• Hallo Lycraliebhaber,

    eine spezielle Neigung in den Alltag zu integrieren ist gar nicht so einfach. Vor allem dann, wenn man familiäre Verpflichtungen hat und im sozialen Umfeld nicht zum Außenseiter werden möchte. Doch die völlige Abkehr um des Friedens Willen ist auch keine Lösung. Was aber, wenn Kinder da sind, denen man solche Vorlieben nicht aufdrängen möchte, andererseits für das eigene Seelenheil einen Ausgleich sucht?

    Auch wenn diese Kurzgeschichte ein wenig länger als die vorherigen ist (Deshalb auch mehrere "Portionen"), zähle ich sie noch immer zu den "Miniaturen", welche nicht alles bis ins letzte erklären und mehr eine Momentaufnahme aus dem Leben der handelnden darstellt.

    Gute Unterhaltung.






    DER CHAT




    Kurzgeschichte von lycwolf






    Lycrafux: "Weißt du, dass du das einzige Mitglied dieses Forums bist, mit dem ich mehr als drei Worte wechseln kann ohne dass es langweilig wird?"


    Ob er vielleicht gerade etwas zu dick aufgetragen hatte? Er war ganz schön aus der Übung, was das Chatflirten angeht. Und die Pause dauerte verdächtig lange.


    EnPointe_32: "Bist du etwa gerade dabei mich anzubaggern, Füchslein?"


    Anscheinend nahm sein anonymisiertes Gegenüber es mit Humor.


    Lycrafux: "Naja, ich dachte halt, wir könnten uns vielleicht näher kennen lernen. So ganz blöd findest du mich ja auch nicht, oder?"


    Wieder eine längere Chatpause.


    EnPointe_32: "Ich glaube eher, wir sollten nichts überstürzen. Ich muss jetzt aufhören. Zur gleichen Zeit wieder?"


    Lycrafux: "Klar. Schönen Abend noch."


    Das brauchte wohl noch eine Weile. Vielleicht war er aber auch nur so ungeduldig weil er kaum noch aktuelle Erfahrung im flirten hatte.





    "Wo bleibst du denn so lange, Papa?", beschwerte sich die kleine Maus mit den blonden Zöpfchen trotzig.


    Seine Tochter zu verärgern war eine Sache, aber in der ersten Woche im neuen Kindergarten bereits zum dritten Mal zu spät zum abholen kommen - Das trug ihm böse Blicke der KiTa-Leiterin ein.


    "Entschuldigen Sie bitte", kroch er voreilend zu Kreuze, noch bevor die Pädagogin ihn maßregeln konnte.

    "Diesmal kann ich wirklich nichts dafür. Ich wurde beim Jugendamt aufgehalten."


    Nach einem schweren Seufzer meinte die Erzieherin: "Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht zu viel zumuten? Für Hanna ist die Situation nicht einfach und wenn der Vater kaum Zeit für sie hat, behindert das die Rückkehr zur Normalität."


    Was wusste die schon von "Normalität", fühlte er schon wieder Zorn in ihm aufsteigen. Zur Zeit hatte er weißgott genug um die Ohren.

    "Geh´ doch schon vor ins Auto", wies er seine Tochter an und wandte sich dann wieder an die Leiterin der Tagesstätte: "Ich mache das sicher nicht absichtlich, das können Sie mir glauben. Aber ich muss momentan auch erstmal Job und Familienleben unter einen Hut bringen."


    "Herr Fuchs", dozierte sie, "verstehen Sie das bitte nicht falsch, aber es geht doch primär um das Wohl des Kindes."


    "Jetzt klingen Sie schon wie die Frau vom Jugendamt gerade eben. Die wirkte auf mich auch so voreingenommen. Meiner Meinung nach ist die Kleine bei ihrem Vater immer noch am besten aufgehoben."


    Ein mitleidiger Blick sah ihm entgegen und die Verantwortliche des Kindergartens meinte ernster: "Hanna tut sich sehr schwer mit der Integration. Sie schließt keine Freundschaften und nicht einmal zu ihrer Gruppenleiterin baut sie eine Beziehung auf. In diesem Alter brauchen Kinder eher die Mutter, denn ihren Vater."


    "Aber diese Mutter wollte ihre Tochter nicht und bei deren Lebenswandel hielt selbst das Vormundschaftsgericht es für besser, wenn Hanna bei mir bliebe. Hören Sie, das spielt sich jetzt alles ein. Ich brauchte halt ein paar Tage länger, aber bald haben wir alles wieder im Griff."


    Die Erzieherin sah ihm wehmütig nach, als er zum Auto ging und rief noch: "Ich wünsche Ihnen, dass sie Recht behalten."




    Was für eine blöde Woche. Erst die viele Arbeit im Büro und dann auch noch die Tante vom Jugendamt. Sie würde auch die Eindrücke von den KiTa-Erzieherinnen bewerten um über das "Kindeswohl", wie es im Beamtendeutsch heißt, zu entscheiden.

    "Es fehlt eine Mutter" - was für ein Quatsch! Diese hatte sich die letzten drei Jahre immer weniger für ihren Nachwuchs interessiert. Erst waren es nur berufliche Prioritäten, dann kamen auch andere Männer dazu. Nein, "diese" Mutter fehlt Hanna bestimmt nicht. Seit sein kleiner Schatz zwei geworden war, vertrat er an ihr sowohl Vater, als auch Mutterstelle.


    "Wasch´ dir doch schon mal die Hände, während ich uns Abendbrot mache. Hast du einen bestimmten Wunsch?"


    "Keine Ahnung", schüttelte die Kleine ihren Kopf, immer noch sauer auf ihn.


    Er setzte sich auf den Küchenstuhl und hob seine Tochter auf seinen Schoß. "Entschuldige, dass ich so spät war. Dafür gehen wir auch am Samstag ins Schwimmbad. Versprochen!"


    Die blaugrünen Augen der Kleinen begannen umgehend zu strahlen und ihr Grinsen entblößte eine Lücke zwischen den Milchzähnchen. Mit herumtollen im Wasser war Hanna immer zu begeistern. Im Bewegungsdrang kam sie nach ihren Eltern. Die Mutter ein sportliches Fotomodel, der Vater zumindest früher in der Turnriege des örtlichen Vereins. Aber das schien schon so lange her, dachte er abwesend.


    "So mein Mausezähnchen", holte er sich in die Gegenwart zurück. " Ich mache uns Käsebrot mit Mandarinenstückchen und einem Salatblatt."


    "Au ja!", jubelte Hanna und die gute Laune war wieder hergestellt.




    Nach dem Abendessen sieg er in seine "Rumlümmel-Leggings", eigentlich eine abgetragene und etwas ausgeleierte Laufhose. Als Freizeitkleidung sah er darin nichts verwerfliches. Eigentlich würde er gerne mehr dieser Kleidung tragen, doch das traute er sich nicht so. Dabei ging es ihm weniger um das Naserümpfen entgegen seiner eigenen Person, sondern darum dass Hanna angefeindet werden könnte. Wo sie es doch sowieso schon schwer hat.

    Sie spielten noch eine Runde "Memory" und danach "Mensch ärgere dich nicht". Das alte, abgegriffene Spielbrett stammte noch von seinen Großeltern. Die Figuren waren noch aus Holz, nicht aus Plastik und Hanna hatte ihn gnadenlos besiegt.


    "So", sagte er, "Jetzt aber Zähneputzen und dann in die Falle."


    "Ooch, ich will noch ein bisschen kuscheln", zögerte sie wie üblich die Schlafenszeit hinaus.


    Er war ihr genauso verfallen wie damals ihrer Mutter. Dieser konnte er auch nichts abschlagen. Aber Hanna würde ihn nie derart schäbig ausnutzen. Also nahm er sie noch ein bisschen in den Arm.


    "Wie gefällt´s dir denn so im Kindergarten?", versuchte er ihr zu entlocken wenn sie schon nicht freiwillig darüber reden wollte. "Hast du schon Freunde gefunden?"


    "Die sind alle doof!"


    Er hatte nicht wirklich erwartet von einer Vierjährigen einen exakten Abriss über ihr soziales Umfeld und ihre Befindlichkeit zu bekommen, aber ein bisschen mehr hätte es schon sein dürfen. Sollte sie nämlich wirklich massive Probleme mit der neuen Situation haben, könnte das Jugendamt noch auf dumme Ideen kommen.


    "Und warum sind die doof?", hakte er deshalb nach.


    "Weiß nicht."


    "Ärgern sie dich?"


    "Nein, nicht richtig."


    "Und warum findest du sie alle doof?"


    "Die reden immer von ihren Mamas und Papas und was sie alles zusammen machen."


    Ja, das war ein verständliches Problem. Doch kein neues, denn auch früher dachte sie schon so. Durch die Scheidung und den Umzug in die Stadt änderte sich daran eigentlich nichts.


    "Und die Lehrerinnen?"


    "Ach, geht so. Nur Frau Zimmer ist besser."


    "Ist Frau Zimmer deine Betreuerin?"


    "Nein. Die macht das Turnen."


    Hätte er sich gleich denken können. Sportliche Betätigungen wirken immer aufmunternd auf seinen kleinen Liebling.

    Nach weiteren fünf Schmuseminuten hieß es aber endgültig "Ab ins Bad".


    Beim einwickeln in die Kuscheldecke musste die kleine Maus dann aber doch heftig gähnen. Noch einen Gute-Nacht-Kuss und danach Licht aus. Natürlich mit der Tür einen Spalt offen.




    Während des Abwaschs überlegte er noch eine Weile wie Hanna etwas offener und kontaktfreudiger anderen gegenüber werden könnte. Doch mittlerweile war auch er erschöpft und brauchte unbedingt etwas Ablenkung.

    Sich mit seiner lange unterdrückten Neigung zu beschäftigen, war seit einigen Wochen zu seinem liebsten seelischen Ausgleich geworden. Der Laptop fuhr bereits hoch, während er sich noch einen Orangensaft eingoss.


    Als Jugendlicher war er ja nicht wegen des Sports im Turnverein, jedenfalls nicht an erster Stelle. Sport an sich gewann erst später an Bedeutung. Ursprünglich ging es nur um die Kleidung. Das glatte und schimmernde Vereinsdress. Mehr aber noch, liebte er die Trainingskleidung. Radlerhosen, Gymnastikhosen, wie man Leggings noch überwiegend nannte und sogar hin und wieder Strumpfhosen galten beim Turnen als völlig normale Sportsachen für Jungs. Auch Turnanzüge, wie sie sonst nur von Mädchen getragen wurden, erregten keinerlei Aufsehen.

    Der große Superturner war er zwar nie, aber niemand hätte behaupten können, er sei nicht stets mit Eifer bei der Sache gewesen.

    Begonnen hatte diese Neigung zu Gymnastikbekleidung allerdings noch früher. Bundesweit gab es zwar keine vorgeschriebene Einheitskleidung mehr für den Schulsport, doch bei ihm in der Provinz hatte er diesbezüglich Glück. Oder vielleicht lag es auch an der Lehrerin, jedenfalls hatten alle Schüler, unabhängig ob Mädchen oder Jungs das gleiche zu tragen: Schwarze Gymnastikhose, weißes Unterhemd und Gymnastikschläppchen. Zumindest bis zur dritten Klasse, danach wurde die Turnkleidung liberalisiert. Sehr zu seinem Missfallen, denn er hatte sich bereits so sehr daran gewöhnt und auch das erste Aufkommen autoerotischer Berührungen war eng mit der synthetischen Fasermischung verknüpft, welche ihm später unter der Bezeichnung "Lycra" geläufig wurde. In der Schule musste er sich notgedrungen anpassen, um nicht verspottet zu werden, doch der Turnverein ermöglichte es ihm an seiner Vorliebe fest zu halten.


    Mit der Zeit musste er jedoch erkennen, dass er in dieser Beziehung "anders" war. Damit umzugehen fiel ihm schwer und er zweifelte selbst an der Richtigkeit seiner Lycraneigung. Es gab auch niemanden um darüber zu reden und sich auszutauschen, schließlich war er weit und breit der Einzige der scharf wurde, wenn er das Wort "Leggings" auch nur hörte. Wäre er ein Computer-Nerd wie seine Klassenkameraden gewesen, wäre er irgendwann per Internet auf Gleichgesinnte gestoßen. Als "Analogfuzzi" geschah das jedoch erst im Berufsleben.


    Und zu jener Zeit hatte er sich bereits vorgenommen diesem Fetisch zu entsagen und "normal" zu werden. Das war es wohl, was ihn letztlich in die Arme dieser, nachträglich betrachtet, blöden Kuh trieb, die ihn nur für ihren eigenen Vorteil manipulierte und ihn letztlich mit seiner Tochter alleine hatte sitzen lassen.

    Nach der Scheidung jedenfalls hatte er sich vorgenommen, mehr auf seine wirklichen Bedürfnisse zu achten. Und auch wenn er erst mal nur anonym in einschlägigen Foren zum Thema herum surfte, schien das einen positiven Einfluss auf ihn zu bewirken. Trotz des Stresses fühlte er sich ausgeglichener und konnte die Hürden des Lebens besser meistern.




    Seit wenigen Wochen beteiligte er sich gelegentlich am Chat eines großen Forums für Lycra, Nylon und Latexfetischisten. Der Kontakt mit einer der wenigen weiblichen Lycrafans (zumindest ging er durch die Art ihrer Beiträge davon aus, dass sie weiblich war) wurde in den letzten Tagen regelmäßiger und sie lernten sich in der Anonymität des Chats ein wenig kennen.


    LycraFux: "Hallo? Irgendwer Online?"


    Einige Minuten tat sich nichts und so schaute er nach, was es sonst Neues im Forum gab. Schon erstaunlich wie viele genauso oder zumindest ähnlich veranlagt waren wie er, wenn man das gesamte Bundesgebiet einbezog. Manche gaben an woher sie stammten. Meist viel zu weit weg. Von seiner Chatpartnerin wusste er keinen Herkunftsort. OK, um fair zu bleiben, er war ja auch vollkommen Inkognito.


    Er sah sich neue Mitgliederbilder an. Viele zeigten stolz was sie so in der Freizeit trugen, einige hatten sogar keine Probleme damit sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen. Mehrheitlich waren die Mitglieder männlich, aber manche hätten extrem scharfe Mädels abgeben können. Zumindest in den Fetischklamotten. Bei diesem Typ im hautengen Latexanzug jedenfalls, bekam er schon mal Zweifel an seiner Geschlechtspräferenz.

    Durch das sichten der Bilder entging ihm total, dass die Benachrichtigung des Chats seit einigen Momenten blinkte.


    EnPointe_32: "´n Abend LycraFux. Ich fürchtete schon, du hättest unser abendliches Schwätzchen vergessen?"


    LycraFux: "Hi, sorry ich hatte einen anstrengenden Tag. Gerade war ich etwas abgelenkt. Das Bild von "FlexThorben_77 am Münchner Stachus hat mich schier umgehauen."


    EnPointe_32: "Ja, das hab´ ich auch gesehen. An dem ist ´ne Frau verloren gegangen :-;"


    LycraFux: "Wie war dein Tag?"


    EnPointe_32: "Kann nicht klagen. Lief ganz gut. Aber ich arbeite ja mit Kindern und das macht irgendwie immer Spaß."


    LycraFux: "Ja, hattest du erwähnt. Was genau ist dein Beruf?"


    EnPointe_32: "Hey Füchslein, willst du mich ausfragen? Was ist mit der Diskretion?"


    LycraFux: "Sorry, mein Fehler"


    EnPointe_32: "War nur Spaß, bleib locker. Du hast mir ja auch schon einiges über dich erzählt. Dass du geschieden bist und ´ne kleine Tochter hast. Da ist es nur fair wenn ich mich revanchiere. Ich bin Pädagogin.


    Zumindest schien damit jetzt fest zu stehen, dass sie tatsächlich eine Frau war. Wenn man dann noch ihren Nickname einbezog, konnte sie eigentlich nur Ballettlehrerin sein.


    LycraFux: "Lass mich raten, du unterrichtest kleine Tanzmäuse, stimmt´s?"


    EnPointe_32: "So ähnlich."


    Er sollte es für Heute damit bewenden lassen, sonst hielt sie ihn noch für naseweis.


    EnPointe_32: "Was war der Grund für deinen anstrengenden Tag?"


    LycraFux: "Ach, das Jugendamt mal wieder. Die sind sich nicht so sicher, dass ein alleinerziehender Vater für das Wohl einer Vierjährigen ausreichend ist."


    Forums_Mod: "He, ihr Turteltäubchen. Falls ihr noch privater werden wollt, kann ich euch gerne das Passwort für den abgeschotteten Bereich geben. Nur so als Angebot, falls ihr nicht möchtet dass jeder mitliest.


    LycraFux: "Danke, aber ich glaube wir haben es unter Kontrolle. Wir machen sowieso gleich Feierabend. Oder wie siehst du das, EnPointe_32?"


    EnPointe_32: "Ich glaube du hast Recht, LycraFux. @Mod: Danke für das Angebot. Vielleicht kommen wir nächstes Mal darauf zurück. @LycraFux: Ich wünsch die eine gute Nacht. Vielleicht chatten wir morgen Abend?"


    LycraFux: "Morgen Abend ist OK. Da habe ich auch etwas mehr Zeit. Für dich auch eine gute Nacht. Bis morgen."






    Na wer sagt´s denn. Es ging Aufwärts. Die Gleitzeitregelung mit dem Arbeitgeber war durch. Ab jetzt hätte er mehr Möglichkeiten sich pünktlich um Hannas Belange zu kümmern.

    Einmal nicht der letzte beim Abholen zu sein, brachte ihm auch prompt ein viel freundlicheres: "Schönes Wochenende" von der KiTa-Leiterin ein.


    Den Freitag Abend hatten sie zum Pizza-Abend gemacht. Allerdings nur Tiefgekühlte, sonst würde es zu spät für die Kleine werden. Einmal in der Woche kann man ruhig mal ungesund essen.


    "Gehen wir dann morgen zum Schwimmen?", fragte Hanna und wippte aufgeregt auf ihrer Sitzerhöhung hin und her.


    "Natürlich. Hab´s dir doch versprochen."


    "Yeah!", rief die blonde Maus noch während sie an dem dreieckigen Teigstück abbiss.


    Nicht nur, dass ihr Mund dadurch mit Tomatensoße verschmiert wurde bis hinter die Ohren. In ihrem Übermut flog ihr beim hochreißen der Arme auch noch das restliche Pizzastück aus der Hand und landete, natürlich, an der dahinter liegenden Wand.

    Das war jetzt schon das zweite Mal in kürzester Zeit, dass er sich darüber ärgerte für die Küche nicht doch die teurere, aber dafür abwaschbare Wandfarbe genommen zu haben.


    Hanna blickte sich abrupt um, sah den Tomatenfleck und schaute mit großen Augen zurück zu ihrem Vater.

    "Weia!" war alles was sie heraus brachte.


    Das war wieder so eine typische Situation in welcher er ruhig bleiben und sich ins Gedächtnis rufen musste, dass er auch mal Kind war.


    "Ach Mausezähnchen", seufzte er, worauf sie nur betreten unter sich blickte und "´schuldigung" murmelte.

    Das machte sie aber so überzeugend, dass er ihr nicht böse sein konnte und schon kurz darauf waren beide wieder am kichern.


    "Hol´ mal bitte ein Stück von der Küchenrolle und lass´ ein bisschen Wasser drauf tropfen."


    Mit dem feuchten Tuch zeigte er ihr sodann, wie man das gröbste des Flecks vorsichtig von der weißen Raufaser tupfen konnte.





    Genau wie das Freitags-Pizza-Ritual gab es auch eines für das Frühstück am Samstagmorgen. Hanna´s Aufgabe war es, diverse Stücke aus der Obstschüssel vorzubereiten. Heute einen Apfel, zwei Birnen, eine Orange und die Trauben und diese unter dem Hahn abwaschen. Danach tupfte sie die Früchte trocken und legte auch noch zwei Bananen hinzu. Jene schälte sie direkt aus der Pelle und ihr Vater schnippelte sie in eine bereitgestellte Schüssel. Genauso zerkleinerte er auch den Apfel und die Birnen.


    "Iiihh!", rief sie, als sie beim Schälen der Orange einen Spritzer Saft in die Haare bekam.


    Papa äffte sie gespielt nach und meinte: "Später gehen wir ja schwimmen, dann wird das wieder sauber."


    Die beiden hatten jede Menge Spaß bei der Zubereitung des Müslis. Und als er nach den Haferflocken sich beim Milch eingießen bekleckerte, bekam er seinen Spott von eben postwendend zurück.


    Samstag Vormittag war das Freizeitbad noch relativ übersichtlich besucht. Hauptsächlich die Pensionäre, die immer die ersten im Wasser sein müssen und ausschließlich auf der Bahn schwimmen können, die sie die letzten dreißig Jahre beanspruchten. Doch auch einige junge Familien mit ihrem Nachwuchs waren anzutreffen. Für Hanna´s Unterhaltung war also gesorgt. Aber zuerst tollten sie miteinander im Spaßbecken herum.

    Er hatte, wie so oft, seine blauen Radlerhosen zum Schwimmen angezogen. Seine Exfrau fand das immer "gewöhnlich" und wollte ihn lieber im Slip sehen, während sie ihren zugegebenermaßen Traumkörper lediglich mit einem winzigen Bikini bedeckte. Ein Badeanzug hätte ihm besser an ihr gefallen.

    Zum Glück war das alles vorbei.


    "Papa, darf ich mit den anderen Kindern rutschen?"


    Er besah sich die Clique, die alle so ziemlich im Alter seiner Tochter waren.


    "In Ordnung. Aber nur die kurze Rutsche. Und macht nicht so wild."

    Doch Hanna war bereits auf der Wendeltreppe.


    Und genau das war das unverständliche. Wenn es um herumtoben beim Sport oder Schwimmen ging, fand sie immer sofort Anschluss. Nur wurden da keine Freundschaften draus. Vielleicht haben ja alle Recht, dachte er. Die Erzieherinnen, das Jugendamt, dass ihr eine weibliche Bezugsperson fehlt. Dass egal wie aufopfernd er sich um sie kümmerte, er die Mutter nicht ersetzen konnte.


    Doch was sollte die Grübelei. Im Moment war die Kleine Glücklich und er konnte sich mal bei einigen Schwimmstößen entspannen.

    Vielleicht sollte er sich wirklich mal wieder um eine Partnerin bemühen, dachte er und musterte die jungen Muttis. Ausnahmslos alle in äußerst kleidsamen Badeanzügen. Viele junge Mütter sind der Meinung, die Schwangerschaft hätte ihre Figur ruiniert und greifen nur deswegen zum Einteiler. Was aber fast immer Zeugnis einer fremdbeeinflussten Selbstwahrnehmung war. Nichts konnte seiner Meinung nach die weibliche Anatomie besser in Szene setzen, als möglichst umfassend bedeckendes, feuchtes Lycra.


    Eine Relaxliege lud zum entspannen ein und zumindest für kurze Zeit fiel der ganze Stress der Woche von ihm ab. Er bobachtete die Kinder, die mittlerweile mit aufgepusteten Wasserbällen im Kinderbecken spielten. Einige der Mütter waren bei ihnen und machten mit. Gerade als er sich überlegte sich auch anzuschließen, kam sein kleiner Engel niedergeschlagen auf ihn zu, sprang auf seine Liege und schmiegte sich an ihn.


    "Was ist denn, Mäusezähnchen? Hast du dir weh getan?"


    Stilles Kopfschütteln, aber umso mehr Liebesbedürfnis. Also tröstete er sie erst mal. Er konnte sich schon denken was vorgefallen war, wollte aber abwarten was sie sagte.


    "Du Papa", rückte sie schließlich mit der Sprache heraus, "warum kann ich nicht auch wieder eine Mama haben, wie die anderen?"


    Eine schwerwiegende Frage aus dem kleinen Mund. Und er wusste aus dem Stehgreif keine Antwort. Zumindest keine, mit der Hanna hätte was anfangen können. Statt dessen verdrückte auch er eine kleine Träne. Natürlich war es schwer für das Mädchen, wenn sie mit anderen Kids zusammen war, die beide Elternteile hatten.


    "Nun", versuchte er dennoch eine pädagogisch sinnvolle Antwort. "Ich habe noch keine neue Frau kennen gelernt, die zu uns passen könnte. Eine die nett ist und die dich mag und die auch du magst."


    "Ich weiß eine", meldete sie sich vorlaut. "Frau Zimmer. Die ist hübsch, kann richtig gut turnen und ich mag sie gerne. Die könntest du doch mal fragen."


    Er musste schmunzeln. Was würde er geben wenn die Welt doch so einfach wie in der Vorstellung kleiner Kinder funktionieren würde.


    "Ich kenne diese Frau Zimmer doch gar nicht", versuchte er sich aus der Situation zu befreien.


    "Ich kann sie ja für dich fragen."


    Oh nein, bloß nicht, dachte er. Wie komme ich aus dem Schlamassel nur wieder raus?

    Da half nur Ablenkung. Mit gespielt bösem Blick und drohend erhobenen Händen sagte er schließlich: "Ich könnte ja auch das vorwitzige Mäuschen auffressen ..."


    Sein kitzeln rief erschrecktes quieken bei Hanna hervor. Und so ging dieses Tief schließlich vorüber und mündete in eine ausgelassene Wasserspritzerei im Kinderbecken.

    Danach war Einkaufen angesagt. Schon lange war ihm fremd geworden, wie kurz ein Einkauf ohne einen wissbegierigen, kleinen Wirbelwind tatsächlich sein konnte. Doch heute hatte sich Hanna bereits im Bad ausgetobt und war allenfalls ein wenig quengelig. Doch alles in allem hatte sie die Depression von heute morgen vergessen und sie konnten den Rest des Tages mit ihrer liebevollen Vater/Tochter Routine verbringen.

  • Ach ja, die kleinen...

    Und irgendwie hab ich das Gefühl, dass Frau Zimmer einen Aliasnamen im Web hat :)

    Do not look upon this world with fear and loathing. Bravely face whatever the gods offer.

    -- Morihei Ueshiba

  • Vielen Dank euch beiden.

    Die Geschichte handelt halt mehr davon, wie es sich entwickelt und wie sich letztlich eins zum anderen fügt.

    Dass Yoshiro bereits eine Ahnung kommuniziert worauf es hinauslaufen könnte, liegt ja fast auf der Hand. Auch weitgreifendes Umschreiben mit jeder Menge Prosa, hätte die Vorhersehbarkeit nicht wirklich reduziert.

    Seht es einfach mal als leichte Unterhaltung, lebensnah aber durchweg positiv.

  • Dann machen wir doch mal nahtlos weiter.






    Nach dem zu Bett bringen hatte er dann auch wieder ein wenig Zeit für sich.


    LycraFux: "Hallo, jemand da?", tippte er auf seiner Tastatur und gleichzeitig erschienen seine Worte im Chat-Feld seines Bildschirms.


    Glitschi_2000: "Hast du Ahnung, wie man am einfachsten einen Riss in einer Gummihose flicken kann?"


    LycraFux: "Leider nicht. Kenne mich zu wenig aus mit Latex, bin eher von der Lycra-Fraktion. Aber das naheliegendste müsste Reifenflickzeug sein."


    Glitschi_2000: "Sieht aber bestimmt uncool aus. Trotzdem danke für den Tipp, daran hatte ich nämlich gar nicht gedacht."


    EnPointe_32: "Hi LycraFux, schön von dir zu hören."


    LycraFux: "Guten Abend. Ich dachte schon hier wäre heute gar nichts los."


    EnPointe_32: "Bin schon zwanzig Minuten Online, war aber abgelenkt. Dieser "spandex_leggings" hat die ersten Kapitel einer neuen Geschichte veröffentlicht, da musste ich einfach lesen."


    LycraFux: "Stories sind nicht so ganz mein Ding."


    EnPointe_32: "Dessen Zeug kann man sogar lesen, wenn einen das Thema nicht so interessiert. Er schreibt so bildhaft und flüssig, dass man sich nur schwer davon trennen mag. Aber Egal. Wie geht es dir? Schönen Samstag gehabt?


    LycraFux: "Heute war es sehr entspannt, danke der Nachfrage. Ich war mit meiner Tochter im Schwimmbad. Und du?"


    EnPointe_32: "Ich war Trainingskleidung kaufen. Lycra - versteht sich.


    LycraFux: "Ist doch Toll, wenn die Arbeitskleidung auch gleichzeitig das ist, was man am liebsten trägt.


    EnPointe_32: "Ja, stimmt."


    Bisschen kurz angebunden, dachte er. Eigentlich hatte er gehofft etwas mehr aus ihr herauskitzeln zu können. Ob er nachhaken sollte?


    LycraFux: "Da wäre ich gerne dabei gewesen. Jede anprobierte Lycra-Kombination am "lebenden Modell" anschauen - das hätte was ;-)


    En Pointe_32: "Das wäre bestimmt langweiliger geworden, als von dir erhofft. Außer einem Teil habe ich nämlich nur Standardsachen gekauft. Diese muss ich nicht anprobieren, weil die Größen im allgemeinen passen. Lycra dehnt sich, falls du dich erinnerst ;-)


    Sie taut langsam auf. Womöglich wir der Abend noch interessant.


    LycraFux: "Und was war das "eine" Teil?"


    EnPointe_32: "Na da will es wohl mal wieder jemand ganz genau wissen, wie?"


    LycraFux: "Wenn du so freundlich wärst ...?"


    EnPointe_32: "Also gut, es war ein Volti-Anzug. Zufrieden?"


    LycraFux: "Du voltigierst?"


    EnPointe_32: "Nein. Also nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Der Anzug gefiel mir und ich dachte er wäre ganz praktisch als "Dienstkleidung"."


    Eine Tanzlehrerin im Volti-Outfit? Ungewöhnlich. Bestimmt doch nicht klassisch. Vielleicht eher Modern Dance?


    LycraFux: "Ich dachte, beim Ballett ist auch die Trainingskleidung streng reglementiert."

    Damit wollte er sie aus der Reserve locken.


    EnPointe_32: "Da hast du glaube ich Recht."

    Mit dieser Antwort gab sie so gut wie garnichts Preis. Sie chattet geschickt, das musste man ihr lassen.


    EnPointe_32: "Ihr wart also Schwimmen, deine Tochter und du?"

    Damit wechselte sie das Thema.


    LycraFux: "Ja stimmt."

    Was die kann, konnte er doch schon lange. Mal sehen wie lange dieses Katz´ und Maus Spiel noch geht.


    EnPointe_32: "Ihr steht euch wohl ziemlich nahe, was?"


    LycraFux: "Muss ja wohl. Es gibt ja keine Alternative dazu. Wir haben ja nur uns beide."


    EnPointe_32: "Sollen wir den abgeschotteten Chat nutzen? Der Moderator hat mir das Passwort gegeben.

    Anscheinend hatte sie doch Lust auf mehr Details. Dem wollte er nicht im Wege stehen.


    LycraFux: "OK. Schick's mir per PN."


    Kurz nach der Eingabe wurde die Hintergrundfarbe des Chatfensters heller und am unteren Rand stand "IN PRIVATE"


    EnPointe_32: "Ich wollte nicht alles was wir hier texten öffentlich im Forum breit treten. Als eine der wenigen Frauen hier, wird man umso genauer von den anderen betrachtet."


    LycraFux: "Kein Thema. Kann ich gut nachvollziehen. Hast du eigentlich auch Kinder?"

    Er war sich nicht sicher, ob diese Frage vielleicht zu indiskret war. Oder zumindest zu früh.


    EnPointe_32: "Nein, aber manchmal sehne ich mich schon nach Familie. Ich hab zwar von Berufs wegen viel mit Kids zu tun, aber das ist natürlich kein Ersatz."


    LycraFux: "Und wie kommt´s dass du keine eigenen hast?"

    Mittlerweile stellte sich der private Modus als sinnvoll heraus. Die Pause zur Antwort war etwas länger. Ob er zu tief grub?


    EnPointe_32: "Irgendwie habe ich noch nicht den richtigen Partner gefunden, mit dem ich Kinder in die Welt setzen möchte. In Wahrheit waren fast alle irgendwie Arschlöcher. Die zogen nur immer alle Vorteile, gaben mir aber nichts zurück."


    LycraFux: "Klingt bitter. Aber falls es dich tröstet, meine Ex passte auch in dieses Schema."


    EnPointe_32: "Kommst du klar damit? Ich meine das alleine Erziehen?"


    LycraFux: "Ist nicht so einfach, aber irgendwie wurschteln wir uns schon durch."


    EnPointe_32: "Bei Scheidungskindern, vor allem bei Mädchen im Kindergartenalter merke ich oft wenn die Mutter fehlt. Dann haben sie meist Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion. Auf der Arbeit habe ich gerade wieder so einen Fall. Ein aufgewecktes und sympathisches Mädel, das eigentlich alle Herzen im Sturm erobert, kapselt sich nach kurzer Zeit ab und isoliert sich von den Anderen. Oft finden die Kleinen dann ein Ventil um sich anderweitig auszudrücken. In diesem speziellen Fall ist es alles was mit Bewegung zu tun hat. Aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass die Jugendämter dem kritisch gegenüber stehen. Letztlich ist es eine Suche nach Anerkennung in Ermangelung der Mutter."


    LycraFux: "Du hörst dich ja an wie eine Sozialarbeiterin. Aber wenn ich ehrlich bin, schläft so ein "Fall" gerade bei mir im Kinderzimmer. Meine Kleine gibt klare Zeichen dass sie gerne zwei Elternteile hätte. Gestern wollte sie mich sogar mit ihrer Lehrerin aus dem Kindergarten verkuppeln."


    EnPointe_32: "Eigentlich süß, aber ich fürchte da hast du noch einige Schwierigkeiten vor dir. Wie kriegst du eigentlich deine Neigung für Lycra da hinein?


    LycraFux: "So gut wie gar nicht. Zu Hause mal eine Laufhose tragen und ab und zu Radler. Mehr geht nicht. Ich will ja nicht, dass mein kleines Mäuschen auch noch wegen der Kleidung ihres Vaters gehänselt wird.


    EnPointe_32: "Kann ich verstehen. Da hab ich´s natürlich einfacher. Und gerade habe ich meinen neuen Volti-Anzug an. Schade dass ich dieses Gefühl nicht mit dir teilen kann. Er ist Schwarz mit Blau marmoriert. Richtig Edel und passt wie eine zweite Haut. Ich kann mir vorstellen, dir wär´s auch lieber mehr Lycra zu tragen, oder?"


    LycraFux: "Schon, aber vielleicht finde ich eine Möglichkeit sobald mal wieder Routine in mein Leben zurückkehrt. Auf jeden Fall hat es gut getan mal über den ganzen alltäglichen Kram zu reden."


    EnPointe_32: "Finde ich auch. Sollten wir mal wiederholen. Leider muss ich jetzt Schluss machen, aber ich freue mich bald wieder von dir zu hören. Gute Nacht und lass dich nicht hängen. Ich wünsche dir, dass alles gut geht mit deiner Kleinen."


    LycraFux: "Danke. Für dich auch eine gute Nacht."


    Logout.




    Ich mag sie, dachte er. Einen Voltigieranzug hatte sie sich also zugelegt.

    Das erinnerte ihn an seinen alten Wettkampfanzug vom Turnverein. Irgendwo in einer Kiste in der hintersten Ecke des Schranks hatte er ihn immer noch aufbewahrt.

    Ob er noch passt? Schließlich hatte er ihn von über zehn Jahren das letzte Mal getragen.

    Dieser Idee wollte er nachgehen. Hanna schlief und warum sollte er sich nicht mal was Gutes tun und die körperweite Umhüllung genießen?


    Der Ganzanzug wirkte klein und war auch ziemlich zerknittert nach der langen Zeit. Aber wie hatte EnPointe_32 geschrieben? Lycra dehnt sich!

    Tatsächlich war er doch etwas aus dem Fullsuit herausgewachsen, denn es kostete einige Anstrengung hinein zu kommen. Doch bereits das anziehen ließ längst vergangene Gefühle in ihm aufsteigen. Die Geborgenheit, welches die Kompression auslöste. Sämtliche Knitterfalten glätteten sich am Körper und so betrachtete er sich im Spiegel des Schlafzimmerschranks.

    Rot und Schwarz dominierten die Optik. Immer abwechselnd durch Diagonalen geteilt, unabhängig davon ob es nun an den langen Ärmeln, dem Torso oder den Beinen war. Nur unterbrochen von einer weißen Linie, die sich wie ein Gürtel um die Taille zog. Am rechten Knöchel faserte der Bund bereits etwas aus, aber ansonsten war der Gymnastikanzug noch Top.

    Seine Figur sah immer noch ansehnlich aus. Er musste wirklich demnächst mal ausprobieren, ob er die Turnübungen noch hinbekam.

    Was hätte er damals dafür gegeben, dass seine geschiedene Frau ihn mal in diesem Anzug gestreichelt hätte. Und was gäbe er in diesem Moment seiner Chatbekanntschaft in ihrem Volti-Anzug gegenüber zu stehen.


    Er legte sich auf seine Seite des Ehebetts und ließ seinen Händen freien Lauf. Zufriedene Schauer jagten ihm durchs Gebein. Doch schon kurz darauf ließ er davon ab, weil er das Knarren von Hannas Zimmertür vernahm. Einen Augenblick später stand sie auch schon im Schlafzimmer und rieb sich die müden Augen.


    "Ich kann nicht schlafen", nörgelte die Kleine mit dem Plüsch-Einhorn in der Hand.


    "Hast du schlecht geträumt?"


    Verängstigtes Nicken.


    "Na dann komm halt her, du Angsthäschen", sagte er und klappte die Bettdecke zurück damit Hanna zu ihm schlüpfen konnte.


    "Was hast du denn für ´nen Schlafanzug?", kam die vorhersehbare Frage.


    "Der hält böse Träume fern", entgegnete er und sein Mäuschen kuschelte sich an ihn und war im Nu wieder eingeschlafen.




    In der kommenden Woche tauschte er sich intensiver mit EnPointe_32 aus. Ihr Chat machte auch vor intimen Details nicht Halt. Wozu auch, schließlich waren sie relativ anonym und wer konnte schon sagen, wie weit diese Frau wirklich entfernt wohnte. Irgendwie entstand zwischen den beiden Lycrafetischisten eine Vertrautheit, trotz der Anonymität des WorldWideWeb. Auf der einen Seite waren sie sich menschlich sehr ähnlich, auf der anderen frönte sie einer Leidenschaft, die mehrheitlich männliche Personen teilten. Und wenn sie ihre Kleidungsstücke und deren Tragegefühl beschrieb, spornte sie ihn auch immer an sich selbst wieder mehr mit seiner Neigung zu befassen.


    Hanna jedoch machte ihm Sorgen. Die KiTa-Leiterin berichtete immer häufiger über zornige und wütende Auseinandersetzungen mit anderen Kindern. Umso auffälliger dass sie sich nach wie vor bei den Turnstunden ganz anders verhielt.


    "Hanna scheint zwar eine Vertrauensbeziehung zu der Sportpädagogin, Frau Zimmer aufgebaut zu haben, aber diese ist derart intensiv dass es eher schadet", hatte ihm die Erzieherin eröffnet als er seine Kleine abholte.

    "Die Mitarbeiterin des Jugendamts ist darüber besorgt."


    "Ja", entgegnete er niedergeschlagen, "die hat mich schon zu einem Gesprächstermin gebeten."


    Er seufzte als er sich verabschiedete und mit seiner Tochter nach Hause fuhr.




    EnPointe_32: "Solche Fixierungen auf eine bestimmte Bezugsperson sind leider nicht ungewöhnlich."

    Er hatte seiner Chatbekanntschaft die Situation anvertraut.


    LycraFux: "Aber es ist doch eher positiv, dass sie Vertrauen zu jemandem aufbaut, oder?"


    EnPointe_32: "Im Grunde schon, aber so wie du es schilderst isoliert sie sich gleichzeitig von ihrem sonstigen Umfeld. Das wird zum Problem, wenn ihr irgendwann klar wird dass ihre einzige Vertrauensperson eben nicht ihre Mutter ist."


    Er seufzte, bevor er weiter tippte.


    LycraFux: "Ich versteh´ das alles nicht so richtig. Bei mir ist sie ganz normal, wie ein Kind in ihrem Alter eben ist."


    EnPointe_32: "Weil du ja auch das einzige stabile Element in ihrem Leben darstellst.


    LycraFux: "Denkst du, sie könnten sie mir wegnehmen?"


    EnPointe_32: "Das weniger, aber es könnte sein, dass psychologische Betreuung verordnet wird. Und erst nach einiger Zeit der Begutachtung kann über eine temporäre Verbringung in eine Pflegefamilie nachgedacht werden. Sorry für das Amtsdeutsch. Ich weiß das weil ich wie gesagt in meinem beruflichen Umfeld auch gerade so einen Fall habe."


    LycraFux: "Das klingt alles nicht gerade ermutigend."


    EnPointe_32: "Kopf hoch, das wäre ja nur der Extremfall. Ich bin sicher soweit wird es nicht kommen, schließlich bist du der leibliche Vater. Wann hast du denn den Termin beim Jugendamt?"


    LycraFux: "Morgen."


    EnPointe_32: "Dann viel Glück und mach´ dir nicht so viel Gedanken. Wird schon gut gehen."






    So ein Mist, dachte er. Selbst Hanna merkte dass er angespannt war.


    "Ist es, weil ich Streit hatte?"


    Was sollte er darauf antworten? Natürlich war es deswegen, aber trotzdem nichts, wofür sie was konnte.


    "Ach Mausezähnchen", versuchte er ihre Sorgen irgendwie zu beschwichtigen. "Weißt du, auch wenn Mama nicht mehr hier ist und es auch keine andere Frau bei uns gibt, heißt das ja nicht, dass unser Leben verkehrt wäre."


    Die Kleine runzelte die Stirn unter ihren blonden Haarsträhnen.


    "Das kann auch was Besonderes sein, was Andere nicht haben", fuhr er ungelenk fort und fürchtete wenig überzeugend zu klingen. "Die anderen Kinder haben bestimmt keinen so coolen Papa."


    Darüber musste Hanna nun aber doch lachen.


    "Wenn du das nächste Mal wieder wütend wirst, weil die anderen Kinder mit ihrer Mama angeben, dann denk´ doch einfach dass die nicht so gut mit ihrem Papa auskommen."


    Hanna wurde ungewöhnlich still, bis sie murmelte: "Frau Zimmer würde dir sicher gefallen."






    "Ich will ganz ehrlich sein, Herr Fuchs. Es sieht nicht gut aus", begann die Mitarbeiterin des Jugendamts bei ihrem Gesprächstermin. "Wir sehen keine psychologische Besserung bei Ihrer Tochter und wir erwägen ob eine übergreifende Betreuung nicht sinnvoller für ihre Entwicklung wäre."


    Er musste trocken schlucken. "Und wie ... sähe das aus?", fragte er.


    "Das haben wir noch nicht entschieden. Möglicherweise genügt bereits Unterstützung durch einen Psychologen, einmal die Woche. Aber wir haben im Kollegenkreis noch nicht darüber entschieden."


    "Verstehen Sie mich bitte nicht falsch", entgegnete er, "aber ich habe da schon so meine Bedenken darüber, dass so ein Psychofuzzi Einfluss auf mein Kind nimmt."


    "Ihre Reaktion ist nicht ungewöhnlich, aber ..."


    Doch er ließ sie nicht ausreden. "Ich mache mich wirklich in jeder Hinsicht krumm, um mit der Erziehung klar zu kommen. Glauben Sie mir, ich tue alles für Hanna. Und sie haben ja selbst gesehen, dass die Kleine mittlerweile in geregelter Ordnung aufwächst ..."


    Jetzt war es die Sozialarbeiterin, die ihm ins Wort fiel. "Herr Fuchs, natürlich erkennen wir Ihre Bemühungen an und tatsächlich hat das einen sehr positiven Eindruck auf uns gemacht. Aber irgendwo sind selbst Ihnen Grenzen gesetzt, die ein unabhängiger Betreuer durchbrechen könnte. Hanna ist ein spezielles Kind und nur um ihr Wohl geht es uns."


    Lange Stille.


    "Werden sie sie mir wegnehmen?", fragte er niedergeschlagen mit hängendem Kopf ohne aufzusehen.


    "Das wäre nur die allerletzte Maßnahme. So weit ist es noch nicht. Ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass eine Frau an Ihrer Seite viel positives bewirken könnte."






    Eine einfache Lösung, aber keineswegs einfach umzusetzen, dachte er noch einmal über den letzten Satz des Gesprächs nach, als er seinen Liebling an diesem Abend bereits ins Bett gebracht hatte.

    Doch weiter nachgrübeln wollte er auch nicht. Ihm stand der Sinn nach etwas Entspannung. Und nach Anregungen für neue Lycra-Kleidung, denn die Nacht im alten Ganzanzug hatte ihm klar gemacht, dass er im Ausleben seiner Neigung am Besten abschalten konnte.


    Also scrollte er sich durch die neu veröffentlichten Bilder des Forums. Die Mitglieder zeigten sich selbstbewusst in ihren Lieblingsstücken und neuesten Erwerbungen. Zwar machte der Lycrafetisch das Meiste an Veröffentlichungen aus, doch auch die Nylon- und Latexfraktion war zahlreich vertreten.

    Abseits von Gymnastikbekleidung faszinierten ihn auch Mädels in flüssig glänzendem Latex, vor allem an den unteren Extremitäten. Für ihn selbst wäre es wohl nichts, dachte er als er sich das aufwändige anziehen und polieren vorstellte. Aber schön anzusehen war es auf jeden Fall.


    Heute kamen die meisten Posts von einem Lycrapaar, welches er insgeheim bewunderte seit er sich dieser Gemeinschaft angeschlossen hatte. Mit dem Partner gemeinsame Vorlieben ausleben - er seufzte wehmütig.

    Bereits das erste Bild zeigte beide in komplett geschlossenen Zentais, also Anzügen die kein bisschen Haut frei ließen. Er war recht groß und das bei ihm rote Kunstfasergewebe streckte sich glatt über seinen Körper. Und seine Partnerin war eine echte Augenweide. Das mittelgroße Karomuster aus Grün und Blau unterstützte ihre wirklich ästhetischen Kurven.


    Danach kam eine Serie, in der sie abwechselnd nur Bodies oder auch mit Leggings darunter trugen. Sofern die Gesichter zu sehen waren, hatte der Bildbearbeiter sie durch grobe Pixel anonymisiert. Die meisten hier zeigten gerne was sie hatten, aber behielten sich dennoch ein Mindestmaß an Diskretion vor. Genau wie seine Chatpartnerin ...


    Verd ...! Vor lauter Bilder betrachten hatte er ganz vergessen sich im Chat anzumelden.


    EnPointe_32: "Du bist spät dran. Hast du mich etwa vergessen?"


    LycraFux: "Ehrlich gesagt, ja. Bitte nicht sauer sein. Ich habe mich an den Bildern von "Silky_Couple" vertrödelt.


    EnPointe_32: "Das Pärchen mit den Ganzanzügen?"


    LycraFux: "Ja. Die haben einen ganzen Schwung neue Fotos eingestellt. Da habe ich mich ablenken lassen."


    EnPointe_32: "Es sei dir verziehen, Füchslein. Schließlich warst du ehrlich. Hättest ja auch eine Ausrede benutzen können."


    LycraFux: "Aha, also ein Pluspunkt für mich."


    EnPointe_32: "Eher hast du keine Minuspunkte gesammelt. Du hast mich ja trotzdem warten lassen."


    LycraFux: "Sorry, echt."


    EnPointe_32: "Schon OK. Ist ja auch wirklich verführerisch sich vorzustellen, dass man einen Partner mit den gleichen Macken hat. Was meinst du wie froh die beiden darüber sind, dass sie zusammen in Lycra kuscheln können?"


    LycraFux: "Das klingt ja fast als wärst du heute Abend ebenfalls Liebesbedürftig."


    EnPointe_32: "Glaubst du etwa ich wäre aus Stein? Und überhaupt, was heißt "ebenfalls"?"


    LycraFux: "Ach, ich beneide halt Leute, die jemanden gefunden haben um die gemeinsamen Neigungen zu teilen."


    Pause. Die Pause wurde länger. Ob er irgendwie zu offen war? Zu forsch? Sie meldete sich nicht. Sollte er nachhaken? Aber das würde wirken, als dass er es dringend nötig hätte. Hatte er ja auch, wenn er ehrlich war. Und Sie würde er auf jeden Fall gerne näher kennen lernen. Aber wer wusste in welchem Winkel der Republik sie sich aufhielt.

    Durch das sinnieren entgingen ihm fast die neuerlichen Zeilen seiner Chatbekanntschaft.


    EnPointe_32: "Ich wohne in Bergstadt, und du?"


    Das waren die Worte, auf die er insgeheim gehofft hatte. Doch als unerwartetes I-Tüpfelchen war es auch noch dieselbe Stadt in die er mit Hanna gezogen war. Der Abend verlief besser als je erhofft.


    LycraFux: "Echt jetzt? Ohne Scheiß?


    EnPointe_32: "Wieso?"


    LycraFux: "Na, weil ich dort auch wohne. Bin nach meiner Scheidung aus einem Vorort hierher gezogen um einen kürzeren Arbeitsweg und damit mehr Zeit für meine Tochter zu haben."


    EnPointe_32: "Nicht wahr. Ehrlich?"


    LycraFux: "Wenn ich es dir sage. Im Westviertel."


    EnPointe_32: "Und ich im Osten. Was für ein Zufall. Da könnten wir uns sogar mal persönlich treffen. Ganz unverbindlich."


    LycraFux: "Pass auf, welche Geister du rufst. Vielleicht habe ich eine Glatze und wiege 160 Kilo."


    EnPointe_32: "Und ich habe eine riesige Warze auf der Backe und einen Klumpfuß ;-)"


    LycraFux: "Bei diesen Aussichten kann ich ja nur zustimmen. Allerdings habe ich keine Ahnung wann. Ich habe ja praktisch nie Frei und meine Tochter muss auch nicht gleich mitbekommen, dass ich mich mit einer Frau treffe."


    EnPointe_32: "Wie wär´s wenn wir uns dann für´s Erste auf einen Kaffe ToGo treffen. Morgens an dem Stand vorm Bahnhof, nachdem du deine Kleine in die KiTa gebracht hast und bevor ich auf die Arbeit gehe?"

    Das klang wirklich nicht verkehrt, wenn auch unerwartet.

    Am liebsten glatt und glänzend!

    Edited once, last by lycwolf: Der Platzhalter "XYZ-Stadt wurde gegen einen neutralen Ortsnamen getauscht. (s. Kommentar Yoshiro) ().

  • Macht wie immer Spaß zu lesen, lieber lycwolf. Ein schwieriges Thema wenn man Kinder hat. Dann steht die Lycra-Leidenschaft hinten an. Im Grunde können wir von Kindern lernen, viel unbefangener zu sein, weil wir uns ständig verstellen müssen, um nirgends anzuecken. Kinder sind oft sehr direkt, unglaublich ehrlich und ihnen ist nichts zu peinlich.

  • Man fiebert stets mit EnPointe_32 und LycraFux mit. Die beiden kommen sich näher, werden vertrauter. Und sie beraumen sogar ein Treffen an.

    Keine Frage, dass wir hier gerne die Fortsetzung lesen möchten.

    Daumen hoch!

  • Besten Dank!


    niki

    Du sprichst einen wichtigen Aspekt an. Die Unbefangenheit von Kindern, so lange sie noch nicht vom Gruppenzwang der "allgemeinen" Wertvorstellungen eingeholt wurden (was leider immer früher passiert) Wären die Menschen liberaler eingestellt, gäbe es auch wesentlich mehr Vielfalt in den sozialen Ausdrucksformen der Menschen.


    Desi

    Da hoffen wir doch mal, dass das Treffen mit seiner unbekannten Chatpartnerin erfolgreich wird und sie nicht wirklich dafür ins westafrikanische Togo fahren müssen.


    KunstTurnLover

    Danke für das Däumchen. Hoffentlich findest du Zeit zum ausführlichen lesen.

  • Weil das Wochenende vor der Tür steht, hier noch eine Folge der Chatbekanntschaften.

    (Das Finale folgt dann kommende Woche)





    Und so stand er hier, mit zwei Mitnahmebechern Heißgetränk in Händen und einem Pulsschlag der bis in seine Ohren pochte. Hoffentlich würde er sie erkennen. Er platzierte sich extra frei stehend, damit sie auf ihn aufmerksam werden musste. Ärgerlich, dass sie kein Erkennungszeichen vereinbart hatten. Aber heute lief ansonsten alles bestens. Hanna war gut drauf und ging mit Freude in den Kindergarten und er hatte noch genügend Zeit für ein kleines Tete á Tete. Da konnte einem nichts die Stimmung vermiesen.


    "Ist der Kaffee für mich, Füchslein?", hörte er hinter sich und schreckte überrascht hoch. Zum Glück waren Deckel auf den Bechern.


    "Ähh ... Hi, ähh ... ja", reichte er eines der Getränke an die Frau hinter sich nachdem er sich wieder gefangen hatte. "Schön dass es geklappt hat."


    So standen sie sich das erste Mal gegenüber. Zwei Leute, die bisher nur anonym gechattet hatten.

    Langes, stilles beobachten. Dann ein verlegener Schluck.


    "Da hast du ja ganz schön abgespeckt", brach sie das Schweigen anknüpfend an die sarkastischen Bemerkungen von letztens. "Und das Haarwuchsmittel taugt anscheinend auch was."


    Das brachte beide zum Lachen und er betrachtete intensiv das Gesicht der sportlichen Mittdreißigerin. Leuchtend grüne Augen und eine Spur von Pausbäckchen. Das alles eingerahmt von einem mädchenhaften Pferdeschweif in dunkelblond.


    "Was ist?", wollte sie wissen.


    "Ach, ich suche nach der Warze um sicher zu sein, dass du wirklich diejenige bist."


    "Vielleicht kann dich das hier überzeugen", kicherte sie und stellte eines ihrer Beine demonstrativ nach vorn.


    Er staunte nicht schlecht über das, was ihm muskulös und durchtrainiert, aber dennoch feminin dargeboten wurde. Verpackt in ganz schlichtes, klassisch schwarzes Lycra, welches unter der künstlichen Beleuchtung des Bahnhofsvorplatzes verboten aufreizend schimmerte.


    "Ähm ja, ich würde sagen du bist es."


    Die folgenden Minuten waren geprägt von Albernheiten und Kommentaren zu Forenaktivitäten. Dann, als der Kaffee zu Ende geschlürft war, wurde die Unterhaltung doch etwas bedeutender.


    "Wie gut stehen wohl die Chancen, dass Leute die sich in einem Bundesweiten Fetischforum kennen lernen auch noch in der selben Stadt wohnen?"


    Sie dachte einem Moment über seine Frage nach und meinte dann: "Ein Sechser im Lotto wäre wohl wahrscheinlicher gewesen."


    Erneut nachdenkliches Schweigen.


    "Und jetzt?", sah sie ihn fragend an. "Wie geht es wohl weiter?"


    "Also ...", trat er verlegen mit gesenktem Blick von einem Fuß auf den anderen, "... ich hätte nichts dagegen dich näher kennen zu lernen."


    "Also ...", imitierte sie seine Verlegenheit, "... ich auch nicht."


    "Kommenden Freitag habe ich Nachmittags frei, weil ich einige Überstunden abfeiern muss. Wir könnten uns im Park zum joggen treffen."


    "Und deine Tochter?"


    "Die hat einen Ausflug mit der KiTa in den Wildpark."


    "Mir würd´s passen, da habe ich nämlich auch einen Tag frei. Alles weitere im Chat?"

    Sie wandte sich bereits zum gehen.


    "Moment", hielt er sie zurück. "Wie heißt du eigentlich?"


    Sie grinste schelmisch und sagte: "Das verrate ich dir wenn wir uns wieder sehen."






    Hanna war an diesem Morgen völlig aus dem Häuschen, wegen des Ausflugs in den Wildpark.


    "Gibt´s da auch Löwen und Tiger?", fragte sie mit großen Augen als er in der Nähe des Kindergartens parkte.


    "Das glaube ich nicht, mein Schatz. Das ist nicht wie in einem Zoo. In einem Wildpark leben hauptsächlich einheimische Tiere. Aber auch da sind gefährliche drunter."


    Hanna riss die Augen in einer Mischung aus Angst und Aufregung auf.


    Er streichelte ihr durch das blonde Haar und beruhigte sie: "Die Gehege sind aber eingezäunt. Die können dir nichts tun."


    Die Kleine zog ihren "Einhorn"-Rucksack mit dem Pausenbrot, der Obstdose und der Trinkflasche auf den Rücken, dann rannte sie zu den anderen Kindern.

    Momentan schien es, als würde sie sich doch integrieren und Freunde finden.


    "Hab´ Spaß", rief er ihr noch nach und fuhr dann zur Arbeit.




    Nach seinem kurzen Arbeitstag stand er nun zu Hause vor der schweren Entscheidung: "Was ziehe ich nur an?". Eine simple "Jedermann"-Laufhose schien ihm zu profan, schließlich wollte er seine Chatfreundin beeindrucken. Andererseits war sein Fundus an aktueller Lycrakleidung begrenzt. Das meiste war viele Jahre alt und passte trotz Dehnbarkeit nicht mehr so gut. Eigentlich blieb nur noch eine Leggings über, die ehemals zu einem Wettkampfkostüm gehörte. Das war eigentlich mehr als er sich zutraute, denn als Laufhose für einen Mann war sie doch sehr auffällig. Die Grundfarbe war Blau und über die Oberschenkel bis zu den Knien zogen sich zwei breite, Diagonalstreifen. Der obere Rot, der untere Weiß. Diese Kombination an sich war nicht das Auffälligste. Es war der Wetlook, der das Beinkleid wirken ließ wie frisch lackiert.


    Er schlüpfte hinein und ... sie passte. Sogar wie angegossen. Selbst bei Kniebeugen rutschte sie nicht. Nun gut, entschied er, da musste er jetzt wohl durch. Was aber obenrum? Er besaß zwar auch noch einen alten Gymnastikbody, doch davon abgesehen dass er sich farblich etwas mit der Hose biss, fand er es auch zu viel des Guten. Die Leggings zogen ja bereits alle Aufmerksamkeit auf sich.

    Deshalb blieb es beim dunklen T-Shirt und darüber eine leichte Fleecejacke.

    Seine Laufschuhe waren noch genauso schmutzig wie das letzte Mal als er sie getragen hatte. Und auch das war Jahre her. Doch zum putzen bleib keine Zeit mehr. Etwas abbürsten und dann ab in den Park.


    Am vereinbarten Treffpunkt, unweit von dem zylindrischen Steinmausoleum für irgendeinen längst vergessenen Gönner der Stadt, lenkte ihn ein atemberaubender Anblick von der Schönheit des Stadtgartens ab. Etwas, das in unzähligen Grün und Blautönen schillerte wie eine Reptilienhaut, dehnte sich in den Strahlen der Mittagssonne am Geländer des künstlichen Sees. Das heißt, "Dehnen" war etwas gänzlich einfacheres. Das hier glich eher den Verrenkungen einer Kontorsionistin.


    "Da bist du ja", bemerkte sie als sie wieder aufrecht stand.


    "Ganz schön beeindruckend, deine Schlangendarbietung", lobte er.


    "Deine Tights aber auch. Hätte nicht geglaubt, dass du dich so ´raus traust."


    Er hüstelte verlegen: "Um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Aber ich fand nichts dezenteres. Und wenn ich deinen Ganzanzug so betrachte, dann wäre ich mit weniger auch underdressed gewesen."


    Die Schlangenfrau grinste sich eins und fragte: "Wollen wir los?"


    Dann trabte sie auch schon davon und er musste sich die ersten Meter sputen um wieder gleichauf mit ihr zu sein. Meter, auf denen er an sich halten musste um bei ihrer Rückansicht nicht frühzeitig außer Puste zu kommen. Bei jedem Schritt glänzte ihr Zentai in anderen Schattierungen und das Licht welches Regenbogenfarben über die Schuppen flutete setzte ihre Anatomie gekonnt in Szene.


    "Ich bin etwas außer Übung", gestand er ihr nachdem sie um den See herum waren und er bereits stärker schnaufen musste.


    Umgehend lief sie etwas langsamer. "Ich wollte dich nur etwas aus der Reserve locken. Normalerweise jogge ich auch langsamer."


    Was für ein durchtriebenes Biest, dachte er sich, fand sie aber trotzdem sympathisch.

    "Und", meinte er während sie den Hügel am Ostende des Parks hinauf trabten, "möchtest du mir heute deinen Namen verraten?"


    Sie sah ihn mehrere Schritte lang intensiv an. Anscheinend war es an ihm den Anfang zu machen.


    "Roland", sagte er nachdem sie weiterhin zögerte.


    "Saskia", gab sie endlich klein bei.


    Über eine große Schleife führte der Weg wieder hinab und man konnte verschiedene, floristisch angelegte Areale erkennen, die sich von den naturbelassenen weiter im Westen absetzten.


    "Du bist also Tanzpädagogin?", versuchte er ihr mehr zu entlocken.


    "Wie kommst du darauf?"


    "Dein Nickname im Forum."


    Sie machte eine verstehende Mine, meinte aber danach: "Nicht ganz."


    "Was heißt nicht ganz?"


    Sie mussten einem vom Sturm abgebrochenen Ast auf dem Weg ausweichen.


    "Ich hatte das ursprünglich mal vor, dann war es mir aber wirtschaftlich zu unsicher. Habe mich dann für das nächstbeste entschieden."


    "Das Wäre?"


    "Sportlehrerin."


    Sie schien auf eine bestimmte Reaktion seinerseits zu warten. Doch als die nicht kam fuhr sie fort: "Ja, ich kenne die Klischees, dass Sportlehrer nur deshalb den Job ergreifen, weil sie selbst für BWL zu blöd sind. Und außerdem, dass sie sich nur unter Ihresgleichen fortpflanzen."


    "He, ich hab´ ja gar nichts gesagt", verteidigte er sich. "Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen."


    Jetzt ging es über mehrere hölzerne Treppen hinauf über einen aufgeschütteten Damm und wieder hinab.


    "Und du?"


    "Ich arbeite im Planungsbüro einer Tiefbaufirma."


    "Dann bist du also für sinnfreie Straßenführungen verantwortlich?", neckte sie ihn.


    "Nur außerhalb von Städten."


    Es war irgendwie befreiend. Nicht nur die Bewegung in der Natur, auch mit jemandem gleichgesinnten in der Lieblingskleidung zu laufen. Und ehrlich gesagt, tat es ihm gut dass er mal wirkliche Freizeit hatte. Ohne Arbeit und auch ohne sich um Hanna sorgen zu müssen. Womöglich hatte die Sozialarbeiterin Recht gehabt, dass selbst er irgendwann an Grenzen stoßen würde. Aber wo sollte er eine Partnerin herbekommen?

    Sicher, Saskia war im bereits im Chat sympathisch und auch real verkörperte sie vieles von dem, was er sich vorstellen konnte. Doch sie kannten sich ja kaum. Und dass sie Zeit mit ihm verbringen wollte hieß ja noch lange nicht, dass sie gleich eine Familie gründen wollte.


    "Was ist?", bemerkte sie seine stille Nachdenklichkeit. "Grübelst du über etwas?"


    "Entschuldige, ich war gerade in Gedanken."


    "Über deine Tochter? Da brauchst du dir keine Sorgen machen. Ich kenne das von den Kindern mit denen ich sonst arbeite. wenn der Kindergarten einen großen Ausflug macht, geht es immer allen bestens."


    "Nein", erwiderte er, "das ist es nicht. Ich habe nur gerade erkannt was ich nicht so wahrhaben wollte. Nämlich dass das alleine erziehen sehr aufreibend sein kann. Ich glaube dass ich heute das erste Mal seit zweieinhalb Jahren so was wie "Zeit für mich" habe."


    Der weitere Weg passierte die große "Spielwiese", auf der Kinder Ball oder Fangen spielten. Und gleich daneben lag ein Spielplatz mit jeder Menge Gerätschaften. Helles Kindergeschrei bestimmte die Akustik.


    "Eigentlich hätte ich auch gerne ein Familienleben", meinte Saskia etwas wehmütig während beide im Laufschritt die Szenerie umrundeten. "Es ergab sich irgendwie nicht."


    Auch diese Aussage war recht persönlich. Roland hatte irgendwie selbst nach so kurzer Zeit eine tiefe Vertrautheit zu ihr. Lag vielleicht daran, dass sie vorher bereits einige Wochen gechattet hatten. Doch da schien mehr zu sein. Wie viel mehr, musste die Zukunft zeigen.


    So langsam kamen sie an ihren Ausgangspunkt zurück und beendeten das Lauftraining mit Lockerungsübungen.


    "Na, wie fühlst du dich?", fragte sie, während er noch beschäftigt war seinen Puls wieder runter zu bringen.


    "Ziemlich fertig ... aber ... hat gut getan. Können wir gerne wiederholen."


    "Aber nur unter der Bedingung, dass du wie heute stilecht gekleidet bist."


    Gemeinsames Lachen.


    "Und...", fügte sie etwas ernsthafter hinzu, "ich hätte auch nichts dagegen dich anderweitig zu treffen ..."


    Er schwieg und sah ihr in die Augen.


    "... natürlich nur, wenn ich dich damit nicht zu sehr überfalle", beeilte sie sich hinzu zu fügen.


    "Nein, ganz und gar nicht. Mir würde es auch gefallen dich wieder zu sehen. Ich weiß halt nur noch nicht wann und wie."


    "Das findet sich schon", sagte sie, bereits zum Abschied gewandt. "Wir bleiben ja über´s Forum in Kontakt."






    Als er eine Stunde später, geduscht und in "Zivilkleidung" vor der KiTa wartete, dachte er nochmal an den Nachmittag.

    Was für eine Frau. Was für eine Kleidung. Und was für ein Körper der da drin steckte. Und was für ein angenehmer und unkomplizierter Geist. Offen, ehrlich, nicht vordergründig oder eigennützig. Da passte wirklich alles. Doch er durfte sich da nicht zu sehr reinsteigern. Es galt im Hier und Jetzt den Alltag zu meistern.


    Kaum gedacht, fegte bereits sein kleiner Wirbelwind freudestrahlend um die Ecke. Selbst die Erzieherin quittierte seinen fragenden Blick mit einem wohlmeinenden Nicken. Also war alles bestens verlaufen.


    "Papa, Papa, das war so toll", begann sie und eine riesige Menge an aufgestauten Erlebnissen wollte erzählt werden, noch bevor sie zu Hause ankamen.


    "Ruhig, Mausezähnchen. Ich hör´ dir ja zu. Du kannst alles in Ruhe berichten."


    Doch Hanna war so im Redefluss, dass sie gar nicht stoppen konnte. "Da waren Rehe, die hatten ein Junges. Ganz klein. Die nennt man Kitz. Ist das so, wie die Erwachsenen manchmal zu Kindern sagen?"


    "So ähnlich", musste er über die durchaus zutreffende kindliche Logik schmunzeln.


    "Und Wildschweine mit riesen Zähnen, und, und, ein Stinktier, aber das hat gar nicht gestunken."


    Sie konnte sich kaum einkriegen und plapperte unentwegt weiter: "Das lustigste waren die Frettchen. Richtig süß. und auch die Waschbären...."


    In der Wohnung dann, wurde ein sorgsam in Toilettenpapier eingewickeltes "Kunstwerk" ausgepackt und Anerkennung suchend präsentiert. Es war ein Schiffchen aus einer Kiefernrinde, so wie er es als Kind auch gebastelt hatte und er war voll des Lobes dafür.

    "Das hat uns der "Wierförster" gezeigt. Wir durften alle was Basteln."


    Die Gruppe war also auch beim "Revierförster" zu Gast gewesen. Das Schiffchen war wirklich recht gelungen. In der Mitte des nach der Baumkontur gebogenen Rindenstücks steckte ein kleines Ästchen und daran wieder, war ein großes Kastanienblatt befestigt.


    "Das können wir ja morgen auf dem See im Park schwimmen lassen", sagte er bei der obligatorischen Freitag-Abend-Pizza. Zum Glück jubelte Hanna diesmal ohne eine Teigecke in den Fingern. Der Fleck von letztens war nämlich immer noch zu sehen.

    Man merkte ihr an, dass der Ausflug das Richtige für sie war. Sie so fröhlich zu sehen tat ihm gut, auch wenn sie noch den ganzen Abend aufgedreht davon erzählte.


    "... und in einem Gehege waren Bisons. Riieesige Tiere, aber ganz friedlich. Und Ein Wolfsrudel. Die sehen aus wie der Hund von Herrn Müller."

    Das war der Nachbar die Straße hoch. Dieser hatte einen Schäferhundmischling mit überwiegend grauem Fell.

    "Der Fuchs war nicht daheim. Die sagten, dass sie doch mich dort hinein setzen könnten, weil ich doch auch Fuchs heiße."


    Selbst beim Zähneputzen und Schlafanzug anziehen war sie noch nicht fertig. "Die Ziegen durften wir sogar füttern. Das hat gekitzelt. Und die Schafe waren ganz nackig. Die mussten ihre Wolle abgeben für Pullover zu stricken, aber die wächst wieder nach bis es kalt wird."


    Dann hieß es "Ab in die Falle", doch eine Frage trieb Hanna noch um: "Warum heißen Luchse eigentlich nicht Katzen? Die sind doch fast genauso."


    "Ein bisschen anders sehen die aber schon aus", antwortete er und ergänzte pädagogisch korrekt: "Womöglich sind es die Unterschiede zur Katze, die dem Luchs einen eigenen Namen einbrachten. Kennst du sie?"


    Die Aufzählung kam wie aus der Pistole geschossen: "Etwas größer, größere Pfoten und ein Stummelschwänzchen."


    "Und...?"


    "Und Pinsel an den Ohren."


    Als er seine Tochter zudeckte, musste unter lautem Gähnen noch ein letztes Erlebnis erzählt werden: "Da gibt es Tiere, die sind sowas wie Kühe, aber ganz anders. Die haben so lange zottelige Haare, dass sie gar nicht aus den Augen sehen können. Ich weiß nicht mehr genau wie die heißen, aber ich glaub´ es sind Kellerweg-Rinder."


    Verständlich, dass "Galloway" im Vokabular einer Vierjährigen noch nicht vorkommt.


    "Jetzt schlaf´ gut, mein Schatz. Morgen probieren wir dein Schiffchen aus."


    Er gab ihr noch einen Gute-Nacht-Kuss und die Kleine murmelte, schon fast im Schlaf: "Schade, dass Frau Zimmer nicht dabei war. Das hätte ihr bestimmt auch Spaß gemacht ..."




    Also war diese Fixierung auf ihre Turnlehrerin noch immer latent, dachte er als er sich wenig später im Chat anmeldete. Wer weiß, vielleicht konnte er ihr schon bald jemand anderes vorstellen.

    Aber das war noch Zukunftsmusik. Reine Spekulation. Sie hatten sich ja erst zweimal getroffen.


    EnPointe_32: "Was ist los, Füchslein. Schläfst du schon?"


    Lycrafux: "Sorry, war grad in Gedanken. Außerdem bin ich ganz schön müde."


    EnPointe_32: "Bist wohl das Joggen nicht gewöhnt, was?"


    Lycrafux: "Das kannst du laut sagen. Dazu hatte meine Tochter noch jede Menge vom Ausflug in den Wildpark zu erzählen."


    EnPointe_32: "Ist ein bevorzugtes Ziel der Kindergärten. Da können sich die Kleinen richtig austoben und lernen auch noch was dabei. (Und vor allem, laufen dort keine Jogger in Wetlook-Leggings herum ;-))


    Er schmunzelte. Offenbar hatte sein Beinkleid ganz schön Eindruck auf sie gemacht.


    Lycrafux: "Was hast du gerade an?"


    EnPointe_32: "Wird das jetzt so ein X-Talk-Ding?"


    Lycrafux: "Nein, ich meinte hast du was aus Lycra an?"


    EnPointe_32: "Du Schwerenöter. Wenn du mich jetzt sehen könntest, würde dir das Wasser im Mund zusammenlaufen."


    LycraFux: "Der Speichelfluss hat bereits eingesetzt."


    EnPointe_21: "Na dann. Eine violette Steghose mit normalem Glanzgrad."


    LycraFux: "Das ist etwas zu wenig um mich richtig heiß zu machen."


    EnPointe_32: "Moment, es geht noch weiter. Darunter trage ich eine dunkelgraue Feinstrumpfhose."


    So wollte sie also das Spiel spielen. Stück für Stück. Da musste er sich wohl in Geduld üben.


    LycraFux: "Und...?"


    EnPointe_32: "Darüber einen Gymnastikbody."


    Pause


    EnPointe_32: "Langärmelig."


    Pause


    EnPointe_32: "Hochgeschlossen."


    LycraFux: "Glänzend oder Matt?"


    EnPointe_32: "Wetlook."


    Jetzt wurde ihm aber doch warm.


    LycraFux: "Farbe?"


    EnPointe_32: "An den Ärmeln und bis zum Stehkragen Hellblau. Dann stufenlos dunkler bis zu Dunkelblau im Schritt. Dazu noch ein dezentes Muster aus versetzt angeordneten, weißen Vierecken. Wenige im Hellen Teil und immer mehr zum dunkleren hin.


    LycraFux: "Das ist aber Blöd."


    EnPointe_32: "Was soll bitteschön daran blöd sein?"


    LycraFux: "Na, dass wir kein Skype mit HD-Kamera haben."


    EnPointe_32: "Big Grin!"


    Pause


    EnPointe_32: "Und du?"


    LycraFux: "Ich musste mich mit schnöden, schwarzen Radlern begnügen. Leider schon ziemlich abgetragen. Ich brauch´ unbedingt neue Sachen."


    EnPointe_32: Dann nehm´ ich dich demnächst mal mit zu meinem Lieblingshändler. Es wird sich doch was finden lassen um deinen Knackarsch in Szene zu setzen."

    Diesen Abend ging sie mehr aus sich heraus als bisher. Bestimmt hatte das gemeinsame Laufen ihre Scheu gemildert.


    EnPointe_32: "Was ist los? Ist es dir nicht recht, dass ich so direkt bin?"


    LycraFux: "Nein, nein. Im Gegenteil. Es ist nur etwas ungewohnt, aber ich finde es gut."


    EnPointe_32: "Weißt du, normalerweise bin ich nicht so. Auf jeden Fall zurückhaltender. Aber ... ach ich weiß auch nicht. Seit ich dich getroffen habe, fühle ich mich sehr zu dir hingezogen. Wie gesagt, normalerweise bin ich eher reserviert und du bist auch die erste Chatbekanntschaft, die ich Real getroffen habe. Ich meine halt zu spüren, dass wir auf der gleichen Wellenlänge funken."


    Das war jetzt ja mal relativ ausführlich.


    LycraFux: "So verkehrt liegst du da gar nicht. Auch ich denke intensiv an dich. Mehr als es für eine kurze Bekanntschaft normal wäre. Du musst mich für schüchtern halten, weil ich dir das was ich jetzt schreibe heute Mittag noch nicht direkt sagen wollte."

    EnPointe_32: "Ich denke mir geht´s ähnlich. Aber... keine Ahnung, aber vielleicht... braucht dich deine Tochter gar nicht mehr mit ihrer Kindergartentante zu verkuppeln."

    Am liebsten glatt und glänzend!

    Edited once, last by lycwolf: Namenskonflikt "Zimmer" vs. "Winter" bereinigt (s. Kommentar niki) ().

  • Liest sich wunderbar, lieber lycwolf. Die beiden sind füreinander gemacht und ergänzen sich bestimmt gut. Und Hanna bekommt vielleicht bald wieder einen weiblichen Teil an der Seite ihres Vaters, auch wenn sich dieser rührend um sie kümmert.


    Das Problem bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern... Die Kinder tun mir immer etwas leid, weil ihnen ein Teil fehlt und sie die andere Seite nicht so gut kennengelernt haben. Sie sind dann eher von der Seite geprägt, von der sie erzogen wurden.


    Übrigens hat mich Deine Geschichte irgendwie unterbewusst beeinflusst, so dass sich ohne Absicht plötzlich der Name "Hanna" in meine Geschichte "Ein tierisches Paar" eingeschlichen hat.

  • Liebe Leser,

    vielen Dank für die wohlmeinenden Kommentare.

    niki Kein Problem, dass der Name Hanna plötzlich bei dir vorkommt. Derzeit arbeite ich an einer umfangreichen Story, in der ganz am Rande ein "Peter" einen Song eines gewissen "Niki" über Lycra singt ;)

    Dann will ich euch auch nicht mehr länger auf die Auflösung warten lassen.





    Seit dem Chat gestern Abend war er etwas neben der Spur. Selbst Hanna musste immer wieder um seine Aufmerksamkeit anhalten, als sie am See im Park waren um ihr Rindenschiffchen schwimmen zu lassen.


    "Guck mal, der Wind treibt es weiter weg", machte sie ihn auf die hervorragende Seetüchtigkeit aufmerksam, während er verstohlen in der Gegend umher blickte. Warum er das tat, wollte er sich nicht eingestehen. Doch es gab nur eine Antwort. Er suchte nach einer Joggerin in aufreizend figurformender Lycrakleidung.


    "Ja Mausezähnchen", kehrte er in die Gegenwart zurück und zog an der dünnen Kordel, die er in weiser Voraussicht an Hannas Kunstwerk angebracht hatte, damit es wieder näher ans Ufer kam.


    Eigentlich war er richtig stolz auf seine Tochter und damit natürlich auch auf seine Erziehung. Mochten die vom Jugendamt doch sagen was sie wollten. Jedenfalls interessierte sie sich für die Natur, war kreativ und bewegte sich gerne und ausgiebig. Und das alles auch gerne im Freien. Eigenschaften die heutzutage selten sind.


    Der Tag verlief ausgelassen, mit viel von dem was man neudeutsch "Quality-Time" zu nennen pflegte. Doch nachmittags auf dem Spielplatz wurde Hanna wieder von der Sehnsucht eingeholt, als die anderen Kinder von ihren Müttern beim "Kuchen backen" in der Sandgrube "unterrichtet" wurden.


    "Ich will nach Hause", forderte sie trotzig und ergänzte als sie bereits auf dem Weg waren: "Soll ich nicht doch mal Frau Zimmer fragen, ob sie sich mit dir treffen möchte?"


    Das wurde jetzt so langsam zu einer Manie und er kam nicht umhin die Kleine mal etwas intensiver ins Gebet zu nehmen.

    "Hanna", sagte er, bückte sich hinunter und hielt sie fest an den Schultern. "Bitte lass das. Ich möchte das nicht und Frau Zimmer ist sowas bestimmt auch sehr unangenehm."


    "Warum denn?"


    "Ich hab´ dir doch schon mal erklärt, dass Erwachsene die Dinge etwas anders sehen als Kinder. Bestimmt mag sie nicht dass du sie dazu drängst jemanden für sie Fremden zu treffen."


    "Was könnte sie dagegen haben? Vielleicht musst du sie auch nur mal sehen. Wenn du mich mal früher abholst, wenn sie noch da ist ..."


    Er musste tief Luft holen. So langsam gingen ihm die Argumente gegen die simple Logik aus: "Stell´ dir vor, Frau Zimmer hat schon jemand anderen kennen gelernt und will mich deshalb überhaupt nicht treffen."


    "Hat sie nicht. Hab´ sie schon gefragt", gab sie trocken zurück.


    Er fürchtete auf irgendeine Weise jetzt die "Autoritätskarte" ausspielen zu müssen, auch wenn ihm das widerstrebte.


    "Hanna, hör mir gut zu. Ich möchte nicht, dass du Frau Zimmer belästigst. Das ist falsch und gehört sich nicht!"


    Diese Worte aus seinem eigenen Mund zu hören, gab ihm einen Stich. Doch irgendwie musste er Grenzen aufzeigen. Und natürlich schmollte Hanna den restlichen Abend mit ihm. Nicht einmal ein Besuch beim Lieblings-Eisdealer mochte sie wieder gütlich stimmen. Er musste wohl akzeptieren, dass der Segen über ihrer Kleinfamilie jetzt ein Weilchen schräg hing.






    Er zwängte sich in seinen alten Wettkampfanzug, nachdem er Hanna, die noch immer schmollte, zu Bett gebracht hatte. Dieser Anzug war ein "Herrenmodell", was ihn jedoch kaum von gängigen Gymnastikbodies unterschied. Lediglich die Gestaltung am Hals, die letztlich eher Unterhemdträgern glich, war anders. Der Schrittbereich war im Grunde gleich, nur dass man ihn in der Regel nicht sah, da eine Turnhose darüber getragen würde. Doch eigentlich war gerade dieser Part das Angenehme. Nämlich die straffe Verpackung jenes Bereichs, welcher seine Geschlechtszugehörigkeit am augenscheinlichsten definierte.

    Der Anzug war schlicht Weiß mit lediglich zwei roten Querstreifen, die um Brust und Rücken liefen. An einer Seite klaffte die Naht schon einen Zentimeter auf.


    EnPointe_32: "Hast du einen schlechten Tag gehabt? Du wirkst irgendwie... wie soll ich sagen... mürrisch."


    Obwohl er sich größte Mühe gab im Chat mit ihr "normal" zu erscheinen, hatte sie bemerkt dass ihn etwas umtrieb.


    LycraFux: "Entschuldige, ich möchte meine schlechte Laune nicht an dir auslassen. Du kannst da absolut nichts für."


    EnPointe_32: "Was ist vorgefallen?"


    LycraFux: "Ach, meine Tochter wollte mich wieder mit ihrer Lehrerin verkuppeln und ich war gezwungen den "Erwachsenenbonus" einzusetzen um es ihr auszureden. Jetzt ist sie natürlich sauer und versteht die Welt nicht mehr."


    EnPointe_32: "Aber das ist doch normal, dass nicht immer alles eitel Sonnenschein ist."


    LycraFux: "Ja schon, aber ich mache mir halt Vorwürfe ob ich richtig gehandelt habe. Sie ist ganz schön stinkig."


    EnPointe_32: "Mach dir da nicht so viel Gedanken. Kinder vergessen sowas sehr schnell. Außerdem solltest du sie nicht so sehr verhätscheln."


    LycraFux: "Ich hoffe du behältst Recht. Lass uns von was angenehmeren reden."


    EnPointe_32: "Dann rede! Hast du was aus Lycra an?"


    Er beschrieb ihr in allen Details seinen altersschwachen Gymnastikbody und obwohl er es nicht sehen konnte, war er überzeugt dass sie mitleidig seufzte.


    LycraFux: "Also, wann gehen wir Einkaufen?"


    EnPointe_32: "Normalerweise würde ich sagen umgehend. Was du da beschreibst klingt ja schon nach einem Notfall. Aber ich hätte da auch noch einen anderen Vorschlag."


    LycraFux: "Und der wäre?"


    EnPointe_32: "So wie ich dich einschätze wirst du zwar erst mal schlucken, mir dann aber bestimmt Recht geben."


    Ihm war klar, dass sie nicht umsonst so eine lange Einleitung vorschob. Ungeduldig tippte er:

    LycraFux: "Na dann sag´ schon."


    EnPointe_32: "Wir könnten uns am Samstag treffen."


    LycraFux: "Nichts dagegen, aber deswegen hättest du nicht so einen Aufwand machen müssen."


    EnPointe_32: "Nein, ... ich meinte ... dass wir drei uns treffen. Du, deine Tochter und ich."


    Sie kannte ihn schon ziemlich gut. Er musste tatsächlich schlucken. Und genauso wie vorhergesagt, fand er kurz darauf die Idee bestens. Wozu warten? Entweder es läuft gut oder ... eben nicht. Eine Woche länger wird daran nichts ändern.


    LycraFux: "Einverstanden. Wie wär´s am alten Trimmdich-Pfad hinter dem Stadtpark. Hanna mag die wackligen Balance-Spiele und für´s ´rumtollen kann ich sie immer begeistern.


    EnPointe_32: "OK dann. Falls was dazwischen kommen sollte, sind wir ja in Kontakt. Mach´s gut bis demnächst!"


    LycraFux: "Du auch. Und eine gute Nacht."


    Eine gute Nacht hatte auch er. Und sein Gymnastikanzug, ganz gleich wie altersschwach er war, leistete ihm entspannende Dienste dabei.






    Dienstag war das gemeinsame Gespräch beim Jugendamt. Die Sachbearbeiterin sprach zuerst alleine mit Hanna, dann durfte diese sich im Vorzimmer mit den Buntstiften auseinandersetzen, während ihr Vater hereingebeten wurde.


    "Und", fragte er aufgeregt, "was macht sie für einen Eindruck auf Sie?"


    "Insgesamt, Herr Fuchs, ist eine geringe Besserung festzustellen. Ich empfand Hanna um einiges offener als noch vor sechs Wochen."


    "Sehen Sie", gab er hinzu. "Ich sagte doch, wir brauchen nur ein bisschen Zeit ..."


    "Nicht so schnell", mischte sich die Fallbearbeiterin wieder ein bevor er zu euphorisch wurde. "Hannas hauptsächliche Aktivität dreht sich immer noch um die Fixierung auf ihre Sportpädagogin im Kindergarten."


    Gebremst, fast schon niedergeschlagen gab er zu: "Ja, ich weiß. Am Wochenende hatte ich ein ernstes Gespräch darüber mit ihr. Das brachte mir Zwei Tage angeschmollt werden ein."


    "Und das ist ein Punkt um den wir uns noch kümmern müssen ..."


    "Ich habe auch schon eine Idee, wie ich sie davon abbringen könnte ..."


    "Ihre Fürsorge in allen Ehren, Herr Fuchs, aber stellen Sie sich das mal nicht so leicht vor. Ihre Tochter ist derzeit in einem sehr labilen Gleichgewicht. Da kann die Stimmung schnell umschlagen."


    Er blickte etwas gereizt, worauf sein Gegenüber sich beeilte die Wogen nicht zu hoch schwappen zu lassen: "Keine Angst. Wir haben entschieden vorerst keine weiteren Maßnahmen zu ergreifen. Allerdings müssen wir in sechs Wochen noch einmal einen Beurteilungstermin ansetzen."


    Das erleichterte ihn.


    "Ich kann ihnen nur nochmal die psychologische Betreuung für Hanna anbieten. Nur einmal die Woche und es kann bestimmt nicht schaden."


    "Müssen wir das Angebot annehmen?", fragte er ungeduldig.


    "Nein. Zum jetzigen Zeitpunkt nicht, aber ich halte es dennoch für sinnvoll."


    "Dann möchte ich es gerne erst noch weiter selbst versuchen", beendete er das für ihn unangenehme Gespräch. Es genügte ihm weitere sechs Wochen unter Beobachtung zu stehen.






    "Kannst du mich nicht einmal früher anholen", jammerte die kleine Zahnlücke schon wieder, als er sie am folgenden Tag in die KiTa brachte.


    "Hanna", musste er ihr wieder scharf ins Gewissen reden, "ich habe dir doch gesagt, hör auf damit!"


    Seine Tochter begann zu schluchzen: "Och, menno!"


    Tränen aus Mädchenaugen waren schon immer ein Weichmacher, dem er sich nicht verschleißen konnte. Also musste er sie noch mal in den Arm nehmen.


    "Mein Schatz ich weiß doch, dass du es gut meinst. Und du hast ja auch nicht unrecht. Auch ich hätte gerne jemand an unserer Seite. Aber einfach jemand Fremdes dazu einzuspannen, nur weil es einem gut in den Kram passt, gehört sich nicht."


    Die trocknenden Äuglein unter dem blonden Haar drückten Unverständnis aus.


    "Schau, vielleicht ergibt sich ja schon bald eine andere Gelegenheit. Deshalb hör´ bitte auf diese Frau Zimmer zu belästigen. Und jetzt ab mit dir!"


    Sie sah nicht sehr überzeugt aus, aber er konnte ja nicht ständig um sie herum glucken. Zumindest könnte ja das Treffen nächstes Wochenende neue Eindrücke in ihre Vorstellungswelt bringen.






    Der Anruf erreichte ihn Donnerstag, gegen 14:00 Uhr im Planungsbüro.


    "Herr Fuchs, hier ist die Leiterin der KiTa. Hanna hat sich beim Turnen leicht verletzt. Eigentlich nichts nennenswertes, aber sie jammert ständig dass sie von Ihnen abgeholt werden möchte."


    "Hat sie etwas gebrochen, oder verstaucht?"


    "Nein, nein. Wie gesagt, eigentlich hat sie sich gar nicht großartig verletzt. Eher erschreckt. Wenn sie mich fragen, mehr etwas psychisches. Vielleicht geht es nur um Trost den von uns keiner spenden kann."


    "Ich komme vorbei, muss hier nur noch was fertig machen."


    "Keine Eile. Wie gesagt, eigentlich geht es ihr gut."


    Schnell hatte er seinen Kollegen instruiert seine Arbeit für heute zu übernehmen, dann war er auch schon auf dem Weg. Sein Glück, auf so verständnisvolle Mitarbeiter bauen zu können.

    In der Mittagszeit war es schwieriger hier einen Parkplatz zu finden. Er konnte sich schon denken woher der Wind wehte. Wenn diese kleine Gewalt sich mal was in den Kopf gesetzt hatte, fand sie auch immer einen Weg es durchzusetzen. Trotz allem musste er schmunzeln. Diese Sturheit hatte sie wohl von ihrem Vater geerbt.

    Doch heute musste er mal ein Machtwort sprechen. Vor allem musste er sich bei dieser Frau Zimmer entschuldigen.


    "Papa, Papa", kam sie aus dem Krankenzimmer gerannt als sie ihn mit der KiTa-Leiterin sprechen hörte.


    "Na dir geht´s ja plötzlich schon viel besser, wie ich sehe", stellte die Erzieherin in strengem Ton fest.


    Und schon rieb sich die kleine Lügnerin das Knie durch die Gymnastikhose, die sie noch vom Turnen anhatte.

    "Tut immer noch doll weh!"


    Die beiden Erwachsenen grinsten sich wohlwissend an und er fragte die Leiterin: "Könnte ich auch mit der Sportlehrerin sprechen? Ich glaube ich muss da mal einiges gerade biegen."


    "Gerne. Sie ist noch mit den anderen bei der Turnstunde. Ich hole sie."


    Er setzte seine Tochter auf die Behandlungspritsche, bewegte ihr mutmaßlich verletztes Bein und fragte: "Was genau ist denn passiert?"


    "Ich bin an der Sprossenwand abgerutscht und hingefallen."


    Verdächtig war, dass sie ihm dabei nicht wie sonst in die Augen schaute. Er betastete das Gelenk und zumindest die Bewegungsfähigkeit war nicht beeinträchtigt. Er vermutete, dass sie sich allenfalls einen blauen Fleck eingehandelt hatte, aber diese Situation geschickt ausnutzte um ihn hierher zu locken.


    "Mausezähnchen, jetzt mal ehrlich", redete er ihr uns Gewissen. "So schlimm dass ich herkommen musste war´s doch gar nicht, oder?"


    Sie sagte nichts und schaute nur betreten zu Boden. Dann murmelte sie leise. "Ich wollte doch nur, dass du mal Frau Zimmer kennen lernst. Die ist lieb und gefällt dir bestimmt."


    Ihm wurde klar, dass er in dieser Angelegenheit versagt hatte. Es ihr nicht hatte ausreden können. Jetzt musste das Thema endgültig geklärt werden.


    "Mein Schatz, wir müssen uns jetzt zusammen bei Frau Zimmer entschuldigen, dafür dass du sie ständig mit mir zusammenbringen möchtest."


    Hanna schämte sich, aber irgendwann musste sie ja mal lernen, dass das hier Unrecht war.

    Vom Gang der Turnhalle her, hörte er die beiden Frauen zurück kommen. Ein Mobiltelefon klingelte und während er Hannas Tränen mit einem Papiertaschentuch trocknete, vernahm er wie die Leiterin auf das Arztzimmer verwies und die Trainerin alleine herschickte.


    Die junge Frau in dem glänzend schwarzen Ganzanzug mit rundem Halsausschnitt, kurzen Armen und Fußstegen sah zunächst nur ihre Schülerin und kniete sich mit katzenartiger Eleganz zu ihr.


    "Na Mäuschen, alles wieder in Ordnung?", fragte sie und rieb über das vermeintlich verletzte Knie.


    Hanna schluchzte immer noch und blickte sie schüchtern an.


    "Frau Zimmer ...", begann sie mit ihrer Beichte. "... ich habe nicht die Wahrheit gesagt."


    Die kniende Pädagogin schüttelte kurz den Kopf, was ihren Pferdeschweif über ihren muskulösen Lycrarücken wippen ließ.


    "Ja", fuhr Hanna fort. "Es war gar nicht so schlimm. ich wollte nur ... dass Sie ... meinen Papa kennen lernen."


    Noch immer den Blick auf Hanna gerichtet, stand sie auf und streckte ihm bereits die Hand entgegen, noch bevor sie ihn ansah.

    Ihn hingegen traf fast der Schlag, als er endlich das Gesicht zu diesem formidablen Lycrakörper sah.

    "Hallo Herr ...", auch Frau Zimmer sah jetzt klar, was ihr ebenfalls den Wind aus den Segeln nahm.

    Mechanisch führte ihre Stimme fort, was ihr Gehirn längst angebrochen hatte: "... Herr ... Herr Roland Fuchs? Ich bin die ... Sportpädagogin ... Saskia ... Zimmer."

    Am liebsten glatt und glänzend!

    Edited once, last by lycwolf: Namenskonflikt "Zimmer" / "Winter" korrigiert (s. Kommentar niki) ().

  • Bravo! Bravo!


    Eine sehr anrührende Geschichte, mit viel Herz. Das mag ich. Danke Lycwolf!


    Ich an deiner Stelle hätte noch ein wenig weiter geschrieben. Zum Beispiel, wie Saskia und Roland versuchen, einen klaren Gedanken zu fassen. Und wie irritiert die kleine Hanna anfangs auf die zwei Erwachsenen reagiert. Wie Hannas Stimmung zu großer Freude umschlagt, wenn Frau Winter die Kleine um Erlaubnis bittet, ihre neue Mutter sein zu dürfen. Und wie Hanna danach triumphierend sagt: "Papa, das habe ich dir ja die ganze Zeit schon gesagt, du musst Frau Winter kennenlernen."


    Sehr schön!


    Eine winzig kleine Randbemerkung bloß: Den Begriff "Quality-Time" kenne ich nicht.

  • Beide Daumen hoch lycwolf! Die Geschichte war wieder einmal sehr unterhaltsam und kurzweilig. Ein Happy End, aber mit offenem Ende. Das Schöne an guten Geschichten, die einem bis zum Schluss fesseln, ist, dass man sich selber ausmalen kann, wie die Geschichte weitergehen könnte. Leider gibt es in unserer Welt Geschichten mit Happy End leider viel zu wenig (außer in Filmen und Büchern) und oft meint es das Schicksal nicht so gut. Vielleicht gibt es aber auch keine Zufälle in unserem Leben, und alles passiert aus einem bestimmten Grund.


    Noch eine Frage: Bist Du von Frau Zimmer (1. und 2. Teil) zu Frau Winter (3. und 4. Teil) gewechselt? Ich stehe gerade auf dem Schlauch.

  • Zunächst mal vielen Dank dafür, dass sogar diese "Sozialstudie" angenommen wurde. (Ist ja wenig direktes Lycra dabei)


    niki

    Autsch. da hast du einen Fehler entdeckt. Irgendwann wurde aus Winter Zimmer und ich habe das anscheinend nicht konsequent umgesetzt.

    Ich bitte tausendmal um Entschuldigung (ich ärgere mich gerade maßlos über mich, da ich ja bekanntermaßen ein Pedant bin).

    Dieses sehr abrupte, offene Ende war so beabsichtigt um der Phantasie des Lesers viele Möglichkeiten zu bieten.


    Desi

    Ich wusste dass dir als Harmoniemensch diese Happy-End-Geschichte gefällt. Und das wahrscheinlichste dürfte die von dir meisterlich beschriebene Weiterführung sein.

    Andererseits habe ich ja bewusst das Ende weit offen gelassen und so sind auch andere Entwicklungen denkbar. (Ist halt was für´s Kopfkino)

    "Quality-Time" ist so eine der Anglizismen die unsere Sprachwelt infiltrieren. Vor allem Amerikaner verwenden den Ausdruck um Zeit miteinander zu beschreiben, die möglichst hochwertig ausgenutzt wird. Also wenn man schon nur wenig Zeit miteinander verbringt, unternimmt man was zusammen anstatt rumzusitzen und auf´s Smartphone zu schauen. Vielleicht ist der Begriff bei mir in der Pfalz verbreiteter, da es hier noch sehr viele Amerikaner gibt.

  • Ich wusste dass dir als Harmoniemensch diese Happy-End-Geschichte gefällt. Und das wahrscheinlichste dürfte die von dir meisterlich beschriebene Weiterführung sein.

    Andererseits habe ich ja bewusst das Ende weit offen gelassen und so sind auch andere Entwicklungen denkbar. (Ist halt was für´s Kopfkino)

    "Quality-Time" ist so eine der Anglizismen die unsere Sprachwelt infiltrieren. Vor allem Amerikaner verwenden den Ausdruck um Zeit miteinander zu beschreiben, die möglichst hochwertig ausgenutzt wird. Also wenn man schon nur wenig Zeit miteinander verbringt, unternimmt man was zusammen anstatt rumzusitzen und auf´s Smartphone zu schauen. Vielleicht ist der Begriff bei mir in der Pfalz verbreiteter, da es hier noch sehr viele Amerikaner gibt.

    ich habe deine Geschichte sehr genossen.

    Sie wäre auch in Nereidas Sinne gewesen.

    :-)