ZWEITE CHANCE

  • ... und die Reihe von Wiederveröffentlichungen geht nahtlos weiter ...


    Nach dem "Hahn im Korb" war die Luft erst einmal raus. Für den Rest des produktiven Jahres 2017 wurden, nach einer verdienten Pause lediglich noch zwei Kurzgeschichten versprochen. Dann aber, keine drei Wochen später reiften die ersten Ideen zu einer Geschichte, die Menschen an einem Wendepunkt im Leben zum Thema hat. Personen, die in der Jugend etwas verband und dann heftig entzweite. Deren unterschiedlicher Werdegang und letztlich das Wiedersehen. Schnell waren Stichpunkte skizziert und sogar das erste Kapitel geschrieben.
    Doch die Story nahm sich Zeit. Soviel sogar, dass parallel dazu eine weitere, eher humoristisch angelegte Kurzgeschichte entstand, welche jedoch reinen Forumsbezug hatte. "Zweite Chance" gedieh und wurde immer umfangreicher. Die Grund-Niederschrift zog sich durch den kompletten Herbst und Anfangs Winter mussten die Texte um einiges gekürzt werden um ihre letztendliche Prägnanz zu erlangen.


    Auch hier wieder in größeren Portionen als bei der Erstveröffentlichung.
    Viel Spaß beim Wiederentdecken.




    ZWEITE CHANCE


    Fetischstory von lycwolf





    Kapitel 1


    Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Haus wieder bewohnt sein musste. Entweder hatte er bislang nicht darauf geachtet, oder es gab nichts, das seine Aufmerksamkeit erregt hätte.
    Es war eines der hier typischen Siedlungshäuser. Im Grundaufbau wie das, welches er selbst bewohnte. Als sein Vater vor einem knappen Jahr als letzter der Eltern gestorben war, gab er seine Wohnung in der Stadt auf und zog wieder nach Hause.
    Alle Bauten in dieser Siedlung glichen einander. In den fünfziger Jahren als Arbeiterwohnungen für eine längst nach China verlagerte Industrie errichtet, entsprachen sämtliche Häuser dem gleichen Bauplan. Ein Stockwerk plus ausgebautem Spitzgiebeldach. Mit der Zeit hatten die meisten der Häuser An- und Umbauten erfahren. Einigen wurde lediglich eine Garage oder ein Car-Port zugefügt, andere wurden verlängert oder gar aufgestockt. Dennoch war der uniforme Baustil stets präsent wenn man heute durch die Siedlung ging.


    Seit er wieder hier wohnte nahm er den Bus zur Arbeit. Zweimal am Tag kam er an dem Haus vorbei, das als letztes in der Reihe stand. Hier endete die Siedlung an einem kleinen Waldstück. Danach folgten Felder, der Reiterhof und ein weiterer Landwirtschaftlicher Betrieb. Insgesamt waren es kaum sechs Kilometer bis zum Randgebiet der Stadt. Bis zu seinem Arbeitsplatz natürlich noch weiter.


    Besagtes Haus stand etwas isoliert, da das Grundstück davor brach lag und vor dem nächsten Gebäude eine "Hinterhof"-Werkstatt ihren Abstellplatz hatte. Das Siedlungshaus war eines derer, die zur Auflockerung des Straßenbilds quer zur sonstigen Anreihung stand. Trotzdem erkannte man auch hier dieselbe Architektur. Der Vorgarten war lange Zeit verwildert. Jetzt aber war der Wildwuchs gemäht und schuf somit die Bühne für das, was ihn erst darauf aufmerksam machte. Dort wo der vorgelagerte Rasen im rechten Winkel hinter die Giebelfassade führte stand etwas ungewöhnliches. Es war Blau, zylindrisch, lag horizontal und schien aus dem gleichen Material zu bestehen wie ... ja, wie was eigentlich?
    Er suchte nach dem korrekten Ausdruck. Turnmatten. Ja, das war es. Das etwa eins zwanzig lange Ding sah aus wie eine zylindrische Turnmatte. An seiner Unterseite traten vier weiß getünchte Holzpfosten heraus. Auf einen Schlag wurde es ihm klar. Das war ein Übungspferd. Man benutzt es als Trainingsgerät fürs Voltigieren.


    Vage Erinnerungen stiegen in ihm hoch. Noch konnte er sie nicht zuordnen, aber einige Wissensbrocken kämpften sich durch seine Gehirnwindungen. Die "Turner hoch zu Ross" mussten viele ihrer Übungen zunächst auf einem "Holzpferd" einüben, da das richtige Pferd nicht beliebig lange gleichmäßig im Kreis laufen konnte und ein Abrutschen hier zumindest nur dem Turner weh tat. Im ersten Viertel des blauen Fass-Pferdes war deutlich der Gurt mit den Griffen zu sehen, der normalerweise beim richtigen Huftier direkt nach den Vorderläufen um den Bauch geschnallt wird.


    Voltigieren war damals zu seiner Schulzeit sehr beliebt als Freizeitsport. Das lag vor allem daran, dass der Turnverein mit dem Reiterhof zusammenarbeitete und eine sogar recht erfolgreiche Volti-Riege stellen konnte. Nicht das selbe Pferdegestüt das nur unweit über dem Hügel war, sondern am anderen Ende des Orts. Obwohl, wenn er recht überlegte, meinte er schon mal Werbung für Voltigieren auf diesem Reiterhof gelesen zu haben.
    Eigentlich machten das damals nur die Mädchen. Jungs in eng anliegenden Ganzkörper-Turnanzügen und Gymnastikschläppchen hatten es schwer mit der Akzeptanz unter Ihresgleichen.


    Der Bus war schon weit an dem Haus vorbei, doch immer neue, lang verdrängte Erinnerungen kamen in seinen Sinn. Er hätte damals auch gerne mal so einen Anzug getragen. Zu Schläppchen hatte er sowieso immer einen besonderen Hang. Aber er war als Kind sportlich immer etwas unbeholfen. Dazu noch auf einem wogenden Pferderücken - so weit ging seine Begeisterung für die Bekleidung dann doch nicht. Die Neigung zu Lycrasachen jedoch hatte er behalten und über die Jahre sogar ausgebaut. Auch wenn er zu Hause öfter mal in Gymnastikanzüge, Leggings und Schwimmbodies schlüpfte, traute er sich in der Öffentlichkeit lediglich Radlerhosen und Lauftights zu. Seine Exfrau stand dem relativ neutral gegenüber. Gelegentlich ermutigte sie ihn auch dazu. Zumindest wenn sie unter sich alleine waren, spielte öfter mal die Lycrakleidung mit.


    Na ja, dachte er, das hatte der Ehe weder geschadet noch genutzt. Irgendwann hatten sie sich einfach auseinander gelebt. Es war niemandes Schuld, es ging einfach nicht mehr. Trotzdem hatte ihn die erste Zeit der Trennung sehr belastet.


    Der Bus hielt an. Hier musste er raus. Ein neuer Arbeitstag wartete auf ihn. Die Gedanken von eben waren sofort verflogen.



    Kapitel 2


    Es war Wochenende. Die Wäsche und den Hausputz erledigte er wie üblich in seinem Lieblingsoutfit. Ein Gymnastikanzug aus dunkelblauem, fast schwarzem Samt, bei dem die Schulterpartie und einer der halblangen Ärmel aus seidig glänzendem, glatten grünen Lycra bestand. Normalerweise hätte er dazu Glanzleggings und lederne Ballettschläppchen kombiniert, aber bei dem derzeit zu säubernden Schmutz war ihn das zu schade. Er renovierte nämlich eins nach dem anderen die Zimmer, was nicht nur neue Böden, sondern vor allem Elektroinstallationen auf der Höhe der Zeit bedeutete. Auch die sonstigen Wände waren deswegen aufgerissen. Es galt also nicht nur normalen Staub zu wischen, sondern auch Sand und Steine. Aus diesem Grund entschied er sich für Laufhosen und robustere Gymnastikschuhe aus Leinentuch mit Gummisohle.


    Der Postbote stutzte zwar ein wenig als er ihm das Päckchen vom Internethändler mit dem Namen eines südamerikanischen Stroms aushändigte, reagierte aber weiter nicht auf seinen ungewöhnlichen Aufzug. Im Paket befand sich ein Paar seiner liebsten Standard-Ballettschuhe. Die letzten waren mittlerweile zerschlissen und nicht mehr tragbar. Für 15 Euro bekam er butterweiche Lederschläppchen bei denen selbst die Gummispange bereits angenäht war. Die durchgehende, schmale Sohle war ein Zugeständnis an den niedrigen Preis. Normalerweise favorisierte er geteilte Sohlenflecken, die lediglich unter der Ferse und den Ballen als Schutz vor Abnutzung dienten. Diesmal bestellte er sie in Weiß. In nächster Zeit würde er sie wohl nur auf der Couch oder im Bett, vor allem bei der partnerunabhängigen Liebe tragen.


    Als er am frühen Nachmittag mit der Revierreinigung fertig war, beschloss er einen kleinen Spaziergang um die Siedlung herum zu machen. Um nicht weiter aufzufallen beschränkte er sich auf seine Lauftights. Das seidig, schwarz schimmernde Beinkleid vom französischen Zehnkampf-Händler konnte durchaus auch als Legging durchgehen. Die Lauftypischen Attribute, wie Reflektorstreifen und ähnliches hielten sich in Grenzen. Gemessen an Ihrem hochwertigen Aussehen, war der Preis lächerlich gering. Leider hatte er versäumt sich beim Modellwechsel noch einige davon zu sichern, denn der Nachfolger fügte sich in den derzeitigen Kundengeschmack ein und war optisch für ihn vollkommen indiskutabel. Ein simples T-Shirt und seine Wanderschuhe komplettierten sein Outfit.


    Zunächst führte sein Weg direkt aus der Bebauung hinaus ´runter zu der kärglichen Quelle, welche nur nach starkem Regen sprudelte. Dem Lauf des kleinen Bächleins folgend begegnete er den typischen Spaziergängern, meist mit Hund.
    Wie die wohl reagieren würden, wenn ich im Turnanzug mit Schläppchen hier entlangwanderte?, fragte er sich während er wie es auf dem Dorf üblich ist jeden
    entgegenkommenden höflich grüßte.
    Vor der Stelle wo der Rinnsal sich seinen Weg durch das weitläufige Wiesengebiet bahnte, bog er rechts ab den Hügel hinauf. Der Weg führte zwischen dem Rand des Wäldchens, welches das Wohngebiet auf dieser Seite umgab und der angrenzenden Felder entlang. Der Spätsommer wurde immer wieder unterbrochen von kräftigen Schauern und auch auf seinem Weg standen noch einige Pfützen. Doch heute war es sonnig und angenehm mild.


    War es Zufall oder hatte er diese Route unterbewusst genommen? Nach einer weiteren halben Stunde führte sie ihn genau an dem Haus mit dem Volti-Pferd vorbei. Insgeheim interessierte er sich doch dafür wer dort wohl die turnerischen Ambitionen hatte. Vielleicht konnte er jemanden sehen. Obwohl, er machte sich keine allzu großen Hoffnungen. Schließlich war Voltigieren eher der Jugend vorbehalten. Allenfalls sah man mal junge Erwachsene, aber niemand in seinem Alter.


    Während er diesen Gedanken nachhing, erreichte er die Ausfallstraße zur Stadt hin. Deren Verlauf folgte er auf der anderen Seite bis er zum Ortseingang kam. Oder Ortsende, je nach Blickwinkel. Neben der Umzäunung des besagten Grundstücks verlief ein Pfad an dieser Seite des Wäldchens entlang.
    Das Haus wirkte unbewohnt. Eine graue Plastikplane deckte das Übungspferd ab. Davor standen auf dem Rasen noch zwei aufrechte Holzkästen. Etwa dreißig Zentimeter in Quadrat und einen dreiviertel Meter hoch. Sie waren ungefähr fünf Meter voneinander weg platziert und er konnte sich keinen Reim darauf machen.
    Aufschlussreicher war da schon die Wäschespinne auf die sein Blick fiel als er dem Pfad entlang der Hinterseite des Gebäudes folgte. Auf ihr hingen ausschließlich Kleidungsstücke aus Lycra zum trocknen und das erhöhte sein Interesse ungemein. Es waren zunächst zwei der typischen Voltigieranzüge, hochgeschlossen mit langen Armen und Beinen sowie Stegschlaufen an denselben. Aufgrund der gewollten Dehnbarkeit des Materials ließ sich nicht auf die Größe und damit auf das mögliche Alter der Trägerin schließen. Oder des Trägers, schließlich gab es mittlerweile mehr männliche Voltis als früher.


    Der auffälligste war zugleich der eigentlich schlichteste. In einem kräftigen Rot gehalten, wies er auf den Außenseiten der Beine, sowie über die Schultern und entlang der Ärmel breite weiße Streifen auf. Ein übliches Design für Vereinskleidung. Auch der nur durchschnittliche Glanzgrad sprach dafür. Der andere verlangte nach einem zweiten und sogar dritten Blick. Seine Grundfarbe war schwarz, aber über Brust und Rücken, einen der Ärmel einschließend zog sich in leichtem Schwung ein abgesetztes Muster. Wie ineinander verflochtene Schlangen sorgten Streifen in unterschiedlichen Abstufungen von Blau und gelegentlich Grau und Weiß für Auflockerung ohne zu plakativ zu wirken. Dieser Ganzanzug glänzte wesentlich stärker als der Rote. Er sah an sich herab und befühlte seine schimmernden Tights. Genauso glänzte jenes Teil.


    Nachdem er sich überzeugt hatte alleine auf dem Pfad zu sein, gab er seinem Drang nach sich nochmals anzufassen. Er mochte den glatten Stoff unter seinen Fingern und das darüberstreicheln erregte ihn jedes Mal. Er gebot sich Einhalt, denn die Laufhose stellte jegliche Erregungszustände schonungslos zur Schau.
    Ein Paar Leggings fand sich ebenfalls auf dem Trockengestell. Mittleres Blau ohne jeden Schnickschnack und von seidigem Schimmer. Wem immer das Zeug gehören mochte, Sie oder Er hatte Geschmack. Das spiegelte sich auch in den beiden Turnanzügen wieder, die sich ebenfalls auf der Leine tummelten. Obwohl, einer davon könnte auch ein Badeanzug sein. Aus der Entfernung und der Art wie er aufgehängt war ließ sich das nicht mit Gewissheit sagen. Jedenfalls zeigte er eine verwaschene Farbmischung aus grünen bis gelben Pinselstrichen mit gelegentlichen Sprengseln aus Blau. Insgesamt eine Farbe ähnlich wie Limetten. Der Gymnastikanzug war klassischen Zuschnitts. Runder Halsausschnitt, kurze Ärmel, geschlossener Rücken und regulärer Beinschnitt. Beim Material wechselten sich Bordeauxrotes Glanzlycra und Auberginefarbener Samt so aufreizend ab, dass er zu gerne gesehen hätte wie er angezogen aussieht.


    Um nicht doch noch zur öffentlichen Erregung beizutragen, beschloss er seinen Weg nach Hause fortzusetzen. Die restliche dreiviertel Stunde seines Spaziergangs nahm er nur noch undeutlich wahr, so sehr kreisten seine Gedanken um die Kleidungsstücke. Solange es noch sommerlich war musste er unbedingt ein Auge auf das Haus werfen.
    Eines war sicher: Er und seine Hand würden heute Abend noch jede Menge Spaß haben.



    Kapitel 3


    Anfangs der Woche hielt er stets die Augen offen, wenn er mit dem Bus an dem Haus vorbeifuhr. Die Wäschespinne war zwar leergeräumt, aber die Plane über dem Ersatzpferd schien unberührt. Verständlich, da sich Aprilartig Regen und Sonne stündlich abwechselten. Am Mittwochabend jedoch wurde seine Hartnäckigkeit belohnt. Dazu war ihm auch noch das Glück hold in Form eines langsamen LKW-Gespanns das den Bus zum kurzen Anhalten veranlasste.
    Auf dem Holzpferd turnte der rote Voltigieranzug, ausgefüllt von einer dunkelblonden Frau mittleren Alters. Genau konnte er ihr Gesicht nicht sehen, aber sie mochte sogar in seinem Alter sein. Jedenfalls war es kein halbwüchsiges Mädchen das hier auf Knien elegante Figuren übte. Was er sehen konnte, wirkte wie Yoga auf einem Pferderücken.


    Kaum zu Hause, war er auch schon wieder auf dem Weg durch das Wohngebiet. Die Chance mehr von ihr sehen zu können wollte er sich nicht entgehen lassen. Es machte ihn regelrecht blind, sonst wäre er sicher nicht offenen Auges in die ältere Dame gerannt, kaum zehn Meter von seinem Ziel entfernt. Sie war wirklich nett und sympathisch, aber wie es ältere Menschen halt nun mal so an sich haben, hatte sie immer ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis. Nun wollte er natürlich nicht unhöflich sein und führte geduldig ein ausuferndes Gespräch mit der Seniorin. Allerdings war er sich nicht sicher, ob er immer die passenden Antworten gab, denn ein Auge spähte andauernd über die gebeugt stehende Dame hinweg und auch sein Gehirn arbeitete sicher nur mit einer Hälfte an ihrer Unterhaltung.


    Die Voltigiererin (keine Ahnung ob dieser Terminus korrekt ist) war mittlerweile vom Pferd abgestiegen und jetzt konnte er auch sehen wofür die hochkant stehenden Kisten auf dem Rasen gut waren. Die Sportlerin balancierte nämlich auf einer Slackline, die über jene Kästen verlief. Jenseits davon schien das wie ein Sicherheitsgurt breite Kunststoffseil schräg im Boden zu verschwinden. Um es so straff zu halten, brauchte es im Boden kräftige Ankerösen. Am ihm zugewandten Ende konnte er ein Ratschenschloss erkennen.


    Erst der erneut einsetzende Regen ließ die betagte Nachbarin zu Ende kommen. Leider gewann er dadurch nichts, denn auch die Frau im roten Voltianzug beendete ihre Balanceübung, beeilte sich das Holzpferd abzudecken und verschwand im Haus noch ehe er Weiteres von ihr sehen konnte.
    Die immer mehr durch seine Kleidung dringende Nässe ließ ihn über seine ganze Aktion schmunzeln. Was hatte er sich denn dabei gedacht? Jedenfalls nichts sinnvolles. Hätte er wie ein Spanner von Bürgersteig aus zusehen wollen? Wie hätte er sich gerechtfertigt? Sie angesprochen?
    Vielleicht, aber eigentlich musste er sich erst mal selbst darüber klar werden, was er sich überhaupt von ihr versprach.



    Kapitel 4


    Für die nächsten Tage beschloss er fürs Erste einfach abzuwarten. Sollte er sie noch mal beim Training antreffen würde er seinen Charme spielen lassen und sie in ein unverfängliches Gespräch verwickeln. Ob sie Neu hier sei, wie es ihr hier gefalle und ob sich schon eingelebt habe. Möglicherweise konnte er auch einige Kenntnisse übers. Voltigieren zur Sprache bringen. Ein klein wenig wusste er noch von einer Schulfreundin die ebenfalls diesen Sport ausübte.


    Und nicht nur den, kam er ins Grübeln. Seit über dreißig Jahren hatte er nicht mehr an sie gedacht. Seltsam, dass die jüngsten Ereignissen einen Schwall an erfolgreich verdrängt geglaubten Erinnerungen wieder ans Licht brachte.
    Das Mädel hatte alles zur Verfügung was man sich wünschen konnte. Sie stammte aus einem wohlhabenden Elternhaus und konnte sich auf alle möglichen Freizeitaktivitäten konzentrieren. Turnen, Ballett, Reiten und eben die Kombination daraus, das Voltigieren. Mit einer Freundin zusammen hatte sie sogar ein eigenes Reitpferd.
    Nein, ihr fehlte es echt an nichts.


    Doch das Alltagsgeschäft riss ihn aus seinen Gedanken. Ein befreundeter Elektriker hatte geklingelt. Er wollte seine selbst verlegten Strippen nochmals kritisch überprüfen, bevor er die Wände wieder zu putzte. Für die zeitaufwändigen Arbeiten der Renovierung brauchte er keine Firma, aber bei der Elektroinstallation wollte er sich absichern. Auch das spätere anklemmen mochte er lieber dem Fachmann überlassen. So weit war aber alles OK, was bedeutete, dass er den kommenden Samstag wohl eher mit Spachtel und Glättkelle in Latzhosen, denn in Gymnastikbekleidung verbringen würde.



    Kapitel 5


    Es dauerte ein paar Tage bis er wieder Zeit fand sich mit der Voltigiererin zu befassen. Bei dem angenehmen Wetter beschloss er ein wenig zu joggen. Nicht gerade sein Lieblingssport, doch ab und an musste er sich dazu zwingen. Der leichte Trab führte ihn entlang des gleichen Wegs wie letztens sein Spaziergang. Nur dass er diesmal in die Wohnsiedlung abbog, anstatt um sie herum zu gehen. Schon von weitem sah er das Objekt seiner Begierde. Sie balancierte wieder auf der Slackline vor dem Holzpferd und machte nicht den Eindruck besonders sicher auf dem schmalen Gurt zu stehen. Sie trug diesmal gelbe Capritights und darüber etwas, das wie ein Badeanzug in multiplen Regenbogenfarben aussah. Die Erschütterungen seines Laufs ließen keine klare Observierung zu, doch es schien als trüge sie an der Seite des ihm zugewandten Schienbeins eine recht hässliche Narbe. Möglicherweise war das der Grund für ihre Balanceunsicherheit.


    "Ganz schön sportlich", eröffnete er die Unterhaltung noch von weitem.


    Sie sah ihn an und sprang vom Seil herunter. Ob vor Schreck oder geplant vermochte er nicht zu bewerten.


    "Danke, gleichfalls" antwortete ihm eine eher leise aber dennoch kräftige Stimme.


    Er ließ seinen Lauf langsam ausklingen um auf ihrer Höhe zum Stehen zu kommen. Mögliche weitere Konversationsansätze waren unter seiner Schädeldecke bereits abrufbereit. Dann aber passierte das am wenigsten wahrscheinliche überhaupt.


    Es war Sie.
    Kein Zweifel.
    Trotz mehr als dreißig Jahren Trennung erkannte er die Augen in dem Gesicht, das ihm vor langer Zeit einmal so viel bedeutete. Seine gute Laune, ja sogar seine gesamte Lebensplanung für die kommenden Tage brachen auf einen Schlag zusammen.
    Dies war der Moment, wo in einem Italo-Western von Sergio Leone die Kamera erst abwechselnd die Opponenten bis zum Oberkörper zeigt. Dann nur noch die Gesichter um schließlich zu den unkonventionellen Tönen Ennio Morricones nur noch die jeweiligen Augenpartien Cinemascope-füllend präsentiert.
    Worten, die bereits auf dem Weg von seinem Sprachzentrum zum Mund waren, konnte er keine Stimme mehr verleihen.
    Doch auch in ihrem Blick lag Wiedererkennen. Sie stockte ebenfalls und in ihren Augen lag etwas, das man zwar nicht Reue, doch zumindest Trauer nennen konnte.


    "Ähh ..., ja ...", äußerte er stockend ohne einen Plan was er sagen sollte. "Bis dann...."


    Er musste weg hier. Einfach weiter. Sie nickte ihm zu, sagte aber nichts.
    Mechanisch trabte er wieder an. Ohne seine Umwelt wahrzunehmen lief er mehrere Querstraßen weiter bis er an der kleinen Parkanlage ankam. Sein Puls raste und der Boden unter ihm schien nachgeben zu wollen. Er musste sich auf eine der Parkbänke setzen.




    Kapitel 6


    Was für ein scheiß Tag.
    Jetzt hatte er endlich die Scheidung hinter sich, die Eltern unter der Erde, renovierte das Haus um mit einer neuen Perspektive in den nächsten Lebensabschnitt zu treten. Sogar eine vage Hoffnung auf jemand gleichgesinntes zu treffen - und dann sowas.
    Er fühlte sich schlecht. Nicht nur seelisch, sondern sogar körperlich. Es war weniger die Erinnerung selbst als vielmehr die Wucht, mit der jene längst vergessenen und weit verdrängten Geschehnisse ohne Vorwarnung in sein Leben zurück traten.
    Mit rationellem Denken kam er hier nicht weiter, denn eigentlich waren es Dinge aus der Jugend mit denen ein Erwachsener nach so langer Zeit abgeschlossen haben sollte.
    Doch er fürchtete bereits etwas anderes und das war ihm unangenehm. Niemand kannte ihn besser als er sich selbst. Es war eine Gabe und manchmal auch eine Bürde die eigene Psyche fast unabhängig wie von außen betrachten zu können.
    Was, wenn da trotzdem immer noch was zwischen ihnen war?


    In gemessenem Schritt trottete er nach Hause. Es ging wieder und innerlich rügte er sich, derart die Fassung zu verlieren. Er wollte das Thema abhaken, doch so richtig gelang es ihm nicht.
    Also machte er sich daran die Rohrschellen und sonstigen nötigen Befestigungen für die Installationen im Keller fest zu bohren. Danach lenkte ihn die Hausarbeit ab. Das Fernsehprogramm und eine halbe Flasche trockener Silvaner übernahmen die restliche Betäubung bis zum Einschlafen.



    Kapitel 7


    Am nächsten Morgen, Sonntag, fuhr er schon zeitig los. Die neu markierte Wanderroute durch das hügelige Felsenland mit all seinen Burgruinen und Klettervorsprüngen hatte er schon seit langem mal wieder abgehen wollen. Ein Hangrutsch machte vor drei Jahren eine neue Wegführung notwendig, die einige interessante neue Aussichtspunkte versprach. Bei dem milden Wetter hatte er sich für seine Laufhosen aus schwarzem Lycrastoff entschieden. Bei jeglichen Formen des Outdoor-Sports stieg kontinuierlich die öffentliche Akzeptanz derartiger Kleidung und so konnte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

    "Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?"
    Dieser Stoßseufzer eines jeden Wanderers beschäftigte ihn auf dem Atem raubenden Anstieg. Doch er hatte bewusst diese Richtung gewählt, denn nach den anfänglichen Strapazen würde der weitere Weg sich größtenteils auf gleichbleibendem Höhenniveau um die Bergkuppen schlängeln.
    Wie üblich genoss er das freizügige Gefühl seines Kunstfaser-Beinkleids, das selbst bequeme konventionelle Hosen einengend wirken ließ. Es war diese Ambivalenz der eng ansitzenden Tights zu der völlig unbehinderten Bewegungsfreiheit, die seine Schritte erleichterte.


    Das Musikprogramm seines mp3-Players hätte gut zu der Burgruine zu seiner Rechten gepasst. Eine Mischung aus Folkrock und Progressive Rock mit ausgedehnten, gewiss nicht Radiotauglichen Titeln. Doch er ließ das Gemäuer ohne weitere Beachtung hinter sich. Zu oft war er schon hier gewesen.
    Allmählich wurde der Weg flacher und er konnte die sauerstoffreiche Luft des Waldes genießen.
    Er vermied es angestrengt nicht an das Wiedersehen mit seiner alten Freundin zu denken. Was natürlich Blödsinn war, denn "nicht" an etwas zu denken bedeutet ja zunächst und grundsätzlich "doch" daran zu denken.


    Nach gut zwei Stunden erreichte er den neuen Aussichtspunkt und er musste gestehen, dass sich die Mühe gelohnt hatte. Mitten am Vormittag konnte er noch ungestört das grandiose Panorama bewundern. Links die zur Rheinebene abfallenden Hügel, geradeaus der Fernblick über das Flachland bis zu der blauen Kontur des Odenwalds. Rechts der Rücken oberhalb des nächsten Tals, gespickt mit schroffen Sandsteinfelsen. Er wusste wieder warum es ihm in seiner Heimat so gut gefiel.


    Die Musik hatte er abgestellt um die Natur um sich herum mit allen Sinnen wahrnehmen zu können. An Stelle des heute morgen ausgefallenen Frühstücks genoss er seine kleine Vesper aus Brot, Wurst, Käse, rohem Paprika und etwas Obst zum Abschluss.
    Natürlich dachte er an Gestern.


    Doch noch während er so sinnierte, unterbrach ihn die Ankunft weiterer Wanderer. Genauer gesagt Wanderinnen. Wie üblich kamen sie schnell ins Gespräch über die Natur im Allgemeinen und die herrliche Aussicht im Speziellen. Die beiden Ortsfremden waren etwas jünger als er, aber eine davon passte zumindest ansatzweise in seine Vorstellungswelt. Im Gegensatz zu ihrer etwas burschikos wirkenden Begleiterin, verhüllte sie ihre femininen Reize nicht mit schlabbriger Wanderkleidung. Gleich ihm trug auch sie Running-Tights. Jedoch waren diese matt und in ihrer Grundfarbe hellgrau. Die Nahtführung, sowie diverse abgesetzte Elemente in dunkelgrau, verbunden mit Ziernähten in Neongrün präsentierten ein strammes, trotz seiner Muskulosität elegantes Paar Beine, welches die Leggings prall ausfüllte. Zwar war dies das einzige Stück Lycrakleidung, doch die Art wie junge Frau ihr T-Shirt seitlich verknotete und so den Blick bis hinauf zum Taillenbund gestattete, zeugte von einer gewissen Präsentationslust.


    Er musste sich zurückhalten sie nicht andauernd anzustarren, während er die beiden über die Gegend und die landschaftlichen Besonderheiten aufklärte. Sie schlossen sich ihm für den weiteren Weg an und die nette Unterhaltung fand ihre Fortsetzung. Leider wurde in deren Verlauf immer klarer, dass egal wie sehr er sich anstrengen mochte, er nie die perfekt proportionierte Füllung der Lycratights würde berühren können. Offensichtlich waren die Beiden nur an ihrem eigenen Geschlecht interessiert und darüber hinaus auch schon ziemlich lange zusammen. Fast wie ein altes Ehepaar. Trotzdem bleiben sie für den Rest der Wanderung eine angenehme Abwechslung.
    Etwas wehmütig schaute er ihnen nach, als sich ihre Wege zu guter Letzt trennten.


    Ihm fehlte wohl die Berührung eines weiblichen Körpers in seiner favorisierten Kleidung.
    Erneut dachte er an das gestrige Wiedersehen und Erinnerungen an früher traten ihm wieder in den Sinn.



    Kapitel 8


    Es war ein milder Frühsommertag. Die Schulferien standen bevor und er war zufrieden mit sich und der Welt. Seit einigen Wochen häuften sich die Gelegenheiten an denen Sie ihm Aufmerksamkeit schenkte. Einige seiner Mitschüler fragten sich schon was Sie nur an diesem unförmigen Loser fand, und in der Gruppe hielt sie eher Abstand zu ihm.
    Doch immer wenn die anderen nicht dabei waren, war sie ganz anders. Mit seiner flapsigen Art konnte er sie stets zum Lachen bringen und man merkte wie wohl sie sich dabei fühlte nicht der von Ihr erwarteten Rolle entsprechen zu müssen.


    Sie, das war das begehrteste Mädchen seiner Jahrgangsstufe. Jede Woche zog sie mit einem anderen durchtrainierten Schönling um die Häuser und gab das Nachwuchsmodel. Alle waren scharf auf sie. Manche Menschen sind halt von der Natur begünstigt - andere eben nicht.


    Es war die Zeit in der Leggings noch Gymnastikhose hießen und Turnkleidung noch mehrheitlich schwarz zu sein hatte. Jene Zeit, in der Vorturnerinnen wie
    Jane Fonda und ihr europäisches Pendant Sydney Rome den neuen Bewegungstrend "Aerobic" propagierten. Man konnte sich dem ständigen Anblick ungewohnt bunter und glänzender Gymnastikkleidung allerorts nicht entziehen.
    Und Sie zählte zu denjenigen, die nur zu gerne auf diesen Zug aufsprangen und zeigten wie attraktiv sie in solchen Sachen wirkten. Ganz im Gegensatz zu ihm war sie eine wahre Sportskanone. Neben den angesprochenen Disziplinen wie Aerobic, bzw. Rhythmischer Gymnastik, stand auch noch Ballett, Reiten und Voltigieren auf ihrem Freizeitprogramm.


    Aber schon damals hatte ihn seine Zuneigung blind gemacht. Nicht nur zur Person, sondern auch zu ihrer Kleidung aus Lycra. Blind gegenüber ihrer Oberflächlichkeit, und blind gegenüber ihrer materiellen Einstellung. Jungs waren für sie nur dann interessant, wenn sie ihr zu Diensten sein wollten, ihr bei allem möglichen halfen. Darüber hinaus musste der potenzielle Partner gutaussehend und modebewusst sein. Jemand zum Angeben. Ein fahrbarer Untersatz war ebenfalls von Vorteil und vor allem musste er finanzielle Mittel vorweisen um all ihre materiellen Wünsche zu erfüllen und sie in die angesagtesten Lokale und Diskotheken auszuführen.


    All das hatte er nicht. Seine Eltern waren nicht wohlhabend und das kleine Siedlungshäuschen musste portionsweise abgestottert werden. Seine Kleidung musste praktisch, preisgünstig und lange haltbar sein. Für ein Moped war kein Geld vorhanden, selbst wenn er seine gesamte Freizeit ausschließlich mit Zeitung ausgetragen verbracht hätte. Es reichte gerade mal sie zum Italiener einzuladen. Nein, er entsprach ganz und gar nicht ihrer Welt.
    Trotzdem wollte sie sich sogar vorsätzlich immer wieder mit ihm treffen. Wenn sie ohne andere zusammen waren, schien sie in einer anderen Welt zu sein. Ohne das übliche Imponiergehabe spätpubertärer Jugendlicher konnten sie sich über alles unterhalten, miteinander lachen und Spaß haben.


    An besagtem Tag waren sie durch das Wiesental am Ortsrand spaziert und saßen eine ganze Weile auf der kleinen Bank neben der Quelle, die nur zu wenigen Zeiten des Jahres Wasser hervorbrachte. Beide verstanden sich prächtig und es wurde richtig romantisch. Zwischen ihnen knisterte es, was nicht nur an dem hellen, glänzenden Lycrabody lag welcher aus dem Bund ihrer Jeans hervortrat.


    "Was ist....", fragte er als sie unvermittelte eine Knutscherei anfing, "... mit deinen ... anderen Freunden?"


    Doch gerade hatte sie nur noch ihn im Visier. Ihn, den Uninteressanten. Ihn, den Loser, das fünfte Rad am Wagen.


    "Das sind doch ...", murmelte sie wann immer ihre Zunge Gelegenheit dazu bekam, "... nur so Typen die mir geben was ich will. Aber manchmal ...", Wieder untersuchte sie ihn auf Mandelentzündung, "... steht mir der Sinn nach was anderem."


    Ermutigt ließ er seine Hand vorsichtig über das glatte Material ihrer Oberbekleidung streifen und fühlte sich umgehend wie im siebten Himmel.


    Schon so oft hatte er sich ausgemalt, wie sich die seidigen Gymnastiksachen auf ihrem Körper wohl anfühlen mochten. Leider waren im Schulsport die Geschlechter getrennt und so konnte er nur selten einen Blick auf sie erhaschen. Wenn sie all ihren Mitschülerinnen die Schau stahl, in ihrem perfekt anliegenden Gymnastikanzug den sie über den glänzenden Leggings trug. Mit roten Ballettschläppchen an den Füßen schwebte sie geradezu wie die gleichnamige Bezeichnung des Turngeräts es forderte. Hochkonzentriert und elegant, die sonst wallende Löwenmähne am Hinterkopf zusammengebunden.
    Oder auf dem Reiterhof, Wo sie auf dem wippenden Rücken des Pferdes absolute Körperspannung von den Fingern bis zu den Zehenspitzen bewies. Der Ganzanzug in Türkis-metallic betonte ihr erregendes Muskelspiel.


    Und jetzt durfte er es fühlen. Die taktile Sensation an seinen Fingerspitzen.



    Kapitel 9


    Wieder zurück in seiner "Baustelle" hing er noch lange seinen Jugenderinnerungen nach.
    Bis zum heutigen Zeitpunkt konnte er nicht sagen was ihn damals mehr faszinierte. Der perfekte Mädchenkörper als solcher, oder die anschmiegsame Kleidung darüber.
    Er musste an sein erstes Mal denken. Nicht an "das" erste Mal, sondern sein erster physischer Kontakt mit der dehnbaren Kunstfaser, die ihn sein Leben lang begleiten sollte.
    Schon als Kind war seine Neigung latent. Rückblickend begann es wohl bereits im Kindergarten, als ihn die Beweglichkeit der Erzieherin beim spielerischen Sport faszinierte. Gleichsam ihre Bekleidung die alles verhüllte, jedoch jegliche ihrer eleganten Bewegungen zum Fest machte. Natürlich nahm er selbst das in dieser Deutlichkeit nicht wahr und erst viel später in seinem Leben erinnerte er sich daran.
    Seit jener Zeit entwickelte er auch ein Faible für das Tragen von Gymnastikschläppchen. Weich und fast unfühlbar erlaubten sie unbeschwerte Bewegung beim Sport und auch sonst. Leider mussten sie später dem in der Schule herrschenden Gruppenzwang zu regulären Turnschuhen weichen und er trug sie allenfalls noch als Hausschuhe.


    Beim stöbern auf dem Dachboden, das verwirrende Leben der Pubertät war gerade voll im Gange, stieß er auf eine Kiste mit alten Turnklamotten seiner Mutter.
    Die Sachen waren zwar nicht von der seidig glänzenden Beschaffenheit die er später favorisieren sollte, doch auch ihnen war die große Dehnbarkeit zu Eigen. Ein mattschwarzer Gymnastikbody, kurzärmlig mit rundem Halsausschnitt fiel ihm als erstes in die Finger. Das Material fühlte sich - ihm fehlten die Worte es gebührend zu beschreiben - einfach gut an. Erst strich er sich damit über seine Wange, dann befühlten seine Lippen das anziehende Gewebe. Gleich einem Säugling, der die Welt über die größtmögliche Ansammlung von Nervenenden erkundet. Eine Eigenart die er selbst als Erwachsener nicht völlig abgelegt hatte.


    Die Erinnerung daran, wie er wohl am besten in dieses "Ding" hineinkam war ihm so präsent wie an jenem Tag. Die größte Öffnung befand sich oben am Hals, wenngleich er nicht dachte, dass sich das Material derart weit dehnen ließ. Doch er war bereits vollkommen davon eingenommen und so war es lediglich eine Frage der Zeit, bis seine eigene Kleidung auf dem staubigen Boden lag. Wenn überhaupt, dann würde er den Body nur nackt über seinen Körper streifen können. Nachdem beide Beine von dem dehnbaren Stoff eigezwängt waren, musste er jede Menge Balance aufwenden um nicht der Länge nach hin zu schlagen. Dann zog er das Kühle Gewebe nach Oben über seinen jugendlichen Leib und spürte zum ersten mal die Erregung die es ihm bescherte. Dass er nicht schon jetzt unter Blutarmut im Gehirn litt war der Tatsache zu verdanken, dass er sich überlegen musste wie er jetzt wohl die Arme hineinbekam. Unter Aufbietung sämtlicher Anstrengungen hatte er es schließlich geschafft.


    Das Gefühl des "umspannt seins" war unbeschreiblich. Zentimeter um Zentimeter betastete er seinen stramm verpackten Leib. Keine Ahnung wie lange das dauerte, doch irgendwann konnte er nicht mehr anders. Die bereits häufig geübten Bewegungen an seinen sich entwickelnden Genitalien gingen ihm leicht von der Hand. Doch in der engen Lycrahülle war alles anders. Bereits nach zwei, dreimal zupacken setzten seine Sinne kurzzeitig aus und er musste sich überlegen wie man Kleidung von Hand wäscht und vor allem ungesehen wieder trocknet.


    In der Folgezeit hatte er mit dem Gymnastikanzug und später auch mit einer nicht minder erregenden, ebenfalls schwarzen Strumpfhose jede Menge Spaß. Letztere war nicht wie Strumpfhosen sonst waren. Egal wie sehr sie sich dehnen mussten, sie blieben immer undurchsichtig. Manchmal und unter größtmöglicher Vorsicht schlief er sogar in diesen Sachen und genoss die Enge die zugleich sehr freie Bewegungen ermöglichte.
    Von jenem Tag an war er infiziert.



    Kapitel 10


    Es dauerte ein paar Tage bis er sie wieder sah. Bis dahin drehten sich all seine Gedanken nur noch um sie. Auch seine Träume wurden von ihrem Anblick bestimmt. Die Wolke des Glücks auf der er schwebte war eine völlig neue Erfahrung.


    Sie hatte wieder einen ihrer "Dienstboten" an der Hand. Ein durchtrainierter Sportler mit wenig Hirn aber umso größerer Geldbörse.
    Offenbar hatte er sie neu eingekleidet. Die glitzernde dunkelblaue Steghose, die sich wie eine Gymnastikhose an ihren perfekten Beine schmiegte, der hellgraue Lycrabody im Schnitt eines Badeanzugs und darüber ein weit ausgeschnittenes, fast zerfranstes T-Shirt-Kleid, welches von einem breiten Gürtel an ihrer Taille zusammengehalten wurde hatte er bislang nicht an ihr gesehen. Mit diesem Outfit, das alle Blicke auf sich zog, war sie mal wieder Vorreiter in Sachen Mode. Tatsächlich lief wenige Wochen später die gesamte deutsche Frauenwelt so herum.
    Wie üblich ließ sie ihn in dieser Clique unbeachtet. Sie hatte ja genügend andere Spielkameraden und Bewunderer. Klar tat ihm das weh, doch das romantische Beisammensein letztens verklärte seine Sicht auf die Dinge.


    Noch am gleichen Abend sah er sie wieder. Er hatte den Nachmittag mit einigen seiner wenigen Kumpels in der Stadt verbracht, während Sie mit ihrer neuesten Eroberung losgezogen war. Als sammele sie Trophäen. Wie die ihrer Sportwettbewerbe.
    Der Bus brachte ihn und seine Freunde nach Hause, doch zumindest zu zweit hingen sie noch eine Weile am Park unweit der Haltestelle ab. Später blieb nurmehr er selbst übrig und machte sich auch langsam Gedanken über den Heimweg.


    In jenem Moment setzte der Schönling sie an der Haltestelle ab und fuhr dann mit vollständig aufgerissenem Gashahn davon. Sie hatte ihn nicht bemerkt und fummelte gereizt an ihrer Handtasche herum. Dabei murmelte sie einige abfällige Bemerkungen.


    "Brauchst du Hilfe?", erkundigte er sich.


    Sie zuckte überrascht zusammen, fand aber sofort wieder ihre Fassung und begrüßte ihn herzlich.


    "Ja, der blöde Reißverschluss klemmt und ich komme nicht an den Wohnungsschlüssel", verriet sie ihm, "und bei uns ist keiner zu Hause."


    "Dann warte doch hier noch etwas." So genau wusste er selbst nicht was er damit bezweckte, doch sie setzte sich tatsächlich neben ihn.


    Sie benahm sich wieder ganz normal, nicht so überheblich und eingebildet wie vorhin. Eigentlich wollte er sie diesbezüglich zur Rede stellen, traute sich dann aber nicht. Um wieder so einen glücklichen Moment zu erleben wie letztens, ließ er es ihr durchgehen.


    Sie redeten über die Schule, die bevorstehenden Ferien und das folgende letzte Jahr und was sie danach machen wollten.
    Er selbst hatte noch keinen konkreten Plan, aber sie schwärmte davon wie sie in der Modebranche arbeiten wollte. Und von einem Traummann um den sie alle beneiden würden. Mit viel Geld um ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. All dies nahm er nicht für bare Münze, sonst hätte er bereits jetzt merken müssen, dass er ihr das alles nicht bieten konnte. Doch sie erzählte farbenfroh von allen möglichen exotischen Orten welche sie bereisen wollte. Er ließ sich von ihrem Enthusiasmus mitreißen. Auch als sie als Alternative angab Sport zu studieren und erfolgreich im Turnen oder Voltigieren zu sein. In die Olympia-Auswahl wollte sie es schaffen.


    All diese Perspektiven imponierten ihm. Noch mehr gefiel ihm, als sie dort weiter machten wo sie letztens aufgehört hatte. Sie schmolz unter seinen tastenden Händen dahin, genauso wie auch er der Welt entrückt war. Das befühlen ihres makellosen, von Lycra eingehüllten Körpers legte jegliche Vernunft in ihm lahm. Eine gewisse Vertrautheit stellte sich ein. Sie musste nicht sagen wie er sie anfassen sollte und er brauchte nicht zu fragen.


    Es war bereits dunkel als sie das heftige "rummachen" beendeten. Wie sie ihn ansah - das konnte nur Liebe sein.


    "Ich glaub´ ich muss jetzt", schickte sie sich zum Aufbruch an.


    "Warte", hieß er sie und griff sich ihre Handtasche. Mit etwas Geduld und viel Geschick hebelte er den Schlitten über die verbogenen Zähne und der Verschluss ließ sich öffnen.


    Das brachte ihm zum Abschluss nochmals einen heftigen Kuss ein.


    "Danke", hauchte diese sinnliche Elfe leise als sie ihn verließ.


    Er selbst lehnte sich auf der Bank zurück, verschränkte die Arme im Nacken und war zufrieden mit sich und der Welt.
    Sehr zufrieden.

  • Vielen Dank Lycwolf für die Neu-Einstellung der "Zweiten Chance".
    Ein (anfangs) unbekanntes Grundstück mit einem neuen Eigentümer, der Lycrasachen zum Trocknen aufhängt, das lässt aufhorchen.
    Die Fantasie geht auf Reisen.
    Dann wird es offenbar, wer da die Sachen aufhängt, und die Welt des Betrachters gerät aus den Fugen.
    Rückblicke decken allmählich die Vergangenheit auf.
    Deine elequente Beschreibung bereitet mir Vergnügen, die Geschichte zu lesen.
    Hast du in Kap. 7 eine real existierende Gegend beschrieben?


    Mal sehen, wie es mit ihm und der "sinnlichen Elfe" weitergeht.

  • Schön dass es dir gefällt.
    Danke.


    Die Gegend ist eine Mischung aus verschiedensten Eindrücken, die ich einfach nach meinem Gusto zusammengemischt habe. Also keine in Gänze real existierende Landschaft.


    Dagegen lag das Voltigierpferd und die Slackline auf meinem täglichen Weg zum Bahnhof. Leider ist von der Slackline nurmehr die Halterung im Boden zu sehen und das Pferd war fast ein ganzes Jahr nicht mehr ohne Abdeckplane zu sehen.
    Da hat jemand anscheinend den Spaß am Voltigieren verloren - Schade.

  • Kapitel 11


    Vor lauter schwelgen in Erinnerungen war ihm völlig der Ablauf entgangen in welchem er die Vorbereitungen zum Verlegen der Fußbodenheizung im unteren Stockwerk getroffen hatte. Das hätte keine Eile gehabt, denn diesem Bauabschnitt wollte er sich erst kommendes Wochenende widmen. Das Material für den Estrichaufbau war bereits geliefert worden, doch er wollte sich noch über einige Tricks und Kniffe informieren, bevor er irgendwelche Fehler machte.


    Nach dem Duschen stieg er in einen schlichten Ganzanzug aus seidenmattem, dunkelblauem Lycra und machte es sich vor dem Fernseher gemütlich. Seine Gedanken an die Jugendereignisse hatten ihn dazu verleitet und er fühlte sich gut in den Sachen. Dazu noch die neuen weißen Schläppchen und ein kühles Bier - so ließ es sich leben. Der Anzug konnte zumindest in gewissen Grenzen liebevolle Berührungen ersetzen.


    Das Fernsehprogramm indes konnte ihn nicht fesseln. Immer wieder schweiften die Gedanken ab. Unglaublich wie deutlich alles wieder in sein Gedächtnis trat, wo es doch schon so lange her war.



    Weinfest im Nachbardorf.
    Seit ihrem letzten Zusammentreffen mit ihr waren einige Tage vergangen, in denen sie ihm wieder eher ablehnend gegenüber stand. Sie hatte ja auch genügend "Alternativen". Die meiste Zeit des Abends stand er mit Schulkollegen zusammen. Es war die Zeit, in der einige sich dadurch zu profilieren versuchten, indem sie zeigten wie viel Alkohol sie vertrugen. Was natürlich regelmäßig mit höchst unerfreulichen Nebenerscheinungen endete. Er selbst war da zurückhaltender. Nach seinen intensiven Erfahrungen, nach einer Zechtour sein Innerstes nach außen zu kehren, achtete er darauf dass es nicht ausartete. Natürlich gestaltet sich so etwas schwierig, hier wo der Schoppen noch echte 0,5Liter beträgt und auch der Eichstrich eher eine Mindestempfehlung darstellt - üblicherweise füllt man die Gläser so weit, dass man an ihrem Beispiel jederzeit einen Vortrag über Oberflächenspannung und Wasserstoff-Brückenbindung halten könnte.


    Da sie ihn nicht beachtete beschloss er das selbe mit ihr zu machen. Freilich gelang ihm das nur teilweise, denn immer wieder lenkte sich seine Aufmerksamkeit auf sie. Der dunkelrote Gymnastikbody der aus ihrem kurzen Röckchen hervortrat, machte sie zum Eyecatcher. Sein seidiger Glanz setzte den mädchenhaften Leib eindrucksvoll in Szene. Der abendlichen Kühle begegnete sie mit einer glänzenden, fast dunkelbraunen Strumpfhose, sowie mit einem leichten, luftigen Umhang, der ihren bloßen Oberarme bedeckte. Den unteren Abschluss bildeten schlichte schwarze Lederballerinas.


    In der ersten Hälfte des Abends zog sie mit Bekannten von der Schule umher. Wie Motten die das Licht umschwärmten. Die Art wie sie sich ihr anbiederten betrachtete er abfällig. Auch bei ihm stieg die Wirkung der alkoholhaltigen Genussmittel und er begann sich zu hassen. Zu hassen dafür, dass er gerne eine jener Motten wäre, nur um in ihrer Nähe zu sein.
    Es war spät und die Reihen der Besucher lichteten sich. Diejenigen seiner Clique die noch nicht abgestürzt waren, oder noch keine Partnerin für dunkle Ecken gefunden hatten, machten sich so langsam auf den Heimweg.


    Das Objekt seiner Begierde hatte mittlerweile ältere Typen um sich geschart. Sollte sie doch. War ihm doch egal.
    Letztendlich war es ihm aber nicht egal. Trotz seiner leichten Benebeltheit erkannte er, dass da bei ihr was aus dem Ruder lief. Die finsteren Gestalten wurden zunehmend zudringlicher und abgefüllt wie sie schien, ließ sie das viel zu lange zu. Doch nun begann sie sich vergeblich dagegen zu wehren.


    Er musste einschreiten, wenngleich er nicht wusste wie. Seine Schritte waren selbst nicht mehr die stabilsten.


    "Hey!" rief er den Typen zu, "lasst das Mädel in Ruhe".


    Überraschenderweise reagierten die beiden. Ihren dritten Mitstreiter hatten sie wohl verloren und wollten die "Beute" jetzt untereinander aufteilen.


    "Es ist genug", fuhr er fort, "merkt ihr nicht dass sie das nicht will?"


    "Und wen interessiert das, Pummel?"


    Das klang als hätte er sich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Er überlegte bereits wo ihm die zu erwartenden Schläge am wenigsten weh tun könnten. Trotzdem schritt er unerschüttert weiter auf sie zu.


    "Ich..", überlegte er seine Antwort, "... ich... bin ihr Bruder....", was besseres wollte ihm nicht einfallen. "... und wenn ihr sie nicht in Frieden lasst, hole ich
    noch unseren älteren Bruder dazu."


    Das Zögern der beiden älteren Typen gab ihm Oberwasser und er stürmte vor, griff ihren Arm und zog sie davon. Die beiden anderen würden sich so schnell nicht geschlagen geben, schließlich hatten sie einiges in diese Maus investiert und wollten sich nicht ohne Profit zufrieden geben. Ein Gerangel und Handgemenge begann, doch bevor er zu viel abbekam erschienen die Standbetreiber auf der Bildfläche und trennten sie.


    "Auseinander! Ihr habt genug" und an die beiden Rowdies gewandt "Verpisst euch und lasst euch hier nicht mehr sehen", dabei zuckte ein kurzer Knüppel in die Höhe und die beiden Helden nahmen Reißaus.


    Er wartete nicht länger und schob die jammernde und lamentierende kurzentschlossen in Richtung Heimat. Mehr ein Stolpern denn ein Gehen. Von Stützen konnte keine Rede sein, eher hing sie an ihm und er musste sie immer wieder antreiben einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Nachbardorf war gut drei Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. Normalerweise nicht viel, aber mit einem volltrunkenen Zementsack an der Schulter dennoch anstrengend weit. Zudem war es finster. Zwar genügte das Licht des dreiviertel Mondes gerade so um den Weg zu erkennen, aber das machte die Angelegenheit auch nicht leichter.
    Außer gelegentlichem jammern war sie erstaunlich still. Dort wo die Brücke über den kleinen Bach führte hielten die beiden an. Er wollte die Seite wechseln.
    Sie wurde wacher.


    "Wwo ssinn wir denn...?", fragte sie obwohl sie mit seiner Antwort bestimmt nicht viel anfangen konnte.


    "...ich wuusde gahnich dassich einen Bruhuder habe..." Offenbar kam sie erst jetzt wieder zu sich und wurde sich der Knappheit bewusst mit der sie großem
    Ungemach entgangen war.


    "Ich hab´ mich noch gahnich bbei dir bedankt", fuhr sie fort, nur unterbrochen davon, dass er sie auf seine andere Seite nahm.


    "Schon OK", entgegnete er.


    "Nein!", erwiderte sie unter zornigem aufbäumen. "Alle anderen hätten mich dort gelassen, nur...", sie musste kräftig aufstoßen "...nur du niiichdd". Beim letzten Wort versagten ihre Beine und er hatte Mühe sie fest zu halten.
    "Ich glaube nich...", dozierte sie im Stil ihrer Akademikereltern, ".... dass deine Klamotten durch ein ... ausgiebiges Erbrechen viel an Qualität gewinnen, deshalb solltest du ...."


    Er konnte sie gerade noch über das Brückengeländer legen und ihre Haare zurückhalten als es auch schon in den Bach plätscherte. Begleitet von endlosen Würgegeräuschen. Nach einiger Zeit war es vorüber und von ihr war lediglich heftiges Schnaufen zu vernehmen.


    "Hier", reichte er ihr sein Taschentuch.


    "Du bissd ...", stockte sie immer wieder während sie sich den Mund abwischte, "... der bessde Kerl ... hier ... in ... un.... überhaupt!"


    Ihrem gutgemeinten Versuch ihn zu küssen konnte er gerade noch so entgehen. Auch auf dem restlichen Heimweg wollte sie sich wiederholt auf diese Art erkenntlich zeigen, doch unter diesen Umständen verzichtete er gerne darauf.
    Sie hatte Glück dass bei ihr niemand zu Hause war, denn auf diese Weise brauchte sie sich weniger zu schämen. Er legte sie drinnen auf die Couch, legte ihr noch eine Decke über und sah zu dass er Land gewann.
    Zumindest stand sie jetzt in seiner Schuld.



    Kapitel 12


    Am nächsten Abend traf er sie wieder. Sie wirkte noch ein bisschen verkatert, doch hinderte sie das nicht daran in ihren Sportsachen einfach gut auszusehen. Leggings, Jeansrock, Lycrabody, selbst das obligatorische Stirnband fehlte nicht. Sie fiel ihm ohne Vorwarnung um den Hals und drückte und küsste ihn heftig.


    "Danke nochmal für alles. Du bist ein ganz Lieber." Bei dieser Aussage bohrten sich ihre Augen tief in sein Herz.


    Er fühlte sich wie ein König. Die guten Dinge würden also doch zu denen kommen, die Geduld zeigten. Er umfasste ihre schmale, in seidiges Lycra gehüllte Taille und wähnte sich im siebten Himmel.


    "Du, ich muss noch mit meinen Eltern weg", erklärte sie. "Nochmals vielen Dank dass du mich nach Hause gebracht hast. Hab´ dich lieb."


    Nach einem erneut leidenschaftlichen Kuss entschwand sie auch schon wieder, nur um gleich darauf zurückzukehren und nochmals ihren verführerischen Körper an seinen zu pressen. Auch ihre Lippen fanden nochmal die seinen, als hätte sie vorhin etwas vergessen. Seine Hände durften noch ein wenig das seidige Gewebe ihrer Kleidung berühren, bis sie sich endgültig von ihm losmachte.


    "Jetzt muss ich aber wirklich."


    Hätte er gewusst, dass sie statt zu ihren Eltern zu einem ihrer gutbetuchten Dressmen ging, wäre ihm einiges erspart geblieben.



    Kapitel 13


    Die folgenden Tage war sie oft auf dem Übungspferd zu sehen, als sein Bus an dem Abseits stehenden Haus vorbeifuhr. Selbst wenn er sie hätte vergessen wollen, wäre ihm das nicht gelungen. Dennoch beobachtete er sie mit einer gewissen Reserviertheit.
    Abgesehen von der langen Narbe, die von ihren Capri-Hosen nicht ausreichend verdeckt wurde, war sie gut in Form. Dennoch wirkten ihre Übungen etwas gezwungen und unsicher. Womöglich war eine Verletzung dafür verantwortlich.


    Gegen Ende der Woche sah er sie nicht mehr und es tat ihm gut seine Gedanken wieder auf den Alltag zu lenken.
    Freitag Abend ging er zum Einkaufen. Wegen der spätsommerlichen Wärme trug er dunkelblaue Radler zu seinem T-Shirt. An der Kasse beanspruchten ungezogene Kinder die alles antatschten seine Aufmerksamkeit. Von deren überforderter Teenie-Mutter war kein erzieherisches Eingreifen zu erwarten und er war froh als er endlich durch und auf dem Weg zum Parkplatz war.


    "Du hattest jemand anderes erwartet, stimmt´s?"


    Die Frage kam hinter dem Einkaufswagen zu seiner Rechten hervor und auf seinen fragenden Blick hin wiederholte die leise und doch deutliche Stimme: "Vorletzte Woche. Du hattest jemand anderen erwartet."


    "Du etwa nicht?", stellte er eine Gegenfrage während er seine Überraschung sie hier zu treffen wieder unter Kontrolle brachte.


    "Zumindest wusste ich nicht, dass du mittlerweile sportliche Ambitionen hast."


    Diese leger kumpelhafte Konversation ihrerseits passte ihm überhaupt nicht.
    Jetzt hinderte ihn auch noch einer der typischen kurzen Regengüsse daran schnell zu seinem Wagen zu kommen. Diese Begegnung kam ihm richtig ungelegen, erwischte sie ihn doch auf dem falschen Fuß. Beide waren gezwungen unter dem großen Vordach des Marktes zu warten.


    "Du stehst also immer noch auf Lycra", meinte sie leise mit einem Blick auf seine schimmernden Radler.


    Wie Mr. Spock es damals immer zu tun pflegte, zog er erstaunt eine Augenbraue hoch.


    "Nun tu doch nicht so. Unter allen mit denen ich damals herumgezogen bin, warst du der Einzige der nicht an meiner nackten Haut interessiert war, aber bereits vom Anblick meiner Turnsachen voll abging. Ganz zu schweigen von Berührungen."


    "Mit mir bist du nicht herumgezogen", erwiderte er leise und sehr ernst, fast vorwurfsvoll nach einer Denkpause. Der Folgesatz `Ich war immer nur deine zweite Wahl` stand unausgesprochen zwischen ihnen.
    Kühl und abweisend ließ er sie spüren, dass er wenig Lust auf eine Unterhaltung hatte. Zum Glück zog der Schauer vorüber und überließ unverzüglich dem Sonnenschein wieder das Feld.


    Auch sie war ernsthafter geworden und seinem Blick ausweichend meinte sie kleinlaut "Ja, das stimmt. Ich würde gerne mit dir über das alles reden, wenn du...."


    "Ich halte das für keine gute Idee", fiel er ihr ins Wort. Eigentlich wollte er sie vorwurfsvoll fragen was es da noch zu reden gäbe, entschloss sich aber Größe zu zeigen und es einfach auf sich beruhen zu lassen.
    "Ich muss los", verabschiedete er sich knapp und schob seinen Drahtgitter-Wagen davon.



    Kapitel 14


    Das neuerliche Zusammentreffen hatte ihn vollends aus der Bahn geworfen. Unkonzentriert versuchte er sich an die Ratschläge seines Installateur-Kameraden am Vorabend zu erinnern, als er begann die profilierte Dämmung auszulegen. Die einfachen und zeitintensiven Arbeiten hatte er beschlossen möglichst selbst auszuführen, so dass die Fachleute nur noch die anspruchsvolleren Handgriffe beisteuern mussten. So auch bei der Fußbodenheizung. Zumindest das untere Stockwerk musste er noch vor der kalten Jahreszeit fertig bekommen, da die alten Heizkörper bereits entfernt waren.


    Sie sah immer noch gut aus für ihr Alter. Für ihr beider Alter, dachte er an den gestrigen Abend zurück als er die Styroporblöcke für die Rand- und Eckbereiche einpasste. Natürlich ging die Zeit auch an ihr nicht spurlos vorbei, doch einige Jahre jünger als in Wirklichkeit konnte sie ohne weiteres durchgehen. Immer noch diese Grübchen hinter den Mundwinkeln und der vieldeutige Blick.
    Vor nicht allzu langer Zeit stolperte er in einem Musikmagazin über ein Portrait der skandinavischen Band Cardigans. Er mochte zwar die Musik, konnte aber die Videos damals nicht leiden. Allerdings nur, weil deren Frontfrau Nina Persson ihr so unglaublich ähnlich sah. Selbst wenn er das aktuelle Bild der Sängerin mit ihr verglich war die Ähnlichkeit noch immer frappant.


    Mist. Verschnitten.
    Gut dass es beim Unterbau nicht so darauf ankam. Aber er musste sich zusammenreißen und auf die Arbeit konzentrieren. Undichte Leitungen würden aus seinem Boden später einen Swimming-Pool machen.
    Nachdem er sich selbst ermahnt hatte, klappte die anschließende spiralförmige Verlegung der Kunststoffleitungen problemlos, wenngleich das fortwährende einclipsen Zeitraubender war als vermutet. Aber er hatte ja Zeit. Zum Schluss verlegte er von der Eingangstür bis zur Treppe in die oberen Räume noch Dielenbretter auf Holzböcken, damit die empfindlichen Leitungen geschützt bleiben bis der Estrichleger kam.


    Es ging bereits gegen sechs und er beschloss zum Feierabend den Sonnenuntergang auf der Bank vor dem Haus zu genießen. Die Abendsonne würde Lycrakleidung hervorragend in Szene setzen, statt dessen schien sie aber lediglich auf ein durchgeschwitztes Holzfällerhemd, staubige Latzhosen und alte Arbeitsstiefel.


    Es war ein Abend wie dieser, an welchen sich sein Verhältnis zu ihr für immer ändern sollte.




    Kapitel 15


    Zu jenem Zeitpunkt aber, hielt er es für undenkbar, sie jemals nicht lieben zu können. Doch dann kam der schicksalhafte Freitag Abend. Die Jugendlichen vom Ort waren mehr oder weniger alle am Dorfplatz versammelt. Ob man lediglich mit einem Sixpack etwas hier abhing oder ob man noch was anderes unternahm, würde sich zeigen.
    Stolz wie Bolle fieberte er dem Wiedersehen mit seiner neuen Freundin entgegen. Zumindest ging er davon aus dass sie jetzt zusammen waren, nach all diesen Intimitäten. ER hatte es geschafft. ER hatte sich gegen all diese geschniegelten Typen durchgesetzt. SIE hatte ihm ihre Liebe gestanden.
    Unter seinen eher skeptischen Kumpels hatte er sogar schon ein wenig damit geprahlt. So großartig wie er sich fühlte konnte nichts und niemand ihm den Abend verderben.


    Bester Dinge sah er ihr entgegen, als dieses scharfe Schwert auf ihn zu schwebte. Die knallrote Steghose lag eng an ihren Beinen und obenrum trug sie einen langärmligen Turnanzug in dunklem Lila mit dezenten Strassverzierungen. Ein äußerst breiter Gürtel legte sich locker um ihren Taillen- / Hüftbereich. Die ebenfalls violetten Pumps waren zwar wegen des Absatzes nicht sein Favorit, ergänzten aber perfekt ihr sonstiges Outfit.


    Gerade wollte er die Arme zur Begrüßung ausbreiten, als sie schnurstracks ihn komplett ignorierend zu diesem reichen Fatzke auf dem Motorrad lief und in dessen, anstatt in seine Arme fiel.


    Ein paar mal hatte er sich das gefallen lassen, aber das war jetzt eindeutig zu viel. Mit festem Schritt trat er auf sie zu und nahm sie sanft aber bestimmt am Arm.
    Seine Kameraden warteten gespannt auf das was jetzt passieren würde.


    "Was soll das bedeuten?", fragte er anklagend.


    Unverständlich blickte er in ebenso verständnislose Augen.


    "Ich dachte..." Plötzlich stockte er. Ob es Zornes- oder Schamesröte war die in ihm aufstieg vermochte er nicht genau zu sagen. "Wir sind doch zusammen", verkündete er schließlich mit fester Stimme.


    "Wir?", fragte sie und ihre Stimme überschlug sich fast dabei. "Da wüsste ich aber was davon", verhöhnte sie ihn als sie sich hinter diesen gegelten Popper auf das Moped schwang. Dieser grinste nur grenzdebil und startete das Gefährt. Viele der umstehenden waren näher gekommen. Das konnte interessant werden.


    "Ich weiß wirklich nicht wie du auf diesen schmalen Ast kommst", spottete sie weiter während sie den Helm überzog. "Schau dich mal an und dann schau mich an. Das muss dir doch auffallen, dass du schon mehr zu bieten haben solltest."


    "Aber..., Aber....", stammelte er hilflos, immer noch nicht begreifend welcher abwegigen Wunschvorstellung er aufgesessen war.
    Er stand noch immer wie versteinert auf der gleichen Stelle, während die beiden bereits nicht mehr zu sehen waren.
    Alle um ihn herum lachten.


    "Abba,...Abba...", skandierten sie immerfort in höchstem Amüsement.


    Sie lachten ihn aus und er wollte vor Scham im Boden versinken. In seinen Augen spürte er Feuchtigkeit und unter schallendem Gelächter rann er davon.


    Wie konnte er nur so blöd sein? Ein Blinder hätte gesehen dass sie ihn nur benutzte, so wie sie alles und jeden benutzte. Das schlimmste war jedoch nicht die Abfuhr an sich. Mit so etwas konnte er Bände füllen. Schlimmer war, dass sie tatsächlich nicht wusste wovon er sprach. In ihrem Wertesystem kam er einfach überhaupt nicht vor, trotz allem was er für sie getan hatte. War er nur ihr Zeitvertreib wenn die anderen nicht konnten? Noch nie hatte er eine größere Demütigung erfahren und in dieser Nacht schwor er sich, dass es auch nie wieder so weit kommen würde.



    Kapitel 16


    Der Estrichleger hatte die untere Etage fertig und die Baustelle sogar ungewohnt sauber hinterlassen. Jetzt hatten die Renovierungsarbeiten einige Tage Pause bis alles ausgehärtet war. Nur gut dass im oberen Stockwerk alles fürs alltägliche Leben vorhanden war. Nur von der Eingangstür zur Treppe zu gelangen erforderte einen gewissen Balanceakt.


    Der Spätsommer war ziemlich zu Ende und das Schmuddelwetter häufte sich. Selbst das Trainingspferd in ihrem Vorgarten war wieder unter der grauen Plane verborgen.
    Für Heute war er fertig. Die Hausarbeit war erledigt, mit dem Installateur hatte er einen Termin für kommende Woche vereinbart und jetzt konnte er ausspannen.
    Dies gelang ihm am besten mit einem Gläschen Wein, einem guten Buch und selbstredend in seiner Lieblingskleidung. Da es etwas kühler wurde, er aber momentan Heizungstechnisch eingeschränkt war, wählte er seine silbergrauen Glanzleggings. Eigentlich eher eine Strumpfhose, denn sie hatten angeformte Fußteile. Darüber trug er nur einen Langarmbody. Den kuschligen mit dem dunkelroten Torso aus Samt und den seidigen schwarzen Ärmeln. Er liebte dieses Teil das ihn bis zum Stehkragen am Hals umschloss wie eine Umarmung.
    Hier auf der Couch brauchte er keine Schläppchen, aber wegen der Baustelle hatte er seine Gymnastikschuhe aus Leinen mit Gummisohle bereitgestellt. Schließlich war es noch früh am Abend und es konnte durchaus sein, dass er Lust auf etwas aus der Küche bekam.


    Zunächst jedoch lehnte er sich zurück und schlug das Buch bei der Kurzgeschichte auf, die er vor einigen Tagen zu lesen begonnen hatte.
    Die Sci-Fi-Story eines Asia-Amerikaners, die sich vordergründig mit einem Erstkontaktszenario mit Außerirdischen beschäftigte fesselte ihn. Unterhalb des offensichtlichen fand sich aber auch eine sehr gefühlvoll beschriebene Abhandlung über die Linearität und das Wesen der Zeit am Beispiel einer persönlichen Tragödie. Nicht gerade leichte Kost und viel Spielraum für die Phantasie, deshalb liebte er es.
    Draußen wurde es fast schlagartig dunkel, als ein heftiges Gewitter mit Donnern und Starkregen auf sich aufmerksam machte. Zum Glück war das Dach neu gedeckt.


    Es klingelte an der Tür. Nur kurz, deshalb lauschte er aufmerksam ob es sich wiederholen würde, oder ob er nur vom Gewitter getäuscht wurde.
    Klopfen.
    Jetzt hörte er es ganz deutlich. Die Situation hätte besser zu einem Schauerroman gepasst. Er erwartete niemanden.


    Als er sich anschickte zu öffnen wurde ihm sein Aufzug bewusst. Ganz so fetischistisch wollte er dem Besucher, wer immer es sein mochte, nun doch nicht gegenüber treten. Wo war nur seine Jogginghose?
    Es klopfte erneut, doch durch den prasselnden Regen war es kaum zu hören.
    Endlich fand er die Schlabberhose und zog sie geschwind über. Noch in die Schläppchen hinein und schon hastete er die Treppe hinunter.


    "Ich komme!", rief er als es wieder an die Tür pochte.


    Das Öffnen der Haustür ließ einen Schwall Regenwasser trotz des Stummelvordachs auf die staubige Verschalung des Bodens plätschern. Vor ihm stand jemand triefend nasses. Mit den Händen schützend über dem Kopf konnte er die Person kaum erkennen. Dann gaben ihm die im Gesicht klebenden langen Strähnen dunkelblonden Haares einen Hinweis.


    "Bitte ...", begann sie in einem weinerlichen Tonfall. Zu mehr kam sie durch ihr Zittern nicht und natürlich ließ er sie eintreten.


    Schnell die Tür wieder schließen. Es schien als wäre ein Staudamm gebrochen, so sehr tobte das Mistwetter. Auch wenn das jetzt ungelegen kam und er keine Lust verspürte die unterbrochene Konversation vom Supermarkt fort zu führen, konnte er sie unmöglich abweisen.
    Sie war bereits ein wenig über den Steg aus Dielenbrettern balanciert bis er sich wieder zu ihr umdrehte.
    Wie ein begossener Pudel stand sie da. Bibbernd, die Unterarme fest an den zitternden Leib gepresst. Ihre Steghose war kein Wetlook-Lycra, sie war tatsächlich durch und durch nass.


    "Bitte ... ich ...", begann sie von Neuem, kam aber vor schluchzen nicht weiter.


    "Bei mir ist Baustelle", übernahm er. "Sei vorsichtig, der Boden ist noch nicht fest", geleitete er sie zur Treppe. "Das Bad ist oben rechts."


    Sie nickte und stieg vor ihn hinauf. Klar wusste sie wo das Bad ist, ihr Haus ist ja nach dem gleichen Muster gebaut.


    "In der Kommode auf der linken Seite findest du frische Handtücher", rief er durch die geschlossene Tür, dann ging er in den Raum der momentan als Wohnzimmer diente und unternahm zumindest den Versuch etwas aufzuräumen.


    Mit immer noch durchweichter Kleidung kam sie zurück und rubbelte sich immer noch die Haare.


    "Ich hab´ leider nichts was die auch nur annähernd passen könnte, aber du musst aus dem nassen Zeug raus. Ich kann dir ein paar warme Decken ..."


    "So wie du aussiehst hast du doch bestimmt etwas Turnkleidung oder so", fiel sie ihm ins Wort und so wie er momentan gekleidet war lag der Verdacht natürlich nahe.


    Er hielt einem Moment inne, dann sagte er "Ich schau mal" und verzog sich ins Schlafzimmer nebenan.
    Über die Jahre hatten sich ja schon einige Stücke seiner geliebten elastischen Faser angesammelt. Doch trotz dieser Eigenschaft war nichts dabei was auch nur ansatzweise nicht an ihr herum geschlabbert hätte.
    Außer - Nein, das wäre unangemessen. Oder vielleicht doch nicht? Warum sollte er der Vergangenheit nachhängen? Und außerdem war es ja eine Notlage.


    "Hier", drückte er ihr das grüne Bündel in die Hand. "Der müsste dir passen. Ist leider das Einzige was ich in deiner Größe habe."


    Sie ging wortlos aber keineswegs überrascht damit zurück ins Bad.


    "Auch einen Schluck Wein?", rief er ihr hinterher.


    "Nein Danke, ich möchte keinen Alkohol" kam gedämpft hinter der Tür hervor. "Mir wäre eher nach etwas warmem."


    "OK, ich mach dir ´nen Tee", sagte er und stieg hinunter in die Küche.


    Hier hatte er sich übergangsweise so eingerichtet, dass er an die nötigsten Sachen rankam. Während der Wasserkocher blubberte, packte er Tasse, Löffel, Kandis und die kleine Holzbox mit diversen Teebeuteln auf ein Tablett. Wieder oben angekommen holte er noch eine Wolldecke und ein Paar dicke warme Socken aus dem Schlafzimmer.
    Diese blöde Jogginghose raubte ihm den letzten Nerv. Zwar hielt sie im Samtbereich seines Turnanzugs recht gut, doch überall dort wo glattes Lycra war rutschte sie ständig ab.


    "Wegen mir musst du deine Verkleidung nicht aufrecht erhalten."


    Sie war unbemerkt aus dem Bad getreten, gerade als er die Schlabberhose wieder mal hochziehen musste. Er starrte sie wie versteinert an. Nicht wegen ihrer Bemerkung, denn damit hatte sie ja Recht und er ließ die ungeliebte Hülle fallen. Nein, es war wegen ihres Aussehens. Einen Moment lang sah er seine Ex-Frau und eine Woge von Erinnerungen brandete durch seinen Kopf.


    Es war der Zentai seiner Frau. Das einzige Erinnerungsstück das er von ihr behalten hatte. Das Teil war damals gar nicht so leicht aufzutreiben, denn es unterschied sich von den gängigen "Komplettverhüllungen" in zwei Punkten. So schön die Anonymisierung auch kurzfristig sein mochte, so unpraktisch ist sie bei längerem Tragen. Die Kopfhaube war deshalb nicht geschlossen, sondern hatte einen ovalen Gesichtsausschnitt. Genauso fand er für die Hauptaufgabe von Lycra, nämlich das Berühren, die angeformten Finger hinderlich. Zwei Schichten vermittelten weniger Direktheit, deshalb endeten die Ärmel am Handgelenk. Die Fußteile dagegen empfand er als äußerst angenehm.
    Er selbst besaß den gleichen Zentai-Typ, nur in schimmerndem Blau.


    Sein Gast schlüpfte dankbar in die bereitgelegten Wollstrümpfe und wickelte sich auf dem Sessel in die Decke ein. Die noch leicht feuchten Haare hatte sie unter die Kopfhaube gesteckt, was auch in dieser Richtung einer Erkältung vorbeugte. Genau wie der heiße Tee.


    "Du bist immer noch so fürsorglich wie früher", bemerkte sie nachdem sie eine Sorte ausgewählt hatte und in der warmen Tasse ziehen ließ . Und die eisigen Hände daran wärmte.


    Er streifte unterdessen die staubigen Schläppchen ab und machte es sich wieder auf der Couch bequem. Eine Weile lang sprach niemand. Nur ab und zu schlürfte sie am ihrem Heißgetränk, bis sie bemerkte, dass sie jetzt eigentlich an der Reihe war einiges zu erklären.


    "Du fragst dich sicher was das alles soll. Warum ich gerade bei dir Unterschlupf vor dem Sauwetter gesucht habe?"


    Er nickte leicht, aber abwägend ob er sich das tatsächlich fragte.


    "Nun", sie holte tief Luft, "Es war kein Zufall. Ich war tatsächlich auf dem Weg zu dir, denn ich wollte dich bitten mir wenigstens die Chance für eine Erklärung zu geben."


    Er erwiderte nichts darauf, schien aber sogar interessiert an dem zu sein was sie wohl zu berichten hätte. Durch die Umstände ließ es sich ja sowieso nicht mehr umgehen, also konnte er ihr auch zuhören.


    "Eigentlich wollte ich beim Einkaufen schon die Gelegenheit beim Schopf packen mich bei dir zu entschuldigen."


    Diese Erkenntnis kam ihr ziemlich spät, dachte er, ließ aber ihre Entschuldigung unkommentiert stehen.


    "Seit ich wieder zurück bin, tue ich eigentlich kaum was anderes als mich zu entschuldigen. Dass mir in der Regel nur Türen vor der Nase zugeschlagen werden, kann ich vollkommen nachvollziehen. Du warst nicht der Einzige den ich ausgenutzt und abfällig behandelt habe."


    In die folgende Stille sprach sie nach einiger Zeit leiser "Dass ich jeden vor den Kopf gestoßen habe und mich wie der letzte Dreck verhielt."


    "Seit wann bist du zurück", wollte er wissen bevor sie sich in weiterem Selbstmitleid ergehen konnte.


    Nach einem kräftigen Schluck des mittlerweile trinkwarmen Tees antwortete sie "Seit etwas über einem viertel Jahr. Ich hatte nur noch die Möglichkeit hierher zurück zu kommen. Ins Häuschen von Oma."


    Wieder sagten beide lange Zeit nichts.


    "Ich versteh´ das nicht so ganz", griff er die Unterhaltung wieder auf, "du warst doch Jahrzehnte fort. Wie kommt´s dass es dich wieder in die Heimat zieht?"


    "Das ist ...eine lange und nicht ganz unkomplizierte Geschichte."


    Er legte demonstrativ die Hand an sein Ohr als wolle er die Geräusche des Regens von draußen verstärken. "So wie´s aussieht haben wir Zeit und bei dem Wetter kannst du so schnell nicht nach Hause."


    "Nach Hause", wiederholte sie abwesend und eher vor sich hin sprechend. "Seit dreißig Jahren hatte ich keine Bleibe die ich als "Zuhause" bezeichnen mochte.
    Ich lebte im puren Luxus, musste nur mit den Wimpern klimpern und bekam alles wonach mir der Sinn stand. Ich lebte in den angesagtesten Städten und den exotischsten Regionen - aber zu Hause? Zu Hause war ich nirgends."


    So langsam wirkte die Wärme des Getränks und sie legte die Decke weniger eng um sich. Er goss sich nochmal ein Glas Wein nach und trank einen vollmundigen Schluck.


    "Ist dir schon mal die Idee gekommen", fragte er nachdem die Säure in seinem Mund verflogen war, "dass, egal was du auch anstellst, aus denen die du mit Füßen getreten hast keine Freunde mehr werden?"


    "Doch, natürlich. Aber wenn ich nicht mein möglichstes gebe um die Wogen wenigstens etwas zu glätten, weiß ich nicht wie es weitergehen soll."


    Das wiederum klang fast fatalistisch, wenn nicht sogar depressiv.


    "In den letzten Tagen", fuhr sie fort, "bin ich schon ein Paarmal hier herum geschlichen. Ich war mir nicht sicher ob du noch zu Hause wohnst und das Baumaterial draußen hätte ja auch bedeuten können, dass jemand völlig fremdes das Haus renoviert. Ohne das Unwetter hätte ich heute auch wieder nicht den Mut gefunden. Seit unserer Begegnung hatte die Aussprache mit dir Priorität, aber ich hatte ja keine Telefonnummer und nur die Vermutung dass du noch hier wohnst. Zum Glück ändern sich manche Dinge nie."


    "Da hast du aber eigentlich Glück gehabt, denn ich bin selbst noch kein Jahr wieder hier. Lange Zeit hatte ich", er korrigierte sich, "hatten wir in der Stadt gewohnt."


    "Wer ist wir?", fragte sie mit einem Erstaunen das unangebracht schien.


    "Denkst du denn, ich hätte mich all die Jahre still und einsam nach dir verzehrt?"


    In seiner Reaktion lag viel Zorn, der wieder in ihm hochstieg.


    "Entschuldige", murmelte sie "hast ja Recht."


    Die wärmende Decke lag mittlerweile nur noch in ihrem Rücken und gab die Sicht auf die grüne, schimmernde Lycragestalt frei.
    Er hatte befürchtet, dass es ihn mehr stören würde jemand anderes in dem Anzug zu sehen, mit dem er so viele freudige Momente verband. Sowieso erstaunlich wie selbstverständlich sie den Zentai angelegt hatte, inklusive Kopfhaube.


    Sie bemerkte seine studierenden Blicke und kämpfte sich wieder aus ihrer Melancholie heraus.


    "Wie kommt´s?", fragte sie und strich über ihren verhüllten Oberschenkel nachdem sie ihre Sitzposition geändert hatte.


    Er wusste nicht was sie meinte und mimte wieder Leonard Nimoy in seiner unsterblichen Rolle.


    "Na ich meine, dieser Anzug wird dir in keinster Weise passen während er für mich er ideal ist, oder?"


    "Auch ich habe eine Vergangenheit und der Zentai ist sozusagen ein Relikt vergangener Tage."


    "Aber ich hatte schon Recht mit meiner Feststellung, dass du diese Sachen noch immer magst. Womöglich noch mehr als früher?


    Anstelle darauf zu antworten sah er an sich herab und betonte damit nochmals das, was sie bereits die ganze Zeit sah.


    "Du bist also auch Fetischist?, fragte sie gerade heraus.


    "Davon abgesehen dass die Bezeichnung "Fetisch" oft unkorrekt gebraucht wird, was meinst du in diesem Zusammenhang mit "auch"?"


    Sie spielte gedankenverloren mit der dünnen Naht am glatt anliegenden Unterschenkel des Zentais und sagte ohne ihn anzuschauen: "Nun, seit unserer Jugend habe ich ebenfalls eine .... besondere Beziehung zu dieser Art von Kleidung."


    Jetzt erst sah sie ihn an, doch er zeigte keinerlei Regung. Also fuhr sie fort "Zuerst war es einfach nur praktische Sportkleidung und modische Accessoires. Dann bemerkte ich wie mich alle ansahen, mich begehrten. Und nicht zuletzt durch dich habe ich erfahren, welche Erregung alleine durch Berührungen dieses seidigen Stoffes ausgelöst werden können.", dabei strich sie wie um es hervorzuheben erneut über das Material.


    "Haben dir deine vielen "Freunde", er betonte dieses Wort ganz bewusst, "auch solche Gefühle vermittelt?"


    Wieder blickte sie verschämt unter sich und murmelte wieder einmal nur kleinlaut "Nein, natürlich nicht."


    Es herrschte Schweigen.
    Sie nahm die Tasse mit dem Rest des mittlerweile abgekühlten Tees in die Hand und blickte wie zur Hypnose in die dunkle Flüssigkeit.


    "All diese "Freunde", jetzt betonte auch sie das Wort, "sind seit langem Geschichte. Damals meinte ich es wäre so richtig. Ich war verwöhnt. Hatte alles. Für mich war das Leben als Prinzessin der Normalzustand. Ich konnte mir unter allem immer das Beste raussuchen - und bekam es auch."


    Sie trank den Rest aus, behielt die leere Tasse aber in der Hand als wolle sie die Keramik genauestens studieren.


    "Das Schlimmste dabei war", fuhr sie fort, "dass ich aus diesem verwöhnten Dasein nie heraus kam. Erst vor wenigen Jahren platzte diese Blase. Mit einem mächtigen Knall. Erst da bekam ich einen Eindruck davon, was Leben wirklich bedeutet. Wie es für alle anderen Menschen ist und wie weit weg ich davon war."


    Sie stellte die Tasse zurück auf den Tisch.


    "Glaub´ mir. Du bist nicht der Einzige den ich herablassend behandelt habe. Es klingt nach einer billigen Rechtfertigung, aber ich hatte das alles nie so wahrgenommen. Freunde habe ich gar keine mehr. Selbst meine Familie will nichts von mir wissen, weil ich auch sie maßlos enttäuscht habe."


    Trotz, oder gerade wegen der Schwere ihrer Worte, schien ihr das alles unerwartet gut getan zu haben. Sicher war da noch viel mehr unter der Oberfläche verborgen, doch der Anfang war gemacht.
    Sie gähnte und auch er wurde zunehmend müde.


    "Ich erwarte nicht das du mir verzeihst. Schon gar nicht dass alles wieder so wird wie früher."


    Dann sah sie ihm direkt in die Augen "Aber mir ist wichtig dass du weißt dass ich verstehe warum ich alleine Schuld an allem bin."


    Jetzt zeigte ihr Gesichtsausdruck nicht mehr die Trauer, sondern zum ersten Mal Reue.


    Er ging ins Bad und als er zurück kam meinte er: "Der Sturm lässt nicht nach und deine Sachen sind auch noch nicht trocken. Du solltest hier übernachten."


    Ohne eine Antwort abzuwarten holte er ein Kissen aus dem Schlafzimmer und hielt es ihr entgegen.


    "Die Couch sieht nicht danach aus, doch sie ist sehr bequem."


    Er räumte das Geschirr auf das Tablett, ließ es aber stehen, da er nicht mehr in seine Schläppchen schlüpfen wollte die für einen Küchenbesuch ratsam waren.


    "Wo das Bad ist weißt du ja. Und falls du Durst oder Hunger bekommst - in der Küche findest du alles. Du musst nur auf den Holzbohlen bleiben."


    Mit diesen Worten ließ er sie allein und steuerte sein Schlafzimmer an. Bevor er durch die Tür war fragte sie ihn noch: "Was hast du eigentlich gemacht in all
    den Jahren?"


    "Ich bin früh schlafen gegangen."

  • Ach ja, ich vergaß zu erwähnen: Die Sci-Fi Story, die unser Hauptdarsteller vor dem Sommergewitter liest, ist "Geschichte deines Lebens" von Ted Chiang. Sie war Vorlage für den Film "Arrival" von 2016.


    Und für den letzten Satz fehlt noch ein Quellen-Nachweis. Diesen habe ich mir nämlich ausgeborgt, weil ich ihn für einen der besten Dialoge der Filmgeschichte halte. Er zitiert Robert DeNiro in der Rolle eines gealterten Ganoven, der zu seiner früheren Wirkungsstätte zurückkehrt.

  • Kapitel 17


    Die Nacht war unruhig. Es gewitterte immer wieder, aber gegen Morgen beruhigte sich das Wetter und als er schließlich aufwachte, schien bereits die Sonne durchs Fenster.
    Er räkelte sich in seinem "Schlafbody", einem gemusterten Samtdress im Stil eines Badeanzugs ohne Arme und Beine und nicht so knapp wie er es sonst bevorzugte.


    Im Wohnzimmer lag der grüne Zentai über der Sessellehne zusammen mit den Wollsocken. Und die Decke fand er zusammengefaltet auf der Couch neben dem Kissen. Ihre Sachen, die er im Bad zu trocknen aufgehängt hatte waren verschwunden.
    Er streifte die Gymnastikschuhe über und stieg die Treppe hinab. Auch in der unteren Etage war es still. Auf der Spüle stand das Tablett von gestern Abend und ein leeres Wasserglas beschwerte einen Zettel auf dem Küchentisch. Es war ein Stück seiner "Einkaufszettel-Rolle".


    "Danke fürs Zuhören und für deine Gastfreundschaft. Ich würde mich gerne dafür revanchieren. Wenn du willst, ruf mich an."
    Darunter stand ein Telefonnummer.


    Er atmete kräftig durch und dachte `Zurück zur Normalität´.


    Die folgende Woche war er zu sehr beschäftigt mit dem Anschluss der Fußbodenheizung um oft an sie zu denken, konnte es aber dennoch nicht immer vermeiden. Gesehen hatte er sie seitdem nicht mehr. Irgendwie interessierte es ihn schon, was noch alles hinter ihren Aussagen und noch mehr hinter ihren unausgesprochenen Andeutungen steckte. Mehr als einmal hielt er den abgerissenen Zettel mit ihrer Nummer in der Hand. Und genauso oft packte er ihn wieder beiseite. Irgendwann müsste er eine Entscheidung treffen. Die Begegnung unter "gewesen" verbuchen, oder sie anrufen.


    Beim Ausbau der oberen Etage hatte er Hilfe von einem Arbeitskollegen. Zuvor räumte er alleine seine Sachen in Umzugskartons und nach Unten. Vor allem seine Lycrasachen. Deren Kartons klebte er sogar zu, denn er wollte unter keinen Umständen irgendwelches Gerede provozieren. Sein Kollege war ein guter Typ, aber das hätte er bestimmt nicht verstanden.


    Die Arbeiten gingen flott voran, wesentlich schneller als im Erdgeschoß und schon nach wenigen Tagen waren die gröbsten Bauarbeiten beendet.
    Natürlich musste er dafür einen Ausgeben und die anstehende Dorfkirmes bildete dafür genau den richtigen Rahmen.


    Zusammen mit den Helfern und einigen Bekannten machte er zünftig einen drauf. Die Stimmung war gut und es wurde unablässig gewitzelt und gelacht. Trotzdem wirkte er gelegentlich abwesend, wenn er insgeheim hoffte Sie hier zu sehen. Doch nach allem was sie ihm erzählt hatte war das eher unwahrscheinlich.
    Die Frauen und Partnerinnen der anderen hatten die erste Hälfte des Abends getrennt von den Männern verbracht und stießen, ebenfalls nicht mehr fahrtüchtig zu ihnen. Mädels sind was Empathie angeht doch etwas weiter entwickelt wie Kerle und so dauerte es nicht lange, bis immer öfter das Gespräch auf sein Singledasein kam.


    "Als würde er eine Herzdame erwarten, so wie er den Platz absucht. Findest du nicht?" fragte eine der Frauen ihren Gatten.


    Insgeheim waren wohl alle froh, dass seine Anwesenheit immer wieder für Gesprächsstoff sorgte und es deshalb nicht langweilig wurde. Das meiste wiegelte er mit Frotzeleien darüber ab, dass alle doch wohl nur neidisch auf seine Freiheit wären.


    "Ja", antwortete der vorhin angesprochene seinem Schatz, "Irgendwas hat er am laufen. Beim renovieren hat er öfter mal einen Zettel und sein Handy hervorgeholt, dann aber wieder weg gesteckt."
    Und an ihn adressiert: "Ist sie verheiratet? Oder traust du dich nicht?"


    Er erwiderte nur spaßig: "Genieße du nur die Sticheleien. Morgen nimmt dich deine bessere Hälfte wieder an die kurze Leine."


    Alles lachte und der Abend verging vergnüglich.
    Mit etwas Schlagseite reflektierte er auf dem Heimweg über die letzten Tage und Wochen. Was sein Kumpel heute Abend verraten hatte traf zu. Einige Male ertappte er sich beim Versuch sie anzurufen. Irgendwie stand er ihr nicht mehr so negativ gegenüber wie bisher. Ob sie ihm geben konnte was in seinem Leben seit seiner Scheidung fehlte? Nein! Jede Andere vielleicht, aber nicht sie. Er schalt sich dafür auf bestem Wege zu sein erneut ihren Reizen zu verfallen.



    Kapitel 18


    Den nächsten Tag hatte er sich frei genommen. Überstundenabbau. Das kam ihm gelegen, konnte er doch vorhersehen heute etwas verkatert zu sein. Das Wetter war angenehm. Nicht direkt warm, aber mild. Nach einem ausgiebigen und belebenden Frühstück beschloss er, dass etwas frische Luft ihm gut täte. Also stieg er in seine Lauftights, wählte aber die Trekking-Schuhe, denn ihm war eher nach einem ausgedehnten Spaziergang als nach Joggen.


    Gezielt lenkte er seine Schritte die Siedlung hinauf, dort wo das Haus ihrer Großmutter als letztes in der Reihe stand. Vielleicht würde er ja auf Sie treffen, was ihm die Entscheidung bezüglich anrufen oder nicht anrufen abnehmen würde. Doch das Haus wirkte unbewohnt. Das Übungspferd war nach wie vor unter Folie verborgen, aber die Slackline spannte sich noch immer über den Rasen des Vorgartens.


    Er nahm den Pfad hinter dem Haus, wo er schon einmal Lycrakleidung auf der Wäschespinne erspäht hatte. Und auch diesmal hingen einige Stücke zum trocknen dort. Das meiste war jedoch herkömmliche Kleidung und ein Paar Handtücher. Aus der Reihe tanzten nur die Leggings im Denim-Muster, möglicherweise war es sogar eine Mischform aus Jeans und Leggings, neudeutsch "Jeggings" genannt. Und ein Ganzanzug wie er fürs Voltigieren typisch war. Standard-Lycra, schwarz mit einigen wenigen farbigen Dreiecken zur Auflockerung.


    Der links abzweigende Weg führte ihn über den oberen Anschluss des Wiesentals, dort wo die weiten Felder begannen. Jene waren bereits abgeerntet und verbreiteten herbstliche Stimmung. Er genoss die Freiheit in der Weite der Landschaft und kombinierte diverse Feldwege zu einer großen Schleife, welche ihn in anderthalb Stunden wieder hier hin zurück bringen würde.


    Am späten Vormittag, bereits auf dem Rückweg, kam er zum Reiterhof. Eigentlich hätte sein Weg etwas abseits davon vorbei führen müssen, doch einer
    unterbewussten Eingebung folgend, beschloss er den näheren Pfad zu nehmen. Vorbei an verschiedenen Koppeln auf denen sich mehr oder weniger Huftiere teils mit, teils ohne Reiter tummelten, gelangte er zu dem weitläufigen Gehege, das den Stallungen am nächsten lag. Von weitem konnte er nur verschiedene kleinere Gruppen an unterschiedlichen Stellen der Koppel erkennen. Sein Weg mündete am Ort mit den wenigsten Personen.


    Ein großes, gemütlich dahin trottendes Pferd wurde an einer kurzen Longe geführt. An der Bande stand ein Mann mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Die Kleine litt offensichtlich am Down-Syndrom, jedenfalls deuteten ihre mongoloiden Züge darauf hin. Zwei Meter weiter lehnte eine Frau an der Umgrenzung aus runden Holzstämmen. Ihre Aufmerksamkeit galt völlig dem kleinen Jungen, der auf dem Rücken des für ihn riesigen Pferdes fast nicht auszumachen war. Geführt wurde das Tier von einer Frau mittleren Alters, untypisch gekleidet in einen Voltigieranzug statt der zu erwartenden Reithosen und Stiefel. Die wehenden Haare verrieten sie noch ehe er ihr Gesicht erblickte.


    Das Pferd stoppte auf Geheiß seiner Führerin und sie half dem Jungen beim herunterklettern. Die beiden verharrten noch eine Weile am heruntergebeugten Kopf des Tieres, welchen der Kleine behutsam streichelte so weit er hinaufreichte. Dann lief er zu seiner Mutter, wobei laufen stark übertrieben war. Es war eher ein angestrengtes humpeln. Offenbar war der Junge mobilitätseingeschränkt. Doch sein strahlendes Gesicht sprach Bände.


    Die Longenführerin trat zu den jeweiligen Elternteilen, die auf einem Klemmbrett etwas quittieren mussten. Dann entfernten diese sich mit ihren aufgeregt glücklichen Kindern.


    "Hallo", begrüßte sie ihn. "Was für ein Zufall. Mit dir hätte ich her am wenigsten gerechnet."


    Sie sah verändert aus. Ihrem Gesichtsausdruck fehlte jene Traurigkeit die er zuvor wahrgenommen hatte. Sie wirkte regelrecht aufgeblüht.


    "Ganz zufällig ist es nicht", erklärte er. "Ich hab´ heute frei und bei meinem Spaziergang bin ich statt nach rechts nach links abgebogen."


    "Ich habe gerade eine halbe Stunde Pause", sagte sie und schaute noch mal mach ihrem Vierbeiner, der sich ruhig an den äußersten Rand verzogen hatte um etwas zu grasen. "danach kommt die Leistungsklasse des Sportgymnasiums zum Voltigieren."


    Jetzt wurde ihm klar, warum sie bereits in Turnkleidung und Schläppchen war.


    "Und das eben?", erkundigte er sich neugierig.


    "Hippotherapie."


    Wieder Spock´s Augenbraue.


    "Eigentlich therapeutisches Reiten", erklärte sie ausführlich. "Hippotherapie ist unter dieser Bezeichnung. in Deutschland nicht mehr von den Krankenkassen akzeptiert, deshalb gab man dem Kind einen anderen Namen. Eine Therapieform sowohl für Kinder mit körperlichen als auch geistigen Behinderungen."


    In ihren Worten schwang ein gewisser Stolz.


    "Oder gegen ADHS oder soziale Störungen. Meist jedoch seelisch traumatisierte Kinder und Jugendliche, die auf diese Art ihr Vertrauen und ihre Empathie zurückerlangen können", führte sie weiter aus.


    "Also ein Gegenstück zum schwimmen mit Delfinen?"


    "Das trifft es ganz gut", bestätigte sie. "Ich bin froh diesen Job gefunden zu haben. Nachmittags trainiere ich dann diverse Anfängergruppen im Voltigieren."


    "Vollzeit?"


    "Drei halbe Tage in der Woche und zwei volle. Vorerst. Ich muss wieder auf die Beine kommen und das bietet mir ein Ziel auf das ich hinarbeiten kann"


    "Deshalb auch die Slackline und das Übungspferd", stellte er fest.


    Sie nickte. "Nachdem ich den Job bekam, musste ich mich vorbereiten. Bin etwas außer Form."


    Zumindest Äußerlich konnte er dieser Aussage nicht beipflichten. In ihrem Alter sind Frauen selten so durchtrainiert.
    Der Mittag war angenehm sonnig und die ganze Szenerie hatte etwas pittoreskes. Nicht ganz Real, mehr wie einem Gemälde entsprungen. Im goldenen Licht des späten Septembers lagen die Stoppelfelder malerisch in der Landschaft.


    "Ich hatte gehofft du würdest anrufen.", sprach sie ernster. "Andererseits glaubte ich nicht wirklich daran. Aber es hat gut getan mir mal einiges von der Seele zu reden."


    "Vielleicht", begann er, "war auch ich nicht ganz fair zu dir. Ich kannte - kenne - deine Beweggründe nicht und sah die Sache immer nur aus meiner eigenen, verletzten Perspektive."


    Ihre Miene hellte sich auf. "Heißt das, du würdest mich mal besuchen kommen?", fragte sie, bemerkte aber sein dennoch leicht säuerliches Gesicht dabei.


    "Ja", lenkte er schließlich ein. "Vielleicht müssen wir mal reinen Tisch machen."


    Sie wollte es sich nicht anmerken lassen, aber er spürte wie sie innerlich bebte.


    "Diese Woche kann ich aber nicht. Ich habe Vertretungsweise zusätzliche Schichten übernommen", sagte sie mit einigem Wehmut in der Stimme. "Aber am Wochenende habe ich frei. Wie wär es Samstag bei mir?"


    Immer noch hatte er das Gefühl, dass sie ihm nur wieder weh tun würde. Er war unschlüssig. Trotzdem willigte er ein Samstag gegen sechs Uhr abends bei ihr
    vorbei zu kommen.



    Kapitel 19


    Die Woche über sah er sie früh morgens wieder trainieren. Das angenehme Spätherbstwetter forderte Freiluftaktivitäten geradezu heraus. Die Übungen auf dem Holzpferd absolvierte sie in einem schillernden Volti-Anzug aus grünen, blauen und roten Flächen. die wie Reptilschuppen wirkten. Bestimmt Wettkampfkleidung. Ihre Eleganz und Körperspannung dabei, hätte so manch jüngere Turnerin in ihre Schranken verwiesen. Auch die Balanceübungen schienen, zumindest bei der kurzen Vorbeifahrt, ausgeglichener und weniger wacklig als noch vor wenigen Wochen.


    Samstag.
    Spätnachmittag.
    Den ganzen Tag hatte er mit den üblichen Hausarbeiten zu tun. Das Laminat und die Fliesen wurden angeliefert, würden aber erst kommende Woche in Angriff genommen. All das beschäftigte ihn und ließ ihn nicht an das bevorstehend Treffen denken.
    Bis jetzt.


    Was sollte er anziehen? Er fühlte sich fast wie ein Teenager vor einem Date. Vielleicht war der Besuch doch keine so gute Idee.
    So müssen sich die Mädels immer fühlen, dachte er als er unschlüssig in seinen Kleiderschrank schaute. Lycrasachen schieden aus. Das wäre zu privat.
    Wirklich? Schließlich hatte sie ihn ja zu Hause in kompletter Montur gesehen und bequemer war sowieso kein anderer Stoff.
    Und wenn da wider erwarten noch andere Gäste auftauchten während er voll im Fetischlook dort auftrat? Das wäre ihm schon peinlich.
    Andererseits, sie hatte mehrfach erwähnt dass sie keinerlei Freunde mehr hatte und auch sonst eher einen einsamen Eindruck gemacht.


    Viertel vor Sechs.
    Mist! Jetzt musste er mal voran machen. Sch... drauf. Kunstturnanzug für Männer als Unteranzug. Sehr schlicht. Oben herum wie ein Unterhemd (Feinripp- Style), Unten wie ein Badeanzug, also den Schritt umschließend. Weiß, aber zumindest mit einigem Lycraglanz. Quer über der Brust prangten zwei breite blaue Streifen, die den Body horizontal umwanden. Darüber die Running-Tights in mattem grau mit gelegentlichen Glanz-Einsätzen. Zum Abschluss ein leichtes Sweat-Shirt, denn es hatte gegenüber den letzten Tagen spürbar abgekühlt.


    Mit fünf Minuten Verspätung und etwas außer Atem klingelte er an ihrer Tür.


    "Hallo, komm doch rein", begrüßte sie ihn. "Du wirkst abgehetzt."


    "Frag´ lieber nicht", entgegnete er und folgte ihr ins Innere.


    So sah sein Häuschen letztes Jahr auch noch aus. Als hätte er eine Zeitsprung gemacht. Hier war alles noch mehr oder weniger im Originalzustand. Selbst das gleiche enervierende Knarzen der Bodendielen, das Erste was er bei sich ausgemerzt hatte.


    "Leider ist es zu kühl um draußen zu sitzen", bemerkte sie und erst jetzt nahm er ihre heutige Erscheinung wahr.


    So gesehen hätte er auch in seinem blauen Zentai aufkreuzen können. Sie trug nämlich einen Voltigieranzug mit komplett schwarzer Grundfarbe und glänzend wie eine Speckschwarte. Ärmel und Beine waren von einem Kringelmuster aus wild verschlungenen Linien in allen Farben des Regenbogens bedeckt, so dass es den Anschein erweckte als säße ein schwarzer Body über einem farbigen Ganzanzug.


    Sie bemerkte seinen Taxierenden Blick und stellte sich gekonnt in Pose. Dabei entdeckte er die ebenso glänzenden Ballettschläppchen aus Leder an ihren Füßen und auf ihren Fußrücken schimmerte ein seidiges, halb durchsichtiges dunkles Nylongespinst.


    "Zu auffällig?", fragte sie ein wenig unsicher.


    "Für hier drinnen sicher nicht", gab er zur Antwort. "Eigentlich hat der Anzug richtige Klasse. Nicht so einfallslos und auch nicht kitschig."


    Nach dieser Rezension hob er seine Hände mit den Mitbringseln in den Fokus.


    "Weiß, oder Rot? Ich wusste nicht was dir lieber wäre."


    "Danke, lieb von dir aber ich mache mir nichts mehr aus Alkohol."


    "Kein Ding, so bleibt mehr für mich."


    "Vielleicht kann ich dich aber für einen alkoholfreien Cocktail begeistern?", fragte sie und geleitete ihn in die Küche. "Ich habe mir da selbst einige Rezepte erarbeitet, die gar nicht so schlecht sind."


    "Gerne", willigte er ein und sie holte diverse Behälter mir allen möglichen Flüssigkeiten aus dem Kühlschrank.


    "Das meiste ist aus eigenen Früchten. Hinter dem Haus pflanzte meine Oma einige Sträucher. Himbeeren, Johannis- und Brombeeren. Erdbeeren gibt´s jetzt leider keine mehr."


    Dazu legte sie Zitrusfrüchte, wie Orangen, Limonen und eine entsprechende Presse. Irgendwie wirkte sie glücklich und zufrieden während sie die Bleifreien Drinks mixte. Sie servierte sie in schmalen Gläsern, etwa von der Größe aus der in einigen Gegenden der Republik obergäriges und sehr schmackhaftes Bier getrunken wird. "Reagenzgläser" nannte er sie bei seinem ersten Kontakt, während seine Bekannten aus eben dieser Region behaupteten, bei ihm würde man den Wein aus Blumenvasen trinken.


    Die Mischung sah farblich äußerst ansprechend aus. Der Geschmack jedoch war noch um einiges besser. Eigentlich hatte er etwas elend süßes erwartet, doch die Limonen und Orangen schufen ein gutes Gegengewicht.


    "Wow", meinte er nach dem ersten Schluck und das nicht nur aus Höflichkeit der Gastgeberin gegenüber.


    Auch sie nippte an ihrem Glas und schien mit dem Ergebnis sehr zufrieden.


    "Schmeckt extrem gut", lobte er, fragte aber weiter "nur damit wir das gleich zu Anfang geklärt haben: Kein Alkohol mehr - wie kommt´s? Probleme damit?"


    "Nein, eher ohne", antwortete sie etwas schüchtern als sie anbot doch ins Wohnzimmer zu gehen.


    Diese Erklärung genügte ihm und er fand es indiskret noch weiter zu bohren.


    "Ist dir nicht warm in deinem Pullover?"


    Sie hatte Recht. Er hatte nicht bedacht, dass in weiblichen Haushalten meist höhere Temperaturen herrschten. Noch bevor er Platz nahm entledigte er sich seines Sweatshirts. Zunächst kam er sich etwas "bloßgestellt" vor, so ohne was an den Armen, merkte jedoch schnell dass die Umweltbedingungen auf diese Weise viel erträglicher waren.


    Er bemerkte ihren etwas geringschätzigen Blick auf seine Unterkleidung.


    "Ja, ich weiß", kommentierte er, "Den Body unter den Tights zu tragen ist nicht besonders Kleidsam, aber ich wusste ja nicht ob wir alleine sind und wieweit du dem zugetan bist."


    "Wer sollte schon sonst noch kommen", meinte sie, wieder mit leichtem Anklang von Selbstmitleid. "Etwa Leute die mich beschimpfen oder mir sogar schlimmeres antun wollen?"


    Er nahm Platz und nippte an dem verflucht guten Früchtedrink.


    "Du erwähntest, du müsstest wieder auf die Beine kommen und dass du Froh bist einen Job auf dem Reiterhof bekommen zu haben."


    "Das stimmt", antwortete sie. "Aber jetzt bist erst mal du dran. Nachdem ich dir einiges von mir anvertraut habe, möchte ich jetzt wissen was du sonst noch so in den letzten Jahrzehnten getan hast. Ich meine außer "früh schlafen zu gehen".


    Sie spielte auf seine Aussage an, mit der er sie letztens abgewürgt hatte. Nun gut, vielleicht half es über alles zu sprechen.



    Kapitel 20


    "Wo soll ich anfangen?", fragte er zum Teil herausfordernd, zum Teil auch weil er wirklich nicht wusste wo er beginnen sollte."


    "Wenn es dir nicht unangenehm ist, würde mich dein Absturz im letzten Schuljahr interessieren."


    OK, sie kam also direkt zum Kern. Den Finger in die Wunde stecken und auch noch herumdrehen.
    Er räusperte sich, legte kurz den Kopf zurück auf die gepolsterte Sessellehne und holte tief Luft.


    "Nachdem du ...", so richtig stimmig war seine Schilderung im Geist noch nicht, "... also nachdem ich das Gespött aller im Dorf und der ganzen Schule wurde, musste ich mich ständig Sticheleien und beleidigenden Erniedrigungen erwehren. Heute würde man von Mobbing sprechen. Es war nicht einfach für mich, schließlich kam ich von Wolke Sieben direkt in den siebten Kreis der Hölle. Du hattest das wohl gar nicht mitbekommen. Bist einfach zum Gewohnten übergegangen."


    Bei diesen offenen und anklagenden Worten hatte sie ihr Glas auf dem Tisch abgestellt und sich wie ein geprügelter Hund auf ihrem Sessel zusammengekauert.


    "Soll ich aufhören?", erkundigte er sich ob ihrer deutlichen Reaktion.


    Sie schüttelte den Kopf.


    "Es dauerte eine Weile, bis ich abgestumpft war und mich so weit gefangen hatte, dass mich eine unsichtbare Mauer abschirmte. Ich schwor mir, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. In Zukunft würde ich mich nur noch um meinen eigenen Vorteil sorgen und Gefühle nur soweit zulassen, wie sie mir dienlich waren. Ich gab keinen Deut mehr auf andere Menschen."


    "Hat ...", begann sie stimmlos und musste kurz schlucken, "hat es Funktioniert?"


    "Besser als es mir gut tat. Ich machte fortan nur noch worauf ich Lust hatte. Eine sehr verspätete rebellische Phase. Ohne Rat von anderen anzunehmen probierte ich alles aus was ich mich sonst nie getraut hatte. Nächtelanges durchfeiern, Alkohol im Überfluss. Randalieren, Vandalismus. Bis heute weiß ich nicht weshalb nicht auch noch Drogen dazu kamen. Schlussendlich geriet ich in zweifelhafte Gesellschaft. Willige Mädels die mit einem Dinge machten die ich bis Dato nicht für möglich hielt. Grenzwertige Erfahrungen in fast allem. Ohne übertreiben zu wollen, war dies die sexuell aktivste Zeit in meinem Leben. Ausschweifungen wurden zum Normalfall. Auch meine Eltern konnten nicht mehr zu mir vordringen."


    Er pausierte um einen weiteren Schluck zu nehmen.


    "Dir ist bestimmt nicht einmal sonderlich aufgefallen, dass ich kaum noch in der Schule auftauchte, oder?", fragte er ohne jeden Vorwurf.


    Auch diesmal nickte sie beschämt.


    "Und dann kam es, wie es kommen musste. Mit sechs mal Mangelhaft und einmal Ungenügend im Zeugnis wird man halt nicht versetzt."


    "Das tut mir alles so leid", murmelte sie und traute sich nicht ihm in die Augen zu schauen. Stattdessen glitzerte es leicht feucht in ihren, was ihn veranlasste
    das eben gesagte etwas zu relativieren.


    "Dir an allem pauschal die Schuld zu geben wäre zu einfach und vor allem auch nicht korrekt. Den Auslöser ja, den stellte dein Verhalten mir gegenüber auf jeden Fall dar. An der weiteren Entwicklung jedoch, trug ich als relativ mündiger junger Erwachsener mindestens die gleiche Schuld."


    Das stimmte sie wieder etwas besser. Trotzdem erfuhr sie wohl zum ersten Mal was durch die Art ihrer damaligen Abfuhr alles ausgelöst wurde.


    Sie stand mit ihrem leeren Glas auf und fragte "Noch einen?", was er mit einem Nicken bestätigte nachdem auch er den letzten Rest aus dem schmalen Glas geschlürft hatte. Für diese Aussprache war etwas Süßes gar nicht so verkehrt.


    "Weißt du was ich wirklich schlimm finde?", fragte sie ihn aus der Küche. "Dass ich bis heute nicht sicher war ob du den Schulabschluss mit mir zusammen gemacht hattest oder nicht."


    Mit zwei gefüllten "Reagenzgläsern" kam sie zurück und meinte "Damals war ich ausschließlich auf mich selbst fixiert. Darauf alle meine Pläne zu verwirklichen und mein Leben als Prinzessin noch auszuweiten. Wie ging es bei dir weiter?"


    "Nun, das Jahr zu wiederholen war das Beste was mir passieren konnte. Eine neue Klassengemeinschaft und vor allem keiner der Mobber mehr in Sicht - das alles war wie ein Neuanfang. Das meiste renkte sich wieder ein und ich schloss die Schule sogar im obersten Viertel ab."


    Der frische Drink schmeckte etwas anders, obwohl er genauso wie der erste aussah. In dem Moment als er danach fragen wollte erklärte sie: "Ist nicht mehr ganz so süß. Etwas mehr Limone und leicht mit Wasser verdünnt."


    "Schmeckt sogar besser."


    "Ich habe festgestellt, dass bei solchen Fruchtcocktails oft eine Überreizung der Geschmacksnerven stattfindet. Irgendwann wird es einfach zu süß."


    Er wechselte seine Sitzposition und hing sein linkes Bein über die Armauflage des Sessels. Kurz vor der Dämmerung schienen tatsächlich noch einige kräftige Sonnenstrahlen aus dem bisherigen Grau durch das Fenster und akzentuierten seine Beinmuskeln unter den Teilen aus Glanzlycra.


    "Was hast du nach der Schule gemacht?", fragte er denn seiner Meinung nach hatte er genug von sich erzählt.

  • Kapitel 21


    "Ich ging sofort zur Uni. Meine Eltern meinten eine solide Grundlage wäre wichtiger als sich aufs modeln zu konzentrieren. Rückblickend hatten sie natürlich recht, doch zu Anfang machte ich es nur widerwillig."


    "Welche Fachgebiete?"


    "Sport und Englisch auf Lehramt"


    "Sportlehrer können doch meistens nicht mehr als Erdkunde", witzelte er.


    "Ja", knüpfte sie an, "und sie heiraten nur unter ihres Gleichen ...ich kenne die Klischees"


    Beide mussten herzhaft lachen.


    "Letzteres stimmt sogar zum Teil. Jedenfalls lernte ich dort meinen späteren Mann kennen."


    "Du bist verheiratet?", fragte er überraschter als es sich ziemte.


    "Verwitwet"


    Das war jetzt ein kleiner Abtörner.


    "Sorry, tut mir leid", entschuldigte er sich.


    Es dauerte einen Augenblick, dann fuhr sie aber fort. "Eigentlich wollte sein Vater ihn im Aufsichtsrat seiner Firma sehen, deswegen hatte er auch mit BWL angefangen. Doch er war genau wie ich. Wir waren wirkliche Seelenverwandte, deshalb hatten wir auch sofort zueinander gefunden. Wir wollten was erleben, in der Welt herumreisen. Ein geregelter Beruf schien uns beiden ferner als der Mond."


    Sie ging zu der Kommode an der Wand hinter ihm und holte ein gerahmtes Foto hervor.
    Er tippte auf Karibik. Ein Sandstrand so weiß als hätte jemand die Farbe entsättigt. Ruhiges Meer, grünblau und so klar, dass man in einiger Entfernung die Korallen unter Wasser erkennen konnte. Sie mit einem breiten Lachen und gekleidet in einen ebenfalls schneeweißen Badeanzug mit verboten hohem Beinausschnitt. An ihrer Seite alles was er abstoßend fand und was exakt in ihr damaliges Beuteschema passte. Ein sportgestählter Hüne, das Oberteil des kurzen Neoprenanzugs bis zum Bauchnabel heruntergezogen. Ein Eightpack wie aus Marmor gemeißelt. Sonnengebräunt, lange Haare und ein Lächeln aus der Zahnpasta Werbung. Unter dem anderen Arm lässig ein kurzes Surfboard.


    "Das war kurz nachdem seine Eltern ihn ausgestoßen hatten, weil er es vorzog sein Leben zusammen mit mir in fortwährendem Müßiggang zu verbringen. Wir hatten beide das Studium geschmissen und wollten einfach nur Spaß haben"


    "Und wovon habt ihr dann gelebt?"


    "Es ging genauso weiter wie vorher. Den Lebensunterhalt bekam er weiterhin uneingeschränkt zu vorher, nur dass er aus Firma und Privatleben ausgeschlossen
    wurde. Es war eigentlich wie ein Freibrief."


    Sie nahm wieder Platz auf dem gegenüberliegenden Sessel, sah aber immer noch wehmütig auf das Bild in ihren Händen.


    "Überleg doch mal", forderte sie ihn auf, noch immer auf das Foto konzentriert. "Du musst nicht arbeiten, kriegst trotzdem Geld, kannst tun und lassen was dir gefällt. Zudem keine Familienverpflichtung. Sieht so etwa nicht das Paradies aus?"


    "Klingt irgendwie dekadent", war sein Kommentar dazu.


    "Das kann man wohl sagen. Diese Art zu leben raubte mir das bisschen Realitätsbezug das ich noch hatte. Wir waren Jet-Setter. Ich war ein "It-Girl" wie man es heutzutage nennt, mit einem Traummann an meiner Seite. Balearen, Kanaren, Florida. Eine Zeit lang bewohnten wir ein Loft in Manhattan mit Aussicht auf den Central Park und als es zwei Tage hintereinander regnete, zogen wir einfach nach San Diego um. Geld existierte zwar, aber nur unterschwellig."


    "Wie sahen deine Eltern das?"


    "Das abgebrochene Studium und das in den Tag hinein leben ohne jegliche Perspektive führte zu einem tiefen Bruch zu meinen Eltern, speziell zu meinem Vater. Beide selbst Lehrer, sahen sie darin die einzig denkbare Laufbahn für mich."


    Sie legte die gerahmte Fotografie auf den Tisch und trank einen Schluck ihres belebenden Gebräus.


    "Es gab bitterböse Worte auf beiden Seiten und mit der Zeit weitete sich das Zerwürfnis immer weiter aus bis ich irgendwann den Kontakt völlig abbrach."


    Es folgte eine kurze Pause in der sie eine Schale mit gesundem Knabberzeug auf den Tisch stellte. Getrocknetes Obst in allerlei Variationen.


    "Von meinen Eltern habe ich nichts mehr zu erwarten. Zu sehr wurden sie von ihrer Prinzessin enttäuscht. Vor allem mussten sie lernen, dass sie selbst daran nicht unschuldig waren, schließlich waren sie es ja die mich so verwöhnt hatten."


    "Hast du mal probiert Kontakt zu ihnen aufzunehmen?"


    "Nein. Klar, wenn ich zu Kreuze kriechen würde ging bestimmt was, aber mir ist es wichtig mich selbst aus der Situation zu befreien in die ich mich hinein geritten habe. Das Haus hier, das mir meine Oma vermacht hat ist der Anfang davon"


    "Du bist also in der Welt herum gereist und hast dir ein schönes Leben gemacht, ohne Rücksicht auf Angehörige, kann man das so zusammenfassen?"


    "Ich brauchte niemand anderen. Ich hatte meinen Mann und sein Geld. Das genügte. Ich weiß, das klingt rein materiell aber wir hatten uns wirklich geliebt. Wie gesagt, wir waren Seelenverwandte. Wie ist dein Liebesleben verlaufen?"



    Kapitel 22


    "Nach der Schule hatte ich zunächst eine Handwerkliche Ausbildung absolviert, mich später aber fürs Ingenieursstudium entschieden. Dort lernte ich zwar meine spätere Frau kennen, aber es war eine ganze Zeit lang wie in "Harry&Sally". Wir waren gute Freunde, hatten aber jeder unsere eigenen Liebschaften. Bis wir irgendwann zu dem Schluss kamen, dass wir uns mittlerweile so gut kennen, dass wir auch heiraten könnten."


    "Hat sie dir auch wie Meg Ryan eine Orgasmus Szene im Restaurant vorgespielt?", kicherte sie neugierig.


    "Das nicht, aber wir lebten halt lange nebeneinander her ohne zu merken dass der jeweils andere eigentlich der richtige ist,"


    "Doch das Glück blieb nicht für immer, oder?"


    "So pauschal kann man das nicht sagen. Klar, irgendwann funktionierte es nicht mehr, aber wir haben uns nicht im Streit getrennt. Wir waren sehr glücklich und auch heute noch habe ich keine schlechte Meinung von ihr. Sie akzeptierte viele meiner Marotten und sie war auch die erste der gegenüber ich mich wieder ganz öffnete, der ich voll vertraute. Als hätte ich einen deiner Reitkurse hinter mir."


    Er knabberte einen der getrockneten Apfelchips.


    "Sie bestärkte mich sogar darin meine Leidenschaft für Lycrakleidung zu kultivieren und auszuweiten."


    "Dann war der grüne Zentai von neulich also von deiner Ex?"


    Er nickte.


    "Welchen Stellenwert nahm der Fetisch in deinem Leben ein?"


    "Keinen allzu großen, aber auch dazu muss ich sagen, dass ich nie zurückstecken musste auch wenn sie meine Leidenschaft nicht ganz so tief teilte. Es gab Phasen, da war sie sogar der antreibende Teil. Wie war es bei dir?"


    "Mir war lange nicht bewusst, dass es sich überhaupt um eine, wie soll ich es ausdrücken, tiefe Leidenschaft handelte. Mit meinem Mann hatte ich nie darüber gesprochen, fällt mir gerade auf. Ich konnte ja jederzeit Lycra tragen. Es war ja sozusagen mein "Normalzustand", deshalb dachte ich darüber nie nach. Aber wenn´s da bei dir doch so gut gelaufen ist, warum dann die Scheidung?"


    "Es...", er brauchte einen Augenblick um seine Gedanken zu ordnen, "...ist halt nicht alles einzig und alleine Abhängig von Leidenschaften und Lustbefriedigung. Es gab da zu viele Kleinigkeiten die dazu führten dass wir uns immer weiter voneinander entfernten. Und man kann auch keinem alleine die Schuld dafür geben. Wir hatten uns ..., wie man so schön sagt, einfach auseinandergelebt. Menschen Ändern sich mit der Zeit, und selten in die gleiche Richtung."


    "Kinder?"


    Natürlich musste diese Frage irgendwann auftauchen. Allerdings hätte er die Beantwortung gerne vermieden.


    "Bestimmt hätte das einiges geändert, aber uns war diese Glück nicht beschieden. Wir standen bestimmt fünf Jahre auf der Adoptionsliste. In Deutschland ist das gar nicht so einfach. Nicht wie bei US-Promis, die sich wenn´s sein muss einfach ein Kind kaufen. Und währenddessen wurden wir nicht jünger. Natürlich zieht das Jugendamt auch das Alter der Eltern in Betracht wenn es die Wahl hat."


    Ein Schluck aus dem schmalen Glas um die raue Stimme zu schmieren. Mit einem unbeabsichtigten Aufstoßen meinte er schließlich: "Bei uns ist das halt alles etwas komplizierter als anderswo auf der Welt."


    Sie ließ ihm eine Pause bis sie nachhakte: "Woran lag´s?"


    "Dass wir keine Kinder bekamen? Das herauszufinden war ziemlich schwer. Da meine Frau in der Jugend mal eine schwere Nierenbeckenentzündung hatte die sich in den gesamten Unterleib ausweitete, vermutete der Arzt dort die Ursache. Es war regelrecht Zufall dass ich mir einen Leistenbruch zuzog und erst im Vorfeld der Operation stellte sich heraus, dass meine Schwimmerstaffel anscheinend schon immer "nicht Siegfähig" ist."


    Sie knurrte verständnisvoll.


    "Stell dir vor, erst kam sie sich jahrelang minderwertig vor, und dann ich. Das alles machte das Zusammenleben auch nicht leichter."


    "Tut mir leid."


    "Ist aber alles vorbei. Unsere Trennung war keine Schlammschlacht wie man es oft hört, sondern wir trennten uns eben in aller Vernunft. Ohne Ärger und ohne Groll. Wir leben halt nur unterschiedliche Leben."


    "Hattet ihr zusammen das Haus bewohnt?"


    "Nein, wir wohnten in der Stadt. Meine Eltern starben relativ schnell aufeinander folgend etwa zur gleichen Zeit wie die Trennung und dann bin ich wieder hier her gezogen für einen Neuanfang."


    "So war es bei mir auch", entgegnete sie. "Ich meine, ein Neuanfang, die Randbedingungen waren natürlich anders."


    "Wenn es nicht zu indiskret ist, wie anders waren sie, also was brachte dich wieder hier her?", fragte er im Bewusstsein dass er ihr ernsthafte Dinge entlocken
    würde.



    Kapitel 23


    "Vor zwei Jahren", begann sie und sprach dabei sehr langsam, als müsse sie sich die Worte genau überlegen. "Da holte mich die Realität ein. Es war Sommer und wir waren mit dem Motorrad auf Sylt und bevor du fragst, ja, mit der geballten High Society zusammen."


    Sie setzte sich auf die Vorderkante des Sessels und beugte sich leicht vor. Als wollte sie dass keines ihrer Worte unterging die zu wiederholen ihr zu schmerzhaft war.


    "Wir wollten danach rüber an die Ostsee und beschlossen die landschaftlich schönere Route über verschiedene Landstraßen zu nehmen."


    Sie unterbrach ihren Bericht als müsse sie sich sammeln.


    "Den Anblick dieser malerischen Allee werde ich wohl nie mehr vergessen. Im Lederkombi eng an ihn geschmiegt, der Duft der Felder drang durch den Helm. Plötzlich stand dieser Trecker vor uns, wie aus dem nichts. Dann wurde es dunkel. Das Erste was ich wahrnahm war die Schwester im Aufwachraum. Ich weiß noch wie ich innerlich fluchte, denn das betäubte Gefühl war schlicht herrlich. Hätte ich Zugang zu solchen Drogen, könnte ich für nichts garantieren."


    Er wusste wie ihr zu Mute war, denn er kannte das widerliche Gefühl nach einer OP aufwachen zu müssen.


    "Was musste gemacht werden?", erkundigte er sich.


    "Rippenbrüche hatten Milz und Leber perforiert. Das musste operativ korrigiert werden. Angesichts der Gesamtsituation, wie ich sie später von der Polizei erfuhr, war das jedoch Kinderkram."


    Er fragte nicht weiter, ließ ihr die Zeit die sie brauchte.


    "Anscheinend", fuhr sie nach einem kurzen Moment fort, "sind wir beim Ausweichen von der Fahrbahn abgekommen und während ich vom Sozius heruntergeschleudert wurde erwischte mein Mann voll einen der Alleebäume. Die Maschine quetschte ihn an den Baum - er war auf der Stelle tot."


    Wieder zusammengekauert ergänzte sie: "Ich konnte nicht mal zu seiner Beerdigung gehen, weil ich noch im Krankenhaus lag."


    "Das tut mir leid", sagte er ebenfalls leise in die folgende Stille hinein. Auf einmal sah er den bis eben verhassten Surfer-Sonnyboy von dem Foto mit anderen Augen.


    "Den Landwirt traf keine Schuld, wir waren wesentlich zu schnell." Sie zitierte wie aus einem Polizeiprotokoll: "Nach Auswertung des Einschlags und der Flugweite einiger Trümmer zwischen 140 und 150, bei erlaubten 70 Km/h. Ja, bis dahin lebte ich auf der Überholspur."


    Er konnte einfach nicht anders. Er musste sich auf ihre Armlehne setzen und das zusammengesunkene Bündel aus Lycrakleidung umarmen. Weder wehrte sie sich dagegen, noch drückte sie sich an ihn. Sie ließ es einfach geschehen. Mit feuchten Augen die in eine unwiederbringliche Ferne blickten.


    "Geht schon wieder", sagte sie und tätschelte ihn etwas unbeholfen am Oberschenkel.


    Die letzten Sonnenstrahlen waren verschwunden, deshalb stand sie auf und machte einige indirekte Beleuchtungen an, während sie das Bild zurück an seinen Platz stellte. Er selbst wechselte wieder zu seinem Sessel, der ihrem durch den Tisch getrennt gegenüber lag.


    "Magst du auch noch was zu trinken?", fragte sie auf dem Weg zur Küche.


    "Nein danke, ich hab´ noch"


    Er sah ihr nach. In ihrem Ganzanzug wirkte ihre immer noch recht schlanke Figur nach dem Gespräch von eben regelrecht verletzlich. Ob aus Mitleid oder aus schierer Nostalgie, jedenfalls hätte er gerade jetzt gerne mal wieder ihren Körper unter der feinen Schicht glatter Kunstfaser gespürt. Vielleicht auch nur, weil ihn in den letzten Wochen seine eigene Einsamkeit bewusst wurde. Frieden mit ihr hatte er innerlich bereits geschlossen bevor er heute hier her kam. Trotzdem befand er sich noch im Zwiespalt der Gefühle, oder besser, er war sich noch nicht sicher ob er seinen Gefühlen ihr gegenüber nachgeben sollte.


    Zurück kam sie mit einem Glas Wasser und einem Tellerchen mit mundgerechten Happen von Gurke, Möhre, Paprika und Party-Tomaten.


    "Etwas Rohkost?"


    Dazu sagte er nicht nein und nahm sich verschiedene der Gemüsesticks. Auf jeden Fall schien sie recht gesund zu leben.


    "Kannst du dir vorstellen", fragte sie zwischen zwei Bissen und hörbarem Knabbern, "dass ich mit über vierzig noch nicht mal wusste wie man Behördengänge erledigt?"


    Er sah sie aufmerksam an.


    "Wie ein dummes, verwöhntes Kind musste ich überall um Hilfe betteln. Seine Familie hatte unsere letzte Wohnung bei Darmstadt noch für ein halbes Jahr weiter gezahlt. Mehr konnte ich nicht von ihnen erwarten. Und dann? Keine Ausbildung, abgebrochenes Studium, Mittellos. Ich fiel in ein tiefes Loch und war unfähig etwas aus eigenem Antrieb zu unternehmen. Ich verstand die Welt nicht so wie sie tatsächlich ist."


    Sie trank ihr Glas auf einen Zug leer und betrachtete es von allen Seiten.


    "Dann fand ich Trost in billigstem Fusel. In kürzester Zeit war ich abhängig, rein psychisch. Aber das nüchtern werden wurde von Mal zu Mal grausamer und die Abstiegsspirale wand sich immer enger abwärts."


    Anstelle des Glases schnappte sie sich eine der kleinen Tomaten und fuhr mit ihrer Beichte fort nachdem sie ausgekaut hatte.


    "Und eines kalten Novemberabends, nachdem ich einen halben Tag über in der Arbeitsagentur erfahren musste dass ich selbst zur Kassiererin im Supermarkt nicht tauge, stand ich am Bahnhof und wartete auf den Zug nach Hause. In ein Zuhause ohne Fröhligkeit, ohne Liebe, ohne ihn. Ich dachte darüber nach wie es wäre, wenn ich mich einfach fallen lassen würde. Doch ich zögerte zu lange. Selbst für einen Suizid war ich zu blöd. Der Zug erwischte mich nur seitlich und schleuderte mich durch den gläsernen Windschutz eines Wartehäuschens. Das Glas zerbröselte zwar, aber eine Halteleiste schlitzte meinen Unterschenkel über die komplette Seite auf."


    "Deshalb also die Narbe die ich gesehen habe", erkannte er.


    "Hat mich einen Teil des Wadenmuskels gekostet. Ich bin selbst jetzt noch etwas wacklig und muss viel zusätzlich trainieren. Aktives Voltigieren ist wohl nicht mehr möglich. Aber diesen Job muss ich unbedingt behalten." Dabei klang sie wie jemand, der sich am letzten möglichen Strohhalm festhält.


    "Krankenhaus, vorübergehende Vormundschaft, Entzug, Psychotherapie.
    Irgendwann hat es dann doch "Klick" gemacht und ich traute mich dem Leben in sein widerliches Antlitz zu blicken. Ich bin hier eingezogen, auf Jobsuche gegangen und habe begonnen meinen Frieden mit allen zu schließen, die ich bisher in den Staub getreten hatte. Meistens erlebte ich Abfuhren, manchmal sogar ganz üble, aber die hatte ich mir verdient und wurde dadurch Stärker. Der Reiterhof war zögerlich und hat mich nur auf Probe eingestellt aber ich tue alles damit ich bleiben kann. Nicht nur wegen des Geldes das ich dringend brauche. Das Arbeiten mit Kindern, gerade auch mit Behinderten, gibt mir so viel Kraft und Selbstvertrauen. Das kann ich nicht aufgeben."


    Wieder der unglaubliche Stolz auf ihre, sicher sehr befriedigende Arbeit.


    "Den Rest kennst du."


    "Warst du schon bei deinen Eltern?"


    "Damit möchte ich warten bis ich wieder fest im Leben stehe, oder ...." Sie zögerte etwas "... bis ich wieder abstürze."


    "Na sag doch sowas nicht", entrüstete er sich über ihr offensichtlich noch zu geringes Selbstwertgefühl. "Nach dem was ich über dich erfahren habe und was ich so sehe, wenn ich mich umschaue, hast du in wenigen Jahren eine Entwicklung durchgemacht für die andere zehn mal so lange brauchen. Du lebst selbstverantwortlich, hast einen Job. Du stehst bereits mit beiden Beinen fest im Leben. Lass einfach ein wenig Routine einkehren."


    Er blickte auf die Uhr an der Wand. Nicht mehr früh, aber keineswegs Spät. Wenn er es für Heute gut sein lassen wollte war jetzt der richtige Zeitpunkt.


    Als hätte sie seine Gedanke erraten fragte sie: "Möchtest du nicht noch etwas bleiben? Oder auch noch länger? Meine Couch ist ebenso bequem wie deine."


    Er rang innerlich mit sich. Sie wollte ihn nicht einfach so gehen lassen, aber er musste erst seine Emotionen sortieren. Auch ein wenig Angst war dabei, weil er nicht sicher war, was sich entwickeln könnte wenn er bliebe.


    "Ähm ... ja ... ääh ... nein, ich weiß nicht so recht", druckste er unbeholfen herum. "Ich glaube es ist besser wenn ich jetzt gehe."


    Ihr Blick sprach Bände. Es passte ihr nicht ihn ziehen zu lassen, doch sie wusste aber dass sie ihn nicht halten konnte. Enttäuschung stand in ihrem Gesicht geschrieben. Doch ihr war auch klar, dass er das gehörte erst mal verdauen musste. Schon immer tendierte er mehr zum Nachdenken als zur Spontaneität.


    "Danke für das Gespräch und auch für die Knabbereien", sagte er und streifte das Sweatshirt wieder über sein Lycra-Top. Er wollte noch mehr sagen. Sie ebenso, doch keiner von beiden brachte einen Ton heraus. Noch eine knappe Umarmung, zu flüchtig als dass ihre seidige Umhüllung ihn hätte zögern lassen. Dann ging er gemessenen Schritts zur Tür und war letztlich froh als er draußen die kühle Abendluft einsog.



    Kapitel 24


    Du Vollidiot, dachte er sich nachdem er seine Haustür von innen geschlossen hatte und mit dem Rücken dagegen lehnte. Du völlig verblödeter Vollidiot. Bei jedem der Worte schlug er mit dem Hinterkopf an das Türblatt bis er den Schmerz fühlte.
    Den ganzen Weg nach Hause hatte er nur undeutlich wahrgenommen, so sehr kreisten seine Gedanken unstet hin und her. Sie wollte ihn doch - und er wollte sie, zumindest für heute Abend. Doch er ließ Vernunft, Grundsätze und Stolz regieren.
    Vollidiot, dachte er nochmals.


    Es half nichts, denn jetzt war es zu spät. Auf einmal fühlte er sich niedergeschlagen. Schlapp trottete er nach Oben, zog seine Sachen aus und versuchte unter der Dusche wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Doch auch das funktionierte nicht. Er hätte schreien können über seine eigene Dämlichkeit.


    20:00Uhr. Noch nicht zu spät. Er konnte sie immer noch anrufen.
    Und was dann? Zugeben dass er sich so sehr nach Berührungen in Lycra sehnte wie selten zuvor? Zugeben dass sie das richtige tat und nicht er?
    Er entschied dass es besser war eine Nacht darüber zu schlafen. So aufgekratzt wie momentan konnte er keine rationalen Entscheidungen fällen.
    Musste es unbedingt rational sein? War die Vernunft in Herzensangelegenheiten nicht eher hinderlich?


    Von diesen Grübeleien hatte er genug. Fakt war: Er war hier und sie bei sich zu Hause. Morgen wurde er einen Entschluss treffen.
    Ein Gläschen Wein sollte ihn etwas beruhigen und seine Aufgewühltheit dämpfen. Ohne die erwünschte Wirkung. Nach wie vor sehnte er sich nach Geborgenheit unter zärtlichen Berührungen. Also schlüpfte er in seinen glänzend blauen Zentai. Das Gegenstück zu dem grünen seiner Ex. Sorgfältig zupfte er die Fußteile zurecht, damit ihn ja keine Naht drückte. Dann zog er den Mittelteil über, dessen metallische Kühle seinen Körper kurz erzittern ließ. In die langen, Handlosen Ärmel zu kommen war immer eine Verrenkung, denn der hintere Reißverschluss reichte nur bis zur Mitte des Rückens. Die Gesichtsoffene Kopfhaube saß trotz des großzügigen Ausschnitts ziemlich stramm. Am Kinn sogar fast eng, was ihm jedoch sehr daran gefiel. Ähnlich wie bei Schwimm- oder Tauchanzügen, hatte er den Zipper mit einer kurzen Kordel verlängert um die ersten Zentimeter ohne Verkrampfungen schließen zu können. Zwar störte es die Perfektion, doch seit er alleine war hatte die Praxistauglichkeit eindeutig Vorrang.


    Ein klein wenig erschöpft vom anziehen ließ er sich rücklings aufs Bett fallen. Was nun? Abwechselnd strich er über alle möglichen Regionen des seidigen Anzugs und wollte das Tasten wie auch die Berührungen genießen, aber es funktionierte nicht. Auch das einkugeln in die Fötalposition brachte ihm nicht das erwartete Gefühl von Geborgenheit. Nicht einmal der beherzte Griff an sein Spaßzentrum brachte ihn nennenswert weiter.
    Sehnte er sich lediglich allgemein nach Berührung, oder wollte er wirklich sie?, meldete sich sein Nervensystem wieder ungefragt zu Wort.


    Die Klingel ließ ihn aufschrecken.
    Hoffentlich keiner seiner Handwerkskumpels der Einzelheiten für kommende Woche besprechen wollte. Sch.... . So schnell konnte er den Anzug nicht ausbekommen.
    Es klingelte nochmal.
    Einfach stillhalten und sagen er hätte bereits geschlafen? Es war erst halb Neun und überall im Haus brannte Licht - keine gute Ausrede.
    Jetzt klingelte es Sturm.
    Er spähte aus dem Fenster, konnte aber niemanden sehen. Erst während einer kurzen Pause des Dauerklingelns erkannte er kurz schwarzes Lycra mit farbigen
    Ornamenten.


    Im Nu war er die Treppe herunter und riss die Tür auf. Ein glänzender Schimmer flog ihm entgegen und krallte sich an ihm fest wie eine ertrinkende. Er hatte Mühe die Balance zu halten. Ihr Griff war fast schon schmerzhaft und er war außerstande die Haustür zu schließen.


    "Schick mich nicht weg", winselte eine dünne Stimme dicht an seine Brust geschmiegt. "Lass mich heute nicht allein."


    Sie schnaufte als wäre sie den ganzen Weg zu ihm gerannt. Das Zittern ihres lycraumspannten Körpers übertrug sich auf seinen, so dicht war der Kontakt.
    Er wollte ihr versichern, dass er sie keinesfalls gehen lassen wollte, doch sie verstärkte ihren Griff wie ein riesiger Schraubstock und raubte ihm die Luft.
    Sie war völlig durch den Wind und er musste einen Weg finden sie zu beruhigen.


    "Ich will ... dich nicht ... gehen ... lassen", presste er unter größter Anstrengung heraus, aber sie reagierte gar nicht mehr.


    Wie in einer Mantra-Schleife gefangen wimmerte sie immerfort: "lass mich bei dir bleiben, lass mich bei dir bleiben ...."


    Bestimmt zehn Mal rief er immer lauter werdend: "Ja doch, ja doch, ja doch ...", bis sie reagierte und ihr Krampf sich endlich löste.


    Fast überrascht blickten ihre verheulten Augen nach oben in sein Gesicht, dessen rote Färbung gut mit dem blauen Gesichtsausschnitt kontrastierte.


    "Ja", wiederholte er nochmals, jetzt wieder mit Normalpegel nachdem er wieder Luft bekam.


    Gerade als sie sich erneut an ihn klammern wollte, konnte er sie gerade noch zurückhalten und bettelte: "Lass mich doch bitte erst mal die Tür schließen."


    Als wachte sie gerade aus einem Traum auf begann sie wahrzunehmen, dass sie in seinem kahlen Erdgeschoss stand und sah sich einem Mann in einem schimmernd blauem Lycra-Zentai gegenüber der in der Brustregion Tränennass war. Dieser jemand beeilte sich die Haustür zu schließen und nahm sie dann an den Schultern.


    "Ich will dich gar nicht gehen lassen. Ich war drauf und dran selbst zu dir zu kommen."


    Erst jetzt realisierte sie die Situation ganz und atmete kräftig aus. Sie musste dabei fast lachen.


    "Hab´ ich dir weh getan?"


    "Nicht heute", antwortete er mit einem leichte Anflug von Sarkasmus. Dann merkte er aber doch dass er wohl blaue Flecke von ihrem Eintritt davon tragen würde und ergänzte: "Jedenfalls nicht sehr."


    "Entschuldige bitte, ich hab´ mich blöd angestellt, es tut mir leid."


    Er umarmte die Frau in dem schwarzen Ganzanzug mit den bunten Extremitäten ähnlich innig wie sie ihn zuvor, aber deutlich sanfter.


    "Ich freue mich dass du da bist."




    Kapitel 25


    Bereits in der unfertigen Diele glitten ihrer beider Hände über ihre Körper. Auch die ersten Küsse wurden ausgetauscht, jedoch zögerten beide noch mit Küssen auf den Mund. Wie ein Nest voll Schlangen das sich umeinander windend fortbewegt, schoben sie sich die Stufen empor. Am oberen Austritt stolperten sie fast und konnten sich gerade noch so ins Schlafzimmer retten. Dann endlich ließen sie kurz voneinander ab.


    "Hast du schon geschlafen?", fragte sie mit Blick auf das zerwühlte Laken.


    Er schüttelte verlegen den Kopf. So wie er gekleidet war konnte sie sich denken was er gemacht hatte. Sie kickte ihre Sneakers aus und er setzte sich aufs Bett
    um den Staub von seinen Lycrasohlen abzuklopfen. Für schützende Schläppchen war vorhin keine Zeit. Glücklicherweise hatte der raue Boden das seidige Gespinst nicht beschädigt.


    Dann machte sie etwas unerwartetes und warf sich vor ihm auf den Boden. In völlig unterwürfiger Haltung begann sie seine mit Lycra überzogenen Fußrücken mit nicht ganz trockenen Küssen zu bedecken.


    "Nein", meinte er, "Das musst du nicht ...." Er hielt das für unangebracht und es missfiel ihm sie derart erniedrigt zu sehen. So etwas hatte er auch mit seiner Frau mal probiert, aber Dominanz und Unterwerfung waren nicht sein Ding. Er mochte gleichberechtigte Partnerinnen. Die Reaktion in seinem Schritt indes sprach eine gänzlich andere Sprache, was ihn zugegebenermaßen verwirrte. Mittlerweile war sie bereits bis zu seinen Knien empor gekrochen und ihre Hände massierten kräftig seine Beine.


    Es war Zeit die Initiative zu ergreifen, denn gleich würde sie sich einem Bereich annähern, in welchem sich ziemlich schnell die Dauer ihres Zusammenseins entscheiden konnte. Er fasste unter ihre Achseln und zog den schimmernden Lycraleib zu sich hoch indem er sich rückwärts aufs Bett fallen ließ. Beide krochen noch etwas höher um die Fläche bequem ausnutzen zu können. Wie eines ihrer Pferde bestieg sie ihn und genauso fest drückten ihre Schenkel an seine Flanken. Doch sie merkte, dass sie zu forsch heranging und sich dadurch möglicherweise länger anhaltender Lust berauben würde. Also griff sie sich seine Handgelenke und presste sie seitlich seines Kopfes fest auf die Matratze um ihn zu immobilisieren. Dann neckte sie ihn indem ihr Mund sich immer wieder seinem Gesicht näherte, ihm aber jegliche Küsse verweigerte. Mit ihren Wangen schmiegte sie sich sanft an die seidige Lycrahaut über den seinen, biss ihm spielerisch in sein Lycra-Kinn und küsste seine Lycra-Stirn - aber nicht den Mund.
    Danach rutschte sie wieder tiefer, schob ihre und damit auch seine Arme weit auseinander und kam auf seiner Brust zu liegen. Ihre, immer noch mit Nylongewebe eingefassten Füße strichen zirpend am Stoff seiner Beine entlang. Dieses elektrisierende Gefühl ließ ihn erschauern.


    Ihr Körper rutschte mit einen "Swusch" seitlich von seinem herunter, wobei ein Bein weiterhin mit dem Oberschenkel seine Hüfte umfasste. Den Kopf legte sie in seine Armbeuge und begann zärtlich und in Gedanken Muster mit den Fingern auf der glatten Kunstfaser seines Oberkörpers zu zeichnen. Die anfängliche Hektik hatte sich in gefühlvolle Zärtlichkeit verwandelt und auch er fand Zeit seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
    Genau wie sie jetzt bei ihm, erkundete er als Jugendlicher ihren Körper. Total fasziniert von dem eng anliegenden Aerobic-Body der ihre Anatomie so vorteilhaft in Szene setzte. Momentan hing sie halb auf ihn, so dass seine Hand hauptsächlich ihren Rücken ertasten konnte. Der feine Reißverschluss störte kaum die Glätte ihrer Kleidung. Ihr Anzug musste verdammt eng sein, denn egal wie sehr er kraulte, Lycra und Haut bildeten eine unverschiebbare Einheit.


    Gleichzeitig glitten ihre bestrumpften Zehen über die Außenseite seines Oberschenkels hinab, während ihr eigener Schenkel, bewusst oder unbewusst so zart seine Wölbung streifte, dass es ihn erneut erschauern ließ. In der Folge umklammerte dieses Bein sein anderes und in einer gleitenden Bewegung, mit der sie sich von ihm herunter auf ihren Rücken drehte, begegnete ihr Knie nochmals einer Lambada-Tänzerin gleich seinem Schritt.


    Nun war er an der Reihe sich mit dem weit auseinander gespreizten Lycrawesen zu vergnügen. Er kniete sich zwischen ihr Beine und umfasste ihre Taille mit beiden Händen. Dann ließ er diese wie in Zeitlupe nach oben entlang ihres schwarz schimmernden Lycra-Torsos gleiten. Der Sport hatte sie jugendlich fest bleiben lassen. Über den Brustkorb immer höher, endeten seine pressenden Hände letztlich an ihren Achseln, nicht ohne dass zuvor seine Daumen die Ausläufer der festen, flach überspannten Oberweite tangiert hätten. Mit geschlossenen Augen quittierte seine Partnerin dies mit einem leisen Schnurren. Ohne größere Pause ließ er seine Hände über ihre Arme nach außen, bis ans Ende des farbigen Stoffes gleiten. Zu diesem Zeitpunkt lag er bereits flach auf ihrem Körper und spürte ihr Beben als sich die seidigen Gewebe über ihren Vergnügungszentren kurz berührten. Doch die Massage nahm den gleichen Weg zurück und so erhob er sich wieder von dem Körper seiner Begierde.


    Er konnte ihre Hüftknochen fühlen als seine Hände sich weiter abwärts bewegten. Das glänzende Lycra zeigte dort verführerische Lichtreflexe, auch wenn der Stoff leicht zitterte. In Schleifen von den Außenseiten ihrer Schenkel zu den Innenseiten und wieder zurück, setzten die streichelnden Hände ihren Weg fort. Nicht ohne zuvor wie zufällig, aber in geplantem Kalkül ihre Bikinizone ganz leicht zu streifen. Nur ein Hauch aber die Reaktion war ein Aufbäumen, gefolgt vom schließen ihrer Beine. Aus ihrem Katzengleichen Schnurren wurde ein leises Wimmern.
    Aber er war noch nicht fertig mit der Erkundung der farbig gemusterten Bereiche. Doch zunächst rollte er die sich wehrlos hingebende auf den Bauch. Wenn es jemals Waden gab die es verdient hatten massiert zu werden, dann diese. Die perfekte Mischung aus Eleganz und Kraft. Selbst durch die Schicht glänzender Kunstfaser hindurch erkannte er das Defizit an der einen Seite und er traute sich nicht weiter zu machen. Zunächst beschränkte er seine Massage auf den unversehrten Unterschenkel und fragte dann leise: "Ist das an der anderen Seite OK?"


    "Hmmhmmm", war die einzige Reaktion die gedämpft aus dem Kissen zu ihm drang. Er interpretierte es als "Weitermachen"


    Das Narbengewebe fühlte sich seltsam an unter dem Stoff. Nicht direkt verhärtet, aber eben anders. Erneut durchfuhr ihn ein Gefühl unendlicher Zuneigung. Ob Liebe oder Lust vermochte er momentan nicht zu trennen. Aber mit Sicherheit war es kein Mitleid.
    Seine mal sanfte, mal festere Massage veranlasste sie ihre Unterschenkel gemeinsam anzuwinkeln. Die breite Stegschlaufe ihres Volti-Anzugs trennte ihre in dunkles Nylon gehüllten Fersen vom Rest des jeweiligen Fußes. Er umfasste jeweils einen der bestrumpften Füße von außen und drückte seinen Daumen in die Fußgewölbe während seine Finger den Vorfuß wie bei einer Ballerina bogen.


    Ein langes und Zufriedenheit ausdrückendes "Gannaaahhhh!" war die Bestätigung für die Richtigkeit seiner Berührung. Diesen Massageablauf vollführte er noch einige Male und dann konnte er nicht mehr widerstehen. Er vergrub sein unverhülltes Gesicht in den schimmernden, gebogenen Nylonsohlen und küsste sie mehrfach. Danach musste er pausieren um einem vorzeitigen Ende vorzubeugen.


    Sie bemerkte dass ihre Initiative jetzt wieder gefragt war, als er sich hocherregt auf den Rücken gelegt hatte. Erneut kroch sie halb über ihn und streichelte sanft seinen von der blauen Haube eingehüllten Kopf. Beginnend vom eingefassten Stoffrand an seiner blanken Stirn, zeichnete sie sein Gesichtsprofil langsam mit dem Finger nach. Zuerst über die Nase, Oberlippe, Unterlippe bis schließlich zum Kinn wo das Lycra wieder begann.


    "Solch ein Geschick bei der Fußmassage kommt nicht von ungefähr. Du hast also auch dafür einen Faible entwickelt", warf sie ihm mit verrucht tiefer, leiser Stimme vor. "Aber als ich deine Füße geküsst habe, bist du zurückgeschreckt. Das müssen wir irgendwann mal aufarbeiten."


    Ihm war klar, dass er im Augenblick gar keine Argumentation zu versuchen brauchte.
    Ihre weitere Bearbeitung seines Körpers bestand abwechselnd aus knuddeln und Kitzeln. Wie üblich steigerte das hochelastische Material in dem beide steckten die Tastreize fast ins Unendliche. Wieder bekam er ihre oberen Anhöhen zu fassen und ließ ihr zärtliches Drücken und umspielen angedeihen, während ihr Knie erneut seinem Lager für Kaminholz nahe kam. Beide lagen wieder aufeinander und unter fortwährendem Umschlingen wälzten sie sich hin und her, die gesamte Matratzenbreite ausnutzend. Noch immer verweigerte sie ihm Küsse auf den Mund, was ihn schier verrückt machte.


    Der andauernde Körperkontakt mit dem gefühlsverstärkenden Lycra dazwischen, trieb die Erregung dem Höhepunkt zu.
    Mittlerweile nebeneinander, die glatten Beine ineinander verschlungen, suchten ihrer beiden Hände jeweils das momentane Nervenzentrum des anderen. Sehr verspielt befasste sie sich mit seinem Murmelbeutel, was ihn immer wieder ablenkte und seine eigene Hand bei ihr nicht weiter als zu ihrem Bauchnabel reichen ließ. Jedesmal wenn er sich anschickte auch ihr Freude zu bereiten tat sie Dinge, die seine Gedanken völlig vereinnahmten. Das Unglück schien seinen Lauf zu nehmen. derart überreizt konnte er sich nicht mehr lange zurückhalten.


    Endlich erreichte er das ausgeprägte Hügelchen, das seine hohle Handfläche aufs angenehmste ausfüllte. Er spürte das weiche Moos unter der Abdeckung aus seidigen Kleidungsfasern und wieder brummte sie zufrieden.
    Ihre Finger indes brauchten nur wenige Striche entlang des Zaunpfahls.
    Gerade als seine Finger einer dreizinkigen Gartenharke gleich ihren Fjord mit den flankierenden Erhebungen betasteten geschah es. Sein ganzer Körper versteifte sich und seine Anspannung entlud sich schubweise.


    Der Alptraum eines jeden Mannes, der Satz "Das kann doch jedem mal passieren", geisterte durch seine wirren Gedanken.


    "Sorry", entschuldigte er sich außer Atem.


    Der Fjord hatte mittlerweile Hochwasser und erst jetzt fiel ihm auf, dass er seine Lycrapartnerin noch immer mit der Harke bearbeitete.


    "Wofü-üüühhiieer?"
    Eigentlich wollte sie fragen wofür er sich entschuldigen wollte, doch in diesem Moment wurde das Wort zu einem lang gezogenen Schrei, der ihm noch in den Ohren klingelte als ihre Zuckungen längst verebbt waren und ihre Zunge endlich Einlass in seinen Mund forderte.


    Es dauerte eine Weile bis sie auf ein erträgliches Normalmaß heruntergekühlt waren. Anders als Früher brauchten ihre Zungen nicht den gesamten Rachenraum zu erkunden. Im Gegenteil. Sie umspielten einander nur ganz sanft, was nach diesem Höhepunkt tiefgreifende Liebesgefühle auslöste.


    Irgendwann später schafften sie es, das gröbste mit einem Handtuch abzuwischen. Ansonsten waren sie noch zu erschöpft, aber dennoch schon wieder ineinander verschlungen.


    "Was meinst du ...?", fragte er nachdem ihr Mund ihm eine Verschnaufpause gönnte.


    "Du denkst ...", reagierte sie mit kaum zurück zu haltender Freude."... wir versuchen´s nochmal miteinander?"


    "Nun", erklärte er, "Jeder bekommt doch eine zweite Chance."




    ENDE

  • Danke Lycwolf für die schöne Geschichte.
    Leider schon zu Ende. Eigentlich könnte es weitergehen, also der Anfang einer weiteren Geschichte aber ich glaube aus dramaturgischer Sicht genau der richtige Zeitpunkt. Du hast den Spannungsbogen toll hingekriegt - Hut ab!

  • Hallo lycwolf.
    Ich finde es reizvoll, wie er nicht sofort auf ihr Werben eingeht und sie erst mal zappeln lässt.
    Schließlich hat er mehrere üble Erfahrungen gemacht und ist auf eine Wiederholung von alten Verhaltensmustern alles andere als scharf.
    Und erst, als er sich sicher ist, gibt er ihr schließlich die "Zweite Chance".
    Auch in dieser Geschichte hast du wieder sehr genau die Protagonisten und ihre Kleidung beschrieben.
    Genauso auch, wie sie dann 'zur Sache' kommen.
    Aber keineswegs plump, denn du verstehst es blendend, diese Vorgänge in blumige schöne Worte zu kleiden.
    Es ist immer wieder schön zu lesen und es wird garantiert nicht langweilig, wie auch schon toby schrieb.
    Meine Hochachtung. Danke, dass du die "Zweite Chance" wieder hier eingestellt hast.
    Daumen hoch.
    Gruß
    Desi

  • An Toby und Desi:


    Vielen Dank euch beiden für die lobenden Kommentare.


    Und an die anderen Mitleser:
    Schön dass euch die Wiederveröffentlichung auch gefallen hat. Vielleicht schreibt ihr selbst mal eine Geschichte. Wenn man eine gute Idee hat, kann man sich ruhig damit mal an die Öffentlichkeit trauen.


    Jetzt ist erst mal Pause mit Re-Uploads. Es folgt eine neue Story.

  • Die zweite Cance hat mich zu einem Lycwolf Fan gemacht.
    Das erste mal habe ich die Story noch im alten Forum gelesen. Dann im Urlaub noch mal in der Storysammlung. Hier habe ich sie dann nicht noch einmal gelesen.
    Das ändert aber nichts daran das ich es für eine toll gestrickte Story halte. Mit viel Sympathie und Antipathie für die beide Hauptfiguren. Mit einem Happy End für beide. Sehr kreativ zusammengestellt.
    Immer wieder dieser Switch zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Um die Taten der Gegenwart durch die Ereignisse aus der Vergangenheit zu erklären. Das ist schon großes Kino.


    Und ich würde dem lieben Lycwolf eine gewisse Mitschuld daran geben das ich euch jetzt mit meiner Urlaubsstory quäle. Beschwerden bitte an ihn :D


    Gott sei Dank lenkt Lycwolf davon durch seine neue Geschichte ab :lol:
    Weiter so.


    Gruß Rockfire

  • Hallo Rockfire,


    ich glaube kaum, dass du jemand im Forum mit deinen Urlaubserlebnissen "quälst". Vielmehr ermutigst du Andere zum Lycratragen im Urlaub.


    Was "Zweite Chance" angeht, so liegt auch mir diese Geschichte am Herzen, weil viel persönliches von mir eingeflossen ist. Obwohl nichts davon zusammen in dieser Art passiert ist, so ist die Story trotzdem nahe dran an der Realität. Allenfalls noch getoppt von "Ende November", was vielleicht irgendwann auch wiederveröffentlicht wird.


    Danke für´s lesen.