HAHN IM KORB

  • Nach dem Erfolg von "Voyeur in Erklärungsnot" wurden vielfach Wünsche nach einer Fortsetzung laut. Ein schwieriges Unterfangen, kam die vorangegangene Story doch mit lediglich vier Personen aus die noch nicht einmal Namen brauchten. Nun aber musste eine größere Rahmenhandlung mit vielen neuen Charakteren entworfen werden. Zu Beginn wurde der Umfang auf etwas mehr als das doppelte geschätzt, verflocht sich dann aber in so vielen Handlungsfäden, dass das Ende in weite Ferne rückte. Darüber hinaus war "Hahn in Korb" die erste Episodengeschichte die, inspiriert von anderen Autoren des Lycra Forums, fortlaufend entstand. Sozusagen "on the fly". Daraus resultieren auch diverse Kontinuitätsprobleme, sowie nicht immer abgeschlossene Handlungsstränge und auch Referenzen und Querverweise auf damals aktuelle Foren-Geschehnisse. Der (selbst auferlegte) Druck regelmäßig etwas liefern zu müssen und der Umgang mit äußeren Widrigkeiten oder Schreibblockaden waren eine sehr wichtige Erfahrung.
    Der Text schließt ohne Bruch an den vorangegangenen (Voyeur in Erklärungsnot)an. Als Wiederveröffentlichung in längeren Abschnitten.






    Hahn im Korb


    Fetischstory von lycwolf




    Kapitel 1


    Wieder Freitag.


    Unschlüssig stand er am Eingang der Turnhalle.
    Schon die ganze Woche hatte er ein ungutes Gefühl. Öfter als einmal dachte er daran, einfach nicht hin zu gehen. Erpressbar zu sein missfiel ihm aufs Äußerste. Sollten sie ihn doch bloßstellen. Lieber ein Ende mit Schrecken, als für immer anderen zur Belustigung zu dienen.


    Wenn da nur nicht die anderen Gedanken wären. Jene, die in ihm Wohlgefühle auslösten. Das machte ihm zu schaffen. Konnte er es zulassen, dass ihn das "Sonderturnen" derart erregt hatte?
    Freilich, er war am Wochenende total fertig und hatte Schmerzen in Muskelregionen, von denen er bislang nicht mal wusste dass sie existierten. Aber die sportliche Betätigung in der Kleidung seiner Begierde war eine völlig neue Erfahrung für ihn.
    Bereits nachdem seine "Trainerinnen" ihn letzten Freitag verlassen hatten, schenkte das ihm aufgezwungene Turntrikot Freuden in der Lendengegend, die er nicht für möglich gehalten hatte. Eng eingehüllt vom glänzenden Textil, beschäftigte er sich mehrfach mit sich selbst bis der zuvor schon durchgeschwitzte Turnanzug endgültig einer Reinigung bedurfte.


    Diese gestaltete sich gar nicht so unkompliziert. Er musste Sonntags in aller Frühe aufstehen als seine Eltern noch schliefen. Wie hätte er wohl erklären sollen, dass er einen Mädchenbody im lauwarmen Wasser des Waschbeckens auswusch? Er gab sich einige Mühe, hatte extra das sonst nie gebrauchte Handwaschmittel aus der hintersten Ecke der Besenkammer hervorgekramt und den Anzug sorgfältig durchgewalkt und danach klar gespült. Der Lycrastoff fühlte sich nass unwahrscheinlich gut an, und er musste darauf achten seine Gedanken nicht zu weit schweifen zu lassen.
    Bei der Gelegenheit wusch er auch seine einzigen eigenen Kleidungsstücke aus Lycra. Seine Radlerhose und seine schwarzen Lauftights. Letztere glänzten ungewöhnlich stark, was ihm mehr als einmal Hänseleien seitens einiger seiner Fußballkameraden einbrachte.


    "W..ss machs´ dud´n da?", fragte verschlafen seine unvermittelt ins Bad kommende Mutter.


    Geistesgegenwärtig wickelte er den Turnanzug in seine Laufhose und stotterte: "I...., ich hab meine Trainingsklamotten ausgewaschen."


    "Das muss man doch nicht mit der Hand waschen. Steck sie doch in die Maschine", erklärte sie, immer noch schläfrig.


    "Ähm...", überlegte er verzweifelt nach einer plausiblen Erklärung. "Da waren ... Grasflecken drauf. Wir waren doch am Mittwoch auf dem Rasenplatz."


    Puhh, dachte er, gut gerettet.
    Seine Mutter schlurfte wieder hinaus und brabbelte noch etwas wie: "Sonst faul wie ein Strick, aber wenn´s um Sport geht...." Der Rest ging zwischen Türen und Flur unter.


    Seine Tights konnte er zum trocknen im Bad aufhängen, aber wohin sollte er mit dem Gymnastikanzug? Er wrang ihn so gut es ging aus, aber mit dieser Restfeuchte konnte er ihn natürlich nicht zusammenlegen.
    In seinem Zimmer kam ihm die rettende Idee. Einen Teil seines Kleiderschranks musste er dafür ausräumen. Den Body hing er, feucht wie er war, ordentlich über eine Kleiderbügel und dann hinein. Darunter auf den Schrankboden, legte er ein Handtuch, das die restlichen Tropfen aufsog.
    Einen Tag später war alles trocken und er konnte das Lycragewand zusammenfalten. Bei diesen Berührungen stieg erneut der Drang in ihm auf, den Anzug anzuziehen. Aber er blieb standhaft, denn sonst hätte er ihn sicherlich erneut waschen müssen.
    Bis zum Ende der Woche versteckte er das Turndress, zusammen mit den ledernen Halbschläppchen zwischen seinen anderen Klamotten.


    Und nun stand er wieder hier vor der Halle, immer noch unentschlossen.
    Die Entscheidung hinein zu gehen oder nicht wurde ihm von der rasanten Ankunft eines Rennrads nebst Fahrerin abgenommen.


    "Du bist also tatsächlich gekommen, Turnfetischist."


    Es war das etwas stabilere Mädel, das die Show-Turn-Gruppe anführte.


    "Es wurden bereits Wetten darüber abgeschlossen ob du kommen würdest", sprach sie während sie mit ihrem Rucksack abstieg und zu ihm trat. "Ich war mir nicht so sicher dich nochmal zu sehen."


    "Selbst wenn euer Video schlechte Qualität hat, bin ich nicht scharf drauf dass es sich verbreitet", antwortete er und sie gingen beide ins Gebäude.
    Vor der Mädchenumkleide wartete bereits die knabenhafte Gymnastin mit dem hellblonden Haar. Auch sie schien fast überrascht von seinem Auftauchen, obwohl sie es ja war, die das kompromittierende Filmmaterial über ihn angefertigt hatte.


    "Na?", fragte sie nicht ohne Spott, "Wie ist dir denn deine Lektion bekommen?"


    Etwas angesäuert warf er ihnen vor: "Wegen euch sitze ich beim nächsten Spiel auf der Ersatzbank. Ich konnte am Mittwoch kaum trainieren, weil mir alles weh tat."
    Die abfälligen Bemerkungen seines Mitspielers über seine, wie dieser es nannte "Mädchenleggings", welche wegen der folgenden nonverbalen Auseinandersetzung eigentlich zu seiner Nichtaufstellung führten, behielt er für sich.


    "Ja, ja", tönte es lakonisch von der zierlichen Turnerin, "Eleganz fordert auch Opfer."


    Sie nahm den säuberlich gefalteten Wettkampfanzug und die RSG-Kappen von letzter Woche entgegen und fragte ihre Kollegin: "Worin wollen wir ihn heute stecken?"


    Diese wandte sich an ihn: "Hast du was mit? Ich meine Gymnastikkleidung?"


    "Eine Radlerhose und Lauftights", gab er Auskunft und zog sie zum Beweis aus seiner Tasche.


    Sie musterten beides, bis die Gruppenleiterin meinte: "Wir gehen heute auch an die Kletterseile, da ist es besser was an den Beinen zu haben. Nimm die Laufhose. Sieht übrigens sehr feminin aus. Hast du Schläppchen?"


    Er nickte.


    "Trikot, Body, oder sowas?"


    "Ich hab´ nur ein T-Shirt mit", sagte er in der Hoffnung vielleicht doch wieder in einen der erregenden Turnanzüge gezwängt zu werden, doch sie meine nur: "Das tut´s fürs Erste. Zieh dich um. Später sehen wir weiter."


    "Und lass ruhig die Unterhose aus", setzte die Blonde kichernd nach, als er bereits in der Jungen-Umkleide verschwand.


    Schnell hatte er sich komplett entkleidet und dachte tatsächlich über die Äußerung von soeben nach. Er hatte seine Laufhose noch nie ohne was drunter angehabt. Der Turnanzug hatte sich ja auch gut an seinen Männlichkeitssymbolen angefühlt. Er zog sie über und stellte bereits kurz darauf fest, dass er sich besser beim Training verausgabte. Zur Ablenkung, denn eine Verhärtung in dieser Region würde echt peinlich werden.
    Jetzt noch die Gymnastikschuhe. Es waren schwarze Kunstlederschläppchen mit Gummisohlen, wie sie letztens auch von der rothaarigen Turnerin getragen wurden.


    Vor dem Spiegel im Vorraum stellte er fest, dass er exakt wie ein Ballettschüler aussah. Das weiße Shirt, die schwarze Hose, die mit ihrem Glanz mehr wie eine Gymnastikhose denn wie eine Lauftight wirkte. Und natürlich die Gymnastikschläppchen an seinen nackten Füßen. Nur gut, dass seine Fußballkumpels ihn nicht so sahen.


    In der Turnhalle waren bereits drei Mädels damit beschäftigt verschiedene Geräte und Matten zu positionieren. Von den dreien kannte er jedoch nur die am weitesten von ihm entfernte. An ihrer Haarfarbe. Eine der beiden anderen kam auf ihn zu und sah ihn an, als wolle sie ihn fragen ob er sich verlaufen habe.
    Er wurde bereits nervös und überlegte krampfhaft was er ihr antworten könnte, als wie zur Erlösung die beiden anderen hinter ihm erschienen.


    Die kräftige Brünette nahm ihn unvermittelt am Arm und schob ihn auf die Bodenturnmatte.


    "Kommt mal alle her", rief sie den anderen Turnmädels mit ihrer gewohnt durchdringenden Stimme zu, die sich daraufhin um sie versammelten. "Wir haben einen Gast zum Probetraining. Er hat letzte Woche schon mal reingeschnuppert. Das ist.....", sie blickte ihn verwundert an, "Wie ...heißt du eigentlich?"


    "Ich ..., ääh ... Frank. Ich bin Frank", stotterte er überrascht.


    "Das ist Frank", wiederholte sie an ihre Mitstreiterinnen gewandt. "Wir waren letztens so sehr bei der Sache, dass wir uns nicht lange mit Bekanntmachen aufhielten", überspielte sie die Peinlichkeit und begann mit der Vorstellungsrunde. Also wussten die neuen Mädels nichts von der "Strafaktion".


    "Das hier ist Kim", erklärte sie und deutete dabei auf die jungenhafte Blonde.


    Die angesprochene erwiderte keck "Hi!", und hob dabei die Hand.


    "Auch Annalena kennst du bereits", und wies auf das feurige Haupt neben ihm.


    "Lena", meinte diese unerwartet zahm und reichte ihm die Hand.


    "Und diese beiden....", erklärte sie während die beiden anderen etwas beiseite gingen, "...sind Meike und Alke."


    Unschwer zu erkennen, Zwillinge. Das wird ja lustig, dachte er. Er hatte schon genug Schwierigkeiten damit bei Nicht-Zwillingen Namen mit Gesichtern zu verbinden, aber diese beiden waren identisch! zu allem Überfluss auch noch gleich gekleidet. Schwarze Gymnastikhose und gelber Turnanzug, kurzarm mit geschlossenem Rücken.


    "Mach dir nichts draus", sagte eine der beiden, offenbar seine Ratlosigkeit bemerkend.
    "Selbst unsere Eltern können uns nur schwer unterscheiden", fügte die andere hinzu.
    Alles in allem begann dieses Training doch viel freundlicher als das letzte.


    "So, genug geplaudert. Ein bisschen Stretching zur Einstimmung", wies die Chefin sie an.


    "Ähhm ...", fragte er sie bevor sie zu weit weg war, "Wie heißt du eigentlich?"


    Sie hatte sich selbst bei der Vorstellung ganz vergessen.


    "Sannah", sagte sie. "Nenn mich einfach Sannah."


    Noch während er darüber nachdachte ob das wohl die Kurzform von Susannah sei, begannen die Dehnübungen.
    Rumpfbeugen, Torsionen und Kniebeugen in einem Tempo und einer Anzahl wie er sie beim Fußballtraining noch nie ausführen musste. Das "zarte Geschlecht" legte ein ganz schönes Tempo vor.


    Für das gemeinsame stretchen bekam er Annalena, die feurige zur Partnerin. Sie setzten sich auf der Bodenmatte gegenüber. Ihre gespreizten Beine schimmerten verführerisch im Blau ihres Ganzanzugs. Nicht vollständig Blau. Typischerweise war auch an diesem Kleidungsstück etwas Grünes, nämlich der Kragen und dünne Seitenstreifen. Seine Füße lagen bei ihren und beide griffen sie jeweils das Handgelenk des Anderen und zogen sich gegenseitig vor und zurück. Das zog ganz schön im Rücken und den Oberschenkeln. Bedingt durch Lenas kürzere Beine lagen ihrer beider Schuhe nicht Sohle auf Sohle, sondern ihre eher an den Innenseiten seiner Schläppchen, fast schon etwas höher. Heute trug sie weiße Gymnastikschuhe und die weichen Sohlen ermöglichten ihren kleinen Füßen sich um seine Knöchel herum zu schmiegen, damit sie genügend Halt fand.


    "He, nicht ganz so stürmisch", klagte sie als er zu kräftig zog.


    Es war eine Art Reflex von ihm, weil sich durch den Anblick seiner Dehnungspartnerin etwas in seiner Laufhose regte, was er versuchte durch körperliche Anstrengung einzudämmen. Hätte er doch nur seine Radler untergezogen, schalt er sich im Geiste.


    Ein Händeklatschen erlöste ihn.
    "So Mädels ...- Entschuldigung", korrigierte sich Sannah, "So Leute, genug gedehnt. Wir machen zum aufwärmen einige Runden Zirkeltraining!"


    Eine ganze Menge von dem was das Gerätemagazin hergab war aufgebaut und wie üblich, machte die kräftige Brünette die Übungen vor. Sie trug heute wieder das gleiche Outfit wie letztes Mal. Den oberschenkellangen, schwarzen Ganzanzug. Aber als sie die ersten beiden Böcke überwunden hatte, offenbarte ein unnatürliches Glitzern dass sie heute eine sehr feine Strumpfhose darunter trug.

    Ah ja, Richtig. Die Kletterseile. Deshalb. Sie sprach ja davon, dass es besser wäre heute etwas an den Beinen zu haben. Nachdem sie an dem dicken Tau bis fast unters Hallendach hochgeklettert war, rutschte sie umso schneller wieder daran herunter, um ohne zu zögern zur nächsten Station zu laufen.


    Eine der langen Sitzbänke diente als Hindernis, das es mit Sprüngen aus der Hocke von links nach rechts mehrfach zu überwinden galt. Eine weitere Bank war schräg an einem der länglichen, mehrteiligen Kästen angebracht und sie balancierte darauf bis nach oben.


    Von hier aus ein Sprung in das kleine blaue Trampolin, das einen auf den nächsten Kasten beförderte. Von dort ging es runter auf eine dicke Sprungmatte, wo sie sich in einer Rolle vorwärts abrollte.


    Ein Slalomspurt durch etliche, aufrecht stehende Stangen und das durchkriechen durch zwei aufeinander folgende Kastensegmente beendete den Parcours.


    Dann ging es auch für die anderen los. Die wieselflinke Kim, heute mit roter Steghose und weißem Body, krabbelte bereits das Seil empor, als Lena, die zweite in der Reihe, noch beim Anlauf auf die Böcke war. Die Zwillinge folgten und er selbst bildete den Schluss.
    Bockspringen hatte er ja ausgiebig geübt und konnte entsprechend mithalten. Als er aber das armdicke Tau in Händen hielt, bahnten sich die Erinnerungen an den Schulsport ihren Weg in sein Gedächtnis. Das konnte er damals schon nicht leiden. Alleine über den dicken Knoten hochzukommen war eine Qual, weil das blöde Seil immer wieder in jede Richtung auswich. Mit viel Anstrengung schaffte er es endlich. Das hochklettern selbst war etwas einfacher. Vor allem die Gummisohlen seiner Gymnastikschuhe gaben guten Halt an dem kratzigen Strick.


    "Das Seil ist nicht so dein Ding, wie?, fragte die Anführerin die bereits am Nachbarseil hochkletterte, also schon wieder einen Umlauf komplettiert hatte und sich anschickte ihn zu überrunden. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen und kürzte einfach ab indem er sich bereits ab der Mitte wieder hinunterrutschen ließ.


    "Na warte", hörte er es gespielt erzürnt über sich, während er bereits in Hocksprüngen das Bank-Hindernis überwand und die schräge Ebene hinauflief. Das Trampolin meisterte er gut, aber das Abrollen nach dem Sprung vom folgenden Kasten war nicht gerade Elegant.


    "Gleich hab´ ich dich", vernahm er hinter sich, was ihn dazu antrieb sich zu beeilen.


    Beim Slalom kam ihm sein Fußballtraining zu Gute. Er holte genügend Vorsprung heraus um auch beim tauchen durch die Kastenteile vorn zu bleiben.
    Das Ganze schlauchte gewaltig, machte andererseits aber auch richtig Spaß. Trotzdem musste er sich das nächste Mal an den Seilen geschlagen geben. Auch die drahtige Kim in ihrem mattweißen Gymnastikdress zog an ihm vorbei. Für die schmale Blonde schien nichts zu schwer zu sein.
    Die rote Mähne in dem glänzend blauen Anzug konnte er jedoch noch zwei Runden hinter sich halten bis ein erneutes Händeklatschen das Ende des Aufwärmens verkündete.


    Puhh! Er war ganz schön außer Puste. Ein Blick in die Runde zeigte jedoch, dass es ihm nicht alleine so ging. Ein leichter Schweißfilm, gepaart mit dem sehr glatten Lycra ließ seine Lauftights rutschen. Um diesem mehr Halt zu geben, stopfte er sein T-Shirt in den Bund, statt es darüber hängen zu lassen. Dadurch sah er nun endgültig aus wie ein Ballettschüler.


    "Das treibt den Puls hoch, was?", fragte Meike. Oder war es Alke?


    Gleich ihm schnaufte sie vornüber gebeugt mit hängendem Kopf, die Hände auf die Knie gestützt. Der geflochtene, dunkelbraune Zopf hing ihr dabei bis vors Gesicht. Ebenso bei ihrer Schwester, die daneben stand.


    "Das kannst du laut sagen", antwortete er sobald er wieder genügend Luft bekam.


    Jetzt erst, fiel seinem nach unten gerichteten Blick eine Möglichkeit zur Unterscheidung auf. Die Zwillinge sahen sich zwar zum verwechseln ähnlich und waren gleich gekleidet. Jedoch mit einem Unterschied. Zwar trugen beide die gleichen weißen Wettkampfschläppchen, aber das eine Paar hatte rote Streifen, während das andere Blaue aufwies. Das half ihm natürlich erstmal nicht weiter. Er musste noch herausfinden welcher Name zu Rot, und welcher zu Blau gehörte.


    "OK, Leute", unterbrach die durchdringende Stimme seine Forschungen und holte ihn wieder in die Welt zurück. "Jetzt wo wir einen kräftigen Mann bei uns haben", dabei sah sie zu ihm, "können wir den Mittelteil der Show vielleicht noch etwas ergänzen"


    Sie sprach von ihm als sei er bereits als festes Mitglied eingeplant.
    Da hab´ ich aber noch ein Wörtchen mit zu reden, dachte er sich.


    Sannah stellte sich an die Mitte einer Seite des Bodenturn-Quadrats.


    "Mir schwebt folgendes vor: Frank schlägt von hier aus ein Rad und kommt in der Mitte zum stehen. Ihr beide", dabei zeigte sie auf die Zwillinge, "kommt aus den gegenüberliegenden Ecken mit zwei Flic-Flacs. Ihr müsst alle drei gleichzeitig in der Mitte zum stehen kommen. Frank, du gehst dann leicht in die Grätsche und beugst die Knie. Die beiden anderen stellen sich mit jeweils einem Fuß auf deine Oberschenkel und halten sich mit den Händen an deinen fest während sie sich so weit wie möglich nach außen lehnen. Gleichzeitig veranstalten alle anderen, heute halt nur wir drei, ein Gewusel aus Flugrollen um euch herum."


    Das klang jetzt erst mal sehr theoretisch, aber sie schien ein bestimmtes Bild vor Augen haben.
    Unnötig zu erwähnen wie sehr der erste Versuch fehlschlug. Alle sprangen unkoordiniert durcheinander und eine der Schwestern verfehlte seine Hand und fiel auf die Matte. Da jetzt aber das Gegengewicht fehlte, fiel die andere samt ihm im Schlepptau zur anderen Seite.


    "Stop, Stop! So wird das nichts!"




    Kapitel 2


    Alle stellten sich wieder auf der Turnmatte auf.


    "Lasst uns Stück für Stück vorgehen. Zuerst mal nur die Hebefigur alleine. Vom Stand in der Mitte aus. Ab dem Zeitpunkt, wo ihr alle im Strecksprung beieinander steht."


    Frank und die Zwillinge stellten sich wie angewiesen auf.


    "Die Sequenz ist in vier Schritte unterteilt. Auf eins beugst du die Knie, Frank. Auf zwei stellt ihr beiden jeweils einen Fuß auf seine Oberschenkel. Ihr müsst guten Halt haben. Auf drei fasst ihr euch gleichzeitig an den Händen, und auf vier streckt ihr euch so weit es geht nach außen."


    "Und eins...", klatschte die kräftige Brünette in die Hände. Er ging in der Grätsche leicht in die Knie.


    "... und zwei..." Die Füße der Schwestern schmiegten sich an seine Oberschenkel.


    "... und drei..." Er streckte seine Arme seitlich aus und bekam jeweils eine andere Hand zu fassen.


    "... und vier!" Die beiden Mädels lehnten sich nach außen und er bekam mächtig Zug in Armen und Rücken.


    "Und halten! Frank, nicht zu dir heranziehen. Lass die Arme gestreckt!"
    "Meike, die Hand weiter nach außen ... Arm etwas höher ... ja genau so, Alke, Fuß überstrecken ... und lächeln nicht vergessen!"


    Aus dem Lächeln wurde ein Lachen, was ihre Formation zusammenfallen ließ. Davon abgesehen klappte es mit der Taktung aber bereits ganz gut.


    "Ich schlage vor", meinte Sannah, "dass ihr ´rüber zu den kleineren Matten geht und die Takte einübt, während wir uns hier um den Aufbau der Flugrollen kümmern, damit wir uns nicht die Schädel an einander einschlagen."


    Die Idee schien einleuchtend. Anstatt wieder nur Durcheinander zu erzeugen, wurden zunächst einzelne Abschnitte perfektioniert.
    Auf der großen Bodenmatte übten die verbliebenen Gymnastinnen eine Flugsequenz ein, bei der sich ihre Bahnen übereinander kreuzten ohne zusammen zu stoßen. Auch das ging nicht ohne blaue Flecke ab. Am leichtesten fiel es natürlich dem schlanken, blonden Wirbelwind. Mühelos hechtete sie kreuz und Quer über ihre Kolleginnen, die sich ihrerseits überkreuzten. Mit der ganzen Mannschaft. pardon, Frauschaft musste der Effekt Atemberaubend sein. Vor allem, wenn man sich die einheitlichen, glänzenden Lycratrikots dazu dachte.


    Meike, Frank und Alke indes verbesserten sich ebenfalls. Wie ein Uhrwerk liefen die Bewegungen ab. Sie fassten sich nun nicht mehr an den Händen, sondern an den Handgelenken, was viel sicherer war. Mit steigendem Vertrauen in ihre Fähigkeiten, wurde der Ablauf fließender und bekam mehr Schwung. Nach einer Weile versuchten sie die Übung noch zu verfeinern. Bereits in der Luft, verlagerten die grazilen Turnmädels ihre Füße von seinem Oberschenkel zu seinem Hüftansatz. Durch den nach außen gelagerten Schwerpunkt war das ohne weiteres machbar. Dies ermöglichte Frank sich gerade zu stellen und sich langsam einmal um seine Achse zu drehen.
    Das machte den dreien übermütigen Spaß - zu viel, wie sich herausstellte, denn die Konzentration ließ nach und sie fanden sich unversehens in einem verschlungenen Knäuel wieder. Sie lagen am Boden und die Beine des einen Zwillings waren um Franks Oberschenkel geklammert und sie bekam sie nicht mehr entwirrt, da sein Bein ja darüber lag. Zudem drückte der Fuß der anderen sanft auf sein Vergnügungszentrum.


    Das war eindeutig mehr als er ertragen konnte. Gefangen in glänzenden Lycrabeinen, umschlungen von seinem Lieblingsmaterial von total süßen Mädels. Dazu das unbeabsichtigte reiben des Schläppchens an einer sowieso vom scheuern der Laufhose überreizten Stelle.
    Er befürchtete sich zu blamieren. So schnell er konnte kämpfte er sich frei und strebte dem Ausgang entgegen. Seine südlichen Regionen signalisierten unübersehbar Paarungsbereitschaft. Lycrahosen stellen sowas sehr unverhohlen dar.


    "Ähhm... ich muss .. äh... mal kurz raus", rief er den fragenden Blicken seiner Partnerinnen zu, bedacht darauf ihnen nicht den Schritt zu zuwenden.

    Eine Schwachsinnsidee nichts unter der Laufhose zu tragen, dachte er als er außer Atem in der Umkleide ankam. Flugs zog er die Tights aus und streifte statt dessen seine Radler über. Diese waren enger und würden alles etwas besser im Zaum halten. Zum Schluss wieder die verräterische Gymnastikhose darüber. Er musste nur sicher stellen, dass der Stoff seines Shirts zwischen den beiden Beinkleidern lag. Lycra rutscht nämlich auf Lycra nochmals besser als auf feuchter Haut.


    Hoffentlich hab ich mich nicht zu sehr blamiert, dachte er als er bereits wieder zurück wollte. Erst jetzt bemerkte er, dass er offenbar nicht als Einziger heute die Umkleide benutzte. Auf der anderen Bank lagen nämlich Kleidungsstücke und darunter zwei Sporttaschen.
    Oh nein, dachte er, nicht dieser Blödmann. Eine der Taschen konnte er ohne Mühe seinem Fußballkollegen Marc zuordnen. Jenen, mit dem er letztens schon Streit hatte, wegen seiner abfälligen Bemerkungen ihm gegenüber.
    Nichts wie raus, schoss ihm durch den Kopf, bevor wir noch aufeinander treffen. Marc war der Letzte dem er sich in seinem jetzigen Aufzug zeigen wollte. Er sprintete durch den Flur, doch dann hörte er auch schon das klackern von Stollenschuhen auf dem Fliesenboden. Marc kam mit Seb im Gefolge um die Ecke. Wahrscheinlich hatten sie außer der Reihe noch etwas Elfmeterschießen geübt.


    "Ey, wie siehst du denn aus?", fragte dieser langsam in seinem typischen, fast schon debilen Tonfall.


    Frank lief einfach weiter um die Begegnung so kurz wie möglich zu halten. und entgegnete knapp: "So wie man halt zum Turnen aussieht."


    Bereits auf de Treppe zur Halle hinunter hörte er noch: "Turnen?. Du siehst eher aus wie fürs Ballett!", und kurz darauf wesentlich leiser "Passt zu dir!"


    Das hatte jetzt gerade noch gefehlt. Sowas war diesem geistigen U-Boot-Fahrer doch wieder Wasser auf die Mühle. Der würde sich nächsten Mittwoch bestimmt nicht zurückhalten. Aber im Moment hatte er andere Aufgaben zu erledigen.


    Wieder in der Turnhalle standen die anderen zusammen.
    "Alles OK?", fragte Lena, die bei den Zwillingen stand.


    "Ja, ich.... ich musste nur mal .... kurz raus", druckste er herum.


    "Wir wollen die Übungsteile beim nächsten Mal zusammen mit den anderen Kolleginnen im Verbund üben. Wir könnten die restliche Zeit jetzt noch nutzen um noch kurz was am Seil zu probieren", Erklärte die Trainingsleiterin. "Dazu brauchen wir aber jemand kräftiges."


    "Das Seil ist nicht gerade meine Top-Disziplin", meinte er zu seiner Verteidigung.


    "Du sollst auch nicht hochklettern. Das übernehmen Lena und Kim. Du musst nur das Seil straff nach unten ziehen, damit es sich möglichst wenig bewegt. Später, wenn die beiden soweit sind, sollst du es in langsam kreisende Bewegung versetzten. "


    "So wie bei Zirkusartisten?", versicherte er sich verstehend.


    "Genau so."


    Die knabenhafte Blonde erklomm das Seil als erste. An ihrem Arm hingen zwei Halteschlaufen, von denen sie eine ungefähr in der Seilmitte, die andere etwa einen Meter darüber mit einem Schnellverschluss befestigte.
    Als danach der Rotschopf ebenfalls hinaufkletterte, musste er sein ganzes Gewicht unten an den Knoten hängen um das Ausweichen zu verringern.


    Die beiden hielten sich jeweils mit der Hand an einer Schlaufe fest und drückten weiter unten mit dem Fuß gegen das Tau. Sie waren in der Höhe leicht versetzt zueinander, und so machten sie aus dem Seil trotz seiner Spannung eine Zickzack-Linie.


    "Jetzt langsam und gleichmäßig kreisen", wurde er angewiesen.


    Er vollführte rotierende Bewegungen mit dem Seilende und achtete darauf einen möglichst gleichmäßigen Bogen zu beschreiben. Ihm blieb zwischen den dick gepolsterten Matten kaum ein halber Meter. Als die Fliehkraft die Turnerinnen nach außen trieb, wurde es einfacher das Tau in Bewegung zu halten.
    Er riskierte einen Blick nach oben. Wie die beiden Gymnastinnen mit ausgestrecktem Arm und Bein durch den Raum glitten, war Eleganz in Perfektion. Er konnte sich kaum sattsehen an ihrer Grazie, den glitzernden Lichtreflexen auf ihrer Kleidung, Kims biegsamen Körper und dem wehenden, roten Lockenschopf von Annalena.


    "Körperspannung halten!", mahnte Sannah. "Ihr müsst es bis in die Fingerspitzen fühlen. Fußspitzen pointieren!"


    Sie setzten die Korrekturen sofort um.


    Etwas später hielten die schwebenden Gymnastinnen sich mit der bisher freien Hand ebenfalls fest, ließen dafür aber den Fuß vom Seil nach außen wandern. Er musste das Tempo erhöhen, damit ihre Körper in die horizontale gezogen werden konnten. Nun flogen sie vollends. So etwas kannte er allenfalls aus dem Fernsehen, aber nicht von einem regionalen Turnverein. Straff bis in die Zehenspitzen kreisten die Gymnastinnen durch die Turnhalle. Mit effektvoller Beleuchtung und dramatischer Musik untermalt hätte das Weltklasse. Auch die umstehenden Mädels bekamen den Mund nicht mehr zu.


    "Was meinst du, wie das erst im Kostüm wirkt?", fragte der Zwilling mit den Blau gestreiften Schläppchen.


    Die Wettkampfanzüge kannte er ja bereits. Er hatte ihre Wirkung buchstäblich am eigenen Leib erfahren.
    Er nickte zustimmend und ließ kurz darauf die Bewegung zum Ende hin langsam auslaufen.


    "Das war Geil", riefen beide unisono als sie wieder am Boden waren.


    "Wenn das Tau ordentlich geführt wird, ist das alles viel einfacher", wand sich Annalena anerkennend an ihn. Fast wurde er schamhaft Rot wegen des unvermuteten Lobs.


    "So meine Lieben, das war´s für Heute. Lasst uns zusammenräumen"


    Auf dieses Kommando hin, griff sich jede das was ihr gerade am Nächsten war und räumte es wieder an seinen Platz. Das meiste ins Gerätemagazin an der langen Hallenseite. Frank eilte dem Zwilling mit den blauen Markierungen an den Schuhen zur Hilfe. Sie mühte sich gerade mit einer der großen Turnmatten ab. Er fasste auf der Gegenseite mit an.


    "Na", fragte sie, "wie hat dir das Probetraining gefallen?"


    "Anstrengend, Alke", antwortete er etwas außer Puste weil er gerade die schwere Matte hochkant an die Wand gewuchtet hatte.


    "Nee, Meike", korrigierte sie ihn.


    "Sorry"


    "Kein Problem"


    "Anstrengend, aber auch Klasse wegen der vielen unterschiedlichen Übungsteile. Viel besser als letztes Mal. Da war es...", er machte eine Denkpause, "... sehr ... einseitig, äußerst fordernd."


    Er wollte natürlich auch nicht ausplaudern, warum er überhaupt hier war.


    Nachdem sie die letzte Matte ebenfalls hochkant gestellt hatten, waren auch die anderen soweit fertig und strebten langsam dem Ausgang zu. Meikes Schwester war bereits weg, genau wie Annalena. Nur Kim und Sannah standen noch am Ausgang.


    "Ähhm ...", begann Meike zögerlich, als wüsste sie nicht recht wie sie es sagen sollte. "Vorhin als wir ..., also als du ... schnell mal raus musstest ..."


    "Ja, tut mir leid ...", fiel er ihr ins Wort, ".... die Situation.... ich bin halt auch nur ein Mann."


    "Ich sehe das nicht so eng", beschwichtigte sie ihn. "Das kann ja mal vorkommen. Ich meine nur, wenn du keinen Slip oder so drunter tragen willst, warum nimmst du kein Susi?"


    "Wer ist Susi?"


    "Ein Suspensorium."


    "Verstehe nicht."


    "Eierbecher?"


    Jetzt endlich fiel bei ihm der Groschen.


    "Ah, ja. Jetzt hab´ ich´s verstanden. Weißt du, ich bin noch ziemlich neu bei der Sache, und hab´ noch nicht so die Ahnung ..."


    "Ich gehe am Donnerstag in den Gymnastikladen in der Stadt, ein paar neue Sachen kaufen. komm doch einfach mit", forderte sie ihn auf. "Vielleicht kann ich dich etwas beraten."


    "Das ... das wäre toll", antwortete er, "aber ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt mit dem Turnen weiter machen will ... deshalb ..."


    "Solltest du aber. Du bist nicht unbegabt."


    Schon wieder ein Lob. Irgendwie begann ihm diese ganze Sache zu gefallen.


    "Ich mach dir einen Vorschlag. Ich warte Donnerstag Abend gegen Sechs am Marktplatz. Wenn du willst, kommst du einfach vorbei, dann gehen wir zusammen, OK? Ich muss los", verabschiedete sie sich.


    "Danke, is Nett von dir.", konnte er ihr noch nachrufen, ehe sie ebenfalls aus der Turnhalle verschwand.


    Sannah und Kim schienen uneinig über etwas zu sein. Zumindest deutete er ihre Gesten so.


    "Wart´ mal noch kurz", hielt ihn die stattliche Brünette auf. "Hast du mal drüber nachgedacht?", wollte sie wissen.


    "Worüber?" Er stand gerade etwas auf dem Schlauch.


    "Über das Angebot bei uns einzusteigen. Wie schon gesagt, halte ich dich zwar für pervers was deine ungewöhnliche Neigung zu Gymnastiksachen angeht, aber ich bleibe auch bei meiner Einschätzung, dass du Talent hast. Zumindest genügend um nicht zu weit aus unserem Rahmen zu fallen."


    "Lasst ihr mir denn eine Wahl?", fragte er in der Überzeugung, dass sie ihn weiter erpressen würden wenn er nicht freiwillig mitmachte.


    "Ich denke, dass ich dich mittlerweile etwas einschätzen kann", antwortete Sannah. "Ich glaube dir, dass du nicht in die Dusche spannen wolltest. Du hast dich wacker geschlagen und deine Strafe verbüßt."


    "Kim", wandte sie sich an die zierliche mit dem momentan etwas säuerlichen Gesichtsausdruck.


    "Och, Menno!", zeterte diese.


    "Komm, gib das Smartphone her."


    Trotzig knallte sie das Gerät in die Hand ihrer Anführerin. Diese wischte und drückte ein paarmal und hielt ihm dann das Display vor die Nase. Vor einem Standbild das unzweifelhaft hier in der Turnhalle aufgenommen war und das einen Typen in einem feuchtglänzenden Turnanzug in Grün und Schwarz zeigte, prangte ein Button mit der Aufschrift "Löschen". Sie drückte darauf und auch auf das folgende Feld, das mit "Bestätigen" beschriftet war. Ein blauer Fortschrittsbalken war zu sehen, dann war das Video gelöscht.


    "Möchtest du unter diesen neuen Rahmenbedingungen bei uns einsteigen?", fragte sie ihn nochmal.


    Er wusste es nicht.
    Nicht nur, dass er nicht wusste was er dazu sagen sollte. In seinem Kopf schienen sich momentan nicht alle Gedanken in die richtige, geschweige denn in eine sinnvolle Richtung zu bewegen.
    Was sollte er antworten? Auf der einen Seite hatte er nie Interesse am Turnen als solches gehabt. Es ging immer nur um die Lycraklamotten. Andererseits hatte es ihm zumindest Heute richtig Spaß gemacht und als Turner konnte er so oft er wollte Lycra tragen.
    Die Gesprächspause dauerte bereits ungemütlich lange.


    "Ich...", begann er noch immer mit sich selbst ringend, "... Ich ... weiß nicht. Muss mir das nochmal durch den Kopf gehen lassen. Ich sag´s euch falls ich nächstes Mal wiederkomme, OK?"


    "Natürlich", antwortete sie. "Denk´ daran, du bist uns willkommen."




    Kapitel 3


    Mittwoch, Fußball.


    Nach der kurzen, aber umso unangenehmeren Begegnung am Freitag mit Marc war er extra früher her gekommen. Er wollte seinem Spott so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten und hatte sich deshalb bereits umgezogen und lief sich auf der Aschenbahn warm. Die Temperaturen waren angenehm, deshalb trug er statt der Lauftights nur seine Radlerhose mit den Fußballshorts darüber. Nach und nach trafen auch die anderen Kameraden ein und taten es ihm gleich.


    "Hallo, Frank. Wie geht´s?"


    Die Stimme gehörte zu Alessandro, der sich neben ihm an seinen entspannten Trab anpasste.


    "Bin nicht so gut drauf", antwortete er. "Und selbst?"


    "Unsere neue Freiterrasse ist endlich fertig. Jetzt brauchen wir nur noch gutes Wetter, dann können wir unseren Gästen endlich einen Biergarten bieten."


    Alessandro war der Sohn des ortsansässigen Pizzabäckers. So ziemlich der mittlerste aus einem Stall von Kindern. Er hatte nur wenig italienischen Akzent, schließlich war er hier geboren und aufgewachsen. Und er war einer seiner ältesten Freunde, schon seit dem Kindergarten.


    "Warum bist du nicht gut drauf?", wollte dieser wissen, während sie weiter ihre Runden abseits der Hauptgruppe drehten.


    "Ach, ich weiß auch nicht. Momentan geht vieles drunter und drüber. Das mit der Wohnung hat nicht geklappt. Bei jungen alleinstehenden sind Vermieter immer etwas voreingenommen. Wie´s scheint, denken alle wir hätten nichts besseres zu tun als andauernd laute Parties zu veranstalten ..."


    "Na das kann man von dir ja wirklich nicht behaupten", bemerkte der Italiener nicht ohne Ironie.


    "Der Fußball macht mir nicht mehr so richtig Spaß, bei der veralteten Führung. Der Trainer lässt einfach keine Verbesserungsvorschläge zu. Stillstand ist Rückschritt, das sieht man ja an unserer Tabellenposition."


    "Da hast du Recht", pflichtete er ihm bei. "Ich hab ja auch schon vergeblich versucht neue Spielzüge reinzubringen, damit die Gegner uns nicht immer ins offene Messer laufen lassen. Aber gegen die Rädelsführer ...", dabei wies er im Lauf mit dem Kopf auf die kleine Gruppe die um den Trainer herumstand, "kommt man nur schlecht an."


    "Blut ist halt dicker als Wasser." Damit spielte Frank auf die Verwandtschaftsverhältnisse von Trainer, Abteilungsleiter, Stürmer und Mannschaftskapitän an.


    "Weil du gerade die Kerntruppe erwähnst", sagte Alessandro, "Marc hat in der Kabine rumerzählt du würdest lieber Ballettstunden nehmen als Fußball zu spielen, und dass das auch besser deinen Fähigkeiten entspräche. Zumindest seine "Hofnarren" fanden das witzig. Warum nimmt er dich immer wieder aufs Korn?"


    "Toleranz gehört nicht gerade zu seinen Stärken! ich dachte mir schon, dass sowas kommt. Wir haben uns zufällig getroffen."


    Etwas überrascht fragte der Italiener: "Und wie kommt er auf die Sache mit dem Ballett?"


    "Du kannst dir bestimmt vorstellen", antwortete Frank, "Dass Marc in seiner begrenzten Wahrnehmung der Welt nicht mal genau versteht was er selbst sieht. So wie er beispielsweise meine Tights immer als Strumpfhosen tituliert. Allerdings kann ich darüber langsam nicht mehr lachen. Worauf er aber anspielt ist, ich hatte ein "Probetraining" bei den Turnerinnen."


    "Ey Mann, Geil!", rief sein Gegenüber anerkennend aus. "Bei lauter Mädels? Na du bist mir ja einer. Und, wie war´s?"


    "Nicht schlecht. Ich denke ernsthaft darüber nach bei denen einzusteigen."


    "Cool!"


    Die Fußballer sammelten sich am Ende des Platzes, wo bereits die Bälle für das folgende Training bereit lagen.


    "Da ist ja unser Ballettschüler", stellte Marc in abfälligem Tonfall fest, was seine Entourage zu spöttischen Lachen animierte.


    Musste ja so kommen, schließlich hatte er ihm durch die Begegnung in seinen Turnsachen eine Steilvorlage geliefert. Allerdings hatte er für solch engstirniges Verhalten nicht mehr nur Mitleid übrig. So langsam wurde Mobbing daraus.


    "Ich würde mich ja gerne geistig mit dir duellieren, Marc, aber ich merke du bist unbewaffnet", konterte er während er sich einen Ball aus dem Pulk nahm.


    Marc starrte ihn mit offenem Mund an.


    "Vielleicht können dir ja deine Kumpels bei den Worten helfen, die du nicht verstanden hast", antwortete Frank auf den unsicheren Gesichtsausdruck. "Aber an deiner Stelle würde ich mir da nicht so viel Hoffnung machen."


    Jetzt kamen die Lacher aus der anderen Richtung.


    Die Trillerpfeife ertönte.


    "Genug ihr beiden", ermahnte der Trainer, mehr an Frank gewandt, der jedoch bereits dem hinteren Spielfeld zustrebte.


    Trotzdem. Dieser Punkt jedenfalls ging jedenfalls eindeutig an ihn.



    "Machst du mit, Sandro?", forderte er seinen Kumpel zum Partnertraining auf.


    Zunächst kamen zur Auflockerung einige Rumpfdrehungen. Dabei standen sie Rücken an Rücken und übergaben sich so schnell es ging abwechselnd den Ball mit den Händen zur Seite hin. Später auch über Kopf und zwischen den Beinen durch.


    Danach waren Ballführung, Angriff und Verteidigung an der Reihe. Dazu beanspruchte jedes Paar einen Streifen quer über die kürzere Seite des Spielfelds. Beide liefen von außen in Richtung Mitte. Der eine dribbelte mit dem Ball auf den anderen zu. Der ohne Ball versuchte diesen ab der Hälfte des Wegs an sich zu bringen, während der jeweils andere das mit geschickter Beinarbeit zu verhindern suchte. Danach bewegten sie sich wieder entgegengesetzt zum Seitenaus und alles begann von vorn.


    Zwischen Frank und Alessandro verlief diese Übung sehr ausgeglichen, da sie beide ähnlich gut im Mittelfeld waren.


    "Wie iss´n das so beim Turnen?", erkundigte sich Sandro. "So wie früher in der Schule?"


    "Ähnlich", erwiderte Frank der ihm gerade den Ball geschickt abgeluchst hatte und davon dribbelte. "Ähnlich, aber doch... anders. Fast so wie Fußball, nur ohne das Treten. Dafür aber anstrengender."


    "Und mit besserem Ausblick", spielte er auf die Mädels an.


    Aus der Ferne war ein Schrei zu hören.


    "Pass doch auf, du Blödmann!" Unverkennbar Marc, der mal wieder seinem Partner in die Hacken getreten hatte.


    Ein doppelter Pfiff rief die Spieler zusammen.


    Trainingsspiel.


    Es musste nicht lange gewählt werden, denn die beiden Mannschaften formierten sich wie üblich von selbst. Zur Unterscheidung, gab der Trainer der einen Gruppe orangerote Schärpen, welche diese wie den Gurt einer Tasche umlegten.


    "Das bräuchten wir eigentlich nicht", kommentierte Alessandro leise, so dass nur Frank ihn hören konnte. "Auch heute spielen wieder die Blöden gegen uns Normale."


    Frank musste laut lachen. Das entging auch den Gegnern, angeführt von Marc nicht.


    "Dir wird das Lachen schon noch vergehen, Klugscheißer", war der zu erwartende Kommentar.


    "Ich lache nur, weil du anscheinend immer noch mit dem beschäftigt bist, was ich dir vorhin gesagt habe. Ich will dich aber nicht überfordern. Lass uns spielen."


    Außer einem zornigen Blick gab es keine weitere Regung.


    Anpfiff


    Die Gegner waren umgehend im Ballbesitz und Marc preschte aufs Tor zu. Man durfte ihn wegen seiner begrenzten Auffassungsgabe nicht unterschätzen. Als Stürmer war er ungeschlagen. Was ihm an Taktik fehlte, machte er mit Dampframmen gleichem Sprint wett. Mit seinem ständigen Begleiter Sebastian bildete er ein gefährliches Team.


    Tor! 1:0


    War vorauszusehen.
    Aber jetzt war auch die eigene Truppe aufgewacht und störte die anderen bereits früh in ihrem Vorwärtsdrang. Sandro hatte den Ball und Seb kam ihm nicht hinterher, als dieser zu Frank abgab, der seinerseits den freistehenden Vince anspielte. Für diesen sollte das Einlochen eigentlich nur noch Formsache sein.


    "Aus dem Weg, Ballerina!"
    Der Grobmotoriker stieß ihm absichtlich den Ellbogen in die Rippen, wofür Frank ihn noch am Absatz erwischte.


    Tor!


    Pfiff! Kein Tor.
    Der Trainer / Schiedsrichter plädierte auf Revanchefoul.


    "Freistoß"


    Marc lachte hämisch: "Du Schwuchtel!"


    Durch den ungerechtfertigten Freistoß waren jetzt die Gegner wieder am Ball und zögerten nicht diesen Vorteil zu verwandeln.


    2:0


    Das sollte aber erstmal ihr letzter Erfolg sein. Die Truppe um Alessandro und Frank hebelte mehrfach in Folge den gegnerischen Sturm mit simplen Doppelpässen aus und erzielte ebenfalls zwei Treffer.


    2:2


    Gerade schickten sie sich zum dritten Tor an. Frank lief sich frei um eine Flanke anzunehmen, da sah er auch schon seine Nemesis mit Zornesröte im Gesicht auf sich zukommen. Marc ließ sich fallen und die Stollen seiner Schuhe zielten geradewegs auf Franks Schienbein. Seine Version der Blutgrätsche.
    Doch Frank reagierte instinktiv. Wie er es bis zur Ohnmacht geübt hatte, sprang er aus dem Stand in die Höhe und ließ den Foulspieler unter seinen gespreizten Beinen durchrutschen.
    "Might as well - Jump", sang er, bekam wieder zurück auf dem Boden den Ball zu fassen, und:


    Tor!


    3:2


    Erneuter Pfiff


    "Das Tor wird nicht gegeben!", rief der Schiedsrichter, und zeigte statt dessen Foulspiel an.


    Na endlich pfeift er auch mal gegen seinen Neffen, dachte Frank. Das war ja auch unübersehbar.
    Doch was war das? Er konnte es nicht glauben. Der Trainer entschied für die Gegenseite!


    "Das gibt´s doch nicht!", ging Frank den Mann mit der Trillerpfeife an. "Er hat doch das Foul begangen!" und zeigte dabei auf Marc.


    Alessandro zog ihn beiseite, bevor es noch mehr Ärger gab.


    "Lass gut sein", versuchte er ihn zu beruhigen. "Wir haben´s ja alle gesehen, aber die parteiische Entscheidung des Schiedsrichters steht nun mal."


    "Eine Gemeinheit", schnaubte Frank und musste tatenlos mit ansehen, wie Marc den ihm zugesprochenen Elfmeter zum Sieg seiner Gruppe verwandelte.


    2:3 Endstand


    "Geh ´du lieber zu den Mädchen und lerne tanzen, du Tucke!"


    Diese erneute Beleidigung Marcs war zu viel. Frank stürzte sich auf ihn und packte ihn am Kragen.


    "Sofort aufhören!", brüllte ihn der Trainer an. "Oder willst du wieder auf die Ersatzbank?"


    Frank schluckte es runter, war aber nicht zufrieden mit sich. Wie lange sollte er sich diese Ungerechtigkeiten noch gefallen lassen?
    Auf das folgende, abwechselnde Elfmeter schießen hatte er schon gar keinen Bock mehr und so stellte er sich ganz hinten an. Vor ihm hatten Marc und Seb ihre Elfer versenkt und triumphierten ausgelassen.
    Unkonzentriert nahm er Anlauf, erwischte den Ball nicht richtig und pfefferte ihn am Pfosten vorbei.


    "Zieh anstelle der Fußballschuhe doch deine Ballettschläppchen an. Vielleicht triffst du dann besser", verhöhnte ihn sein Gegenspieler und dessen Kumpels lachte ihn schallend aus.


    "Lerne doch lieber Stricken, du ..." Weiter kam er nicht mit seinem Spott, weil ihn ein Fußball mitten ins Gesicht traf.


    "Das war´s jetzt!", konstatierte der Trainer. "Am Sonntag bist du auf der Ersatzbank!"


    Das war der Tropfen, der das Fass endgültig zum überlaufen brachte.


    "Leck´ mich doch!", gab Frank zurück, der sich bereits stinksauer auf den Weg vom Spielfeld machte.


    "Zwei Spiele Sperre!", wurde das Strafmaß erhöht.


    Aber das interessierte ihn nicht mehr und so drehte er sich um und konterte trotzig: "Von mir aus auch Fünf oder Sechs ... mir doch egal ... macht euren Kram doch alleine."


    Angefressen trottete er alleine zurück in die Umkleide. Der Drahtgeflecht-Mülleimer neben dem Eingang bekam seinen Missmut zu spüren.
    Er wechselte lediglich seine Schuhe und zog seine Jacke über. Duschen würde er zu Hause.
    Sie hatten ihm seine Entscheidung abgenommen. In dieser Mannschaft würde er nie mehr Fußball spielen.

  • Find ich gut, dass du die Fortsetzung des 'Voyeurs' wieder veröffentlichst.
    Eine spannende Geschichte, die Franks Werdegang gut nachzeichnet.


    Bei den Gymnastikübungen musste ich teilweise mehrmals lesen, wer da was macht, um mir das vorstellen zu können.
    Daumen nach oben!

  • Kapitel 4


    Ein Tag später


    Am Donnerstag beeilte er sich um nach der Arbeit rechtzeitig in der Innenstadt zu sein. Er überquerte den Marktplatz und blieb vor der ehemaligen Markthalle stehen, wo er sich mit Meike treffen wollte. Seinen Entschluss vom Fußball zum Turnen zu wechseln war unterbewusst bereits vor dem gestrigen Eklat in ihm gereift. Es erstaunte ihn, wie leicht er sich gedanklich bereits von seiner früheren Beschäftigung lösen konnte. Er war klar fokussiert auf sein neues Interesse. Bei der Show-Turn Gruppe mitzuwirken.


    Er wusste dass der Laden in den Meike ihn mitnehmen wollte sich in dem kleinen Gässchen hinter der Markthalle befand. Aber sie hatten den Treffpunkt hier vorn vereinbart.
    Das große, alte Gebäude war schon etliche Jahre ein Kulturzentrum / Club mit Livemusik und er verkehrte öfter hier.


    "Hallo Frank, schön dass du gekommen bist."


    Er hatte die Zwillingsschwester nicht gleich erkannt. Sie sah so anders aus als beim Turnen.


    "Oh Hallo", sagte er entschuldigend. "Ich ... hab dich noch nicht mit Brille gesehen."


    Nicht nur das war anders an ihr. Anstatt eines kunstvoll geflochtenen Zopfs, floss ihr hellbraunes Haar glatt über ihre Schultern. Das freche rote Tüllröckchen und die darunter hervor lugenden mattschwarzen Leggings waren ebenso ein Hingucker. Ihr knappes, weit geöffnetes Bolero-Jäckchen offenbarte darunter seidiges Lycra. Offenbar ein Body, wenn nicht gar ein Gymnastikanzug.


    "Die Brille brauche ich zum Sport nicht", erklärte sie. "Wollen wir?"


    Und schon glitt sie mit fließendem Gang voran. Die dunkelblauen Lederballerinas an ihren Füßen unterstrichen ihre durch und durch feminine Erscheinung.


    "Der Laden ist dort hinten herum in der Krämergasse", wies sie mit der Hand in die besagte Richtung.


    "Ich weiß. Ich hab Die Tür schon oft gesehen, wenn ich nach dem feiern aus der Markthalle kam. Ist nämlich direkt gegenüber vom Hinterausgang."


    "Warst du schon mal drin?", wollte sie wissen.


    "Nein. Heute ist Premiere."


    S.G.T., stand in großen Lettern auf dem Schild über der schmucklosen Milchglas-Tür. Darunter war in deutlich kleinerer Schrift "Sabines Gymnastik und Tanz" zu lesen. Kein Schaufenster. Nichts, was außer dem Namen auf ein Geschäft hindeutete. Wozu auch? Wer in diese schmale Sackgasse kam, wusste genau was er wollte.


    Eine Klingel ertönte als er die Tür öffnete und, ganz Gentleman, seiner Begleiterin den Vortritt ließ. Innen war es genauso nüchtern wie von außen. Ein Tresen mit Registrierkasse, an den Wänden einige Regale mit Waren in Kartons und Plastikfolie und einige größere Verpackungen mit der Aufschrift "Lycraworld" auf dem Boden. Das alles wirkte nicht gerade ansprechend.


    "Ich komme gleich", flötete eine melodische, aber unsichtbare Frauenstimme.


    Kurz darauf trat eine Dame mittleren Alters aus einem Durchgang hinter der Regalwand heraus und begrüßte sie fast familiär: "Meike, mein liebes. Lange nicht gesehen!"


    Die beiden umarmten sich freundschaftlich.


    "Deine Schwester hast du nicht mit?", kommentierte sie das offensichtliche.


    "Alke hatte was anderes vor."


    "Aber alleine bist du trotzdem nicht, wie?", dabei schielte sie gespielt lüstern auf ihn.


    "Das ist Frank", stellte Meike ihn vor. "Er will bei unserer Truppe einsteigen."


    Mit Erleichterung in der Stimme sagte die ältere: "Habt ihr also endlich einen Hahn gefunden für euren Korb voller Hühnchen? Susannah redet ja schon ewig davon."


    Sie schüttelte ihm die Hand. "Ich bin Sabine", stellte sie sich ihm vor.


    Das alles wirkte zwar immer noch etwas befremdlich auf ihn, aber die Herzlichkeit war ansteckend. Er lächelte.


    "Was führt euch beide her?"


    "Also ich möchte vor allem den neuem Ganzanzug probieren. Du weißt schon, die Sammelbestellung für den Verein. Und dann brauche ich auch noch neue Schläppchen. Und er...", dabei zeigte sie auf Frank, "... braucht einiges an Trainingskleidung. Du könntest auch gleich Maß nehmen, denn wir benötigen ja auch einen Vereinsanzug für ihn."


    Sabine bedeutete den beiden mit einer schwungvollen Handbewegung ihr zu folgen. Sie traten in einen größeren Raum, der zur Hälfte mit Teppich, zur anderen mit Linoleum ausgelegt war. In der Mitte stand eine Sitzgruppe mit einem Sofa und einigen gepolsterten Hockern. Dahinter befanden sich mehrere Vorhänge und er erkannte darin die Umkleiden. Die gegenüberliegende Wand nahm fast zur Hälfte ein Großer Spiegel ein. Davor waren zwei Holme aus Holz übereinander montiert. Ballettstangen. Den Rest der Wand füllte eine Sprossenwand.


    Den Atem jedoch verschlug ihm die freie Seite des Zimmers. Von hier erstreckten sich unzählige Reihen von Regalen und Kleiderständern, die mehr enthielten als sich sein Fetischistenherz je hatte träumen lassen. Turnanzüge, Gymnastikhosen, Trikots, Ganzanzüge, Turnschläppchen, Ballettbodies, Tutu´s, Spitzenschuhe, Strumpfhosen, Leggings und mehr. In allen erdenklichen Farben, Formen und Größen. Er stand wie versteinert da, als hätte er einen Blick ins Paradies geworfen.


    "Nur zu, schau dich ruhig um", forderte ihn die Besitzerin auf, die sein ungläubiges Starren bemerkt hatte. "Ich kann natürlich nur ein Teil aller Varianten präsentieren."


    Das schien ihm doch sehr untertrieben.


    "Gerade bei den Turnsachen habe ich nur die gängigen Modelle da. Aber ich kann fast jede Ausführung in fast jeder Größe besorgen."


    Wie in Trance ließ er sich von Regal zu Regal, von Kleiderständer zu Kleiderständer treiben und befühlte die Stoffe, ergötzte sich an den Farben und deren Kombinationen.


    "Und du brauchst neue Schläppchen, sagtest du?", fragte Sabine seine Begleiterin.


    "Ja, meine sind an der Sohle schon ganz durchgewetzt."


    "Das selbe Modell?"


    "Ja. Weiß in Leder", antwortete sie. "Das sitzt besser und passt sich perfekt an."


    "Rote oder Blaue Streifen?", hakte Sabine nach.


    "Die letzten waren Blau. Warum nicht mal die roten...?"


    "Auf keinen Fall!", schallte es vom Ausstellungsraum herüber.


    Es war ihm unbewusst herausgerutscht und jetzt trafen ihn die verdutzten Blicke von der Theke her.


    "Entschuldigung ... Ich ... ääh ... meinte nur ..."


    "Was?", fragte Meike. "Warum nicht die roten Streifen?"


    "Nun ja, ...", druckste er fast schüchtern verschämt rum. "Deine Schwester trägt rot gestreifte und deine blau markierten sind die einzige Möglichkeit für mich euch beide auseinander zu halten."


    Daraufhin mussten die beiden Damen laut lachen.


    "Das ist mir noch nie aufgefallen", sagte Meike noch immer glucksend. "Vielleicht geht es den anderen genauso und sie brauchen etwas um uns Zwillinge zu unterscheiden."


    "Er hat Recht", meinte Sabine. "Ihr beiden kauft immer die gleichen Turnsachen, und auch wenn ich euch privat treffe, seid ihr immer gleich gekleidet. Denen, die euch nicht so gut kennen macht ihr es wirklich nicht leicht."


    "Dann wohl doch die Blauen", entschied sie sich.


    "Wo wir gerade dabei sind", wandte sich Sabine geschäftstüchtig an Frank, "Du brauchst doch sicher auch Schläppchen, oder?"


    Er nickte.


    "Schon mal Wettkampfschuhe angehabt?"


    "Nein", antwortete er. "Die kriegt man ja nur in speziellen Läden wie hier und die sind auch recht teuer, oder nicht?"


    "Teuer ist relativ. Bei den andauernd starken Belastungen beim Turnen halten die auch wesentlich länger."


    Ohne ein Gegenargument seinerseits abzuwarten, fragte sie seine Schuhgröße ab, ging zu den Schläppchenregalen und zog zwei transparente Plastikbeutel heraus. Das eine Paar legte sie auf den Tresen.


    "Blau für dich, Meike."


    Das andere Paar reichte sie ihm: "Schlüpf mal in die rein", und zeigte auf die Polsterhocker.


    Nachdem er schnell seine Sneakers abgestreift hatte, packte er die Wettkampfschläppchen aus. Das Leder war weiß und glatt. Die Schuhe waren sehr weich und das Leder verströmte noch seinen "neuen" Geruch.


    "Ich glaub´ die sind etwas knapp", beschwerte er sich als er angestrengt versuchte hineinzuschlüpfen.


    Meike kam ihm zu Hilfe.


    "Du darfst natürlich nicht die dicken Socken anlassen. Schließlich sollen die ja Barfuß so eng anliegen, dass du sie kaum noch spürst."


    Das leuchtete ein und so zog er auch seine Strümpfe aus. Meike reichte ihm einen Karton der so ähnlich aussah wie ein Papiertaschentuch- Spender.


    "Was ist damit?", fragte er verdutzt.


    "Probiersöckchen. Als Mann kennst du sowas natürlich nicht, aber bei der Anprobe ist direkter Hautkontakt nicht üblich."


    Er zog an einem der leicht braungrauen Dinger und sogleich fielen ihm zwei der seltsamen Strümpfe entgegen. Sie waren wie Sneakersocken, allerdings annähernd durchsichtig. Sie dehnten sich erfreulich stark und waren, nachdem er sie übergestreift hatte, fast unsichtbar. Damit kam er schon leichter in die Schläppchen.


    "Dass sie dir zu Anfang etwas knapp vorkommen ist normal", erklärte Meike. "Das Leder passt sich innerhalb weniger Stunden an deine Füße an, dann spürst du sie gar nicht mehr."


    Nachdem die Gymnastikschuhe seine Füße perfekt umschlossen und er die ersten Schritte darin machte, war es für ihn wie eine Offenbarung. Schon jetzt, spürte er sie fast nicht mehr.


    "Mir war klar, dass mit dem Preisunterschied auch ein Qualitätsunterschied zu den Kaufhaus-Schläppchen einher gehen muss. Aber so krass...."


    "Beim professionellen Turnen brauchst du stets einen sicheren Stand, ohne dass die Eleganz darunter leidet", erklärte Sabine. "Beweg´ mal deine Zehen."


    Er konnte mit Leichtigkeit seinen Fuß überstrecken. Die geteilte Sohle ließ das viel einfacher zu als die starren Gummisohlen normaler Schuhe.
    Auf beiden Bodenbelägen fand er Halt, ohne dass ihn die Sohle zu abrupt abbremste. Das war ganz klar eine ganz andere Liga.


    "Na, überzeugt?", frage Sabine siegessicher.


    Frank konnte nur noch zustimmend nicken.


    Sie übergab Meike ein weiches Paket: "Hier dein Ganzanzug. Probier ihn mal an, derweil gehe ich mit deinem Begleiter zu den Herrentrikots. Brauchst du einen Unteranzug?"


    "Nein", antwortete Meike und zog ihr Bolero-Jäckchen aus wodurch man ihren Lycrabody besser sehen konnte. "Hab´ schon einen Anzug drunter."




    Kapitel 5


    "Die Herrenabteilung ...", erklärte die Verkäuferin als sie Frank wieder ins Lager führte, "... ist recht übersichtlich. Es gibt leider nur wenig Nachfrage, genau wie auch bei den Ballettsachen für Männer. Direkt fürs Turnen habe ich nur zwei Anbieter und die teilen sich den Markt hauptsächlich mit Standardkleidung unter sich auf. Hier siehst du die gängigsten Herrentrikots."


    Bisher war ihm nicht bewusst, dass die Oberteile für Herren im Grunde auch nicht anders waren als Turnanzüge für Damen. Obenrum hatten sie zwar alle die typischen Träger im "Unterhemd"-Stil, aber am unteren Ende glichen sie herkömmlichen Bodies. Vielleicht etwas geräumiger gearbeitet.


    "Der Schnitt ist bei 90% aller Trikots identisch", führte Sabine weiter aus. "In der Regel trägt "Mann" eine kurze Turnhose oder eine lange Steghose darüber. Es gibt zwar einige Farbvariationen, aber ich sehe schon, dass dich das nicht wirklich vom Hocker haut."


    In der Tat, das kam ihm verglichen zu den schier unendlichen Varianten auf dem Damensektor regelrecht langweilig vor.


    "Seit kurzem gibt es Alternativen zum Einerlei der etablierten Hersteller. Gerade junge Turner wünschen sich ein klein wenig ausgefallenere Sachen. Da eure Truppe ja nicht im normalen Turnen mit seinen strengen Regularien antritt, sondern auf Show und Tanz ausgerichtet ist, könnte das was für dich sein."


    "Und das wäre?", fragte er interessiert.


    "Eigentlich ist es ein Online-Direktversand, aber mittlerweile kooperieren sie auch mit uns kleinen Händlern weil sie mehr verkaufen wenn die Kunden die Sachen in ihrer Nähe anprobieren können."


    Sie führte ihn zu einem weiteren Regal. Hier sahen die Gymnastikanzüge schon eher so aus wie er sich das vorstellte.


    "Das sind Sachen aus der Herren- und Unisex-Kollektion. Die Firma macht kaum Unterschiede bezüglich des Geschlechts."


    Er ließ seine Hände über die erregenden Materialien gleiten. Es gab Lycratrikots in verschiedenen Glanzgraden. Sowohl die Unifarben als auch die unterschiedlichen Farbkombinationen waren ausgesprochen geschmackvoll. Verknüpfungen von seidenmattem und superglänzendem Lycra waren ebenso vorhanden wie Pailletten, Straß und ähnliche Verzierungen.
    Das eingearbeitete Logo mit dem Firmenschriftzug hatte er doch schon mal gesehen. "Lycraworld". Er erinnerte sich. Im Vorraum auf den großen Versandkartons.


    "Jetzt hast du natürlich die Qual der Wahl", riss ihn Sabine aus seinen Gedanken. "Ich hab´ hier nur einen kleinen Teil der Lycraworld-Palette, aber ich kann dir auch gerne einen Katalog mitgeben. Für jeden Schnitt habe ich neutrale Musteranzüge für die Größe zur Anprobe."


    Ein schlichter Turnanzug in einem kräftigen Blau-Ton hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Besonders die langen Ärmel und der Kragenabschluss hatten es ihm angetan. Er wies keinerlei Applikationen auf und hatte lediglich am Rücken einen Reißverschluss. Im Grunde so ähnlich wie der Anzug seiner Initiation. Er musste nur darauf achten, dass dieser ihm besser passte als jener.


    Sabine reichte ihm noch ein farbloses, dünnes Textilgespinst.
    "Vergiss nicht den Unteranzug zur Anprobe. In der Zwischenzeit suche ich dir noch ´ne Gymnastikhose raus. Lieber mit Fußsteg oder ohne?"


    "Ohne", antwortete er, bereits auf dem Weg zur Umkleide.


    Dort verschlug ihm der Anblick von Meike schier die Sprache. Der neue Ganzanzug enthüllte eine atemberaubende Anatomie. Ähnlich der gestikulierenden Darstellung der weiblichen Silhouette mit beiden Händen die sich schlängelnd abwärts bewegen, modellierte der Anzug eine fein abgestimmte Kurvenlandschaft.


    Die Grundfarbe der Kunstfaser war ein sattes Blau, etwas dunkler als das Dress welches er gerade in Händen hielt, dafür aber etwas glänzender. Kein Wetlook, kein High-Gloss, aber sehr nahe dran. Dadurch wurden sämtliche Körperpartien der Trägerin deutlich heraus gearbeitet.
    Um den kurzen Kragen herum und weiter bis zum äußerst linken Punkt an der Taille, von dort gleichermaßen über den Rücken wieder hoch bis zum Hals war ein Feld abgeteilt. Dieses hatte ein kontrastierendes Design, welches ebenfalls den linken Arm komplett mit einschloss. Das Material war hier wesentlich matter und in einem Orange-Ton, jedoch nicht gleichförmig. Einem stilisierten Camouflage ähnlich, wurde das Muster von unzähligen, verschieden großen überlappenden Rechtecken gebildet. Diese variierten in der Tönung von fast Gelb bis gerade so eben Rot. Zudem waren die einzelnen Farbzellen mal blass, mal kräftig gesättigt, was in der Summe dieses ungewöhnlich leuchtende Orange erzeugte.
    Der Farbakzent wiederholte sich nochmals in einem Streifen, der unter dem rechten Arm begann und sich bis zum Beinabschluss fortsetzte.


    "Wow!", stieß er begeistert hervor während seine Turnkameradin mit diversen Bewegungen posierte. "So einen will ich auch!"


    "Den kriegst du auch, sobald Sabine Maß genommen hat", versicherte Meike. "Ist schließlich unser neuer Gruppenlook für Auftritte."


    Mit noch immer offenem Mund strebte er der Umkleide zu, um sein Dress zu probieren. Der Unteranzug hatte wohl die gleiche Aufgabe wie die Probiersöckchen. Allerdings war er nicht ganz so fein gewebt und dadurch bestimmt langlebiger. Im Gegensatz zu dem grün-schwarzen Wettkampfanzug in den er bei seiner Bestrafung gezwängt wurde, konnte er diesen zumindest ohne fremde Hilfe schließen. Doch auch dieser saß recht stramm und absolut faltenfrei. Doch so sollte es ja auch sein.
    Er trat vor den Vorhang hinaus und ließ ich begutachten.


    "Ich war mir erst nicht so sicher bei deiner Wahl", bemerkte die Händlerin die mit mehreren Hosen über der Schulter aus dem Lager kam, "aber Farbe und Stil stehen dir gut."


    "Ja, genau", pflichtete Meike bei. "Der sitzt perfekt und ich finde ihn an dir sogar richtig männlich."


    Auch ihm gefiel sein Spiegelbild ausnehmend gut. Zum einen hielt der Turnbody alles das, was seine Männlichkeit betraf sauber zusammen. Andererseits fiel ihm auf, dass die beiden letzten Wochen offenbar ihre Spuren in seinem Anblick hinterlassen hatten. Ein positiver Einfluss auf seine körperliche Definition war nicht von der Hand zu weisen.


    "Ich hab´ dir hier mal zwei Gymnastikhosen zur Auswahl gebracht." Sabine legte sie auf das Sofa.


    Sofort schlüpfte er in die erste der beiden. Klassisches, schwarzes Lycra ohne Schnörkel. Perfekt an seinen Beinen anliegend. Ganz anders als seine Laufhose. So wollte er das und tat dies auch voller Überzeugung kund: "Die ist es! Ich glaube die andere brauch´ ich gar nicht erst zu probieren."


    "Nicht so voreilig", mahnte die Händlerin. "Was du trägst ist natürlich ein Spitzenprodukt eines namhaften Herstellers. Du siehst selbst, die sitzt perfekt und ist von hochwertiger Qualität. Trotzdem solltest du zum Vergleich mal das andere Modell testen."


    Er ließ sich überreden und wechselte zur nächsten Hose. Diese fühlte sich genauso gut an. Nein, stimmte gar nicht. Sie fühlte sich sogar noch einen kleinen Tick besser an. Er machte einige Übungen an der Sprossenwand und merkte, dass er eben nichts merkte. Als hätte er gar keine Leggings an.


    "Jetzt bin ich verwirrt", sagte er zu Sabine. "Erst glaubte ich es geht nicht besser und dann kommt sowas. Wie konntest du dir da nur so sicher sein?"


    "Es kam auf einen Versuch an. Die Leggings dieses Herstellers sind tendenziell etwas knapper am Hintern und minimal Länger am Bein. Das passt nicht jedem, aber bei dir sitzt es perfekt."


    "Die schimmert auch etwas anders", fiel ihm auf. "Irgendwie intensiver, ohne dass sie mehr glänzt."


    "Das liegt daran, dass sie nicht schwarz ist, wie die erste."


    Diese Behauptung konnte er nicht recht nachvollziehen. Für ihn war das schwarz.


    "Komm mal rüber ans Fenster", riet sie ihm.


    Tatsächlich. Das Sonnenlicht machte es deutlich.


    "Das ist ein sehr dunkler Aubergine-Ton. Deshalb sieht es besser aus, gerade zusammen mit deinem Turnanzug", erklärte die Händlerin ausführlich. "Und noch ein sehr sinnvolles Feature, das es nur bei diesem Hersteller gibt", dabei fasste sie an seinen Bund und klappe ihn nach Außen, "Da Männer die Hosen im Gegensatz zu den Frauen über dem Body tragen, neigen diese bei glattem Stoff zum rutschen. Hier ist ein Kunststoffband, ähnlich wie Gummi eingearbeitet um das zu verhindern."


    "Na das nenne ich mal mitgedacht", sagte er anerkennend. Etwas vorsichtiger fragte er: "Und ist die teurer als die Erste?"


    "Nein, die ist günstiger", kam die erlösende Antwort. "Die ist nämlich auch von Lycraworld."


    "Dann hätten wir fürs Erste alles beisammen", schloss Meike die Shopping Tour.


    "Nicht ganz, ich muss noch Maß nehmen für den Ganzanzug. Das geht sehr gut in Gymnastikkleidung."


    Sie war keine zwei Minuten mit dem Maßband zu Gange, dann konnte er sich wie seine Partnerin wieder umziehen. Auf dem Weg zur Kasse machte er sich schon etwas Sorgen ob er genügend Geld eingeplant hatte.


    "Keine Sorge", meinte Meike. "Wir bekommen Vereinsrabatt und Stammkundenrabatt und manchmal wird auch noch nach unten abgerundet. Nicht war, Sabine?"


    "Aber ein klein wenig zum Überleben gönnst du mir schon noch, sonst muss ich mich bei der Suppenküche der Bahnhofsmission anstellen."


    Alle lachten.


    "So Frank, das ist deine Rechnung und wie versprochen, der Katalog."


    Die Summe war überschaubarer als er befürchtet hatte.


    "Und der Ganzanzug?"


    "Ist bereits mit drauf."


    Seine Miene erhellte sich vollends. "Das war ja dann echt günstig", sagte er anerkennend. "Und dann noch die persönliche Betreuung."


    "Behaltet das im Hinterkopf, wenn ihr dabei seid mal woanders ein vermeintliches Schnäppchen zu schießen", redete Sabine ihnen ins Gewissen. "War schön dich kennen zu lernen, Frank. Dein Anzug müsste kommende Woche, spätestens aber in zehn Tagen fertig sein."


    Sie verabschiedeten sich voneinander, die Frauen mit der obligatorischen Umarmung, und gingen hinaus. Mittlerweile war es bereits dunkel. Meike schien es angenehm, nicht alleine bis in belebtere Bereiche der Stadt gehen zu müssen.


    "Kommst du morgen?", fragte sie.


    "Natürlich.", antwortete er und hielt demonstrativ seine gut gefüllte Tasche in die Höhe. "Ich muss ja die neuen Sachen einweihen!"


    An der Bushaltestelle angekommen, wünschten sie einander noch eine gute Nacht und gingen ihrer Wege.
    Der Inhalt seiner Tasche markierte den Wendepunkt in seiner sportlichen Laufbahn.




    Kapitel 6


    "Dann können Sie zum nächsten Ersten einziehen", bekräftigte sein zukünftiger Vermieter den Handschlag. "Sobald die Kaution eingegangen ist, auch ein paar Tage früher."


    Die Wohnung befand sich im vierten Stock eines Apartmenthauses am Ortsrand. 2ZKB. Die ganze Sache hatte sich sehr kurzfristig ergeben. Er suchte fast schon ein Jahr nach einer Möglichkeit sich von zu Hause abzunabeln. Nicht, dass irgendwer ihn gedrängt hätte. Seine Eltern waren mit jeder der Lösungen zufrieden, aber er dachte mit 19 Jahren sollte er so nach und nach endlich auf eigenen Füßen laufen lernen.


    In letzter Zeit ereigneten sich viele einschneidende Veränderungen. Manchmal machte ihm das richtig Angst. Ein andermal wieder, sah er in darin die Chance auf Verwirklichung seiner eigenen Vorstellungen. Den Umzug konnte er ja Stück für Stück organisieren. Auch gut, dass er die zwar günstige, aber dennoch neuwertige Kücheneinrichtung des Vormieters übernehmen konnte. Ansonsten war das Apartment einzugsbereit.


    "In diesem Haus gibt es viele junge Mieter, auch in ihrem Alter. Da werden Sie sich bestimmt schnell einleben", erklärte der Hausverwalter, als wie aufs Stichwort ein etwa gleichaltriges Mädel die Treppe vom Dachgeschoss herunter kam. Wegen der nur flüchtigen Begegnung konnte er lediglich erkennen dass sie auffallend schlank war. Und groß. Mit ihren langen Beinen hatte sie sichtlich Mühe auf der Treppe nicht zu stolpern. Aus ihrer legeren Freizeitkleidung aus bunter Ballonseide schloss er, dass sie wohl zum Fitness ging. Stirnband und Sporttasche passten ebenfalls in dieses Bild.


    Als er kurze Zeit später mit seinem Hauswart auf die Straße trat, war die junge Frau gerade zu Fuß mit einer Begleiterin aufgebrochen. Womöglich hatte sie auf diese kleinere Gestalt mit den Dunkelrot gefärbten Strubbelhaaren und den ebenso punkigen Springerstiefeln warten müssen.


    "Haben Sie ein Auto?", fragte der Vermieter.


    "Nein", antwortete Frank. "Nur ein Motorroller und ein Fahrrad."


    Der Roller war schon länger kaputt. Meist nahm er das Rad, wenn er nicht direkt zu Fuß ging.


    "Beides können Sie im Keller abstellen."


    Keller war etwas übertrieben. Tiefparterre traf es wohl eher, denn es waren nur zwei Stufen abwärts. Der Hauseigentümer zeigte ihm den abschließbaren Lattenverschlag der zu seiner Wohnung gehörte, sowie den Waschraum mit Münz-Waschmaschinen und -Trocknern.


    Zurück auf der Straße, wünschte er ihm alles Gute und fuhr in seinem standesgemäßen Mittelklassewagen davon.


    Frank sinnierte was er wohl als erstes umräumen sollte.


    "Scheiße", entfuhr es ihm plötzlich und so laut, dass er sich erschreckt umsah ob ihn jemand gehört haben könnte.
    Er hatte vor lauter Wohnungsbesichtigung ganz das Turntraining vergessen und lief ohne weiteres Nachdenken los. Zum Glück lag zu Hause so ziemlich in gleicher Richtung wie die Sportstätte, dann musste er wenigstens nicht noch einen zeitraubenden Umweg machen.


    Seine neuen Turnsachen hatte er gestern Abend nochmal getragen. Sie hatten sich sogar noch besser angefühlt als bei der Anprobe. Zuerst kam es ihm komisch vor in kompletter Lycra-Montur auf seinem Bett zu sitzen. Später überlegte er sogar, ob er nicht wenigstens den Gymnastikanzug über Nacht anbehalten sollte. So umhüllt zu sein hatte was von Geborgenheit. Der enge und körpergenaue Schnitt des weichen Materials erregte ihn zunehmend. Das überzeugte ihn letztlich, dass es doch besser wäre den Turnanzug nicht länger anzubehalten wenn er ihn nicht noch waschen wollte.


    Daheim angekommen, hechtete er die Treppen hoch, schnappte seine Sporttasche und nichts wie weiter. Gleich darauf musste er den Weg nochmal machen, weil er das Wichtigste vergessen hatte: Die Turnsachen.


    Jetzt aber Beeilung. Den Dauerlauf konnte er ja zum Aufwärmen dazu zählen.


    Endlich an der Halle angekommen wunderte er sich, dass Sannah´s Rennrad nicht schon vor der Tür stand. Kurz kam ihm die Idee, sich vor lauter Wohnungsbesichtigung in Zeit oder Datum geirrt zu haben. Aber es hatte alles seine Richtigkeit.
    Bevor er zur Umkleide ging, riskierte er einen Blick von der Empore. Da liefen sich bereits zwei Mädels warm die er noch nicht kannte. Aber auch die drahtige Kim war dabei und jetzt setzte auch noch Lena einen orangeroten Akzent. Also doch alles in Ordnung.


    Nachdem er so schnell er konnte in seine Neuerwerbungen gestiegen war, betrachtete er sich noch mal kurz im Spiegel des Vorraums. Wäre er eine Frau, würde ihm bestimmt das Wasser im Mund zusammenlaufen, wenn er sich so sehen würde. Es geht doch nichts über gesundes Selbstvertrauen.


    Gerade durch die Hallentür, sah er die Zwillinge. Ebenfalls Nachzügler. Wie üblich glichen sie sich in Aussehen und Kleidung wie ein Ei dem anderen. Heute in dunkelblauer Strumpfhose und Grün-Gelbem Gymnastikanzug im Badeanzug-Stil mit offener Rückenpartie. Die Farbkombination erinnerte ihn unheimlich an die brasilianischen Nationalfarben, wenn er das Dunkelblau als Schwarz ansah.


    "Hi, Alke", begrüßte er zunächst eine der Beiden. Mittlerweile hatte er ja einen Trick sie auseinander zu halten. Dann wandte er sich an die andere: "Hallo, Meike. Nochmal Danke für deine Unterstützung gestern", und wies dabei auf seine neuen Turnsachen.


    Sie musste kurz glucksen, und gleich darauf kicherten beide ausgelassen wie Schulkinder denen ein Streich gelungen ist.


    "Ich bin Alke", erklärte die vermeintliche Meike, immer noch lachend. "Ich wollte nur testen was meine Schwester mir erzählt hat", und streifte dabei ihre Gymnastikschläppchen ab um sie mit der tatsächlichen Meike zurück zu tauschen.


    Auch er musste über ihren Spaß lachen, empörte sich aber gespielt mit erhobenem Zeigefinger: "Das dürft ihr mit mir nicht machen, Mädels. Ich weiß ja sonst gar nicht mehr wo´s lang geht."


    Wieder mit korrekter Fußbekleidung, wollten sich die drei in den Lauf der übrigen einreihen, als diese jedoch schon damit fertig waren und sich ausschüttelten.


    "Macht nichts", erklärte er, "Ich bin schon aufgewärmt. Habe schon einen Dauerlauf hinter mir."


    Alle kamen auf der Bodenturnmatte zusammen und erst jetzt erkannte er die große schlaksige, die mit etwas ungelenken Bewegungen auf ihn zukam. Sie machte einen zappeligen und unruhigen Eindruck. Als ob es ihr schwerfiele still zu stehen.


    "Wir haben uns doch gerade gesehen, oder? Ziehst du in die Wohnung unter mir? Bist du der Neue von dem alle erzählen?"


    Ihre Fragen erklangen so rasant und aufgeregt, dass er Mühe hatte die einzelnen Teile voneinander zu differenzieren.


    "Ja, ja und ja", antwortete er in gleicher Reihenfolge.


    "Ich bin Mia", sagte sie und streckte ihm ihre schmale Hand an ihrem langgliedrigen Arm entgegen.


    "Frank", stellte er sich vor.


    Die kleinere Person die zögerlich hinter Mia hervor trat konnte, gemessen an der dunkelroten Farbe ihres wirren Haars, nur die Partnerin sein, die er vorhin schon zusammen mit ihr gesehen hatte. Ihr Äußeres war das komplette Gegenteil. Zurückhaltend taxierte sie ihn. Ihre tiefbraunen Augen tasteten seinen Körper von Kopf bis Fuß ab. Die strenge Miene die sie dabei machte, hatte etwas ungewöhnlich anziehendes.


    "Das ist Nasrin", machte Mia sie bekannt.


    "Hallo", begrüßte er auch sie mit erhobener Hand. Die angesprochene reagierte kaum, nickte dann langsam, sagte aber nichts.


    "Und das", fuhr die hochbeinige Gazelle ungebremst fort, "Sind Aurelie und Aitana", wobei sie ersteren Namen französisch, also "Oreli" aussprach.


    "Bon jour", begrüßte ihn die Französin erwartungsgemäß. Sie wirkte deutlich älter als alle anderen Anwesenden. Bestimmt Ende zwanzig. Trotzdem schien sie sich ihren Jungmädchencharme bewahrt zu haben. Nur der dunkelblonde Dutt ihrer Haare machte sie über Gebühr alt. Irgendwie wirkte sie wie eine professionelle Tänzerin. Durchaus hübsch und durchtrainiert, aber auch ausgezehrt. Darüber hinaus war sie auch wie eine Ballerina gekleidet, also mit weißer Strumpfhose, zartrosa Body in mattem Look und weißen Ballettschläppchen aus Leinen, die deutliche Gebrauchsspuren aufwiesen.


    Aitana war auffallend klein im Vergleich zu ihren üppigen Proportionen. Nicht dick, noch nicht mal Mollig, aber an Stellen, die sie dem weiblichen Geschlecht zugehörig auswiesen war sie regelrecht üppig. Das tiefe Schwarz ihrer lockigen Haare ließ ihren bronzefarbenen Teint regelrecht hell wirken. Ihre anatomischen Besonderheiten wurden noch durch ihre Kleidung unterstrichen. Ein simples hellgraues Trägershirt und eine Gymnastikhose wie er sie ewig nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Ein mattes Anthrazit, etwas verwaschen, mit mehr als handbreiten Seitenstreifen in Türkis, ebenfalls ausgeblichen. Gerade dieser Streifen betonte ihre Hüft- und Schenkelpartie derart appetitlich, dass Frank an sich halten musste um nicht seine Finger hinein krallen zu wollen. Er fand sie auf Anhieb unheimlich süß.


    "Dann sind wir ja jetzt vollzählisch", sprach der französische Akzent die versammelte Turngemeinschaft an. "Süsannah wird ´eute nischt teilnehmen. Sie ´at misch beauftragt, eusch etwas Elegance und Grazie beisubringen."


    Das schien nicht überall auf Zustimmung zu stoßen. Vor allem die athletische Kim zog ein langes Gesicht. Auch die Zwillinge hätten wohl lieber an Geräten geübt, oder zumindest die Showfiguren weiter verfeinert.


    "Och nöö", lamentierte die sonst so quirlige Blonde gedehnt. "Ihr macht doch sowieso die ganze Woche Ballett. Wir haben so viele neue Moves die ihr noch lernen müsst."


    Doch Aurelie blieb unnachgiebig.


    "Allez, mes enfants", forderte sie die Gruppe auf. "Verteilt eusch an den Sprossenwänden, vite, vite."


    "Oui, Madame", machte Annalena sie darauf aufmerksam, dass sie zu sehr ins französische verfiel. Dann gesellte sie sich zu Frank, der bereits eine der Sprossen umfasste.


    "Das machen die vier am liebsten", flüsterte sie hm zu. "Neben dem Turnen sind die alle auch noch in der gleichen Ballettschule. Aurelie betreut dort auch die kleinen Elevinnen."


    Tatsächlich bewegten sich die neuen Gesichter mit der fast schon hochnäsigen Eleganz des klassischen Balletts. Frank fand das regelrecht erregend und war gespannt was ihn heute erwartete. Bis auf die dralle Aitana trugen sie ihr wohl reguläres Ballett-Outfit, das sich nicht wesentlich von den Sachen Aurelies unterschied.


    Er war froh um die Möglichkeit sich festhalten zu können. Die langsamen und gleichförmig auszuführenden Bewegungsabläufe kosteten deutlich mehr Kraft als es den äußeren Anschein hatte. Für ihn waren es stilisierte Kniebeugen, Drehungen und Streckungen. Ihre heutige Vorturnerin jedoch nannte es Plie´ , Relevee, Früchtetee und was nicht sonst noch für "ee´s".


    Aurelie war in ihrem Element. Die Fachsprache des Balletts war sowieso französisch und somit musste sie sich nicht zu sehr auf ihr Deutsch konzentrieren. Die Bezeichnungen waren auch unerheblich, schließlich wurden die Moves ja anschaulich demonstriert. Es war ein Erlebnis den fließenden Bewegungen zuzusehen. Auch die anderen vier Ballerinen absolvierten sie mühelos. Bei den reinen Turnmädels sah das erwartungsgemäß nicht ganz so perfekt aus, aber immer noch um Längen besser als bei ihm.


    "Die Finger beschreiben einen gleischmäßigen Bogen, Frank", korrigierte sie ihn. "Sie sind die Verlängerung des Arms."


    Er versuchte das beim nächsten Mal umzusetzen.


    "Ja, schon besser", lobte sie. "Denk daran, dass die Bewegung immer aus der Körpermitte kommt. Es gibt nur eine rischtige Geschwindigkeit, nämlich die, die Elegance und Körperspannung zum Einklang bringt."


    Das mochte für geübte Ballerinen leicht durchführbar sein, aber für einen blutigen Anfänger?
    Egal, er strengte sich an so gut er konnte. Das Training war fordernder als geahnt. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn.


    "Die Füße sind stets auswärts gerischtet und der große Zeh streift über den Boden.", kommentierte sie.


    Er selbst nahm seine Ausführung als sehr gut wahr. Trotzdem korrigierte sie ständig an ihm herum. Seine glatt anliegende Lycrakleidung erleichterte es ihr wohl Fehlstellungen zu erkennen.


    "Nach zehn Jahren Fußball werde ich nicht in einer Stunde zum Ballerino", verteidigte er sich.


    "Man kann sisch immer verbessern", flötete sie in melodischem Singsang und die Gruppe musste schmunzeln. "Und nischt vergessen die Füße zu pointieren sobald sie den Boden verlassen ...."


    Die Kritik an ihm ging endlos weiter und so konzentrierte er sich mehr darauf die Bewegungen Lenas, die den Platz direkt neben ihm innehatte, nachzuahmen. Heute trug die Rothaarige mal nichts grünes. Ungewöhnlich. Auch keine Leggings. Lediglich ihr Torso war verhüllt. Ein ärmelloser Gymnastikbody, der in seiner oberen Hälfte aus dunkelgrauem, fast schwarzem Samtstoff bestand. Vom Schritt bis über den Bauchnabel zog sich in einem Flammenmuster rotes Lycra, welches in der Helligkeit nach oben hin abnahm. Dieses Muster setzte sich auch auf der geschlossenen Rückenpartie fort, die er gerade ausgiebig beobachten konnte.


    Franks Gesten zu den Übungen wurden immer fließender und mit der Zeit bekam er zumindest eine Ahnung davon, was mit "Spannung aus der Körpermitte" gemeint sein konnte. Trotz der Anstrengung, die sich schweißfeucht in seiner glatten Lycramontur manifestierte, begann ihm dieses ungewöhnliche Training zu gefallen.


    Dies mal wäre Marc´s Spott noch nicht mal aus der Luft gegriffen. Er hörte im Geist wie er ihn wieder abfällig als "Ballettschwuchtel" oder ähnliches bezeichnen würde.
    Ein Blick zur anderen Seite und den ausladenden Formen der schwarz gelockten Aitana, sowie das Ziehen in seinen Lenden bestätigte dass diese Behauptung zumindest hinsichtlich seiner Geschlechtspräferenz nicht haltbar wäre.
    Die Exotin mit dem barocken Körperbau streckte ihr Bein kerzengerade seitlich ab. Geradewegs vor sein Gesicht. Der Seitenstreifen ihrer Gymnastikhose verlieh dieser den Eindruck eine Nummer zu eng zu sein. Ihr Oberschenkel und ihre Wade waren Ausbuchtungen purer Lust. Von ihrem drallen, aber nichtsdestotrotz festen Gesäß ganz zu schweigen. Ihr dagegen zierlich wirkender Fuß mit dem Sockengleichen Ballettschühchen in perfekter Überstreckung, zeugte von enormer Körperspannung.
    Tja, Shakira, dagegen wirst du dich mal ganz schön warm anziehen müssen.


    Auch er bekam zunehmend Spannung, jedoch in gänzlich anderen Körperregionen. Seit seiner letzten Freundin war schon einige Zeit vergangen, vielleicht war das für seine leichte Erregbarkeit mitverantwortlich.
    Ablenkung hilft immer, dachte er sich und ließ seinen Blick weiter in die Runde schweifen.
    Die verschlossene Nasrin wirkte abwesend. Nicht in Bezug auf die Ballettübungen, ganz im Gegenteil. Ihre Ausführung kam der Perfektion von Aurelie am nächsten. Nasrin schien völlig darin aufzugehen und eins mit den Übungen zu sein. Ihr Umfeld jedoch, nahm sie wohl nur ganz am Rand wahr.


    Kim und die Zwillinge alberten mehr herum statt zu trainieren und die Übungsleiterin ermahnt sie: "Etwas mehr Disziplin, meine Damen. Nehmt eusch ein Beispiel an Frank."


    So langsam gewöhnte er sich daran, dass unter Mädels Lob häufiger ausgesprochen wurde, als unter Fußballern.


    Mittlerweile war er nass geschwitzt. Fast so wie bei seinem ersten unfreiwilligen Zusammentreffen mit den Turnerinnen. Doch auch seine Mitstreiterinnen sahen allesamt nicht mehr taufrisch aus. Außer bei denen an klassischen Tanz gewöhnten, waren durchweg feuchte Gesichter zu sehen. Unter den Tänzerinnen bildete jedoch die rassige Aitana die Ausnahme. Ihr ehemals hellgraues Shirt war mittlerweile mehr als zur Hälfte dunkel gefärbt und ihre tiefschwarzen Locken klebten regelrecht auf ihrer Haut.


    Schließlich erlöste sie ein doppeltes Händeklatschen ihrer französischen Trainerin von den ungewohnten Strapazen, die die klassischen Grundübungen bewirkten.


    "So, Schluss für ´eute, meine Damen und ´erren. Merci, mes enfants."


    Alle schüttelten sich noch etwas die Anstrengungen aus den Gliedern und beim Weg über die Bodenturnmatte ließen sich Lena, Kim und Frank erschöpft zu Boden fallen.


    "Ich bin Tot", postulierte der auf dem Rücken liegend sämtliche Glieder von sich streckende Rotschopf.


    "Ich bin auch fertig", schloss sich die sonst so quirlige Kim müde an.


    Die Zwillingsschwestern schienen nicht so erledigt, denn sie alberten bereits wieder miteinander herum.


    "Allez, mes enfants, Wir machen ´eute Ballet!", kopierte Alke den Tonfall der bereits aus der Halle verschwundenen Aurelie.


    Derweil machte Meike übertrieben ausladende Bewegungen und forderte: "Elegance, meinö Damen und ´erren!"


    Daraufhin brachen alle in Gelächter aus, das sehr zur allgemeinen Regeneration beitrug.


    Nacheinander rafften sie sich auf und schlenderten in Richtung Ausgang.


    "Weiß eine von euch warum Sannah heute nicht dabei war?", fragte er in die Runde.


    "Keine Ahnung", antwortete Annalena. "Am Telefon hatte sie was angedeutet von "Vereinsführung, Turnabteilung" und "was Administratives". Kann mir nicht vorstellen um was es dabei geht."


    "Und du hast eine neue Wohnung, wie man sich erzählt?", wollte Alke von ihm wissen.


    "Das hat aber schnell die Runde gemacht", stellte er erstaunt fest. "Vor zwei Stunden habe ich das selbst noch nicht gewusst."


    "Mia hat es vorhin erwähnt."


    "Ja", bestätigte er. "ich bin ihr dort im Haus begegnet. Sie ist wohl sehr ...", er suchte nach einem Ausdruck es höflich zu umschreiben, "... sehr ... kommunikativ."


    "Plappermaul", fiel ihm Alke ins Wort. "ja, sie redet ununterbrochen. Manchmal frage ich mich, ob sie einen "Aus"-Schalter hat, oder ob man ihr abends einfach nur die Batterien aus einem Fach am Rücken entfernen muss."


    Wieder allgemeines kichern.


    "Aber eigentlich ist sie ganz in Ordnung. Du wirst sie ja noch näher kennen lernen, als Nachbar."


    Sie waren mittlerweile im Flur zu den Umkleiden und Duschen angekommen, in denen unüberhörbar die anderen Mädels bereits zu Gange waren.


    "Wollen wir nachher noch was trinken gehen?", fragte Kim ihre Kameradinnen.


    "Gerne", kam als allgemeine Antwort.


    "Und du?", richtete sie ihre Frage auch an Frank.


    "Wenn ihr mich dabei haben wollt, habe ich mich nicht Nein sagen hören."


    "Ach was, du gehörst doch jetzt dazu!"




    Kapitel 7


    Sie trafen sich vor der Turnhalle. Lena war bereits da, Kim und die Zwillinge folgten kurz darauf. Von den Ballerinas war nur Aitana noch anwesend. Sie sah auch in Zivilkleidung noch verboten knuddelig aus, und er hatte Mühe sie nicht ständig anzustarren.


    "Sorry, Leute", sagte Annalena, "Ich hab´ ganz vergessen dass ich heute Abend versprochen habe Babysitter bei meiner Nichte zu machen. Mein Bruder will mit seiner Frau mal wieder ausgehen. Ich komme nächstes Mal wieder mit", verabschiedete sie sich.


    "Ihr wollt noch zusammen weggehen?", fragte Aitana.


    "Ja, auf einen Drink", antwortete Alke.


    "Komm doch mit", forderte sie Kim auf. "Ihr Tanzmäuse seid immer so schnell verschwunden."


    "Also ich hätte schon Lust", erwiderte die schwarzhaarige. "Wohin soll´s denn gehen?"


    "Ich dachte ans "La Fontana", schlug Meike vor, "die haben jetzt einen Freisitz und es ist heute Abend noch recht mild."


    "Natürlich", mischte sich ihre Schwester mit ironischem Tonfall ein. "Nur wegen des Ambientes. Oder hat es vielleicht doch andere Gründe?"


    Auf diese herausfordernde Frage erhielt sie einen, nicht allzu ernst gemeinten Knuff in die Seite und einen wenig zustimmenden Gesichtsausdruck.


    Kichernd verteilten sie sich auf die beiden zur Verfügung stehenden Fahrzeuge. Die Zwillinge, die normalerweise auch zu Fuß kamen, fuhren bei Aitana mit und Frank nahm Platz in Kim´s Smart.


    Die Fahrt dauerte nicht lange und die Fünf fanden noch einen Platz auf der neuen Freiterrasse im Lokal von Alessandros Familie. Die Sonne war bereits untergegangen, aber die Temperaturen hielten sich noch im angenehmen Bereich zum draußen sitzen. Zudem stand in der Nähe zusätzlich einer der typischen, gasbefeuerten Heizpilze.


    "Buona Sera, Signorinas", begrüßte Alessandro charmant wie üblich die Turnmädels. "Was darf ich euch bringen?"


    Er hatte Frank, der mit dem Rücken zu ihm saß offenbar übersehen.
    "Seit wann habe ich mich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen?", frotzelte dieser deshalb.


    "Oh Frank, mio Amici", entschuldigte er sich mit gespielter Bestürzung, "hab´ dich gar nicht gesehen."


    Die beiden klatschten Fußballtypisch ab, dann nahm der deutsche Italiener die Getränkebestellung entgegen. Frank fiel auf, dass sich Meike ungewohnt zurückhaltend zeigte, fast schüchtern. Und schon dämmerte es ihm, worauf ihre Schwester vorhin anspielte.


    Es war nicht allzu verwunderlich. Es gab Zeiten in denen er seinen Freund dafür hasste, dass alle Mädchen ihn "So süß" fanden. Seit dem Kindergarten war Sandro ein Mädchenschwarm. Er überlegte kurz ob er Meike vor ihm warnen sollte, ließ es aber denn Sandro war beileibe kein schlechter Kerl. Sie müsste sich nur daran gewöhnen, dass ihm ununterbrochen schmachtende Blicke potenzieller Konkurrentinnen zugeworfen würden.


    "Ich bin neugierig", begann er eine allgemeine Konversation. "Aitana, kann es sein dass dein Name seinen Ursprung auf der iberischen Halbinsel hat?"


    "So umständlich hat es zwar noch keiner ausgedrückt", antwortete die angesprochene, "aber du hast Recht. Meine Mutter ist Spanierin und mein Vater kommt ursprünglich aus Portugal."


    Das Gespräch wurde jäh durch die Vibration von Kim´s Mobiltelefon unterbrochen. Ungeschickt hatte sie es direkt am gläsernen Kerzenhalter platziert, so dass die Vibrationen dadurch kräftig verstärkt wurden. Da jetzt sowieso alle aufgeschreckt waren, konnte sie auch nachsehen.


    "Kurznachricht von Sannah", teilte sie den Anwesenden mit. "Ist an die komplette Truppe gegangen. Wir sollen unbedingt nächsten Freitag alle zum Training erscheinen. Wichtig. Und wir sollen alle die Ganzanzüge mitbringen."


    Noch während leises Gemurmel von ersten Spekulationen über den Grund der Mitteilung zeugte, meldete sich das Gerät erneut.


    "Wer es irgendwie einrichten kann, soll sich am Mittwoch zu einem Zusatztraining einfinden."


    Die allgemeine Überzeugung hierzu war, dass dem einige Wichtigkeit zuzusprechen sei. Derartig kurzfristige Entscheidungen seien untypisch für Sannah.


    "Kann sein, dass ich Mittwoch nicht kann", meldete die knabenhafte Blonde als Erste zu Wort. "Ich habe Spätschicht und weiß nicht ob ich so kurzfristig noch tauschen kann."


    Alle anderen sahen das zusätzliche Mittwochstraining jedoch als machbar an.


    Weitere Gespräche darüber wurden von Sandro unterbrochen, der die Getränke brachte. Gekonnt teilte er die jeweiligen Gläser ohne nachfragen zu müssen aus. Das letzte für Meike begleitete er mit dem Kommentar: "Und eine Apfelschorle für die Bella Signiorina."
    Scheinbar hatte es auch bei ihm gefunkt.


    An Frank gewandt fragte er mit glänzenden Augen: "Das sind also deine Turnmädels?"


    "Ein Teil davon", antwortete Frank und fügte hinzu: "Und es sind nicht meine Mädels. Eher bin ich ihr Kerl, aber ich sehe uns mehr als ein Team."


    "Scusi, so meinte ich es nicht. Auf jeden Fall sind die Show-Turnerinnen eine willkommene Aufmunterung nach dem riesen Eklat vom Mittwoch."


    Frank verstand nicht. "Wovon sprichst du?"


    "Als du Mittwoch gegangen warst, ging die Sache noch weiter. Das scheint sich auch auf andere Abteilungen auszudehnen, auch auf eure Gymnastiktruppe. Wenn´s später ruhiger ist komme ich zu euch und erzähle was passiert ist."
    Damit nahm sein Freund seine Serviertätigkeit wieder auf, denn der Laden war gut besucht.


    "Was hast du denn für Geheimnisse?", wollte Alke als Erste wissen.
    "Und was hat es mit uns Turnerinnen zu tun?", ergänzte ihre Schwester.


    "Ich habe mich längst überfällig und nicht ohne Streit von Fußball verabschiedet", erklärte Frank. "Wie aber die Turngruppe damit zusammenhängt kann ich mir nicht erklären. Echt nicht."


    "Ob es mit Sannahs Kurznachrichten zu tun hat?", spekulierte Aitana.


    "Wie auch immer", wehrte Frank ab. "Wir können uns erst dann ein Bild davon machen, wenn wir alle Hintergründe kennen. Bis dahin...", sagte er und hob sein Glas, "... zum Wohl".


    Alle tranken einen Schluck und die zuvor unterbrochenen Gespräche wurden fortgeführt.


    "Wie kommst du eigentlich zu unserer Turngruppe?", stellte die Halbspanierin die entscheidende Frage.


    "Ähhm ...", zögerte Frank mit seiner Antwort. "... das war ... mehr so durch Zufall. Das Fußballspielen wurde mir langweilig und so ... "überredeten" ... mich die Mädels...", wobei er einen ernsten Blick mit Kim austauschte, "... es doch mal mit dem Turnen zu versuchen."


    Er war sich sicher, dass außer ihm und Kim niemandem die unterschwellige Anspielung aufgefallen war.


    "Außerdem", schloss er mit gespieltem Sarkasmus, "Wollte ich schon immer mal wissen wie sich ein Mädchen-Turnanzug anfühlt", was die anderen zum Lachen brachte und noch nicht mal gelogen war.


    "Ist ja eher ungewöhnlich, dass ein Mann in eine Frauendomäne wie Showturnen, Tanz und rhythmischer Gymnastik eintritt", stellte Aitana weiter fest. "Sonst sieht man Kerle eher bei den Kraftübungen, an den Ringen, Stufenbarren und so. Aber selbst bei den Ballettübungen heute hast du gut mithalten können."


    Schon wieder ein Lob, für das er sich auch artig bedankte.


    "Ja", fiel Kim belustigt in ihr Gespräch ein, "vielleicht wird aus dir ja noch eine richtige Ballettratte."


    Die Stimmung am Tisch war ausgelassen.


    "Wie ist das eigentlich mit euch Ballettmädels?", fragte er. "Du, Aurelie, Mia und wie heißt die kleine schüchterne nochmal?"


    "Nasrin", antwortete Aitana.


    "Richtig, Nasrin. Danke. Ihr macht also hauptsächlich klassisches Ballett, seid aber zusätzlich auch in der Turngruppe. Wird das nicht manchmal zu viel?"


    "Eigentlich ist nur Aurelie übermäßig eingespannt", erklärte die schwarzgelockte mit dem dunklen Teint. "Sie tanzt ja auch noch am Theater und unterrichtet eine Kindergruppe. Wir anderen haben nur einmal die Woche Ballettstunden. Es kommt zwar vor, dass sich mal die Trainingstermine überschneiden. Aber beides fördert ja gleichermaßen Kondition und Ausdauer, so dass sich das eher ergänzt als stört."


    So hatte er das noch nicht betrachtet. Aber es leuchtete ein.


    Mittlerweile leerte sich das Lokal und auch hier im Freien wurde es kühler, was die Mädels naher an den Standheizer rücken ließ.
    Wie versprochen nahm Alessandro die Gelegenheit wahr sich zu ihnen zu setzen.


    "So, Leute. Jetzt habe ich ein bisschen Zeit."


    "Was war denn am Mittwoch noch alles?", war Frank ungeduldig zu erfahren.


    "Nach deinem filmreifen Abgang war noch lange nicht Schluss. Vince hat auch hingeschmissen."


    "Einfach so?"


    "Nein, natürlich nicht einfach so. Du kennst Vince. Er ist eine Seele von Mensch. Ruhig und gemütlich, wie seine ganze Erscheinung. Aber wenn mal eine Grenze überschritten ist, dann kann er auch ganz anders."


    Vincent war ebenfalls eine Stütze der Mannschaft. Zwar pummelig und sicherlich kein guter Läufer, aber immer strategisch an der richtigen Stelle und an vielen Toren beteiligt,


    "Was ist passiert?", wollte Frank weiter wissen.


    "Als du weg warst, hatte Marc keinen mehr zum rumstänkern. Aufgedreht wie er war, suchte er sich Vince als Opfer seiner Hänseleien. Worte wie "Fettsack" waren noch die harmloseren. Zuerst kratzte den das nicht die Bohne. Doch Marc machte immer weiter, auch mit Fouls, die sein Onkel geflissentlich übersah. Wir anderen wollten dann den Trainer deswegen zur Rede stellen, aber der blockte ab. Wir sollten uns nicht wie Mädchen anstellen."


    "So ein Arsch", warf Frank ein. "Was ist dann passiert?"


    "Nasenbeinbruch!", erklärte Alessandro nüchtern. "Vince hat nicht lange gefackelt und Marc ging zu Boden wie ein nasser Sack. Der hat geblutet wie ein undichter Gartenschlauch."


    Ein erschrecktes Einatmen war von den Turnerinnen zu vernehmen.


    "Dann packte ihn Vince mit einer Hand am Kragen und schleifte ihn dem Trainer bis vor die Füße. Der plusterte sich schon auf für eine Tirade disziplinarischer Maßnahmen, aber Vince sagte nur in ruhigem Ton, dass er, sollte er irgendwas von den beiden zu hören bekommen, ihn wegen Mobbing anzeigen würde und dass er ihm nicht im Dunkeln begegnen solle.


    "Da hat er auf jeden Fall Recht!", entfuhr es Meike. "Sowas ist ja unerhört!"


    "Jetzt seht ihr Mädels mal, wie harmonisch das doch alles bei euch zugeht", stellte Frank fest und wartete ab, was sein Freund sonst noch zu berichten hatte.


    "Die Hälfte von uns hat dem Trainer dann das Ultimatum gestellt, umgehend seinen Trainingsstil zu überdenken und die Störenfriede auszusondern. Sonst bräuchte er sich um den Abstieg keine Gedanken mehr zu machen, weil es dann keine Mannschaft mehr gäbe."


    "Recht so", pflichtete Frank bei. Von den Gymnastinnen war Applaus zu hören.


    "Was ich so gehört habe", erzählte Sandro weiter, "versucht der Familienclan um Marc sich wieder irgendwie aus der Sache rauszuwinden."


    "Mit solch mafiösen Strukturen musst du dich doch gut auskennen", frotzelte Frank um die Stimmung wieder etwas zu heben.


    "He, meine Familie stammt aus Napoli", wehrte er ab, "nicht aus Sicilia. Wir machen keine Angebote die man nicht ablehnen kann", spielte er mit typisch italienischer Fingergestik auf Vito Corleone, den Mafia-Paten an. "Aber im Ernst. Soweit ich mitbekommen habe, wurde sogar eine außerordentliche Vorstandssitzung beantragt, denn wenn die Mannschaft nicht mehr besteht, gehen auch die Sponsorengelder flöten. Momentan möchte ich in deren Haut nicht stecken. Die suchen bestimmt nach Möglichkeiten die anderen Abteilungen mit hinein zu ziehen, oder zumindest deren Anteile am Sponsoring zu beschneiden. Es ist zwar Hörensagen, aber es wurde wohl behauptet, dass die Show-Turn-Gruppe dich abgeworben, und damit die ganze Krise erst ausgelöst hätte."


    "So ein ausgemachter Blödsinn!", regte Frank sich auf. "Etwas derart hanebüchenes glaubt doch hoffentlich keiner."


    Auch aus den Reihen seiner Turnkolleginnen kamen Unmutsbekundungen. Es wurde angeregt diskutiert.


    "Auch wenn sie damit nicht durchkommen", stellte Frank niedergeschlagen fest, "fällt denen bestimmt wieder ein Weg ein, sich von jeglicher Schuld rein zu waschen. Am besten wär´s alle Verantwortlichen rauszuschmeißen und die Fußballabteilung von Grund auf neu aufzubauen."


    Sandro machte eine reibende Geste mit Daumen und Zeigefinger: "Daran wir es wieder scheitern", sagte er während er die leeren Gläser abräumte. "Kann ich euch noch was bringen?"


    "Nein, ist schon spät", war der allgemeine Tenor, "Es wird eh zu kühl."


    Damit brachen alle auf.


    "Das ist schon ein starkes Stück, was da bei euch abgeht", sagte Alke beim rausgehen zu Frank.


    "Ich hoffe nur, dass sich das nicht wirklich auf unsere und andere Vereinsabteilungen auswirkt", kommentierte er nachdenklich, und zu den anderen: "Wenn wir nichts weiteres hören, sehen wir uns am Mittwoch."

  • Erst der detailgetreu geschilderte Einkaufszug durch Sabines Lycraparadies - anders kann man es nicht nennen, dann die Vereinnahmung der Truppe durch die resolute Aurelie, die fortlaufende Verschlankung der Fussballmannschaft und zum Schluss die bange Frage nach der Zukunft des Vereins - du schaffst es, eine einfallsreiche Geschichte abzuliefern. Super!

  • Vielen Dank für deinen Kommentar.
    Als ich damals die Geschichte schrieb, wechselten sich immer wieder Phasen mit produktiver Inspiration und Schreibblockaden ab. Manchmal fliegen einem die guten Ideen geradezu entgegen, während man andermal mit Nachdruck kämpft um etwas sinnvolles zu erfinden.

  • Kapitel 8


    Samstag Morgen.


    Es tat gut mal wieder auszuschlafen. In Gedanken rekapitulierte er nochmals die Ereignisse des letzten Abends. Doch es lief schon wieder darauf hinaus sich aufzuregen und damit wollte er sich nicht schon so früh den Tag verderben.
    Also dachte er lieber an die improvisierte Ballettstunde. Dass ihm das richtig Spaß gemacht hatte war noch der geringste Teil. Dabei umringt von den hübschesten Turnmädels die er je gesehen hatte, fachte seine Phantasie umso mehr an. Er dachte an die beweglichen Körper in den aufreizenden Lycra-Klamotten, die mehr zeigten als sie verhüllten.


    Mit diesen Gedanken griff er sich den Katalog, den Sabine aus dem Gymnastikladen ihm mitgab. Er hatte ihn schon mehrfach flüchtig durchgeblättert, aber noch nicht intensiv studiert. Egal ob Turnanzüge, Badesachen oder Ballettkleidung, jedes einzelne Modell war in allen Farbvariationen abgebildet. Sowohl von vorn, als auch von hinten. Meistens eingeleitet durch ein Foto mit einem oder mehreren Models, die Varianten davon dann als Abbildung, auf einem Bügel oder an einer Schaufensterpuppe.


    Faszinierend war nicht nur die Vielfältigkeit der Angebotspalette, sondern auch die anvisierte Zielgruppe. Die Kleidungsstücke wurden beileibe nicht ausschließlich von professionellen Models mit Ballettfigur präsentiert. Man legte anscheinend auch Wert auf herrentaugliche Größen und dementsprechende Darstellung. Vieles war sogar in Übergrößen erhältlich.
    Auch mit den Preisen hatte Sabine nicht zu wenig versprochen. Klar, das hier waren Direktversandpreise. Aber der geringe Einzelhandelszuschlag wurde durch Beratung und Anprobe mehr als ausgeglichen.


    Je länger er die Seiten des Hochglanzprospekts an sich vorbeiziehen ließ, desto mehr erregte ihn das dargebotene. Wie gerne würde er die weichen und meist glänzenden Stoffe anfassen, fühlen, ja, am liebsten ganz auf seiner Haut spüren.


    Er nahm seine Hand weg von der Stelle, wo sie seine morgendliche Vergnügung zu schnell beenden würde. Ob er seine Gymnastikanzug anziehen sollte? Schon der Geruch ließ ihn davon Abstand nehmen. Das Training gestern war zu schweißtreibend und dieser Body bedurfte dringend einer Reinigung.
    Seine Gymnastikhose jedoch hatte weniger abbekommen. Er zögerte. Ach, sch.... drauf. In Windeseile fielen seine Boxershorts und endlich glitt das dehnbare Material sanft über seine Beine, schmiegte sich um seinen Hintern und umspannte sein Vergnügungszentrum mit genau der richtigen Menge an Druck um seine Gefühle zu steigern ohne ihn zu sehr einzuengen.


    Jetzt gerade durfte er jedoch nicht hin fassen, sonst wäre die Mühe vergeblich gewesen. Also schnappte er sich erneut den Lycraworld-Katalog und las die einleitenden Seiten. Den Anfang machte der wohlbekannte geschichtliche Abriss zur Erfindung und Entwicklung des favorisierten Stoffs. Wie üblich wurden danach die Vorzüge der Produkte angepriesen. Qualitätsmerkmale wurden heraus gestellt und die Direktvermarktung beworben. Im folgenden Abschnitt stellte die Firma die Entwicklungsabteilung und Produktionsstätten in Deutschland vor. Auch Partnerbetriebe im angrenzenden Ausland wurden beispielhaft in Bezug auf fairen Handel und Arbeitsstandards nach deutschem Vorbild gezeigt.


    Das wirklich interessante war jedoch die Firmenphilosophie. Sonst ein Kapitel, das man geflissentlich überspringen konnte. Hier war das ganz anders. Unter dem Slogan "Lycra - nicht nur für den Sport" erläuterte das Unternehmen seine Zielgruppe - Jeden.
    Also jeden, der Spaß am tragen von Kleidungsstücken aus der genannten Kunstfaser hat. Ohne Einschränkungen hinsichtlich Alter, Geschlecht, Gewicht oder sportlicher Veranlagung. Zwar tauchte nirgends direkt die Bezeichnung "Fetisch" auf, aber die Erläuterungen ließen keinen Zweifel daran, dass der größte Teil des unternehmerischen Engagements in eben diesem Metier zu finden war.


    Erstaunlich, denn wenn eine Firma ihre Produkte auf breiter Basis auf eine sonst als "Randgruppe" bezeichnete Gemeinschaft ausrichtete, musste es ja eine Unmenge an Lycrafans geben. Er war also keinesfalls alleine mit seiner speziellen Neigung.


    Zufrieden ging er mit dem Finger durchs Inhaltsverzeichnis. Zuerst gab es eine grobe Klassifizierung in Sport. Freizeit und "Fun". Diese Abschnitte waren wiederum in individuelle Teilbereiche untergliedert.


    Am Meisten interessierte sich Frank für den Bereich "Fun", da er nicht genau wusste was er sich darunter vorzustellen hatte. Die Aufmacherseite präsentierte einen repräsentativen Querschnitt.
    Er wurde begrüßt von einem gestandenen Mann im typischen Badeanzug der zwanziger Jahre. Damals trug hauptsächlich das "starke" Geschlecht körperbetonte Bademode. Die holde Weiblichkeit indes durfte nur voll bekleidet inklusive Unterrock am Badevergnügen teilnehmen. Der Männeranzug reichte bis zu den Oberschenkeln und war rot/weiß geringelt. Stilecht dazu, wies der Träger einen kaiserlichen Schnauzbart auf und trug einen zylinderartigen Hut und einen Gehstock.
    Daneben fand sich eine Gruppe "Superhelden", deren Ganzanzüge alle Attribute der entsprechenden Comicfiguren aufwiesen. Verschiedene Lycraträger beiderlei Geschlechts in spaßigen Motiven oder zweideutigen Aufschriften komplettierten die Startseite.


    Beim Durchblättern bestätigte sich, dass der Bereich "Fun" zum Großteil Kleidungsstücke für Parties oder Karneval vorhielt. Das Meiste waren Ganzanzüge mit angeformten Handschuhen, Fußteilen und Kopfhauben. Letztere wahlweise komplett geschlossen oder mit ovalem Gesichtsausschnitt. Dieser Typus wurde als "Zentai" oder "Morphsuit" bezeichnet.


    Besonders originell fand er ein Karnevalskostüm, welches ein mannshohes Glas eines obergärigen Bieres darstellte. Jene Sorte, die vor allem im Rheinland beliebt ist und die gleiche Bezeichnung der dort vorherrschenden Dialektsprache trägt.
    Obwohl das Gesicht des Models verhüllt war, deuteten diverse sonstige anatomische Eigenheiten auf einen Mann.
    Von den Füßen bis zu einer waagrechten Linie zwischen Brust und Hals bestand der Anzug aus einem hochaufgelösten Fotomotiv goldgelben Bieres in einem in einem mit Kondensperlen beschlagenen Glas. Dieser Abschnitt war dementsprechend hochglänzend. Den oberen Teil, die Schaumkrone bildete regulärer, seidenmatter weißer Lycrastoff. Zur Komplettierung trug die Gestalt eine schneeweiße Clownsperücke auf dem konturlos verhüllten Kopf. Selbst an ein Brauereiemblem auf dem Bauch hatten die Designer gedacht. Natürlich im Text leicht abgewandelt, wegen des Urheberrechts.
    Der Anzug machte regelrecht durstig, wenngleich Frank sich fragte, wie man durch eine geschlossene Lycrahaube trinken sollte.


    Nach diesen Kneipen und Ballermann-Outfits folgten zuerst die Superhelden und dann Zentais die Filmkostümen nachempfunden waren. Vor allem Motive aus Science-Fiction und Fantasy, wie beispielsweise ein täuschend echter C3PO aus goldglänzendem Lycra.
    Auch auf diesen Seiten wechselten sich Frauen und Männer verschiedenster Körperformen ab. Man war darauf bedacht, keine potenzielle Kundengruppe auszugrenzen. Das sah zwar manchmal ungewohnt aus, aber so ist nun mal unsere Welt.
    Besonders beeindruckend waren auch die Lycra-Anzüge, die wie ein Bodypainting bedruckt waren. An manchen Modellen sahen sie so täuschend echt aus, dass man mehrfach hinsehen musste um Anhaltspunkte für die Täuschung zu finden.
    Noch tiefer in den frivolen oder gar sexuell motivierten Bereich gingen Trikots mit vielen Durchbrüchen, die mehr Haut zeigten Manche durchlöchert wie Alpenländischer Käse. Weitere Produkte waren aufgrund der Optik endgültig der SM und Bondage-Szene zuzuordnen. Stärkeres Material mit angearbeiteten Fesselungsmöglichkeiten, ja, regelrechte Zwangsjacken gaben dem Thema Lycra eine bislang unbekannte Richtung.


    Zusätzlich gab es am Ende des Kapitels noch eine Bilderserie der MeLiFas, der menschlichen-Litfaß-Säulen. Einem Performance-Projekt, das vor einiger Zeit hübsche Mädels in Zentais mit durchaus ernst gemeintem Werbeaufdruck steckte und diese in den Ostseebädern, aber auch auf Rügen und in Wismar flanieren ließ. Ob dies nur ein Anwendungsbeispiel sein sollte, oder ob die Textilausstattung von diesem Hersteller stammte, war den Bildern nicht zu entnehmen. Schade, dachte er sich, dass ich 700km von der Ostsee entfernt wohne.


    Der Bereich "Freizeit" war für ihn nicht so ergiebig. Zwar waren regulär geschnittene und damit uneingeschränkt alltagstaugliche Shirts und Hosen nicht ohne Reiz, aber für Frank musste Lycra körpergenau anliegen.


    Er wechselte also schnell in die Sektion "Sport". Gleich zu Anfang lenkte eine ungewöhnliche Aufnahme seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war eine reale, nicht inszenierte Fotografie aus einem gut besuchten Schwimmbad. Das bemerkenswerte daran war die Gruppe von Männern, die im Vordergrund posierte. Alle trugen Badeanzüge. Keine der mittlerweile verbreiteten High-Tech-Schwimmanzüge, sondern reguläre Damenanzüge.
    So viel Courage hätte er wahrscheinlich nicht. Turnsachen sind ja schon nicht ohne wenn man sie abseits des Turnens trägt, aber im Damenbadeanzug im Schwimmbad? Womöglich noch dort wo ihn jeder kennt? Dafür fühlte er sich noch nicht reif genug. Oder abgeklärt, wie immer man es nennen wollte. Die sieben auf dem Bild jedenfalls hatten ihren Spaß daran. Auch, oder gerade diejenigen, die so gar nicht nach Leistungsschwimmern aussahen.
    Lycraworld offerierte jede Menge Badeanzüge für Männer. Der Schnitt war der Selbe, nur die Größen unterschieden sich zu den Frauen.


    Jetzt kam das Kapitel auf das er gewartet hatte. Gymnastikkleidung. Die Augen gingen ihm über vor all den verschiedensten Erscheinungsformen der Turnanzüge, und deren Farbvielfalt, speziell bei den Unisex-, bzw. Herrenmodellen.
    Dass er momentan keinen Turnbody tragen konnte, machte die Dringlichkeit von Ersatzanzügen überdeutlich. Zum einen suchte er Lycrasachen, die er zum regulären Training tragen konnte, die andererseits aber auch eine besondere Note hatten. Aber nichts mit Straß-Steinen, Swarowski-Glitzer oder Pailletten. Das war einfach nicht so sein Stil.
    Dort wo andere Hersteller lediglich zwei, drei verschiedene Herrentrikots anbieten konnten, gab es hier selbst im Segment Basicwear eine Vielfalt die ihn überforderte. Am liebsten hätte er von sämtlichen Anzügen ein Exemplar. Wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher, könnte er dann in reinem Lycra baden.


    Sein Blick blieb an einer Aufnahme einer Kombination aus einem Gymnastikanzug und Radlertights hängen. Vielleicht lag es an der Präsentation durch ein männliches Model. So sehr er sich auch auf die anderen Kleidungsstücke der Katalogseite konzentrieren wollte, sein Blick wanderte immer wieder zu dieser Kombination.


    Der Body hatte die Standardform, kurze Stummelärmel und einen runden Halsausschnitt. Dieser machte Knöpfe oder einen Reißverschluss überflüssig. Weitere Bilder zeigten die Variationen Body zu unters und Radler darüber, sowie umgekehrt. In jeder tragweise sahen die Lycrateile einfach Klasse aus.
    Die Grundfarbe war Rot. Im Farbton genau wie die Sportwagen eines italienischen Edelherstellers. Das Material hatte einen seidenmatten Look. Nichts außergewöhnliches. Von der rechten Taille bis zum linken Hüftknochen verliefen, ähnlich einem Pfeil zwei Streifen in einem sehr, sehr dunklen Grün. Diese Einsätze waren hochglänzend und wirkten wie flüssiges Lakritz. Die Besonderheit war, dass die Tights dieses Muster exakt wieder aufnahmen, wodurch es keinerlei Unterbrechung gab, ganz gleich ob unter oder über dem Body getragen.


    Er stellte sich darin vor, wie die rote Kunstfaser seinen Körper umschmeichelte. Spürte in seiner Vorstellung bereits die elektrisierenden Impulse, die das körpergenaue Lycra an seine Haut übertrug.
    Gleichzeitig spürte er, wie er mit seiner freien Hand in seinem Kellergeschoß kramte. Er wurde richtig heiß. Diese Teile musste er besitzen.


    Noch bevor seine Erregung sich vorzeitig entladen konnte, bremste er sich ein. Er suchte ja noch nach einem weiteren Turnanzug. Etwas spezielles, das mit Worten zu beschreiben ihm nicht möglich war. Er würde es wissen, wenn er es sah.
    Frank hatte schon fast alle Seiten mit Gymnastikanzügen durch. Jeder weitere sah immer noch besser aus als der vorherige. Seine Sinne wurden regelrecht überreizt.


    Dann sah er IHN.


    Ganz am Rand einer Seite.


    Das war es was er suchte. Ein richtig geiles Teil!


    An diesem Turnanzug stimmte einfach alles. Der Beinausschnitt war regulär, vielleicht ein klein wenig höher als gewöhnlich. Vorder- und Hinterteil wiesen den gleichen Halsausschnitt in Form eines relativ flachen "V" auf.
    Ob es sehr breite Träger, oder eher sehr kurze Stummelärmel waren ließ sich so einfach nicht unterscheiden. Jedenfalls reicht der Stoff bis auf die Mitte der Schulter und bildete damit die exakte Verlängerung der Seiten.. Das "V"-Motiv wiederholte sich in einem Rand um den Halsausschnitt, wobei jener Rand zu den Schultern hin schmaler und in der Mitte breiter wurde, was das "V" steiler erscheinen ließ. Die Seiten hatten ebenfalls Einsätze, die in einem Punkt unter den Achseln begannen und sich bis hinunter zu den Schenkeln und dem Gesäß verbreiterten. Dadurch erhielten die Flächen von Vorder- und Rückseite ebenfalls eine perfekte V-Form die im Schritt endete. Hauptsächlich bestand der Gymnastikanzug aus schlichtem, schwarzem Lycra ohne jede Besonderheit.


    Die Akzente setzten die Krageneinfassung und die Seitenteile. Ebenfalls in gleichem Glanzgrad, bestanden sie aus einem fein verschlängelten Linienmuster in allen Regenbogenfarben auf einem kaum noch erkennbaren, violetten Untergrund. Das Ding sah richtig Edel aus.


    Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und begann zu phantasieren, während seine Hände für Gefühlsaufwallungen sorgten. Im Geist sah er sich in diesem Dress bei der Standfigur mit den Zwillingen an seiner Seite. Wie es wohl wäre mir Schwestern gleichzeitig intim zu sein? Er verwarf den Gedanken schnell wieder. Zudem hatte ja zumindest Meike derzeit andere Interessen.
    Die nächste Vorstellung betraf die rotierenden Körper von Lena und Kim, mit ihm am Ende des Kletterseils als Dirigent in seiner roten Lycra-Kombi. Der Gedanke an den Feuerfuchs im grünen Gymnastikanzug und die biegsame mit dem kleinen und überaus festen Körperchen, ließ unter seiner streichelnden Hand einen veritablen Ast wachsen.


    Eigentlich hätte er seine Handarbeiten jetzt zum Ende führen können, aber er hatte immer noch nicht das passende Bild vor Augen.
    Aurelie vielleicht? Nun, er konnte nicht abstreiten auch sie attraktiv zu finden, aber letztlich traf das ja auf alle in der Gruppe zu. An ihr reizte ihn mehr, dass sie bereits etwas älter war. Erfahrener vielleicht? Französinnen sagt man ja nach sehr geschickt in Praktiken abseits des Alltäglichen zu sein.
    Nasrin dagegen konnte er gar nicht einordnen. Die Gegensätze ihrer Schüchternheit, ihres nonkonformen Aussehens und ihrer atemberaubenden Grazie bei der Bewegung übten eine unerklärbare Anziehung aus.
    Die quirlige, fast überdrehte Mia dagegen gehörte zu den wenigen, mit denen er sich keine Interaktion vorstellen wollte.
    Der Gedanke an die knuddelige Aitana brachte seine Zeiger wieder in den roten Bereich. Wie sich wohl die ausgeprägten Formen der Spanierin anfühlen mochten? In ihrer prall gefüllten Gymnastikhose aus den 80er Jahren?


    Jetzt war er fast soweit. Es fehlte noch der letzte Funken um sein Feuer zu entfachen. Unter beschleunigtem Reiben ließ er alle Gymnastinnen nochmals Revue passieren.


    Tatsächlich hatte er noch eine vergessen. An sie dachte er auch sonst am wenigsten:


    Sannah?


    "System Overload", blinkte es imaginär vor seinen Augen.


    Die Entspannung dauerte fast eine ganze Minute und sein gesamter Körper zuckte unkontrolliert, so überreizt war er.


    Warum ausgerechnet Sannah?


    Seine Leggings, das Bettlaken, seine Hand - gut dass der Katalog nichts abbekommen hatte.


    Zum Glück war Heute sowieso Waschtag.




    Kapitel 9


    Nachdem er sich von seiner Morgenfreude erholt hatte, machte Frank seine Wäsche und in der Zwischenzeit auch sonst klar Schiff in seinem Reich, das er in Kürze gegen ein Eigenverantwortliches eintauschen würde. Er begann damit, bereits einiges das er als Erstes in die neue Wohnung mitnehmen wollte auszusondern. Eine gute Gelegenheit sich von Sachen zu trennen, die seit Jahren nicht mehr in Gebrauch waren. Dieses Selektion hielt ihn länger auf als gedacht. Als er danach sein Bett neu bezogen und seine Wäsche getrocknet und verstaut hatte, ging es bereits gegen Zwölf Uhr. Er hatte sich ja vorgenommen noch in Sabines Laden rein zu schauen, um eventuell noch zusätzliche Lycrakleidung zu erstehen.


    Also schwang er sich auf sein Trekking-Bike und trat zügig in die Pedale. Samstags war das Geschäft bestimmt nur halbtags geöffnet. Die grobstolligen Reifen rubbelten über das Straßenpflaster, als er kurz nach Mittag mit erhöhtem Tempo in die kleine Gasse einbog. Vor dem Laden quietschten dann seine Bremsen. Das Schild an der Milchglastür schalt ihn für seine unnötig halsbrecherische Fahrt. "Sonnabend 9:30 bis 13:30", stand da zu lesen. Genügend Zeit also. Die Türglocke kündete von seinem Eintreten.


    "Ich komme", hörte er das bereits bekannte Flöten.


    "Ach, Frank", klang Sabine überrascht als sie aus dem hinteren Traumland für Fetischisten trat und ihn erblickte. "Ich hatte so bald nicht wieder mit dir gerechnet. Dein Anzug ist noch nicht da, frühestens Mittwoch."


    "Ich weiß", antwortete er noch immer etwas außer Atem. "Deswegen bin ich nicht hier."


    Er kramte umständlich den kleinen Zettel hervor, auf dem er die Bestellnummern seiner Wunschteile notiert hatte.


    "Kannst du diese Turnanzüge besorgen, Sabine?", fragte er während er ihr das Schriftstück überreichte.


    "Oh, da hat aber einer Gefallen daran gefunden", meinte die ältere Dame schmunzelnd und tippte die Daten in die Suchmaske ihres Dispositionsprogramms ein. Es dauerte einen Moment bis sie die Ergebnisse erhielt.


    "Den "V"-Anzug", auch sie verwendete diesen Begriff, "müsste ich bestellen. Du hast Geschmack, den finde ich auch gut."


    Sie scrollte noch etwas durch die Datenmenge. "Die Kombination müsste ich sogar in deiner Größe da haben. In Rot wie abgebildet?"


    Frank nickte. Er hatte gar nicht nach Farbvariationen geschaut, so perfekt fand er die rote Ausführung.


    Sabine bedeutet ihm sie nach hinten zu begleiten.
    Im Anprobe Bereich waren gerade zwei Gestalten zu Gange. Bei einer davon konnte er die Geschlechtszugehörigkeit an einem kräftigen, graumelierten Bart erkennen. Wegen der Statur und eines deutlichen Wohlstandsgeschwürs, schätzte er auch die andere Person auf männlich. Beide steckten in Ganzkörper-Zentais, wobei der stämmigere durch eine Vollmaske anonymisiert war. der Lycra-Suit des bärtigen war hochglänzend. Eine Art Sternenhimmel, tiefblau mit feinen leuchtend weißen Sprenkeln. Der andere wirkte mit dem einfarbig gelben Morphsuit etwas plump. Wie ein überfütterter Kanarienvogel.


    Sabine ging zu dem Mann hin und zog aus der beträchtlichen Auswahl die sich auf dem Sofa angesammelt hatte einen anderen Zentai heraus.


    "Hier, probieren Sie diesen mal". Sie hielt den Anzug ausgebreitet hoch, damit er selbst durch die geschlossene Kopfhaube das mehrfarbige Design sehen konnte. "Die Struktur kaschiert ein wenig die "Problemzonen" und betont dafür andere Regionen."


    Der Kanarienvogel verschwand mit dem angebotenen Modell hinter dem Vorhang der Umkleide. Derweil hatte der andere Kunde eine Frage.


    "Frank, du kennst dich ja ein bisschen aus", forderte sie ihn auf sich selbst zu bedienen, da sie hier gebraucht würde. "Drittes, nein viertes Regal von links, ziemlich weit hinten."


    Das Gefühl durch die Reihen mit auf Bügeln drapierten Turnanzügen zu schlendern war unbeschreiblich. Er fasste mehr an als er zum Suchen gemusst hätte, nur um das in Chemielaboren entstandene Glanzgespinst zu fühlen. Hätte er nicht heute schon seine Leidenschaft freudig gefeiert, wäre seine Jeans jetzt bestimmt wieder zu eng geworden.


    Er fand die Kombination. Die beiden Teile hingen zusammen auf einem Kleiderbügel und waren von feinster Plastikfolie umhüllt. Neuware. Daneben hingen noch Varianten in Lila und Burgunderrot, sowie Grün mit Silber. Aber "seine" gefiel ihm am Besten. Was auf dem Katalogfoto gleichmäßig hochglänzend gewirkt hatte, entpuppte sich schillernd wie Insektenpanzer, je nach Lichteinfall tiefschwarze oder dunkelgrüne Streifen.


    Als er zurück in den Probierbereich kam, sah der Kanarienvogel von eben bereits deutlich vorteilhafter aus. Ein Zentai in mittlerem Grau mit verschiedenartigen Streifenmustern in Schwarz und Weiß und einigen feinen grünen Nadelstreifen machte ihn gute zehn Kilo leichter. Zudem wirkte seine Packstation besser gefüllt. Sabine hatte schon einen Blick fürs Wesentliche.


    "Ah", stellte sie fest, "du hast die Sachen gefunden. Hast du dir auch die anderen Versionen mal angesehen?"


    "Natürlich, aber..."


    "Aber keine ist so scharf wie die Rote", beendete sie schmunzelnd seinen angefangenen Satz. "Mir musst du nichts erklären, ich seh´s an deinen Augen. Darf es sonst noch was sein?" erkundigte sie sich, worauf Frank den Kopf schüttelte.


    Sie begleitete ihn zur Kasse und endlich besaß er noch eines, respektive Zwei dieser erregenden Teile.


    "Wenn du kommende Woche für deinen Ganzanzug kommst, kann ich dir bestimmt schon sagen wann das V-Dress geliefert wird", erklärte sie und rief ihm noch zur Tür zu: "Bestell den anderen schöne Grüße"


    Dass ein Trekking-Bike kein Stadtfahrad zum Einkaufen ist, wurde ihm klar als er nach einer Möglichkeit suchte seine Neuerwerbungen für die Fahrt zu verstauen. Ein Gepäckträger zählt da nicht gerade zu den meistgewünschten Ausstattungsmerkmalen, also schob er sich die Plastiktüte kurzerhand unter seinen Pulli.
    Blöde Idee, denn kaum aufgestiegen fiel das Zeug wieder unten raus. In seiner Not schlang er sich das Spiralkabel seines Fahradschlosses um den Leib, was zwar etwas eng war und absolut bescheuert aussah, aber zumindest seinen Turnanzug fest an ihn presste.


    Bei der Gelegenheit studierte er das Veranstaltungsprogramm der Markthalle, welches in Form eines länglichen Plakats am Hinterausgang befestigt war und sämtliche Termine für diesen Monat auflistete. So ein Zufall. Heute Abend spielte eine ehemalige Schülerband, die seit drei, vier Jahren nicht mehr aufgetreten war. Das würde er sich nicht entgehen lassen, schließlich waren die mit ihrem Repertoire früher immer ein Garant für beste Stimmung gewesen.


    Wieder zu Hause angekommen, musste er verständlicherweise zuerst mal in seinen neuesten Besitz schlüpfen. Vollständig entkleidet streifte er zuerst die Oberschenkellangen Radlertights über. Sie passten wie für ihn gemacht. Kein zwicken, kein einengen, aber straff - eben Tight. Der Body war ebenfalls sehr einfach anzuziehen. Durch den Halsausschnitt war das Einsteigen ein Kinderspiel. Das Lycra war auch innen so glatt, dass es fast von alleine über seinen Leib glitt. Als befände er sich innerhalb multipler, zärtlicher Umarmungen.


    Da wird den Mädels die Spucke wegbleiben, dachte er als er sich im Spiegel begutachtete. Das Ornament, welches auf dem Gymnastikanzug begann setzte sich nahtlos auf den Radlern fort. Das ganze wirkte wie ein Einteiler, konnte aber auch mit anderen Sachen kombiniert werden.
    Zufrieden mit seiner Wahl streifte er die anschmiegsame Kunstfaser schweren Herzens wieder ab, bevor etwas unvorhergesehenes passieren konnte.




    Kapitel 10


    20:00 Uhr.


    Der Bus brachte ihn bis zweihundert Meter vor den Marktplatz. Von hier aus war schon zu sehen, dass das Konzert zum großen Erfolg würde. Vor der Markthalle drängten sich bereits die Livemusikfans und begehrten Einlass. Frank traf unzählige ehemalige Schulkameraden und -innen und machte auch mit jedem etwas Smalltalk. Mit einigen der Mädchen unterhielt er sich auch etwas länger, vor allem wenn sie dem derzeitigen Modediktat folgend Leggings und Ballerinas trugen. Eine Kombination die ihn seit jeher gefiel. Doch eigentlich wollte er hinein und das Konzert erleben. Er freute sich wie ein Kind, denn er war auf keiner Veranstaltung mehr seit seine letzte Freundin sich von ihm getrennt hatte.


    "Back in the High Life again", erinnerte er sich an ein älteres Mid-Tempo-Stück, das sehr gut seine derzeitige Verfassung wiederspiegelte. Gerade schaffte er es in den Innenraum zu kommen, als auch schon wuchtige Drum-Schläge das Konzert eröffneten. Fast schien es als wären die Jungs und das Mädel am Bass nie weg gewesen. Die bekannten Songs, die ihn sofort wieder in ihren Bann zogen, klangen frisch wie selten. Das lag natürlich auch an dem hervorragenden Sound, der sämtliche musikalischen Details erlebbar machte. Von seiner Position aus konnte er das Mischpult nicht sehen, aber er konnte sich vorstellen wer es bediente.
    Nach vier weiteren Stücken kämpfte er sich bis zur Bar vor um seine vom Mitsingen ausgetrocknete Kehle zu benetzen. Singen war natürlich ein sehr weit gefasster Begriff für das Gegröle, über das gnädigerweise die vorherrschende Lautstärke ihren Deckmantel warf.


    "Ein Bier", bestellte er mit heiserer Stimme gegen den Lärm anschreiend.


    Zwischenzeitlich kündigten die Musiker eine Pause zum Ende des ersten Drittels an.


    "Mach zwei", korrigierte er seine Bestellung.


    Mit den Getränken kämpfte er sich durch die Menge nach Halbrechts zum Mischpult. Mit dem Schlussakkord des vorerst letzten Stücks erreichte er den Technikplatz mit einem untersetzten, optisch klar dem Rock ´n´ Roll Business zugehörigen Tontechniker. Dessen schwarzes T-Shirt mit der Rückenaufschrift "Crew" spannte ganz schön über dem massiven Oberkörper.


    Noch mit dem Blick zur Bühne gerichtet, hielt er dem Techniker die Flasche vors Gesicht.


    "Trink mal was, Vince, du alter Schlägertyp!"


    "Wenigstens einer der auch mal an die schwerarbeitende Bevölkerung denkt.", nahm Vincent dankend die Flasche entgegen und setzte an zu einen kräftigen Zug.


    Frank´s Fußballkamerad arbeitete bei einer regionalen Veranstaltungsfirma. Nach Ferienjobs und einer folgenden Ausbildung war dies der richtige Beruf für den Technik-affinen.


    "Nasenbeinbruch?", erkundigte sich Frank über das allgemeine Gemurmel hinweg nach der Richtigkeit von Sandro´s Bericht.


    "Ging ganz schnell", bestätigte Vincent in seiner ruhigen und trockenen Art, und stieß lächelnd mit Frank an.


    "Hast du keine Angst, dass da noch was nachkommen könnte?"


    Vincent begegnete ihm mit ungläubigem Blick.


    "Was soll denn da nachkommen?", fragte er und zog nochmal an seinem Bier. "Der wird sich schon überlegen, dass ein zweifacher Nasenbeinbruch langsamer verheilt als ein einfacher."


    Der gemütliche Typ war wirklich ein guter Freund. Er hatte immer ein offenes Ohr und wusste meistens Rat wenn man ihn brauchte. Und bei technischen Fragen überschüttete er einen regelrecht mit Antworten, ob man sie hören wollte oder nicht.


    "Wenn wir uns jetzt nicht mehr beim Fußball sehen", sagte Frank, "muss ich wieder öfter auf Konzerte gehen um dich zu treffen."


    Das harte Los von Veranstaltungstechnikern ist, dass ihre Hauptarbeitszeit dann stattfindet, wenn andere feiern gehen. Hauptsächlich also Freitag bis Sonntag. Montag kommt dann das ganze Material von den Gigs zurück, muss geprüft und weggeräumt werden. Dienstag und Mittwoch sind dafür frei - Das Wochenende in diesem Gewerbe. Und Donnerstag laufen wieder die Vorbereitungen fürs nächste Wochenende.


    Vincent schob das Absperrgitter etwas beiseite.


    "Komm rein mein Freund", lud er ihn ein. "Leiste mir Gesellschaft. Hier hast du sowieso den besten Sound."


    Was natürlich stimmte, den hier wurde schließlich die Tonmischung erzeugt.
    Das Saal-Licht wurde gedimmt und die Musiker betraten wieder die Bühne. Schnell übertönten diese das Johlen den Menge und fuhren fort mit ihrem treibenden Powerrock.


    Interessant zu beobachten wie viele feine Einstellungen nötig waren um aus jedem Titel das Beste rauszuholen. Vincent´s Finger flogen mit schlafwandlerischer Präzision über die hunderte von Reglern und stellten für jeden Song die ideale Balance ein. Bei Ansagen schob er den Fader für die Vocals immer etwas höher.


    "Sänger sind es gewohnt laut zu singen, aber nicht laut zu sprechen", erklärte er. "Damit aus Ansagen kein unverständliches Genuschel wird, muss man schon etwas nachhelfen."


    Auch bei Gitarrensoli machte er das Instrument minimal lauter, damit es sich aus dem Gesamtmix abheben konnte. Bei manchen Stücken verstellte er auch die Klangreglung der Bassistin.


    "Etwas weniger "Brumm", dafür aber mehr "Knurr", charakterisierte er die Auswirkungen auf die Tonalität des Instruments.


    Frank konnte sich nicht vorstellen, wie man bei dieser Unmenge an Technik den Überblick behalten konnte. Umso mehr, als dass Vince sich parallel dazu auch noch um die Bühnenbeleuchtung kümmerte. Die Light-Show war anscheinend vorprogrammiert, so dass er lediglich Startimpulse über ein Tablet geben musste. Doch gelegentlich war neben der Soundarbeit auch mal eine bestimmte Lichtstimmung einzustellen, oder taktgenaue Akzente zu setzen.


    Die Band spielte jetzt zwei Balladen hintereinander, was die Paare im Publikum animierte näher zu rücken und den Singles Gelegenheit gab für Getränkenachschub zu sorgen. Diese Lieder machten Frank melancholisch. Mit seiner letzten Freundin hätte er jetzt auch eng getanzt.
    Glücklicherweise dauerte die "Schmuserunde" nicht zu lange und das dynamisch, peitschende Schlagzeug holte ihn aus seinen trübsinnigen Gedanken zurück in die Wirklichkeit.


    "Ich hol noch was zu trinken", schrie er seinem Freund ins Ohr. "Sag´ bescheid wenn du auch noch was willst."


    "Bescheid!", war die bereits vermutete, knappe Antwort darauf.


    Als er die Getränke orderte, erblickte er am weit entfernten anderen Ende der Theke ein langes, schmales Gesicht, das über den Köpfen der umstehenden herausragte. Mia, seine zukünftige Nachbarin. Hüpfend und zappelnd wie üblich. Sie hatte ihn nicht entdeckt und er wollte auch nicht auf sich aufmerksam machen, weil der Weg dorthin durch das Gedränge derzeit ein fast aussichtsloses Unterfangen darstellte. Stattdessen gesellte er sich wieder zu seinem Kollegen, der die kurze Ansagepause zwischen zwei Songs nutzte um eine kräftigen Schluck zu nehmen. Dann ging das Konzert dynamisch weiter und Vince sorgte dafür, dass die fundamentalen Töne dem Publikum immer schön in den Magen traten.


    "If it´s too loud, you´re too old!", war die Devise der Rockmusik.


    Beim letzten Stück vor der nächsten Pause verabschiedete sich Frank und machte sich auf den Weg um nachzusehen ob noch andere der Turngruppe hier waren.


    Zunächst traf er jedoch auf weitere ehemalige Mitschüler, die wie er selbst voll des Lobs für die Wiederauferstehung dieses Party-Musikacts waren.


    "Hallo, Frank!", wedelte Mias langer Arm durch die Luft als sie ihn sah. Er musste noch eine ausgelassen tanzende Gruppe umrunden bis er sie erreichte. Gerade in dem Moment als die nächste Pause begann.


    "Hallo", begrüßte er sie knapp weil er wusste, dass sie ihn in nächster Zeit eh nicht zu Wort kommen lassen würde.


    "Schön dich auch hier zu treffen. Klasse Konzert, nicht? Kennst du die Band? Ich nicht. Ganz schön voll hier. Bist du schon eingezogen? Wenn nicht kann ich dir ja helfen. Hast du gehört, dass Mittwoch Sondertraining ist? Weißt du warum? Und Freitag sollen wir die Ganzanzüge mitbringen. Bestimmt Generalprobe im Kostüm. Hast du überhaupt schon einen Anzug? Oder trainierst du nur mit ohne am Auftritt teilzunehmen?


    Alles in einem Rutsch. Ohne Komma, ohne Punkt. Aber jetzt musste die hyperaktive Giraffe erstmal Luft holen, was ihm Gelegenheit zum Antworten gab. Wenn er doch nur behalten hätte was sie in ihrem Redeschwall alles gefragt hatte.


    "Nein, ich bin noch nicht eingezogen, wird wohl kommende Woche", beantwortete er woran er sich noch erinnern konnte. "Warum Sannah das Training angesetzt hat weiß ich auch nicht. Und für eine Generalprobe sind wir eigentlich noch nicht weit genug mit den Showteilen."


    "Du machst also auch beim Auftritt mit?", fragte sie in ihrer Nervosität, jedoch abgelenkt durch alles was um sie herum passierte.


    "Natürlich", beeilte er sich bevor sie ihn wieder total zu textete. "Mit gefangen, mit gehangen."


    Offensichtlich hatte Mia die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege, denn anstatt die restlichen Antworten abzuwarten oder gar ein richtiges Gespräch zu führen, ließ sie sich schon wieder vom allgemeinen Gewusel ablenken.


    Jetzt erst bemerkte er die kleinere Gestalt, die sich die ganze Zeit sehr still in Mia´s Schatten aufhielt. Abgewetzte Lederjacke, schwarze zerrissene Jeans und Springerstiefel. Das alles garniert mit einem Nietengürtel und allem, was sonst noch das Klischee des Punks bediente. Komplettiert wurde das Ganze mit düster umschminkten Augen und jeder Menge Metall in und um alle sichtbaren Körperöffnungen unter dem ungebändigten rotschwarzen Haar.


    Nasrin


    Kaum zu glauben, dass dieses gewollt abstoßende Etwas eine derart begnadete und elegante Tänzerin war.
    Dieses Mädel umgab etwas geheimnisvolles. Das Weiß ihrer Augen leuchtete regelrecht unter der übertriebenen Schminke.


    "Hallo Nasrin", rief er um den vorherrschenden Lärm zu übertönen.


    Sie hob lediglich eine Bierflasche zum Gruß.


    "Wie findest du die Band?", probierte er es weiter.


    "OK!" war die knappe Antwort darauf.


    Frank betrachtete sie intensiv. Unter all den Piercings verbarg sich ein fein gezeichnetes Gesicht. Hohe Wangenknochen, ein schmaler Mund und ein kleines Kinn. Ihre exotische Schönheit und vermeintliche Verletzlichkeit sprach seinen natürlichen Beschützerinstinkt an.
    Er unternahm einen letzten Versuch so etwas wie eine Konversation mit ihr in Gang zu bringen und verließ sich auf seinen vielfach erprobten Einstieg: "Ich bin neugierig, dein Name Nasrin. Stammt er aus dem nahen Osten?"


    "Iran"


    Eine Perserin also.


    "Und hat dein Name eine besondere Bedeutung, oder so?", wollte er in höflichem Smalltalk wissen.


    "Er bedeutet, diejenige...", jetzt hatte er sie wohl aus ihren Schneckenhaus raus gelockt, "... mit der du dich lieber nicht weiter befassen solltest", nahm ihre Flasche und entfernte sich phlegmatisch von ihm.


    Das war deutlich.


    Zumindest heute würde die Konversation wohl nicht fortgeführt werden. Soviel zum Beschützerinstinkt.


    Er tippte Mia an, die gerade zwei Kampftrinkern dabei zusah wie die sich weg beamten: "Du sag mal, deine Freundin. Ist die immer so schroff?"


    "Nasrin?", vergewisserte sie sich.


    Er nickte.


    "Nasrin ist nicht direkt meine Freundin. Ich weiß auch nicht. Sie will mit anderen nicht so viel zu tun haben. Ist eher introvertiert. Ich frage sie nicht aus und deshalb hängt sie oft mit mir ab."


    Klar, dachte er. Wenn die langbeinige Gazelle unentwegt Belanglosigkeiten daher plappert, kann ja auch niemand sonst zu Wort kommen. So gesehen passten die beiden sehr gut zusammen.


    "Aber weißt du denn nicht mehr über sie?", bohrte er nach, "Ich meine, du bist doch häufig mit ihr zusammen."


    "Ach, sie erzählt nicht viel von sich. Ich glaube sie will auch nicht, dass man über sie spricht. Ich weiß nur, dass sie als kleines Kind mit ihrer Mutter aus dem Iran gekommen ist. Ihr Vater ist, glaube ich, Tot, und ihre Mutter streng konservativ und gläubig. Du weißt ja, wie das dort mit der Religion so ist. Jedenfalls, hat sie sich von allem losgesagt und rebelliert auf ihre Weise gegen alles was sie stört."


    Dafür, dass Mia "eigentlich" nichts über ihre Begleiterin zu wissen vorgab, war das schon wieder ein endlos erscheinender Strang von Informationen.


    "Aber beim Training war sie doch ganz anders. Wie ist das bei euch in der Ballettschule?"


    "Ja, da hast du Recht. Wenn sie tanzt ist sie wie ausgewechselt. Aber auch dabei lebt sie in ihrer eigenen Welt. Wäre sie nicht so in sich gekehrt, könnte sie alleine wegen ihres Talents Aurelie problemlos überflügeln."


    Die kleine Punkerin blieb interessant. Allerdings brauchte er heute keinen Annäherungsversuch mehr zu unternehmen, bei der Abfuhr.


    Mia war unterdessen wohl auf Bekannte gestoßen, mit denen sie sich ausgiebig unterhielt, also nutzte er die Gelegenheit sich wieder in Richtung Bühne vorzukämpfen um den letzten Teil des Konzerts hautnah mitzuerleben.
    Er wurde auf ein Pärchen aufmerksam, das Arm in Arm zusammen stand. Es war eine der Zwillinge. Offensichtlich mit Partner.


    "´n Abend Alke", begrüßte er seine Sportkollegin.


    "Oh, Hallo Frank", erwiderte sie den Gruß. "Bist du dir da ganz sicher?", fragte sie herausfordernd und schob dabei demonstrativ ihren Rechten Fuß vor und lenkte seinen Blick auf ihre Lederballerinas.


    Klar, worauf sie anspielte. Da er aber gestern mitbekam wie ihre Schwester Meike ein Auge auf den italienischen Hengst Alessandro geworfen hatte, tendierte die Wahrscheinlichkeit sich zu täuschen gegen Null.


    "Ich werde nicht nochmal verraten, wie ich euch unterscheiden kann, denn sonst dreht ihr mir nur wieder einen Strick daraus", erklärte er ihr mit breitem Grinsen.


    Ihr Freund schaute sichtlich verwirrt aus der Wäsche, also stellte sie einander vor und erklärte dass sie Turnkollegen waren. Das schien ihm zu genügen und er wandte sich wieder der Beschäftigung zu Alkes Rücken zu streicheln.


    Frank konnte das gut verstehen, trug sie doch aus ihrer Röhrenjeans ragend einen schlichten schwarzen Lycrabody, der ihren Oberkörper straff in Szene setzte. Genauso merkte er auch, dass er hier störte und verabschiedete sich mit. "Ich geh´ mal weiter nach vorne. Vielleicht sieht man sich später noch" und fügte dazu: "Übrigens, Nasrin und Mia habe ich hinten an der Bar getroffen."


    Er hörte noch ein kurzes "Danke", war aber bereits weitergegangen und hatte die vierte Reihe vor der Bühne erreicht. Gerade rechtzeitig, denn die Hauptbeleuchtung ging aus. Im Dunkeln hörte man des Zischen von Nebelmaschinen, dessen Ergebnis unter unheilvollen Keyboardklängen in jetzt blutrotem Bühnenlicht geheimnisvolle Stimmung verbreitete. Pulsierendes Bass-Gegrummel, dann eine scharf aufblitzende Gitarre und schon fetzte die Band wieder los.


    Derartige Effekte sollte man in ihre Turnshow einbauen. Aber außer der quäkigen Durchsage-Anlage hatte die Turnhalle leider nichts zu bieten.


    Egal, er wollte jetzt nicht seinen abschweifenden Gedanken nachhängen, sondern den Gig genießen.


    In diesem letzten Teil spielten die Musiker ausschließlich bekannte Stücke, bei denen das Publikum von Anfang an mitsang und einfach eine Super Stimmung herrschte. Sicher musste Vince den Pegel etwas anheben, damit die Musik nicht von den Fans vollends übertönt wurde. Ein Klasse Abend.
    Umso überraschender, dass relativ früh das letzte Stück angekündigt wurde. Das war natürlich Berechnung, denn mindestens zwei Zugaben waren von vorn herein einkalkuliert, die von den Fans auch lautstark eingefordert wurden.


    Nach der vierten Zugabe war aber noch immer nicht Schluss. Die Bandmitglieder wirkten bei ihrer Vorstellungsrunde schon ganz schön ausgepowert. Auf unablässiges Zurufen, ließen sie sich jedoch zu einem letzten Song bewegen. Bereits die ersten Saitenanrisse lösten ekstatischen Jubel aus. Es war einer ihrer früheren Höhepunkte. Die Coverversion einer englischen Band. Eigentlich ein sehr simples Stück, das sie aber wie ihre Vorbilder um die lustige Konzertszene aus "Blues Brothers" erweiterten und ein Medley zahlloser, vergangener Hits integrierten.


    Auch Vincent regelte in Hochform. Die Bassdrum drückte vehement auf den Solarplexus, während der E-Bass die Hosenbeine flattern ließ.


    "Turn it on, turn it on again!", Diese Refrainzeile spiegelte die Haltung des Publikums wieder. Aber nach mehr als zehn weiteren Minuten endete diese überragende Reunion-Konzert zur allgemeinen Zufriedenheit und auch Erschöpfung.


    Erst als er die reguläre Kneipenmusik sehr leise durch ein Rauschen und Klingeln in seine Ohren wahrnahm, wurde ihm bewusst wie laut das Konzert vor allem gegen Ende war. Die meisten Anwesenden stürmten jetzt die Bar und in der nächsten Stunde gab es bestimmt kein Rankommen mehr.


    Frank unterhielt sich noch kurz mit weiteren Bekannten, war aber selbst so ausgelutscht dass er beschloss nach Hause zu fahren. Seit langem hatte er mal wieder richtig Spaß gehabt und wollte es auch dabei belassen, bevor es wieder in einer durchzechten Nacht endete.


    Er nahm den Hinterausgang und sah gegenüber die Buchstaben S.G.T., die wieder Schwung in sein Leben gebracht hatten. Er freute sich schon auf Mittwoch.




    Kapitel 11


    Mittwoch


    "Ey Mann, scharf!", war die erwartete Reaktion auf seine Rote Lycra-Kombination. "Alter Schwede, das sieht ja mal Klasse aus!", kriegte sich Meike gar nicht mehr ein.


    Frank hatte sie im Flur vor der Umkleide getroffen. Beide waren zwar zehn Minuten früher als sonst, aber trotzdem die Letzten. Nach dem unerwarteten Aufruf ihrer Kameradin und Trainerin wollten alle zeitig erfahren, was es wohl damit auf sich hätte.


    Auf dem Weg zur Turnhalle beäugte sie ihn immer wieder von allen Seiten - und mit offen stehendem Mund.


    "Du kannst ja deinen neuen Freund mal dahingehend beeinflussen, sowas für dich anzuziehen", stichelte er unverhohlen, auf Meike´s schmachtende Blicke für Sandro letztens anspielend.


    Sie zeigte sich davon überrascht und wusste nicht ob sie es abstreiten, oder ob sie Frank zum Stillschweigen verpflichten sollte.


    "Ach komm", brachte es Frank deutlich zur Sprache, "als ob vorigen Freitag nicht jeder am Tisch mitbekommen hätte wie es zwischen euch beiden geknistert hat."


    "Wirklich?" Meike schien erstaunt.
    Das war wohl damit gemeint wenn man behauptete, Liebe mache blind.


    "Hey, ist doch nichts dabei", ermutigte er sie während sie zusammen die Treppe hinunter stiegen.


    "Ich hab´ ihn ja noch nicht mal gefragt, Frank. Du kennst ihn doch näher. Denkst du, ich habe Chancen?"


    Unsicherheit war ebenfalls eine Begleiterscheinung des verliebt seins.


    "Jetzt mach aber mal ´nen Punkt. Wer möchte denn mit dir nicht näher bekannt sein?", fragte er mit vorgetäuschter Empörung über ihre geringe Selbstwahrnehmung. "Bei ihm hat´s doch auch gefunkt", beruhigte er sie, "Du musst höchstens damit klar kommen, dass du nicht die Einzige bist die ihm schöne Augen macht. Ich weiß auch nicht, ob er sich bereits seine Hörner weit genug abgestoßen hat, um sich langfristig zu binden."


    Meike schien hin und her gerissen, und blieb mit verzweifeltem Blick stehen. "Toll, jetzt weiß ich gar nicht mehr was ich machen soll."


    Frank legte ihr freundschaftlich die Hand auf die Schulter und sagte: "Mach dich an ihn ran. Sandro ist kein schlechter Kerl. Ich kenne ihn seit dem Sandkasten und kann dir versichern, dass er auf dich steht."


    Das war´s anscheinend, was ihr zur Aufmunterung gefehlt hatte, und so traten beide bester Laune in die Turnhalle - Und blickten in zwei niedergeschlagene Gesichter. Lena und Alke wirkten sehr ernsthaft. Sannah rief gerade die Ballettmäuse zusammen, die sich in den Weiten der Halle warmliefen.


    "Was ist passiert", fragte er direkt.


    "Sannah erklärt´s gleich, gemahnte ihn Annalena zur Geduld.


    Die Gruppenleiterin trat vor die versammelte Truppe. Ihr Gesichtsausdruck war so nüchtern, wie ihr schnörkelloses, rotblaues Ringerdress.


    "Zunächst Danke, dass ihr es fast alle einrichten konntet heute außer der Reihe her zu kommen. Aurelie kann nicht wegen Verpflichtungen am Theater und Kim hat Schichtdienst im Krankenhaus. Ansonsten sind wir aber vollzählig."


    Einige blickten sich wie zur eigenen Überzeugung um.


    "Ihr fragt euch bestimmt warum ich dieses Sondertraining angesetzt habe. Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Am Freitag wurde ich von der Vorstandschaft zusammen mit den anderen Abteilungsleitern zu einer außerordentlichen Besprechung gerufen, deswegen musste Aurelie die Stunde leiten."


    Leichte Unruhe ging durch die Reihen.


    "Erst dachte ich, es gehe nur um unseren Antrag für neue Geräte, vor allem einen neuen Stufenbarren und ein großes Trampolin, denn die vielen Reparaturen werden nicht ewig halten. Aber anscheinend werden momentan die Karten hinsichtlich der Vereinsfinanzen neu gemischt."


    "Soll das heißen, für unsere Gruppe ist noch weniger Geld da?", lamentierte Alke vorwurfsvoll. "schließlich kaufen wir unsere Kostüme bereits komplett selbst und sogar für die neuen Reckstangen letztens haben wir zusammengelegt. Von den Matten ganz zu schweigen."


    "Diese Argumente habe ich auch angeführt, aber wie´s aussieht hat der Verein mächtige Probleme, die zu lange Zeit schön geredet wurden.
    Die Sportanlagen gehören ja alle der Schule und damit der Gemeinde. Der Verein ist nur Mieter, deshalb sind wir ja so knapp bei Kasse und auf jegliche Sponsorengelder angewiesen. Zu der sowieso desolaten Finanzlage, weswegen der Kassenwart bereits beurlaubt wurde, kommt jetzt auch noch der Verlust des Hauptsponsors."


    "Wie das?", interessierte sich Aitana.


    "In der Fußball-Abteilung hat sich die Erste Mannschaft wegen sportlicher Differenzen mit der Führung aufgelöst, wodurch auch die örtliche Baufirma als Werbepartner abgesprungen ist. Die hatten ja alleine aus verwandtschaftlichem Interesse viel investiert, was auch auf alle anderen Abteilungen umgelegt werden konnte. Jetzt reicht es noch nicht mal mehr um neue Trikots für die Jugendmannschaft zu finanzieren."


    "Wurde dabei möglicherweise auch noch schmutzige Wäsche gewaschen?", fragte Frank mit umsichtiger Wortwahl.


    "Du meinst die an den Haaren herbei gezogene Story, dass wir Turnerinnen alles ausgelöst hätten, indem wir den "besten" Spieler abgeworben haben sollen?" Sannah zeigte dabei auf den "Hahn im Korb", dessen Gesichtsfarbe sich zunehmend der seiner Turnklamotten annäherte. "Nein, diesen Zahn habe ich der inzestösen Führungsetage gleich gezogen. Danach beschuldigten sie noch andere, nur um vom eigenen Unvermögen abzulenken. Zum Glück gehört der erste Vorsitzende nicht zu diesem Familienclan und kann noch klar denken. Es war wohl nur eine Frage der Zeit bis das mit den Fußballern passierte."


    "Aber dann darf es doch nicht zum Nachteil der anderen Abteilungen werden, wenn die da oben Misswirtschaft betreiben", empörte sich Meike.


    "Da gebe ich dir Recht, nur leider sieht es derzeit für den gesamten Verein schlecht aus. Um überhaupt die Mieten aufbringen zu können um weiter Sport zu treiben, werden den einzelnen Unterabteilungen zunächst jegliche Finanzmittel versagt."


    Ausrufe der Empörung wurden laut und Sannah musste lauter sprechen um ihrer Truppe Einhalt zu gebieten.


    "Darüber hinaus sind wir alle angehalten, unsere Fühler nach potenziellen Unterstützern auszustrecken, oder zumindest außergewöhnliche Leistungen zu zeigen, damit neue Geldgeber auf uns aufmerksam werden."


    Der Ernst der Lage wurde ihnen allen so langsam klar und es herrschte eine fast ohnmächtige Stille.


    "Womit wir jetzt zurück zum Anfang kommen.", beendete Sannah den Lagebericht. "Alle Sportabteilungen werden nacheinander hinsichtlich Kosten und Nutzen geprüft. Vor allem wir, weil sich unsere Leistungen nicht mit statistischen Mitteln erfassen lassen wie eine Torbilanz oder ein Tabellenplatz. Ja, ich weiß", kämpfte sie gegen die erneute Entrüstung an, "das klingt nicht mehr nach Freude an der Bewegung. Aber..."


    Sie machte eine Pause bis sich die Aufregung wieder gelegt hatte.


    "Aber wir werden die letzten Jahre harten Trainings, das uns bereits so weit gebracht hat nicht unter "Spaß gehabt und tschüss" verbuchen. Wie werden denen zeigen wozu wir fähig sind. Beim Vereinsfest in vier Wochen muss unsere Show einschlagen wie eine Bombe. Wir werden alles dafür tun, dass es ein Erfolg wird."


    Allgemeine Zustimmung und Beifall löste die niedergeschlagene Stimmung ab.


    "Aber wir hätten doch sowieso alles gegeben um erfolgreich zu sein", kam ein berechtigter Einwand von Lena. "Und die verbleibende Zeit reicht uns doch locker. Weshalb also die Eile?"


    "Weil sich der Rest der Vorstandschaft am Freitag ein Bild davon machen will, was wir hier treiben. Oder genauer gesagt, wenn wir Freitag nicht zumindest so viel präsentieren können dass die Herren überzeugt sind, drehen die uns schon früher das Wasser ab."


    Das war ein heftiger Einschlag und die gerade gehobene Stimmung sackte auf einen Tiefpunkt.


    "Ich weiß genau was wir können - ihr wisst was ihr könnt", überzeugte Sannah wie ein Motivations-Coach. "Wir werden alles so weit durchgehen, dass wir bis Freitag einen passablen Ablauf zeigen."


    Frank war der erste, der sich aus seiner Schockstarre befreien konnte und die Unumgänglichkeit ihres Ziels erkannte.
    "Worauf warten wir also?", fragte er. "Beißen wir uns durch!"


    Auch die anderen setzten sich in Bewegung und zusammen bauten sie alle benötigten Geräte auf. Die meiste Arbeit machte das große Trampolin, das er noch nicht kannte. Der Rahmen war an mehreren Stellen verstärkt worden. Beschädigte Teile wurden von Rohrschellen zusammengehalten, wodurch es nicht mehr zusammengeklappt werden konnte und im Ganzen transportiert werden musste.
    Nicht nur auf den Boden davor, sondern auch von oben auf die Schmalseiten wurden dick gepolsterte Matten gelegt. Dazu mussten zusätzlich Segmentkästen auf korrekte Höhe zusammengestellt und entsprechend untergeschoben werden. Der Hintergrund dieser Maßnahmen blieb Frank zunächst verborgen.


    Auch der Schwebebalken wurde positioniert, genauso wie Böcke und Sprungbretter.


    "Ich möchte", begann Sannah mit ihrer Einweisung, "dass wir erst mal alle bereits erarbeiteten Teile abwechselnd durchprobieren. Einige von uns haben noch nicht alles gleichermaßen geübt und müssen heute noch Neues dazu lernen."


    Dabei blickte sie Frank und die Tänzerinnen an.


    "Danach intensiviert jede Gruppe ihre Hauptübung und zum Schluss machen wir einen oder gar zwei komplette Durchläufe."


    Es folgte das allgemeine Aufwärmen und Dehnen.
    Die Ballettmädels, heute in regulärer Turnkleidung, starteten ihr Bodenprogramm aus fließenden Bewegungen und Elementen der rhythmischen Gymnastik. Die Zwillinge und Lena perfektionierte ihre Sprünge und Sannah schob Frank zum Trampolin.


    "Das ist neu für dich, aber eigentlich musst du erstmal nur hüpfen", erklärte sie.


    Er hatte noch nie auf so einem Gerät gestanden. Dieses Trampolin hatte gewiss schon bessere Tage gesehen. Bereits beim hochschwingen auf die Bespannung musste er darauf achten, nicht durch die zerschlissene Schutzabdeckung in die Federn zu rutschen. Er stand ziemlich wacklig auf dem grobmaschigen Gewebe.


    "Probier einfach kleine Sprünge, nicht mehr als ein Meter in der Höhe", erklärte die Brünette im Ringerdress. "Orientiere dich dabei am Kreuz in der Mitte. Versuch´ es immer möglichst genau zu treffen. Du musst erst mal ein Gefühl dafür bekommen."


    Seine ersten Hüpfer waren sehr unsicher. Mehr als einmal kam er von der Richtung ab und strauchelte beim Versuch zu korrigieren. Meist fiel er dabei seitlich um und musste erst wieder zum Stehen kommen bevor er von Neuem beginnen konnte.


    Sannah sah ihm ein paar Minuten lang zu und gab ihm hier und da Anweisungen und Tipps.


    "Mach mal so weiter und denk daran einen regelmäßigen Rhythmus zu finden."
    Damit verabschiedete sie sich und wandte sich ihrem eigenen Training am Schwebebalken zu.


    Das Trampolinspringen begann ihm Spaß zu machen. So langsam entwickelte er ein Gefühl dafür, wie er seine Richtung halten konnte und wie er abspringen und seine Arme zur Balance einsetzen musste. Die weichen Gymnastikschläppchen trugen ihren Teil zum genauen Springen bei, indem sie ihn den veränderlichen Untergrund exakt spüren ließen.


    Mittlerweile hatte er sogar Zeit sich nach den anderen umzusehen. Seine Gruppenleiterin zeigte Kraft und Technik bei ihren verschiedenen Figuren am Schwebebalken. Lena und die Zwillingsschwestern flogen mit Schwung und Grazie durch die Lüfte und die Tänzerinnen waren auf der Bodenturnmatte ganz in ihrem Element. Farbige Bänder wirbelten hinter ihren glänzenden Lycra-Körpern her. Keulen und Reifen wechselten in fließender Choreografie die Hände und das elegante Aussehen stand außerhalb jeder Kritik.


    Er selbst musste derweil umgehend erfahren, dass selbst zu einfachem Trampolinspringen viel Konzentration gehört, denn nach nur einer kleinen Unachtsamkeit schlug es ihn wieder seitwärts hin. Nur gut, dass er nicht hart fallen konnte.
    Also rappelte er sich wieder auf und begann erneut. Je sicherer er wurde, desto höher traute er sich zu springen. Die Höhe betrug jetzt schon annähernd zwei Meter und seine Sprungfrequenz wurde gleichmäßiger. Vom Takt eines Metronoms zwar noch weit entfernt, aber stetig besser werdend.


    Sannah hatte ihre Übungen beendet und schaute wieder vorbei. "Sehr gut", lobte sie und es klang überzeugt. "Kümmere dich erst um die Gleichmäßigkeit, nicht um die Höhe, die kommt später von selbst."
    Dann war sie auch schon wieder verschwunden um sich ihren akrobatischen Showteilen zusammen mit den anderen Flugtalenten zu widmen.


    So langsam wurde das ganz schön stressig. Vor allem seine Schienbeine begannen zu schmerzen. Wohl vom abdrücken mit den Zehen, einer bislang für ihn ungewohnten Bewegung. Um sich abzulenken, sah er nach was die anderen so trieben.
    Die Bodengymnastische Kür war anscheinend beendet und alle drei Ballettmädels standen jetzt der Größe nach aufgereiht auf dem Schwebebalken. Ein Platz für ihre fehlende Kollegin wäre noch frei gewesen. Auch in der Größenabstufung hätte das besser gepasst.


    Den Anfang machte Aitana in einem weißen Body im Badeanzug-Stil. Durch die, vor allem rückwärtigen Öffnungen des gut ausgefüllten Stoffs kontrastierte der Anzug sehr schön mit ihrem bronzefarbenen Teint.


    Die nächste war Nasrin, das Mysterium. Frank fragte sich wie lange sie wohl immer brauchte um zum Sport das ganze Blech aus ihrem Gesicht zu puhlen. Aus jenem Gesicht, das ohne Zierrat um Längen hübscher war. Heute erinnerte nur die Farbwahl ihrer Kleidung an ihr sonstiges Aussehen. Schwarz. Alles. Stegleggings, Gymnastikanzug, selbst die Schläppchen die sie trug waren tiefschwarz. Zumindest ihr Body wies einen seidenmatten Glanz auf, der ihre Anatomie mit Lichtreflexen aufregend in Szene setzte.


    Daneben wäre eigentlich Aurelie gekommen, aber heute nahm die alles überragende Mia ihren Platz ein. Sie trug als einzige ihre weiße Ballettstrumpfhosen ihren nicht enden wollenden Beinen. darüber jedoch einen halbärmligen, grünen Wetlook-Body mit angeformten Miniröckchen, was irgendwie gut zu ihrer leicht kindlich überdrehten Art passte.


    Was die drei auf dem schmalen Steg aufführten, war eine Mischung aus Cheerleading und Ballettfiguren. Synchrone Bewegungen, Sprünge mit ganzer Drehung. Er wusste aus eigener Erfahrung wie schwierig selbst einfach scheinende Übungen wurden, wenn man nur ein Handbreit zum stehen hat.


    "Frank, mach mal Pause", hörte er Sannah´s Stimme.


    War auch höchste Zeit, denn unter seinem feuerroten Lycrasuit floss schon wieder der Schweiß.

  • Ein Katalog in Händen zum Stöbern, und in Gedanken steht man bereits fertig eingekleidet da wie die Fotomodelle. Und natürlich für jeden gemacht.
    Und du hast es geschafft, bei der Schilderung des Bierglas-kolorierten Kostümträgers mich aufstehen zu lassen, um mir was zu trinken zu holen. Beste Stimulation. Welches der Mädel der Turngruppe ist sein Favorit? Die Antwort ist überraschend.
    Der Besuch bei Sabines Laden, und ich bin hautnah (im doppelten Sinne) dabei.
    Auch das Konzert, Franks Kumpel hinterm Mischpult, das Treffen mit Mia und Nasrin hast du mit feinem Blick für Details geschildert. Super.
    Aber dann. Sannahs düstere Ankündigung.

  • Dankeschön.


    Hatte nicht jeder schon mal einen ähnlichen Zeitvertreib beim Durchblättern (oder durchklicken) von Lycrakatalogen?
    (Es soll ja Mitglieder geben, denen dabei die Idee für eine große Fortsetzungsgeschichte ins Gesicht gesprungen ist :D )


    Und wer von uns würde einen Besuch in einem Gymnastikladen wie dem von Sabine ausschlagen?


    All dies entspringt aus eigenen Sehnsüchten oder Erfahrungen. Vom Fan für Fans.
    Und es ist immer schön, wenn es einigen gefällt und sie sich vielleicht auch darin wiederfinden.

  • Kapitel 12


    "Wir machen später weiter damit", winkte sie ihn zur Bodenmatte heran. "Zur Abwechslung etwas Bodenturnen. Wir brauchen die Einleitung zur Standfigur. Wie der Handstand-Überschlag geht weißt du doch noch, oder?", fragte sie schnippisch.


    Und ob er das wusste. Er konnte jetzt noch den Muskelkater von damals spüren.


    "Du machst nichts anderes als das. Von Ecke zu Ecke, wie eingeübt", erklärte sie während alle anderen Gruppenmitglieder sich ebenfalls einfanden.


    "Ihr drei", dabei zeigte sie auf Mia , Nasrin und Aitana, "Schlagt Rad in Längsrichtung. Abwechselnd nacheinander immer direkt nachdem unser Star-Fußballer", allgemeines kichern, "von seinem Strecksprung weiter zur Ecke läuft. Meike, Alke und ich machen Flic-Flacs in Querrichtung. Immer direkt nach euch."


    Klang kompliziert, funktionierte aber erstaunlich reibungslos. Klar, einige kleinere Kollisionen ließen sich nicht vermeiden, aber insgesamt passten Zeitfolge und Koordination sehr gut. Man merkte deutlich, dass die Gymnastinnen schon seit längerem aufeinander eingespielt waren.


    "Denkt weniger an die Übungen selbst", rief Sannah außer Atem in einer ihrer Wartepausen. "sondern konzentriert euch nur auf das Timing."


    "Frank, du gehst am Ende deiner letzten Bahn zur Mitte der Seite", wies sie weiter an. "Wir anderen beenden dann nacheinander unsere Teile und bleiben dann außen stehen."


    Das würde jetzt die Überleitung zur Standfigur, die sie bereits entwickelt hatten.


    "Meike, Alke, orientiert euch jetzt zu den Ecken und achtet auf Franks Rad", dirigierte die kräftige, befehlsgewohnte Stimme. "Ihr müsst gleichzeitig in der Mitte ankommen."


    Mist. Gerade jetzt hatte er einen kleinen Stolperer im Schluss-Stand. Aber zum fluchen blieb keine Zeit, denn die beiden Schwestern standen schon parat. Das Weitere verlief ohne Beanstandung. Das Dreigestirn stand kurz darauf imposant ausgebreitet da. Die weit nach außen gelehnten Zwillinge in ihren silberglänzenden Ganzanzügen bildeten einen herrlichen Kontrast zu der knallroten Mittelsäule. Selbst der Umstieg auf Franks Hüfte funktionierte tadellos und so war auch noch eine ganze Drehung des Gebildes möglich.


    Die Damen vom Ballett kannten diese Nummer noch nicht. Entsprechend atemberaubend war die Wirkung auf sie. Als die Formation sich auflöste, traten die drei Hauptakteure zurück auf ihre Ausgangsposition. Mit Eleganz und Grazie, wie es ihnen von Aurelie eingetrichtert wurde. Ein spontaner Applaus war ihnen dafür sicher.


    "Sobald die Figur steht", wandte sich Sannah zu den anderen, "Springen wir anderen wahllos durcheinander um sie herum. Wenn die Drehung einsetzt, ziehen wir uns zurück und würden dann die Sprungnummer vorbereiten."


    Auch dieser komplette Durchlauf gelang ohne größere Schwierigkeiten.


    Als nächstes wurde die Flugnummer am rotierenden Seil nochmal angegangen, während die restlichen Turnerinnen weiter an ihren Sportgymnastik-Darbietungen arbeiten wollten.
    Die Vertretung für die fehlende Kim übernahm Nasrin, da sie in Statur und Größe dem Blonden Wirbelwind am nächsten kam. Während Lena die Details mit ihr durchsprach, zeigte die Iranerin wie üblich keinerlei Reaktion. Trotzdem hatte sie alles verstanden, wie die folgende Ausführung bewies und Frank schleuderte die beiden Mädels in gleichmäßigen Umdrehungen durch die Hallenluft.


    "Dieser Part sitzt ebenfalls", stellte Sannah zufrieden fest. "Insgesamt fehlt uns aber noch ein Akrobatik-Teil. Wir sollten zumindest probieren, wie weit wir die Trampolinsache bereits hinkriegen."


    Frank wusste zwar nicht was noch alles zu diesem Programmpunkt dazugehörte, bezweifelte aber dass eine Stunde Hüpfübungen seinerseits schon ausreichten um in einer Akrobatik Vorführung zu bestehen.


    "Ähhm.....", meldete er sich deshalb vorsichtig zu Wort, "... außer auf der Stelle hüpfen kann ich aber noch nichts."


    "Brauchst du zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht. Da können wir noch ein paar Wochen dran arbeiten bis zum Vereinsfest."


    Die Mädels wussten anscheinend wie der Programmteil auszusehen hatte, denn ohne Umschweife räumten sie je einen Bock an die schmalen Seiten des Trampolins. Sie stellten sie so, dass sich einer vor seiner Sprungebene befand und der andere dahinter.


    "Fang an", forderte ihn Lena auf, weil Sannah sich bereits auf einen Bocksprung vorbereitete. "Du hast doch gesagt auf der Stelle hüpfen könntest du."


    Sie musste dabei selbst über sich grinsen und Frank bestieg den nachgiebigen Netzboden.


    "Keine Angst", hörte er als er eine gute Höhe und einen gleichmäßigen Rhythmus erreicht hatte. "Einfach nur stur weitermachen, ganz gleich was passiert!"


    Die Gymnastinnen hatten sich auf beide Seiten aufgeteilt. Sie beobachteten seine Bewegungen genauestens um sich auf den Rhythmus einzustellen. Dann nahm die kräftige Sannah Anlauf. Frank sah sie nur im Augenwinkel, weil er Angst hatte beim Drehen des Kopfes seinen Takt zu unterbrechen.. Mit einem lauten "Thump" sprang sie ab, flog über den Bock und traf genau in dem Moment nur zwei Schritte von ihm entfernt auf dem Trampolin auf, als er auf dem Weg nach Oben war. Er erschrak zwar, schaffte es aber in Bewegung zu bleiben. Er nahm lediglich war, wie die Gruppenleiterin wieder aus seinem Blickfeld heraus federte.


    Noch bevor sie im weiteren Verlauf ihrer Flugbahn nach einem Salto auf dem bereitgelegten Mattenstapel auftraf, setzte sich von der Gegenseite bereits Aitana in Bewegung. Ihr Absprung war leiser und er konnte sie nicht sehen, da sie hinter ihm ins Gewebe sprang. Nur ihren Luftzug nahm er wahr. Die Spanierin beendete ihren Salto ebenfalls wie ihre Kollegin zuvor.


    So ging es immer im Wechsel weiter. Nasrin vor ihm, Mia hinter ihm, dann wieder Lena auf der Vorderseite und Alke an seiner Rückseite vorbei. Es war gut, dass sie ihn vorher nicht über die Übung aufgeklärt hatten. In rasendem Tempo so knapp aneinander vorbei zu hechten ohne zusammenzustoße hätte er nicht für möglich gehalten.


    Als letzte war Meike an der Reihe. Schwer zu sagen ob er es war, der nicht mehr ganz im Takt war, oder ob sie sich im Timing vertat. Jedenfalls erreichten seine Füße lediglich einen Wimpernschlag nach ihrem Auftreffen das flexible Gewebe. Der zusätzliche Schub katapultierte das zierliche, silbern gewandete Mädel derart in die Höhe, dass man von Glück sprechen konnte als sie anstelle des Saltos nur wenige Meter von ihm entfernt wieder auftraf. Noch auf der dicken Polstermatte. Ihn selbst riss es nach hinten weg und es war ein Segen, dass die Abdeckung der Federn in diesem Bereich des Trampolins noch unbeschädigt war.


    Von der runter geplumpsten Meike vernahm er Wehklagen.


    "Ist dir was passiert?", rief er als er so schnell wie möglich wieder hoch kam und zu ihr kroch um nach Möglichkeit zu helfen. Er machte sich die größten Vorwürfe. Hoffentlich hatte sie sich nicht verletzt.


    Sie konnte nicht antworten, weil ihr vor lauter Lachen die Luft fehlte. das vermeintliche Jammern entpuppte sich als ein lautes, noch immer japsendes Lachen.


    "Das war ja der Hammer", rief sie voller Begeisterung als der Lachanfall abgeklungen war. "Können wir das nicht so in die Nummer aufnehmen?", fragte sie kichernd mit Blick auf Sannah.


    Doch auch ihr war der Schreck noch anzusehen. Erleichtert antwortete sie: "Bloß nicht! Sei lieber froh dass dir nichts passiert ist."


    "Das fühlte sich echt geil an, als du mich in die Höhe geschossen hast", sagte Meike zu Frank während beide vom Trampolin herunterkletterten. "Hast du dir weh gemacht?"


    "Nur den Ellbogen etwas angeschlagen, nicht weiter schlimm."


    "Was lernen wir daraus?" fragte Sannah ironisch in die Runde.


    Meike meldete sich mit erhobenem Arm, wie zu Schulzeiten: "Dass beim Turnen Spaß und Gefahr dicht beisammen liegen, Frau Lehrerin?"


    Selbst die verschlossene Nasrin musste darüber schmunzeln.


    "Nein, jetzt mal im Ernst. Für diese Übung brauchen wir noch die gesamte zur Verfügung stehende Zeit bis zur Aufführung. Trotzdem sind wir vom Grundaufbau und Timing bereits so weit, dass ich es ebenfalls am Freitag zur Begutachtung stellen möchte."


    Alle Anwesenden waren damit einverstanden.


    "Bevor wir Schluss machen, sollten wir alles nochmal durchspielen."


    Mit dieser Ansage machte sich Sannah nicht gerade beliebt, denn eigentlich war die reguläre Trainingszeit bereits um. Entsprechendes Gemurmel setzte ein.


    "Bitte", besänftigte sie mit eine beschwichtigenden Geste die aufkommende Unruhe, "Ich habe mir einige Gedanken zum zeitlichen Ablauf der Übungen gemacht. Sicher müssen wir daran noch einiges feilen, aber um den Vorstand zu überzeugen sollten wir möglichst viel vorweisen können."


    Das wiederum leuchtete jedem ein und so fügte sich die Truppe in die notwendige Mehrarbeit.


    Die Rohfassung sah etwa so aus, dass alle Akteure einige Minuten wahllos Übungen an allen zur Verfügung stehenden Geräten, sowie dem Boden zeigten. Dann reihten sie sich der Körpergröße nach entlang der Diagonalen des Bodenturn-Quadrats auf. Angefangen von Aitana und dem Platz der nicht anwesenden Kim, über Nasrin und so weiter. Mia und Frank bildeten das hohe Ende.


    "Strammstehen, Frank. Hände an die Hosennaht! Man merkt, dass du nicht bei der Bundeswehr warst", lockerte Sannah das Ganze etwas auf.


    "Waren die andern aber auch nicht, Frau Oberfeldwebel", gab Frank den Ball schlagfertig zurück.


    Die Moral der Truppe war trotz der fortgeschrittenen Zeit wieder hergestellt.


    Während die Tänzerinnen nach ihren Utensilien griffen um ihr rhythmisches Bodenturnen abzuspulen, räumten die anderen die Sprungböcke wieder von Trampolin weg, um anschließend verschiedene Sprungvarianten zu zeigen. Derweil wechselten die Ballerinas auf den Schwebebalken für das passende Cheerleading.


    Danach folgte die "Kreuz und Quer"-Akrobatik auf der Bodenmatte, die mit der Präsentation des Dreigestirns aus Frank und den Zwillingen endete.


    "Hier müssen wir noch eine Improvisation einbauen", stellte ihre Trainerin einen zeitlichen Bruch zum folgenden Programmpunkt fest. "Wir brauchen eine Übergang zum Kletterseil."


    "Blöd, das die Seile so weit von der Bodenmatte entfernt sind", meldete sich Annalena zu Wort. Die Rothaarige überlegte und hatte auch schon gleich eine Lösung parat. "Wenn wir eine Mattenbahn legen, können wir alle mit Radschlagen und Überschlägen hinüber kommen."


    "Ja, genau", stieg Aitana mit ein. "Und wenn ihr eure Luftnummer..."


    "Flugnummer bitte, ja?", unterbrach sie Lena, auf die abwertend klingende Bezeichnung hinweisend.


    "OK! Wenn ihr also eure "Flugnummer" zeigt, laufen wir anderen einfach im Kreis drum herum.


    In seiner Simplizität wirkte das erstaunlich gut als Untermalung der ausgestreckten und umeinander wirbelnden Körper von Lena und Nasrin.


    Als dieser Teil beendet war, richtete sich Sannah an die Ballettmädels: "Könnt ihr danach noch etwas zur Ablenkung aufführen, während wir anderen die Böcke wieder zum Trampolin schieben?"


    Ein paar einfache Ballettfiguren überbrückten elegant die Umbauphase.


    Als letzter Höhepunkt folgte nochmals die federnde Trampolinakrobatik. Einige der fliegenden Mädels gingen jedoch auf Nummer Sicher und ließen den Salto weg. Nach dem langen Training war bei vielen die Konzentration nicht mehr hoch genug um weitere Unfälle sicher auszuschließen.
    Zum Schluss kamen sie alle nochmals auf der Bodenmatte in einer Reihe zusammen und verbeugten sich nacheinander in einer Wellenbewegung.


    Danach waren sie alle ziemlich ausgepowert.
    Sannah applaudierte. "Das war hervorragend! Nicht nur weil es der allererste Durchlauf war. Wenn es am Freitag nur halb so gut läuft, haben wir gewonnen."


    "Aber bis daraus ein Schuh wird, müssen wir noch ordentlich Trainieren", relativierte die auch sonst selbstkritische Lena.


    "Klar, aber wir haben heute mehr geschafft als sonst an drei Trainingstagen. Jetzt freu´ dich doch und sei nicht immer so ernst." Und zu den anderen: "Schluss für Heute. Aber die Geräte müssen wir noch einräumen, morgen ist wieder Schulbetrieb."


    Das eingespielte Team hatte das Aufräumen trotz der Müdigkeit schnell erledigt, nur das Trampolin, ihr Sorgenkind, verlangte nach mehr Aufmerksamkeit.


    "Sollten wir nicht für etwas musikalische Untermalung sorgen", fragte Frank als er zusammen mit Aitana, Sannah und den beiden Schwestern vorsichtig das altersschwache Turmgerät zurück ins Magazin bugsierte.


    "Das habe ich mir auch schon überlegt", antwortete die resolute Vorturnerin, "aber wir haben ja erst eine ungefähre Reihenfolge festgelegt. Da wird wohl nichts so richtig dazu passen."


    "Wir können´s ja mal mit alter Discomusik probieren", stieg Lena, die mit ihrer Arbeit fertig war und jetzt auch mit anpackte ins Gespräch ein. "Der nicht so schnelle vier-viertel-Takt passt doch fast zu allem."


    "Auch wieder wahr", ließ sie sich überzeugen. "Ich bringe mal das CD-Radio mit. Versuchen können wir´s ja mal und wenn´s nicht passt ist´s auch nicht schlimm."


    Darauf hin verließen sie nacheinander die Turnhalle.


    "Wer kann, sollte am Freitag so früh wie möglich hier sein, damit wir aufbauen und noch ein bisschen was vorbereiten können", rief Sannah der Truppe zu, die sich bereits auf die Treppe zu den Umkleiden verteilte. "Und denkt an die Anzüge!"


    "Na sieh.n man einer an wen wir hier hanb.n!"
    Die Stimme war etwas schwer verständlich, denn der Sprecher trug einen dicken Verband über seiner Nase und bekam deshalb wohl schlecht Luft. "War die Bannettschwucht.n wieder bei.n Mädch.ntraining?"


    Marc war wie üblich nicht alleine. Sein Schatten Sebastian kicherte unterstützend. Man wusste nur nicht, ob über den Versuch über Frank her zu ziehen, oder über die wirklich spaßige Aussprache seines Kollegen.
    Dass die beiden ihm gerade jetzt noch über den Weg liefen, passte ihm nicht so recht. Nicht wegen ihm selbst. Vielmehr wollte er nicht, dass seine Turnpartnerinnen ebenfalls noch von diesem Scheusal belästigt würden. Er hatte bis jetzt gar nicht daran gedacht, dass heute ja Mittwoch und nicht Freitag war und bestimmt die verbliebenen Fußballer wie gewohnt trainierten.
    Mit seinem Nasenbeinbruch hatte Marc bestimmt nicht aktiv teilgenommen, wohl aber Seb. Und nun waren sie als letzte auf dem Heimweg.


    "Pass du lieber auf, dass dir keiner die Stöpsel rauszieht", konterte Frank forsch und machte dabei eine schnelle Bewegung auf sein Riechorgan zu. Marc zuckte erschreckt zurück.


    "Ja, troll dich du Held!", rief Frank ihm nach während er selbst ohne weiteren Aufhebens Richtung Umkleide ging.


    "Und was.n hab.n wir denn hier für eine sü.ße Maus", hörte er, wie der Fußballer anscheinend eine der Turnerinnen hinter ihm schräg anmachte. Alarmiert drehte er sich auf dem Absatz um, sah aber nur noch Marc wie er sich unter jammern am Boden krümmte und sein Partner das Weite suchte.


    Da hatte er sich wohl die Falsche rausgesucht. Nasrin hatte nicht lange gefackelt und ihn spüren lassen wie sehr ein Gymnastikschläppchen schmerzen konnte, wenn es mit schneller Wucht zwischen die Beine appliziert wurde. Nein, dachte er an vergangenen Samstag Abend, schutzbedürftig ist sie weiß Gott nicht.
    Die Perserin ging weiter als wäre nicht besonderes vorgefallen, wogegen die ganz am Ende gehenden Zwillinge sich beide erschrocken die Hände vor den Mund hielten als sie über das Häufchen Elend am Boden hinweg stiegen.


    Das Schlimme an diesem Zusammentreffen war, dass Marc diese erneute Demütigung bestimmt nicht auf sich sitzen lassen würde und sich zweifellos irgendeine Schweinerei ausdachte um sich zu rächen.




    Kapitel 13


    Am nächsten Abend nach der Arbeit beeilte sich Frank in die Stadt zu kommen. Sabine hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, dass sein Gruppenanzug abholbereit sei. Wurde auch Zeit, denn morgen Abend brauchte er ihn.
    Wie üblich, nahm er den Bus und während er wartete hielt ein Wagen hart bremsend neben der Haltebucht an. Aus dem offenen Fenster lugte das Gesicht von Sebastian hervor.


    "Na", fragte er, "schon vorbereitet auf Morgen?"


    Frank erkannte jetzt auch den Fahrer und wusste, dass die Frage eigentlich von diesem stammte, er das Reden wegen seiner derzeit belustigenden Aussprache aber lieber seinem Hofnarren überließ.


    "Was willst du, Marc?", ersparte er sich überflüssige Konversation mit einem "Bediensteten".


    Seb neigte sich zu Marc hinüber und gab danach die Worte seines Herrn wieder: "Wenn der Vorstand morgen merkt, dass ihr nur unnötig Geld verplempert, musst du deine Ballettstunden woanders nehmen. Da sollte besser nichts schief gehen."


    Bei den letzten Worten ließen die durchdrehenden Hinterräder etwas Gummi auf der Straße, als die beiden davon rasten.
    Wie er vermutet hatte. Marc plante irgendwas. Aber Was?


    Bis hin zu dem kleinen Gässchen in dem sich der Gymnastikshop befand, zermarterte er sich das Hirn damit was wohl mit dieser versteckten Andeutung gemeint sein könne.


    Aber jetzt erst mal zu seinem Anzug.


    Anders als sonst ertönte keine Glocke beim Öffnen der Ladentür. Er sah hoch und bemerkte, dass die Federhalterung nach oben geklappt war und deshalb nicht auslöste. Auf dem Boden lag die Schraube, die normalerweise das Teil am Türrahmen hielt.


    Frank hob sie auf, legte sie auf die Theke des Vorraums und ging in Richtung der hinteren Räumlichkeiten. Sabine war bestimmt in einer Kundenberatung und hatte ihn nicht eintreten gehört.
    Neben der üblichen, leisen Musik war ein rhythmisches Geräusch zu vernehmen.
    Tock, Tock, Tock.
    Am Durchgang angekommen, hatte er bereits eine Begrüßung auf den Lippen, zusammen mit der Erklärung der defekten Türglocke.


    Doch er hielt inne als er die elegante Tänzerin sah, die auf roten Spitzenschuhen durch den Raum trippelte. Außer einer schimmernden Strumpfhose und natürlich der nagelneuen Ballettschuhe aus rotem Satin, trug sie legere Straßenkleidung. Einen Rock mittlerer Länge und eine luftige weiße Bluse.


    Frank war so fasziniert von der graziösen Anmut ihrer Bewegungen, dass er sie erst jetzt erkannte. Es war Aurelie, die offenbar neue Spitzenschuhe probierte. Bestimmt war die Farbe speziell für eine Ballettaufführung, denn in der Regel war die Fußbekleidung professioneller Tänzerinnen weniger auffällig.


    Er wollte sie begrüßen, aber sie war ihm bereits wieder abgewandt und hatte ihn nicht gesehen. Keine Ahnung was ihn dazu bewog, aber er beschloss noch etwas unerkannt zuzuschauen. Derartige Beobachtungen hatten ja vor nicht allzu langer Zeit sein Leben spürbar verändert.


    Tock, Tock,Tock, machten die harten Spitzen der Ballettschuhe auf dem mit Parkett belegten Teil des Bodens. Auf dem anschließenden Teppich waren sie weit weniger zu hören. Aurelie machte noch einige fürs Ballett typische Bewegungen, dann ließ sie ich auf der Couch gegenüber der bereits sitzenden Sabine nieder.
    Die etwas ältere Verkäuferin konnte nicht zuletzt deshalb so gut beraten, weil sie ihren Lebensunterhalt früher selbst mit Tanz und Gymnastik bestritt. Ihre Kompetenz war über jeden Zweifel erhaben.


    Aurelie legte ihr die Füße mit den festgeschnürten Spitzenschuhen auf den Schoß, wie zur Begutachtung des Sitzes. Sicher hatte Sabine auch in diesem Metier entsprechende Sachkunde. Doch irgendwie passte das was Frank unbemerkt beobachten konnte nicht ihrer üblichen Professionalität. Er war zunächst verwundert und konnte es auch nicht so richtig einordnen.


    Nüchtern betrachtet war es ein regelrecht zärtliches streicheln, das die Händlerin der Tänzerin angedeihen ließ. Ihre Hand streifte über sämtliche Seiten der rotglänzenden Füße. Dann glitt sie ebenso intensiv über das verführerische Glitzern ihrer Strumpfhosenbeine. Auch die Blicke die sich die Beiden zuwarfen während sie die Welt um sich vergaßen, deuteten auf etwas hin, das Frank absolut nichts anging.
    Mit äußerster Vorsicht, um die beiden ja nicht durch irgendwelche Geräusche bloß zu stellen, zog er sich deshalb wieder zurück in den Vorraum.


    Dieses unerwartete Ereignis musste er erst mal verdauen. Natürlich war es nichts, was in seiner aufgeklärten Gedankenwelt in irgendeiner Form anstößig gewesen wäre. Nur machten beide bisher keinen dementsprechenden Eindruck. Bei ihm unbekannten Frauen hätte er sich bestimmt keinerlei Gedanken darüber gemacht. Ganz im Gegenteil. Zärtlichkeiten dieser Art fand er normalerweise sehr anregend. Aber das hier war zumindest überraschend.


    Er befand sich in einer blöden Situation. Einerseits wollte er sie jetzt nicht stören, andererseits brauchte er aber für morgen seinen Ganzanzug. Eine Weile stand er unentschlossen im Vorraum. Sollte er einfach gehen und später wieder kommen? Er hatte nicht unbegrenzt Zeit und wenn Sabine zwischenzeitlich den Laden schloss, was angesichts des eben gesehenen nicht unwahrscheinlich schien, war er angeschmiert.


    Sein zielloser Blick fiel auf die Schraube, die er vom Boden aufgehoben hatte. Sie hatte sich wohl durch die ständigen Vibrationen gelöst und konnte bestimmt leicht wieder befestigt werden, selbst ohne passendes Werkzeug.
    Also beschloss er sich nützlich zu machen. Er öffnete die Tür damit ihn niemand aus Versehen von dem Hocker stoßen konnte, den er zum Erreichen der Glocke auserkoren hatte. Diesen stellte er zwischen Tür und Rahmen damit er ungestört arbeiten konnte.


    Wie vermutet, von selbst gelöst. Das Gewinde noch tadellos in Ordnung. Natürlich klingelte es als er die Glocke berührte.


    "Ähh....einen ... Moment bitte", hörte er es aus den hinteren Räumen. Es war nicht das übliche, melodische flöten das er kannte. Vielmehr war der Stimme die Überraschung anzuhören. Wie bei einem Kind, wenn es etwas ungehöriges tat. "Bin gleich da", fuhr sie fort.


    "Lass dir ruhig Zeit", antwortete Frank um sie nicht zu drängen, "Ich bin sowieso noch damit beschäftigt, deine Türglocke wieder festzumachen."


    "Ach du bist es, Frank", bemerkte Sabine erleichtert als sie ihn durch den Türrahmen auf dem Hocker stehen sah. Ihre Wangen hatten eine sehr gesunde Farbe.


    "Bei dir, nein...", korrigierte er sich, "bei deiner Tür war eine Schraube locker", erklärte er. "Sie muss gerade erst abgefallen sein. Hast du einen Kreuzschraubendreher?"


    Die Händlerin kramte, immer noch etwas nervös in der Schublade des Tresens. "Die fällt immer wieder mal ab. Wie gut, dass ich einen Mechaniker parat habe." So langsam gewann sie ihre Nonchalance zurück.


    "Hier. Passt der?", fragte sie und hielt ihm kurz darauf das Werkzeug entgegen.


    Zwar nicht genau die Größe, aber besser als nichts. Frank zog die Schraube so fest er konnte und ließ, nachdem er wieder auf dem Boden war, die Tür zur Probe klingeln.


    "Das ist ja ein Service", bedankte sie sich. "Du willst bestimmt deinen Anzug abholen, nicht?", erkundigte sie sich.


    Er nickte und gab ihr den Schraubendreher zurück.


    "Wart´ mal einen Moment", wies sie ihn an im Vorraum zu bleiben, während sie nach hinten spähte als müsse sie nachsehen ob die Luft rein sei.


    Aurelie kam aus dem Türrahmen, wieder Alltagstauglich gekleidet. Die roten Spitzenschuhe legte sie neben die Kasse.


    "O, ´allo Frank. So ein sufall dass wir uns ´ier treffen." Ihre Stimme klang etwas rau, trotz des weichen französischen Akzents. "Wie war das Süsatztraining?"


    "Ich würde sagen ziemlich erfolgreich. Die Show braucht zwar noch viel Arbeit, aber für morgen sind wir gut gerüstet."


    Während die französische Ballerina bezahlte, meinte sie noch: "Isch treffe misch gleisch noch mit Kim und Süsannah vorne im Cafe´. Du kannst ja mal vorbeischauen, wenn du ´ier fertisch bist."


    Damit verließ sie den Laden, die Ballettschuhe demonstrativ an den Satinbändern über die Schulter gehängt. Sie hatte ihren Reiz, auch wenn sie etwas älter war und offenbar andere Interessen verfolgte.


    Im Anproberaum reichte Sabine Frank ein in Plastik verschweißtes Päckchen. Bereits durch die Hülle hindurch, heischte der glänzend blaue Lycrastoff nach Aufmerksamkeit. Das Gewebe fasste sich trotz seiner Feinheit recht schwer an. Wie nasse Turnkleidung. Und genauso sah es auch aus, zumindest die tiefblauen Stellen. Die orangefarbenen Sektionen wirkten dagegen fast matt und fühlten sich etwas leichter an.


    "Schlüpf mal rein", forderte ihn die Verkäuferin auf, die nun wieder ihre gewohnte Verhaltensweise zeigte.


    Er hatte seinen einfachen Turnbody als Unteranzug dabei, deshalb konnte er das Material nur an Armen und Beinen intensiv fühlen. Als badete man in flüssigem Autolack. Mit einem Lächeln trat er vor den Vorhang und ließ sich begutachten.


    "Was soll ich sagen", stellte Sabine mit Kennermine fest. "Der sitzt wie angegossen!"


    "So fühlt er sich auch an", bestätigte er während sich sein Körper wand und drehte um alle möglichen Bewegungen zu simulieren.


    Er ging zur Sprossenwand und führte einige Dehnungen aus. Der schimmernde Anzug war nicht zu spüren und doch übte er eine angenehme Kompression aus, die seinen Körper vorteilhaft modellierte.


    "Der Glanzgrad dieses Materials hat aber auch Nachteile", erklärte die Fachfrau und wies dabei auf die deutlich sichtbaren Konturen seines Unteranzugs hin.


    "Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Alles was man drunter trägt kommt umso stärker zum Vorschein. Aber ich hatte sowieso nicht vor Unterwäsche darunter anzuziehen."


    "Dann würde ich dir aber zu einem Suspensorium raten." Mit diesen Worten kramte sie bereits in einer Kiste im nahestehenden Regal.


    Meike hatte auch mal davon gesprochen. "Susi", nannte sie es.
    Was Sabine ihm vorlegte konnte jedenfalls keinen Preis für sexy Wäsche gewinnen. Es war wie eine Art Slip, nur dass der Bund sehr breit und aus elastischem Material gearbeitet war. Der Unterhosen-Teil selbst schien etwas fester als normale Baumwolle. Von diesem Vorderteil gingen zwei Bänder ab. Nicht wie bei einem String, sondern eher wie rudimentäre Beinauslässe. Diese Bänder schlossen seitlich, ebenfalls elastisch, an den breiten Bund an.


    "Das ist die weichere Variante", erklärte sie. "Es gibt sie auch mit noch festerem Vorderteil, aber das geht dann schon mehr in Richtung Tiefschutz für Eishockeyspieler."


    Frank beäugte kritisch das blasse, hautfarbene Teil. String war so überhaupt nicht sein Ding und das wirkte ja fast so ähnlich. Entsprechend wenig überzeugt fragte er: "Bist du sicher, dass das nötig ist?"


    "Ich habe auch noch andere männliche Kunden und glaub mir, gerade dieses Material deines Anzugs kann in den unpassendsten Momenten ebenso unpassende Reaktionen an deinem Südpol auslösen. Und außerdem", fügte sie leiser und mit verruchtem Tonfall hinzu, "Hast du dich noch nie gefragt wie Ballett-Tänzer zu ihrer sexy Beule kommen?"


    Wie gesagt, Sabine wusste wovon sie sprach und tat das auch gerne sehr deutlich.
    Er ließ sich darauf ein und kleidete sich nochmal um. Das Susi trug sich eigentlich fast wie eine normale Unterhose. Nur dass es keinerlei vorstehenden Nähte oder ähnliches gab. Die Bänder störten weniger als befürchtet. Im Gegenteil. Offenbar würde es auch seine Hinterbacken betonen. Den deutlichsten Unterschied bemerkte er bereits, als er den Lycra-Anzug wieder überzog. Diesmal spürte er das verführerische Gewebe überall am Körper und dessen direkte Reaktion gab Sabine umgehend Recht.


    "Und auf diese Art und Weise, wirst du deinen Mitturnerinnen und auch allen Frauen im Publikum gehörig den Kopf verdrehen", meinte sie stolz, als sie beide ihn im großen Wandspiegel betrachteten. "Selbst mir wird warm wenn ich dich so betrachte."


    Und das von der Frau, die noch vor kurzem Zärtlichkeiten mit einer anderen austauschte. Das war ja ganz unerwartet ein Luder, dachte er.


    "Das Susi bekommst du zum halben Preis", verkündete die Verkäuferin, als er wieder in seiner normalen Kleidung an die Verkaufstheke trat. "Dafür, dass du die Glocke repariert hast."


    Diesen Sonderrabatt nahm er gerne an, zahlte und verabschiedete sich.


    Als er aus der Gasse um die Ecke bog, sah er bereits Aurelie, Sannah und Kim an den Außentischen des Marktcafe´s in angeregter Unterhaltung. Sannah sah ihn zuerst und winkte ihn herüber.


    "Komm. setz dich zu uns."


    Aurelies neue Spitzenschuhe lagen auf dem kleinen Tisch und der Wind spielte mit den herabhängenden Satinbändern. Er musste sein fetischistisches Starren darauf mit irgendwas begründen.


    "Speziell für eine Aufführung?", fragte er deshalb neugierig. Vorhin hatte er ja kaum Gelegenheit dazu sie darauf anzusprechen.


    "Oui", antwortete sie, "Le Ballet "Die roten Schuhe" ge´ört zum Standardrepertoire des Theaters. Isch ´abe die ´auptrolle und da möschte isch natürlisch bestens vorbereitet sein."


    Das klang einleuchtend. Er beglückwünschte sie für die Rolle, worauf sie sich mit dem für sie typischen "Merci" bedankte.


    "Nun setz´ dich doch", drängte Sannah. "Hast du deinen Ganzanzug für morgen?"


    Zur Bestätigung zog er einen Ärmel aus seiner Tasche. In der Abendsonne glänzte das Lycra noch mehr als unter Kunstlicht.


    "Danke...", lehnte er das Platzangebot ab, "... aber ich möchte gleich nach Hause. War ein langer Tag. Hast du die anderen informiert was wir für morgen einstudiert haben?", wollte er von ihr wissen.


    Die flinke Kim antwortete vorlaut: "Wir wissen, dass du ein versierter Trampolin-Schleuderer bist", spielte sie auf den beinahe-Unfall an. "Und auch, dass dein Fußballkumpel gerne Eiersalat mag."


    Darüber musste er ebenso lachen.


    "Ja", bestätigte er, "Da hat er es bei der Falschen versucht. Aber ich fürchte, das er uns dafür noch in die Suppe spucken wird. Er hat nämlich sowas angedeutet, als ich ihn vorhin traf. Ich weiß bloß noch nicht auf welches niedere Niveau er sich diesmal herablässt."


    "So ein Arsch. Kein Wunder, dass der ein verbogenes Gesicht hat", fügte Sannah hinzu.


    "Du sagst es. Denkst du an das Radio, damit wir ein wenig Musikuntermalung haben?", vergewisserte er sich.


    Die Gruppenleiterin nickte. "So engagiert kenne ich dich ja gar nicht. Vor ein paar Wochen sah das noch ganz anders aus", spielte sie auf ihre erste Begegnung an.


    "Wenn ich mich mal zu etwas entschlossen habe, wenn auch zu Anfang nicht ganz freiwillig, dann ziehe ich das auch durch. Unser Nahziel muss sein, die morgige Vorführung bestmöglich hinter uns zu bringen."


    Ein zustimmendes Klopfen auf die Tischplatte war zur Bestätigung zu hören.


    "Für die Vorstellung beim Vereinsfest habe ich schon weitere Ideen um die Show aufzupeppen. Ich weiß nur noch nicht wie ich das ohne Geld hinkriege."


    "Jetzt machst du mich aber neugierig", verbalisierte Sannah die allgemeine Fragestellung.


    "Ist noch zu früh darüber zu sprechen", wiegelte er ab. "Ich will erst mal sehen ob das alles überhaupt so durchführbar ist."


    Er hob die Hand zum Abschied: "Also Mädels, bis morgen"


    Im Moment wollte er nämlich nur noch nach Hause und sich mit seiner Neuerwerbung befassen.




    Kapitel 14


    Freitag


    Henkelmann, nannte man in der Fachsprache das tragbare Musikgerät mit integriertem CD-Player und Lautsprechern. In der heutigen Zeit eigentlich schon ein Anachronismus. Zwar waren Smartphone plus Docking-Station, nebst Bluetooth-Box die zeitgemäße Alternative, doch gelang es diesen sicher noch schlechter wenigstens einen Teil der Turnhalle hörbar zu beschallen. Für Heute würde das genügen müssen. Für das Vereinsfest hatte er ja bereits entsprechende Inspiration gesammelt.


    "Hier", sagte die schwarzhaarige Aitana und reichte Ihrer Gruppenleiterin eine CD-R, ebenfalls nicht mehr Up to Date. "Hat mir ein Ex mal gebrannt. Der war DJ. Ist nichts besonderes, aber stampfender Rhythmus und ohne Pausen."


    Sie testeten die Scheibe direkt mal an und Sannah justierte die Lautstärke zwischen "Klingt passabel, aber zu leise" und "Bist du wahnsinnig, jetzt zerrt´s aber". Es fing mit einer Art Einleitung an, die von ihrem perkussiven Charakter her sogar zum ihrem Eröffnungsteil passte. Danach ging es, wie Aitana gesagt hatte, mit normalem Discostampf weiter. Das müsste es tun, zumindest für Heute.


    Annalena klemmte ihr Tablet an eine unbestückte Feuerlöscher-Halterung an der Wand der Turnhalle. Eine gute Idee den bisherigen Entwicklungsstand der Show zu dokumentieren. Frank hatte ja schon mal gesehen, dass die Mädels Videoaufnahmen zur Kontrolle und Verbesserung nutzten.


    "Hier", Lena reichte ihrer zierlichen Partnerin Kim eine Rolle Klebeband. "Versuch mal ob du dein Smartphone oben am Geländer festbekommst. Du hast den größten Speicher. Das müsste reichen für eine gesamte Aufnahme."


    Ein weiteres Video aus einem anderen Blickwinkel hielt auch Frank für sinnvoll. Was man auf dem einen nicht sah, konnte man vielleicht auf dem anderen erkennen.


    Ansonsten herrschte reges Treiben. Alle waren bereits im Show-Outfit und hatten fast alles was sie an Geräten brauchen würden hergerichtet. Eine spürbare Nervosität lag in der Luft und auch Frank fühlte sich zum ersten Mal seit seiner ersten "Turnstunde" wieder mulmig.
    Lampenfieber - das war normal.


    Sie bauten gerade noch alles notwendige um das Trampolin herum auf, als Sannah sich auf den Weg zu den Zuschauerrängen machte um die Vorstandschaft zu begrüßen. Auch Leiter anderer Abteilungen waren dabei. Als Frank aber auf der Empore auch noch Sebastian und Marc, zusammen mit seinem Onkel (Trainer) und Vater (Abteilungsleiter) erblickte, wurde ihm speiübel.


    Alle Turner versammelten sich am Halleneingang und erwarteten die Rückkehr ihrer Gruppenleiterin. Nicht wenige davon dachten darüber nach, ob das leichte Aufwärmtraining und Stretching vorhin genügte, oder ob man besser den einen oder anderen Part nochmal durchgespielt hätte.


    "Was ist?", fragte Fernsehturm Mia. "Du bist ganz grün. Geht es dir nicht gut? Hast du was falsches gegessen? musst du nochmal raus? Brauchst du Medikamente?......"


    Ihre langen Sätze ohne jede Pause störten ihn heute mehr als sonst. Er winkte nur ab: "Nein, ich hätte nur gerne dass es endlich losgeht."


    Frank trat ein wenig beiseite, damit sie ihn nicht noch mehr mit Worten überhäufte. Das gab ihm Gelegenheit die Truppe zum ersten Mal als Ganzes in der einheitlichen Kleidung zu betrachten. Unter anderen Rahmenbedingungen wären ihm jetzt sicher die Augen übergegangen, aber momentan hielt sich seine Erregung in Grenzen. Dagegen hatten einige der Anderen ihm bereits sehr interessierte Blicke zugeworfen. Das Susi hielt anscheinend was Sabine versprochen hatte.


    Derart gleich uniformiert, traten die individuellen anatomischen Besonderheiten seiner Turnpartnerinnen deutlicher hervor. Mia´s Gestalt wirkte noch länger und schlanker als sonst. Kim´s knabenhafter Körper bildete ein fast kindlich wirkendes Gegenstück.
    Die Zwillingsschwestern waren für Außenstehende überhaupt nicht mehr zu unterscheiden.
    Annalena´s ebenmäßige Erscheinung fiel hauptsächlich durch ihre Haarfarbe auf und Nasrin wirkte regelrecht "normal". Nichts deutete auf ihr sonstiges, unangepasst punkiges Auftreten hin und ihr rotschwarzes Haupthaar wirkte in dieser Kombination eher wie ein modisches Accessoire. Wäre nicht ihr typischer, leicht zorniger Gesichtsausdruck gewesen, hätte man sie fast als "süß" bezeichnen können.
    Aurelies Altersunterschied zu den anderen war kaum noch wahrnehmbar, so jugendlich wirkte sie in dem blauglänzenden Ganzanzug.
    Aitana hingegen, stach mit ihren Kurven, die von der glänzenden Kunstfaser noch deutlicher betont wurden, etwas aus der Gleichartigkeit hervor. Noch mehr als sonst schürte ihr Anblick das Verlangen nach spontanem knuddeln.
    Und schließlich noch Susannah. Frank war sich noch immer uneins bezüglich seiner Gefühle für die kräftige Brünette mit der Bodybuilder-Figur. Ihr Anzug versteckte nichts von ihren durchtrainierten Körperbau. Zwar war sie grundsätzlich größer und stabiler gebaut als der Durchschnitt, doch in Franks Augen war ihre Statur perfekt. Von nichts zu wenig, von nichts zu viel.


    "So, es geht los", verkündete die zuletzt angesprochene. "Denkt alle daran, egal ob kleine Patzer oder Fehler - immer weiter nach Plan. Wir sind gut vorbereitet und ziehen das einfach durch, OK?"


    "OK", antwortete die Gruppe mit einer Stimme.


    Der Anfang lief wie am Schnürchen. Nach dem ersten geplanten Durcheinander, versammelten sich alle ziemlich passend zur Musik auf der großen Matte. Frank konnte kaum erwarten die Videoaufnahmen zu sehen. Ihr gestaffeltes Spalier musste in dieser Kleidung umwerfend aussehen. Seine Übelkeit war wie weg geblasen.


    Doch für mehr Gedanken blieb keine Zeit. Wie ein Uhrwerk spulten die sich aufteilenden Gymnastinnen ihr Programm ab. Die gelegentlichen Unsauberkeiten waren so gering, dass sie den Zuschauern kaum auffallen konnten. Die Tanzmädels überzeugten mit graziöser Eleganz, die Turnerinnen steuerten akrobatische Glanzlichter bei.


    Bei den überkreuzten Sprüngen gab es kleinere Kollisionen, jedoch war auch das nichts, was ihre Performance hätte abwerten konnte. Frank turnte so gut wie nie vorher. Zwar passte die Musik nicht immer genau, aber als er die Schwestern, die sich mit je einem Fuß an seiner Taille abstützten durch die Hallenluft drehte, stand einigen auf der Empore der Mund offen.


    Das Schleuderseil mit den fliegenden Kim und Lena setzte danach noch einen weiteren Glanzpunkt drauf. Er hatte das Gefühl, dass jetzt nichts mehr schief gehen konnte. Er wechselte Blicke mit Sannah und auch sie machte den Eindruck, dass sie die Vorstandschaft im Griff hatten. Jetzt mussten sie das Ganze nur noch ordentlich zu Ende bringen.


    Zum Abschluss nochmal volle Konzentration. Die Trampolin-Nummer.
    Frank kam sich unterfordert vor, da er außer springen nichts machen musste. Doch ihm war auch klar, dass selbst einfache Zusätze wie das anziehen der Beine das gesamte Timing schmeißen konnte. Ganz zu schweigen von Spagat oder gar Salto.


    Als Aitana hinter ihm aus dem Tuch heraussprang, hörte er ein knackendes Geräusch das nicht von den altersschwachen Federn herrühren konnte. In dem Moment, da er nach ihr voll eingetaucht sozusagen am unteren Totpunkt ankam, brach die hintere Stütze weg und Frank stürzte teils zu Boden, teils in die hinteren Federn. Er fühlte einen stechenden Schmerz im rechten Knie.
    Die nächsten beiden Mädels konnten ihren Anlauf gerade noch abbrechen und liefen mit Höchstgeschwindigkeit an den Böcken vorbei.


    Er versuchte aus dem Gewirr von Stahlrohren, Plastikabdeckungen und dem nicht mehr unter Spannung stehenden Sprungtuch hervorzukommen, aber es tat höllisch weh.


    "Ist dir was passiert?" fragte Sannah aufgeregt und lief zu ihm hin.


    "Nichts ernstes", log er in der Hoffnung sich doch noch alleine befreien zu können. "Improvisiert irgendwas bis ich hier raus bin. Na los", drängte er, "The Show must go on."


    Die Mädels verstanden instinktiv und griffen sich die RSG-Reifen, Keulen und Bänder und machten noch etwas rhythmische Gymnastik fürs Auge.


    Frank biss die Zähne zusammen und schaffte es wieder auf die Beine. Humpelnd schleppte er sich Richtung Bodenturnmatte. Der Schmerz hielt sich in Grenzen. Vielleicht spürte er ihn auch nicht so, weil er noch voller Adrenalin war. So ein Mist aber auch!


    Als er seine Turnkolleginnen erreichte, warfen diese sehr effektvoll alle beiseite was sie gerade noch in Händen hielten und so stellten sie sich alle zum Schlussbild auf. Die gestaffelte Verbeugung vor dem Publikum wirkte wie eine La Ola.


    Von der Tribüne kam begeisterter Applaus. Zwar nur von wenigen der Zuschauer, aber er hatte auch nicht wirklich damit gerechnet von der Fußballmafia Zustimmung zu erfahren.
    Lena stoppte die Musik und Sannah verzog sich sofort nach oben zur Besprechung.
    Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und plumpste in die Ecke zwischen Wand und Boden.


    Einige der Mädels waren schon auf dem Weg zum Trampolin, als Meike zu ihm trat.


    "Was ist passiert?", fragte sie mit besorgter Mine.


    "Die Hüpfburg ist unter der Last ihrer Jahre zusammengebrochen, was denn sonst", antwortete er mit Galgenhumor. "Nur gut, dass nicht mehr passiert ist und ihr die Vorführung gut zu Ende gebracht habt.


    "Kannst du gehen?"


    "Lass mich mal einen Moment ausruhen, dann geht´s bestimmt wieder", bat er um eine Pause.


    Ruhe war das Stichwort. In der Halle war es so ruhig, dass sie sogar einiges von dem was Ihre Gruppenleiterin mit den Vorständen besprach hören konnten. Allerdings nicht genug um den Kontext zu verstehen.


    "Ist irgendwas gebrochen? Kannst du dein Bein bewegen?" Diese Fragen kamen erstaunlicherweise von Nasrin, die sich sonst eher um gar nichts scherte.


    "Ich glaub´ gebrochen ist nichts", antwortete er und bewegte seinen Fuß von links nach rechts. Dann zog er das Bein an und streckte es wieder. "Geht alles, tut nur höllisch weh."


    Nasrin schien das zu genügen, denn damit war das Gespräch auch schon wieder beendet.


    Es quietschte auf dem Boden, als die restlichen Turnerinnen das ramponierte Trampolin zur Gerätekammer schleppten. Das momentane Aufräumen geschah mehr zur Ablenkung von dem, was über ihnen auf der Empore beschlossen wurde.


    "Das Ding ist jetzt wohl endgültig hinüber", sagte Alke niedergeschlagen als sie aus der Gerätekammer zurück kam. "Ein Rohr ist fast ganz durchgebrochen."


    Wenn sie es nicht reparieren konnten, mussten sie die Schlussnummer umgestalten. Für ein neues Trampolin war ohne Frage kein Geld da.


    "Ach, Entschuldigung", bemerkte sie den Zustand des Sportgeräts über das körperliche Wohlergehen ihres Kollegen gestellt zu haben. "Wie geht es dir? Was ist passiert?"


    "Ich wäre wohl besser heute Morgen nicht aus dem Bett aufgestanden", rang er sich ein Lächeln ab während er sich am Türrahmen hochzog und sich auf sein gesundes Bein stellte. "Anscheinend habe ich mir beim Sturz das Knie verdreht. Aber es geht schon wieder etwas besser."
    Wenngleich er sein Gesicht verzog als er, wie um das eben gesagte zu bekräftigen einige Schritte humpelte.


    "Was reden die bloß so lange?", sorgte sich Kim die nun ebenfalls zu ihnen gestoßen war.


    "Keine Ahnung", gestand Frank, "Aber es macht auch keinen Sinn unnötig zu warten. Ich geh´ mich umziehen."


    Er humpelte so gut er konnte die Treppe hinauf. Kurz darauf folgten die verbliebenen ebenfalls seinem Beispiel.


    Sich aus dem Anzug herauszuschälen hätte ihn sonst bestimmt durch die Berührung des Lycra-Materials in Verzückung versetzt. Jetzt war er jedoch froh es überhaupt ohne Hilfe geschafft zu haben. Nach der wohltuenden Dusche sah die Welt schon wieder besser aus. Scheinbar machten die Bewegungen die Schmerzen eher erträglicher denn schlimmer.


    Als er nach dem Umkleiden zusammen mit einigen der Turnmädels oben auf der Empore ankam, konnte er gerade die Gruppe der Offiziellen die Turnhalle verlassen sehen. Sannah trat auf sie zu. Es war klar, dass sie noch auf die restlichen Gymnastinnen warten wollte bevor sie die Entscheidung verkündete. Ihr Gesichtsausdruck jedoch zeugte deutlich erkennbar von einem positiven Ausgang.


    "Bei dir alles OK?", erkundigte sie sich bei ihm. "Das hat ja mächtig gescheppert."


    "Unkraut vergeht nicht", antwortete er.


    "Gut, dass nichts gebrochen ist ..."


    "Außer meinem Stolz vielleicht", fiel er ihr schon wieder flachsend ins Wort.


    "Auch gut, wie ihr alle so schnell reagiert habt", wandte sie sich an die letzten Nachzügler die gerade zu ihnen stießen. "Das hätte schlimm enden können, aber ihr habt alles richtig gemacht. Ich bin stolz auf euch."


    "Ja, schon gut. Aber was ist jetzt dabei herausgekommen?", fragte die langbeinige Mia voller Ungeduld. "Was hattet ihr so lange zu bereden? Ist alles klar? Können wir weiter machen? So sag´ doch endlich."


    "Würde ich ja, wenn du mich mal zu Wort kommen ließest!" musste Sannah Mia´s Redeschwall beenden.
    "Wir konnten den Vorstand davon überzeugen, dass die Show-Turn-Gruppe keine unnötige Geldverschwendung darstellt..."


    Die weitern Worte gingen erstmal im Jubel unter.


    "Alle, mit Ausnahme der Fußballer, plädierten für den Fortbestand unserer Gruppe. Man verspricht sich sogar eine Einnahmequelle durch Showauftritte überall in der Region. Vorausgesetzt, dass wir am Vereinsfest die Halle rocken."


    Zu mehr kam die Teamleiterin nicht mehr, denn die Stimmung wurde sehr ausgelassen.


    "Darauf gehen wir jetzt aber einen trinken", schlug Annalena vor, womit sie allgemeine Zustimmung erntete.


    "Seid mir nicht böse, Mädels", entschuldigte sich Frank, "aber ich will gleich nach Hause. Ich glaub´ ich brauche erst mal ein bisschen Ruhe."


    Zwar beschwor diese Aussage einige Unmutsbekundungen herauf, doch dann zeigten sie sich alle einsichtig.


    "Wenn du auf mich wartest, fahr ich dich heim", bot Sannah ihm an. "Ich habe nämlich heute das Auto mit", und zu den anderen "Ich komm dann später nach. Wo wollt ihr hin?"


    Die letzte Frage war überflüssig. Meike hatte wie vorausgesehen bereits alle von einem Besuch bei ihrem Lieblingsitaliener überzeugt.
    Frank humpelte mit nach draußen, wo noch einige Gespräche geführt wurden ehe sich alle nach und nach auf die verschiedenen Fahrzeuge verteilten.


    Auch einige der Abteilungsleiter standen noch etwas abseits zusammen, offenbar immer noch in hitzige Diskussionen verstrickt. Kein Wunder, war doch die "Fußballmafia" mit von der Partie. Sie waren zu weit weg als dass Frank etwas von ihrem Streit hätte verstehen können. Ihre Gesten sprachen jedoch Bände. Da war noch längst nicht alles im Reinen.


    Irgendwann trennten sich die Gruppen und fuhren nacheinander an Frank vorbei.
    Die letzten waren Marc und Seb. Sie erreichten Frank in gerade dem Moment als auch Sannah die Halle verließ.
    Durch das heruntergelassene Fenster hörte er Marc in höhnischen Ton: "... ritze, ratze voller Tücke...."
    Der Rest war eine Staubwolke die er hinterließ.


    "Was sollte denn das eben bedeuten?", fragte Sannah verdutzt, aber Frank hatte schon eins und eins zusammen gezählt.


    "Abgesehen davon, dass er bestimmt noch nicht mal weiß wer Wilhelm Busch war den er gerade zitierte, hat uns Marc gerade einen Hinweis darauf gegeben, dass das heute Abend kein Unfall war."


    "So ein Mistarsch!", empörte sie sich. "Hat er also was daran gedreht? Der ist ja gemeingefährlich. Da hört der Spaß echt auf. Wie aber sollen wir ihm denn das nachweisen?"


    "Ich fürchte gar nicht", antwortete er resigniert.


    Die Fahrt nach Hause verlief trotz de Aufregung von eben recht still. Als hätten beide dem jeweils anderen etwas zu sagen, wüssten aber nicht wie.


    "Du machst deine Sache echt gut.", lobte sie ihn kurz bevor sie an seiner Haustür ankamen. "Nicht nur heute, sondern überhaupt."


    "Danke"
    Frank ließ im Geist die letzten Wochen Revue passieren. "Bei unserer ersten Begegnung hieltest du mich noch für einen kranken Perversen."


    "Das tue ich immer noch", entgegnete sie mit einem Lächeln. "Aber ich habe auch gemerkt dass du zielstrebig und hart im Nehmen bist. Das imponiert mir."


    Er wusste keine Antwort darauf und so stieg er aus. Er hob die Hand zum Abschied. Sie nickte und fuhr ohne weitere Worte davon.

  • Was mir an deinen Kapiteln auffällt ist, dass sie alle recht präzise geschildert sind, mit Liebe zum Detail.
    Reizvoll die Tatsache, dass Frank erneut zum Voyeur wird.
    Sannahs Turngruppe stellt erstaunlicherweise schnell ein passables Programm auf. Könnte bestens sein, aber es gibt ja auch noch den Fiesling. Sehr spannend.

  • Der Teil hat doch wieder alles was eine spannende Geschichte braucht. Man kann sich mit der Hauptfigur identifizieren. Wer möchte nicht in Franks stelle durch Sabines Lycraparadies stöbern.
    Oder im Ganzanzug mit den den Turn- und Balettmädels durch die Turnhalle springen.
    Die Intrigen im Hintergrund. Die unerwarteten Wendungen. Eigentlich alles was ein Bestseller benötigt.


    Wie gut das ich nicht warten muss wie es weiter geht...

  • Kapitel 15


    "Kannst du mit dem Knie überhaupt Kisten schleppen?", fragte sein Freund Alessandro als er den dicken Verband unter dem Ende von Franks Radlern sah. Wie vereinbart war er am Samstag Nachmittag mit dem Kastenwagen des Ristorante vorbeigekommen, um gemeinsam die ersten Möbel in die neue Wohnung zu schaffen.


    "Wird schon gehen", entgegnete er zuversichtlich und half die hinteren Türen aufzumachen.


    Es ging hauptsächlich um die großen Sachen, wie Tisch, Stühle und zwei kleinere Schränke. Franks Vater hatte ihm am Vormittag bereits geholfen das Zeug runter zu tragen. Es war eigentlich nicht dringend und im Hinblick auf seine Verletzung hätte es auch noch eine Woche Zeit gehabt. Aber Sandro hatte nur Heute Zeit und den Wagen. Also hatte er sich nach dem Aufstehen sein dick geschwollenes Knie bandagiert und bis jetzt ging es ganz gut.


    "Und wie war das Geschäft gestern Abend?", fragte er seinen Freund auf seine Turnkolleginnen abzielend.


    "Deine Mädels waren in bester Feierlaune", erklärte der Deutsch-Italiener angestrengt als sie eine Kommode in den Lieferwagen schoben. "Du hättest dabei sein sollen. Da ging bestimmt was."


    "Ist bei dir denn was gegangen?"


    Klar, dass er auf Meike anspielte.


    "Ach", druckste sein Kumpel rum. "Ich hab´ das Gefühl ... Meike ist so eine ... für eine festere Bindung."


    Sie trugen den kleinen Kleiderschrank in den Laderaum des Transporters.


    "Zumindest", fuhr er fort, "macht sie so den Eindruck."


    "Heißt das, du hast noch nicht mit geredet? Über Partnerschaft und so? So schüchtern kenne ich dich ja gar nicht. Und überhaupt, wäre es nicht mal an der Zeit für was dauerhafteres?"


    Er gab ihm die Matratze und zwei Wäschekörbe auf die Ladefläche.


    "Ich weiß auch nicht so recht. Irgendwie... ist das ... wie soll ich sagen, anders als sonst."


    "Sandro ist verlie-hiebt, Sandro ist verlie-hiebt!", zog er ihn auf infantile Art auf. "Nein, im Ernst. Meike ist ein sauberes Mädel. Die ist es bestimmt Wert über eine engere Beziehung nachzudenken."


    Alessandro blickte etwas verschämt.


    "Geh´ halt mal mit ihr aus. Lass den italienischen Charme spielen. Sie steht auf dich."


    Grinsend machten sie sich über die wichtigsten Sachen eines Junggesellenhaushalts her: Fernseher, Musikanlage und ein bequemer Sessel. Ein Kühlschrank war ja in der Wohnung vorhanden, sonst hätte auch dieser dazu gezählt. Die Elektronik packten sie in Wolldecken ein, damit nichts zu Bruch gehen konnte.
    Beim Sessel passierte es. Als er das klobige Teil zu Sandro schieben wollte, verdrehte er sein Knie aufs Neue.


    "Aahhh!", schrie er als es ihn wie ein Blitz durchfuhr und er den Sessel fallen ließ.
    Das war jetzt echt saublöd. Er musste sich abstützen, bis sich der Schmerz abschwächte.


    "Bist du dir sicher, dass du den Rest noch schaffst?", fragte sein Freund besorgt.


    "Jetzt sind wir schon so weit, dann wird der Rest auch noch gehen."
    Natürlich war seine Zuversicht gespielt, denn es fühlte sich an als steche ihm jemand mit einer Fingerdicken Nadel ins Knie. "Wir haben´s ja schon fast."


    Gemeinsam schoben sie den Sessel endgültig hinein und er konnte sich etwas ausruhen, denn Sandro lud die restlichen Kartons alleine auf.


    "Danke, Alter", sagte er als dieser danach die Türen zuschlug. "In die Wohnung hinauf schaffen wir´s jetzt auch noch."


    Beim Einsteigen hoffte er nur, dass die kurze Fahrt seiner Regeneration genüge tragen würde.



    Beim Wohnblock angekommen wurde Frank gewahr, dass er heute von nichts verschont blieb. Nicht sein Knie, das ging wieder halbwegs. Doch die erste Person die er beim Aussteigen sah war Mia. Die hatte ihm jetzt zu seinem Glück gerade noch gefehlt.


    "Hallo ihr beiden", begann sie ohne zu zögern. "ziehst du heute ein? Wie geht´s dir? Bist du überhaupt Fit? Schade, dass du gestern Abend nicht dabei warst. War ein super Abend. Aber das hat dir dein Freund bestimmt schon erzählt, oder? Hast du viel? Ich kann dir helfen, wenn du willst ...."


    "Danke", lehnte er zunächst ab, "wir probieren es erst mal so."


    "Passt das große Zeug auch in den Fahrstuhl?", fragte Alessandro naiv.


    "Fahrstuhl?", stieß Mia erstaunt hervor. "Welcher Fahrstuhl?"


    Frank´s Freund wirkte wie vor den Kopf gestoßen. "Porca Miseria", fluchte er, "Du hast als eine Wohnung im vierten Stock und willst allen Ernstes dein Zeug mit einem verletzten Bein über die Treppe hochtragen?"


    Sandro klang vorwurfsvoll und sauer.


    "Wir... ", suchte Frank nach einem Ausweg, "... fangen mit den leichten Sachen an. Mit gleichmäßiger Bewegung geht´s mir bestimmt gleich besser."


    Der italienische Mädchenschwarm schüttelte den Kopf, als jeder von ihnen sich eine Kiste schnappte.


    "Ich muss ja nicht leer hochgehen", bemerkte die hochbeinige Turnerin und griff sich unversehens einen Wäschekorb.


    Sie hatte ja Recht, dachte Frank. Aber eigentlich wollte er nicht zu viele in die Umzugstätigkeiten einbeziehen. Er mochte es nicht, anderen einen Gefallen schuldig zu sein.


    Im vierten Stock angekommen, stellten sie die Sachen zunächst im kleineren der beiden Zimmer ab. Hier waren auch schon andere Kisten, die Frank bereits gestern Nachmittag vor der Aufführung hergebracht hatte. Zur Ablenkung gegen das Lampenfieber.


    "Hey, du hast ja eine komplette Küche, mit Geschirrspüler", war von Mia zu hören, die sich ohne Zurückhaltung auf Entdeckungstour begeben hatte. Naseweis klappte sie die Schränke auf und sah auch in den Kühlschrank.
    "Typisch Mann, Zwei Sixpacks und eine Wasserflasche!" konstatierte sie.


    "Sixpack klingt gut", rief Sandro fordernd. "Ich hatte schon Angst das hier wäre eine verdammt trockene Baustelle."


    Mia fühlte sich anscheinend gleich heimisch. Sie teilte den beiden je eine Bierdose zu.


    "Gläser braucht ihr ja bestimmt keine, oder?"


    Das Zischen der Dosen und die umgehend ersten Züge beantworteten ihre Frage.


    "Ich kann dir ansonsten höchstens Mineralwasser anbieten, hast du ja schon gesehen", wandte sich Frank an Mia "Gläser sind in einer der beiden Kisten hier."


    "Nein Danke, ich brauch´ momentan nichts. Soll ich euch jetzt noch weiter helfen? Macht mir nichts aus, ehrlich. Dann geht´s auch schneller ...."


    Frank willigte ein , bevor ihn ihr neuerlicher Redeschwall vollends überrumpeln würde.
    Bereits beim nächsten Gang spürte er, dass Unterstützung wohl doch notwendig würde. Er trug lediglich einen Umzugskarton mit Textilien, musste aber in jedem Stockwerk kurz rasten, während die beiden anderen schon wieder auf dem Weg nach Unten waren.


    "Alter, mach lieber langsam wenn´s nicht geht", munterte ihn sein Freund auf. "Wir kriegen das auch alleine hin."


    Doch so schnell wollte er sich nicht geschlagen geben. Da musste er jetzt durch. Schließlich hatte Sannah ja gemeint er sei hart im Nehmen. Dies wollte er unter Beweis stellen.


    Leider war er gezwungen kurz darauf die Segel zu streichen. Trotz Bandage kam er kaum noch die Stufen hoch. Verdammter Mist. Warum konnte es denn nicht wenigstens heute noch gut gehen? Es half nichts. Er musste sich auf den Küchenhocker setzen.


    "Das Kleinzeug kriegen wir ja noch geregelt", lamentierte Sandro, "Aber was machen wir mit den größeren Teilen? Die werden wir stellenweise hochkant hinauf schaffen müssen."


    Auch damit hatte er Recht. Für zwei gestandene Kerle war das machbar, aber ein Mädel wie Mia stieße dabei trotz ihrer Größe schnell an ihre Grenzen. So viel wollte er ihr auch nicht aufbürden.


    "Ich weiß was", sagte Mia und zückte ihr Mobiltelefon. Sie ging ins Nebenzimmer, weshalb sie kaum zu verstehen war.


    Frank schwante nichts Gutes. Bestimmt würde sie noch mehr Mädels aktivieren, die sich dann gegenseitig im Weg stehen konnten. Aber er merkte, dass er undankbar war. Schließlich lief ohne weitere Hilfe nicht mehr viel.


    "So", meinte seine Turnkollegin als sie wieder zurück kam, "Die Lawine rollt. Spätestens in einer halben Stunde dürften die ersten da sein"


    "Wen hast du denn alles angerufen?"


    "Nur Lena", antwortete sie. "Und Sannah hab´ ich eine Textnachricht geschickt."


    "Warum dann Lawine?", wollte Alessandro wissen.


    Frank hatte eine Vermutung, aber Mia kam ihm bei der Erklärung zuvor: "Wenn es darum geht sich aus irgend einem Grund umgehend zu treffen, ruft man einfach zwei der Truppe an, die wiederum zwei anderen Bescheid geben. So erreicht man sehr schnell viele Personen und selbst wenn nicht jede kommen kann haben wir im Handumdrehen alle Hilfe die wir brauchen."


    Auch wenn sie oft nervte, machte Mia momentan eine gewieften Eindruck.



    Es dauerte keine halbe Stunde.
    Nach weniger als zwanzig Minuten wehten Annalenas rote Locken unten auf dem Bürgersteig, Nasrin folgte nur Augenblicke später, kam aber gleich hoch weil sie ja wusste dass Frank´s Wohnung unter der ihrer Freundin lag.


    "Was gibt´s?", fragte die Perserin in der Nieten-Lederjacke und der durchlöcherten Jeans gewohnt knapp.


    In der Absicht sie alle nach Unten zu begleiten, stand Frank auf, doch ein neuerlicher Stich ließ ihn unter derben Flüchen wieder niedersinken.


    "Bleib´ du hier sitzen", wies Sandro ihn an. "Wir kümmern uns um die Sachen. Du musst nur dirigieren wo alles hin soll."


    Am Lieferwagen hatte sich mittlerweile auch Alke zu Lena dazugesellt. Somit waren sie bereits zu viert.


    "Meike konnte ich noch nicht erreichen", erklärte ihre Zwillingsschwester. Sandro war ihr dafür dankbar, wusste er doch jetzt ohne peinliches Nachfragen wer von beiden sie war. Das musste er unbedingt noch in den Griff bekommen.


    Zusammen schafften sie alles was leicht tragbar war hoch in die Wohnung, wo gleich einem König auf seinem Thron Frank Anweisungen für die weitere Verteilung gab.


    "So lässt sich´s leben, du Hahn im Korb", witzelte Lena als sie zum ersten mal in das Appartement trat. "Faul rumsitzen und andere die Arbeit machen lassen."


    Natürlich war das nicht ernst gemeint.


    "Warum hast du gestern nichts davon gesagt, dass du heute umziehen willst?", wollte Alke wissen. "Wir wären sicher alle gekommen. Schließlich wurdest du ja in "Ausübung deiner Pflicht" verwundet."


    Ihm blieb anscheinend nichts anderes übrig als sich in sein Schicksal zu fügen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
    Die beiden waren leger gekleidet. Mit einfachen T-Shirts. Alke hatte Shorts an und Lena Caprihosen. Leider nicht aus Lycra, somit war er momentan der Einzige der seiner Neigung entsprechend angezogen war.


    Den klobigen, aber unheimlich bequemen Sessel schafften sie mit vereinten Kräften heran und Frank ließ sich nicht davon abbringen umgehend darin Platz zu nehmen. Nun konnte er standesgemäß über seine Untertanen regieren, was ihm auch zunehmend besser gefiel.
    Die Matratze kam ins Nebenzimmer, zusammen mit der Kommode und den letzten Kisten an Kleidung.


    Jetzt waren nur noch die sperrigsten Möbel übrig. Um diese hochkant um die Ecken des Flurs zu bekommen, wären weitere Hände nicht verkehrt, also legten sie eine Pause ein. Sie unterhielten sich über die gestrigen Ereignisse.


    "Wenn tatsächlich Marc was mit dem Unfall zu schaffen hat, müssen wir es irgendwie nachweisen um ihm das Handwerk zu legen", erklärte der Italiener bei einem Pausenbier. "Ansonsten wird er es wieder versuchen und wer weiß, ob es dann nicht noch schlimmer ausgeht."


    Die Mädels hatten gerade die Wasserflasche unter sich aufgeteilt und es wurde klar, dass er ihnen wenigstens ein bisschen mehr Verpflegung zukommen lassen müsste.


    "Wartet ihr alle auf uns?", kam eine gespielt vorwurfsvolle Frage durch die offene Wohnungstür. Es folgten ein Einkaufskorb und eine Tragetasche und dahinter die Kolleginnen Kim und Aitana.


    "Wir dachten uns schon, dass ihr hier auf dem trockenen sitzt, und haben gleich das nötigste mitgebracht."


    Ohne weiteres Zögern verteilten die beiden die mitgebrachten Sachen auf dem klapprigen Campingtisch, der provisorisch im "Wohnzimmer" stand. Thermoskannen mit Kaffee, nebst Plastikbechern, Kaffeesahne und Zuckerwürfeln. Danach folgten Papiertüten voller Kuchenstückchen und sonstigem Kleingebäck.


    Das war es, was Frank immer so faszinierte. Mädels hatten einfach eine natürliche Begabung dafür, andere mit auf den ersten Blick nebensächlichem zu versorgen. Er war ihm regelrecht peinlich, derart verwöhnt zu werden.


    Nach einer kurzen Stärkung machte sich alle daran, das größere Mobiliar um die engen Biegungen des Treppenhauses zu navigieren. Jetzt waren immer genügend helfende Hände vorhanden, auch wenn es dadurch komplizierter zuging.
    Frank machte sich derweil daran, verschiedene Einrichtungsgegenstände zu positionieren und vor allem die technischen Gerätschaften anzuschließen. Der Computer kam in die Ecke, die auch den Internetanschluss bereitstellte. Die Verkabelung seiner altertümlich anmutenden, aber nichts desto trotz hochwertigen Audiokomponenten glich eher der Arbeit an einem Fernmeldeschrank. Gut dass er dies bequem im Sitzen erledigen konnte.


    "Wo soll der Schrank hin?", fragte die schwarzhaarige Spanierin etwas außer Puste.


    "Rüber ins Schlafzimmer", deutete er auf den Raum in welchem bereits seine Matratze lag.


    Aitana war selbst in Jogginghose und Tank-Top ein Hingucker. Auch diese Kleidung füllte sie prall und knuffig aus. Es war wohl das "Kindchenschema" was an ihr so anziehend wirkte.
    Die blonde Kim dagegen, konnte man eher als knabenhaft oder als "Lolita" im besten Sinne beschreiben. Ihre gelben Dreiviertel-Tights waren wenigstens aus seinem geliebten Material.
    Wenn er so darüber nachdachte, waren eigentlich alle seine Turnkolleginnen attraktiv. Jede auf ihre Weise.


    Er rief sich selbst zur Ordnung und stellte als nächstes die Lautsprecherboxen auf, während die "Möbelpacker" wieder die Treppe hinunter stiegen.
    Die Boxen waren verhältnismäßig groß. Vincent hatte sie mal für ihn gebaut, als sie noch zur Schule gingen. Schon damals hatte dieser ein Händchen für Technik.


    Er hatte gerade rechtzeitig die eine Wand des Wohnzimmers frei geräumt, als seine Freunde mit dem langen Apothekerschrank ankamen. Auf diese Weise konnten sie diesen direkt an die richtige Stelle schieben. Da der Schrank nur knapp hüfthoch war, bot er dem Fernseher die ideale Stellfläche. Die vielen Schubladen hatten sie für besseres Handling herausgenommen und brachten sie erst beim nächsten Aufstieg.


    Unterdessen rückte Frank in der Küche den Tisch und die Stühle aus dem Möbelhaus, das vor allem für die Fleischbällchen in seinem Restaurant berühmt war zurecht. Die Küche hatte als einziger Raum neues Mobiliar. Alles andere waren ältere gebrauchte Stücke, wie es für eine Erstausstattung typisch war.


    Der große Kleiderschrank war das am schwierigsten durchs Treppenhaus zu bugsierende Teil. Von dort waren Sandro´s Anweisungen zum schadenfreien Transport zu hören: "Vorne hoch... ja, genau so. Und hinten etwas tiefer damit wir um die Ecke kommen. Vorsicht ... nimm lieber die Hand von der Wand weg.... Und jetzt alle zusammen...Forza!"


    Er ging ihnen entgegen. Keinen Moment zu spät wie sich herausstellte, denn das nach oben ragende Ende begann zu kippen. Die meisten waren unterhalb der Mitte und als einzige wäre Nasrin in der Lage gewesen das Monstrum vor dem anschlagen an der Wand zu bewahren. Frank konnte ihn gerade noch abfangen, bevor sich die Haut auf dem Handrücken der Iranerin am Rauputz abgeschält hätte.


    "Ich hab ihn, du kannst loslassen."


    Nasrin bekam ihre Hand gerade so ohne Abschürfungen heraus. Nur noch eine kleine Drehung und sie konnten das Ungetüm flach im Flur absetzen.


    "Puhh", entspannte sich Alessandro, der aufgrund der unausgeglichenen Hebelverhältnisse die größte Last getragen hatte. "Noch mal gut gegangen. Ich glaube vor den letzten Metern brauchen wir alle eine kleine Verschnaufpause."


    Die Mädels stimmten dem ausnahmslos zu.


    Eine letzte Kraftanstrengung, vor allem beim Aufrichten des Schranks im Schlafzimmer, und die Arbeit war fürs Erste erledigt. Die restlichen Sachen konnte er in nächster Zeit Stück für Stück von zu Hause holen.


    "Wisst ihr...", fragte Kim als sie sich alle wieder bei der improvisierten Kaffeetafel einfanden, "... was jetzt noch fehlt?"


    Irgendwie standen alle etwas auf dem Schlauch und konnten sich nicht vorstellen was sie meinte.


    "Na eine spontane Einweihungsparty!"




    Kapitel 16


    Das hatte er befürchtet. Anstelle eines ruhigen Abends hätte er es mit einer Horde Turnmädels in Feierlaune zu tun. Kim´s Vorschlag fand wie erwartet ungeteilte Zustimmung.


    "Wir haben zwar gestern erst gefeiert", meinte Aitana, "Aber warum nicht?"


    "Ich habe heute auch nichts wichtiges mehr vor", stimmte Alke in den allgemeinen Kanon mit ein.


    "Heute Abend habe ich frei", erklärte selbst Alessandro, "Muss nur den Lieferwagen zurück bringen, dann kann ich auch wieder hier sein."


    Er wartete gar nicht eventuelle Gegenargumente seitens Frank ab, schnappte sich seine Schlüssel und spurtete los. Die anderen legten ebenfalls eine Geschäftigkeit an den Tag, die ihm überhaupt keine Chance mehr zu anderslautender Argumentation ließ. Entsprechend gering fiel seine Gegenwehr aus.


    "Ihr wisst doch genau, das ich nichts im Kühlschrank habe und ....", versuchte er noch halbherzig sich aus der Affäre zu ziehen, aber Lena fiel ihm bereits ins Wort: "Wir kümmern uns um alles, du Hahn im Korb. Für die Organisation solcher Spontanfeten sind wir berühmt."


    Ihr Mobiltelefon meldete sich zu Wort.
    "Zum Möbelschleppen kommst du zu spät, aber für die Einweihungsparty gerade richtig .... Ja ... Hmmm ... OK. Ach, und wenn du gerade auf dem Weg bist, bring Knabberzeug und sowas mit."


    Wie sich herausstellte kam der Anruf von Sannah. Kurz darauf spielte sich eine Ähnliche Konversation mit Meike ab.


    "Lena und ich fahren in den Getränkeshop", erklärte Aitana, "Ihr könnt derweil mal sehen was an Geschirr so alles da ist, vor allem Gläser."


    "Stühle und was sonst noch fehlt holen wir von oben", bot Mia an und machte sich mit ihrer stillen Freundin umgehend auf den Weg.


    Frank gab der Rothaarigen Geld für Getränke und konnte nichts anderes tun als sich zurück zu lehnen. So langsam mochte er das verwöhnt werden. Doch gänzlich untätig musste er trotzdem nicht sitzen bleiben. Zumindest konnte er für etwas Musik sorgen, die in den noch kahlen Räumen reichlich hallig klang.


    "Sorry, ich konnte nicht früher", begrüßte Meike erst ihre Schwester und dann den Rest der Truppe. Mit dem blauen Badeanzug, den sie als Body in ihrem Tennisröckchen trug, versprühte sie die gleiche Eleganz, die er schon öfter an ihr bemerkt hatte. Auch trug sie heute wieder ihre Brille, wohl auch um ihrem angebeteten die Orientierung zu erleichtern.


    "Keine Sorge", beschwichtigte Frank, "Die anderen haben es mit vereinten Kräften geschafft."


    "Und du musstest tatenlos zusehen?", fragte sie mit Blick auf den Verband, der an seine schwarze Radlerhose anschloss. "War aber auch ein ganz schöner Crash. Sannah hatte gestern Abend noch erzählt, dass wir möglicherweise sabotiert wurden."


    "Da bin ich mir sogar ganz sicher. Ich schaue nächste Woche mal nach, ob man am Trampolin was erkennen kann. Und vor allem ob es reparabel ist."


    Mittlerweile traf auch ihre Gruppenleiterin ein. Bepackt mit allerlei Taschen und Tüten konnte man meinen, Sannah wollte eine ganze Kompanie verköstigen.


    "Tut mir leid, dass ich nicht helfen konnte. Ich hatte noch was anderes zu tun." Sie schnaufte erst mal ordentlich durch. "Wie kommst du auch auf die abwegige Idee mit deiner Verletzung heute Möbel zu rücken?", fragte sie ihn vorwurfsvoll.


    "Das war halt schon länger geplant und ich konnte nur für heute einen Transporter organisieren. Die Chancen dass es gut geht standen Fifty-fifty."


    "Männer", schüttelte sie abfällig den Kopf und verzog sich mit einer ihrer Taschen in die Küche. "Hilfst du mir, Kim?"


    Er hatte keine Ahnung was die beiden in der Küche vorhatten, aber seine jungenhafte Turnkollegin folgte der Aufforderung umgehend. Jetzt erst sah er, dass auch Sannah eine schwarze Radlerhose trug. Dieser unfreiwillige Partnerlook gefiel ihm.


    Nasrin und Mia erschienen mit dem Gestühl, beziehungsweise zunächst mit einer zweisitzigen Gartenbank aus Holz und passenden Sitzkissen. Im zweiten Gang brachten sie noch zwei reguläre Stühle und einen Hocker. Die Sitzgelegenheiten sollten jetzt für alle ausreichen. Diverse Gläser hatten sie auch noch mitgebracht und stellten sie in die Küche, wo die hochgewachsene sofort ein schnatterndes Gespräch mit den anderen begann. Zum Glück bekam er hier auf seinem Sessel nicht so viel davon mit.


    Meike warf Sandro einen eifersüchtigen Blick zu, als dieser zusammen mir Lena eine Getränkekiste durch die Tür trug.


    "Wir sind uns unten über den Weg gelaufen", entschuldigte er sich schnell als er die Missgunst in Meike´s Augen sah. "Ich bin ja vom Nachmittag noch ans Kisten befördern gewöhnt."


    Aitana schleppte einen Tragekorb mit Wein, Secco und diversen Fruchtsäften in die Küche und rekrutierte von dort die beiden Gegenpole Mia und Nasrin um beim Rest zu helfen.


    "Da fällt mir gerade ein", sagte Sannah als sie einige Zeit später mit zwei Papptellern voller Käse-Trauben-Spieße aus der Küche kam, "Wir haben uns ja die Aufnahmen von Gestern noch gar nicht angeschaut. Wenn du den Fernseher schon angeschlossen hast, können wir ..."


    Sie hielt inne und sah Frank erkenntnisvoll ins Gesicht.


    "Was frage ich denn so dumm. schließlich sind wir hier in einem Männerhaushalt. Das Erste was da betriebsbereit ist, ist wohl der Fernseher, oder?"


    Manche Klischees bewahrheiten sich und sowohl Frank als auch Sandro blickten gespielt betreten zu Boden, als ihre genetisch vorbestimmte Verhaltensweise thematisiert wurde. Sie hatten aber beide nichts dagegen, damit zur allgemeinen Erheiterung beizutragen. Sannah reichte Lenas Tablet rüber.


    "Hast du ein passendes Schnittstellenkabel mit?", fragte der Mobilitätseingeschränkte als er sah, dass das Gerät einen speziellen, kleineren Ausgang hatte.


    Die Rotgelockte schüttelte den Kopf, aber Kim kramte bereits in ihrer Handtasche. "Hier", hielt sie ihm einen passenden Adapter vor die Nase. "Mein Smartphone hat den gleichen Anschluss. Außerdem können wir uns danach ja auch noch meine Aufnahme von der Empore aus ansehen."


    "Ihr nehmt euer Training gleich mit zwei Geräten auf?", fragte Sandro erstaunt als Frank die Verbindung zum Fernseher herstellte.


    "Da bist du platt, was mein Freund? Unsere Gruppe agiert auf höchstem Niveau", brüstete sich Frank und synchronisierte die Geräte. "Wir sind schließlich keine "Hinterhof-Hupfdolen".


    Der darauf folgende Lacher steigerte die gute Stimmung.


    Der Ton des Videos war typischerweise eher blechern, doch die Bildqualität war recht ordentlich. Der Bildausschnitt deckte nicht alles ab. So kam es, dass die Action gelegentlich außerhalb des Bildes stattfand.
    Die Mädels rückten alle etwas näher um ja nichts zu verpassen. Für Frank war es komisch sich im Fernseher zu betrachten, aber die Mädels begannen sofort ihre Performance zu kommentieren.


    "Dass wir da zusammengestoßen sind lag nur an dir", beschuldigte Alke ihre Schwester, die das natürlich völlig anders sah.


    Auch von anderer Seite kam gelegentlich Kritik, die letztlich jedoch nichts anderes aussagte, als dass sie eigentlich alle sehr zufrieden mit sich waren.


    Der Zusammenbruch des Trampolins war leider teilweise außerhalb des Bildes. Man sah nur den herab gefallenen Rand als es bereits passiert war. Und natürlich wie die Turnerinnen ausweichen mussten. Das Schlussbild schließlich, war perfekt abgebildet und Alessandro stand der Mund weit offen.


    "Ich wusste ja nicht, dass ihr derart gut seid. Molto bene", sagte er voller Anerkennung, blickte aber hauptsächlich Meike dabei an.


    "Hab ich doch gesagt: keine Hinterhof-Hupfdolen".


    Dieser Ausdruck hatte das Zeug zu einem Running Gag. Nachdem sich alle wieder eingekriegt hatten, forderte Kim: "Jetzt meins, jetzt meins" und hielt ihr Smartphone Richtung Frank´s Sessel.


    Während der Umbaupause stießen die Mädels mit ihrem geliebten Secco an. Aitana hatte extra Sektkelche aus Plastik vom Getränkehandel mitgebracht um keinen Stilbruch zu begehen. Die Käsehäppchen waren auch schon ziemlich dezimiert und die ersten Knabbertüten poppten auf.


    Erstaunlich wie zurückhaltend und auf ihre Figur bedacht sich Frauen immer geben, nur um sich nebenbei ganz unbemerkt alles was sie sich offiziell vorenthalten wieder einzuverleiben.


    Die Aufnahme von Kim´s Mobilgerät war eine gute Ergänzung zum eben gesehenen. Sie zeigte alles was auf dem Tablet-Video verborgen blieb, hatte dafür aber Schwächen im extremen Nahbereich.
    Wieder stieg die Intensität der Diskussionen von Minute zu Minute an.


    "Wird euch dabei denn nicht schwindlig?", wandte sich Sandro fragend an Lena und Kim als ihre Flug-Schleuder Nummer zu sehen war.


    "Im Gegenteil", antwortete der Rotschopf, "Das macht voll Laune und ist eigentlich nur beim hochklettern anstrengend.


    "Ja", beteiligte sich Kim, "Das solltest du unbedingt auch mal probieren. Deine Freundin kann dich ja mal mitnehmen."


    Dieser Kommentar schien weder ihm noch Meike sonderlich zu gefallen.


    "Kommt, schon. Jetzt habt euch nicht so. Kann doch wohl nicht sein, dass jeder weiß was sich da bei euch anbahnt, bloß ihr nicht."


    Sandro ging in die Offensive: "Ich hätte Meike meine Absichten gerne etwas privater unterbreitet."


    "Zu spät", kommentierte diese während sie ihm um den Hals fiel. "Wenn du mich willst, hast du die anderen automatisch mit."


    Der Rest lachte und applaudierte. Alle stießen darauf an. Der Alkoholpegel steig minütlich und damit auch die ausgelassene Stimmung.


    "So langsam bekomme ich Hunger", rief Sannah in die lustige Runde.
    Kaum zu glauben, nach den ganzen Naschereien.


    Frank fühlte sich als könne er ebenfalls etwas vertragen. Mittlerweile war es ja schon fast sieben.


    "Hey Romeo", sprach er seinen gastronomischen Freund an. "Ruf doch mal zu Hause an und lass uns mal ein paar eurer "Mafiatorten" bringen. Am Besten eine Auswahl der beliebtesten Sorten, da ist dann für jeden was dabei."


    Sandro lächelte. "Si, subito. Ich kümmere mich darum."
    Und zu Meike: "Kommst du grad´ mal mit?"


    Sie verzogen sich in die Küche, offenbar nicht nur zum Telefonieren.


    "Was die wohl vorhaben?", fragte Mia den ohnehin langen Schwanenhals noch höher gereckt um ihnen nachzuschauen.


    "Na spätestens jetzt müssen die wohl ein ernsteres Gespräch führen", gab Lena ironisch von sich und rief etwas lauter nach: "Und bitte geschnitten!"


    "Ich möchte mir gerne die beiden Videos auf die Festplatte ziehen", wandte sich Frank an Kim und Sannah. "Ich will mir mal ein Konzept hinsichtlich der Musik überlegen."


    "Klar", sagte Kim. "Mach´s am besten gleich, dann vergisst du es auch nicht." Sie stöpselte ihr Mobilgerät am Fernseher ab und gab es ihm rüber zum Computer der gerade hochfuhr.


    Er würde die Aufnahmen Vince zeigen um den Rat eines Fachmanns einzuholen.


    "Du hast mich letztens schon neugierig gemacht", meinte Sannah die zu ihm an den Rechner kam als er auch mit Lenas Tablet fertig war. "Was hast du denn im Sinn?"


    "Zunächst wollte ich mal passendere Musik zusammenstellen. Ein Freund von mir arbeitet beim Veranstaltungsservice. Den wollte ich mal fragen was man so an Licht und Tontechnik für bezahlbares Geld bekommen kann."


    "Gar nicht so dumm", fand die Trainerin. "Alles was die Show aufpeppt ist sehr willkommen. Schließlich müssen wir auch den Nicht-Sportlern was bieten."


    "Dachte ich mir auch. Letztens war ich beim Konzert in der Markthalle, und da konnte ich sehen was für einen großen Einfluss die Technik auf das Gelingen einer Show hat."


    "Das kann man aber nicht direkt vergleichen", meinte Sannah. "Eine Turndarbietung hat ja doch andere Ansprüche als ein Rock-Konzert. Aber ein paar bunte Lichter und gute Musik die laut genug ist, wären sicher nicht verkehrt. Wäre gut wenn du da dranbleiben könntest.


    "Klar, doch. So wie es aussieht, bin ich die nächsten Tage sowieso krank geschrieben", versicherte er ihr und deutete auf sein verbundenes Kniegelenk.


    "Ja, ist wirklich eine Schweinerei, was da passiert ist. Wenn man dem nur das Handwerk legen könnte."


    "Das ist noch unser geringstes Problem. Wer weiß wie lange ich ausfalle. Und wenn wir das Trampolin nicht repariert bekommen, müssen wir diesen Programmpunkt sowieso überarbeiten."


    "Zerbrich dir nicht den Kopf darüber", beschwichtigte sie. "Vor allem nicht heute. Lass uns lieber feiern. Sorgen machen wir uns dann wieder nächste Woche." Sie stand auf und ging Richtung Küche. "Soll ich dir was mitbringen?"


    "Gegen ein Bier hätte ich nichts einzuwenden, aber stör´ die Turteltäubchen nicht."


    "Die hatten jetzt genug Zeit für sich. Sollen sich lieber wieder unters Volk mischen.", sagte sie ungeduldig.


    Es klingelte an der Tür und Aitana, die sich angeregt mit Kim und Lena unterhalten hatte, machte sich auf den Weg. Mit an den Mund gelegter Hand zur Verstärkung rief sie: "Genug geschmust, die Pizza ist da!" hinüber zur Küche.


    Herumalbernd trat das junge Paar aus der Küche. Zusammen mit Sannah, die mit Getränken bestückt wieder zu Frank ging. Dieser beglich beim Pizzafahrer die Rechnung und ohne Verzögerung wurden dampfende Kartondecken zurück geschlagen.


    "Jede kämpft für sich allein!"


    Mit dieser Aufforderung von Mia stürzten sie sich auf die verschieden belegten Teigecken.


    Nasrin erwischte durch Zufall ein größeres Stück, weil die Schnitte nicht immer genau durch die Mitte verliefen.


    "Dafür musst du aber am Freitag fünf Runden extra laufen", zog Annalena sie auf.


    Die Iranerin sah sie mit unbewegter Mine an, griff sich dann trotzig ohne den stechenden Blick von ihr abzuwenden ein weiteres Stück und klatschte es Belag voran auf das erste in ihrer Hand. "Zehn Runden", lautete ihre lakonische Antwort.


    Alles brüllte vor Lachen.


    Auch der Rest des Abends verlief feucht fröhlich und es wurden Anekdoten ausgetauscht, über andere gelästert und lauthals zu den alten NDW-Hits gesungen, die Frank aufgelegt hatte. Glücklicherweise hatte er eine wasserdichte Ausrede als es ums Tanzen ging.


    "Alte Kriegsverletzung", sagte er und deutete auf den Verband.


    Auch bei zeitgenössischer Musik ließ die Begeisterung an der Bewegung bei einigen der Mädels nicht nach. Die Ballettmäuse Aitana und Mia versuchten den anderen einige Hip-Hop-Moves beizubringen, was teilweise aber an motorischen Aussetzern in Folge des Alkoholgenusses scheiterte.


    "Schade dass Aurelie nicht kommen konnte", meinte Annalena als sich alle wieder hingesetzt hatten.


    "Ich könnte mir vorstellen", beteiligte sich Frank am Gespräch, "dass sie noch öfter proben muss als sonst. Jetzt wo sie eine Hauptrolle hat."


    "Eine ´auptrolle", imitierte die bereits von Sandro´s italienischem Grappa angeschlagene Kim den französischen Akzent ihrer Teamkollegin vom Ballett.


    Zu späterer Stunde lagen dann die Pappkartons alle leer und zusammengeklappt neben der Eingangstür und die Gespräche drifteten häufiger ins alberne ab.


    Die beiden frisch verliebten lösten als erste die Party auf. Verständlich.
    Auch die introvertierte Iranerin mit dem Punk-Style verabschiedete sich. Frank sah ihr nachdenklich hinterher.


    "Ich wüsste zu gerne, was sich hinter dieser abweisenden Fassade verbirgt", sagte er leise, mehr zu sich selbst.


    Sannah, die neben ihm saß war die einzige die seine Frage im allgemeinen Gemurmel hörte. Sie beugte sich zu ihm und sprach leise, damit nicht jeder mithören musste. "Ja, sie ist schon ein Mysterium. Eigentlich weiß keiner wirklich viel von ihr und wir haben uns damit abgefunden, dass wir besser miteinander auskommen wenn wir nicht weiter fragen."


    "Mia hat sowas angedeutet, dass Nasrin gegen ihr Elternhaus, ihre Herkunft und gegen ihre Religion rebelliert", erklärte er, was er sich aus den Gesprächsfetzen der Hochgewachsenen zusammengereimt hatte.


    "Das kommt ziemlich hin", bestätigte seine Gesprächspartnerin. "Soweit ich weiß, kam sie mit dem Rest ihrer Familie aus dem Iran als sie Fünf oder Sechs war. Ihr Vater war Radiomoderator und wurde wegen seiner Regimekritischen Beiträge ermordet."


    "Oh Scheiße", entfuhr es ihm betroffen.


    "Mutter, Onkel und Tanten flüchteten sich hier in der Fremde in die Religion, die letztlich jedoch am Tod des Vaters schuld war. So wurde sie immer aufsässiger und hatte ständig Reibereien zu Hause und in der Schule. Soweit ich weiß verbrachte sie sogar einige Jahre in Heimen, bis sie ab 18 endlich nach ihren eigenen Vorstellungen leben konnte."


    "Und ihr Talent zum Ballett?", fragte er. "Das passt doch irgendwie nicht ins Bild."


    "Doch, sobald du weißt dass ihr Vater sie damals zum Tanzen ermutigt und gefördert hatte."


    Jetzt wurde ihm einiges klar.


    "Was tuschelt ihr denn hier rum", sorgte Kim mit einiger Schlagseite dafür, dass seine Stimmung nicht gänzlich kippte. "Man könnte fast meinen, ihr wärt das nächste Liebespaar", sagte sie und wankte in die Küche um zu sehen was noch zum Konsumieren übrig war.


    Nach und nach verzog sich dann ein Grüppchen nach dem anderen. Zumindest räumten sie ihr Geschirr in die Küche und sammelten die Pappteller und sonstigen Abfall in einem großen Müllsack. Gut erzogen, dachte er.


    "Ich trink Ouzo, was machs´ du so?", verabschiedete sich schließlich auch Kim. Auf Lena gestützt war es ihr ziemlich egal dass sie die Nationalitäten der Getränke verwechselte. Vielleicht gab es auch keinen passenden Spruch zu Grappa.


    "Ich bring sie nach Hause", erklärte Annalena die gegenüber der zierlichen Blonden noch relativ gut in Form war.


    So kam es, dass am Ende nur noch Sannah und er selbst übrig waren. Die Musik war ruhiger und beide kamen sich auf Mia´s Gartenbank näher. Der Alkohol hatte bei beiden die Hemmnisse gelockert.


    Aus den Boxen tönte Herwig Mitteregger´s Interpretation eines Textes von Manfred Maurenbrecher.
    ".... wir reden über Filme, und die Blicke werden tief...."


    "Ist dir schon aufgefallen", fragte sie etwas angesäuselt, "dass wir den gleichen Kleidungsstil haben?" Dabei wies sie auf ihre beider Radlerhosen.


    "Dass ich sowas anhabe dürfte dich ja nicht überraschen", antwortete er leise und berührte den seidigen Stoff über ihrem kräftigen Oberschenkel. Sie erwiderte schüchtern seine Berührung.


    Worte waren jetzt fehl am Platz. Eine Berührung führte zur nächsten und beide ergaben sich einfach in ihr Schicksal.




    Kapitel 17


    Mensch hatte er einen Kater. Dabei meinte er gar nicht so viel getrunken zu haben. Noch benommen begann er mehr automatisch mit dem Aufräumen. Zwar hatte die Partygesellschaft alles recht ordentlich hinterlassen, aber verschiedene Gläser und sogar gelegentliches Besteck wollte noch in die Spülmaschine. Ansonsten genügte Ausfegen. Viel war ja auch noch nicht in der Wohnung was man hätte durcheinander bringen können. Nur ein Fleck auf dem Küchenboden, wo Kims letzter Grappa höchstwahrscheinlich von selbst die Kontrolle über das Glas verlor.


    Er wusste nicht ob er sauer oder zornig darüber sein sollte, dass Sannah nicht bleiben wollte. Er hatte gedacht, das ergäbe sich jetzt einfach so. Sie war ja auch fordernd bei der Sache gewesen, fast schon ausgehungert.


    Frank stellte die Möbel von Mia an der Tür zusammen.


    Warum, überlegte er, wollte sie nicht weiter gehen? Hatte sie nur die Lust verloren oder hatte er etwas falsch gemacht? So sehr er sich auch das Hirn zermarterte, er fand keine Erklärung dafür. Und dabei hatte sie sich so gut angefühlt und auch sie ließ keine Region mit ihren Händen aus.
    Egal. Er würde das Problem heute nicht gelöst bekommen.


    Das Zusammenfegen der Krümel lenkte ihn etwas ab.
    Das hätte ja für ´ne ganze Schussel voll gereicht, dachte er als er den Haufen mit dem Handfeger auf die Kehrschaufel schob.
    In einer der Kaffeekannen befand sich noch ein Rest den er ausschüttete und die Kanne mit klarem Wasser spülte.


    Ob er Sannah anrufen sollte? Er verwarf den Gedanken wieder. Schließlich war es an ihr, ihr eigentümliches Verhalten zu erklären. Außerdem war es noch zu früh.


    Ihm fiel ein, dass er Vince eine Mail mit den beiden Videos schicken wollte. Wie er die Sache angehen würde und welche Musik er passend fand, wollte er von seinem Freund wissen.
    Die Mail würde er bestimmt nicht vor morgen Mittag lesen. In seinem Job hatte dieser heute noch jede Menge zu tun.


    Jetzt eine Dusche zum richtig wach werden.


    Etwas erfrischt stellte er fest, dass er sein Knie wieder bandagieren musste. Es war immer noch geschwollen, tat aber nicht mehr so weh wie gestern. Die Sitzgelegenheiten schaffte er danach vorsichtig die Treppe hoch und stellte sie neben der Tür ab. Da es schon 11 Uhr durch war, strengte er sich nicht an besonders leise zu sein. Er klopfte um Bescheid zu geben und die Sachen wieder rein zutragen.


    Keine Reaktion


    Öfter wollte er es nicht probieren. Wenn Mia noch schlief war es bestimmt keine sehr gute Idee sie zu wecken.


    Wieder zurück in seinem Apartment dachte er darüber nach, was er mit dem angebrochenen Tag anstellen sollte. Seine Entscheidung war typisch für alleinlebende Singles - Er lud sich bei seinen Eltern zum Mittagessen ein.




    Kapitel 18


    "Es ist zwar nichts wirklich ernstes, aber auch nichts womit Sie leichtfertig umgehen sollten", eröffnete ihm der Orthopäde. "Zumindest ist nichts gebrochen, gerissen oder ausgerenkt."


    Als die Schwellung über Sonntag nicht zurückging, hatte Frank beschlossen erst mal zum Hausarzt zu gehen. Sehr ungewöhnlich, dass er beim Facharzt, an den ihn sein Allgemeinmediziner umgehend überwies, so schnell angenommen wurde. Wobei, es war ja gar kein Termin. Die Praxis hatte ihm die Möglichkeit frei gestellt, einfach so zu kommen und darauf zu warten dass ein anderer verhindert ist. Auf diese Art ging es doch recht zügig und die Patienten mit Termin mussten nur unwesentlich weniger warten.


    "Das bandagieren", erklärte der Arzt weiter, "War nicht die schlechteste Idee. Dadurch sammelt sich weniger Flüssigkeit. Zusätzlich sollten Sie aber die Entzündung, die sich mittlerweile gebildet hat, kühlen."


    Wenigstens halbwegs erfreuliche Neuigkeiten.


    "Ich schreibe Sie für die nächsten zwei Tage Krank. Danach können Sie wieder Arbeiten, solange sie das Kniegelenk nicht belasten. Es ist wichtig, dass sie es größtmöglich schonen, sonst komme ich mit einer ziemlich widerlichen Nadel, die Sie nicht gerne im Gelenk spüren wollen. Und in den kommenden Wochen kein Fußball oder ähnliches."


    "Wie lange etwa?", fragte Frank.


    "Sie machen einen recht sportlichen Eindruck, das beschleunigt natürlich die Heilung. Aber mit zwei Wochen sollten Sie schon rechnen."


    Das kam ihm jetzt wirklich ungelegen, denn es waren ja nur noch knapp drei Wochen bis zum Vereinsfest. Seine Ungeduld fiel auch dem Orthopäden auf.


    "Wenn Sie das nicht richtig auskurieren, sind Spätfolgen vorprogrammiert. Die Heilung verlangt Geduld. Kommen Sie nächste Woche noch mal vorbei, dann kann ich besser abschätzen wie lange es dauert."



    Zwei Wochen.
    Damit hatte er nicht gerechnet. Das ließ ihm nur eine Woche um wieder in Form zu kommen.
    Und wenn es wider Erwarten länger mit seiner Genesung dauern würde? In der Show übernahm er mittlerweile einige tragende Parts. Das Ganze grundlegend umzustrukturieren war in der Kürze der Zeit fast aussichtslos.
    Das Einzige, was ihm zu seiner Situation einfiel war ein Wort, das er nicht mal in die Hand nehmen wollte, geschweige denn in den Mund.


    Er musste die anderen davon unterrichten, dachte er als er wieder in seiner Wohnung vor seinem Computer saß. Mit einem kühlenden Gelpack auf seinem verbundenen Knie.
    Dass er wegen des Verbands besser kurze Hosen trug kam ihm entgegen. Er war gleich als er in seinem neuen zu Hause angekommen war, in seine superscharfen roten Radler geschlüpft. Ein echter Trost in seiner unpässlichen Lage. Aber irgendwie fehlte noch was, weshalb er auch noch den zugehörigen Gymnastikbody überzog. Mit der Hose unter dem Turnanzug sah es irgendwie cooler aus.


    Eine neue Nachricht in seiner Mailbox lenkte ihn ab. Vince hatte sich schon gemeldet. Im Anhang befanden sich eine Videodatei und zwei Audiodateien, einmal als mp3 und einmal unkomprimiert als wav. Bestimmt Beispiele, dachte er sich. Vince kannte sich gut aus mit fast jeder Art Musik und hatte ihm wohl etwas geeignetes für sein Vorhaben geschickt.


    "- hab mal bisschen was zusammengestellt. ist einfacher als es dir einzeln zu erklären. sieh dir das video an und ruf mich an was du davon hältst -"


    Vincent kümmerte sich bei seinen Mails nicht um korrekte Orthographie. Wichtig ist nur, dass der Empfänger weiß worum es geht, war seine Antwort auf die Frage nach mangelnder Rechtschreibung.


    Mit einem Doppelklick auf den Dateinamen öffnete Frank das Video. Es war scheinbar die Aufnahme des Tablets, nur mit Musik unterlegt. Auf dem PC-Lautsprecher klang das etwas dünn, deshalb stoppte er, leitete das Signal auf seinen Fernseher um und ließ den Ton über die Anlage laufen.


    Ein bedrohlich klingendes Rumoren in den tiefen Basslagen füllte sein Wohnzimmer, während das Video noch auf Standbild war. Die Bewegung startete mit den gewollt zufälligen Turnübungen der Akteure. Passend dazu wurde ein Gewitterklang eingeblendet, der sofort in eine perkussive Musikuntermalung überging. Er kannte das Stück. Es war Filmmusik. Ein gerade letztens wiederholter Film über einen Nascar-Rennfahrer, mit einem kleingewachsenen Scientology-Anhänger in der Hauptrolle.


    Dieser verrückte Vince. Anstatt ihm Tipps zu geben, hatte er tatsächlich aus beiden Videos die jeweils besten Sequenzen zusammen geschnitten und mit taktgenauer Musik unterlegt. Frank konnte nur mit offenem Mund den Kopf schütteln. Es war wie ein komplett neuer Film. Zu jeder gezeigten Übung hatte sein Freund passende Filmmusik ausgewählt und bildsynchron übergeblendet. Manchmal wurden sogar mehrere unterschiedliche Soundtracks zusammengemischt. Ein andermal wechselten die Tonsequenzen sekündlich um das jeweilige Bild ideal zu unterstützen.


    Es fiel auf, dass Vince in den Überleitenden Teilen zwischen den Haupt-Programmpunkten immer relativ adynamische Musik gesetzt hatte. Auf diese Weise konnten Pausen in der Länge individuell angepasst werden.
    Zum Zusammenbruch des Trampolins und den darauf folgenden Stehgreif-Improvisationen passte der Ton freilich nicht. Doch die vorangegangene Klanguntermalung setzte sich in etwa so lange fort, wie die Übung gedauert hätte. Gute Zeitabschätzung für jemand, der diesen Programmpunkt noch nie richtig zu sehen bekam.


    Frank musste sich den Clip gleich nochmal von Vorn ansehen.
    Erstaunlich, wie viel Musikstücke Vince verarbeitet hatte. Das musste doch etliche Stunden gedauert haben, um zu solch einem Ergebnis zu gelangen.
    Frank wunderte sich auch, wie viele der oftmals nur sehr kurzen Klangsequenzen er tatsächlich kannte. Allerdings in völlig anderem Zusammenhang, nämlich dem jeweiligen Kinofilm zugeordnet.
    Schnipsel von Filmen über Weltraumreisen zu schwarzen Löchern oder säuresprühenden Geschöpfen aus dem All waren ebenso vertreten wie die von dem leicht zurückgebliebenen Südstaatler, der das Leben mit einer Schachtel Pralinen verglich. Auch die Musik zur Biografie eines mathematischen Genies mit gestörter Realitätswahrnehmung fehlte genauso wenig wie die von übermannsgroßen blauen CGI-Aliens. Gelegentlich fanden sich dazwischen auch Stücke aus Rock, Pop und Ambient-Music, denen er nie zugetraut hätte zu einem solchen Video zu passen.


    Auf jeden Fall hatte er Gesprächsbedarf mit Sannah. Gleich dreifach. Dieses Video war die positive Meldung. Sein vierzehntägiger Ausfall eher nicht. Blieb noch die Aussprache wegen Samstag Abend.




    Kapitel 19


    "Tut mir leid, dass ich dich so einfach habe sitzen lassen", entschuldigte sich Sannah mit betretener Miene noch vor der Wohnungstür. "Ich weiß auch nicht ... irgendwie hab´ ich kalte Füße bekommen."


    "Komm doch erst mal rein", forderte Frank sie auf.


    Sie setzten sich in die Küche und er bot ihr erst mal was zu trinken an. Es war kurz nach Fünf und sie musste sofort nach der Arbeit zu ihm gekommen sein.


    "Dein Verhalten", begann er, "hat mich ...", er suchte noch nach dem richtigen Ausdruck, konnte aber keinen finden, "... etwas ... verwirrt. Erst warst du sehr offen, und dann dieser harte Bruch. Versteh´ mich nicht falsch, ich muss nicht sofort mit jemandem in die Kiste springen, aber da passte was nicht so recht zusammen"


    "Ja, tut mir ja auch echt leid", murmelte die sonst so stattliche Erscheinung kleinlaut in ihr Wasserglas. "Es ist so", versuchte sie zu erklären, "dass ich anderen gegenüber gerne die starke und unnahbare gebe. In Wirklichkeit ist das so eine Art Schutzmechanismus, da ich mit zwischenmenschlichen Dingen...", sie zögerte etwas, "... einfach nicht so gut zurecht komme."
    Sie wirkte als hätte sie sich unheimlich überwinden müssen um sich das von der Seele zu reden.
    "Weißt du", gestand sie weiter, "Da war schon ziemlich früh etwas, das mich unerklärlicherweise zu dir hingezogen hat, aber erst als wir Samstag ein bisschen was getrunken hatten und ich nach dem Abend so richtig entspannt und gut drauf war, ließ ich diese Gefühle zu."


    Frank schluckte, konnte aber nichts darauf erwidern. Diese Beichte kam etwas unerwartet.


    "Als wir uns da näher kamen, hatte ich plötzlich wieder Angst, es könnte doch verkehrt sein. Wie eine Blockade. Und dann ... bin ich halt auf und davon."


    Er stand von seinem Küchenstuhl auf, humpelte zu ihr hinüber, nahm sie an den Händen und zog sie zu sich. Seine folgende Umarmung war so fest, dass sie für eine der zierlicheren Turnerinnen bestimmt zu viel gewesen wäre.


    "Du Dummerchen", flüsterte er ihr ins Ohr, "Mir ging es doch fast genauso."


    Ihre Blicke trafen sich. Das Bild verschwamm in den feuchten Augen, doch gleich darauf mussten sie bereits wieder grinsen. Eine weitere Umarmung und ein inniger Kuss folgte.


    "Ich gehe davon aus", fragte er mit gespielter Schüchternheit, "wir sind jetzt zusammen?"


    Sannah fiel ihm nochmals um den Hals. "Natürlich, du perverser Lycrafetischist!"
    Sie ließ ihre Hände sehr intensiv über seine Kleidung gleiten.


    "Was sagt der Doc?", fragte sie nachdem sie sich nach einiger Zeit wieder von ihm gelöst hatte.


    Diese Frage veranlasste ihn wieder zu einem ernsthafteren Gesichtsausdruck. "Donnerstag kann ich wieder zur Arbeit, aber mindestens vierzehn Tage keinen Sport. Keine vermeidbare Belastung."


    Seine Freundin schluckte. "Dann hättest du wohl besser das Möbelschleppen sein lassen, oder?"


    Es war kein Vorwurf, sondern nur eine nüchterne Feststellung, mit der sie sicher nicht verkehrt lag.


    "Ja", antwortete er, "Hätte, wäre, sollte - Wir müssen´s jetzt so hinnehmen wie es ist."


    "Aber wenn du dann ja wieder ganz Fit bist, könnte die verbleibende Woche gerade noch so reichen um wieder den Anschluss zu bekommen, oder?"


    "Du vergisst, dass wir Leistungssport betreiben. Ich glaube zwar schon, dass ich bis zum Fest wieder so weit bin wie beim Test, aber für weitere Ausarbeitung meiner Übungen bleibt bestimmt keine Zeit mehr."


    "Dann muss es eben so gehen", meinte seine Freundin trotzig. "Oder denkst du wir sollten das ganze Programm umschmeißen? Dafür haben wir erst Recht keine Zeit mehr."


    "Ich warte am Besten mal ab was der Arzt nächste Woche meint. Erst dann können wir sinnvoll weiterplanen."


    Angesichts dieser Probleme waren die Zukunftsaussichten nicht gerade die Besten. Das schlug sich auch auf die Stimmung nieder.


    "Willst du mal was echt cooles sehen?", wechselte er das Thema um beide wieder etwas aufzuheitern.


    Er ließ Sannah im Wohnzimmersessel vor dem Fernseher Platz nehmen und startete die Videodatei von Vince am Rechner. Die Lautstärke hatte er bewusst so eingestellt, dass die Kraft der Musik fühlbar wurde.
    Zuerst strahlte Sannah Verwunderung aus, doch mit jeder weiteren Sekunde glitt ihr Unterkiefer weiter nach unten.
    Die meist rhythmischen Klangbeispiele drückten aus den Boxen und gaben den turnerischen Darbietungen Wucht und Schmiss. Sie musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut aufzuschreien. Selbst Sekunden nach Ende des Clips sah sie noch immer in starrer Verzückung auf den leeren Bildschirm.


    "Hast ... hast du das ... gemacht?", fragte sie zögerlich, immer noch unter dem Eindruck des soeben gesehenen.


    "Nein", antwortete Frank. "Ich hatte dir doch erzählt, dass ich einen Freund um Rat fragen wollte. Wegen der Musikauswahl und so."


    "Und der hat das zusammengebastelt?", erkundigte sie sich ungläubig. "Das hat ja fast Sendequalität."


    "Jetzt stell dir dazu noch eine abgedunkelte Turnhalle vor und Scheinwerfer mit Lichteffekten."


    "Damit hauen wir das Publikum weg", rief die Gruppenleiterin mit einer Euphorie, wie er sie von ihr zum letzten Mal bei ihrer Motivationsrede erlebt hatte. "Wir müssen uns unbedingt mit diesem Typen zusammen setzen." Sannah war ganz aufgeregt und wieder voll in ihrem Element, den Fokus ausschließlich auf die Show gerichtet.


    "Ich hab´ ihn bisher noch nicht erreicht", antwortete Frank angesteckt durch ihre Aktivität. "Wir können´s ja gleich mal probieren.


    Er wählte die Nummer und schaltete das Telefon auf Mithören. Am anderen Ende meldete sich eine leicht verschlafene Stimme: "Na, Alter. Hast du meine Mail bekommen?". Anscheinend hatte er ihn an der Nummer identifiziert.


    "Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?", fragte Frank im gespielten Vorwurf. "Ich wollte nur deinen Rat und nicht einen komplett geschnittenen und vertonten Videoclip. Da hast du doch Unmengen an Zeit reingesteckt."


    "Bis ich dir alles erklärt hätte wäre ja eine Woche drauf gegangen. Ich hatte ´ne Stunde Zeit und mir war langweilig, da hab´ ich schnell alles grob zusammengeschnitten", erklärte der Veranstaltungstechniker locker aus der Hüfte, "Ist natürlich nur ein Vorschlag. Ich weiß ja nicht ob ihr noch viel ändern werdet, oder ob das schon ziemlich nah am finalen Ablauf war."


    Sannah bedeutete Frank, dass sie mit Vince sprechen wollte. "Hallo, mein Name ist Sannah. Ich bin inoffiziell die Trainerin von Frank´s Truppe. Sozusagen seine Chefin. Deine Zusammenstellung hat uns ziemlich beeindruckt. Wenn das nur "grob zusammengeschnitten" war, möchte ich nicht wissen was mit mehr Aufwand noch möglich wäre."


    "Hallo", begrüßte Vincent die "Chefin", "Solche Kleinigkeiten mache ich für Frank gerne nebenher. Ist auch eine gute Fingerübung für mich. Hatte in letzter Zeit nicht viel mit Synchronschnitt zu tun. Wenn ihr aber an mehr interessiert seid, kann das schnell ins Geld gehen."


    "Was du gemacht hast passt schon sehr gut", erklärte Sannah. "Frank hat mir gesagt, dass du uns vielleicht bei der Veranstaltung technisch etwas unter die Arme greifen würdest. Können wir uns demnächst mal treffen um zu besprechen was uns so vorschwebt und was für bezahlbares Geld umsetzbar ist?"


    "Könnt ihr morgen?"


    Die beiden schauten sich an und nickten.


    "Ja", sagte Frank. "Das heißt, abends könnten wir."


    "Ich bin morgen in der Markthalle. Vorbesprechung für ein Konzert", sagte Vince. "Könnt ihr um halb sechs dort sein?"


    "Das passt gut", bestätigte Frank.
    "Und Danke für den Clip", setzte Sannah nach bevor Frank auflegte.

  • Kapitel 20


    "Setzt euch schon mal, ich bin gleich bei euch."


    Frank überlegte, ob Vince seine T-Shirts absichtlich so knapp kaufte, oder ob es diese typischen Rock´n´Roll Motive in seiner Größe nicht gab.
    Während die beiden sich einen Platz bei den Sitzgelegenheiten suchten, ging der Techniker noch mal in Richtung Bühne, wo er sich mit zwei anderen Männern unterhielt. Wahrscheinlich diejenigen, die für das nächste Konzert verantwortlich zeichneten.


    "Eine imposante Erscheinung", meinte Sannah und deutete dabei auf die Respektsperson mit der sie verabredet waren. "Am Telefon klang er irgendwie ... kleiner."


    Frank musste Lachen. Er wusste wie sein Freund wirkte. Aber er wusste auch über seine Fähigkeiten.


    "Lass dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen. In dem was er macht ist er sehr genau und präzise wie ein Chirurg."


    "Sorry dass es noch etwas gedauert hat", entschuldigte sich Vince als er mit seiner geschäftlichen Besprechung fertig war und wieder zu ihnen stieß. Er gab Sannah die Hand als er kurz darauf seinen massigen Körper hinter den Tisch zwängte.
    "Ihr wollt also eure Turnveranstaltung etwas aufpeppen", kam er ohne Umschweife zu Thema. Dazu kann ich euch nur beglückwünschen. Schließlich sind Licht und Ton das A und O in bei Veranstaltungen."


    "Wir müssen es uns aber auch leisten können", relativierte Sannah.


    "Also grundsätzlich habt ihr ja gesehen was ein bisschen passende Musik bereits ausmachen kann. Damit sich das aber nicht in der Größe der Turnhalle verliert und alle Anwesenden richtig umhaut, solltet ihr nicht kleckern, sondern klotzen."


    Ganz der Fachmann, dachte Frank und war sich sicher, dass dieser mit seiner Einschätzung Recht hatte.


    "Ich fürchte nur", warf Sannah ein, "dass eine Profi-Show unser Budget übersteigt. Mittlerweile müssen wir alle Kosten selbst tragen. Vielleicht gibt es ja eine Teillösung?"


    Vincent zog die Augenbrauen hoch und atmete hörbar ein. "Versteht mich nicht falsch, aber wenn ihr finanziell eher klamm seid, empfehle ich euch buntes Krepp-Papier über der Hallenbeleuchtung und einen Ghettoblaster."


    Das klang nicht gerade ermutigend.


    "Nein, im Ernst", erklärte er weiter, "Wenn ihr nur halbherzig an die Sache rangeht, tut ihr eurer Show keinen Gefallen. Alles was nicht die volle Breitseite auffährt, wirkt am Ende billig und am falschen Ende gespart. Damit erreicht ihr genau das Gegenteil von dem was ihr eigentlich wollt.
    In dem Fall wäre wirklich der Ghettoblaster die sinnvollere Alternative."


    "Ich glaube", meldete Frank sich zu Wort, "Wir brauchen mal eine Vorstellung davon, was "klotzen" uns kosten würde.


    Vince zückte sein Tablet und rief eine Eingabemaske auf. "Anhand eurer Videos habe ich mir mal Gedanken gemacht was man mindestens bräuchte um aus vergleichbaren Turnaufführungen herauszustechen."


    Er murmelte unverständliches Kauderwelsch vor sich hin und tippte dabei verschiedene Dinge ein. " Grummel, grummel Rückpro-Screen, brummel Traverse, ... zwei Wackeleimer mit DMX, grummel, ...Programmierung, ... brummel Doppelachtzehn plus Line Array, ... Vier in Zwei mit Havarie ..."
    Und so weiter. Selbst die gelegentlich verständlichen Sprachfetzen waren für Normalsterbliche bedeutungslose Fremdworte.


    Vince klickte noch einige weitere Schaltflächen an und drehte dann das Display mit dem Kalkulationsblatt zu den beiden Turnern. In der Endsumme bewahrheiteten sich ihre schlimmsten Befürchtungen.


    Sannah fand als erste ihre Sprache wieder. "Wie ich es mir dachte. "Klotzen" können wir uns unmöglich leisten."


    "Gibt es irgendeine Möglichkeit ...", wandte sich Frank an Vince, "... dass die Summe mehr in Richtung "kleckern" geht? Kann man da noch einiges abspecken?"


    "Damit die Aufführung ein Erfolg wird?", der Techniker schüttelte den Kopf, "Nein."


    Seine nüchterne Endgültigkeit hatte fast etwas fatales.


    Vincent besah sich nochmal sein Kalkulationssheet. "Die technische Betreuung würde ich euch natürlich für "umme" machen. Dann könntet ihr den vorletzten Posten in der Liste streichen. Wenn ihr außerdem alle bei Auf- und Abbau helft, entfallen auch diese Kosten. Das Equipment allerdings muss bezahlt werden"


    Die neue Summe sah zwar schon freundlicher aus, war aber immer noch weit von ihren Möglichkeiten entfernt.


    Sannah hatte einen Geistesblitz. "Hat deine Firma schon mal darüber nachgedacht einen Sportverein zu sponsern?"


    Vince lächelte nachsichtig. "Mädel", sagte er amüsiert, "Ich fürchte du hast da falsche Vorstellungen. In unserem Business wird mit sehr spitzem Bleistift kalkuliert. Zwar kenne ich nicht alle Details meines Chefs, doch einer Sache bin ich mir sicher. Die Werbung brächte uns nicht ansatzweise so viel ein, dass sie die Ausgaben rechtfertigen würde. Keine Chance."


    Das war niederschmetternd. Insgeheim hatten sich nämlich schon beide mit der Idee professioneller Showtechnik angefreundet.


    "Ich mach´ euch einen Vorschlag. Ich spreche meinen Chef mal auf die Sache an, vielleicht hat der ja noch ´ne Idee. Auf jeden Fall kümmere ich mich um die Musik und wenn alle Stricke reißen habe ich auch noch ein paar alte Scheinwerfer und eine kleine Anlage mit etwas Bumms dahinter."


    Frank wusste, dass er auf seinen Freund zählen konnte, doch das alleine würde kaum genügen.





    Kapitel 21

    "Du willst doch wohl nicht etwa mit trainieren?", fragte Annalena ungläubig als sie ihn in gewohnter Turnkleidung auftauchen sah.


    Er trug seinen hellblauen Lycrabody und darüber die Glanzleggings, die seine Beinmuskeln so vorteilhaft betonten.


    "Nein", beteuerte er, "Ich darf noch nicht. Aber du weißt doch....", dabei schob er eine seiner Füße demonstrativ nach Vorn um seine Gymnastikschläppchen aus schwarzem Kunstleder zu zeigen, " ... die Turnhalle darf nicht mit
    Straßenschuhen betreten werden."


    Lena musste darüber kräftig lachen. Sie war jedoch auch eine derjenigen, die um seine spezielle Neigung wussten. Deshalb war ihr klar, dass er jede Gelegenheit nutzen würde sein geliebtes Lycra zu tragen.


    Die anderen Turnmädels waren bereits vollzählig angetreten und wärmten sich individuell auf. Selbst Aurelie hatte in ihrem Terminkalender zwischen den Theaterproben eine Lücke gefunden um mitzumachen. Als letzte kam Sannah durch die Tür in ihrem orangeroten Ringerdress. Sie gab ihm einen flüchtigen Schmatzer auf die Wange, gerade in dem Moment als auch noch Kim zu ihnen stieß.


    "Hab´ ich´s dir nicht gesagt?", fragte sie Lena herausfordernd. "Und du meintest noch ich hätte mir das eingebildet, weil ich zu sehr dem Grappa zugesprochen hatte."


    "Warum habt ihr niemand was davon gesagt?"


    Diese Sorte Fragen finden alle frisch verliebten irgendwie doof. Es geht nicht immer so - Bumm und jetzt sind wir ein Paar. Frank überspielte die Situation mit übersteigertem Humor. Fast vorwurfsvoll dozierte er, wie auf Art eines Psychologen: "Wir mussten erst zueinander finden. Das ist schließlich ein langwieriger Prozess. Dieses zarte Pflänzchen Liebe braucht Zeit zum gedeihen."


    Die beiden anderen gingen lachend davon als sie merkten, dass sie keine vernünftige Antwort bekämen.
    Auch der Rest der Truppe bereitete sich aufs Training vor.


    Vince hatte ihnen leihweise sein "kleines Besteck", wie er es nannte überlassen. Frank zog die Kofferbox hinter sich her und stellte sie auf ein kleines Podest, das er aus Teilen von Segmentkästen zusammengebaut hatte. Auf diese Weise reichte der Schall noch etwas weiter. Das Gerät war - natürlich - von Vincent selbst zusammengezimmert und deutlich größer als jedes CD-Radio. Eigentlich war es aufgebaut wie ein Trolley, mit Rollen an den hinteren Kanten und einem ausziehbaren Handgriff. In der Box waren ziemlich kräftig aussehende Lautsprecher verbaut, nebst einem nicht sichtbaren Verstärker und einem rudimentären Mischpult im Deckel. Nur noch das Stromkabel einstecken und den MP3-Player andocken, Fertig.


    Die Zwischenzeit, die die Gruppe brauchte um noch mal verschiedene Abschnitte zu turnen bevor sie wieder einen kompletten Durchlauf machten, nutzte er um das Trampolin näher zu untersuchen. Das Gestänge lag immer noch so im Magazin wie sie es letztens hereinbrachten. Frank musste sich auf den Boden legen und unter die Bespannung kriechen um an die Stützen heran zu kommen. Das Licht war nicht gerade das Beste, aber er wollte erst einmal nachschauen ob er überhaupt Indizien für eine Manipulation fand.


    Dort wo die Strebe weg geknickt war, gab es rostige Stellen und auch ein kleines Loch. Eine ehemals serienmäßige Bohrung hatte durch Korrosion das Stahlrohr weiter geschwächt bis es unter der Last nachgab Soweit nichts, das nicht mit Altersschwäche zu erklären war. Doch daran mochte er nicht so recht glauben, dazu kannte er Marc´s Heimtücke zu gut. Einige Zentimeter links und rechts des Bruchs sah die Beschichtung der Strebe anders aus als der Rest. Für genaueres war es aber zu Dunkel, weshalb er wieder herauskroch und sich auf den Rückweg zur Umkleide begab.


    "Schon eine heiße Spur, Sherlock?", neckte ihn Meike als er bei den Mädels vorbei kam.


    "My dear Watson", antwortete er schlagfertig mit gespieltem englischen Akzent, "Der Fall ist Sonnenklar. Der Klügere hat nachgegeben." In diesem Fall war das die Rohrstütze.


    Die Gymnastinnen bauten gerade einen Ersatz für die letzte Station auf. Nur um ungefähr ähnliche Übungen proben zu können und den Zeitablauf einigermaßen einzuhalten. Leider mussten sie dafür mit dem kleinen Trampolin vorlieb nehmen, das eigentlich als Sprunghilfe, ähnlich den federnden Brettern gedacht war.


    In der Umkleide angekommen holte er seinen Schlüsselbund aus dem abschließbaren Fach für Wertsachen. Daran hing schon seit Jahren ein Werbegeschenk in Form einer nie benutzten Mini-Taschenlampe. Frank war nicht religiös, aber als er sie einschaltete um ihre Funktion zu überprüfen, schickte er ein kurzes Stoßgebet gen Himmel. Wider erwarten leuchtete das kleine Ding tatsächlich. Und nicht einmal so schwach.


    Auf dem Rückweg bemerkte er etwas metallisches auf dem Boden neben dem Mülleimer. Normalerweise wäre ihm sowas nicht weiter aufgefallen, aber seitdem Meike ihn eben Sherlock genannt hatte, waren seine Sinne anscheinend geschärft für alles was vom Üblichen abweichte. Der Mülleimer war übervoll und bestimmt länger als eine Woche nicht geleert worden.
    Doch zurück zu dem Metallteil. Es steckte mit einem Ende unter dem Abfallbehälter. Etwa einen Zentimeter breit, zehn Zentimeter lang und höchstens einen Millimeter dick. Frank klaubte es hervor und hob es auf. Der Blechstreifen war stark zerkratzt und wies einige Farbreste auf. An dem Ende das von den Kratzern blank poliert war, konnte man einen Bruch erkennen. Am anderen Ende war das Teil abgerundet und hatte ein kleines Loch in der Mitte. Dort war auch die Farbe unversehrt und eine der Längskanten war fein gezackt.
    Ein abgebrochenes Metallsägeblatt, wie man es in Handbügelsägen einspannt. Er konnte nicht beschreiben warum, doch er vermutete dass dieses Fundstück noch wichtig werden könnte. In Ermangelung einer professionellen Plastiktüte - CSI-Hinterbrentschelbach ließ grüßen - schloss er das Bruchstück ins Wertfach ein.


    Zurück in der Halle waren seine Kolleginnen mitten in den Übungen. Sein Part bei der Hebefigur mit den Zwillingen wurde von Sannah übernommen. Natürlich ohne zusätzliche Drehung, denn für solch anspruchsvolle Ausführungen war seine Mitwirkung unerlässlich.
    (Nur gut, dass er das nicht laut ausgesprochen hatte. Der Haussegen hätte sich bestimmt zur Seite geneigt.)


    Er wandte sich wieder seiner deduktiven Tätigkeit in der Gerätekammer zu. Im Licht des Taschenlämpchens waren jetzt mehr Details zu sehen. Er bog das Stahlrohr mit einiger Anstrengung wieder ein wenig in seine Ursprüngliche Lage zurück und konnte sehen, wie von der verrosteten Bohrung ein feiner Riss ausging. Auch das sprach für einen regulären Unfall. Doch da waren ja auch noch die leicht abgescheuerten Stellen seitlich der Bruchzone, die er immer noch nicht einordnen konnte. Noch einmal ließ er den Lichtkegel über die Roststelle wandern um sie intensiv zu betrachten. Er wollte seine Ermittlungen schon abschließen, als ihm etwas auffiel, das erst sichtbar war seit er das Rohr zurück gebogen hatte. Die Kante des ursprünglichen Risses war rostbraun und unregelmäßig. Das Ende der Beschädigung war ebenfalls unregelmäßig, aber noch blank und rostfrei. Hier hatte die Stabilität versagt. Das eigentlich bemerkenswerte jedoch, war eine Stelle von etwa anderthalb Zentimetern Länge zwischen den beiden Bruchlinien. Zu gerade und gleichmäßig um natürlichen Ursprungs zu sein. Zudem metallisch blank, also erst kürzlich entstanden.


    Sherlock kombinierte. Jemand hatte einen bestehenden Riss so weit vergrößert, dass die Stütze unter Belastung brechen musste. Mit einer Eisensäge? Nein. Mit einem losen Metallsägeblatt, das an seiner meist genutzten Stelle stumpf wurde und abbrach!


    Frank würde die Beweise fotografisch festhalten. Irgendwer hatte ja immer ein Fotohandy mit. Das könnte zwar die Manipulation dokumentieren, aber noch keinem Täter zuordnen. So langsam fühlte er sich wirklich wie in einer Krimiserie. Dachte an Spurensicherung, DNA-Analyse und Bevölkerungsweite Speichelproben. Solcher Aufwand wegen eines verdrehten Kniegelenks?. Er gluckste, so sehr amüsierte ihn der Gedanke.


    Trotzdem waren die ringförmigen Abnutzungsspuren damit noch nicht erklärt. Er kroch wieder unter den Resten des Trampolins hervor und bemerkte dabei an der Rückwand des Gerätelagers einige, wie zufällig herumliegende Teile. Das wollte er näher untersuchen. Da lag unter anderem ein halbiertes Stück eines Eisenrohrs. Etwa dreißig Zentimeter lang und zugeschnitten wie eine Halbschale. Der innere Durchmesser der Schale schien in etwa der äußeren Abmessung des Trampolingestänges zu entsprechen. Auf dem selben Haufen lagen auch noch zwei schraubbare Rohrschellen aus Metall, nebst den dazu gehörigen Schrauben. So langsam fügten sich die Anhaltspunkte zusammen.


    Regelrecht aufgeregt lief er hinaus so schnell ihn seine Schläppchen trugen. Die Turnriege war gerade in einer Besprechungspause und die Mädels blickten ihn verdutzt an ob seines schnellen Laufs, der so gar nicht zu einem "Teilinvaliden" passte.


    "Leih mir mal dein Smartphone", sprach er die blonde Kim unumwunden an. "Na, mach schon, ich erklär´s dir später", drängte er als sie nicht sofort reagierte.


    "Was ist denn in den gefahren?", hörte er noch Aitana´s spanisch gefärbte Stimme hinter sich, als er längst wieder auf dem Weg zum Trampolin war. Sollten sie ihn ruhig für überdreht oder mit einem übersteigerten Detektivkomplex halten, aber das waren die einzigen Beweise für die Manipulation. Diese galt es zu sichern.
    Er machte Fotos der Bruchstelle aus verschiedenen Perspektiven und schickte sie umgehend an seine Mailadresse. Gleiches tat er mit den offensichtlich abmontierten Teilen auf dem Boden. Dort fand er auch das Gegenstück zu dem Sägeblatt aus der Umkleide. Es wies die gleichen Farbspuren auf wie das Gestänge des Turngeräts.


    Zufrieden und deutlich langsamer als zuvor, schloss er sich wieder den anderen an.


    "Fall gelöst, mein lieber Watson", berichtete er Meike triumphierend.


    "Was hast du herausgefunden?", wollte nicht nur sie alleine wissen. Auch die anderen scharten sich um ihn.


    "Den Beweis für Sabotage."


    Ein Raunen ging durch die Reihen.


    "Wir haben zwar alle einen deutlichen Verdacht wer uns nicht wohl gesonnen ist - einen Beweis dafür gibt es allerdings nicht. Auf jeden Fall müssen wir vorsichtig sein, denn er wird es wieder probieren."


    "Und was genau hast du entdeckt?", fragte Alke gespannt.


    "Die eingeknickte Strebe wurde angesägt, aber so dass es wie ein Ermüdungsbruch wirken sollte."


    "Dazu gehört schon eine Menge kriminelle Energie", bestätigte Sannah. "Wie wollte er es vertuschen?"


    "Wir alle wissen, wie oft das Trampolin an Roststellen durch Verstärkungen repariert wurde. Deshalb lässt es sich auch nicht mehr platzsparend zusammenklappen."


    Die umstehenden nickten.


    "Genau so eine Stelle hat er sich für seinen perfiden Plan ausgesucht. Er entfernte eine stützende Versteifung, die ohne weiteres die darunter liegende Schadstelle dauerhaft überbrücken konnte. Einen kleinen, noch unbedeutenden Riss vergrößerte er so weit mit der Säge, dass das Gestänge an dieser Stelle brechen musste."


    "Da können wir ja von Glück sagen, dass niemand dauerhaft zu Schaden gekommen ist", bekräftigte ihn seine neue Freundin und Kim ließ sich zu einem abfälligen Kommentar hinreißen, der jedem auf den Lippen lag: "Marc, dieses Mistschwein! Na warte wenn ich den in die Finger kriege."


    "Bitte keine Beschuldigungen", beschwichtigte er sie, "Wie gesagt, haben wir keinerlei Beweise die zweifelsfrei auf ihn deuten."


    Der Tenor des folgenden allgemeinen Gemurmels war, wer es denn sonst gewesen sein sollte.


    "Beruhigt euch Leute", rief Sannah, wieder ganz die Chefin, ihre Truppe zur Ordnung. "Es gibt auch erfreuliches zu berichten. Wir haben mittlerweile eine bereits ganz gut passende Musikauswahl und wollen versuchen den Ablauf dahingehend einzuüben."


    Sie klatschte in die Hände. "Bitte alles bereitmachen!" und gab Frank ein Zeichen den Ton zu starten.


    Nicht nur die Turnmädels erschraken beim ersten Ton. Auch Frank war überrascht wie viel mehr Klangvolumen und Lautstärke gegenüber einem "Henkelmann" vorhanden war.
    Schnell zeigte sich, dass der Soundtrack nicht nur minutiös auf den Übungsablauf synchronisiert war, sondern die Akteurinnen aktiv in der Ausübung unterstützte. Es waren durchweg lächelnde Gesichter zu sehen und in den Atempausen Rufe wie "Geil" zu vernehmen.


    Sicher war immer noch etwas Feintuning vonnöten, doch man konnte sich die Show bereits sehr plastisch in ihrer endgültigen Wirkung vorstellen. Während der einzelnen Übungen hörte man hauptsächlich schnelle, perkussive Sequenzen, beispielsweise aus der Filmografie über die Formel-1-Saison 1976, oder düsteres Stampfen, das menschliche Schauspieler als Programme innerhalb eines Supercomputers in Szene setzte. Auch Auszüge aus der Verfilmung Gestalt wandelnder Spielzeugroboter fehlten genauso wenig wie das Hauptthema des trunksüchtigen Piraten mit dem in Deutschland etwas despektierlichen Nachnamen. Überleitungen und Spannungsbögen untermalten neuzeitliche Zombies, die England 28 Tage lang heimsuchten und der Robinson- gleiche NASA-Astronaut, der auf unserem Nachbarplaneten beim Versuch Wasser zu erzeugen fast sein Habitat abfackelte.


    All dies und mehr brachte unheimlich Schwung in die Performance und den Turnerinnen war der Spaß deutlich anzusehen. Bei der Ersatzbestückung der Schlussnummer mussten sie auf eine im Takt springende Zentralfigur verzichten und zeigten nur die Sprünge. Dies war wegen des kleinen Sprungtuchs deutlich schwieriger und erforderte etwas mehr Zeit, wodurch das Musiktiming etwas außer Reihe kam.
    Nicht nur, dass er sobald ihm der Arzt das OK gab wieder auf sein Leistungsniveau zurück kommen musste. Gerade bei dieser Übung war ein weiterer Ausbau seines Parts wichtig. Nur auf der Stelle springen, würde keinen Zuschauer beeindrucken..


    Die Abschlussverbeugung untermalte ein präludierendes Musikthema das er nicht kannte. In der Länge genau abgestimmt auf die Bewegungen der Gymnastinnen. Dem donnernden Schlusspunkt würde wohl ein löschen sämtlicher Lichter folgen.
    Frank wusste, es würde großartig werden.


    Die Mädels waren ganz aus dem Häuschen. "Wie geil war das denn?", oder "Das geht ja mal richtig ab", waren die vorherrschenden Kommentare.


    "Da treibt einen die Musique direkt zu ´öchstleistingen", kommentierte selbst die französische Tänzerin noch etwas außer Atem.


    "Hast du das alles gemacht?", wollte die langgestreckte Mia wissen.


    "Nein", antwortete er schnell. Mit fremden Federn wollte er sich nicht schmücken. "Ein Freund von mir hat die beiden Videos zusammen geschnitten und auf dieser Basis die Musik erstellt. Mit ihm sind wir auch im Gespräch bezüglich Lichteffekten und Showtechnik."


    Mia´s seltene Sprachlosigkeit war ein klares Indiz dafür, dass alle restlos beeindruckt waren.


    "Der Typ hat´s wohl voll drauf", bemerkte ausgerechnet Nasrin. "Kannst du mir das neue Video zuschicken?"




    Kapitel 22


    Eine Woche später


    Frank konnte es kaum erwarten das Training wieder aufzunehmen. Die Zeit bis zum Vereinsfest verstrich und er musste tatenlos zusehen. Nun gut, nicht ganz tatenlos. Immerhin konnte er mit tatkräftiger Unterstützung von Alessandro das beschädigte Trampolin reparieren. Die verbogene Stütze ließ sich fast komplett gerade richten. Das Material war jedoch jetzt stärker geschwächt, deshalb setzten sie zusätzlich zur stützenden Halbschale noch ein Winkelprofil aus Stahl ein um ein neuerliches abknicken zu verhindern. Dazu brauchte es auch noch zusätzliche Rohrschellen, die das Ganze zusammenhielten.


    Zur Überprüfung der Reparatur tobte Sandro bestimmt eine halbe Stunde ausgelassen auf dem altersschwachen Gerät herum. Frank selbst durfte noch nicht, auch wenn er nur noch selten Schmerzen an seinem Knie spüren konnte.


    "Der Fortschritt der Heilung entspricht dem was ich mir vorgestellt hatte“, sagte sein Orthopäde bei der Nachuntersuchung. "Schonen Sie sich noch eine Woche, dann kommt alles wieder in Ordnung.“


    Er schärfte ihm nochmal eindringlich ein, nicht aus Ungeduld den Fehler zu begehen das Gelenk zu früh zu belasten. Auch danach sollte er sein Trainingspensum langsam steigern. Dies mochte er seinem Arzt jedoch nicht versprechen. Zumindest diese Woche war er aber noch zum Nichtstun verdammt.


    "Hey Alter“, rief sein italienischer Freund bester Laune als er immer höhere Sprünge auf dem Trampolin absolvierte. "So langsam kann ich verstehen warum du dich fürs Turnen entschieden hast. Das macht ja richtig Laune“, und ließ sich mit seinem Rücken ins federnde Gewebe fallen.


    "Kannst ja mal mitmachen“, spornte Frank ihn an, während er zufrieden sein Werkzeug zusammenräumte. "Wir können noch Mitglieder gebrauchen und deine Freundin hätte bestimmt nichts dagegen.“


    "Mal sehen“, antwortete Sandro als das Sprungtuch ausgeschwungen war und er wieder zu Boden kletterte. "Ein bisschen mehr Bewegung täte mir sicher gut, jetzt wo es mit der Mannschaft nicht so läuft. Aber eigentlich ist Fußball mein Sport und ich hoffe, dass sich das alles bald wieder einrenkt.“


    Verständlich. Momentan lag es aber in fast allen Abteilungen des Sportvereins im Argen und jeder hoffte, dass das Vereinsfest neue Impulse liefen würde.


    Das Freitagstraining lief sehr Rund ab. Sannah übernahm seine Parts, hatte dadurch aber auch eine deutliche Mehrbelastung, weil sie ja auch noch ihre eigenen Elemente turnen musste wo immer es ging um den Zeitablauf konstant zu halten. Aber sie steckte das wie ein Profi weg. Ihr unbezwingbarer Erfolgswille was die Show betraf und ihre Zähigkeit nötigten ihrem Freund einigen Respekt ab.


    Der jetzt zum ersten Mal wieder ungestörte Durchlauf förderte einige notwendige Anpassungen der Musik zu Tage. Frank notierte sich penibel anhand des Timecodes wo und um wie viele Sekunden verlängert oder, wie in einem Fall, verkürzt werden musste. Das sollte es Vince einfacher bei der Überarbeitung machen.


    Am folgenden Abend erschien Sannah erst recht spät bei Frank. Sie hatte noch eine Vorbesprechung mit den anderen Vereinsabteilungen bezüglich der Organisation und des Ablauf des Fests.


    "Na, was ist dabei herausgekommen?“ Mit dieser Frage begrüßte er seine Freundin nachdem sie beide ihre für Verliebte typische Umklammerung gelöst hatten.


    "Ach, ich bin fix und fertig“, antwortete sie etwas träge. "Ich will nur noch die Beine hochlegen und mich von meinem Gymnastikboy verwöhnen lassen.“


    Sie war dazu übergegangen wenn sie unter sich waren Frank´s Neigung in ihr Zusammenleben einzuspannen und musste gestehen, dass auch ihr das Tragen von Lycra außerhalb der Turnhalle zunehmend gefiel. Seine Kleidung innerhalb der Wohnung war entsprechend. Waren es vor einiger Zeit noch gelegentlich Radler oder Laufhosen, so sah man ihn jetzt fast immer in Gymnastikbodies und Schläppchen. Heute empfing er sie in seinem glänzend roten Turnanzug, jedoch ohne die dazu kombinierbaren Radler. Mehr brauchte er nicht bei den sommerlichen Temperaturen. Und seine einfachen Turnschläppchen stellten immer noch die praktischsten Hausschuhe dar.


    Sannah ließ sich erschöpft auf die erst kürzlich erstandene Couch fallen und sah ihrem Sexy Blickfang nach wie er in die Küche verschwand um ihr etwas zu trinken zu bringen.


    "Hier“, reichte er ihr das Glas aus dem sie einen großen Schluck nahm. „Und jetzt erzähl´ mal. Wie lief´s denn?“


    "Bei den draußen stattfindenden Sachen, wie Leichtathletik und Hockey waren sich alle recht schnell einig wer wann seine Vorführung präsentiert.“ Dabei schmiegte sie sich an ihren Freund und begann gedankenversunken seinen Lycrabauch zu kraulen. "Auch die "Randgruppen“ wie Boule und Bogenschießen waren leicht unter zu bringen.“


    "Wie steht´s um die Fußballer?“


    "Nur die Jugendmannschaft wird was zeigen. Die Anderen konnten sich mit ihren noch verbliebenen Mitgliedern nicht einigen und sind erst mal raus aus dem Programm.“


    "Bestimmt besser so“, meinte er während er an die Verwicklungen zurückdachte, die ihn und andere letztendlich dazu bewegten die Mannschaft zu verlassen. "Und wie sieht´s bei uns aus?“


    "Der zeitliche Ablauf in der Halle ist noch nicht final. Klar ist, dass drinnen erst begonnen wird, wenn die Outdoor-Aktivitäten vorbei sind. Es müssen auch immer genügend Pausen eingeplant werden, damit das leibliche Wohl der Besucher nicht zu kurz kommt.“


    "Und an welcher Stelle kommen wir dran?“, fragte Frank ungeduldig.


    "Ich hatte mich dafür eingesetzt, dass wir als letzter Programmpunkt auftreten. Damit es nicht mehr so hell ist und unsere Show nicht durch die Abendsonne gestört wird.“


    "Aber?“, erfragte er unvermeidlich.


    "Den Taekwondo-Kämpfern ist es egal wann sie dran sind und das Kinderturnen muss sowieso als Erstes stattfinden, damit der Tag nicht so lang für die Kleinen wird. Einzig die Tischtennis-Abteilung macht Probleme. Sie möchten am Schluss dran, weil einige ihrer Spieler an einem Turnier teilnehmen und nicht wissen wann sie zurückkommen.“


    "Aber die präsentieren doch sowieso nicht die gesamte Mannschaft“, erwiderte Frank.


    "Das habe ich auch ins Feld geführt, genauso wie die Tatsache, dass wir eine größere Show mit Licht und Ton in Aussicht haben. Das alles eignet sich viel besser als Abschluss.“


    "Genau“, pflichtete er ihr bei und nahm ebenfalls einen Schluck zu trinken.


    "War natürlich blöd, dass ich kein konkretes Konzept vorlegen konnte, nur eine vage Vorstellung. Hast du eigentlich schon was neues von Vincent gehört?“


    Mit dem Umfang von Vince´s Möglichkeiten stand oder fiel die Sache.


    "Nein“, antwortete er, "Noch nichts. Wollen wir später ausgehen? Was Essen oder so?“, wechselte er das Thema.


    Sannah verzog das Gesicht. "Ich hab´ echt keinen Bock mehr mich heute noch groß zu bewegen“, nörgelte sie.


    Als hätte er nur darauf gewartet, hellte sich seine Miene auf und er sagte: "Dann muss ich dich wohl heute etwas verwöhnen. Ich koche uns was.“


    "Du?“, kam eine ungläubige Regung von der Couch. "Der Selbe, der es letztens fertig gebracht hatte eine Dose Ravioli anbrennen zu lassen?“


    "Na daran warst du ja wohl nicht in Gänze unschuldig“, verteidigte er sich und das völlig zurecht. Schließlich war sie es, die ihn mit ihrem Vollkontaktsport in Lycrakleidung nicht mehr losließ. "Und außerdem“, flüsterte er ihr ins Ohr, "Habe ich ja auch dazu gelernt.“ Er gab ihr einen sanften Kuss und als er sich zur Küche aufmachte fügte er ironisch hinzu: "Ich kann jetzt auch Spaghetti anbrennen lassen.“


    Da klopfte es an der Tür. Kein Klingeln von unten von der Sprechanlage.


    "Ich geh´ schon“, sagte er während er die Kurve zur Wohnungstür nahm. Vielleicht war es Mia von Oben. Doch zu seiner Überraschung war es Vince der vor der Tür stand.


    "Hallo“, begrüßte ihn dieser. "Die Haustür stand offen und da bin ich gleich hoch. Wollte dir noch was geben“, dabei kramte er einige Listenausdrucke hervor.
    Vincent hielt inne, musterte seinen ehemaligen Fußballkumpel genauestens von Kopf bis Fuß.


    "Ist es gerade schlecht?“, erkundigte er sich vorsichtig.


    Frank viel auf, dass sein Aufzug wohl leicht verwirrend für seinen Freund war. Er selbst hatte gar nicht mehr daran gedacht dass er nur den glänzenden Turnanzug trug.


    "Gewagtes Outfit, Alter.“


    Tja, da musste er jetzt wohl durch.
    Sie gingen ins Wohnzimmer, wo Vincent Sannah begrüßte. Dann machte er eine pantomimische Bewegung, als zückte er ein Mobiltelefon und machte er eine lebensgroße Aufnahme des Turners vor ihm.


    "Muss ich gleich Marc schicken, der freut sich bestimmt darüber.“


    Ebenso pantomimisch deutete Frank daraufhin einen Tritt in Richtung Vincents Hintern an. Sie mussten alle herzhaft darüber lachen.


    "Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, aber mir ist da noch was eingefallen“, erklärte der Techniker jetzt wieder etwas ernster. Er gab Sannah die Listen. "Ihr müsst ja für die GEMA nachweisen, welche Musikstücke ihr verwendet.“


    Die Liste fing bei 1 an und endete zwei Seiten weiter bei 86.


    "So viel hast du zusammengestückelt?“, prustete Sannah erstaunt los. "Müssen wir etwa für das alles Gebühren zahlen?“


    "Nein“, erklärte der kräftig gebaute, "bei Vereinen wird für solche Fälle eine Pauschale erhoben, ganz gleich wie viel ihr verwendet. Ihr müsst nur lückenlos dokumentieren was alles zum Einsatz kommt.“


    Daran hatte bisher noch niemand gedacht. Gut, dass sich wenigstens einer mit den rechtlichen Notwendigkeiten auskannte.


    "Falls ihr aber eure Show mal auf eigene Rechnung aufführen wollt, sollten wir uns nach lizenzfreier Musik umsehen. Das kann nämlich leicht den ganzen Gewinn auffressen."


    "Na so weit sind wir ja noch nicht, aber gut dass wir dich haben“, meinte Sannah erleichtert. „Mit so etwas hatten wir echt nicht gerechnet“


    "Übrigens habe ich meinem Chef euer Finanzproblem vorgetragen. Wie erwartet kommt generelles Sponsoring nicht in Frage, aber er wollte sich überlegen euch für dieses Mal entgegen zu kommen. Genaueres erfahre ich erst morgen. So oder so müssten wir uns aber Montag zusammensetzen und das finale Konzept besprechen.“


    Das hörte sich doch hoffnungsvoll an. Lediglich die Zeit wurde langsam knapp. Auch für Frank´s Wiederaufbau-Training.
    Vince war bereits wieder auf dem Sprung, fischte aber noch etwas aus der Hosentasche und reichte es Frank.
    "Auf dem Stick ist eure Musik. Angepasst nach den Zeitdaten, die du mir gemailt hast.“


    "Wenn du noch schneller wirst, hast du die Sachen demnächst schon fertig noch bevor ich dir einen Auftrag dafür erteilen kann“, witzelte er während er das Technikgenie zur Tür begleitete.


    Noch bevor Frank sich wieder seinem selbst auferlegten Küchendienst widmen konnte, trat seine Freundin an ihn heran. Ob es nur die guten Nachrichten waren oder ob sie sich wieder regeneriert hatte, ihre Augen jedenfalls funkelten lüstern als ihre Hand über seinen Lycra-umspannten Hintern glitt.


    "Und was wird aus unserem Abendessen?“, fragte er gespielt naiv, obwohl er genau wusste worauf sie aus war.


    "Momentan“, raunte sie in sein Ohr und schmiegte sich eng an seinen glänzenden Leib, "habe ich Appetit auf etwas anderes.“


    "Und das wäre?“, neckte er um sie weiter aus der Reserve zu locken.


    "Auf einen Turnknaben in „gewagtem“ Outfit!“




    Kapitel 23


    Den Sonntag verbrachten beide im Freibad. Allerdings nicht nur zum Vergnügen. Ab morgen durfte er offiziell wieder Sport treiben und das Schwimmen brachte auf recht schonende Weise seine Muskulatur und Beweglichkeit auf Vordermann. Er hatte sich das lockerer vorgestellt, doch seine Freundin trieb ihn ganz schön an.
    Er sah sie zum ersten Mal im Badeanzug. Um es kurz zu machen, eine Augenweide. Entgegen ihrer sonstigen Vorliebe für Anzüge in Ringer-Stil, trug sie einen eher konventionell geschnittenen Einteiler. Auf dem Rücken teilweise offen und auch sonst formal nichts Außergewöhnliches. Das Farbmuster jedoch, zog seine Blicke immer wieder magisch an. Die Grundfarbe war ein mittlerer Blauton, der teilweise ins Lila changierte. Das unregelmäßige Muster darauf sah aus, als hätte jemand mit einem feuchten Schwamm versucht noch nicht durchgetrocknete Farbe abzuwischen. Dadurch entstanden ausgeblichene Stellen und Kratzer in der Farbfläche, die den Badeanzug wie ein Camouflage in Blauschattierungen wirken ließ.


    „Wo guckst du denn wieder hin?“, rief sie ihn zur Konzentration und er musste sich wohl oder übel von der betörenden Aussicht abwenden. „Zehn Bahnen Kraul“, wies sie ihn an. „Und los!“


    Beide pflügten durch das Wasser und zu Anfang fiel es ihm schwer mit Sannah mitzuhalten. Sein Beinschlag ließ zu wünschen übrig. Nicht dass es schmerzte, aber er hatte einfach noch ein Defizit in seiner Kondition.
    Verschiedene Schwimmstile wechselten sich ab und er kam in den Zustand, in dem alle Bewegungen automatisch abliefen. Seine Gedanken hatten Zeit abzuschweifen. Ob er auch mal einen Badeanzug tragen sollte? Darüber nachgedacht hatte er schon öfter. War ja im Grunde auch nichts anderes als ein Turnanzug. Zum öffentlichen Schwimmen müsste es aber schon ein unauffälligerer als die Einteiler für Damen sein. Doch die Profi-Schwimmanzüge gefielen ihm einfach nicht.
    Frank trug zum Schwimmen in der Regel seine Auberginefarbenen Jammers, die im Grunde nichts anderes waren als Radlerhosen. Nass wirkte die dunkle Farbe fast schwarz, allerdings mit einem leichten Schimmer der schon manche Damen genauer hinsehen ließ.
    Vielleicht sollte er zu Hause mal Sannah´s Badeanzug anprobieren. Sie hatte bestimmt nichts dagegen. Eine eventuelle Erregung dabei käme ja auch ihr zu Gute.
    Doch sie ließ ihm kaum Zeit derartige Gedanken weiter zu verfolgen. Momentan war sie wieder ganz seine Chefin, nur auf den maximalen Erfolg ausgerichtet. Das machte sie regelrecht zur Schinderin.


    „Können wir nicht mal ´ne Pause machen?“, erkundigte er sich nach der wer weiß wievielten Bahn, als im bereits die Zunge dick wurde.


    „Ach, Entschuldigung“, zog sie ihn auf, „ich wusste ja nicht, dass ich ein Mädchen trainiere.“


    Dafür musste sie büßen. Mit einem gewagten Sprung holte er sie ein und tauchte sie unter Wasser. Plötzlich alberten die beiden im Becken herum wie übermütige Schulkinder. Spritzten sich nass und jagten einander nach. Das tat gut nach dem verbissen ernsten Training. Von da an ließen sie es langsamer angehen und pflegten etwas mehr ihre junge Beziehung.


    Doch so ganz war das Konditionstraining für ihn noch nicht zu Ende. Nach dem Schwimmen lenkte Sannah ihr Rennrad nicht auf direktem Wege nach Hause und Frank blieb nichts anderes übrig als ihr mit seinem Trekking-Bike zu folgen. Der Weg führte über alle umliegenden Ortschaften und endete auf unkonventionellen Pfaden beim Ristorante La Fontana.


    „Jetzt hast du dir deine Mahlzeit redlich verdient“, keuchte seine Freundin die ebenfalls noch außer Puste war. Er wusste jetzt schon, dass er morgen jeden einzelnen Muskel im Leib spüren würde.
    Auf der Freiterrasse entdeckten sie Meike, Aitana und Lena zusammensitzen.


    „Es gibt einfach zu viel Unrecht auf der Welt“, konstatierte er Vorwurfsvoll als sie sich zu den drei Turnmädels an den Tisch setzten. „Ihr sitzt hier gemütlich beim Eis, während ich von einer Sklaventreiberin durch die Gegend gehetzt werde.“


    „Du kamst also in den Genuss von Sannah´s Aufbautraining?“, fragte Lena unschuldig und leckte dabei betont langsam ihren langstieligen Löffel ab. „Wir halten es bei diesem Wetter lieber mit anderen Genüssen.“


    Aitana musste während sie die kalte Milchspezialität schluckte lachen, was zu einem prustenden Hustenanfall führte. „Ach Mensch“, beschwerte sie sich, „Doch nicht wenn ich gerade am Schlucken bin.“ Sie musste sich einige Eiskremspritzer abwischen, während die anderen noch mehr kicherten.


    „Du darfst also wieder trainieren?“, erkundigte sich Meike.


    „Nach dem was eure Chefin heute mit mir veranstaltet hat, muss ich mir ernsthaft überlegen ob ich überhaupt weiter bei der Truppe bleibe.“


    Natürlich wussten alle, dass das nicht ernst gemeint war.
    „Und ihr?“, fragte Frank seinerseits in die Runde. „Wie war euer Tag?“


    „Wir waren ein bisschen im Park“, erklärte Meike. „Etwas Frisbee werfen und hauptsächlich faulenzen.“


    „Siehst du, so sieht effizientes Training aus“, beschwerte er sich bei Sannah.


    Die Runde war guter Dinge und derartige Frotzeleien wechselten sich ab bis Meike´s Freund auftauchte um ihre Bestellungen entgegen zu nehmen.


    „Buona Sera“, begrüßte er die beiden in seiner gewohnten Art, die er an den Tag legte wenn er seinem Beruf nachging. „Jetzt sind ja bald alle Turner versammelt. Wird wohl doch noch zu eurem Stammlokal, wie?“


    „Wir können ja deine Freundin hier schlecht alleine darauf warten lassen, dass ihr Freund endlich Feierabend hat“, gab Annalena schlagfertig zurück.


    Neben den Getränken bestellten die beiden zuletzt gekommenen zwei italienische Salate. Die untergehende Sonne tauchte die Umgebung in romantisches Glühen.


    „Habt ihr mitbekommen?“, erkundigte sich die Trainerin, „Ich konnte die Halle für ein weiteres Sondertraining am Mittwoch reservieren. Ist eigentlich nicht verpflichtend und dient hauptsächlich unserem Hahn im Korb wieder Fit zu werden. Wer aber denkt, dass Übung nicht schaden könnte ist herzlich dazu eingeladen.“


    „Aber bei Freitag als Generalprobe bleibt es doch?“, wollte Aitana wissen.


    „Ja, und haltet euch bitte den Donnerstag Abend frei um kurzfristig beim Aufbau zu helfen. Je nach dem was bei Vincent herauskommt kann es sein, dass wir umfangreiches Material in die Turnhalle schaffen müssen.“


    „Haben wir uns schon so ähnlich gedacht“, bestätigte Lena. „Wann wissen wir´s genau?“


    „Wahrscheinlich schon morgen, spätestens aber Dienstag Vormittag.“


    Das Essen kam und auch danach saßen sie noch einige Zeit gesellig zusammen. Es ging um übliche Gesprächsthemen die nichts mit ihrem Sport zu tun hatten und um Witzeleien jeglicher Art. Bemerkenswert, dass die Beziehung von Sannah und Frank nicht allzu oft durch den Kakao gezogen wurde. Als der Betrieb im Lokal nachließ, klinkte sich Sandro aus der Kellner-Tätigkeit aus und brach mit Meike auf.


    „Wir werden auch gehen“, sagte Frank und bezahlte. „Der Tag war anstrengend und ich bin Hundemüde.“ Er rief Meike noch nach: „Weißt du, dass dein Freund gar keine so schlechte Figur auf dem Trampolin macht?. Vielleicht redest du ihm mal gut zu, damit ich nicht mehr das einzige Geflügel in der Truppe bin.“


    „Jetzt bin ich aber auch geschafft“, klagte Sannah als beide mit ihren Fahrrädern an Franks Wohnblock ankamen.


    „Komm doch mit zu mir“, bot Frank nicht uneigennützig an. Er hoffte etwas mehr Zeit mit seiner Freundin zu verbringen, die nicht von Sport bestimmt wurde.


    „Eine Dusche käme mir jetzt gerade gelegen“, willigte sie ein.


    Er gab ihr den Wohnungsschlüssel und schickte sie schon mal vor, während er noch die Räder im Keller verstaute. Als er durch die Wohnungstür trat, hörte er bereits das Wasser prasseln. Auch er freute sich darauf den Schweiß des Tages abzuwischen. Sannah´s Bikesuit lag mitten im Raum und er hing ihre Sachen über eine Stuhllehne.
    Noch leicht feucht trat sie in ein Saunatuch gewickelt aus dem Bad.


    „Hab´ ganz vergessen, dass ich keine Wäsche bei dir habe.“


    Mit lüsternem Blick umfasse er sie bei der Taille und raunte ihr ins Ohr: „Also ich habe da kein Problem mit.“ Und küsste sie innig.


    „Ich …. dachte“, versuchte sie unter seinen Bemühungen zu Wort zu kommen, „…du magst nackte Haut nicht so sehr….“


    „Dafür gibt es eine Lösung.“


    Er ließ sie verdutzt stehen und rannte in sein Schlafzimmer, um gleich darauf wieder mit einem seidig glänzenden Kleidungsstück zurück zu kehren.


    „Hier“, übergab er ihr den Orangeroten Ringeranzug. „Hast du letztes Mal liegen lassen. Ist frisch gewaschen.“


    Mit diesen Worten verzog auch er sich ins Bad.
    Nach dem Abtrocknen überlegte er nicht lange. Im Bad hing sein gerade getrockneter, hellblauer Gymnastikbody. So bekleidet kam er zurück ins Wohnzimmer, wo sich ihm die herrlich proportionierte Anatomie der Turnerin in seidenmatter Kunstfaser präsentierte. Mit geübten Griffen tauschte er das Deckenlicht gegen eine intimere Beleuchtung und stellte leise Instrumentalmusik an. Danach gesellte er sich zu ihr auf die Couch und ging umgehend in den Nahkampf über.


    Auf außenstehende mussten sie wie zwei Teenies wirken, die zum ersten Mal ungestört waren und nicht wussten wie lange diese Gelegenheit andauern würde. Später agierten sie sanfter, mehr Gefühlsbetont. Sie kosteten das Vergnügen gegenseitiger Streichelns bis zur Neige aus. Die elektrisierenden Berührungen beförderten ihre Gedanken in eine andere Welt. Sannah gab sich völlig anders als in der Öffentlichkeit. Als könne sie sich endlich mal richtig entspannen. Ihre mädchenhafte Schutzbedürftigkeit kam seinem genetisch vorbestimmten Beschützerinstinkt sehr entgegen. Die elektrisierenden Berührungen beförderten ihre Gedanken in eine andere Welt.


    Irgendwann lag sie eng an ihn geschmiegt und er kraulte gedankenverloren und hochzufrieden über ihre Lycrahaut. Seine letzten Kommunikationsversuche beantwortete sie nur noch mit wohligem „Hmmm“. Das Geräusch das jetzt von ihr kam war etwas gänzlich anderes. Frank musste leise lachen. Seine Sklaventreiberin war erschöpft aber zufrieden an seiner Brust eingeschlafen.




    Kapitel 24


    "Wie ist es gelaufen?", fragte Frank aufgeregt seine Freundin durchs Telefon.


    Er hatte länger auf der Arbeit zu tun, deshalb musste Sannah den Gesprächstermin beim Inhaber der Veranstaltungsfirma ohne ihn wahrnehmen. Es war bereits nach Acht als er nach Hause kam. Noch bevor er irgendwas anderes tat, rief er an um endlich Gewissheit zu erlangen.


    "Ruhig Brauner, alles in Ordnung", beschwichtigte sie seine Nervosität. "Es geht alles klar. Wir bekommen die Technik zum symbolischen Preis von einem Hunderter."


    Der Stein der gerade von seiner Brust gefallen war, musste sogar durchs Telefon zu hören sein.


    "Der Typ ist eigentlich noch cooler als Vince. Es widerstrebt ihm nur, uns die Sachen völlig umsonst zu überlassen, deshalb der geringe Mietpreis. Er hat aber auch klar zum Ausdruck gebracht, dass dies eine Ausnahme sei und er sich Sponsoring nicht leisten kann. Dein Freund Vincent hatte die Haupt-Überzeugungsarbeit geleistet."


    "Und was gab es an Bedingungen?", sorgte er sich, denn einen Haken musste die Sache ja haben.


    "Nur dass wir alle möglichen Flächen mit Werbung zu tapezieren müssen. Aber das wäre ja sowieso der Fall gewesen."


    "Und was meint Vince?"


    "Der hat bereits auf Verdacht die Lightshow programmiert, sagt er. Donnerstag ab 17:30 ist Aufbau."


    "Hast du den anderen schon Bescheid gegeben?", wollte er wissen.


    "Dein Freund meinte, so Fünf oder sechs Helfer zuzüglich uns beiden müssten genügen. Ich hab´s schon rumgemailt."


    Frank war erleichtert und setzte sich endlich. "Jetzt bin ich beruhigt", meinte er. "So langsam denke ich wieder, dass der Auftritt ein echter Erfolg wird."


    "Hattest du etwa daran gezweifelt?" Sannah fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen.


    "Die letzten vierzehn Tage war ich nicht mehr so ganz davon überzeugt. Der Unfall und die Ungewissheit. Das alles hatte mir schon ein bisschen Schiss gemacht.."


    "So kenne ich dich ja gar nicht", sagte sie erstaunt. "Kein Grund den Kopf hängen zu lassen. Am Mittwoch bringen wir dich auf den neuesten Stand und dann ziehen wir´s durch."


    Er musste lachen. An Sannah war tatsächlich eine gute Motivationstrainerin für Manager-Seminare verloren gegangen..


    "Du klingst noch immer besorgt. Soll ich noch vorbeikommen?" erkundigte sie sich.


    "Nein, schon OK. Ich hatte einen Gedanken der mich erschauern ließ."


    "Und der wäre?"


    "Wir haben schon zu lange nichts von Marc gehört und ich bin nicht sicher, ob das etwas Gutes bedeutet.




    Kapitel 25


    Mittwoch


    Sein V-Anzug würde heute zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Seit seinem vorletzten Besuch in Sabines Gymnastikladen war er in seinem Besitz. Fast zu schade für eine profane Turnhalle. Er nannte ihn V-Anzug, weil dies das wiederkehrende Motiv des Bodys war. Im Schnitt und in der farblichen Gestaltung wiederholte sich der Buchstabe des Alphabets. Bisher trug er ihn nur zu Hause - zu seinem Vergnügen. In diesem Kleidungsstück fühlte er sich irgendwie anders, irgendwie in allen Belangen besser. Sozusagen das gymnastische Pendant zu Superman´s Lycrasuit.


    Auf dem Weg von der Umkleide zur Turnhalle ließ er die erste gemeinsame Nacht mit Sannah Revue passieren. Damals trug er ebenfalls dieses Wahnsinnsteil, das sowohl seidenmatte wie auch hochglänzende Regionen aufwies. Seine Freundin war ebenfalls in Lycra gehüllt. Der rote Anzug mit Beinansatz und blauen Seitenstreifen. Damals ließen sie beide sich zum ersten Mal völlig fallen im absoluten Vertrauen zum jeweils Anderen. Eine nicht enden wollende Folge von erotisierenden Berührungen und leidenschaftlichen Küssen, die wegen ihrer Intensität auch als Mandeluntersuchung hätten durchgehen konnten.


    Seitdem hatten sie sich noch auf keine andere Weise geliebt. Gegenüber dieser Art von "Blümchensex" wirkte selbst die Dr. Sommer Seite wie Hardcore-Pornografie. Doch gerade dieses Fühlen und Spüren des Gegenübers löste Gefühle höchster Zufriedenheit in ihm aus, die er bisher noch nicht mal bei der Liebe "an und für sich" erlebt hatte. Er musste Sannah unbedingt fragen, ob sie mehr wollte. Ob sie irgendwas vermisste in ihrer körperlichen Beziehung. Sie machte jedoch bisher nie den Anschein, ganz im Gegenteil. Die Verzückung in die sie dabei geriet, konnte er noch bei keiner seiner Ex-Freundinnen beobachten.


    Jedenfalls war Heute die Premiere seines Anzugs in der Turnhalle.


    Die Ballettmädels waren nicht da, denn sie hatten ihre eigene Trainingsstunde. Lena, Kim und die Zwillinge waren jedoch erschienen.
    Neben ihnen, in der anderen Hallenhälfte, übte die Jugend der Turnabteilung für deren Auftritt, so dass sie mit den Sprunghilfen und Matten etwas improvisieren mussten. Die Kleinen waren schon fast fertig mit ihrem Programm und während sie selbst sich aufwärmten, konnten sie die Nachwuchsriege etwas beobachten. Die Ernsthaftigkeit und Hingabe der Turnmäuse spornte direkt an. Bei ihnen gab es ausschließlich Mädchen. Es war halt nicht der bevorzugte Sport für Jungs. Was sie zeigten war jedoch aller Ehren wert. Nichts allzu kompliziertes, aber alles sauber geturnt und bei Gemeinschaftsübungen völlig synchron. Dadurch, dass alle die gleiche Vereinskleidung trugen, konnte man sich ohne Ablenkung auf ihre Übungen konzentrieren. Als sie zum Ende kamen, applaudierte deren Trainerin und auch Sannah´s Truppe stimmte anerkennend mit ein.


    Nachdem die Jugendgruppe die Halle verlassen hatte, konnten auch die Showturner mit ihren individuellen Übungen beginnen.


    "Lass den mal nicht Mia sehen", spielte Alke auf sein neues Outfit an. "Die hatte mal ein unglückliches Techtelmechtel mit einem Sportstudenten. Dessen Trikots sahen fast ausnahmslos aus wie deins. Und mal unter uns Pfarrerstöchtern, ich finde das Teil auch ganz schön scharf."


    "Nicht schwätzen", befahl Sannah´s kräftige Stimme, "sondern Turnen."


    Ob da schon ein wenig Eifersucht im Spiel war? Schließlich hatte seine Freundin diesen Gymnastikanzug letztens ordentlich durchgearbeitet. Mitsamt ihm darin,
    Jedenfalls war es gut, dass die Tanzmädels heute nicht da waren und er so vor den endlosen Monologen der mitteilungsbedürftigen Tänzerin sicher war.


    Frank übte mit den Schwestern zunächst noch einige Male den Ablauf der Standfigur, bei der er die beiden ausgestreckt stehenden Mädels um seine Achse drehte. Das klappte problemlos. Diese Nummer saß also.


    Meike und Alke machten sich heute wieder einen Spaß aus ihrer Kleidung. Beide trugen einmal mehr identische Lycra-Teile. Rote Steghosen und gelbe Gymnastikbodies mit kurzen Ärmeln. Eingeweihte konnten sie natürlich anhand ihrer leicht unterschiedlichen Turnschläppchen unterscheiden. Verglichen mit anderen eineiigen Zwillingen sahen die beiden sich aber auch besonders ähnlich.


    Die wuselige Kim war heute ganz in weiß gewandet. Ein Anzug, wie er ihn eher an Sannah vermutet hätte, also mit geschlossenem Rücken und oberschenkellangen Radlerbeinen. Zusammen mit ihrer blonden Kurzhaarfrisur und ihrer schlanken Figur wirkte sie dadurch mehrere Jahre jünger. Fast hätte man sie mit den Turnmäusen von eben verwechseln können.


    Seine Freundin dagegen, hatte heute keinen ihrer typischen Ringersuits an, sondern trug ausnahmsweise mal ein Turntrikot im regulären "Badeanzug"-Schnitt. Dieser hatte als Grundtönung einen Farbverlauf von mittlerem Grau/Silber am Hals bis zu Anthrazit am unteren Ende. Das restliche Design wirkte, als hätte jemand kleine Kügelchen aus gelber Farbe auf den aufgespannten Anzug geworfen, die dann zerplatzten und beim Abtropfen feine, unregelmäßige Streifen hinterließen.


    Kim´s Kollegin Annalena wurde Kleidungstechnisch ihrer wallend roten Mähne gerecht. Sie trug komplementär dazu einen grünen Ganzanzug, langärmelig mit Stegschlaufen am Bein-Ende, die sie über den Sohlen ihrer Schläppchen trug.


    Die letztgenannte verfeinerte zusammen mit der absolut flugtauglichen Kim ihre Schleudernummer am Vertikalseil. Für die Rotation zeichnete Sannah verantwortlich, da er selbst sich bereits auf dem Trampolin einturnte. Das historische Turngerät war nach der erfolgreichen Reparatur durch Frank und Meike´s Freund Alessandro zumindest wieder so gut wie vor dem Unfall. Was trotzdem nicht bedeutete, dass ein Ersatz nicht dringend nötig war.


    Es dauerte einige Zeit, bis er wieder in den richtigen Rhythmus fand. Das Aufbautraining am Sonntag zeigte positive Wirkung, wenngleich es eine regelrechte Schinderei war.
    Die anderen beschäftigten sich noch mit anderen Übungen und Sannah rief zu ihm rüber: "Wenn du das Timing wiedergefunden hast, probier mal kleine Variationen, aber nicht zu viel auf einmal."


    So nach und nach fühlte er sich wieder sicher genug, um auf diesen Vorschlag einzugehen. Er zog am höchsten Punkt seines Sprungs die Knie bis zur Brust hoch. Das war nicht weiter schwer, nur schmiss es ihm bei jedem zweiten Mal den Takt. Die Fläche des Sprungnetzes war zwar recht groß, aber zusammen mit jeweils zwei weiteren Gymnastinnen konnten bereits kleine Schwächen der Synchronität fatale Folgen haben. Meikes unfreiwilliger Höhenflug damals ging noch glimpflich ab. Also konzentrierte er sich erst mal wieder auf den konstanten Rhythmus.


    Wenn er so in die Runde blickte wurde ihm bewusst, dass alle ihre Parts wie im Schlaf beherrschten. Nur er hinkte noch ein wenig hinterher. Das setzte ihn unter Druck, auch wenn er immer wieder versuchte das alles rational zu sehen. Der Wettbewerb war unterschwellig vorhanden und es war an ihm noch ´ne Schippe drauf zu legen.
    Als nächstes versuchte er einen Spagat in der Luft. Nicht alleine dass er das Gefühl hatte seine Spaßabteilung würde auseinandergerissen. Er verschätzte sich auch hinsichtlich der Zeit die er für die Landung benötigen würde. Noch leicht gegrätscht traf er das Tuch und die ungewohnte Stellung gab ihm zu wenig Halt, worauf hin er seitlich abrutschte und in die Schutzpolster flog.


    So ein Mist aber auch, dachte er und war froh sich nicht schon wieder verletzt zu haben. So etwas durfte nicht noch mal passieren.


    "Immer schön langsam mit den jungen Pferden", spottete Kim in ihrem gewohnten Sarkasmus. "Erst laufen lernen, bevor du fliegen kannst."


    Trotzig streckte er ihr wie ein kleines Kind die Zunge raus, was wiederum zur Aufheiterung aller anderen beitrug.
    Egal, noch mal von Vorn. Er bekam mit der Zeit ein Gefühl dafür wann er Varianten probieren konnte und wann er besser den einfachen Weg nahm. Das war zwar sicher, aber auch zu selten.


    "Na, wie läuft´s?", erkundigte sich Sannah nachdem sie ihre eigenen Sachen abgearbeitet hatte.


    "Nicht so berauschend. Entweder habe ich zu wenig Kraft oder zu viel Angst daneben zu springen.


    Die Trainerin betrachtete seine Bewegungen intensiv. Vor allem den Absprung.


    Versuch mal dich ein klein wenig früher abzudrücken", empfahl sie. "Es sind nur Millisekunden, aber die kosten dich einiges an Schwung."


    Frank konzentrierte sich mehr auf den Startpunkt und tatsächlich, Er gewann zunehmend Sicherheit. Das hochziehen der Knie konnte er jetzt fast jedesmal zeigen, ohne dabei aus dem Takt zu kommen.
    Sannah bedeutete ihm anzuhalten und kletterte ebenfalls hoch. Sie stellte sich neben ihn und gab ihm Tipps für die Fußarbeit.


    "Wenn du beim Eintauchen deine Füße so lange gestreckt lässt, bis deine Zehen beim Eintauchen automatisch gerade gedrückt werden, baust du im Netz noch ein Quäntchen mehr Spannung auf um beim Hochspringen schneller weg zu kommen."


    Er schaute intensiv auf ihre Schläppchen und wie sie die Füße streckte und abrollte. Sie wusste, dass ihn dieser Anblick wuschig machte. "Konzentrier dich. Du darfst später dran knuddeln. Jetzt geht es um die Verbesserung deines Absprungs."


    Er riss sich zusammen und achtete darauf ihre Hinweise umzusetzen, als er wieder alleine auf dem Trampolin war. Und tatsächlich. Das war wohl das letzte bisschen was ihm noch gefehlt hatte, denn nach einigen Versuchen klappte auch der Spagat. Zwar noch nicht weit gestreckt, aber immerhin im Rhythmus.


    "Na, was habe ich gesagt?"


    Das musste man ihr lassen, von ihrem Sport verstand sie was.
    Der Rest des Trainings verlief für ihn erfreulicher als noch vor einer halben Stunde vermutet. Frank war so sehr bei der Sache, dass er glatt das Ende verpasste und ihn seine Kameradinnen darauf aufmerksam machen mussten.


    "Lass es gut sein", rief der Rotschopf in dem glänzenden Zentai. "Was du jetzt noch nicht drauf hast, schaffst du auch mit weiterem Üben nicht mehr."


    Insgeheim gab er ihr Recht. Er sollte es dabei belassen und sich nicht mehr verrückt machen. Gar nicht so einfach bei dem ihm eigenen Hang zu Perfektionismus und Pedanterie.


    "Die Sachen können stehen bleiben", erklärte Sannah in ihrer Schlussansprache. "Jetzt in den Ferien hat der Sportverein die Halle alleine."


    Bevor die Ersten zum Duschen verschwanden, fügte sie noch hinzu: "Und denkt daran, dass morgen Abend ein paar von euch helfen müssen."


    "Hattest du ja gemailt", antwortete Alke. "Was sollte eigentlich der Nachsatz bedeuten, "Und lasst eure Ballettschühchen zu Hause, das wird richtige Arbeit"?"


    Sie lachte. "Der Ausspruch kam von unserem Techniker Vincent, der mir damit zu verstehen geben wollte, dass Veranstaltungstechnik hauptsächlich aus sperrigen Teilen und großen, schweren Kisten besteht."


    Kichernd gingen sie zu den Umkleiden.
    Als nur noch Frank und Sannah im Flur zurückblieben meinte er: "Danke nochmal. Du hast mich wirklich weiter gebracht. Kommst du noch mit zu mir?"


    "Mal sehen", neckte sie ihren Freund mit vorgetäuschter Verweigerung.


    "Schließlich hast du mir vorhin versprochen, dass ich deine Füße knuddeln darf. Und es muss ja nicht bei denen bleiben", flüsterte er aufgekratzt.


    "Du bist echt abnormal!", warf sie ihm mit gespielter Strenge vor. Doch gleich darauf lächelte sie wieder. "Aber auch so erfrischend anders", ergänzte sie und küsste ihn auf seine Nasenspitze. "Deshalb liebe ich dich."