DAS SCHWIMMBAD

  • Hallo, Genießer des geschriebenen Wortes. Auch wenn ich gerade an etwas anderem arbeite, musste ich diese Idee zu einer weiteren, wirklichen Kurzgeschichte vorrangig umsetzen.
    Wohl bekomm´s




    DAS SCHWIMMBAD



    Kurzgeschichte von lycwolf



    Berufliche Anwesenheit verschlug mich in die Nähe von Boston und ich dachte wenn ich schon an dort sein musste, konnte ich auch eine Woche Urlaub dranhängen um die dortige Natur zu
    erkunden. Es war Herbst und bereits das Wenige, was ich abseits der Arbeit vom "Indian Summer" mitbekam, machte seinem Ruf alle Ehre. Allerdings fühle ich mich unter großen Menschenansammlungen nicht wohl, und in Großstädten schon gar nicht. Deshalb orientierte ich mich mit meinem Mietwagen gen Nordwesten in ländliche Regionen nahe der Staatsgrenze
    zwischen Massachusetts und New Hampshire. Eine der landestypischen, familiär geführten Pensionen, das "Cold Creek Inn", gewährte mir Unterschlupf und die Besitzerin überschüttete
    mich mit Ausflugstipps die für mehr als vier Wochen ausgereicht hätten.

    Wie fast überall auf der Welt, vergaß man dass man sich auf einem anderen Kontinent befand, sobald die Besiedelung hinter einem lag. So auch hier im "Townsend State Forest". Nach Eintritt in die feurig, farbigen Laubwälder fühlte ich mich irgendwie zu Hause, auch wenn ich tausende Kilometer entfernt war. Nur Kleinigkeiten, wie die putzigen, grauen Eichhörnchen anstelle der gewohnten rotbraunen, deuteten auf die Vereinigten Staaten hin. Und natürlich die fehlenden Wegmarkierungen. Doch die regionale Faltkarte, mit welcher die Pensionsbesitzerin schnell zur Hand war, bewahrte mich vor allzu großen Irrwegen. Der Kopf wurde frei und an die Arbeit verschwendete ich keine Gedanken mehr. So sollte "Quality-Time" aussehen.

    Am vorletzten Tag meines Kurzurlaubs jedoch, hatte sich die Welt gegen mich verschworen. Es regnete wie aus Gießkannen und an Ausflüge in die Natur war nicht zu denken.


    "Public Pool?", wiederholte die Wirtin meine Frage nach einem Hallenbad in der Nähe. "Ich bin nicht so die Schwimmwerin, aber ich glaube hinter "Temple", zwanzig Meilen Nordwestlich
    ist ein Schwimmbad. Bin mir aber nicht so ganz sicher."


    Egal wie limitiert die Gepäckmenge auch ist, ein Minimum aus Lycrakleidung muss auf Reisen immer mit. Lieber lasse ich andere Sachen zu Hause. Eine Hallenbad-taugliche Radlerhose hatte ich sowieso dabei. Dazu auch den grünblauen Gymnastikbody, der Ärmellos wie ein Badeanzug wirkte, nur eben mit geschlossenem Rücken. Diesen hatte ich eher als "Schlafanzug" auserkoren, aber wer weiß, vielleicht ergab sich ja die Möglichkeit damit zu schwimmen. Schließlich kannte mich hier ja keiner. Allerdings würde ich wohl vorher beim Bademeister nachfragen, nicht dass ich irgendwelche von Alters überlieferte Gesetze übertrat. So wie man beispielsweise nur an ungeraden Tagen auf offener Straße popeln darf oder ähnlich blödsinniges. Also machte ich mich im Regen auf die Suche nach einem Schwimmbad.

    Die gute Nachricht war, dass der Regen nach einiger Zeit nachließ. Die schlechte, dass dafür ein immer dichter werdender Nebel einsetzte. Jetzt durchquerte ich bereits zum zweiten Mal das kleine Städtchen, welches meine Vermieterin genannt hatte. Ohne Erfolg. Kein Hinweis auf ein Hallenbad. Und die Milchsuppe um mich herum wurde immer dichter: Ich folgte der Landstraße Ortsauswärts. Da ich sowieso nicht besseres tun konnte, ließ ich mich einfach von Ort zu Ort treiben. Allerdings bekam ich von der Gegend zunehmend weniger mit. Obwohl es heller Tag war, präsentierte sich die ländliche Region nur schemenhaft.

    "Crownsborough" stand auf dem Ortsschild, welches ich dank meiner geringen Geschwindigkeit gerade noch so entziffern konnte. Die letzte Viertel Stunde schien ich alleine auf der Straße zu sein. Oder kam es mir nur so vor, weil andere Verkehrsteilnehmer nicht zu erkennen waren? Ob ich besser anhalten sollte, bevor ich einen Unfall riskierte?
    Selbst eine Haltemöglichkeit zu finden gestaltete sich schwierig in dem Nebel. Dann endlich konnte ich in Schrittgeschwindigkeit auf einen großen Parkplatz fahren. Wirkte wie einer vor diesen großen Einkaufszentren am Ortsrand.

    Doch das war es nicht. Im Gegenteil. Mehr durch Zufall hatte ich mein Ziel erreicht. "Blue Lagoon", kämpfte ein hinteleuchtetes Transparent gegen den allgegenwärtigen Dunst an. Comicfiguren in Badekleidung luden darauf zum spritzigen Vergnügen ein: Das Gebäude erschien recht alt, als ich direkt davor stand. Nicht nur fünfundzwanzig Jahre alt, also noch in durchaus aktueller Architektur. Nein, richtig alt. Vielleicht aus den dreißiger Jahren. Trotzdem sehr einladend, mit Backsteinausfachungen und Sandsteinsäulen. Keiner der sonst üblichen, nüchternen Zweckbauten.

    Drinnen war es dann doch etwas moderner, aber trotzdem irgendwo in den Siebzigern stehen geblieben. Dazu passte auch der Eintrittspreis von nur Zwei Dollar Fünfzig, für unbegrenzte Badezeit. Also erwartete ich nicht allzu viel, doch die Anlage stellte sich als sauber und mit dem anheimelnden Flair vergangener Zeiten heraus. Das Bad, welches hauptsächlich aus einem ungefähr fünfzig Meter langen Becken aus blauen Kacheln bestand, war gut besucht.
    Ausgelassene Menschen, die das Mistwetter wie ich zur feuchtfröhlichen Leibesertüchtigung nutzten.

    Auffällig war nur, dass ich in meiner schwarzen Radlerhose etwas deplaziert wirkte. Unter allen Männern war ich so der Einzige. Ansonsten regierten reguläre Badehosen, wie es sie seit ewigen Zeiten gab. Da brauchte ich auch nicht nachfragen, ob ich meinen Gymnastikanzug tragen dürfte. Badeanzüge sah man zuhauf, jedoch nur an weiblichen Gästen. Auch einige Bikinis, aber mal ehrlich: Was präsentiert den weiblichen Körper vorteilhafter als ein Badeanzug? Feuchtes Lycra, das alles verhüllt und dennoch alles offenbart. Das Verlangen schürend, mit der Hand über diese zweite Haut zu streichen... Es war wohl besser jetzt ins Wasser zu gehen und die aufgeheizten Gedanken abzukühlen.

    Hier erschien alles irgendwie "kleinstädtisch", und auf durchaus angenehme Art rückständig. Nicht das erwartete, fast schon rüpelhafte oder zumindest egoistische Verhalten, sondern höfliches Zuvorkommen. Trotz der vielen Besucher gab es keine Behinderungen und jeder nahm Rücksicht auf den Anderen. So machte das Bahnen ziehen nochmal so viel Spaß. Etwas ungewohnt stellte sich natürlich die Geräuschkulisse dar, die hier eben aus englischen Wortfetzen bestand. Aber alles in allem, hatte ich eine richtige Wohlfühl-Oase entdeckt.

    Nach fast einer Stunde, beschloss ich der angegliederten "Snack-Bar" einen Besuch abzustatten. Was anderen Orts als "Retrostyle" mit großem Aufwand rekonstruiert werden musste, hatte sich hier im Original erhalten. Eine ziemlich zeitgetreue Siebziger Jahre Einrichtung mit schrillen Farben und Mustern, sowie jeder Menge Plastik.

    Zwei Frauen, etwas jünger als ich, kicherten und sahen mir neugierig beim Verzehr meiner "Chillifries" zu, bis die eine mich ansprach.

    "Trägt man mittlerweile Bermuda-Shorts zum Schwimmen?"

    Offenbar war meine Badebekleidung in diesem Ort nicht so verbreitet. Doch eigentlich durfte man selbst hier nicht so hinterwäldlerisch sein, dass man über Jammers staunt. Nicht mal tief im mittleren Westen würde ich so etwas erwarten.

    "Ich komme gerade von den Bermudas", nahm ich die Sache mit Humor. "Mich hat keiner über den hiesigen Dresscode informiert."

    Wir lachte alle drei und sie fragten, ob sie sich zu mir setzen könnten. Es folgte etwas Smalltalk, dann tauschten wir uns über einander aus. Etwa dass Heather, die stämmigere der beiden, in der hiesigen Bowlingbahn arbeitete, oder dass Allison, etwas größer und fast knabenhaft schlank, demnächst nach Boston ziehen wollte um zu studieren.

    "Oh, Ivy-League, meine Gratulation", honorierte ich Allison´s akademische Qualifikation, welche ihr einen Studienplatz in einem der Efeu umrankten Bauten von Harvard eintrug.

    Als ich zu verstehen gab aus Deutschland zu sein, fragten mir die Beiden Löcher in den Bauch. Das heist, hauptsächlich die jüngere, künftige Studentin. Heather hingegen heftete immer wieder ihre Augen an mein Beinkleid aus schimmerndem Lycra. Mehr als einmal ertappte ich sie dabei, wie sie sich entzückt auf die Unterlippe biss.
    Etwas überreagierend, fand ich. Schließlich hatte ich noch nicht mal sonderlich viel um es in die unumgängliche Hosenbeule zu packen.
    Doch insgesamt war die Unterhaltung mit beiden zwar oberflächlich, aber dennoch Unterhaltsam.

    Später begegnete ich Heather im Becken wieder. Ihre fast schüchterne Zurückhaltung, trotz ihrer interessierten Blicke gefiel mir. Sie trug einen dieser Retro-Badeanzüge, wie sie zur Zeit wieder besonders bei jüngeren Frauen angesagt waren. Dezentes, kleinteiliges Muster auf fast blassem Lycra. Kaum Extra Glanz und den Beinausschnitt noch gerader als bei Turnanzügen. Auf keinen Fall aufreizend hoch im "Rio-Style". Doch das passte sehr gut mit ihrer ihrer leichten Zurückhaltung zusammen. Sehr attraktiv, fast mädchenhaft.

    Doch irgendwann verließ sie das Becken und schien zusammen mit iher Freundin zu den Umkleiden aufzubrechen. Fasziniert wie ich von ihr war, stieg ich aus dem Nass und folgte ihr um wer weiß, noch ein bisschen zu plaudern?

    "Ich geh´ schon mal vor", bemerkte Allison mit einem vielsagenden Blick auf uns beide und empfahl sich diskret.

    "Musst du schon gehen?", spielte ich meinen ganzen Charme aus, klitschnass wie ich war.

    "Ja, leider", antwortete sie und blickte schon wieder lüstern an mir herab, bis ihre Augen einige Momente zu lange auf meinen nass glänzenden Lycraschenkeln ruhten.
    "Ich muss heute noch was erledigen, aber Morgen bin ich wieder hier."

    Na, wenn das keine Einladung war.

    Sie blickte sich um, als wolle sie sich vergewissern unbeobachtet zu sein. Hier in dieser kleinen Nische vor den Umkleiden. Dann flüsterte sie verschwörerisch leise: "Darf ich mal anfassen?"

    Das kam derart überraschend, dass ich noch bevor ich antworten konnte, bereits eine warme, weiche Hand an meinem feuchten Oberschenkel spürte. Mir fehlten die Worte bei ihrem ungenierten Abtasten meiner Beinmuskeln unter der schimmernd schwarzen Lycrahaut. Als hätte sie zum ersten Mal einen Mann in Radlerhosen gesehen und müsste das unbedingt anfassen um sich der Echtheit zu vergewissern.
    Heather´s Finger wanderten derweil über meine Schenkelinnenseiten und ich fürchtete, dass meine anatomische Auswölbung nun doch an Größe zunehmen könnte.

    "Sofort aufhören!", beendete eine undeutliche aber dennoch autoritäre Stimme das ungehörige Treiben.
    "Was sollen diese Schweinereien?"

    Es war ein großer, schlaksiger Mann, der mit einem Wischmop die nassen Fußspuren aufwischte. Bestimmt nicht älter als ich, aber ausgezehrt und mit bösem Blick wirkte er fast wie ein strenger Schullehrer. Seine undeutliche Sprache rührte von einem deformierten Gesicht her, mit dem er gut zum Kinderschreck taugte. Die Hälfte seines Unterkiefers schien zu fehlen und war mit knorpeliger Haut überzogen. Wahrscheinlich konnte er ja nichts dafür, so vom Schicksal gezeichnet zu sein. Zumindest verschaffte ihm sein Aussehen Respekt, denn Heather hatte sich bereits in die Umkleide verzogen.

    "Los, weg mit dir!"

    Diesen Ausruf hätte er sich sparen können, denn ich war bereits auf den Rückweg zum Bad in der Hoffnung, nicht noch mehr Aufsehen zu erregen.

    Ich blieb noch etwa eine Stunde, doch so richtig auf´s Schwimmen konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Zu sehr ging mir Heather´s Berührung durch den Kopf. Auch wenn morgen mein letzter Urlaubstag war, stand natürlich fest dass ich ihn hier verbringen würde. Beim Duschen und Umziehen beschlichen mich Zweifel ob es richtig war einer Fremden eventuell Hoffnungen zu machen und ihr dann zu eröffnen, dass ich wieder nach Haus fliegen würde.
    Doch ich bekam sie nicht mehr aus meinem Kopf.

    Im Vorraum vor den Ausgangstüren traf mich noch einmal der abschätzige Blick des schlaksigen mit dem schiefen Gesicht. Selbst komplett bekleidet hatte er mich wiedererkannt. Er schnippste seine Zigarette mit einem verächtlichen schnauben in den Mülleimer und ging mit seinem Mop wieder seiner niederen Tätigkeit nach.
    Mist, dachte ich als ich das Gebäude verließ. Nicht nur, weil ich negativ aufgefallen war, sondern auch weil der Nebel kaum weniger dicht war, sich aber jetzt auch noch die Dämmerung hinzu gesellte.
    Keine Ahnung wie lange ich zurück bis nach New Townsend brauchte, aber es war bereits Stockfinster.

    Zum schlafen stieg ich dann in meinen Gymnastikanzug, dessen enges Lycra mich liebevoll umarmte und sich bei jeder Bewegung wie ein streicheln anfühlte. Meine Hände glitten über das dünne, glatte Material und ich stellte mir vor, es wären die Hände von Heather. Die kleinen, geschickten Finger, die meinem Kleidungsstück sämtliche Geheimnisse entlockten und formverändernde Reaktionen hervorriefen...



    Am folgenden Morgen wachte ich ausgeruht und tief entspannt auf. Die Sonne schien durch die kleinen Fenster als hätte es nie schlechtes Wetter gegeben.

    "Na, haben Sie gestern noch ein Bad gefunden?", erkundigte sich die Hauswirtin beim Frühstück.

    "Der Nebel hat es mir zwar erschwert, aber dann wurde ich doch noch fündig", antwortete ich mit einem zufriedenen Lächeln, von dem sie sich ihren Teil denken konnte.

    Jedenfalls wollte ich wieder dort hin. Heather konnte mir ja keine Zeit zum Wiedersehen nennen, deshalb sah ich zu, umgehend wieder zum Hallenbad zu kommen. Doch der Weg stellte sich, jetzt wo man die gesamte Gegend wieder in ihrer herbstlichen Schönheit sah, als gar nicht so einfach heraus. Gestern im Nebel musste ich ganz schön Kreuz und Quer gefahren sein. Die Orientierung fiel mir deutlich schwer.

    Auf einmal lag eine weite Ebene vor mir. Dünn besiedelt mit nur wenigen Häusern, welche sich hauptsächlich an der Durchgangsstraße entlang zogen. Nichts desto trotz verkündete das
    Ortsschild, dass man sich hier in "Crownsborough" befand.
    Das konnte doch unmöglich das Städtchen sein, in dessen Hallenbad sich so viele Leute tummelten. Das wenige was an Zivilisation erinnerte, wirkte verlassen. Als hätte der Ort über die Jahre die meisten seine Einwohner verloren und als würden nur noch wenige dem Ausverkauf stand halten.

    Noch seltsamer war, dass ich beim besten Willen kein so großes Gebäude ausmachen konnte wie ich es gestern besuchte. War dies vielleicht ein ehemaliger Ortsteil und das Städtchen hat sich weiter die Straße entlang neu ausgebreitet? Aber so weit man sehen konnte, nur Brachland.
    Fast am Ortsausgang erblickte ich eine Imbissbude am Straßenrand. Vielleicht könnte man mir dort weiterhelfen.

    Hinter dem Bretterverschlag schloss sich eine ausgedehnte Fläche an. Außer dort wo die wenigen Gäste des Diners parkten, war diese mit Gräsern, Büschen und Dornenhecken überwuchert. Gelegentlich durchbrachen Bäume die ehemalige Asphaltoberfläche. Etwas, das mir bekannt vorkam erregte meine Aufmerksamkeit. Ich musste mir den Weg etwa zwanzig Meter durch´s Gebüsch bahnen, dann traf es mich wie ein Schlag.
    Ich stand vor Treppenstufen aus Sandstein die ursprünglich mal zu einem Gebäudeeingang geführt hatten. Links davon erstreckten sich die Überreste einer Mauer aus Backsteinen und Sandsteinsäulen, eingestürzt auf Höhen von einem bis zwei Meter fünfzig. Dahinter befand sich allerlei Geröll und etwas das aussah wie eine längliche Grube. An einigen Stellen konnte man sogar erkennen, dass diese einmal blau gekachelt gewesen sein musste.

    Als wäre ich gerade aus einer Folge "Twilight Zone" oder "X-Files" aufgewacht, stapfte ich zurück zu dem Imbiss am Straßenrand. Ein Alter Mann saß im Schatten des Vordachs auf einem knarzenden Schaukelstuhl. Er musste an die Achzig Jahre gewesen sein. Hager, mit langen und dünnen Beinen.

    "Entschuldigung", fragte ich ihn worauf er seinen Strohhut etwas lupfte.
    "War das dort drüben nicht mal ein öffentliches Schwimmbad?" fragte ich und deutete auf die Ruine.

    Der Alte nickte bedächtig.

    "Was ist passiert?"

    Er setzte sich in seinem Schaukelstuhl auf und etwas mehr Licht fiel auf ihn. Er wirkte ausgezehrt. Etwas undeutlich murmelte er: "Is abgebrannt. Vor mehr als vierzig Jahren."
    Dann sah er müde zu Boden und murmelte weiter: "War in einer nassen, scheiß nebligen Nacht. Weiß es noch als wäre es gestern gewesen."

    Seine Stimme war oft schwer zu verstehen.

    "Dass etwas nasses so brennen kann...."
    Der Alte schüttelte den Kopf und sprach nuschelnd mehr zu sich selbst: "Die Meisten kamen noch ´raus. Dann gab es eine Verpuffung..... hatte was mit Chlor zu tun, ham´ sie später gesagt.... und dann fiel die ganze Bude in sich zusammen."

    Mein Gehirn versuchte verzweifelt Sinn in seine Worte und die Ereignisse von gestern Abend zu bringen, aber er sprach undeutlich weiter: ".... das war der Anfang vom Ende ....danach machte die Textilfabrik Bankrott .... und als dann vier Orte weiter das Stahlwerk eröffnete, zogen alle weg.... alle weg...."

    Dann starrte er stumm auf seine langen Beine. Nach einer Weile sah er zu mir auf und sagte:" Das unbegreifliche daran ist, dass alle sieben Jahre jemand wie du ganz entgeistert danach fragt und ich mir einfach keinen Reim darauf machen kann."

    Er blickte mich noch eine Weile aus seinen altersgrauen Augen an und als die Sonne sein Gesicht erhellte erkannte ich den Ursprung seines Nuschelns.

    Ein Teil seines Unterkiefers war deformiert und nur von knorpeliger Haut überzogen.

  • Mysteriös, rätselhaft. Und reizvoll, wie Zeitanomalien nun mal sind.


    Was kommt hinter dem Nebel, und wo landet man dort? Und in diesem Falle, wann?


    Falls Heather die Ereignisse von etwa vierzig Jahren überlebt hatte, müsste sie wohl schon eine alte Frau sein...


    Schönen Dank, Lycwolf. Hat Spaß gemacht. :-)

  • Eine sehr schöne Geschichte. Bin leider erst jetzt dazu gekommen, sie zu lesen. Ich mag sehr diese Andeutungen, die einen immer mehr ahnen lassen, aber die Auflösung erfolgt erst im letzten Satz/Absatz.

    Eine Frage, die sich mir noch aufdrängt: War wohl der Reinigungstyp mit dem Wegschnippen seiner Zigarette in den Mülleimer für den Brand verantwortlich? Ein Schwelbrand vielleicht, denn der Protagonist hat davon ja nichts mitbekommen. Hmmm.... Aber das ist gerade das Tolle an offenen Enden bzw. so erzählten Geschichten: die Spekulationen und das Kopfkino im Nachhinein.

    Sehr schön auch die Beschreibung, warum Badeanzüge schöner sind als Bikinis. Kann ich so unterschreiben! ;)

    Dann dürfte der Protagonist ja in sieben Jahren seine nächste USA-Reise veranstalten. Vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen, auch wenn es nur für ein paar Stunden wäre. Und man könnte die Schönheit natürlich warnen und ihr einen Badeanzug aus der Zukunft (nen Realise oder ein Wettkampfmodell) schenken oder man könnte sich für in 33 Jahren + 1 Tag verabreden... Aber jetzt setzt auch schon wieder das Kopfkino ein...


    Nochmals vielen Dank für die Geschichte! :thumbup::thumbup:

  • Lieber lycwolf, leider bin ich bisher kaum dazu gekommen, die vielen schönen Geschichten hier im Forum zu lesen. Deine Geschichte hat sehr viel Spaß gemacht zu lesen, auch wenn sie melancholisch ist. Ich liebe solche Geschichten. Sie ist zugleich rätselhaft, geheimnisvoll und fast surreal wie ein Traum. Ich habe eine andere, etwas krassere Interpretation Deiner Geschichte vor Augen, wissend dass Du vor Kurzem auch einen Verlust zu bewältigen hattest.


    Ich stelle mir vor, dass der Protagonist vor 40 Jahren, als er jung war, sich in Heather verliebt hat. Vielleicht war sie seine erste große Liebe und vielleicht erklärt es seine Leidenschaft zu Lycra und wieso er gerne in einen Gymnastikanzug schläft oder eine Radlerhose trägt. In den 70er Jahren trugen die Männer eher noch keine Lycra Jammer in Schwimmbädern, wohl aber die Frauen die für damalige Zeit von Dir beschriebene Bademode. Hier werden verschiedene Zeitebenen miteinander vermischt.


    Vielleicht hat der Protagonist 40 Jahre nach dem Unfall das Bad noch einmal besucht, doch dieses ist nun verlassen und eine Ruine. In seinen Träumen und Erinnerungen durchlebt der Protagonist selbst nach 40 Jahren immer noch, wie seine große Liebe und er gemeinsam dieses Schwimmbad, die blaue Lagune, das damals wie ein kleines Paradies für die beiden war, gerne besucht haben, darum hat er so gute Erinnerungen daran. Durch einen schrecklichen Unfall aber ist Heather lebendig verbrannt und zu Tode gekommen, vielleicht trägt er selber Schuld an dem Drama?


    Dieses Trauma hat der Protagonist bis heute nicht richtig verarbeitet. Seine Erinnerung an Heather und an diese Zeit sind jedoch nie verblasst und er fühlt sich ihr nahe, wenn er Lycra trägt. Den alten Mann sehe ich darum als altes Ego des Protagonisten, der das Drama vielleicht selber verursacht hat durch den Satz "Wahrscheinlich konnte er ja nichts dafür, so vom Schicksal gezeichnet zu sein." Er macht sich innerlich immer noch große Vorwürfe und stellt sich die Frage, was gewesen wäre, wenn er anders gehandelt hätte.


    Ich denke der alte Mann wurde in jungen Jahren durch den Unfall selber schwer geschädigt und im Gesicht entstellt, aber er hat überlebt. Seitdem ist er verbittert und ernst geworden. Sein plötzliches Auftauchen in der Geschichte wirkt fast wie eine Warnung an das junge Ego, zu verschwinden und sich nicht auf Heather einzulassen. Vielleicht hat er aber auch Angst davor, einsam und alleine alt zu werden. Seine Erinnerungen lassen ihn immer noch an Heather festhalten und er konnte vielleicht nie wieder, auch vielleicht wegen seines entstellten Gesichts, eine Beziehung zu einer Frau eingehen.


    Sicher gibt es noch andere Interpretationen Deiner Geschichte. Jeder hat andere Bilder im Kopf und das ist das schöne an Geschichten im Gegensatz zu Filmen, die den Zuschauern eine vorgefertigte Welt zeigen, die oft nur wenig Raum für eigene Fantasien bieten. Wenn ich einen Film sehe und danach das Buch zum Film, habe ich immer die Gesichter der Personen und Stimmen aus dem Film im Kopf und kann mir nur schwer eigene Bilder vorstellen.

  • niki

    Vielen Dank, dass du dich so intensiv mit meiner Kurzgeschichte beschäftigt hast.

    Genau das was ich damit erreichen wollte, indem ich einiges offen ließ. Verschiedene Deutungsmöglichkeiten und allerlei Anregung für die Phantasie.

    Du siehst selbst, wie viele Facetten die Geschichte haben kann, wenn man sich davon im Geiste inspirieren lässt.