ENDE NOVEMBER

  • Hallo zusammen.
    Vorliegende Zeilen geisterten schon Ende November 2017 durch mein Zerebrum. Niedergeschrieben habe ich sie mehr so für mich selbst, da sie mir eigentlich thematisch für niemanden interessant genug schien.
    Seither hadere ich aber fortwährend damit, sie nicht doch zu veröffentlichen. Trotz eines gewissen Lycra-Anteils sehe ich ein, dass es nicht jedem zusagen wird. Nach langem hin und her kam ich jedenfalls zum Schluss sie doch zu posten.
    Sie ist halt anders.






    ENDE NOVEMBER



    Story von lycwolf




    Der Bus rattert über die schlecht sanierten Straßen des Stadt-Randbezirks. Aber besser unbequem gefahren als bequem gelaufen. Noch dazu bei diesen arktischen Temperaturen. Es scheint der Winter kommt früh dieses Jahr.
    Nur wenige Fahrgäste steigen mit mir aus. Meist ältere Leute.
    Ich warte noch einen Moment um mich gegen die Kälte zu wappnen. Der lange Wintermantel erfüllt seinen Zweck sehr gut, wenngleich ein zusätzlicher Schal nicht verkehrt gewesen wäre. Zum Glück ist es gerade mal nicht windig. Die Vormittagssonne steht tief und der aufklarende Himmel lässt etwas mehr von ihren Strahlen durch als ich mich schließlich in Bewegung setze.



    Ungewöhnlich, welche Assoziationen unser Gehirn manchmal knüpft. Gerade denke ich daran, wie ich dich zum ersten Mal getroffen habe. Es war ausgangs Frühling und im Gegensatz zu heute regnete es Hunde und Katzen. Da in meiner Stadt gerade keine passende Reha-Anwendung zu bekommen war, schlug mir die Krankenkasse alternativ einen Kurs im 25km entfernten Kurstädtchen vor.
    Deinen Kurs.
    Damals warst du als Physiotherapeutin im Kurhaus angestellt. Nur wenige Schritte entfernt von dem Platz, auf welchem alljährlich das selbst betitelte "Größte Weinfest der Welt" abgehalten wird.
    Ein Motorrad-Unfall im spätjugendlichen Ungestüm führte mich hierher. Nach der generellen Genesung hielten die behandelnden Ärzte Anschlussheilmaßnahmen für sinnvoll. Zwar hatte ich bereits eine der Anwendungen versäumt, bis ich von der Krankenkasse Bescheid bekam, doch das konnte den Reha-Erfolg vermutlich nicht grundlegend schmälern.

    Als ob das nass werden vom Parkplatz bis zum Kurhaus nicht schon gereicht hätte, kam ich auch noch zu spät. So stand ich dann schließlich in Jogginghosen und noch etwas feuchten Turnschuhen im Gymnastikraum vor dir.
    Ich erinnere genau, wie du mich zusammengefaltet hattest. Wie ich stetig kleiner wurde unter deinen Tiraden über Pünktlichkeit, Hallenturnschuhe und vor allem sinnvollere Kleidung, damit du überhaupt eine Chance hättest meine Haltungsdefizite zu beurteilen.
    Die Blicke anderen sieben Kursteilnehmer waren mitfühlend und der Begriff "Feldwebel" stand kaum hörbar im Raum.

    Was mich angeht, war damals bereits der Funke übergesprungen. Die Kombination aus deiner Strenge und deiner im Gegensatz dazu grazil schlanken Erscheinung hatte es mir angetan. Genauso natürlich auch dein dunkelgrüner Ganzanzug aus anschmiegsamem Lycra, der keine Facette deiner Physiologie verdeckte.
    Dich hingegen traf Amor´s Pfeil erst eine Woche später. Angespornt durch deine Moralpredigt hatte ich, damals schon lange Lycra-Fan, nämlich zur nächsten Stunde das "Große Besteck" mitgebracht. Lange schwarze Gymnastikhose, darüber einen Ärmellosen, blauen Gymnastikbody und stilecht dazu schwarze Turnschläppchen.
    Mich so zu sehen hatte dich zunächst etwas aus dem Konzept gebracht. Obwohl beim Rest der Gruppe das Weltbild ziemlich ins Wanken geriet, standen sie mir dennoch positiv gegenüber. Schließlich war ich es, der den "Feldwebel" sprachlos gemacht hatte, wenn auch nur kurz.

    Wegen meiner Kleidung zogst du mich fortan immer wieder mal als Anschauungsobjekt heran und ich kann nicht sagen, dass mir deine Berührungen jemals unangenehm waren. Selbst mein Beispiel mit der Gymnastikkleidung machte Schule, wenn auch nur in homöopathischen Dosen. Zumindest stiegen zwei der Anderen auf Radlerhosen um und bei einem davon waren sogar sehr schüchtern schwarze Leinenschläppchen zu sehen.
    Geht doch.

    Mir war nicht entgangen, dass ich dich mit meiner Kleidungsoffenbarung öfter ein wenig ins Stocken gebracht hatte. Der Eindruck, dass du mich deshalb so oft zur Demo gebeten hattest um Gelegenheit zu bekommen mich in den Lycrasachen zu berühren, trog nicht. Und mir machte es ebenso Spaß, vor allem weil deine Übungen Erfolg zeigten und ich zunehmend wieder beweglicher wurde.
    Um dich privat anzusprechen fehlte lange die Gelegenheit, da du dich am Ende jeder Trainingsstunde immer schnell verkrümelt hattest. Und du selbst hieltest dich professionell zurück.

    Bis zum Schluss der letzten Einheit. Anhand von Gymnastikbällen, Stangen, etc. hattest du uns noch Tipps für Übungen gegeben, die mit haushaltsüblichen Gegenständen zu Hause nachzumachen sind. Ich sollte dir noch beim Aufräumen zu helfen - der Rest ist Geschichte. Keine halbe Stunde später saßen wir in einem Biergarten am Ende des Gradierwerks, dem Wahrzeichen der Kurstadt, und kamen uns näher.




    Der zumeist unbefestigte Weg ist durch die letzten Nachtfröste steif gefroren und dadurch ganz gut begehbar. Er teilt sich um einem abgestellten Zierbrunnen herum, wie er typisch für Parkanlagen ist. So richtig eilig habe ich es nicht, doch zum Verweilen ist es mir zu kühl.



    Wie damals, als wir es uns nach einem langen Sonntagsspaziergang zu Hause gemütlich machen wollten, ich aber die Heizung bereits in den Sommermodus gedrosselt hatte und das blöde Kaminfeuer nicht angehen wollte. Bis es endlich brannte, hattest du einen Zentai ohne Kopfhaube, zusätzlich Capri-Leggings, eine Langarm-Turnanzug und dicke Wollsocken übergezogen. Und trotzdem bibbertest du unter der Wolldecke auf der Couch. Ich schlüpfte zu dir und versuchte so viel deines Körpers wie nur möglich zu umschließen um dir Wärme zu spenden.

    Auch wenn ich dich oft wegen deiner "Gefrierhuhn-Gene" aufzog, mochte ich das Lycra-Kuscheln mit meiner Frostbeule umso mehr. Der männliche Beschützerinstinkt war bei mir schon immer deutlich ausgeprägt und es gefiel mir, dass du ihn so oft ansprachst. Deine Kälteempfindlichkeit war natürlich auch auf deine schlanke Gestalt zurück zu führen. Gelegentlich plagten dich Selbstzweifel, da du dich für zu wenig feminin hieltest. Ich musste dir dann immer wieder ins Gewissen reden, dass du dich nicht über Äußerlichkeiten definierst und ich nicht zuletzt deshalb mit dir zusammen sei, weil deine drahtige Erscheinung so gut zu deinem Naturell passt. Das sprichwörtliche Brett. Ebenso flach und genauso hart, aber ich hätte dich um nichts in der Welt anders haben wollen. Es bedurfte nur der Berührung der gespannten, schimmernden Lycrahaut über deinem stahlharten Körper um mich bereit zu machen, dir jegliche Lust zu bereiten. Wir ergänzten uns stets perfekt.

    Es war jener Abend als wir uns der berühmten Frage stellten, die Paare unweigerlich nach einiger Zeit des Zusammenseins beschäftigt. "Wie geht das mit uns weiter?"
    Wir waren über drei Jahre zusammen und trotz Alltag noch immer total verliebt ineinander. Eine unglaubliche Fügung des Schicksals. Ich, der Lycra-Fetischist und du die durchtrainierte Sportskanone, die schon von Berufs wegen kaum was anderes trägt.
    Gerade in diesem Dasein der Harmonie fand ich die Frage nach der Zukunft eher negativ besetzt. Als könne sie das "Gewohnte" zerstören.
    Es ging natürlich um das Thema Kinder. Du wusstest genauso wenig wie du es mir sagen solltest wie ich es dir. Wir hatten uns diesbezüglich gegenseitig konservativer eingeschätzt und drucksten nur unnötig um den heißen Brei herum. Das Gespräch wurde bereits peinlich und nicht einmal dein herrlich glatter Lycraleib konnte meine Stimmung heben. Wärst du nicht endlich mit deinen Vorstellungen ´rausgerückt, hätte sich die ganze Sache bestimmt noch Tage hingezogen.

    Da wir eng aneinander gekuschelt waren, spürtest du sofort die Veränderung in meiner Körperspannung. Es erschreckte dich fast.
    Deine Antwort auf die Frage Kinder, ja oder nein, deckte sich genau mit meinen Vorstellungen.
    Welche Erleichterung.
    Ich hatte mich davor gefürchtet dir zu gestehen, dass ich keine Kinder wollte. Da du es aber genauso sahst, kam ich mir ganz schön blöd vor. Und natürlich trotzdem irgendwie schuldig. War es denn nicht unsere Pflicht zur Erhaltung der Spezies beizutragen? Schien es nicht egoistisch, uns von der Konvention ausnehmen zu wollen?
    Wir waren halt ein gänzlich unkonventionelles Paar.

    Das Thema Ehe hattest du in diesem Aufwasch direkt mit abgehakt.
    Wir brauchten keine gesetzliche Legitimation um miteinander glücklich zu sein. Und religiöse Konzepte waren uns noch mehr suspekt.




    Während der Weg an einer der Begrenzungsmauern vorbei führt, weicht der mit Split vermengte Sandboden für eine Weile einem Asphaltstück. In der Nähe befindet sich ein weiterer Zu- oder Ausgang, je nach Standpunkt. Ein Fußball knallt an die geschlossene Hälfte des Gittertores und lässt die schmiedeeisernen Blechverzierungen scheppern. Egal welches Wetter, es finden sich immer einige Jungs mit einem Ball. Selbst im digitalen Zeitalter.



    Einige Jahre später, als deine biologische Uhr bekannt gab dass ab jetzt die Wahrscheinlichkeit für Nachwuchs sinken, und eventuelle Komplikationen steigen würden, besprachen wir nochmal das Thema. Du warst immer noch der gleichen Meinung. Ich hätte mir zwar mittlerweile auch ein Familienleben vorstellen können, aber nur wenn das dein sehnlichster Wunsch gewesen wäre.

    Im Gegensatz zu vielen Anderen in unserem Alter, hatten wir nie den Eindruck dass es uns an etwas fehle. Allerdings fielen Freundschaften mit Eltern schwer, denn deren Leben wird, verständlicherweise, von gänzlich anderen Prioritäten bestimmt. Manche davon jedoch beneideten uns um unser freies Leben.

    Deine Leidenschaft war das Reisen, das Aktiv sein, ständig neue Erfahrungen zu machen. Dadurch konnten wir ein umfassenderes Bild von der Welt gewinnen, als es einem Pauschalurlauber je möglich wäre. Und das nicht nur im Ausland, sondern genauso in Deutschland. Deine Augen leuchteten immer erwartungsfroh wenn wir irgendwo ankamen wo du noch nie zuvor warst.
    Und dann der Sport, in den wir unsere Leidenschaft für das Tragen körpernaher Kunstfasersachen einflechten konnten. Laufen, Radfahren, Schwimmen (Der Ironman war zumindest spaßeshalber mal Gesprächsthema). Du liebtest das Tauchen. Ob an der Adria oder im Roten Meer. Und ich liebte deinen straffen Body im nassen Neopren.



    Mein Ziel nähert sich und ich taste nach dem Stück Stoff in meiner Manteltasche. Jener Anker, der in den vergangenen Wochen einen großen Stellenwert für mich bekommen hatte. Wind kommt wieder auf und macht die Luft gefühlt kälter. Ich stelle den Kragen hoch.



    Das erinnert mich an unser erstes reales Zusammentreffen mit anderen Mitgliedern eines Internetforums. Wir hatten auch vorher schon regelmäßig Fetischparties besucht auf denen sich Gleichgesinnte tummelten. An einer speziell auf Lycra ausgerichteten Veranstaltung in den Niederlanden nahmen wir sogar zwei Jahre in Folge teil. Allerdings trifft man dabei auch auf jede Menge Blödmänner und Idioten.
    Deshalb hattest du dich in mehreren Internet-Foren zum Thema angemeldet. Als eines davon sich als interessant für uns herausstellte, trat auch ich bei und fast ein Jahr lang tauschten wir uns mit den Mitgliedern aus. Dabei lernten wir die Anderen ganz gut kennen und zumindest im Netz machten die hauptsächlich Männer einen, abgesehen von ihrem Fetisch "normalen" Eindruck.

    Es war Winter und einige hatten ein Treffen vereinbart um zusammen ein Freizeitbad zu besuchen. Natürlich in Lycrasachen, wie Halb-Zentais, Gymnastikanzügen, Ganzanzügen, Leggings, Radlern - und natürlich auch in ganz regulären Badeanzügen.
    Da wir etwas früher an der Schwimmhalle ankamen mussten wir warten. Der Wind sorgte für ein frierendes Gefühl und praktisch veranlagt wie du warst, zogst du zum Schutz einfach die Kopfhaube deines Zentais über, welchen du unter der Straßenkleidung trugst. Du warst geschützt und dientest den anderen Lycra-Fans als Orientierungspunkt. Fast wie ein Leuchtturm aus Polyamid und Elasthan. Obwohl nicht alle gekommen waren die sich angemeldet hatten, wurde es dennoch ein unvergesslicher Tag. Unvergessen natürlich auch durch die meist verständnislosen, manchmal aber auch bewundernden Blicke, die andere Badegäste unserer unkonventionell gekleideten Truppe zuwarfen.

    Letztlich waren es aber genau diese Blicke, die das aufregende Kribbeln im Bauch erzeugten anders zu sein. Einige der Lycragemeinschaft machten das zum ersten Mal und es half ihnen sehr, dabei nicht alleine zu sein. Andere hatten da mehr Erfahrung. Wir beide lagen so ziemlich in der Mitte. Außer zu sportlichen Betätigungen kleideten wir uns eher selten in der Öffentlichkeit in Fetischsachen. Klar, ein Body hier, Radler da, aber in größerem Umfang doch nur auf speziellen Veranstaltungen.
    Das Resümee des Tages lautete einstimmig: Wiederholen!



    Mist! Dass die Leute ihre Köter selbst hier auf den Wegen ihre Hinterlassenschaften deponieren lassen. Zwar ist es unabdingbar, dass jeder Hund einen Arsch hat - umgekehrt gilt das jedoch nicht. Glücklicherweise ist der Haufen an den ich soeben getreten bin schockgefrostet. Trotzdem ärgerlich. Allerdings lenkt es mich ein wenig von meiner Aufgabe ab. Ob ich dem Hund dafür dankbar sein muss?



    Sorgen in dieser Richtung machten wir uns auch an der Promenade von Venice Beach. Du wolltest unbedingt mal nach Kalifornien und so unternahmen wir einen der typischen Pauschaltrips um einen ersten Eindruck von der Gegend zu bekommen. San Diego, San Francisco, Marin County und die Weinbaugegenden. Dann einen Abstecher ins Sündenbabel Las Vegas und zum Abschluss Strandentspannen in Venice.

    Wieder warst du die treibende Feder. Deine Argumentation, dass uns dort ja niemand kenne war so einleuchtend wie überflüssig. Die Zentais verhüllten uns schließlich komplett, kein Fitzelchen Haut blieb sichtbar. Man muss dazu sagen, dass speziell dort jede Menge Selbstdarsteller unterwegs sind und wir weit weniger auffielen als erhofft. Und dabei hatten wir unsere auffälligsten Stücke ausgewählt. Dein Zentai in hochglänzendem Neongrün, ich im blauen Wetlook, der fast wie nasses Latex wirkte.

    Da die Kopfhauben die Sicht etwas einschränkten, machten wir uns Gedanken speziell um Hundehaufen. Andererseits mussten wir die Fußteile sowieso vor den rauen Untergründen schützen. Beschädigungen, wie Löcher oder Laufmaschen sind ein echtes NoGo. Doch auch die hierfür gewählten, einfachen Turnschläppchen hätten im Extremfall nicht alles abhalten können. Lediglich ohne großen Verlust entsorgen hätte man sie können.
    Hand in Hand in Lycra unter Kalifornischer Sonne zu flanieren war ein echtes Highlight. Angenehm erwärmt erlebten wir durchweg positive Bekundungen der Passanten.



    Diese Wärme wäre mir jetzt auch lieber.
    Ich muss einen Moment anhalten, denn ich fühle mich schlapp. Bestimmt brüte ich eine Erkältung aus. Der Fetzen dünnen Lycras, den meine Hand in der Manteltasche berührt wirkt seltsam aufmunternd. Trotzdem fällt mir das atmen auf der großen Treppe schwer.



    So wie dir Mitte September bei deiner Sommergrippe. Allerdings hielt sich diese hartnäckig und über viele Wochen hinweg wurde zumindest der Husten zu deinem ständigen Begleiter. Ich machte mir langsam Sorgen um dich. Nicht nur, dass du neben den Erkältungssymptomen immer antriebsloser wurdest. Auch zunehmend appetitloser und dein ohnehin schlanker Körper hatte dem nicht viel entgegen zu setzen.
    Anfang Oktober war klar, dass das kein grippaler Infekt sein konnte und ein Arztbesuch wurde unumgänglich. Du brauchtest unbedingt Medikamentöse Unterstützung um wieder auf die Höhe zu kommen.



    Ich habe mein Ziel erreicht. Außenstehende halten es sicher für kindisch, dass das Einzige, was mir seit Wochen Halt gibt ein simples Gewebe aus Chemiefasern ist. Ich muss öfter blinzeln, denn der kalte Wind fördert die Verdunstung der Augenflüssigkeit und kühlt sie somit ab. Natürlich schieben meine Tränendrüsen auch immer wieder Feuchtigkeit nach, die dann erneut friert.



    Die Ärztin fand deine Blutwerte besorgniserregend. Da auch die klassischen Behandlungsmethoden zwischenzeitlich erfolglos blieben, verwies sie dich an einen Spezialisten.
    Ich habe mir nie verziehen, dass ich damals nicht an deiner Seite sein konnte als du die Diagnose bekamst. Dein Anruf erreichte mich auf der Autobahn und ich brauchte noch eine ganze Stunde bis ich dich endlich in den Arm nehmen konnte.




    Plötzlich muss ich eingestehen, wie unvorhersehbar unser Leben doch ist. Alle Pläne und Hoffnungen können vom einen auf den anderen Moment in der Nichtigkeit versinken. Dinge, die einem wichtig erscheinen werden mit einem Mal bedeutungslos. Der Alltag, Arbeit, Freizeit, verlieren jeglichen Stellenwert.



    Es war jedenfalls keine Erkältung. Noch bevor alle Tests ausgewertet waren, stand kurze Zeit lang das Wort "Leukämie" im Raum. Rückblickend hätten wir uns damit sogar glücklich schätzen können.
    Das Verständnis von Ursache und Wirkung wurde plötzlich auf den Kopf gestellt. So vielen Menschen mit ungesundem Lebenswandel prognostizieren Ärzte die Wahrscheinlichkeit für schwere und Lebensverkürzende Krankheiten. Aber Jemandem der gesund lebt? Sportlich aktiv und Fit ist?
    Stunden nach der niederschmetternden Diagnose erkannte ich deine wirkliche Stärke. Du erzähltest mir den Witz von dem Patienten, der seinen Arzt nach der Prognose seiner Lebenszeit fragt. Worauf dieser antwortet, er solle sich keine Langspielplatte mehr kaufen.





    Ist jetzt alles bereits einige Wochen her, aber ich kann es nicht zurückhalten. Die Schleusen öffnen sich und das Kleidungsstück aus phantastisch weichem und schimmerndem Lycra das ich mit mir herumtrage, muss nicht das erste Mal die salzhaltige Flüssigkeit aufnehmen.



    Du legtest eine Gelassenheit an den Tag, wie ich sie mir bei mir selbst nicht vorstellen könnte. Auch dann noch, als bereits das Thema Hospitz ganz oben auf der Agenda stand.
    Doch das kam nicht in Frage. Wir hatten zwar nur uns, aber das hatten wir sicher. Ich würde nie mehr von deiner Seite weichen.
    Letztlich ging es ziemlich schnell, doch die letzten beiden Wochen hätte ich dir gerne erspart. Es gab nicht einmal die geringste Hoffnung auf irgendeine Therapie, denn das Zerstörungswerk hatte unbemerkt bereits alle inneren Organe in seiner Gewalt.

    Dreimal am Tag kam eine Pflegehilfe zur Unterstützung. Ansonsten konnte ich nur zusehen, wie mir die Liebe meines Lebens unter Einfluss stärkster Schmerzmittel unweigerlich entglitt.
    Nie hätte ich mir träumen lassen Medikamente zu besorgen, für die spezielle Rezepte ausgestellt werden und die aus gesonderten Tresoren für Betäubungsmittel herausgegeben werden.
    Eines stand für mich fest: Wenn dich schon niemand retten konnte, würde ich dir den Übergang so schmerzfrei wie möglich gestalten. Bereits ein Bruchteil deiner Tagesdosis an Morphinen und Opiaten würde einen gesunden Menschen auf der Stelle töten.

    Dann, nach einem ungewöhnlich ruhigen Abend und einer gleichsam fast Hoffnung spenden Nachthälfte erwachte ich gegen Zwei Uhr. Du warst sehr rastlos, mein Liebling. Ich nahm dich zärtlich in den Arm um dich zu beruhigen. Mittlerweile warst du wirklich ein abgemagertes Knochengestell. Trotzdem hatte ich dich so lieb wie am ersten Tag.
    Dann auf einmal wurde dein Blick so klar wie ich ihn von früher kannte und dein Strampeln legte sich. In völligem Bewusstsein sahst du mich an.

    "I...Ich .....b..e ...dich", war alles was du artikulieren konntest.

    Mit dem widerwärtigen Gestank von pharmazeutischen Chemikalien und verrottender Eingeweide verließ dein letzter Atemzug den Körper.
    Dann war es vorbei.




    In den Wochen seit deiner Beerdigung habe ich dieses Kleidungsstück oft zweckentfremdet um meine Tränen zu trocknen. Es müsste unbedingt mal gewaschen werden, aber schaffe es noch nicht mich lange genug davon zu trennen.



    Getrennt hatte ich mich dagegen umgehend von den nicht aufgebrauchten Betäubungsmitteln. Noch bevor ich dem Bestatter Bescheid gab, brachte ich alles in die Apotheke zurück. Im Rückblick eine weise Entscheidung. Dennoch gab es Momente in denen ich das anders sah. Doch was ich damit hätte machen können, hättest du nie unterstützt. Du hättest es als Feige angesehen.



    Du starbst vor nicht ganz drei Wochen. Den Badeanzug den ich völlig verheult in Händen halte, hatte ich noch bestellt bevor unser Leben diese tragische Wendung erfuhr. Du hattest für das Teil geschwärmt, wärst aber nie bereit gewesen diese zugegebenermaßen überteuerte Summe dafür auszugeben. Allerdings stellt die Qualität aber auch alles bisher bekannte weit in den Schatten.
    Ich wollte dich damit überraschen.
    Heute, an deinem Geburtstag.
    Und wieder verschwimmt mein Blick auf alles, was von dir geblieben ist. Ich starre zu Boden und verweile so lange an deinem Grab, bis ich des Stehens Müde werde.

    Der Wind hat sich gelegt und es scheint ein klein wenig wärmer geworden zu sein. Schweren Schrittes verlasse ich deine Ruhestätte über den gleichen Weg den ich gekommen bin. Immer noch knirscht der Raureif unter meinen Schuhen, aber hier und da tanzen feinste Schneeflöckchen. Das hätte dir bestimmt gefallen.

    Mir bleiben nur die üblichen Vorwürfe über unerledigtes und alles andere, was man zu bereuen hat.
    Zurück am Brunnen fällt mir zum ersten Mal die als Relief in den Stein gemeißelte lateinische Inschrift auf:
    "Memento homo, quia es ex pulvere et in pulvererem reverteris."
    "Gedenke O Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst."


    Deine Reise ist beendet, aber ich muss die meine fortsetzen, egal wie lange sie währt. Vielleicht noch zwanzig, dreißig, oder mehr Jahre. Wer kann das sagen?
    Doch es stimmt mich tröstlich, dass möglicherweise in ein oder zwei Ewigkeiten, wenn sich alles was einmal war längst wieder aufgelöst hat, einige deiner und einige meiner Atome sich als Geburtshelfer für eine neue Sonne wieder vereinen.


  • Hallo Lycwolf, danke für die Veröffentlichung dieser etwas anderen Geschichte! Es kann (leider) nicht immer alles heiter Sonnenschein sein, aber zumindest (wenn wir das wollen) gewaltfrei und harmonisch.

  • Uff, was für eine bewegende Geschichte! *Eine träne aus dem Auge wisch*

    Danke für die Veröffentlichung!

    Do not look upon this world with fear and loathing. Bravely face whatever the gods offer.

    -- Morihei Ueshiba

  • Wow. Gänsehaut!

    Sehr gut geschrieben, interessante Ich-Perspektive. Man ahnt nach den einleitenden Absätzen schon was, aber die Geschichte hat einen sehr schnell sehr fest im Griff. Echt bewegend. Danke für diese wirklich andere Geschichte.

  • Danke euch, dass ihr auch den ernsteren Themen was abgewinnen könnt.

    Die Geschichte enthält viel persönliches, was ich dann in die Perspektive eines Lycrafans gepackt habe.

    Die letzten Absätze kann ich auch nach einem Jahr noch immer nicht ohne feuchte Augen lesen.

  • lycwolf  
    Ja, echt tragisch und traurig. Auch der Mut der Verzweiflung schaffte es nicht mehr.
    Und gerade zu der Advents- und Weihnachtszeit, wo viele schmerzlich daran erinnert werden, dass ein lieber Mensch nicht mehr da ist.


    Schade, dass sie nur Erfindungen von mir sind, aber ich hätte dir gerne Nereida und Lisa zur Hilfe geschickt.


    Auch beklemmend im Hinblick auf die Geschichte ist die Tatsache, dass ich gerade mal vor drei Monaten in der von dir beschriebenen Stadt war, das Kurbad, die Saline bzw. Gradierwerk und auch den kleinen Biergarten selber kennen gelernt hatte.
    Und ebenso nebenan auf dem größten Weinfest der Welt, dem Dürkheimer Wurstmarkt, war.

  • Desi

    ... und wenn du schon in DÜW warst (schätzungsweise in Salinarium) hattest du ruhig Bescheid geben können. Ich bin öfter mal dort. Hätte ein ideales kurzes und formloses Treffen ergeben.


    Ansonsten erinnerst du dich vielleicht, als du Anfang des Jahres einen ähnlich gelagerten Verlust einer ehemaligen Schulkameradin zu betrauern hattest und ich darauf antwortete dass ich das sehr gut nachvollziehen kann? - das steckte dahinter.

    Ich wollte den Text lange nicht veröffentlichen, aber vielleicht war´s ganz gut so.


    Danke euch allen.

  • Irgendwann, ziemlich in der Mitte, gab es eine Schlüsselszene, wo ich ich plötzlich dieses ungute Gefühl hatte. Er kann doch nicht ... dachte ich mir. Aber leider kam dann genau das, was ich gehofft hatte, nicht lesen zu müssen. Bis zum Ende musste ich mehrmals unterbrechen, um wieder einen klaren Blick zu bekommen. Wie du in den späteren Kommentaren schreibst, ist das nicht nur reine Erfindung, sondern beruht auf eigenen Erlebnissen.

    Du hast mein aufrichtiges Mitgefühl für diesen Verlust. Deine Art, das Ganze in Worte zu fassen, hat uns diese Erfahrung selbst durchleben lassen und uns mit aller Deutlichkeit gezeigt, wie grausam das Schicksal zuschlagen kann.

  • Der Graf

    Danke für dienen Kommentar.

    In dieser traurigen Geschichte habe ich sozusagen zwei persönliche Verluste aufgearbeitet, in dem ich sie ins "Lycra-Umfeld" transferierte.

    Zum Glück hatte sich nicht exakt das geschilderte zugetragen, denn der Verlust einer langjährigen Partnerin, hätte mich wohl wesentlich weiter aus der Bahn geworfen.

  • Herzlichen Dank lieber lycwolf für Deine sehr emotionale und persönliche Geschichte, die einem sehr mitnimmt und nachdenklich macht, und mit der Du sicher auch einen Teil Deiner Trauer verarbeitest hast.

    Anfangs dachte ich noch, es wäre ein Liebesbrief, bis ich merkte dass Du die Geschichte wie einen Abschiedsbrief an einen sehr geliebten Menschen geschrieben hast.

    Beim Lesen sind mir manchmal auch die Tränen gekommen, da ich im letzen Jahr selber erfahren musste wie es ist, einen geliebten Menschen aus dem näheren Umfeld, in diesem Fall meinen Vater, zu verlieren.

    Als Du vom "Leuchtturm aus Polyamid und Elasthan" geredet hast, musste ich lachen, obwohl die Geschichte ja leider einen traurigen Verlauf nimmt.

    Ich wünsche Dir von Herzen alles Liebe und danke Dir für alle Deine wunderbaren Geschichten und Beiträge, mit denen Du das Forum selber wie ein "Leuchtturm aus Polyamid und Elasthan" zum Leuchten bringst und die Lycra-Herzen erfreust.

  • Herzlichen Dank, Niki, für deinen aufmunternden und wohlmeinenden Kommentar.

    Ich fühle mich tief geehrt über das Prädikat "Leuchtturm aus Polyamid und Elasthan".

    Dankeschön, dass es dir gefallen und dich berührt hat.