was für euch vorbereitet."


    "Ja, eine Belohnung für euch hier in Obertupfingen, ein Bonbon, für die allerersten Besucher einer Harmunde."


    "Ihr könnte jetzt nach vorne schauen und euch freuen: Nereida und ich werden für euch tanzen."


    "Denselben Tanz wie in Dornbirn. Den UV-Tanz. UV wie Unsere Verneigung, vor euch!"


    Die Zuschauer jubelten.


    "Aber nicht allein."


    "Wir bekommen Unterstützung - von der ... TuFiTa!"


    Als wir den Namen unserer Gruppe hörten, liefen wir alle heraus, unter dem Applaus der Zuschauer.


    "Liebe TuFiTa, formiert euch gleich zum V."


    Diesmal waren wir nicht 15, nur 11 Teilnehmer. So sah das V auch kleiner aus, das U fiel gleich weg.
    Christina, Kerstin, Femke, Ute, Gunda, Oksana, ich - Ingo, Julia und Lisa, wir bildeten das V.


    Wir positionierten uns neben den Saltomatten, wo noch genügend Platz war.


    Annika startete die Musik. Die Zuschauer klatschten begeistert, und die beiden galaktischen Schwestern tanzten in der Öffnung des V. Wir elf konnten den Tanz ja wie aus dem Schlaf.


    Es war wie in Dornbirn. Alle waren gut drauf. Wir hatten die Zuschauer wieder im Griff.
    Unser Tanz der Ultimativen Vereinnahmung wirkte auch jetzt wieder uneingeschränkt, weil erstens die Mindestanzahl von zehn Tänzern erreicht war. Und zweitens, wir Tänzer trugen alle Turnanzüge aus R-Wi. Beide Bedingungen waren erfüllt.
    Beata und Nereida hatten uns alle in der Hand. Sie hätten von uns nun wer weiß was fordern können, wir würden es aufsaugen und befolgen.


    Beata nutzte darum während des Tanzens die Gelegenheit zum Moderieren und Instruieren.
    "Liebe Hami, ich danke euch allen für euer Kommen.
    Nereida und ich, wir haben uns darüber wirklich sehr gefreut!
    Bleibt in der Harmonie, in Worten, Taten und Denken.
    Tragt den Gedanken der Harmonie in eure Städte!
    Haltet ebenfalls Harmunden ab.
    Verbreitet den Gedanken der Harmonie weiter.
    Lasst euch nicht entmutigen,
    wir sind viele,
    wir werden immer mehr!"


    Jeder ihrer Sätze wurde begeistert bejubelt. Wir tanzten weiter den UV-Tanz. Die Zuschauer tanzten begeistert mit. Auch die Senioren in der ersten Reihe standen auf und deuteten ein Tanzen an.


    Ich dachte an die galaktischen Schwestern: Beata, Nereida, sagt doch den Hami, sie sollen Turnanzüge und Leggings kaufen, diese anziehen und tanzen. Das wäre toll!


    Beata erwiderte: Du gehst ja ganz schön ran, Ingo. Das sollen die Hami selber entscheiden.


    Nereida konterte: Aber Beata-ke-re-ses, Ingo hat doch Recht! Ich liebe das Tragen von Leggings und Turnanzügen. Wie schön wäre es, wenn das die Hami auf der Erde auch erfahren und spüren und lieben.


    Beata: Na gut Nereida, dann sag du es allen hier.


    Nereida grinste mir und Beata zu, sprach laut:
    "Liebe Hami, euer Leben hat euch nach Dornbirn und zu uns hier in diese Turnhalle gebracht.
    Nun entscheidet euch heute dafür, die Harmonie weiter zu tragen!
    Zieht doch Leggings und Turnanzüge an, so wie wir. Tanzt darin, erlebt Harmonie."


    "Und nächsten Montag um 20 Uhr findet in Obertupfingen die nächste Harmunde statt. Dann wohl in unserem Vereinsheim."


    "Der offizielle Teil der Harmunde ist nun vorbei, ihr könnt gerne noch weitertanzen."


    "Nereida und ich, wir beide sagen Hauduh, das ist der Gruß der Harmonie zur Verabschiedung."


    "Hauduh, liebe Hami, bis zum nächsten Mal. Bleibt in der Harmonie und erzählt es weiter!" strahlte Nereida.


    Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Wir tanzten, und die Zuschauer ahmten unseren Tanz nach. Selbst die älteren Leute schunkelten begeistert auf den Turnbänken.


    Nach dem Tanz war noch Gelegenheit zum Plaudern.
    Natürlich wurden Nereida und Beata von vielen Interessierten befragt. Zum Beispiel über die Gestaltung von Harmunden. Das war ja auch im Sinne der beiden, die Harmonie weiter zu verbreiten und dafür Tipps und Ratschläge zu geben.
    Und immer wieder hörten sie gern ein Lob von Zuschauern.
    Auch tauchte gelegentlich die Frage auf, woher man denn Turnanzüge und Leggings bekäme. Ich hörte ein paar mal den Namen "Nereida-3".
    Und der Name TuFiTa fiel öfter, einige interessierten sich für unsere Freizeitturngruppe. Wir von der TuFiTa wurden auch von vielen befragt, einige bekundeten Interesse, bei uns mitzumachen.


    Ein voller Erfolg, ein toller Abend, dachten die Schwestern.


    Ich meinte, dass ich an diesem Montagabend erst kurz vor Mitternacht die Halle abschloss...


    Dass am nächsten Tag ein deutlicher Schub an Bestellungen für Turnanzüge und Leggings bei den Herstellern eingehen würde und ich dafür letztendlich verantwortlich war, hätte ich nicht gedacht.
    Nereida, Beata und ich müssten eigentlich dafür eine Provision bekommen.


    Aber so denken keine selbstlos handelnden R-Wi-i, sondern nur wir gierigen Erdenbewohner...

  • "R-Wi-alo, Desi, Ke-re bru"


    Einigen Neu-Lesern wird nicht entgehen, dass die Harmonie-Bewegung auf´s Erste einen sektenartigen Unterton haben könnte. Das war auch bei der Erstveröffentlichung einer der berechtigten Kritikpunkte.


    Nun, es ist sehr schwer solch etwas zu beschreiben ohne in die Nähe pseudoreligiöser Gruppen zu geraten. Und vor allem Esoterik-interessierte ziehen dadurch die falschen Schlüsse.


    Wer die Geschichte in ihrer Gesamtheit gelesen und verinnerlicht hat, merkt schnell dass dies nichts mit dem oben beschriebenen zu tun hat. Die Besucher von R-Wi sind vollkommen friedlich und frei von unlauteren Machenschaften. Es geht einzig und allein nur um Harmonie durch Bewegung.
    Sich selbst und die Umwelt zu fühlen wie sie tatsächlich ist.


    Keine Sekte, mehr ein erstrebenswertes Lebensmotto (und ich möchte hier Kant´s kategorischen imperativ nicht bemühen, obwohl die Harmonie von R-wi ein erstrebenswertes Handeln darstellt).

  • Danke ihr zwei.
    Ja, die Harmunde zu besuchen verpflichtet nicht alles andere dafür aufzugeben. Es ist und bleibt freiwillig. Vielleicht hätte ich das mal Bea und Nereida in den Mund legen sollen. Dann lass ich es jetzt einfach mal Sweliana in Kap. 14 sagen.
    Es folgen:
    Kap. 13: Das seltsame Quartett
    Kap. 14: Harmunde in Kassel


    KunstTurnLover, du hast dann ja nur noch gut 11 Kapitel vor dir. Viel Spaß!

  • Kapitel 13: Das seltsame Quartett


    Dienstag Mittag.


    Ein herrlicher Sonnenschein lag über der großen Stadt. Geschäftiges Treiben herrschte in den Straßen.


    Vom Hauptbahnhof, Lutherkirche und Martinskirche kommend zog eine schwarzhaarige etwa 40-jährige Touristin durch die Untere Königsstraße.
    Sie war gekleidet in roten Leggings und einer hübschen Bluse. Die Frau bewunderte den 600 Jahre alten Druselturm, einen Turm der mittelalterlichen ehemaligen Stadtbefestigung. Sie schoss davon verzückt ein paar Fotos.
    Vielleicht wäre sie nicht so gut gelaunt, wenn sie wüsste, dass der Turm im Mittelalter als Kerkerturm diente.


    Aber das wusste sie zum Glück nicht.
    Lange war sie nicht hier gewesen, und an diesem freien Tag hatte sie sich mal vorgenommen, diese Stadt zu erleben. Das machte sie gerne mal. Für den Abend hatte sie sich eine Spezialveranstaltung ausgeguckt, wo sie auf jeden Fall hin wollte.


    Gleich müsste der große Platz kommen, dachte sie. Ja, und nach wenigen Minuten langsamen Spazierens stand sie auf dem Königsplatz, weit ausladend. Autos waren hier nicht gestattet, das einzige Verkehrsmittel hier war die Straßenbahn.


    Es war 12 Uhr mittags. Conni stellte sich in die Mitte, neben die Gleise, drehte sich einmal um sich, schaute dabei immer stur geradeaus. Ein uriges Gefühl!
    Denn die Häuserfronten umgaben den Platz kreisrund, etwa 120 Meter im Durchmesser. Auch kreisförmig angeordnet davor die Wasserspiele und zwei Baumreihen.


    Sie hörte das Plätschern der Wasserspiele und hätte am liebsten losgetanzt. Aber sie tat es doch nicht, wollte nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen. Man tanzt doch nicht einfach so los.


    Wieder hielt eine Straßenbahn an, die sich teils ihrer menschlichen Fracht entleerte und teils wieder füllte.
    Währenddessen studierte Conni ihren Stadtplan, um zu eruieren, wo sie auf jeden Fall hin wollte


    Auf einmal hörte Conni hinter sich ein Jauchzen!


    Sie drehte sich um und musste mehrmals hingucken, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte.
    Es war kein Traum.


    Waren doch da ein älteres und ein jüngeres Paar am Tanzen!


    Und das Besondere: Alle vier trugen rote Leggings, schwarze Tanzschuhe. Und darüber auch noch schwarze Turnanzüge!
    Die beiden Frauen trugen lange rote Haare, mit einem Haarband festgehalten, die Männer waren mittelblond und kurzhaarig.
    Alle sahen gut gelaunt aus, waren beschwingt bei der Sache.


    Conni fiel die Kinnlade herunter. Die da waren einfach so am Tanzen, und dann auch noch in diesem Aufzug! Bzw. Anzug!


    Ihr fiel auf, dass das ältere Paar erheblich schwungvoller und gleichmäßiger tanzte als das junge Paar.
    So synchron auch noch. Sie schätzte das ältere Paar auf etwa Ende Sechzig, das jüngere etwa in ihrem Alter, Anfang 40.
    Hut ab, besonders vor dem älteren Paar!


    Aber warum taten die das?


    Conni versuchte die Gesichter zu identifizieren.
    Als die ältere Tänzerin mal für einen Moment stand, schaute Conni sie genau an. Sie kam ihr bekannt vor.
    Auch die Mittänzer glaubte sie schon mal gesehen zu haben.


    Ein weiterer Mann mit einem Rucksack stand bei ihnen. Auch er trug rote Leggings, allerdings darüber keinen Turnanzug, sondern ein lila T-Shirt mit zwei konzentrischen goldfarbenen Kreisen. Er verteilte Handzettel.


    Conni nahm einen. Darauf abgebildet waren zwei goldene Ringe auf lila Hintergrund, sowie darunter ein kurzer Text:
    'Heute Harmunde. 20 Uhr. Harmonie für Dich zum Erleben. Eintritt frei.' las sie. Darunter stand noch eine Anschrift und eine Internetadresse.


    Harmonie? durchfuhr es Conni. Das müssen welche von den Dornbirner Tänzern sein! Was für ein Zufall, die gerade jetzt und hier zu treffen!
    Wie gebannt schaute sie auf die Vier.
    Auch andere waren auf die Tänzer aufmerksam geworden, lächelten, wippten ein wenig mit.


    Die Vier waren immer noch schwungvoll in Bewegung, klatschten gelegentlich. Ab und zu riefen sie gleichzeitig:
    "Heute Harmunde! Eintritt frei! Harmonie für Dich. Sei dabei!"
    Sie gaben dann noch den Ort und die Uhrzeit bekannt, 20 Uhr in einem Vereinsheim eines Sportvereins der Stadt.


    Conni durchfuhr es siedend heiß. Sie dachte an ihr Vorhaben.


    Die Tänzer verließen den Königsplatz, zogen weiter zum Friedrichsplatz, umsäumt von altehrwürdigen Gebäuden.
    Wenn die vier weiter gingen, war es kein Spazierengehen wie bei den Zuschauern, sondern eher ein Vorwärtstänzeln. Dabei klatschten die vier rhythmisch, drehten sich gelegentlich. Auch rannten sie ab und zu mal unvermutet 10, 20 Meter voran, um dann plötzlich stehen zu bleiben und auf der Stelle zu tanzen, bis die anderen hinterher kamen, um dann weiterzutänzeln.
    Conni war beeindruckt. Sie vergaß ihren Plan, wo sie eigentlich noch hin wollte. Sie folgte einfach den vier Tänzern, bewunderte sie.


    Ihre Leggings und Turnanzüge glänzten in der Sonne, schön anzusehen. Conni verliebte sich in deren Kleidung.
    Oh, die hätte sie selber mal gerne getragen! Das musste sie unbedingt Theo erzählen. Sie machte einige Fotos.


    Ab und zu gab das ältere Paar einen Sondertanz zum besten, das junge Paar klatschte und tänzelte dazu.
    Wo sie tanzten, fanden sie schnell ein Publikum, welches sie teils neugierig beäugte, teils mittänzelte.


    Die vier tanzten weiter zum Opernplatz, Rathausplatz, wieder zurück zum Friedrichsplatz, zur Schönen Aussicht, vom Staatstheater hinab in den großen ursprünglich barocken Park der Stadt mit der Orangerie, nahe der Fulda.
    Eine Schar folgte ihnen, unter ihnen auch Conni. Manchmal verließen einige die bunte Truppe, dafür schlossen sich andere Leute ihnen an.
    Regelmäßig sagten die Tänzer ihren Spruch auf, während der Mann im lila T-Shirt seine Handzettel verteilte und kurze Infos gab.


    Es ging einmal rundherum im Uhrzeigersinn den rosettenförmig angelegten Weg entlang, bis ihr Weg um 14 Uhr wieder am Haupteingang der Orangerie endete.


    Die vier Tänzer bekamen viel Applaus, bedankten sich bei den Zuschauern und wiesen auf die Veranstaltung am Abend hin.
    Conni nahm sich felsenfest vor, dort hin zu gehen.

  • Kapitel 14: Harmunde in Kassel


    Kassel, Dienstag Nachmittag und Abend.


    Xenia und Arnold erreichten mit ihrem Vater Leo und Tante Sweliana drei Uhr nachmittags das Vereinsheim eines Kasseler Sportvereins. Die Tatsache, dass sie alle außer Sweliana dort Mitglied waren, hatte im Vorfeld die Suche nach einer Räumlichkeit erheblich vereinfacht und beschleunigt.
    Dessen Vereinsheim war größer als das vom TSV Obertupfingen, und so hofften die vier, dass die erwarteten Leute dort hineinpassten. Sie hatten ja die Nachrichten von der Harmunde aus Obertupfingen mitbekommen, waren überwältigt von der Besucherzahl.
    Den Vortag und den Vormittag hatten sie bei Arnold zuhause verbracht und Dekomaterial und ähnliches gestaltet, was für den Abend gebraucht würde. Ulla, Josephine und Xenias Freund Bernd halfen tatkräftig mit.


    Leo, Sweliana, Xenia und Arnold fuhren mit der Straßenbahn zum Königsplatz, um gegen 12 Uhr ihre zweistündige Werbetour für die Abendveranstaltung zu starten. Bernd war auch mit dabei, als Handzettelverteiler.
    Sie hatten die Tänze vorher ein wenig zuhause geübt, und ihre Koordination während der Tänze lief über Gedankenkommunikation.


    Xenia hatte am Vortag zuhause für ihre Nichte Josephine und deren Mutter je eine Leggings in ihrem Lieblings-Farbton geschneidert.
    Strahlend stolzierte Josephine in ihrer neuen hautengen Kleidung daher.


    Nun gegen 15 Uhr waren sie alle im Vereinsheim, räumten den Saal um, dekorierten die Wände, legten Infomaterial aus, brachten die Verstärkeranlage in Gang. Ein paar Frauen aus Xenias Step-Aerobic-Grappe halfen ihr dabei. Auch war Xenias und Arnolds Kusine Yvonne mit von der Partie sowie Bernd.
    Alle trugen sie bereits die roten Leggings. Xenia und ihr Bruder auch schon den schwarzen Turnanzug Nereida-3, wie auch ihr Vater und ihre Tante.


    Josephine meldete um 18 Uhr die ersten, die draußen anstanden. Die Tür war verschlossen, ein Plakat mit den zwei Kreisen der Harmonie aufgehängt mit der Aufschrift:
    Heute Harmunde, Einlass 19:30 Uhr. Beginn 20:00 Uhr, Dauer ca. 1 Stunde. Eintritt frei. Sei dabei!


    Eine von den draußen Wartenden trug ihre langen schwarzen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, hatte eine dreiviertel-lange Leggings in Rot angezogen und eine luftige schwarz-blaue Bluse an.


    ------------------


    Conni, um die es sich dabei handelte, freute sich schon auf diesen Abend. Sie hatte am vorigen Wochenende ebenfalls die Übertragung aus Dornbirn mitverfolgt und war davon schwer vereinnahmt.
    Sie hatte sich im Internet über die Harmoniebewegung informiert, und nahm sich fest vor, diese Folgeveranstaltung zu besuchen. Am Termin einen Tag vorher, dem Montag Abend, hatte sie keine Zeit; und Obertupfingen wäre auch zu weit weg gewesen.


    Sie war allein etwa anderthalb Stunden nach Kassel gefahren, um als Touristin tagsüber Kassel und abends die dortige Harmunde mitzuerleben.
    Ihre Freundin Celine hatte keine Zeit, das wusste sie. Außerdem wären jener solche Veranstaltungen von vornherein suspekt, die mit der biblischen Tradition nicht harmonierten. Da Celine den Dornbirner Tänzern und der von ihnen verbreiteten Harmonielehre gegenüber negativ eingestellt war, erzählte Conni ihr auch nichts von ihrem Vorhaben, nach Kassel zu fahren.


    Nun stand Conni recht weit vorne, drehte sich um und schätzte die Wartenden auf gut 150 Leute.


    Ein Mann öffnete die Tür.
    Der war doch der eine ältere Tänzer von heute Mittag. Und er war der Mann von Dornbirn, der sich im Hintergrund gehalten hatte, während die Rednerin sprach. Dass er Leo Tardo Ellbrede hieß, wusste sie noch nicht.


    Conni war etwa die Zehnte im Saal. In Zweierreihen ging es voran.
    Eine ältere Dame und der Mann, welcher die Tür geöffnet hatte, begrüßten jeden Gast.
    Conni kannte die Frau. Die war die Tänzerin des älteren Paares von heute Mittag. Und sie war auch die ältere Dame, die die Rede in Dornbirn gehalten hatte.
    Die Dame, deren Rede voller positiver Schwingungen und Aufbruchsstimmung war.
    Auch heute war sie wieder mit dem schwarzen Turnanzug und den roten Leggings bekleidet.
    Ihre Haare zierte ein goldfarbener Haarreif, der ihre langen rötlichen Haare vom Gesicht fern hielt.
    Wie hieß sie nochmal? Ihr Name war ja nicht alltäglich. Conni dachte angestrengt nach.


    Als die Dame sie anblickte, um sie zu begrüßen, fiel Conni endlich der Name der Frau ein: Sweliana Ellbrede!


    Connis Gedanke wurde postwendend von Altidantsa Sweliana gelesen.
    "Genau, ich bin Sweliana Ellbrede!" lächelte die Dame mit solch einer Herzenswärme, die Steine schmelzen könnte, "herzlich willkommen zu deiner ersten Harmunde."


    "Danke", staunte Conni.
    Diese Sweliana schien wohl Gedanken lesen zu können, vermutete sie, glaubte allerdings nicht daran. Sie hielt es für Zufall.


    Sweliana bekam es wohl mit, äußerte sich nicht dazu. Sie erinnerte sich aber an die junge Frau ihr gegenüber.
    "Du warst doch schon heute Mittag in der Innenstadt mit dabei, oder? Du kamst uns stets hinterher."


    "Genau! Ich sah dich und die drei anderen tanzen. Ich wusste nicht, dass ihr in der Innenstadt auftreten wolltet. Aber ich hatte mir schon vorgenommen, abends hierher zu kommen, bevor ich euch mittags sah."


    Die ältere Dame freute sich: "Oh, wie schön, das zu hören. Lass dich umarmen."


    Conni staunte noch mehr, als Sweliana sie freudestrahlend umarmte. Conni hatte sie dann endgültig ins Herz geschlossen. Die wünschte sie sich als Tante. Auch spürte sie Swelianas weichen Turnanzug. Wie gut der sich anfühlte! Und das Verlangen in ihr wuchs, selber so einen tragen zu wollen.


    "Und wer bist du?"


    "Ich heiße Cornelia, aber alle nennen mich Conni. Du kannst mich Conni nennen."


    Sweliana zwinkerte lustig.
    "Schön, dass du da bist, Conni-ke-re-da-da."


    "Danke, ich freue mich auch. Was heißt keredada?"


    "Es bedeutet: Mein Liebes, meine liebe Tochter oder Nichte, mein liebes Kind. Es ist eine liebevolle Bezeichnung aus der Sprache der Harmonie. Wir werden übrigens 'ke-re-da-da' und andere Wörter euch am Abend noch erklären. Viel Spaß, liebe Conni."


    "Danke, wie nett!"
    Conni war echt hin. Hier fühlte sie sich geliebt! Diese Sweliana erinnerte sie an ihre Großmutter, die genauso herzlich war.


    Der Saal füllte sich. Vorne war eine kleine Bühne, davor zwei Reihen Stühle, sonst war der Raum leer.
    Conni sah vorne noch zwei andere Personen, ebenfalls in roten Leggings und den gleichen Turnanzügen gekleidet, etwa in ihrem Alter. Die bildeten das jüngere Paar vom Vormittag, und hatten auch in Dornbirn getanzt. Das Paar begab sich auf eine Bühne. Auch Sweliana und der andere Mann traten zu ihnen.
    Es waren dieselben Vier wie mittags in der Innenstadt.


    Sie begrüßten alle Anwesenden und hießen sie herzlich willkommen. Die Vier stellten sich vor. Conni erfuhr, dass Sweliana die Schwester von Leo war, und die beiden anderen in ihrem Alter waren Leos Kinder Xenia und Arnold.


    Sweliana erklärte, dass sich die Teilnehmer der Harmunde zu nichts verpflichten, es war alles freiwillig, und jeder hatte die Möglichkeit, jederzeit wieder zu gehen, ohne Nachteile oder gar Druck zu erfahren. Man musste in keinem Verein sein oder eintreten, die Religionszugehörigkeit oder der Glaube, die politische Überzeugung, die Nationalität, die Orientierung spielte keine Rolle, Geld wurde keines verlangt.
    Also volle Rücktrittsgarantie wurde gewährt.


    Die Vier erzählten vom Wesen der Harmonie und von den drei Stufen.
    Conni freute sich über die Übungen. Einfach und wirkungsvoll. Und klasse dargestellt von den Akteuren. Da sie eng anliegende Turnkleidung trugen, konnte man die Feinheiten auch gut erkennen.


    Und tatsächlich, sie lernten bei den Stufen der Harmonie auch die Begriffe. Sie nannten sich nun alle 'Hami'.
    Merkwürdige Sprache, aber lustig, fand Conni. Sie übten das Einander-Vorstellen.
    "R-Wi-alo Roland ke-re-bru", sagte sie zu ihrem einen Nachbarn, und "R-Wi-alo Katrina-ke-re-ses" zu seiner blondgelockten Begleitung.
    Die waren Geschwister und lebten in Kassel, erfuhr sie.


    Was Conni noch beobachtete, dass Roland und Katrina wohl Xenia zu kennen schienen.


    Das Bekenntnis der Harmonie fand sie sehr ansprechend. Und auch die Aktion mit dem Handspiegel brachte viel gute Laune.
    Die Vier auf der Bühne tanzten für alle noch mal den UV-Tanz, und Sweliana wiederholte dort einen Teil ihrer Dornbirner Ansprache. Conni war tief beeindruckt.


    Lange stand sie nach der Harmunde noch mit den Akteuren in Lycra und einigen Gästen zusammen, um zu plaudern. Es stellte sich heraus, dass Katrina und Xenia Arbeitskolleginnen waren.


    Conni sah immer wieder auf die Turnanzüge von Xenia und Sweliana. Ihr vordringlicher Wunsch nach so einem Turnanzug blieb der Obersten Bewahrerin der Harmonie nicht verborgen. Sie las Connis Gedanken und sprach sie an:


    "Conni-ke-re-da-da, magst du mal mit mir mitkommen? Ich will dir etwas schenken", lud Sweliana sie etwas später ein. Sie bat die anderen, sie die nächsten zehn Minuten nicht zu stören.


    "Gerne."
    Conni dachte an ein Faltblatt oder Buch über die Harmoniebewegung und folgte ihr ins Nebenzimmer.
    Die ältere Frau mit den langen roten Haaren schloss die Tür, zog die Gardinen zu, sprach mit freundlichem Blick zu ihr.


    "Liebe Conni, ich habe deinen Wunsch vernommen. Mehrmals hast du ihn geäußert."


    Ahnungslos erwiderte Conni: "Davon weiß ich nichts. Ich habe doch nichts in der Hinsicht gesagt. Welchen Wunsch denn?"


    "Du möchtest gerne so einen Turnanzug und Leggings wie Xenia und ich haben."


    Conni war überrascht. Woher konnte Sweliana das wissen? Kann sie etwa doch Gedanken lesen?
    "Woher weißt du denn das?"


    "Ich habe ein tiefes Gespür dafür. Nicht alles wird mittels Sprache kommuniziert. Nun möchte ich dir deinen Wunsch erfüllen."


    Wie nett von ihr! Und hat Sweliana denn Turnanzüge und Leggings hier? dachte sie und sah sich um. Der Raum war recht karg eingerichtet, bis auf ein paar Stühle, ein paar leere Tische und einem offenen Regal mit Büchern sowie Pokalen in einer Glasvitrine. Ein großer Spiegel hing an der Wand. Kein Kleiderschrank oder wenigstens ein großes Paket war zu sehen, wo Turnanzüge und Leggings drin sein könnten.


    "Woher nimmst du denn einen Turnanzug für mich?"


    "Lass dich überraschen. Tanze mit mir."
    Damit begann sie mit dem Tanz.


    Conni durchfuhr ein Gefühlsgemisch aus Ahnungslosigkeit, Vorsicht und Neugier. Aber dennoch machte sie mit der älteren Dame mit.


    "Conni-ke-re-da-da, lass dich nicht vom Licht und den Klängen abschrecken, sie gehören dazu und sind harmlos. Tanze solange auf der Stelle, wie ich es dir sage. Wie du tanzt, kannst du selber entscheiden. Nur bleibe in Bewegung."


    Wie von Sweliana vorausgesagt, nahm Conni die Lichtstrahlen und die Klänge wahr, die sie angenehm berührten. Sie hatte den Eindruck, dass die Wände des Raumes verschwanden, eine weiße Sphäre umgab sie, nur Sweliana war zu sehen. Selbst die verblasste ein wenig.
    Conni fühlte eine Leichtigkeit, als wenn alle Last, alle Dinge von ihr abfielen. Nichts hing mehr an ihr. Sie sah, dass Sweliana einen gebündelten Lichtstrahl auf sie richtete, der ihre Beine und Gesäß einhüllte. Ein wenig später fühlte sie sich dort angenehm eingepackt.
    "Tanze weiter, ke-re-da-da."
    Conni fuhr fort zu tanzen, ganz eingenommen vom Licht und der Musik. Nun lenkte Sweliana das Licht um Connis Oberkörper und die Arme. Zu guter Letzt ließ Sweliana ein Lichtbündel auf Connis Dekolleté und ihrem oberen Rücken regnen. Sie verschmolzen an der Oberfläche zu etwas Blinkenden.
    Nach einer Weile forderte sie die junge Tänzerin auf, anzuhalten. Die Lichtbündel und Klänge verschwanden.


    "Oh, war das schön! Ich fühlte mich so leicht. Aber was ist geschehen? Was ist mit mir passiert?"


    Sweliana umarmte sie und bat sie: "Ich habe dir deinen Wunsch erfüllt. Schau in den Spiegel, liebe Conni."


    Als Conni ihr Spiegelbild erblickte, glaubte sie zu träumen. Sie erstarrte, ihre Augen weiteten sich. Eine hübsche Turnerin in roten Leggings und schwarzem langärmeligen Turnanzug mit ihrem verblüfft aussehenden Gesicht guckte ihr entgegen. Die schwarzen Haare steckten in einem Haarknoten mit roter Schlaufe. Der Turnanzug war der schwarze Nereida-3, am Dekolleté ein Tülleinsatz mit Strasssteinen.
    Dann sah sie an sich herab und war fassungslos. Sie musste mit ihren Körper, ihren Händen fühlen, was ihre Augen wahrnahmen. Ihr taktiler Sinn arbeitete auf Hochtouren. Fast ihr ganzer Körper war von zwei Lycra-Kleidungsstücken bedeckt. Dieses Gefühl liebte sie so sehr. Und nun trug sie auf einmal den gleichen Turnanzug mit Leggings wie Sweliana!


    "Oh... ", war das einzige, was sie erstaunt herausbrachte.


    "Gefällt dir dein neuer Turnanzug und die Leggings? Sie sind nun deine. Ich schenke sie dir."


    "Ja... "


    Dann kehrte auf einmal das Leben in Conni zurück. Sie eilte zu Sweliana und umarmte sie unter Freudentränen.


    "Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber tausendmal Dank, liebe Sweliana!"


    "Bitte sehr, Conni-ke-re-da-da. Es war nur die Energie unseres gemeinsamen Tanzes und die Harmonie. Das kann Wunder bewirken."


    Conni war nicht imstande, rationale Gedanken zu erwecken. Sie tanzte berauscht ein paar Minuten mit ihrer Gönnerin.
    Sie spürte, dass irgendwas in ihr wieder ins Lot gekommen ist. Die Harmonie, das war der Weg, den sie künftig verfolgen wollte.
    Sie sah ihre Kleidung auf dem Tisch liegen, fühlte abermals den neuen Turnanzug, die Leggings, und war glücklich.


    Xenia und Arnold kamen auf Gedankenruf ihrer Tante herein, freuten sich mit Conni. Sie tanzten noch ein bisschen und sprachen miteinander über die Harmoniebewegung.


    Conni fühlte sich sehr wohl und sie bereute keine Sekunde, die lange Strecke nach Kassel gefahren zu sein.
    Und dann noch mit zwei nagelneuen Lycrateilen im Gepäck.

  • Ach, wie schön könnte die Welt für Lycrafans sein, könnte man sich seine Kleidung einfach "ertanzen".
    Vor allem, hätte man immer die passende Größe und bräuchte sich nicht über die unterschiedlichen Freiheiten der Hersteller zu ärgern.

  • lycwolf : das wäre ein Traum... Passt alles, Farbe nach Wunsch, kostnix, kein Ärger mit der Post (aktuell sind ZWEI Sendungen an mich abgängig - fast gleichzeitig, ist schon ein starker "Zufall"). Ich hätte bei allem nur irgendwie Bammel, dass sich das Ertanzte nach einiger Zeit plötzlich in Luft auflöst *wie im Märchen* und ich in des Kaisers neuen Kleidern dastehe :roll:

  • Jaja, Fiktion und Realität - leider ein großer Unterschied.
    Aber eine Frage hätte ich da noch:


    Wenn man die Nereida-Geschichte verfilmen würde, wer hätte Interesse daran?
    Also keinen USA-Mega-Blockbuster, sondern eine kleine und feine episodenhafte Erzählung. Da wäre YouTube bestimmt eine spannende Plattform, um zu veröffentlichen?