Beiträge von lycwolf

    Kapitel 4.14 Sibylle und Norman


    "Das war mal richtig professionell aufgezogen", lobte Sibylle noch immer am Lachen als sich der vorderste Vorhang der Bühne schloss.


    "Ich fand´s auch cool", meinte Norman, "Aber es scheint, als gäbe es eine Umbaupause."


    Die andauernd wackelnde Verhüllung der halbrund in der Raum ragenden "Bretter, die die Welt bedeuten" bestätigten seine Annahme. Das scheppern eines Beckens deutete auf den Aufbau eines Schlagzeugs hin und auch andere Töne hatten Ähnlichkeit mit Musikinstrumenten. Anscheinend wurde die komplette Bühnendekoration geändert, so hektisch wie man Personen aus einem Nebenraum hinter den Vorhang huschen sah. Mikrofone pfiffen und jaulten kurz, dann ein kräftiger Brummton, der verschwand als der Tontechniker wieder hinter seinem Elektronikturm Platz genommen hatte.


    "Ich glaube es geht doch schon gleich weiter", mutmaßte Sibylle nachdem sie kurz aufgestanden war und sich gereckt hatte, was dem Autor einen appetitanregenden Ausblick auf ihren Ganzanzug mit den Nylonöffnungen gewährte. Er musste sich sehr zusammenreißen um nicht direkt die Rundung des Hinterschinkens unter der seidenmatten Hülle erfühlen zu wollen.


    Die Beleuchtung im Bereich vor der Bühne wurde bereits wieder gedimmt, obwohl noch jede Menge Kommandos und Aktivität hinter dem schwarzen Tuch zu hören waren.

    Diejenigen der Zuschauer die sich etwas die Beine vertreten hatten, beeilten sich jetzt wieder ihre Plätze einzunehmen. Auch weitere Zaungäste von draußen strömten herein.


    Die akustische Atmosphäre, die eben noch aus Naturlauten bestand, hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Zwar leise, aber dennoch wahrnehmbar wanderten mechanische Geräusche kreuz und quer durch den Saal. Klicken, rattern und Schiebelaute erregten Aufmerksamkeit, obwohl auf der Bühne noch gearbeitet wurde und die hintere Saalbeleuchtung noch immer brannte.


    Sibylle kuschelte sich an Norman, als Quietsch- und Reibelaute erklangen. Töne wie von Bildauswurf historischer Sofortbildkameras.


    "Ist regelrecht ungemütlich. So kalt."


    Nun verlosch auch das restliche Licht und die Geräuschkulisse einer Produktionshalle wurde lauter. Einen Moment lang war es stockfinster und der mechanische Sound kam abwechselnd von verschiedenen Seiten, so dass die Gäste sich unwillkürlich umblickten und lediglich Schwärze sahen. Dann blitzten Effektscheinwerfer abwechselnd auf und der dunkle Vorhang hob sich. Der halbtransparente dahinter blieb aber noch in Position. Der Hintergrund der Bühne wurde in dezentes, aber sehr kaltes blauweißes Licht von Unten her getaucht. Die Zuschauer konnten zwar Bewegungen ausmachen, ohne jedoch genau zu sehen was da vor sich ging.


    "Ist ja spannend", krallte sich seine Partnerin am Schreiberling fest.


    Über die technischen Geräusche legte sich ein Summen, wie von einem Transformatorhäuschen. Fast schon musikalisch.

    Der zweite Vorhang verschwand nach Oben und das kalte Licht wurde etwas stärker. Jedoch nur soweit, dass man erkennen konnte wie schattenhafte und abgehackte Bewegungen synchron zu den jeweiligen Tönen verliefen.

    Die bisher von unten kommende Beleuchtung wich einer von oben und auf der rückwärtigen Verhängung entstand die Projektion einer sich in die Tiefe erstreckenden Montagehalle. Der vormals ebene Boden hatte plötzlich eine Struktur wie von Stahlplatten bekommen.


    "Klebeband", erklärte er seiner Sitznachbarin. "Einfach aber effektvoll."


    Dann wurde das Bühnenbild vollends sichtbar. Tatsächlich war das, was sie während der Umbaupause hörten, ein Schlagzeug. Dahinter saß etwas, das wie eine orangene Schaufensterpuppe wirkte. Eine menschliche Statur, jedoch völlig unbeweglich. Feine schwarze Linien verliehen dem Körper etwas segmentiertes, eben wie eine Schaufensterpuppe. Daneben befand sich ein Tisch auf dem eine elektrische Baßgitarre lag, oder vielmehr darauf befestigt war. Dahinter sah man einen Turm aus Verstärkerboxen. An diesem Tisch standen zwei der "Puppen" aus glänzendem Plastik, ebenso unbeweglich wie die am Schlagzeug. Zwei weitere dieser roboterartigen Gestalten flankierten ein Klavier.


    "Roboter", murmelte Norman vor sich hin. "Genau, das sind Roboter."


    Hinter den bisherigen Instrumenten war ein modernes Keyboard aufgebaut und auch dort ein orangener Roboter platziert. Ebenso hinter den doppelten DJ-Plattenspielern nebst Mixer im Vordergrund.


    Drei weitere Gestalten trugen silberne Zentais mit ovaler Gesichtsöffnung. Sie waren es, die man als schemenhafte Silhouette zu Beginn erahnen konnte. Präzise getaktete, maschinenhafte Bewegungen begleiteten das Playback aus Robotersounds.


    "Das sind doch schon wieder die Drei von eben", stellte Sibylle fest. Ihre deutliche Größenabstufung hatte sie verraten.


    Vom rechten Bühnenaufgang her, betrat ein Mann in einem grauen Hausmeisterkittel die Szenerie. Er nahm auf einem Drehhocker vor einem Tisch voller Computermonitore Platz, die verschiedenste grafische Abfolgen zeigten.


    Jetzt erst dämmerte es Norman, "Die wollen doch nicht etwa ...?", unterbrach er sich selbst im Gedankengang während ihm bewusst wurde wo er so ein ähnliches Setup schon einmal gesehen hatte.


    "Was?", fragte seine Nachbarin verwirrt.


    "Die stellen tatsächlich das Video zu "Automatica" nach."


    "Hää?"


    "Erkläre ich dir später."


    Der Hausmeister drückte diverse Knöpfe und die drei silbernen "Maschinen" fanden sich nach und nach gemeinsam auf einer Stelle ein. Auch die Orangenen, die bisher völlig starr waren, erwachten zum Leben. Sie trugen silberne Fäustlinge, die aus dem Händen zweiteilige Zangen machten. Diese öffneten und schlossen sie zu den entsprechenden Sounds.


    "Wahnsinn, diese Koordination", bemerkte der Autor leise.


    "Und erst die Anzüge. Ich dachte die ganze Zeit fast, dass es wirklich Plastikpuppen wären."


    Dann nahm der "Hausmeister" einen E-Bass zur Hand und spielte eine Akkordfolge. Danach griff er sich ein Tablet und schob darauf mit dem Finger herum. Ein Spot beleuchtete den Tisch mit der festmontierten Bassgitarre und mit abgehackten Bewegungen begannen die beiden "Roboter" die Akkorde in einer Endlosschleife nachzuspielen. Einer riss mit seinen "Handzangen" die Saiten an, während der andere mit gleitenden Bewegungen auf dem Griffbrett die jeweilige Tonhöhe einstellte.


    Jetzt machte auch die orangene Farbe Sinn, denn dies sollte die menschliche Entsprechung von Industrierobotern sein.


    Die drei Silbernen hatten sich mittlerweile zu einer Dreiecksformation zusammengefunden und als der Hausmeister zwischen ihnen hindurch ging, erzeugten sie ein Muster. Die jeweils größere schob einen Arm über den Kopf der nächsten.


    Beim Klavier angekommen, tippte der Mann im grauen Kittel auf sein Tablet und einer der beiden "Klavierroboter" öffnete und schloss demonstrativ seine Zangen. Dann bewegten sich beide Maschinen in einem unnachahmlich technischen Gleiten zu den Tasten. Unabhängig voneinander, trafen sie im exakt richtigen Moment mit dem Playback zusammen die Tasten in einer kurzen Akkordfolge.


    Als nächstes setzte sich der Drummer in Bewegung. Zuerst nur mit tickenden Schlägen auf den Hi-Hat.


    Über diesem Grundgerüst aus Bassakkorden, Klaviertupfern und metronomartigem Beckenrhythmus, spielte der Hausmeister eine Melodie auf dem Keyboard. Unter wachsamer Beobachtung des daneben stehenden Roboters.

    Zurück an seinem "Kontrollpult", drehte der Überwacher der Maschinen mehrere Regler und unter verzerrtem Sound schwoll die Musik an. Mit einem Tritt auf die Bassdrum, die den Zuschauern in den Magen fuhr, startete das komplette Musikstück, gespielt von Industrierobotern.


    Bemerkenswert war die stoische Exaktheit der Aufführung, die lediglich beim Schlagzeuger etwas nachließ, der aber auch die meisten Bewegungen auszuführen hatte.


    Jetzt stieg auch der DJ-Roboter mit ein und scratchte abwechselnd auf beiden Plattentellern und blendete jeweils hin und her. Die drei silbernen hatten sich mittlerweile in den Hintergrund verzogen. Auf einem Podest untermalten angepasste Roboterbewegungen die Darbietung.


    Der Sound war laut und druckvoll und verschiedenste Lichtfolgen beleuchteten in unterschiedlichen Farben den jeweiligen Fokus auf der Bühne.


    In einer instrumentalen Überleitung setzte sich der Roboter am Keyboard in Bewegung und spielte eine wesentlich kompliziertere und virtuosere Melodie. Dies schien für den Hausmeister unerwartet zu geschehen und er schraubte hektisch an seinen Kontrolleinrichtungen. Doch die Maschinen hatten offenbar ein Eigenleben entwickelt und spielten weit über den ihnen zugedachten Fähigkeiten. Dabei wurde die Musik nochmals lauter und dichter. Mitreißender und dynamischer.


    Eine der silbernen warf dem Hausmeister eine Gitarre zu und wohl oder übel musste er sich dem Regime der Roboter beugen und spielte mit. Das "Finale Furioso" verlangte dem Publikum viel Stehvermögen ab, was Lichteffekte und Wucht im Sound anging.


    "Im Originalvideo explodiert jetzt das Klavier und auch anderes geht zu Bruch", schrie Norman in Sibylles Ohr.


    Das konnte hier natürlich nicht realisiert werden. Stattdessen gab es Farbexplosionen und von Ventilatoren angetriebene Stoff-Fetzen bildeten mittels Beleuchtung von unten Flammenfontänen nach. Stroboskope erzeugten ein Gewitter aus Blitzen.


    Letztlich wurde das Publikum beim Schlussakkord zusammen mit einem lauten Knall geblendet.


    Dann war es wieder still auf de Bühne. Die Industrieroboter wirkten wieder wie eingefroren und unter einer Geräuschkulisse verklingender Töne wie von elektrischen Entladungen ging ein Licht nach dem anderen aus.


    Die Zuschauer waren noch so überwältigt von der fetzigen Show und deren effektvollem Ende, dass sie einen Augenblick brauchten um zu reagieren. Die meisten fragten sich sowieso wo man derart anonymisierende Anzüge her bekommt.

    Dann aber brandete der Applaus zusammen mit Jubelrufen los.


    "Alles was heute geboten wurde war richtig gut", sagte der Autor unter klatschen zu seiner Begleiterin. "Doch das hier war echt die Krönung."


    "Vor allem heißt es ja, dass mehr oder weniger alles improvisiert wurde", fügte sie hinzu. "Im wahrsten Sinne des Wortes "mit Bordmitteln"."

    Danke niki.

    Sorry, wegen der Zuordnung von Peter. Jetzt beim neuerlichen lesen deiner Geschichten ist es mir auch aufgefallen.

    Kapitel 4.12 Rubina und Dirk


    Der große Multifunktionssaal in dem die hauptsächlichen Veranstaltungen stattfanden, füllte sich langsam. Schon seit dem frühen Abend lief das Vorprogramm und verschiedene, die ihr Können bereits über Tag unter Beweis stellten, hatten nochmal Gelegenheit sich auf der großen Bühne zu präsentieren.


    Dirk sah sich den Ablaufplan am Eingang durch, während gerade der Feuerkünstler seinen Auftritt beendete und die Zeitlupengymnastinnen noch einmal ihre Körperbeherrschung unter Beweis stellen durften.


    "Wollen wir uns setzen und sehen was noch so geboten wird?", schlug die Grau getigerte Katze vor.


    Er nickte und sie setzten sich auf zwei der noch leeren Plätze in der vierten Reihe. Die Kür der golden verhüllten wirkte vor dem dunklen Hintergrund und im Scheinwerferlicht fast noch beeindruckender als unter der Sonne.


    Von hinter dem Vorhang trat der wohlbeleibte Tontechniker hervor und verschwand sogleich hinter einem Turm aus technischen Gerätschaften seitlich der Bühne. Kurz darauf wurde die Ausleuchtung der Artisten fokussierter und die Begleitmusik deutlicher, wenn auch nicht unbedingt lauter. Augenblicke danach erschien er wieder, diesmal in Begleitung einer fast unsichtbaren, weil schwarz gekleideten Frau. Die beiden setzten sich auf die Plätze neben Rubina und Dirk und der Dicke justierte virtuelle Regler auf einem mobilen Computer.


    "...müsste so gehen ...", war bruchstückhaft von ihm zu hören.


    Nicht lange danach vernahm man die Stimme der Rot-Schwarzhaarigen neben ihm: "... hast es versprochen. Du hast gesagt, dass du mir dabei hilfst, wenn ich soweit bin."


    "Hey, ist kein Problem. Ich hab´ alle Files dabei, obwohl ich hier etwas improvisieren muss. Ich mach´ mir nur sorgen darum, ob du es hinbekommst. Erinnere dich an das letzte Mal als dich das zu sehr mitgenommen hat ..."


    "... fühle mich dem gewachsen ... muss es endlich mal hinter mich bringen ..."


    Der Rest ging in der lauter werdenden Musik unter, die das Finale der "begnadeten Körper" einleitete. Die beiden verließen ihre Plätze wieder und kehrten hinter die Bühne zurück. Rubina konnte im Streiflicht der Beleuchtung gerade noch erkennen, dass die sonst so punkig gekleidete mit der Strubbelfrisur diesmal in einem Lycra-Ganzanzug steckte. Genau so einer wie ihre "Arbeitskleidung", die sie schon völlig vergessen glaubte.






    Kapitel 4.13 Rainer und Tobias


    Die beiden Freunde zählten, gemeinsam mit den Leggings-Jungs so ziemlich zu den letzten Passagieren die den Weg in den großen Saal gefunden hatten. Vor ihnen saßen die Turnmädels zusammen mit einem Paar, welches sich der Kleidung nach das Kunstturnen auf die Fahne geschrieben hatte. Auch der Schreiberling, der letztens Lampenfieber bekommen hatte, war noch in Begleitung einer kurvenreichen Lycraträgerin in einem schwarzen Zentai mit dunklen Nyloneinsätzen dazu gestoßen.


    "Was ist denn das?". fragte Tobias und war nicht der einzige der sich umschaute. Aus abwechselnden Richtungen mischten sich Naturgeräusche mit den Gesprächen der Zuschauer in der Pause.


    "Klingt nach Dschungel", stellte Rainer fest. "Gehört vielleicht schon zur nächsten Nummer."


    Die Außenränder der Bühne wurden von grünen und gelben Lichtern erhellt, als das Vogelgezwitscher und die Affenlaute deutlicher wurden. Gleichzeitig hob sich der schwarze Vorhang und gab die langsam heller werdende Projektion einer Urwaldszenerie Preis.

    Die sich langsam dimmende Hauptbeleuchtung war nun völlig verloschen. Perkussive Trommelrhythmen begleiteten ethnisch anmutende Musik. Dazu huschten drei Gestalten ganz in Schwarz über die Bühne. Von ihnen waren nur die Gesichter zu sehen und ihre meist gebeugte Haltung in ihrem Improvisationstanz erinnerte an Primaten im Urwald.


    "Sind das nicht die drei, die sonst bei dem Dicken dabei sind?", flüsterte Rainer in Toby´s Ohr.


    Und dann fiel es auch ihm auch auf. Sein Kumpel hatte recht. Es waren die lange dünne und die kleine knuddelige Südländerin. Die dritte war ohne ihren Protesthabitus und die Lederkluft nicht gleich zu erkennen. Tatsächlich bewegte sich die Punkerin geschmeidig wie eine Profitänzerin über die Bühne. Doch das konnte nur Beiwerk sein für das, was noch folgen mochte.


    Der Gedanke war noch nicht zu Ende geführt, als sich Gesprächsfetzen wie von weit entfernten Tropenvölkern unter die Musik mischten. Neben der Bühne, spärlich beleuchtet und von Geräten größtenteils verdeckt, drehte der Tontechniker an Reglern. Daraufhin schälte sich ein bekannter Rhythmus aus der Kakophonie an Klängen heraus. Die Scheinwerfer hellten die Szenerie jetzt vollends auf und mit extrem relaxten Tanzschritten betraten Mannshohe Tiergestalten die Bühne.

    Der Reihe nach waren es ein Tiger, ein Braunbär, ein Fuchs, ein Hase und zu guter letzt ein Hund, dessen weißes Fell mit den charakteristischen schwarzen Punkten den Dalmatiner verriet.


    Immer klarer trat der Rhythmusgesang "A-weem-a-way, a-weem-a-way..." hervor und der Dalmatiner separierte sich von seinen flauschigen Kollegen um mit innbrünstigen Gesten punktgenau den Einsatz zum Playback von "In the jungle, the mighty jungle ..." zu illustrieren. Der Auftritt war dermaßen lustig, dass die Anwesenden spontan Beifall spendeten. Da machte es auch nichts, dass bei "The Lion sleeps tonight" kein einziger Löwe anwesend war.

    Das alles wurde durch wechselnde Lichtstimmungen unterstützt und man gewann den Eindruck sich unter dem Blätterdach eines Dschungels zu bewegen. Auch die im gesamten Raum weiter laufenden Naturgeräusche trugen zur passenden Atmosphäre bei.


    Wie ein jaulender Hund, hob der Dalmatiner immer wieder den Kopf zur Musikkonserve und traf damit vor allem in die Herzen der Zuschauerinnen. Die anderen Tiere bewegten sich locker in einer Mischung aus Linedance und Background-Posen, jedoch stets punktgenau und synchron.


    "Die sind nicht nur lustig", bemerkte Rainer mit einem breiten Grinsen, "sondern auch voll süß mit ihren Fellkostümen und den übergroßen Cartoon-Köpfen."


    "Stimmt", pflichtete Tobias bei. "Aber bei dem knalligen Licht möchte ich jetzt nicht da drin stecken. Ist sicher brutal heiß."


    Rainer nickte. "Aber super einstudiert. Das sitzt alles auf dem Punkt."


    Während des Instrumental-Breaks zeigten die affenartigen Hintergrundakteurinnen stilisierte Raubtierkämpfe, sowie Sprungeinlagen und Tanzimprovisation. Der Kuschelhase schaffte sogar einen Männerspagat bei dem alle Herren im Publikum gleichzeitig den Mund verzogen.

    Zum Ausklang des Liedes gesellten sich dann die drei pechschwarzen Tänzerinnen wieder hinzu. In einer Reihe fassten sich alle um die Hüfte um mit seiner Mischung aus Sirtaki und Can-Can-Kicks die Nummer zu beschließen.


    Der Beifall ließ nicht lange auf sich warten, doch die Aufführung war noch nicht zu Ende.

    Erneut dominierten die Urwaldgeräusche und sowohl die Hintergrundprojektion, wie auch die Beleuchtung änderte sich wieder. Immer noch eine Dschungelszenerie, jedoch mit einigen Mauerruinen wie von verfallenen Tempeln. Diesmal trat der Bär in den Vordergrund, während alle anderen Akteure einen weiten Bogen hinter ihm bildeten.


    Das Playback war gemessen an dem höheren Rauschpegel etwas älteren Datums. Englische Verse, die trotzdem irgendwie bekannt vorkamen.


    "Das ist aus Dschungelbuch", fiel Rainer die Lösung ein.


    Und mit behäbigen Bewegungen beschrieb die Bärengestalt den Refrain: "these are the - bare necessities, the simple bare necessities ..." des englischen Originalsongs.

    Da zu jener Zeit in Deutschland kaum jemand etwas mit dem Wortspiel zwischen "bare" und "Bear" etwas anfangen konnte, wurde das Lied hauptsächlich in seiner deutschen Fassung bekannt.

    Deshalb blendete der Techniker taktgenau auf die deutsche Fassung über: "Probier´s mal - mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit ..."


    Die Tänzer im Hintergrund schwangen die Arme in Lässigkeit, doch jede Bewegung schien wegen ihrer Perfektion ausgiebig geprobt worden zu sein. Das Publikum sang und klatschte vergnügt mit und selbst als das Lied bereits verklungen war, tönte es weiter: "....probier´s mal - mit Gemütlichkeit ..."


    Die Künstler bedankten sich verbeugend vor dem applaudierendem Publikum. Dann demaskierten sich die Fursuit-Träger der Reihe nach. Zum Vorschein kamen hochrote Gesichter mit klatschnass verschwitzten Haaren, die allesamt ausgepowert nach Luft rangen.


    "Siehst du?", sah sich Tobias in seiner Vermutung bestätigt.


    Der Dalmatiner, der seinen Hundekopf wie seine Kollegen unter dem Arm trug, griff sich ein Mikrofon und keuchte erst einmal außer Atem hinein: "... Vielen Dank ... wir möchten uns besonders ...", er musste noch einmal durchschnaufen, "Für die professionelle Unterstützung bedanken", dabei wies er auf die drei Mädels die der Größe nach abgestuft am Bühnenrand standen. "Sie sind sehr kurzfristig zu uns gestoßen und ... haben unserem Auftritt erst den richtigen Schliff gegeben. Bitte Applaus für Mia, Nasrin und Aitana!"


    Seiner Aufforderung wurde nur zu gerne entsprochen.


    "Und nicht zu vergessen...", damit wies er auf den Verhau elektronischer Gerätschaften im Dunklen neben der Bühne, "Denjenigen, der dies letztlich möglich gemacht hat. Den Leuteschinder, Pedanten, Perfektionisten, ...und wirklich coolen Typen: Vince am Mischpult!"


    Auch er erhielt seinen Beifall, auch wenn es schien dass ihm das gar nicht so Recht war.

    Unter den Klängen des wohl einzigen Hits von Emiliana Torrini, "My Heart is beating like a Jungle Drum", wurde die Bühne geräumt und das Saallicht ging wieder an.

    Leider war Kapitel 4.11 mit Peter´s Lycra-Song schon lange fertiggestellt, bevor niki jetzt seine entsprechende Geschichte wieder veröffentlicht hat.

    Interessierte Leser können dort nachlesen.


    Genauso auch die Hintergründe zu der kleinen, aufstrebenden Lycra-Manufaktur, die sich auf der Kreuzfahrt vorstellt. Nachzulesen in Desis "Nereida III, Staffel 2".

    Schade, dass die Wiederveröffentlichung von Peter´s Song zu spät für die volle Erwähnung in "LyCruise" kam.

    Da die Story verloren war, konnte ich das Lied bei meiner Kreuzfahrt nur andeuten. Aber vielleicht macht es den Lesern Appetit darauf, deine Geschichte nachzulesen.

    Es war abzusehen, dass Xenias maßgefertigte Sachen so gut ankommen, dass sie irgendwann vor der Entscheidung stehen musste: Größer oder aufhören.

    Das wird natürlich jede Menge Stress und Nachtschichten nach sich ziehen.

    Aber bevor sie ein Burn-out bekommt, kann sie ja zur Entspannung einen Kurzurlaub einschieben. (Vielleicht im Mittelmeer?^^^^^^)

    Schön, dass dir die verschiedenen Ebenen gefallen.


    Dass Peter der von Mona aus Gaia ist, kann ich bestätigen. Es gab mal dieses Loblied auf Lycra, welches niki Peter singen ließ. Und sehr früh war klar, dass ich dieses mit einbauen wollte. Leider ist dann der Text dem Forumscrash zum Opfer gefallen und ich musste etwas improvisieren.


    Es bleibt nicht aus, dass die Obertupfinger ihren mitreißenden Bewegungsdrang und Teile der Harmoniebewegung auf die Passagiere übertragen. Gegen Ende des letzten Tages gibt es auch noch relativ aktuelle Verweise auf das derzeitige Geschehen bei der TuFiTa.


    Jetzt steht aber noch der restliche Abend mit Vorführungen diverser Fahrgäste an. da gibt´s noch viel zu erzählen...

    Kapitel 4.11 Sibylle und Norman


    Sie mussten einigen Personen ausweichen, die es eilig hatten zum angrenzenden Raum des großen Veranstaltungssaals zu kommen.


    "Was ist das denn für ein Material?", fragte Sibylle nachdem die ungewöhnlich gekleidete Gruppe wieder verschwunden war.


    "Keine Ahnung, aber reguläres Lycra kann es nicht sein."


    Sie stimmte ihm nachdenklich zu. Es waren voll verhüllende Zentais gewesen, die ihre Träger komplett anonymisierten. Lediglich kleine dunkle Punkte auf Höhe der Augen und eine weitere, ebenfalls kleine Öffnung auf Mundhöhe gestattete Zugang zur Außenwelt.


    "Es sah fast aus wie ... Plastik?", sinnierte der Autor. Auch ihm war ein solches Material noch nicht vor Augen gekommen. "Und dazu noch dieses gleichmäßig kräftige Orange, wie bei einem ..., einem ..."


    "Müllauto", schloss sie seinen Gedankengang.


    Sehr ungewöhnlich, aber bestimmt gehörte das zu einer der Vorführungen die später hier gezeigt würden.


    Das gesamte Schiff war auf den Beinen. Für gewöhnlich wurden um diese Abendzeit die Kuschelinseln bevölkert, aber schon den ganzen Tag schien es, als wolle sich niemand die vielen künstlerischen Darbietungen der Gäste entgehen lassen.


    "Wollen wir hier noch einen Schluck trinken?", fragte Norman an der Bar mit der Kleinkunstbühne.


    "Gerne."


    Der kleine Raum war ziemlich besetzt und ein Standup-Comedian in klassischer Gymnastikbekleidung beendete gerade seinen Vortrag mit Witzeleien aus vergangenen Tagen. Deshalb saßen sie letztlich bereits im "Freien", dort wo die Glasfassade der Lokalität beiseite geschoben war um das Flair eines Straßencafe´s zu erzeugen.


    Sie schlürften zufrieden an zwei alkoholfreien Cocktails und machten sich unabhängig voneinander ihre Gedanken darüber, wie wenig ihnen momentan die Menschenansammlungen ausmachten. Das konnte nur auf ihre Nähe und ihre Vertrautheit zurückzuführen sein. Verliebt blickten sie sich in die Augen, als von drinnen die Laute eines kleinen Tumults zu hören waren.


    "... OK, OK, ich mach´s ja ...", erhob sich ein junger Mann in silbernen Capri-Tights und einem grau-schwarzen Lycrashirt.

    "Pe-ter..., Pe-ter..., Pe-ter...", wurde er dabei angefeuert. Augenscheinlich hatten ihn seine Tischkumpels auf die Bühne genötigt.


    Einen ganz nüchternen Eindruck machte er zwar nicht mehr, aber er kündigte ohne Ausfallerscheinungen ein Gesangsstück an, welches nach seinen Worten von einem gewissen "Niki" stammte. Die Melodie war zwar unbekannt, doch war sie mit seichter Schlagermusik vergleichbar. Der Text dazu war relativ banal und nichts was auch nur im entferntesten einen professionellen Eindruck hinterlassen hätte. Doch thematisch sprach das Loblied über ihr geliebtes Konglomerat aus Chemiefasern alle Zuhörer an. Diese klatschten dann auch wie in der seligen "Hitparade" (Im Z...DF) mit und beteiligten sich am Refrain. Es war zwar nur reine Gaudi, aber letztlich brachte der profane Vortrag diese Reise auf den Punkt. Eine Versammlung gleichgesinnter, die einfach eine gute Zeit verleben.


    Norman und Sibylle schmiegten sich aneinander und genossen schlicht das Zusammensein.


    Dann trat der nächste reguläre Künstler auf. Stilecht mit Schmalztolle, Backenbart und Sonnenbrille wurde klassischer Rock´n´Roll zum Besten gegeben. Die akustische Gitarre beherrschte der Sänger perfekt und auch die Intonation kam dem King aus Memphis/Tennessee sehr nahe. Trotz Lycra-Kreuzfahrt konnte er nicht auf die obligatorische Lederjacke verzichten. Doch zumindest sein Beinkleid konnte das Lycrathema mit Siebziger-Jahre-Look verbinden. Lange Jazz-Hosen mit weiten Beinauslässen, die als Schlaghosen durchgehen konnten.


    Doch er war nicht alleine. Ein Tanzpaar begleitete seinen Auftritt und gab die für den Rock´n´Roll typische Akrobatik zum Besten. Da im Inneren der Bar der Platz zu begrenzt war, verlegten sie ihre Vorführung kurzerhand nach "draußen", wo sie wesentlich besser zur Geltung kam. Der Mann trug einen Paillettenbesetzten Gymnastikanzug in Blau mit halben Armen und angesetztem Kragenaufschlag. Darunter wie der Sänger eine Jazzhose in Anthrazit, ebenfalls mit hohem Glanzanteil. Passend dazu bewegte er sich leichtfüßig auf schwarzen Lederschläppchen.


    Seine Tanzpartnerin, die er gerade in einem akrobatischen Teil durch seine gespreizten Beine zog und dann um seine Hüfte kreisen ließ, trug einen klassischen Gymnastikanzug in roter Grundfarbe. Auch ihr Oberteil war mit Pailletten übersät. Zusätzlich befand sich an dessen unterem Ende noch ein angeformtes Röckchen, welches bei der artistischen Show ständig durch die Luft gewirbelt wurde. Ihre Beine wurden zum verrückt werden aufreizend von höchstglänzenden Strumpfhosen verhüllt, wie man sie auch im Gardetanz bewundern konnte. Da sie in der schnellen Bewegung den Boden sowieso nur mit den Zehenspitzen berührte, war lediglich ihr Vorfuß verhüllt mit so genannten RSG-Kappen aus schwarzem Samt.


    Die Darbietung machte allen Zuschauern richtig Freude und so wurde auch fleißig geklatscht. Als das Tanzpaar nach einigen Stücken durch ihre hochenergetische Artistik langsam außer Puste kam, gesellten sich spontan andere Fahrgäste hinzu, die in den Tanz einstiegen.


    "Ich würde dich ja auffordern", rief er Sibylle wegen des Getöses ins Ohr, "aber Rock´ n´ Roll beherrsche ich nicht."


    Sie lächelte ihm zu und Antwortete: "Nicht so schlimm, ich kann´s auch nicht." Und so blieben sie Zuschauer bei dieser kurzweiligen Zerstreuung.

    Kapitel 4.9 Rubina und Dirk


    "Ist das nicht herrlich?", fragte Rubina verträumten Blickes.


    "Ja."


    "Wie, Ja?. Ja, es ist nicht herrlich, oder Ja, es ist herrlich?", neckte sie ihn.


    "Dass du nach der Dusche heute Vormittag überhaupt noch Energie für solchen Blödsinn hast...?", wunderte sich Dirk.


    "Hat dich etwa das bisschen Wassersport so geschlaucht, mein Geheimagent?", neckte sie ihn weiter.


    Nun, zumindest hatte er doppeltes Stehvermögen beweisen müssen. Und das unter rieselndem Wasser mit Rubinas Beinen um seine Hüfte geschlungen. Ja, es hatte ihn geschlaucht. Aber nicht so sehr, dass er jetzt am Nachmittag noch daran zu knabbern hätte.

    Vielmehr knabberte er an dem Durcheinander von Ereignissen und Hinweisen in seinem Kopf, die ihn aus irgend einem Grund beschäftigten, er aber keine Ordnung hinein zu bringen vermochte. Die Wahnsinnsfrau an seiner Seite war daran nicht ganz unschuldig. Schließlich lenkte sie ihn laufend mit irgendwelchen erotischen Aktionen ab. Und er musste zugeben, dass ihm das überhaupt nicht störte. Zu lange hatte er zugunsten seiner Arbeit auf solche Freuden verzichtet. Zusätzlich wurde all dies noch von der bisher unbekannten Neigung zu diesem erregenden Kleidungsmaterial verstärkt.


    Diese Frau verdrehte ihm nicht nur den Kopf, sondern seine ganze Welt. Schon alleine, wie sie gerade wieder neckisch ihr Gesäß an seinem Oberschenkel rieb ...


    Sie standen auf dem obersten den Passagieren zugänglichen Deck, steuerbordseitig auf die Reling gebeugt und genossen den fabelhaften Ausblick. Das tiefblaue Mittelmeer zeigte nur wenig Aufwühlung durch die angenehm leichte Briese. Links voraus, nicht im Dunst aber durch die Entfernung verblasst, zeichnete sich eine lang gezogene Silhouette ab. Das musste Sardinien sein, von dem der Erste Offizier heute Vormittag gesprochen hatte.


    Wieder trat ihre Kehrseite mit seinem Oberschenkel in Kontakt. Sie grinste ihn an mit dem Schalk im Nacken. Klar, war sie sich ihrer Wirkung bewusst. Noch dazu in ihrem Outfit, welches seinen Radfahr-Trägeranzug über seinem T-Shirt profan wirken ließ.

    Der Ganzanzug, der an einem kleinen Stehkragen endete und ansonsten nur die Hände frei ließ, passte zu ihren geschmeidigen. katzenhaften Bewegungen. In vielfachen Grautönen mit Sprengseln von Schwarz und Braunschattierungen, ahmte er das Fellmuster einer grau getigerten Katze nach. Nichts hätte besser zu ihr gepasst. Die Strukturen auf dem seidig glänzenden Lycra betonten ihre körperlichen Vorzüge.


    "Sag´ mal, jetzt bist du wohl schon wieder scharf wie ein Rettich, oder sehe ich das falsch?", fragte er mehr rhetorisch, denn die Antwort darauf war im Voraus klar.


    Die Katzenfrau grinste nur und schmiegte ihren unwiderstehlichen Körper näher an seinen.






    Kapitel 4.10 Rainer und Tobias


    Nachdem sie unfreiwillig auch noch den nicht ganz ernst gemeinten Mister Wet Lycra Contest gewonnen hatten, kamen sie natürlich überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Ständig klopfte ihnen jemand auf die Schulter oder fragte sie aus über ihren Zusammenstoß mit den Betrunkenen am Ballermann und ihre anschließende Flucht.

    Rainer fand so langsam Gefallen am Ruhm und so hielt sich sein Freund mehr im Hintergrund. Jedes Mal wenn er die Geschichte erzählte, baute er mehr Details ein und ließ das Abenteuer stets ein wenig interessanter erscheinen.


    Toby brauchte nichts zu tun als nur gelegentlich zuzustimmen. Es gefiel ihm seinen Kumpel so offen und vor Leben sprühend zu sehen. Womöglich war endlich der Knoten geplatzt und er hatte Schwermut und Midlife-Crisis überwunden. Genau das hatte Tobias ja mit der Reise bezweckt. Und auch noch etwas anderes, von dem er sich aber immer noch nicht sicher war ob es sich seiner Vermutung entsprechend entwickeln würde.



    Jedenfalls ging es bereits auf den Abend zu, als sie zusammen mit den Zuhörern den Speisesaal ansteuerten.


    "... und schließlich schlängelten wir uns durch die Altstadt. Mal waren die Bullen zu sehen, mal wieder nicht. Nachdem wir uns neu eingekleidet hatten, blieben wir dann aber unbehelligt ...", erklärte er im Gehen den Jungs mit dem Faible für grafisch bedruckte Leggings.


    "... und dann haben wir euch vor der Kathedrale wieder getroffen", schloss die Gymnastin aus der Obertupfinger Turngruppe.


    Die fünf Frauen waren bereits einige Schritte voraus und sie versuchte damit die Nachzügler um Rainer herum zum Aufschließen zu animieren.

    Letzten Endes besetzten sie drei beieinander liegende Tische im Restaurant. Dadurch, dass keiner von ihnen etwas nennenswertes zu Mittag gegessen hatte, waren sie alle den kulinarischen Verführungen der Bordküche sehr zugeneigt.


    Eine Gruppe in flauschigen Tierkostümen machte sich gerade zum Gehen auf: "... ich hab´ dir doch gesagt, stopf nicht so viel in dich rein. Nachher kannst du dich kaum bewegen."


    Und ein anderer lästerte: "Wenn du später in den Anzug kotzt, kannst du mal sehen wie du das wieder sauber bekommst..."


    "Bin mal gespannt was heute Abend sonst noch so geboten wird", sagte eine der Turnerinnen zu Tobias als sich beide zum Buffet aufmachten. "Die Furries treten, glaube ich, im großen Saal auf.


    Das Abendessen verlief entspannt bei netten Gesprächen, in denen die Mädels von ihrem Verein für Turnen, Fitness und Tanz berichteten und die Leggings-Jungs von gemeinsamen Reisen in Lycra erzählten. Anscheinend machten sie jedes Jahr einen größeren Ausflug zusammen. Im Jahr zuvor waren sie drei Wochen in Lycraworld und machten allen anderen damit den Mund wässrig.


    "Leute ich sag´s euch", endete einer der Leggingsträger, "wenn ihr es hier schon Klasse findet, dann wartet ab bis ihr einmal dort wart."


    Und ein anderer ergänzte: "Wie wenn man gestorben und in den Himmel aufgefahren ist. Die haben dort Klamotten von denen man noch nicht mal zu träumen wagt ..."


    Irgendwann waren dann alle gesättigt und trotteten zwar nicht übervoll, aber dennoch etwas träge nach draußen in den breiten Hauptgang, der an den Bars vorbei zum großen Foyer führte.


    Rainer´s Äußerung: "Mensch, jetzt bin ich aber satt!" verleitete die Abordnung des TSV Obertupfingen zu einer ihrer ansteckenden Bewegungseinlagen. Auch andere schlossen sich spontan an und so wurden die überschüssigen Kalorien sofort wieder in sportliche Betätigung umgesetzt.

    Nur wenige Minuten und alle teilnehmenden fühlten sich wieder fit und erholt. Länger hätte die Gymnastikeinlage auch nicht dauern dürfen, denn ihr kleiner Menschenauflauf blockierte bereits den Hauptdurchgang. Doch keiner nahm es ihnen Übel. im Gegenteil, sofort herrschte in diesem Teil des Schiffs eine angenehme Harmonie.

    "Kommunikationspsychologie" - Für Männer irgendwie schwer verständlich. Wir sind da eher einfacher gestrickt. Frauen kämen leichter zum Ziel, würden sie ihre Wünsche weniger verklausuliert äußern. Das ist momentan Gundas Problem und sie reitet sich immer tiefer in die Depression. Leider.


    80 Interessierte an der Harmunde als "angenehme" Anzahl zu beschreiben, erklärt sich nur im Hinblick auf den Andrang beim letzten Mal. Aber es ist vollkommen normal, dass beim zweiten Mal deutlich weniger erscheinen.


    Harmoniedusche - Interessantes Konzept. Marion steht dem und auch allem anderen an der Harmunde gewohnt skeptisch gegenüber. Aber so ist es ja auch im richtigen Leben. Wenn jeder die gleichen Vorstellungen hätte und das gleiche gut fände, wäre es ja unheimlich langweilig.


    Nicht nur Laila und Agnetha sind echte Hingucker, auch Conni bei der Kasseler Harmunde stelle ich mir appetitlich vor. Mit Xeni-Leggings und Nereida III-Anzug.


    Da auch in meiner Gegend Harmunden geplant sind, muss ich mal ausprobieren wie mir das gefällt ;)

    So langsam wird eine Bundesweite Bewegung daraus. Könnte sich positiv auf die Zukunft auswirken...

    Kapitel 4.8 Sibylle und Norman


    "Vorsicht! Pass auf!", mahnte der Autor seine Begleiterin als der Flammenakrobat dem Bühnenrand zu nahe kam.


    Was der Mitreisende auf der kleinen Bühne im Foyer darbot, erinnerte an die Bühnenshow einer Ostdeutschen Teutonenrock-Band.

    Ein Feuerlöscher stand zwar bereit, aber bei Kleidung die fast ausschließlich aus Kunststoff bestand, konnten damit entstellende Verbrennungen kaum verhindert werden.


    Sibylle trat einen Schritt zurück. Sie wollte auch nicht, dass ihr vorhin erst entliehener Ganzanzug Schaden nahm.


    "Aber gut ist der schon, meinst du nicht auch?", bemerkte sie und Norman nickte zustimmend.


    Die Wand hinter der Bühne war mit schwarzem Tuch abgedunkelt, wodurch die Fackeln mit denen der Artist jonglierte noch intensiver wirkten. Es folgten Feuerräder aus überdimensionalen Wunderkerzen. Einfach aber sehr effektvoll.


    Doch Norman hatte eigentlich nur noch Augen für diejenige, die vor kurzem so gerade nicht das Sicherheitspersonal auf den Plan gerufen hatte. Sibylles Ganzanzug war zwar nur Schwarz, wies aber etliche raffinierte Details auf. So bestand etwa die Hälfte der langen Ärmel vom Ellbogen bis zum Handgelenk aus einem nylonartigen Strumpfgewebe. Ebenso fand sich dieses an den Waden und in Keilen auf den Oberschenkeln wieder. Um die Taille verlief ähnlich eines breiten Gürtels ein Bereich in glänzender Lederoptik, der sich auch am Halsausschnitt wiederholte und aus dessen Rundung sich ein bis zur Leibesmitte reichendes Dreieck formte. Zusätzlich hatte sie sich ein luftiges, weißes Tuch um die Hüfte gebunden, die diese Betonung eigentlich nicht nötig hatte. Farblich dazu passend, trug sie wieder ihre offenbar sehr bequemen Jazz-Schläppchen.


    Er selbst hatte, nachdem sie seine Laufhosen als "zu bieder" bezeichnet hatte, ein Beinkleid gefunden welches ihren Ansprüchen genügte. Ebenfalls regulär schwarz, aber Vorn und auf der Seite mit hellen, erdfarbenen Maya-Motiven in Ocker, Orange und Brauntönen verziert. Sein Oberteil war ein klassischer Gymnastikanzug mit großem Halsausschnitt und kurzen Armen. Dessen Grundfarbe war ein mattes, fast pastellfarbenes Orange, von dem aber breite, sich überschneidende Pinselstriche in diversen Brauntönen nicht mehr viel durchscheinen ließen. Alles wirkte sehr "Erdig". Seine Laufschuhe waren ihr auch zu klobig, weshalb er sich an einem der vielen Regale an den Turnschläppchen aus schwarzem Leinenstoff bediente.


    Nach der "aufheizenden" Performance schlenderten sie weiter, vorbei am Stand der Fallschirmspringer wo gerade wieder diese Videos mit der atemberaubenden Luftakrobatik zu sehen waren.


    "Hast du Hunger?", fragte er eingedenk der Tatsache, dass der kleine Zeiger der Uhr bereits auf "1" stand.


    "So richtig nicht", antwortete sie. "Vielleicht etwas Kleines, erfrischendes."


    Und tatsächlich fand sich für jeden eine kleine Schale mit Melonenstückchen und frischen Ananas-Vierteln, nebst Holzstäbchen. Es war an dem kleinen Stand beim Durchgang zum oberen Sonnendeck, wo man auch Eis und Fruchtgetränke bekam.

    Draußen in der Sonne kam ihr Outfit mit den unterschiedlichen Glanzgraden erst so richtig zur Geltung.


    "Lycratastisch", würde Lyc Rah jetzt ausrufen", zitierte er seinen Storyhelden bei ihrem Anblick.


    Sibylle lächelte zurück, während sie von dem Stäbchen ein Stück Wassermelone abbiss. "Und bei dir sieht es so aus", gab sie das Kompliment zurück, "als ginge über dem Reich der Inkas, Mayas und Azteken die Sonne auf."


    Damit hatte sie noch nicht einmal so unrecht. Die hellen Ornamente wurden tatsächlich besonders vom Sonnenlicht angefeuert.


    Offenbar hatten sehr viele der Fahrgäste einen Hang zur Selbstdarstellung oder Artistik in ihrer Lieblingskleidung, denn Trotz der Mittagszeit gab es auch hier etwas zu bestaunen. Zwei Zentai-Geschöpfe in komplett goldener Verhüllung präsentierten Gymnastik in Zeitlupe. Wer jemals Turnübungen besonders langsam ausgeführt hat, kann die immense Anstrengung nachvollziehen, die die beiden nach Äußerlichkeiten zu beurteilenden, Frauen aufbringen mussten. Perfekt choreografiert fügten sich im Schneckentempo Yoga-Übungen, Tai-Chi und Isometrien zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

    In den späten Achtzigern war solche Kunst durch asiatische Artistikgruppen berühmt geworden. Und in Abwandlung des damaligen Marketing-Slogans nannte eine hessische Band eines ihrer Alben "Begnadigte Körper".


    Doch diese goldenen Körper waren wirklich begnadet. Die Edelmetall-Zentais saßen fast faltenfrei, was auf eine hohe Verarbeitungsqualität und anatomischen Schnitt der Anzüge deutete. Selbst Hebefiguren und Balanceakte, die man eher muskelbepackten Profiturnern zutrauen würde, zeigten die beiden in gleichmäßig langsamem Tempo.


    "Die müssen doch wahnsinnig schwitzen", kommentierte Norman. "Die Anstrengung in der prallen Sonne."


    "Ein bisschen wird die Strahlung ja reflektiert", sagte Sibylle ebenfalls von der Performance vereinnahmt. "Aber ich denke auch, dass die einige Liter an Wasser in die Zentais schwitzen."


    Die Aufführung ging zu Ende und der Applaus, welcher den gelenkigen Damen entgegenschlug war mehr als verdient.

    Kapitel 4.6 Rainer und Tobias


    Gerade mal halb Elf und an der kleinen Bar am Anfang des Achterdecks war bereits ausgelassene Stimmung. Die älteren Damen des "Kegelclubs" schickten sich an, den Alkoholpegel wieder auf enthemmtes Niveau zu bringen. Und sie bezogen den Barkeeper in ihre Runde ein.

    Als die beiden Freunde um die Ecke bogen, bekam der Mann am Ausschank, der sich zünftig in einen seidenmatten Ganzanzug gekleidet hatte, anzügliche Avancen. Nur das Auftauchen von Rainer und Toby rettete ihn vor schlimmerem.


    "Da sind ja die beiden Haudegen", rief eine in Leggings, deren Nadelstreifen bis zur Elastizitätsgrenze gedehnt wurden. "Na, habt ihr euch erholt von der Flucht?"


    Eine Andere, bekleidet mit einem glänzenden Oberteil mit angeformtem Röckchen erklärte dem Barkeeper in breitem rheinischen Dialekt: "Die beiden Schnuckelschen hier mussten sisch jestern am Ballermann jejen Jrapscher wehren un mussten vor dä Polzei flüschten. Eetst in Palma hamma se widder jetroffe."


    "Ist aber auch kein Wunder", mischte sich eine dritte deutlich angetüddelt ein und hatte die Hand bereits auf Rainer´s Rautenhintern. "Da muss man doch einfach hinfassen."


    "Na ihr seid ja schon wieder gut drauf", stellte Tobias fest und war froh außerhalb der Reichweite ihrer Hände zu stehen.


    "Na sischer dat", bestätigte die Rheinländerin.


    "Wollt ihr uns nicht Gesellschaft leisten?"


    "Ach", begann Rainer und entwand sich dem Zugriff, "dafür ist es uns noch etwas zu früh", spielte er auf die hochgeistigen Getränke an. "Wir werden erst mal in den Pool hüpfen und abwarten was die Reiseleitung uns nachher verkünden will."


    Damit gingen die Beiden weiter zu den Liegestühlen in der Sonne, rund um das Schwimmbecken.


    "Wenn die nicht nur im Urlaub so aufdrehen, dürfte sich deren Leben deutlich verkürzen", kommentierte Rainer den Zuspruch zu alkoholhaltigen Genussmitteln.


    "Dafür haben sie ja auch vieles doppelt gesehen, das gleicht sich wieder aus. Davon abgesehen: was wir in unserer Jugend veranstaltet haben, steht dem doch um nichts nach, oder?"


    Das stimmte natürlich. Sie waren ja auch keine Unschuldslämmer und dass man sich hier auch mal gehen lassen durfte, hatten sie ja selbst schon bewiesen.


    Das große Sonnendeck am Ende des Kreuzfahrtschiffs begann sich bereits zu füllen, als sie in das kleine Becken hüpften und erfrischendes Nass spürten. Es gab bestimmt nicht wenige der Mitfahrer, deren Lycrakleidung selten ihren natürlichen Lebensraum zu spüren bekam. Viele erfreuen sich ja im Alltag an ihrer Badekleidung ausschließlich auf dem Trockenen.

    Der Pool war gut gefüllt mit Gästen und an Schwimmstöße war nicht zu denken. So blieb es bei einer nassen Abkühlung. Genau das Richtige um sich danach auf den Liegen von der Sonne erwärmen zu lassen.


    Als er hinter seinen Kumpel die Leiter hochstieg, beschlich Rainer wieder diese seltsame Sehnsucht. Dieses Verlangen nach etwas, das ungehörig war. Doch die Nässe setzte Toby´s Leib so effektvoll in Szene, dass ihn nur die Kühle des Wassers vor einer Peinlichkeit in der Radlerhose bewahrte.

    Doch es waren mehr als nur Äußerlichkeiten, die bewirkten dass er sich zu ihm hingezogen fühlte.


    Rainer wischte diese Gedanken wieder einmal beiseite und lenkte sich damit ab zu beobachten, wie sich auch das darüber liegende, "halbe" Achterdeck langsam füllte.


    "Der Aushang und der Aufruf im Bordfernsehen trägt Früchte", stellte er fest.


    "Ich denke es gibt Infos zu den heutigen Veranstaltungen", mutmaßte Tobias beim Abtrocknen. "Vielleicht wollen sie auch wieder Drohnenfotos machen."


    Es ging auf Elf Uhr zu und mehrere Grün gewandete Vertreter des Veranstalters waren zu sehen. Die rostrote Haartracht Leonies stach unter den vielen Passagieren heraus. Auf einem kleinen Podest räusperte sie sich ins Mikrofon, was ihr die Aufmerksamkeit sicherte.


    "Hallo Lycrafans. Geht´s euch gut?"


    Der Beifall war noch etwas verhalten.


    Etwas lauter rief sie: "Ich fragte geht´s euch gut?"


    Das folgende "Jaaa!" aus allen Kehlen entsprach schon eher ihrer Erwartung.


    "Jetzt habt ihr schon ziemlich viel erlebt", sprach sie als der Jubel sich gelegt hatte. "und konntet euch endlich mal mit Gleichgesinnten austauschen."


    Zustimmendes Nicken allerorts.


    "Und zusätzlich zu der angenehmen Kreuzfahrt, für die wir von Lycraworld der Reederei, Kapitänin Roege und ihrer gesamten Crew herzlich danken, konntet ihr im Paradies der Lycrakleidung schwelgen."


    Wieder Beifall.


    "Unsere Kleiderkammer sah stellenweise regelrecht leer geräumt aus", scherzte sie. "Einige von euch verlebten sogar einen abenteuerlichen Landgang, wie ich gehört habe."


    Tobias und Rainer fühlten hunderte Augenpaare auf sich ruhen und sahen betreten zu Boden.


    "Auch ohne Blessuren ist es nicht abgegangen."


    Diesmal richteten sich die Blicke auf ein Paar bei dem Er Schürfspuren am Bein aufwies und ebenfalls verlegen dreinschaute.


    "Doch insgesamt hatten alle ihren Spaß und alle sind auch wieder Gesund zurück gekommen."


    Sie ließ den Blick über die bunte Menge aus Chemiefasern schweifen. Mit einer Zufriedenheit die ausdrückte, dass die Anspannung des ersten Mals so langsam von ihr abfiel.


    "In Vertretung von Kapitänin Silja Roege begrüße ich heute den Ersten Offizier, Thijs van Doornen, der uns Infos zu unserer weiteren Reise geben kann."


    Ein lüsternes Raunen ging vornehmlich durch die Reihen der weiblichen Gäste. Der Stellvertreter der Schiffsführerin war ein gestandenes Mannsbild. Groß, kräftig, maskulin bis in die Haarspitzen unter seiner Kapitänsmütze. Daran änderten auch die gut gefüllten, weißen Radlerhosen nichts, die er an Stelle der regulären Uniformhose trug. Eher im Gegenteil.


    "Sehr geehrte Gäste", begann er in der für die Besatzung typisch offiziellen Art, "Wir haben momentan Kurs auf Sardinien, welches wir im Laufe des Tages umrunden werden. Gestern gab es hier einige kleine Regenschauer, was uns heute klare Luft mit bester Fernsicht beschert. Die Borealis wird sich mehrmals der Küste nähern um Ihnen interessante Fotomotive zu liefern. Morgen in aller Frühe werden wir aus dem tyrhenischen Meer durch die "Straße von Bonifacio" zwischen Sardinien und Korsika durchstechen und unser finales Ziel ansteuern. Am späten Nachmittag legen wir dann in Marseille an."


    "Vielen Dank für den Blick auf die weitere Route, Herr van Doornen", übernahm die Kupferhaarige wieder die Ansprache. "Ich weiß, sie sind sehr beschäftigt und daher möchten wir sie auch nicht länger von der Arbeit abhalten."


    Unter viel weiblichem Applaus verließ der Machotyp wieder die Bühne.


    "Noch anderthalb Tage also, bis unsere Kreuzfahrt zu Ende ist. Doch bis dahin werden wir nochmal zünftig unserer Leidenschaft frönen, oder?"


    Unter Jubeln gingen alle Hände in Zustimmung hoch.


    "Heute ist der Tag, der größtenteils von Euch gestaltet wird. Schon jetzt möchte ich allen für die zahlreichen Anmeldungen danken. Die Terminplanung ist euch ja bereits zugegangen. Alle Anderen können sich an den Aushängen informieren Wer, Wann, Wo, Was macht. Einiges findet relativ spontan irgendwo in den öffentlichen Bereichen des Schiffs statt, ansonsten sind die beiden Veranstaltungssäle sowie die Kleinkunstbühne in der Bar die Locations der Wahl."


    Gemurmel ging in der Pause ihrer Ansprache umher.


    "Damit es euch nicht zu langweilig wird, starten wir mit einer Anregung mehrerer Lycrafreunde, ... wo seid ihr?"


    Am Rand des Oberdecks winkte eine Gruppe junger Männer in einheitlichen Sportbadeanzügen.


    Leonie ergriff wieder das Wort: "In Anlehnung an einen "Miss-Wet-T-Shirt-Contest" rufen wir auf zu einem "Miss-Wet-Lycra-Contest". Wer teilnehmen möchte findet sich bitte hier bei mir ein."


    Während überraschend viele weibliche Fahrgäste sich für dieses chauvinistische Spektakel meldeten, schöpften freiwillige Helfer Eimerweise Wasser aus dem Swimmingpool.




    "Ist eigentlich nicht mehr so auf der Höhe der Zeit, findest du nicht?", fragte Rainer seinen Kumpel.


    "Schon", entgegnete dieser und grinste sich eins. "Aber eine Gaudi ist es trotzdem."


    Die über zehn Teilnehmerinnen wirkten fast alle so, als bräuchten sie keine nassen Klamotten um den Männern den Kopf zu verdrehen. Dementsprechend rückten auch viele, vor allem männliche Zuschauer näher. Darunter auch die beiden Freunde.


    "Ist das nicht eine vom Kegelclub?", deutete Tobias ans andere Ende der Schlange.


    Rainer kniff die Augen zusammen. Ja, das war wirklich die ältere Rheinländerin, die ihn vorhin so schamlos abgegriffen hatte. "Secco macht mutig", kommentierte er ihre Entschluss.


    Dann wurden alle relativ gleichzeitig mit dem Wasser übergossen. Unangenehm kühl war das bei diesen Temperaturen natürlich nicht. Dazu hätte es schon einer Icebucket-Challenge bedurft.


    Die grüne Moderatorin griff wieder zum Mikro: "Jetzt bitte ich die begossenen nacheinander auf die Bühne und die Zuschauer entscheiden durch ihren Applaus."


    Bis zur vierten Teilnehmerin schwoll der Applaus stetig an. Diese trug einen matten Voltigieranzug in Gelb und Hellgrün. Durch das Wasser wirkte dieser oben herum dunkler, während die Beine bis auf einige nasse Streifen noch heller waren. Natürlich spielte auch die Betonung des Dekolletees durch die Feuchtigkeit eine Rolle bei der Auswahl.


    Die folgenden Damen ernteten durchweg weniger Beifall, was vor allem daran lag dass sie bereits Wetlook-Sachen trugen, was mit zusätzlichem Wasser den Effekt weitaus weniger steigerte. Erst die letzte in der Reihe erntete vergleichbaren Beifall wie die Nummer vier. Ausgerechnet war es die etwas plumpe, aber nichts desto trotz sympathische Rheinländerin. Natürlich kam der meiste Jubel aus ihrer eigenen Ecke, aber auch andere zollten ihrem Mut Anerkennung.


    "Das läuft wohl auf ein Stechen hinaus. Bitte die beiden Kontrahentinnen noch mal zu mir."


    Die "gelbgrüne" zu ihrer linken und die "Kegelgenossin" zur Rechten wurde abwechselnd die Lautstärke des Beifalls verglichen. Das Endresultat war denkbar knapp, aber die gut geölten Kehlen der "Kegeldamen" bescherte ihrer Kollegin letztendlich den Sieg.






    Kapitel 4.7 Rubina und Dirk


    Etwas abseits beobachteten die Katzenfrau und der Ermittler die unzeitgemäß anmutende Zurschaustellung maskuliner Gelüste. Doch die Publikumsreaktion bewies, dass es rein als kurzweilige Gaudi verstanden wurde.


    "Danke, villen Dank", keuchte die etwas beleibtere Siegerin des nicht so ernst gemeinten Wettstreits mit rheinischem Akzent ins Mikrofon der grün schillernden Leonie. "De Applaus is jereschfertischt. Äwwer hür ens, warum weeden immer die Frauen mit Wasser überjosse? Wie wäret mal mit den schnuckelijen Jungens dort in der eetsten Reihe?"


    Sie hatte ihren für manche schwer zu verstehenden Gedankengang noch nicht ganz zu Ende geführt, schon schnappten sich die nassen Mädels je einen der am nächsten stehenden Zuschauer und stießen sie kurzerhand in den Swimming-Pool.


    Unter dem Erstaunen des Moments ergriff Leonie wieder das Wort als die Überrumpelten klitschnass wieder die Einstiegsleiter empor kamen: "Also Recht hat sie ja, unsere Siegerin. Jungs, stellt euch doch auch hier auf der Bühne der Wahl zum Mister Wet Lycra."


    Den lautstarken Bekundungen der restlichen Passagiere konnten sich die triefenden Lycrafans nicht verschließen und so versammelten sie sich, zum Teil etwas verlegen, gezwungenermaßen auf der kleinen Bühne.



    "Das gefällt dir. was?", fragte Dirk seine Begleiterin die gespannt auf die Abstimmung wartete.


    "Zumindest sind doch einige dabei, denen das nasse Lycra einen besonderen Ausdruck verleiht", meinte sie mit erwartungsfrohem Blick.


    "Hätte ich vielleicht auch teilnehmen sollen?"


    Jetzt wandte sich Rubina vom Geschehen weiter vorn ab und umfasste seine Taille. "Du bist ja noch etwas angeschlagen", erklärte sie süffisant und setzte leise lüstern hinzu: "Außerdem möchte ich dich für mich alleine haben, wenn du tropfst."


    Damit spielte sie auf ihr Abenteuer am einsamen Strand Mallorcas an, wo sie leider zu schnell in die Wirklichkeit zurück beordert wurden.


    Das Publikum indes, hatte per Applaus seine Favoriten gekürt. Auch hier kam es zu einer Stichwahl die für die beiden erwählten unerwartet kam. Toby´s sportgestählter Körper tropfte noch immer in seinem Regenbogen-Einteiler und bei Rainer betonte die Feuchte das Rautenmuster seiner Tights, während die Sonnenstrahlen sein Grüngelb verwischtes Oberteil schimmern ließ.


    Das Stechen ging unentschieden aus. Selbst ein weiterer Durchgang endete in einem Patt, so dass die rothaarige letztlich beide zu Siegern erklärte.


    Zum Abschluss der kurzweiligen Zerstreuung griff sie noch einmal zum Mikrofon: "Und jetzt wünsche ich euch allen noch einen abwechslungsreichen Tag. Unterstützt die vielen Amateurkünstler mit eurem Besuch der verschiedenen Veranstaltungen."


    Wieder Applaus.


    "Und vergesst nicht, weshalb ihr hier seid. Wisst ihr es noch? Drei ... zwei ... eins ..."


    "L Y C R A A A A A!", schallte es aus allen Kehlen.



    "Und was machen wir beide jetzt?", erkundigte sich der Ermittler bei der Katzenfrau, während die Sieger und die Siegerin unter Zustimmung zur Bar gingen um das Siegesschlückchen zu nehmen.


    "Ach, lassen wir uns doch einfach mal treiben."