Die Lycra-Boutique

  • Nach längerer Zeit habe ich mal wieder angefangen eine neue Geschichte zu schreiben. Viel Spaß!

    Die Lycra-Boutique

    "Guten Tag, ich heiße Lindemann und ich möchte gerne eine Boutique als Gewerbe anmelden.", sagte der sportlich gekleidete Mitt-Vierziger, der eine glänzende graue Laufhose und ein weißes Nike T-Shirt trug zum Sachbearbeiter im Gewerbeamt, der die Stirn runzelte und lachend antwortete: "Lassen Sie mich raten. Sie haben im Lotto gewonnen und möchten eine Herren-Boutique hier in Wuppertal eröffnen? Ja, das kennen wir. Das haben schon viele versucht und die sind alle wieder pleite gegangen mit ihrer Herren-Boutique."


    "Nein, ich habe leider noch nicht groß im Lotto gewonnen und es ist auch keine gewöhnliche Boutique, die ich anmelden möchte. Ich heiße Erik Lindemann. Ja genau, Lindemann, wie im Loriot Sketch. Die Leute hier in Wuppertal haben mich schon oft gefragt, wann ich endlich eine Boutique eröffne. Meine Kollegen im Sport-Fachhandel haben mir schon oft ausgefüllte Lottoscheine geschenkt, aber bisher hat es nie mit den richtigen Zahlen geklappt. Vielleicht habe ich einfach den falschen Vornamen oder ich bin noch keine 66 Jahre. Auf jeden Fall habe ich eine tolle Geschäftsidee. Da die Wirtschaftslage gerade nicht so gut ist, haben 2 meiner Kollegen und ich leider den Arbeitsplatz verloren, aber wir haben ein eigenes Geschäftskonzept erarbeitet, wir wollen uns ausschließlich auf Fitness- und Fetischbekleidung spezialisieren."


    "So So, Fetischbekleidung?", grinste der Sachbearbeiter Erik an, der ebenfalls grinsen musste: "Es wird eine Lycra-Boutique bzw. LyBo. Das wird der Name sein. Wir sind vom Erfolg überzeugt, da es in Wuppertal viele Fetisch- und Sportbegeisterte gibt, wie wir herausgefunden haben. Wir haben dazu über 500 Leute im Voraus anonym befragt und die Mehrheit war überwiegend postiv und fand diese Idee gut."


    "Hier, dann füllen Sie bitte diese Formulare aus Herr Lindemann. Ich bin übrigens Anreas und ich bin auch sportbegeistert, naja wenn es meine Freizeit erlaubt, laufe ich gerne."


    Erik füllte die Formulare aus und reichte sie Andreas herüber, der die Angaben überprüfte und dann Kopien anfertigte. "Muss alles seine Ordnung haben.", sagte Andreas, "Bürokratie in Deutschland ist eben das A und O." "Wem sagen Sie das", erwiderte Erik, "bei uns im Sport-Einzelhandel hatten wir auch viel Papierkram zu erledigen. Alles muss eben genau dokumentiert werden." seufzte Erik. "Ja, so ist das eben hier in Deutschland. In den USA gibt es längst nicht so viel Bürokratie, aber dort machen viel mehr kleine Betriebe wieder zu, wenn das Geschäft nicht brummt. Aber die Amerikaner lassen sich nicht unterkriegen und machen eben mit etwas anderem weiter."


    "Besuchen Sie uns doch bitte bei LyBo. Wir eröffnen am Freitag den 1. März. Hier ist unsere Visitenkarte.", verabschiedete sich Erik und gab Andreas die Karte." "Das Finanzamt erhält eine Mitteilung von uns. Viel Erfolg und alles Gute, Herr Lindemann!", wünschte Andreas und drückte Erik herzlich die Hand, "Meine Frau und ich schauen gerne mal bei Ihnen vorbei."


    Erik war zufrieden, als er das Gewerbeamt verließ. Bisher hatte alles wie am Schnürchen geklappt und er war sehr zuversichtlich, dass seine Geschäftsidee funktionieren würde. In Gedanken, was er noch alles zu regeln hatte, stieg er ins Auto und fuhr zur Lycra-Boutique zurück, wo seine beiden Kollegen mit Auspacken, Kontrolle, Sortieren und Aufhängen der neu eingetroffenen Ware beschäftigt waren.


    "Hallo Erik, hat alles mit der Anmeldung geklappt?", fragte Sandra. "Ja, alles paletti.", antwortete Erik, "Sehr nett, der Mann vom Gewerbeamt. Ich habe ihn eingeladen, uns bald zu besuchen." "Wir haben heute übrigens die Lieferung mit den 100 Nike Leggings bekommen.", strahlte Tom Erik an, "Die sind noch Original aus den 90ern in Neonfarben und Colorblock-Optik. Alles Restbestände. Wir haben sie zu einem günstigen Preis bekommen. Das ist wirklich erstklassige Qualität, wie es sie heute kaum noch gibt. Die können wir noch zu einem guten Preis verkaufen und es gibt viele Liebhaber, die solche Laufhosen einfach toll finden."


    Erik, Sandra und Tom kannten sich schon seit der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann für Sportartikel und alle 3 verband schon immer die Leidenschaft zu enganliegendem Lycra-Material, weshalb sie Spezialisten dafür waren und die Kunden gut beraten und überzeugen konnten. Leider hatte das Sportgeschäft, wo sie fast 20 Jahre zusammen gearbeitet hatten, ihnen Ende des letzten Jahres gekündigt, weil das Geschäft mit Sportbekleidung nicht mehr so gut lief und weil die Kunden immer mehr im Internet bestellten, als in den Geschäften zu kaufen.


    Erik, der 44 war, fand sich schon seit seiner Jugend zu Lycrabekleidung hingezogen und trug wann immer es ging Leggings, Laufhosen oder im Sommer auch Radlerhosen. In der Lycra-Boutique würde er aber trotzdem seriös wirken wollen und normale Laufbekleidung tragen, obwohl es ja auch Fetisch-Kleidung zu kaufen geben würde.


    Sandra mit ihren 43 Jahren war eine bildhübsche blonde Lycra-Maus, die am liebsten glänzende schwarze Caprileggings anhatte und seit ihrer Kindheit geturnt hatte und immer noch gerne turnte. Erik und Sandra waren seit ihrer gemeinsamen Ausbildung (eigentlich schon Jahre früher) ein Paar, aber geheiratet hatten sie noch nicht. Manchmal nannte er sie spaßeshalber Turnmaus oder Lycra-Sandy.


    Der letzte im Bunde des Lycra-Trios war Tom, ebenfalls 44. Er stand auf Fetisch- und Lackbekleidung, die er aber meist nur privat trug.


    So hatten alle 3 ihr Spezialgebiet und sie hatten die LyBo Lycra-Boutique in monatelanger Anstrengung größtenteils in Eigenarbeit und mit großer Sorgfalt liebevoll eingerichtet. Es gab einerseits Lycra-Sportbekleidung von den großen bekannten Marken, dann Turnbekleidung und schließlich Fetischbekleidung, die in einem abgetrennten Bereich war.


    Erik kümmerte sich um den Karton mit den Nike Leggings und packte eine der Leggings aus. Sie war stahlblau und hatte das typische Nike-Logo. Er ließ seine Finger über den glänzenden Stoff gleiten und roch an ihr. "Das ist ein echter 96er Jahrgang, eindeutig. Ich habe mich ja mal bei Wetten Dass beworben, aber meine Wette wurde leider abgelehnt. Ich könnte 100 neue Leggings nur durch Ertasten und daran Riechen blind erkennen.", lachte Erik herzlich, "Aber die Leute beim ZDF, denen war das wohl zu unanständig. Aber den Typ, der 80 Hundefutter-Dosen am Geschmack erkennen konnte, den haben sie natürlich genommen.", schüttelte Erik sich wie ein Hund.


    "Ja, die Welt war schon immer verrückt", erwiderte Sandra, die gerade einige Turnanzüge an der Stange aufhängte und sang fröhlich "Sind wir nicht alle ein bisschen Lycra-Lalalalala?"


    Erik hatte sich inzwischen die stahlblaue Nike Leggings angezogen und alberte mit Tom herum, der ihn interviewte und mit dem Handy filmte.


    "So Herr Lindemann, dann erzählen Sie bitte mal. Und Action!", gab Tom das Kommando.


    "Ich heiße Erik Lindemann, bin Lycra-Fetischist und 44 Jahre alt. Ich kann 100 Leggings nur durch Ertasten und Riechen blind erkennen. Mit meinen beiden super Kollegen habe ich eine Lycra-Boutique in Wuppertal eröffnet und besuche an Ostern den Papst in Vatikan, um eine Audienz zu bekommen."


    "Aus Aus, das war nicht richtig.", stoppte Tom ihn. "Nochmal Herr Lindemann. Und nicht nervös werden."


    "Ich bin blind, bin seit 44 Jahren Lycra-Papst und kann 100 Kollegen nur durch Ertasten und Riechen erkennen. Nee, das stimmt nicht."


    "Also, ich bin Lindemann, will in 44 Jahren Papst werden und ähh, ich kann 100 Leggings ertasten. Mit dem Papst möchte ich an Ostern in Wuppertal meine Lycra-Boutique eröffnen und meine super Kollegen im Vatikan besuchen."


    "Herr Lindemann, konzentrieren Sie sich doch bitte!", ermahnte Tom.


    "Ich bin 44, Lycra-Fetischist und will 100 Leggings. Nein, das stimmt auch nicht.", sagte Erik und Tom genervt "So, können wir dann bitte, Herr Lindemann?"


    "Ich heiße Erik. Ich heiße Erik. Ach verdammt wie heiße ich?", schlug sich Erik genervt auf sein Lycra-Knie.


    "Sie heißen Erik Lindemann. So, und nun nochmal bitte!", seufzte Tom.


    "Also, ich heiße Erik Lindemann, bin Lycra-Fetischist und fahre seit 44 Jahren in den Vatikan. Dort eröffne ich an Ostern mit meinen beiden super Kollegen eine Lycra-Boutique, gebe dem Papst eine Audienz und lasse ihn 100 Leggings durch Ertasten und Riechen blind erkennen."


    "Danke Herr Lindemann, das war perfekt!", strahlte Tom.


    "Ihr zwei seid mir ja Spaßvögel!", prustete Sandra, die das ganze auch mit ihrem Handy aufgenommen hatte und sich vor Lachen kaum noch halten konnte. "Das wird DER Werbespot für unsere Lycra-Boutique, oder was meint ihr?"


    Beide nickten, brachen ebenfalls in Gelächter aus, hoben Sandra wie in einer Akrobatik-Nummer gemeinsam in die Luft und riefen einstimmig: "Ein Hoch auf die Lycra-Boutique!"

  • Dem letzten Ausspruch kann ich mich nur anschließen: "Ein Hoch auf die Lycra-Boutique!"

    Lustig und kurzweilig, mit einigem Hintersinn und viel Plausibilität geschrieben.

    Schon nach den ersten drei Worten hatte ich den Loriot-Sketch im Kopf und ich glaube, dass er einer der Auslöser für deine Geschichte war.

    Ich jedenfalls, bin begeistert und würde mich sofort auf den Weg nach Wuppertal machen.

    Ob es noch mehr von dem Trio zu berichten gibt?

  • Danke lycwolf, sehr gut erkannt. Loriot fand ich schon immer genial und ich wollte den Sketch gerne in eine Lycra-Geschichte einbinden. Vielleicht ist der Papst ja auch Lycra-Feti... Man weiß es nicht. Ich bin selber gespannt, wie die Geschichte weitergeht und lasse mich überraschen.


    Für alle, die den Klassiker nicht kennen, hier der legendäre Sketch:


  • Sehr schöner Einstieg. Ich glaube, die letzten Zeilen waren das lustigste, dass ich hier in diesem Forum je gelesen habe. Wenn ich so darüber nachdenke, wäre der Job in solch einer Boutique ein absoluter Traumjob ... bei der ersten Erwähnung der Lieferung von 100 Nike Leggings musste ich direkt an Dagobert Duck denken, wie er ein Bad im Geldspeicher nimmt - nur dass es hier ein Bad in einem Raum voller Leggings wäre, in die ich hineinspringen möchte.

    Da ich den Sketch von Loriot noch nicht kannte, ist meine Assoziation mit dem Namen Lindemann eher mit dem Sänger von Rammstein.

    Ich bin gespannt, wie die Eröffnung des Ladens verlaufen wird und ob genügend Kunden kommen werden, um den Inhabern ein Überleben zu sichern. Sonst muss der gute Herr Lindemann doch noch mal bei Wetten Dass anfragen und notfalls 100 Päpste durch Riechen und Tasten unterscheiden. =O

  • Hallo, Kompliment und Danke! Danke für die geniale und sehr lustige Kombination von Lycra und Sketch. Nach dem Lesen der ersten beiden Absätze hatte ich mir vorgenommen, als Kommentar sowas zu schreiben wie "... und am Ende fährt er mit seiner Tochter zum Papst und schenkt ihm nen Lycra-Catsuit", aber da der Sketch am Ende ja nochmal auflebt, war das nicht nötig. Ich hab mich sehr amüsiert und wünschte mir, die LyBo gäbe es auch in echt. Aber bis dahin hoffe ich auf eine Fortsetzung oder die nächste Kombination eines Sketches mit unserem Lieblingsmaterial.

    :thumbup:

  • Fabelhaft!

    Auch ich dachte nach dem allerersten Satz schon an den berühmten Humoristen mit den Knollennasenfiguren.

    Die Verulkung vom Sketch des Lotto-Gewinners ist dir super gelungen.

    Sind wir nicht alle ein bisschen Lycra-Lalalalala?"

    Das kann man nur mit "Ja" beantworten.

  • Im ersten Teil der Geschichte, "Der Sketch", ging es ja schon lustig zu.

    Im zweiten Teil schreibe ich von der grandiosen Eröffnung der Lycra-Boutique. Schade, dass ihr nicht dabei gewesen seid, aber lest selbst.

    Die Lycra-Boutique Teil 2: Die Eröffnung

    Erik, Sandra und Tom hatten die ganze Woche vor der Eröffnung noch sehr viel zu tun gehabt mit dem Einrichten und Dekorieren der Lycra-Boutique. Erik hatte sich um die ganzen formellen Angelegenheiten gekümmert. Nun war alles fertig eingerichtet und bereit für die Eröffnung. Da das Lycra-Trio bereits ein eingespieltes Team war, waren sie voller Optimismus. Und was die Kunden betraf, so zeigte sich, dass es in Wuppertal anscheinend viele Lycra-begeisterte Sportler, Leggings-liebende Frauen und vor allem viele männliche Lycra-Fetischisten gab.


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    Erik hatte 500 Gutscheine drucken lassen und diese in Wuppertal und in der Umgebung verteilt. Einen Teil davon hatte er zudem in umliegenden Geschäften auslegen lassen. Manchmal hatte er sich auch einfach in der Fußgängerzone oder im Park auf eine Bank gesetzt und die Leute beobachtet. Dabei schrieb er auf, wie viele Frauen mit Leggings in der Stunde vorbeispazierten oder wie viele Jogger er in Lycra sah, welche Farbe die Leggings oder die Lycrahose hatte oder welche Marke es war, wenn es eine bekannte war.


    Auf der Rückseite des Gutscheins hatte das Lycra-Trio 10 Lycra-Gebote verfasst, die für jeden Lycra-Fan gelten sollten. Sandra hatte in einem alten Katalog eines Turnanzug-Herstellers einige dieser Slogans gefunden. Besonders die Aussage "Die Freiheit der Bewegung ist oberstes Gesetz" war für sie die Wichtigste. In Lycra fühlte sie sich frei wie ein Vogel.


    lycraforum.ddnss.de/attachment/538/


    Erik trug fast immer eine Laufhose oder Leggings, meist glänzend. Ob daheim, in der Freizeit, beim Sport oder bei der Arbeit - für ihn war es das Normalste der Welt, als Mann eine Leggings zu tragen - so selbstverständlich wie die Mehrheit auf der Welt Jeans trägt. Leggings waren zudem bequem, leicht und anschmiegsam, zugleich aber auch prickelnd und aufregend für ihn. Es kamen ihm 100 positive Eigenschaften in den Sinn, wenn er an Lycra dachte. Ein Tag ohne Leggings wäre für ihn kein guter Tag. Mit Leggings ging alles viel leichter und er fühlte sich voller Energie, sobald er in eine glänzende Leggings schlüpfte und das stretchige Material auf seiner Haut spürte. Lycra schien magische Kräfte zu haben!


    Erik hatte seit seiner Jugend eine Liebe zu Lycra entwickelt. Er war damals im Leichtathletik-Verein und alle trugen als Vereinsbekleidung eine knallrote glänzende Laufhose oder Radler und ein weißes Shirt mit dem Vereinslogo. Den Mädels sah er beim Sport gerne etwas länger hinterher und er hoffte, dass er bei den Mädels bei den verschiedenen Disziplinen ebenso Eindruck machen würde, aber keines der Mädels interessierte sich leider beim Sport für ihn und auch privat wurde nichts daraus.


    In Gedanken dachte er daran, während er 30 der Nike Leggings am Kleiderständer aufhängte, wie er zum ersten Mal Sandra begegnet war. Tom und er gingen beide auf die selbe Schule und sie hatten sich, als sie 17 waren, in einem Fitness-Studio angemeldet, natürlich nicht nur, um dort Sport zu machen, sondern um Mädels in Lycra zu sehen und kennen zu lernen.


    So standen sie damals, Erik in einer lila Glanzradler und Tom in einer schwarzen Glanzradler, vor dem Aerobic-Raum, den man durch eine lange Glasfront einsehen konnte und drückten sich die Nasen an der Scheibe platt. Während die Mädels in ihren hautengen Lycra-Aerobicanzügen, Leggings mit Stringbodies oder Radlerhosen sich rhytmisch zur Musik bewegten und schwitzten, genossen Erik und Tom die Show. Es war Erotik pur und Erik und Tom hatten noch nie so viele Mädels und junge Frauen in Lycra auf einmal gesehen.


    Es war Tom, der Erik dazu überredet hatte, sich mit ihm im Fitness-Studio anzumelden und vielleicht hätte Erik Sandra so nie kennen gelernt. Darum waren Erik und Tom noch immer gute Freunde und Kollegen. Während die beiden sich also die Nase an der Scheibe plattdrückten, machte es plötzlich Klatsch! Klatsch! auf den Hintern der beiden. Sie drehten sich erschrocken um und was Erik erblickte, verschlag ihm die Sprache. Er war wie elektrisiert. "Na, genug gespannt?", sagte eine bildhübsche blonde 16-jährige Lycra-Maus, die eine glänzende schwarze Capri-Leggings trug, zu den beiden verdutzten 17-jährigen. "Ähhhhh wir, wir wollten nur mal schauen, ob der Kurs etwas für, für uns ist." stammelte Erik. "Ja genau, wir sind neu hier", nickte Tom und fragte: "Ist der Kurs was für fesche Jungs wie uns?" "Aber sicher", sagte die Turnmaus, "und das richtige Outfit habt ihr ja schon mal an." Und sie schüttelte ihren Kopf: "Typisch Jungs. Wollen immer nur glotzen. Aber wir könnten ein paar fitte Jungs wie euch noch gut bei uns gebrauchen. Hier ist gerade Zickenalarm. Habt ihr Lust? Ich bin ügrigens Sandra und wie heißt ihr?"


    So lernten sich Erik und Sandra also das erste Mal kennen und es war Liebe auf den ersten Blick zwischen beiden. Sandra fand Erik ebenfalls attraktiv und irgendwie süß in seiner lila Glanzradler, wie sie ihm Jahre später einmal sagte. Sie ging auf eine andere Schule und turnte im Verein. Am liebsten trug sie glänzende schwarze Leggings, nicht nur beim Turnen, auch in der Freizeit und daheim. Sie konnte sich keine bequemere Kleidung vorstellen. Leggings waren für sie zur zweiten Haut geworden.


    Tom hingegen stand nicht nur auf Lycra, sondern seit seiner Jugend auch auf Lackbekleidung, da ihm dies mehr Kick als Lycra gab. Seit der ersten Begegnung traf sich das Lycra-Trio regelmäßig. Erik und Tom besuchten zusammen mit Sandra weiterhin den Aerobic-Kurs. Mit der Zeit gab es sogar immer mehr männlichen Zulauf, der sich an der Scheibe die Nase plattdrückte und auch mitmachen wollte, so dass das Fitness-Studio das Zuschauen bald untersagte, weil es die Gruppe ablenkte. Erik besuchte zudem die Turnstunden, Wettbewerbe und Feste, bei denen Sandra anwesend war und bewunderte ihren in schwarzes Lycra verhüllten sportlichen Körper. Und Sandra war immer bei Erik's Leichtathletik-Wettbewerben anwesend und feuerte ihn an. So wurden Erik und Sandra allmählich ein Paar und sie entdeckten neben der Liebe zu Lycra noch eine tiefere Liebe zueinander.


    Erik musste schmunzeln, als er Sandra sah, wie sie mehrere lila Glanzradler aufhängte: "Genau so eine Glanzradler hab' ich damals getragen, als wir uns das erste Mal begegnet sind, weißt Du noch, Turnmäuschen?" "Als wäre es gestern gewesen, Erik. Ich kriege heute noch Albträume, wenn ich daran denke, dass ihr beiden eure Nasen an der Scheibe plattgedrückt habt und die anderen Mädels angeglotzt habt statt mich. Dabei stand ich fast die ganze Zeit hinter euch und habe mich köstlich amüsiert. Zwei schüchterne Teenager in knackig engen Lycra-Radlerhosen. Da konnte ich einfach nicht anders und musste euch mit einem Klatsch auf den Boden der Tatsachen zurückholen, bevor ihr die ganze Scheibe vollgesabbert hättet.


    "So, wir sind so gut wie fertig. Morgen kann die Boutique eröffnen.", sagte Tom und musste grinsen: "Hoffentlich rennen die uns Morgen nicht die Bude ein."


    Die Boutique eröffnete am Freitag pünktlich um 8 Uhr. Auf 80 Quadratmeter Fläche präsentierten sie den Kunden über 500 verschiedene Bekleidungs-Artikel. Im Lager war als Nachschub auch noch viel Bekleidung. Sie hatten auch extra viele Sonderangebote gemacht, so z.B. die 90er Jahre Nike Leggings, die sie für jeweils 40 Euro anboten. Mit Gutschein konnte jeder Kunde sogar 10 Euro sparen. Zudem gab es gratis Snacks und Getränke. Der erste Kunde, der die Boutique betrat, war ein älterer, aber fitter Herr, bestimmt an die 60, der begeisterter Triathlet war und nach einem neuen Triathlon-Anzug suchte und meinte "Da haben Sie aber eine schöne Auswahl an Sportkleidung. Ich gehe viel lieber in Geschäfte und lasse mich gut beraten, bevor ich etwas Falsches im Internet kaufe und mich ärgere."


    "Wir drei haben früher in einem Sportladen gearbeitet, aber dann beschlossen uns selbstständig zu machen. Die gute Beratung und die Zufriedenheit der Kunden ist unser wichtigstes Anliegen.", sagte Tom zu dem älteren Herrn und zeigte ihm verschiedene Modelle, während er ihm die Eigenschaften erklärte.


    Wenig später kam ein Ehepaar, das nach Radsport-Bekleidung für längere Radtouren suchte und Erik verstand es gut, sie zu beraten und den ersten Verkauf anzuleiern. Der ältere Herr war ebenfalls glücklich über einen neuen Triathlon-Anzug, den er vorher natürlich in einer der drei Umkleiden anprobierte.


    Nacheinander kamen weitere Kunden und viele Frauen, die sich nach Leggings umschauten. Nicht alle kauften etwas. Die meisten waren einfach neugierig, was es alles in der Lycra-Boutique zu entdecken gab. Einige Lycra-Liebhaber freuten sich sogar sehr über die 90er Jahre Nike Leggings, probierten verschiedene an. Einige kauften sogar mehrere.


    Gegen Mittag kündigte sich eine Überraschung an. Ein gewisser Thommy war "zufällig" mit seiner Frau in Wuppertal unterwegs und hatte "zufällig" von der Lycra-Boutique gehört. Eigentlich war es Tom, der ihn kannte und ihn eingeladen hatte, mal in Wuppertal vorbeizuschauen. Natürlich hatte Tom Erik und Sandra nichts verraten. Es sollte ja eine Überraschung werden. Und es hatte sogar genau zum Eröffnungstermin geklappt.


    Vor der Lycra-Boutique hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, die Thommy schon von Weitem gesehen hatten und ein Foto mit ihm machen wollten. Mit Thommy wurde es in der Boutique schlagartig voll, der alle Anwesenden begrüßte: "Ja grüß Gott liebe Leute! Na das nenn' ich mal einen schicken Laden. Habt ihr auch ein neues Beinkleid für mich und meine werte Gattin? Wir sind nur wegen euch gekommen. Ich habe gehört hier ist jemand, der etwas wettet und zwar ist das der Inhaber, und der heißt Erik Lindemann und ist 44 Jahre. Mensch Erik, noch keine 66, aber schon eine Lycra-Boutique in Wuppertal. Loriot wäre stolz auf dich! Und wenn das hier der Papst sehen könnte. Halleluja!"


    Erik war vor Freude aus dem Häuschen. Nun konnte er seine Wette, mit der er es nicht ins Fernsehen geschafft hatte, doch noch zeigen, wenn auch vor kleinerem Publikum. Tom holte aus dem Lager schnell eine Kiste mit 100 verschiedenen Leggings, die er gestern, als er allein war, schnell zusammengesucht hatte. Eine passende Augenbinde für Erik hatte er auch, nämlich eine Lycra-Gesichtshaube, die blickdicht war und die nur ein Loch für die Nasenlöcher frei hatte. Hoffentlich passte sie Erik, sonst musste er improvisieren, doch sie passte und Erik konnte nichts mehr sehen, als er sie über den Kopf zog.


    "Erik Lindemann wettet, dass er 5 von 100 verschiedenen Leggings blind nur durch Ertasten und Erriechen erkennen kann. Der Wetteinsatz ist übrigens: Wenn Erik gewinnt, muss ich eine Runde im Ganzanzug durch Wuppertal laufen, wenn er verliert, dann er.", erklärte Thommy die Wette, während er wieder zu alter Höchstform auflief und sich wie in alten Showzeiten fühlte. Sandra und die anwesenden Zuschauer waren hellauf begeistert, filmten und machten Fotos. "Erik, bist Du bereit?", fragte Thommy und startete die Wette: "Dann Top, die Wette gilt. Und bitte Ruhe im Laden, liebe Gäste."


    Tom mischte die Leggings im Karton einmal durch und ließ Thommy eine Leggings auswählen. Es war eine rosa Leggings mit schicken neonfarbene grünen Seitenstreifen. Erik ließ seine Finger über das glatte Material gleiten und er ertastete genau alle Details und roch genüßlich an der Leggings, was bei einigen Zuschauern ein amüsiertes Lachen auslöste, weil das Erriechen so ungewohnt aussah. "Na wenn das kein Jahrgang 2010 ist. Die ist von Topsport, Modell Lisa. Ich glaube die Farbe ist rosa, mit Seitenstreifen."


    Tom nickte und Thommy schaute nach: "Richtig, Erik." Thommy suchte nacheinander 3 weitere Leggings aus, die Erik ebenfalls richtig erkannte. Bei der fünften war er sich nicht sicher: "Ich glaube die ist von Nike, Jahrgang 1996. Die Farbe ist rot." Thommy sagte: "Leider nicht ganz richtig, Erik. Sie ist zwar von Nike, aber aus dem Jahr 1998 und lila. Aber weißt Du was, wir laufen einfach gemeinsam eine Runde durch Wuppertal. Was hälst Du von 1 Kilometer? Bin ja nicht mehr der Jüngste." Erik zog sich die Haube vom Kopf: "Aber klar doch! Will noch jemand mitlaufen?"


    Es fanden sich tatsächlich einige, die sich nicht den Spaß nehmen wollten und zusammen mit Erik und Thommy durch Wuppertal laufen wollten, während immer mehr Passanten auf die ganze Aktion aufmerksam wurden. Sogar die Presse hatte Wind davon bekommen und war schon vor Ort. Auch der Bürgermeister ließ es sich nicht nehmen, Thommy und seine Frau auf ein Essen einzuladen und beide in das Goldene Buch der Stadt eintragen zu lassen.


    Nachdem Erik in einem blauen glänzenden Ganzanzug ohne Kopfteil und Thommy in einem roten ganze 500 Meter unter viel Applaus der Passanten die Straße hin und die selbe Strecke wieder zurück gegangen waren, während sie von Passanten fotografiert wurden, kehrten sie wieder zur Lycra-Boutique zurück. Thommy gab vielen Kunden noch Autogramme und es wurde mit Plastikbechern und etwas Alkohol auf die Lycra-Boutique angestoßen. Der Vorat an Snacks und Getränken wurde schnell knapp, so dass Tom für Nachschub sorgen musste. Es gab sogar viele Kunden, vor allem Frauen, die in Ekstase waren, und die extra eine Leggings kauften und von Thommy ein Autogramm auf die Leggings haben wollten. "Aber nicht, dass die Morgen überall auf Ebay auftauchen, Mädels." sagte Thommy und spaßte: "Sonst könnte ich ja glatt meine eigene Leggings-Kollektion dort anbieten."


    Erik, Sandra und Tom waren mehr als zufrieden. Sie waren in Lycra-Partylaune. Die Aktion mit Thommy war vollends gelungen und hatte die Kasse der Lycra-Boutique schon am ersten Tag ordentlich klingeln lassen und ihr Geschäft in der Stadt und darüber hinaus bekannt gemacht, wie sie in den sozialen Medien mitverfolgten. Ein eigener Webauftritt fehlte natürlich noch, vielleicht sogar mit kleinem Versandhandel?


    Am nächsten Tag schlug Erik freudig die Zeitung auf. In einem kleinen Artikel wurde über die Wette und den Besuch von Thommy berichtet. Als Überschrift stand dort: "Wuppertal im Lycra-Wettfieber dank Thommy" und der Artikel zeigte ein Bild von Erik und Thommy in ihren Ganzanzügen vor der Lycra-Boutique und den applaudiernden Kunden.

  • Es bleibt Lustig. Das ist Fiktion mal ganz anders.

    Die Vermischung aus hohem Realismus und Plausibilität, wie die Befragung potentieller Kunden im Vorfeld / Marktforschung und Eröffnungsgutschein auf der einen Seite und der "gute Laune"-Fiktion mit "Thommy G." in seiner alten Funktion als Wettpräsentator auf der anderen. Dazu noch eine gemeinsame, werbewirksame Joggingtour in Leggings und sogar einem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Ich kam aus dem schmunzeln nicht ´raus.

    Aber eine wirklich gelungene Szene ist die Initiative von Sandra bei ihrer ersten Begegnung. Man kann es direkt klatschen hören.

    Da kann ich nur sagen: Daumen Hoch!

  • Danke für eure positiven Rückmeldungen. Die Geschichte wird weiter eher lustig bleiben. Wenn mir neue Situationen einfallen, schreibe ich sie weiter. Da ich bisher kaum die Zeit hatte, andere Geschichten zu lesen, war ich gespannt auf die Voyeur-Geschichte und finde sie spannend, wenn auch etwas sadistisch. Ich frage mich, wie viele Frauen es gibt, die Männer in enger Lycrakleidung gerne heimlich zusehen oder spannen, oder ob das nur reine Männerfantasien sind. In meiner Geschichte bleibt es jedenfalls sauber. Ich gehe nicht zu sehr in die Erotiktiefe und deute nur an. Denn jeder kann sich die Geschichte selber weiter ausmalen.

  • niki

    Da wünsche ich dir mal viel Vergnügen beim Lesen. Allerdings zieht "Voyeur in Erklärungsnot" noch einiges mehr nach sich.

    Und dann freue ich mich auf weitere Ideen für Fortsetzungen deiner spaßigen Geschichte.